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Monday Listen: Flo Perlin – „Characters“


Flo Perlin hat den halben Globus bereist und dabei nahezu unweigerlich massig Eindrücke gesammelt, die nun ihr zweites Album „Characters“ ausmachen – stetig auf der Suche nach den besonderen Charakteren um sich herum wie in sich selbst. Sie ist im Nahen Osten, in den US of A, in Europa und Asien unterwegs gewesen, hat die Spuren ihrer jüdisch-irakischen Familie bis nach Myanmar verfolgt, wo sie zudem als buddhistische Nonne ordiniert wurde. Doch trotz all des immerwährenden Fernwehs ist der Nachfolger zum 2017 erschienenen „Cocooned“ ebenso das Ergebnis von Stillstand und innerer Einkehr – eine Bestandsaufnahme, nachdem 2015 bei ihr eine Autoimmunkrankheit diagnostiziert wurde und sie eine Zeit lang in Krankenhäusern ein- und ausging. Wie auch der Erstling ist „Characters“ ein Kokon meditativer Introspektion, der die Zuhörer in diese acht Stücke und in Perlins fast schon honigsüßen Gesang einhüllt.

Im Eröffnungsstück „Slowly Unfold“ schildert die Singer/Songwriterin ihre persönliche Reise hinein in die Selbstreflexion. Sie erzählt von einer Frau, die versucht, sich selbst durch ihre Kreativität zu verstehen, wenn sie singt: „She had her father’s hand / She wrote so she could understand“. Zudem beschreibt die Entfaltung, die erst dann möglich scheint, wenn das Unbewusste die Flucht ergreift. Perlins ebenso subtile wie melodiöse Stimme, welche manch eine(n) durchaus an die großartige Ane Brun denken lassen wird, ist eine durch sonnenbeschienenes Laub rauschende Brise, ist Ton und Klang gewordener Wasserfluss – sie zieht an, taucht ein und übertönt alles um sie herum. Das spärliche Arrangement ihrer sanft angeschlagenen Gitarre wird von einem dezent eingewobenem Bett aus Streichern unterstützt, aus dem sich immer wieder eine Geige Bahn bricht.

Aller feinsinnigen Instrumentierung zum Trotz – nichts an diesen Songs scheint zu viel, scheint überflüssig. Der Gesang der in London beheimateten Singer/Songwriterin, die seit ihrem fünften Lebensjahr auch Cello spielt, atmet frei durch das jazzige Folk-Arrangement von „Hold Up Your Head Child“, welches zudem mit subtiler Basslinie und den Bossa-Nova-beeinflussten Gitarrenrhythmen zu überzeugen weiß. Der Song entstand nach einem erneuten Aufflackern der Autoimmunkrankheit, die Perlin glauben ließ, dass sie wohlmöglich für immer mit chronischen Schmerzen zu kämpfen haben würde. Als sie sich davon erholt hatte, schrieb sie dieses Stück – um sich daran zu erinnern, nie gänzlich die Hoffnung zu verlieren: “Hold up your head, child / This will pass”.

„Baghdad“ wiederum zieht den Hörer mit seinem wehmütig-nostalgischen Intro aus Streichern und Gitarre schnell in seinen Bann. “She took a spade / She’s digging away / Through the sand with the hope / That she’ll find a new land”, singt Perlin über ihre Großmutter. Der wunderbar melancholische Song scheint durch und durch in Sehnsucht getränkt – Sehnsucht nach einem Zuhause, nach Wurzeln, nach einem vergangenen, gelebten und – zumindest zum Teil – erdachten Leben. Die Zeilen des Liedes geraten gleichsam bezaubernd und herzzerreißend, während Perlin tiefer in ihre Familiengeschichte eintaucht und einmal mehr ihre Großmutter beschreibt: “She couldn’t bear / The taste of mum’s tea / It runs through the roots of her / Family tree”.

„Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen“, meinte einst der französische Staatsmann Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord. Dieses Zitat könnte wohlmöglich auch Perlin im Hinterkopf gehabt haben, die im darauffolgenden „Words“ singt: „Scream with your eyes / But your words can’t get through“, wobei sie auf ihre Weise die naturgemäße, höchst subjektive Unvollkommenheit von Worten hervorhebt und darauf hinweist, wie oft ebenjene zu kurz greifen. Nicht eben unsympathisch, dass sie sich selbst den ein oder anderen Fehler eingesteht, von dem wohl die meisten von uns ab und an heimgesucht werden: “Sometimes I listen / But sometimes I don’t”, gibt sie zu, oder: “Sometimes I talk / Though I don’t understand”.

„Blue Is The Colour“ ist ein Stück über den Wunsch nach Nähe und über die Beziehungen, die uns alle in irgendeiner Form prägen – sei es zu anderen Menschen, zur Natur oder schlicht zu uns selbst. Perlin meditiert darüber, wie man geben kann, ohne dass einem zu viel genommen wird, und verwendet das sprachliche Bild wachsender Wurzeln, um zudem sowohl auf die Identität als auch auf unsere Abkopplung von der Natur hinzuweisen: “I gave my roots to the people / But they took them from me”, wie sie singt. Streicher unterstützen gen Ende ihr sanftes Summen und treiben den Song plötzlich mit einer melodischen Hook vorwärts, die den Hörer eine nahende instrumentale Explosion vermuten lässt. Stattdessen klingt der Song sanft aus und macht Lust auf mehr.

Das abschließende „Move Through The Waves“ unterscheidet sich deutlich von allem anderen auf dem gut halbstündigen Album. Es ist das einzige Stück, in dem Perlin Klavier spielt – jenes Instrument, auf dem sie einst mit dem Schreiben von Musik begann. Zwar kommt auch dieser Song nicht aus der nachdenklichen Kaminecke hervor, macht es sich dort jedoch zu einem entspannten, jazzigen Beat, der an Lianne La Havas erinnert, gemütlich. „Simplify the outside“, wiederholt Perlin wie ein Mantra. Und: Mit „Move Through The Waves“ versucht die Musikerin, die verschiedenen Charaktere in sich selbst noch einmal unter einen Hut zu bringen, indem sie nach innen schaut, um alles Äußere zu vereinfachen. Es scheint beinahe, als sei der Song auch ein Versuch der Versöhnung der verschiedenen musikalischen Stimmen tief in Flo Perlin – er stellt ihre Vielseitigkeit als Songwriterin unter Beweis, ohne ihren Kern aus den Augen zu verlieren. „Let the silence give you space“, singt Perlin immer wieder. Wenn die Musik schließlich ihr Ende findet, scheint die Stille mit einem Mal ein klein wenig erträglicher – und vielleicht ist das das Geschenk, das Flo Perlin ihren Zuhörern macht: Gelassenheit in der Einsamkeit, Leichtigkeit im Unbehagen zu finden.

Rock and Roll.

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Der Taktgeber der Rolling Stones – Charlie Watts ist tot.


Fast sechs Jahrzehnte saß er bei den Rolling Stones am Schlagzeug. Zwei Monate nach seinem 80. Geburtstag ist Charlie Watts – trotz des stolzen Alters etwas überraschend – heute gestorben.

Gerade erst hatte sich der taktgebende Elder Statesman des Rock’n’Roll gedanklich mit dem Ruhestand beschäftigt. „Ich weiß nicht, was die anderen denken, aber mich würde es nicht stören, wenn die Rolling Stones sagen würden, dass es das jetzt war“, sagte der Schlagzeuger anlässlich seines 80. Geburtstags im Juni diesen Jahres dem englischen „Guardian“. Allerdings, so räumte er ein, wisse er gar nicht, was er machen würde, wenn wirklich alles zu Ende sei.

So abrupt hatte sich der Schlagzeuger sein Ende bei den Rolling Stones jedoch keineswegs vorgestellt: Am 24. August 2021 ist Charlie Watts in einem Londoner Krankenhaus im Kreis seiner Familie gestorben. „Charlie war ein geschätzter Ehemann, Vater und Großvater und als Mitglied der Rolling Stones auch einer der größten Schlagzeuger seiner Generation“, teilte ein Sprecher mit.

Fast sechszig Jahre gab er bei einer der größten, erfolgreichsten und populärsten Bands der Musikgeschichte den Takt vor, war wohlmöglich sogar ihr Motor. Freilich mag dies recht hypothetisch sein, trotzdem lässt sich ohne einen Funken britischem Understatement behaupten, dass es die Rolling Stones ohne ihn wahrscheinlich schon längst nicht mehr gegeben hätte, schließlich gelang es ihm mit diplomatischem Fingerspitzengefühl im Laufe der Jahrzehnte immer wieder, die aufbrausenden Streithähne Mick Jagger und Keith Richards zur Räson zu bringen.

Charles Robert „Charlie“ Watts erblickte am 2. Juni 1941 in Kingsbury das Licht der Welt, einem heutigen Stadtteil im Norden Londons. Der Sohn eines Lastwagenfahrers studierte, nachdem er schon früh seine Liebe zu Jazz und Blues entdeckte und sich aus einem alten Banjo sein erstes Schlagzeug bastelte, zunächst Kunst und Grafik und stieg in seiner Freizeit als Drummer in Alexis Korners Band Blues Incorporated ein. Ebendort spielten auch ein gewisser Michael Philip „Mick“ Jagger und der 1969 verstorbene Gitarrist Brian Jones, die 1962 die Rolling Stones mitgründeten. Nur ein Jahr später schmiss Watts seinen Job als Grafiker, als Keith Richards ihn unbedingt als Schlagzeuger in der Band haben wollte. Die Entscheidung machte sich bezahlt – musikalisch wie finanziell. Die Stones hätten eben das Glück und das Geld gehabt, viel Zeit im Studio verbringen zu können, sagte er dem britischen „Telegraph“ ein halbes Jahrhundert später – und sie hätten daher viel ausprobieren können. Nach anfänglichen Erfolgen mit Coverversionen in Großbritannien und den Vereinigten Staaten erlangte die Band mit Hits aus der Feder von Mick Jagger und Keith Richards wie „(I Can’t Get No) Satisfaction„, „Get Off Of My Cloud“ oder „Paint It, Black“ sowie Alben wie „Aftermath“ oder „Exile On Main St.“ weltweiten Ruhm. Der Rest? Ist längst Rockgeschichte.

Watts mag zwar nach Jagger und Richards das dienstälteste Mitglied der Rolling Stones gewesen sein, war dabei jedoch der oft unterschätze Mann im Hintergrund, derStoiker hinter Keith und Mick, der seinen Bandkollegen mit reichlich cooler Eleganz, britischem Understatement und knochentrockenen Beats die großen Bühnen überließ. „Charlie Watts gibt mir die Freiheit, auf der Bühne fliegen zu können“, meinte der ungleich exzentrischere Gitarrist Keith Richards einmal.

(Im Mittelpunkt stand der zurückhaltende Drummer selten – hier tat er es im Kreise seiner Bandkollegen im Jahr 1967)

Watts galt als wortkarg und solide, seine Alkohol- und Drogensucht hatte der einst starke Raucher schon in den 1980er-Jahren überwunden. Während viele Rockstars – und mitunter auch seine Bandkollegen – eher durch einen unsteten Lebenswandel Schlagzeilen machten, war der Drummer seit 1964 glücklich mit Shirley Ann Shepherd verheiratet. Die beiden lebten zurückgezogen auf dem Land, wo Watts Vollblutaraber züchtete.

Charlie Watts stand für all das, was nicht zum ursprünglichen, wahlweise wilden und rüpelhaften Image der Rolling Stones passte. Er bevorzugte Anzüge und liebte Jazz – ironischerweise genau jene Musikrichtung, gegen die die Stones am Anfang ihrer Karriere aufbegehrt hatten. Wenn er nicht mit Mick Jagger, Keith Richards und Ron Wood auf Tour oder (zuletzt immer seltener) im Studio war, spielte er Schlagzeug in seiner eigenen Jazz-Band. Dort fühlte er sich wohler als im Scheinwerferlicht (das er demnach lieber Jagger und Richards überließ), minutenlange Standing Ovations waren ihm unangenehm.

Gemeinsam mit den Stones zog Charlie Watts 1989 in die „Rock ’n‘ Roll Hall of Fame“ ein, das Magazin „Rolling Stone“ (das sich seinerzeit wohl nicht ohne Grund nach seiner Band benannte) wählte ihn schon vor einigen Jahren auf seiner Liste der „besten Schlagzeuger aller Zeiten“ auf Platz zwölf. 2004 erhielt er die Diagnose Kehlkopfkrebs, besiegte die Krankheit aber mit zwei Operationen, um schon im Jahr darauf wieder mit den Stones auf Welttournee zu gehen.

Nachdem er sich in diesem Jahr einer Operation unterziehen musste, hatte Charlie Watts seine Teilnahme an der für kommenden September geplanten US-Tour der Rolling Stones abgesagt. Seinerzeit hieß es, Watts habe eine medizinische Behandlung hinter sich (zu dessen Hintergrund der Sprecher keinerlei Angaben machte), weshalb es „unwahrscheinlich“ sei, dass er für diese Konzerte zur Verfügung stehe. Nun hat der Taktgeber, die Herzmaschine der dienstältesten Rockband der Welt seine irdischen Drumsticks für immer zur Seite gelegt… Mach’s gut, Charlie Watts!

(Hier findet man etwa einen Nachruf des deutschen „Rolling Stone“, hier einen vom „Musikexpress“…)

Rock and Roll.

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Song des Tages: Thomas D & The KBCS – „Show“


Auch Thomas D machte aus der zwangsläufigen Corona-Konzertpause seiner Stammband, Die Fantastischen Vier, eine Tugend und erfüllte sich auf dem M.A.R.S. einen schon etwas länger gehegten Wunsch…

Und all jene, denen jetzt vorschnell die Wut zu Kopfe steigen mag ob eines weiteren Milliardärs mit zu prallem Bankkonto und zu viel Langeweile, der seine Kohle für einen Flug ins Weltall verprasst, dürfen beruhigt ausatmen – zum einen mag Thomas „D“ Dürr zwar gemeinsam mit seinen Bandkumpels Smudo, Michi Beck und And.Ypsilon seit der Gründung des Stuttgarter HipHop-Viergespanns Ende der Achtziger durchaus amtliche Erfolgswellen verursacht haben, sein Kontostand dürfte jedoch mit dem eines Jeff Bezos, Richard Branson oder Elon Musk trotzdem keineswegs mithalten können. Zum anderen handelt es sich beim M.A.R.S. um das Domizil des überzeugten Veganers und Tierschützers in der Eifel, dessen Lage am Fuße eines erloschenen Vulkans sich fast schon als „magisch“ umschreiben ließe (wer’s noch prosaischer mag, der könnte nun aufführen, dass dort anstatt von Lava nun eben die Kreativität fließt). Fast schon logisch, dass einer wie Thomas D sich an solch einem Rückzugsort auch ein eigenes Musikstudio einrichtet… einen musikalischen Mars, sozusagen. Und ebendort reifte in ihm der Wunsch, seinen Rap – abseits der großen Bühnen – mal wieder intim auf Platte zu bringen und in einer musikalisch veränderten Form – abseits der Fanta 4 – zu performen. Eine Rückbesinnung auf die Wurzeln seiner eigenen Musik, die zwischen 1997 und 2013 auf immerhin fünf Solo-Alben erschien, aufgrund des normalerweise recht gut gefüllten Fanta 4-Terminkalenders in den letzten Jahren jedoch immer öfter in den Hintergrund geriet. Weitere Inspiration erhielt er, als ihm 2019 eines Nachmittags eine Platte der Hamburger Band The KBCS in die Hände fiel. Völlig geflasht von ihrem fast schon hypnotischen Instrumental-Sound, von ihrer Energie und dem Willen, der eigenen Kunst einen frischen Anstrich zu verpassen, macht der 52-jährige Musiker die Band ausfindig und lädt das Quartett zu gemeinsamen Sessions auf seinem M.A.R.S. ein, bei denen schnell klar wird: das bundesdeutsche Hippe-di-Hopp-Urgestein und die hanseatische Soul-, Funk- und Jazzband funktionieren einwandfrei zusammen. Und da alles Schöne ja umso schöner wird, wenn man’s teilt, kann man das Ergebnis nun auf den „M.A.R.S Sessions“ nachhören.

Und tatsächlich entpuppt sich der Schulterschluss von Thomas D mit The KBCS als durchaus mitreißende Elefantenhochzeit, obwohl der wortgewaltige Rapper und die virtuos groovenden Instrumentalisten hier überwiegend leisere Töne anschlagen. Dies bedingen bereits die elf für „M.A.R.S Sessions“ ausgewählten Songs aus dem Repertoire des Frontmanns, der abseits seiner musikalische Pfade seit Juli 2013 etwa auch die Kurzinformationssendung „Wissen vor acht – Natur“ im Ersten moderiert. Und kleiner Schnitt ist bei dem gelernten Frisör (true story, that) nicht – textlich fährt Thomas D hier einige der eindringlichsten Messages seines Œuvres auf, andererseits geraten die lauten Momente, die es definitiv auch gibt, ebendeshalb umso intensiver.

Das Quintett schreitet mit meditativ-warmem Vintage-Sound lässig zwischen Resignation und Kampfgeist (man höre das melancholische „Show“, dessen Original anno 2013 Teil des bisher jüngsten D-Soloalbums „Aufstieg und Fall des Tommy Blank“ war), gedankenschwer philosphischen („Neophyta“ vom 2008er „Kennzeichen D“ mit leiser Reggae-Note) und schlicht gut gelaunten Momenten einher (der unbeschwerte D-Klassiker „Rückenwind“ vom 1997er Debüt „Solo“ steht den Fanta 4 dabei wohl am nächsten), die bestenfalls mal für Gänsehaut, mal für sanfte Nostalgie sorgen.

Schließlich ist es die direkte Live-Atmosphäre, die dieser famosen Combo einen unterhaltsamen Sieg auf nahezu allen Ebenen beschert – nachvollziehbar vor allem anhand des mit Hammondorgel rockenden „Uns trennt das Leben“ (vom 2001er Konzeptwerk „Lektionen in Demut„), im ähnlich gestalteten „Weitermachen“ (vom letzten Fanta-Dreher „Captain Fantastic„, 2018) mit smoother Leadgitarre und Percussion im Refrain sowie während „Flüchtig“, das mit fetten Bläsern auf die Tanzfläche bittet. „Millionen Legionen“, anno 1999 einer der Klassiker Fanta4-Hitalbums „4:99„, vermittelt nicht eben wenige jener Vibes, die man auch während der „MTV Unplugged“-Performance der Fantastischen Vier in der Balver Höhle erleben durfte. Die minimalistische Musik „Gebet an den Planet“ (von „Lektionen in Demut“) – kaum mehr als ein Obertönen gespicktes Bassmotiv zu sachtem Drumming und einzelnen Gitarren-Tupfern – wirkt wie ein Kontrast zum aufbauenden Text der Nummer und rückt damit einen der größten Vorzüge der Scheibe in den Vordergrund: ihr ergreifendes Spiel mit Licht und Schatten, wenn etwa auch das schummrige „An alle Hinterbliebenen“ (von „Kennzeichen D“) in seiner ökonomischen Form beinahe post-rockig anmutet.

Unter Strich ist Thomas D und The KBCS mit „M.A.R.S Sessions“ ein kongenialer Crossover aus unter die Haut gehendem Herz-und-Hirn-Sprechgesang und einer einfallsreichen Fusion aus Rock, Soul und etwas Jazz gelungen, der vor allem all jenen, denen die Solo-Aktivitäten des Fanta4-Haudegens mit ihrem durchaus vorhandenen Pathos sowie nicht wenigen gesellschaftskritischen Anklängen in der Vergangenheit ohnehin zugesagt haben, wärmstens empfohlen sei.

„Show, alles nur Show, wir tun alle nur so
Lehnt euch zurück, genießt die Show

Wie geht’s dir? Bescheiden? Mehr schlecht als recht?
Ich weiß, das Leben ist Leiden, doch langsam glaube ich echt
Es gibt hier keinen, der in diesen Zeiten noch vor Kraft strotzt
Nicht meckert nicht kotzt, nicht kleckert nur klotzt
Nicht lästert und lügt, der sich selbst genügt
Einer, der in sich ruht und sich selbst nicht betrügt
Seinem Schicksal gefügt, doch seines eigenen Glückes Schmied
Der aus Rückschlägen noch die richtigen Schlüsse zieht
Einer, der liebt nur um der Liebe willen, nicht um sein Verlangen zu stillen
Einer, der alles verzeiht, dessen Verstand nicht die ganze Zeit schreit
Der still ist und schweigt und sich im Innern so vom Leiden befreit
Einer, der mehr ist als nur ein Teil seiner Welt
Bei dem die Zeit steh’n bleibt, wenn er den Atem hält
Ja, wer das Zeug dazu hat, trete an, trete vor
Denn alles andere hier ist nur Show

Show, alles nur Show, wir tun alle nur so
Lehnt euch zurück, genießt die Show

Noch denkst du du wärst wer, doch machst du dich erst leer
Dann erkennst du mal, wie sehr all das Denken dich ablenkt
Nun erfährst du du bist wer, auch ohne Gedanken
Und bald fällt es dir nicht schwer, dich darin zu verankern
Erst beruhigt sich dein Atem, du folgst ihm nach innen
Lässt die Augenlider fallen und bist mit all deinen Sinnen
Im Innern und es reicht dir, einfach nur zu atmen
Was du dann entdeckst, ja soviel darf ich verraten
Ist mehr wert als irgendjemand jemals verlor
Ist nicht sehr schwer, nur 21 Gramm oder so
Keiner weiß mehr, wie kommt man durch das innere Tor
Doch die Bestimmung, sie dringt durch alle Schichten empor
Ja, die Befreiung von allem steht wohl uns allen bevor
Wenn nicht im Leben, dann auf jeden, wenn der Tod einen holt
Wenn auch von keinem gewollt, am Ende geht es jedem so
Und eben deshalb ist es besser ihr genießt die Show

Show, alles nur Show, wir tun alle nur so
Lehnt euch zurück, genießt die Show…“

Rock and Roll.

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Song des Tages: Aubrey Logan – California Dreamin‘ (feat. Casey Abrams)


Aubrey Logan wurde von Kritikern oft genug als „The Queen of Sass“ bezeichnet, und es fällt nicht eben schwer zu erkennen, warum. Ihre Konzerte sind eine Mischung aus exzellenter Musikalität, umwerfendem Gesang, gekonntem Posaunenspiel, einer feinen Auswahl an Originalen und originellen Coverversionen und, nun ja … Spaß! Ihre herzzerreißenden musikalischen Geschichten rühren das Publikum nicht selten zu Tränen, bevor ihre komödiantischen Einlagen es wiederum zum Lachen bringen. Was mehr mag man von einer Live-Show erwarten?

Die in Seattle geborene und am Berklee College of Music ausgebildete Posaunistin zog es, wie so viele, schon am Anfang ihrer Karriere mit dem Traum vom Durchbruch im Koffer nach Los Angeles. Dort angekommen, schlug die talentierte Sängerin und Posaunistin alsbald ihren eigenen Weg ein, der sie bereits mit so unterschiedlichen Künstlern wie den Boston Pops, Quincy Jones, Smokey Robinson, Pharrell Williams, Josh Groban, Seth McFarlane oder Meghan Trainor zusammenarbeiten ließ, während sie sich gleichzeitig dank ihrer Auftritte mit dem YouTube-Phänomen gewordenen Musiker-Kollektiv Postmodern Jukebox, das allseits Pophits von Lady Gaga und Co. in die Genres Jazz, Ragtime und Swing transportiert, eine große, weltweite Online-Fangemeinde aufbaute. Und der Erfolg gab der 33-järhigen Pop’n’Jazz-Künstlerin recht, denn bereits ihr zweites Soloalbum „Where The Sunshine Is Expensive„, welches in Live Sessions in den legendären EastWest Studios in Los Angeles entstand, erreichte 2019 Platz 1 der Billboard-Charts für zeitgenössische Jazz-Alben. Jede Wette, dass ihr neustes Werk „Standard“ daran anknüpfen wird…

Dass Aubrey Logan nicht nur solo, sondern auch als Duettpartnerin zu überzeugen weiß, beweist die wunderbare, gemeinsam mit Casey Abrams aufgenommene Version des The Mamas & The Papas-Evergreens „California Dreamin‘„, welche wiederum auf Logans 2017er Debüt „Impossible“ zu finden ist:

Rock and Roll.

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Song des Tages: Kira Skov & Bonnie “Prince” Billy – „We Won’t Go Quietly“


Im vergangenen Jahr, als eine Pandemie die ganze Welt und deren Bevölkerung in zeitweisen Stillstand und Isolation versetzte, spürte Kira Skov das dringende Bedürfnis, durch ihre Musik Kontakt aufzunehmen. Und so tat die dänische Sängerin und Songwriterin genau das und nahm Kontakt zu Sänger*innen und Instrumentalisten auf, mit denen sie in der Vergangenheit bereits zusammengearbeitet hatte, sowie zu anderen, die sie schon lange von weitem bewundert hatte – heraus kam eine durchaus hochkarätige Riegesliste von geschätzten Kolleg*innen, zu denen – neben einigen skandinavischen Musiker(inn)en – unter anderem Jenny Wilson, Mark Lanegan, Will „Bonnie ‚Prince‘ Billy“ Oldham, John Parish oder Bill Callahan gehörten. Gänzlich neu dürfte für Skov die Idee der musikalischen Kollaboration ohnehin nicht sein, schließlich hat die 44-jährige Musikerin in der Vergangenheit bereits mit einer Vielzahl von Künstlern aus verschiedensten Genres – von Bonnie „Prince“ Billy über Tricky und Lenny Kaye bis hin zu Trentemøller – zusammengearbeitet. Ein neues, wie viele weitere aus der Lockdown-Not entstandenes Projekt in Form des kollaborativen Duett-Albums „Spirit Tree“ war geboren. Und trotz der manchmal großen geografischen Entfernungen zwischen den Musiker*innen machten sich Skov und ihre Kreativpartner*innen gemeinsam auf den Weg, um in einer ansonsten oft genug bedeutungslosen Zeit nach Tiefe und Bedeutung zu suchen.

Die Basis-Tracks für diesen spirituellen Familienstammbaum spielte die dänische Sängerin, die sich in ihrer musikalisch vielfältigen 20-jährigen Karriere in ihrem Heimatland ein großes und loyales Publikum erspielt hat, zunächst mit ihrer Band – Silas Tinglef am Schlagzeug und an der Gitarre, Anders „AC“ Christensen an Bass und Klavier, Oliver Hoiness an der Gitarre und Keys, Maria Jagd an der Violine, Skov spielte selbst einige der Gitarrenspuren – in Kopenhagen ein und verschickte diese reihum an die angesprochenen Künstler*innen, mit der Bitte, das erhaltene Rohmaterial um geeignete Gesangsbeiträge zu ergänzen – was dazu führte, dass auf einigen Songs sogar mehrere Stimmen zu hören sind, die im Mix miteinander verwoben wurden. Stilistisch wandte sich Kira Skov dabei dieses Mal organischem Artpop, jazzigen Strukturen sowie Indie- beziehungsweise Folkpop-Elementen zu – was in dem Duett „Dusty Kate“, welches Skov mit Mette Lindberg als Duettpartnerin einspielte, gar zu einer kombinierten Hommage an Dusty Springfield und Kate Bush führte. Inhaltlich geht es um die Frage, was uns in Zeiten wie diesen als Menschen miteinander verbindet und vereint. Insgesamt überzeugen die 14 Stücke gerade durch ihre vielschichtige, facettenreiche Unvorhersehbarkeit und ihre musikalischen Überraschungseffekte.

„Es gibt ein gemeinsames Thema auf der Platte, das sich sowohl klanglich als auch thematisch manifestiert. In gewisser Weise ist es ein Stammbaum, in dem ich mit einigen Menschen zusammenarbeite, die mich und meine Musik im Laufe der Jahre geprägt haben. Die Pandemie hat mich darüber nachdenken lassen, was für uns am wichtigsten ist. Was verbindet uns, wenn wir alle gezwungen sind, allein zu sein? Diese Songs sind mit diesen Fragen im Sinn entstanden.“ (Kira Skov)

„Here we go again, when we go we go with style
We won’t go quietly into that good night
And here we go again, when we run we roar, we shout
We won’t go without a fight
We won’t go quietly into the night

When love stops, there is always force 
When force ends, there is violence
If violence wins, all is lost
Not even hope contains us

If justice ends, there’s always war
When war ends, we commend
A darker end, don’t give in
Let love in, let love in 

Here we go again, when we go we go with style
We won’t go quietly into that good night
And here we go again, when we run, we run, we roar, we shout
We won’t go without a fight
We won’t go quietly into the night“

Rock and Roll.

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Song des Tages: Norah Jones – „Black Hole Sun“ (live)


Foto: Promo / Vivian Wang

Norah Jones juckt es derzeit mächtig in den Fingern. Nachdem die US-Musikerin wegen der Corona-Pandemie über ein Jahr lang keine Konzerte vor Live-Publikum geben konnte, brennt auch sie förmlich darauf, endlich wieder auf Tournee gehen zu können. Sie wartet nur noch auf ihre zweite Impfdosis und grünes Licht für die Konzertbranche. “Ganz gleich, ob wir nun Musiker oder Fans sind, wir alle vermissen das gemeinsame Erlebnis von Live-Musik”, sagt die neunfache Grammy-Gewinnerin, die vergangenes Jahr für ein Duett mit Mavis Staples ihre nunmehr 17. Nominierung erhielt. “Ich werde auf meiner Facebook-Seite jede Woche auf ein andere Wohltätigkeitsorganisation hinweisen, um den Leuten Respekt zu zollen, die unermüdlich hinter den Kulissen der Live-Musikindustrie gearbeitet haben und deren Jobs auf Eis gelegt wurden. Ich kann es kaum erwarten, wieder mit ihnen allen zusammen zu sein.” Fans von Live-Musik geht es natürlich kaum anders.

Ein bisschen werden sie sich aber voraussichtlich doch noch gedulden müssen. Da kommt ein exzellent aufgenommenes Live-Album der 42-Jährigen, bei der sich Pop-Gelehrte wie Kritiker – mehr als zwanzig Jahre im Musikgeschäft, so einige Nummer-Eins-Alben, zig Auszeichnungen und etwa 35 Millionen verkaufte Tonträger hin oder her – noch immer streiten, ob das einstige Wunderkind nun Jazz, Pop, Soul oder „Adult-Music“ (was böse Zungen wohl gern mit „Fahrstuhlmusik“ übersetzen würden) macht, gerade recht. Auf „‘Til We Meet Again“ – ganz nebenbei tatsächlich das erste wirkliche Live-Album der vielseitigen Pianistin, Sängerin und Gelegenheitsschauspielerin – gibt es so nicht nur einige ihrer größten Hits zu hören, sondern auch eine ebenso überraschende wie bewegende Coverversion von Soundgardens “Black Hole Sun“ (welche vor einiger Zeit aus gegebenem Anlass bereits Platz auf ANEWFRIEND fand).

Die erzwungene Auszeit im vergangenen Jahr nutzte Norah Jones, die obendrein noch einen recht berühmten Vater hat, um sich durch Mitschnitte ihrer Konzerte der zurückliegenden acht Jahre zu hören. Besonders angetan war sie von einigen Aufnahmen, die im Dezember 2019 – also kurz vor Beginn der Corona-Pandemie – bei Auftritten in Südamerika entstanden waren. “Es war einfach ein tolles Gefühl, vor allem, weil wir keinen Zugang zu Live-Musik hatten und nicht auftreten konnten”, verriet sie „grammy.com“ unlängst in einem Interview. “Deshalb wollte ich die Aufnahmen rausbringen.” Mit den Musikern ihrer Band durchkämmte die New Yorkerin dann ihre Konzertarchive nach Aufnahmen, die sie mit ähnlichen Besetzungen gemacht hatte, um wirklich die besten Versionen der gespielten Songs herauszufiltern. Das Ergebnis präsentiert sie nun auf der Zusammenstellung “‘Til We Meet Again”, die bei einer Laufzeit von fast 76 Minuten vierzehn Songs und einen wunderbaren Querschnitt durch Norah Jones‘ bisherige Karriere enthält, darunter offensichtliche Hits wie “Don’t Know Why”, “Sunrise” oder “Flipside” sowie Titel aus ihrer 2018/19 veröffentlichten Singles-Serie.

Die eine Hälfte der Aufnahmen stammt von besagter Südamerika-Tournee, die Norah Jones, Bassist Jesse Murphy und Schlagzeuger Brian Blade unter anderem nach Rio de Janeiro, São Paulo und Buenos Aires geführt hatte. In Rio präsentierte das Trio als Gäste zwei bestens bekannte brasilianische Musiker – den Perkussionisten Marcelo Costa (Mariza, Maria Bethânia, Michael Bublé) und den Flötisten Jorge Continentino (Bebel Gilberto, Milton Nascimento, Brazilian Girls) – sowie ihren alten Songwriting-Partner und Gitarristen Jesse Harris. Harmonisch kombiniert wurden diese sieben Aufnahmen mit sechs weiteren, die Jones im Jahr zuvor mit dem Hammond-Organisten Pete Remm, Bassist Chris Thomas und wiederum Brian Blade am Schlagzeug in den USA, Frankreich und Italien gemacht hatte.

Den krönenden Abschluss bildet die wahrlich unter die Haut gehende Solodarbietung von Soundgardens “Black Hole Sun”. Norah Jones‘ von Herzen kommende (und genau dahin gehende) Hommage an Chris Cornell wurde am 23. Mai 2017 im Fox Theatre in Detroit aufgenommen – nur fünf Tage nach dem Tod des Soundgarden-Frontmanns, der am 17. Mai 2017 am selben Ort sein letztes Konzert mit der Band gegeben hatte. Vor ihrem Auftritt hatte Norah Jones in ihrer Garderobe den ganzen Tag über an dem Arrangement des Songs herumgefeilt. “Ich war ein bisschen nervös”, gibt sie zu. “Aber ich dachte: ‘Ich werde ihm meinen Respekt erweisen und diesen Song von ihm spielen.’” Das Publikum stand vor lauter Begeisterung kopf, als es die Nummer nach dem Klavier-Intro endlich erkannte. “Es war wahrscheinlich einer der schönsten Live-Momente, die ich je erlebt habe”, erinnert Jones sich. “Ich weiß nicht, ob sein Geist im Raum war oder was auch immer, aber er hat mich auf eine Art durch diesen Song getragen, wie ich es mir nie hätte vorstellen können.” Ergreifend. Gelungen. Soulful.

Rock and Roll.

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