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Song des Tages: The Mars Volta – „Cicatriz ESP“


The+Mars+Volta

Ein Abend in Berlin, März 2005: Omar Rodriguez-Lopez und Cedric Bixler-Zavala sind mit ihrem vielköpfigen Progrock-Kollektiv The Mars Volta in den – zugegeben wie immer klanglich höchst suboptimal abgestimmten – Hallen der „Huxley’s Neuen Welt“ zugegen, um Songs ihrer bislang erschienenen Alben „De-Loused In The Comatorium“ und „Frances The Mute“ vorzustellen. Obwohl: „Songs“? Was auf Studiokonserve bereits recht fordernd und einnehmend daher kommt – und besonders beim Debüt „De-Loused…“ auch über zehn Jahre nach Veröffentlichung nichts, aber auch gar nichts an Qualität und Größte eingebüsst hat -, gerät auf Bühnenbrettern zum 90-minütigen Langzeitjam, dem sich die gesamte Band mit Haut und Wuschelhaar hingibt. Der Zuschauer hat da nur zwei Möglichkeiten: kick back ’n‘ hang loose or die trying. Knapp zehn Jahre später ist die Band längst Geschichte. Und der kundige Hörer weiß auch: An The Mars Volta schieden sich stets die Geister – zwischen Liebe der ausufernden Genialität und Abneigung gegenüber des selbstgenügenden Prog-Schwurbels passte selten ein Blatt. Das war auch bei Rodriguez-Lopez‘ und Bixler-Zavalas Vorgängerband At the Drive-In so, bei ANTEMASQUE, dem neusten Klangoutfit der beiden US-Musiker mit wenig Kompromissbereitschaft, ist’s kaum anders (und geht klanglich wieder mehr in Richtung At the Drive-In). Hate it or love it.

An jenen Abend im März 2005 wurde ich heute aufgrund einer Meldung erinnert. Der Anlass könnte trauriger kaum sein:

„Ikey Owens ist tot. Der langjährige Keyboarder von The Mars Volta starb am gestrigen Dienstag mit nur 38 Jahren in Mexiko. Owens befand sich dort auf Tour mit Jack White, der daraufhin alle Konzerte absagte.

Die genauen Umstände, die zum Tod von Ikey Owens geführt haben, liegen zur Stunde im Dunkeln. Owens wurde mexikanischen Medien zufolge leblos in seinem Hotelzimmer in der Stadt Puebla aufgefunden, offenbar starb er an einem Herzinfarkt. Berichte lokaler Zeitungen, nach denen sich zum Zeitpunkt seines Todes Alkohol und Drogen in Owens‘ Besitz befunden haben sollen, wurden bislang nicht von offizieller Seite bestätigt.

Jack White, der Owens für seine Tour zum Soloalbum „Lazaretto“ engagiert hatte, reagierte bestürzt auf den Tod seines Keyboarders, der mit ihm am Abend in Guadalajara auf der Bühne stehen sollte. Das Konzert wurde ebenso abgesagt wie alle weiteres Shows der Tour. In einem Statement auf seiner Facebook-Seite würdigte White Owens als einen „unglaublichen Musiker“. „Seine Familie, Freunde, Bandmitglieder und Fans werden ihn vermissen und für immer lieben“, heißt es darin.

Isaiah „Ikey“ Owens, Jahrgang 1975, machte sich vor seinem Engagement bei White vor allem als Keyboarder von The Mars Volta einen Namen, deren 2003er Debüt „De-Loused In The Comatorium“ als eines der wichtigsten Progressive-Rock-Alben des neuen Jahrtausends gilt. Nach den Bandköpfen Cedric Bixler und Omar Rodriguez war Owens der Musiker, der auf den meisten Mars-Volta-Alben zu hören ist; einzig beim letzten, „Noctourniquet“ von 2009, gehörte Owens nicht mehr zum Line-up der Band.

Vor seiner Zeit bei The Mars Volta hatte der Kalifornier unter anderem auch De-Facto angehört, dem Dub-Projekt von Bixler und Rodriguez, das diese bereits zur Zeit von At The Drive-In gegründet hatten. Weitere Banderfahrungen sammelte Owens bei lokalen Acts wie Look Daggers aus der Gegend um Long Beach, Los Angeles. Außerdem veröffentlichte er Solo unter dem Pseudonym Free Moral Agents.“

(Quelle: visions.de)

Ikey-Owens-Found-Dead-News-FDRMX

Wenn ich an Isaiah ‚Ikey‘ Owens und an The Mars Volta denke, kommt mir – und ich denke, da bin ich keineswegs der Einzige – sofort das genial überhöhte „Cicatriz ESP“ in den Sinn. Bereits auf dem Debütalbum war der „Song“ mit seinen zwölfeinhalb Minuten, mit seinen Jams, wilden Refrainausbrüchen und atmosphärischen Pluckerzwischenspielen keineswegs radioairplayfreundlich – und trotzdem ist das Ding noch heute ein verdammter Antihit sondergleichen, der sich tief in die Hirnrinde gräbt und gar nicht daran denkt, wieder hervor zu kriechen. Ewig schön. Mach’s gut, Ikey.

 

 

Rock and Roll.

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Flimmerstunde – Teil 25


„A Band Called DEATH“ (2012)

A BAND CALLED DEATH (Plakat)Detroit, Anfang der Siebziger. Die US-amerikanische Stadt direkt an der kanadischen Grenze boomt. „Motor City“ sorgt in den Fabriken des als „Big Three“ bekannten US-Autobauerdreigestirns aus General Motors, Ford und Chrysler (noch) für massig Arbeitsplätze (wobei sich der Abstieg alsbald erahnen ließ), und auch der nationale wie internationale Musikmarkt wird durch freshe neue Klänge direkt aus den Hitfabriken von „The D“ aufgemischt: „Motown„, diese zeitlos großen Soulpopwunderwerke von Diana Ross, Marvin Gaye, Stevie Wonder bis hin zu den Jackson 5, und die aufkeimenden, zeitgemäßen Dikokugeltanzflächenschubser sind die Musiktrends der Stunde. Und auch David, Bobby und Dannis Hackney, drei halberwachsene Teenager aus gutgläubigem, einfachem, aber rechtschaffenem Pastorenhause, wollen eine Band gründen. Und nur vom Äußeren her wäre die Sache eigentlich klar: schwarze Hautfarbe, Schlaghosen, amtliche Afros. Was soll’s sein? Soul? Funk? Disco? Tja: eigentlich! Denn die drei Brüder hegen gänzlich andere musikalische Vorlieben, seit sie in den Sechzigern den Auftritt einer weltberühmten Pilzkopf-Kombo in der Ed Sullivan Show sahen. Laut und aufrüttelnd wie Alice Cooper sollte ihr Bandsound sein, melodiös wie der der Beatles, energetisch wie die Bühnenpräsenz von The Who. Und auch die Rollen sind schnell verteilt: David übernimmt die Gitarre und prügelt sich wie ein Berserker in jeder freien Minute Riffs und Techniken von Jimi Hendrix, Queen oder MC5 in die geschundenen Finger, Bobby übernimmt den Bass und Gesang, während sich Dannis hinters Schlagzeug setzt. Zudem haben die Geschwister das Glück, aus einem eh schon musikalisch offenen Elternhaus zu stammen, und von ihren Eltern dazu noch jegliche Unterstützung zu erfahren (die Instrumente bekommen sie etwa von der Musiker „gesponsert“, nachdem diese nach einem Unfall einen verhältnismäßig größeren Geldbetrag von der Versicherung erhielt). Dazu liefert der feingeistige David noch ein Bandkonzept, inklusive Haltung, Design und einem so verqueren wie stigmatisierendem Bandnamen: DEATH (mit Dreieck anstelle des „A’s“!). Also, noch einmal: drei schwarze Afro-Teenager aus Detroit, denen zu Zeiten von „Motown“ der Sinn nach schneller, lauter Gitarrenmusik steht? No way, José… Das denken sich zumindest alle Plattenfirmen, bei denen DEATH mit ihrer ersten, 1975 aufgenommenen Seven Inch-Single „Politicians In My Eyes“ alsbald hausieren gehen. Keiner will sich mit dieser höchst ungewöhnlichen, auch textlich grüblerischen Band die Finger am florierenden Musikmarkt verbrennen. Und als Columbia Records, das wenigstens die Aufnahmesessions zum potentiellen Debütalbum finanziert, dem Trio nahelegt, den Bandnamen in etwas „Positiveres“ zu ändern, schiebt Bandkopf David Hackney dem Ganzen einen Vetoriegel vor. Enttäuscht, und ohne einen Plattenvertrag in der Tasche, werfen DEATH zwei Jahre später das Handtuch. Die Masterbänder des Debüts wandern auf den Dachboden, die drei ziehen nach Burlington, Vermont, gründen Familien, nehmen erst gemeinsam als „The 4th Movement“ zwei Gospelrockalben auf, bevor es David nach Detroit zurück zieht und Bobby und Dannis, die verbliebenen zwei Hackneys, sich mit konventionellen Tagesjobs und als Köpfe der Reggaeband „Lambsbread“ über Wasser halten…

A band called DEATH

Und keiner hätte wohl je von DEATH erfahren, wäre da nicht die einzige, in geringer Stückzahl erschienene Single der Band gewesen. Diese fällt fort einigen Jahren einem findigen, musikbegeisterten Plattensammler in die Hände, der darüber im Internet schreibt und „Politicians In My Eyes“ sowie dessen B-Seite „Keep On Knocking“ als mp3’s bereitstellt. Flux verbreiten sich die Stücke per Foren und Tastatur-zu-Tastatur-Propaganda im weltweiten Netz, mehr und mehr Leute interessieren sich für die Hintergründe und die wenigen Originale der Seven Inch gehen für hohe Summen bei Ebay über den digitalen Ladentisch. 2009 erscheint schließlich das Debütalbum „…For The Whole World To See“ beim US-amerikanischen Indielabel Drag City, während DEATH wenig später auf umjubelte Tournee gehen.

A Band Called DEATH (Documentary)

A Band Called DEATH“ erzählt in 98 äußerst kurzweiligen Minuten die Geschichte einer Band, die von Vornherein erst einmal zu unglaublich klingt, um wahr zu sein. Dabei steht die Dokumentation von Mark Christopher Covino und Jeff Howlett ganz in der Tradition der ähnlich gelagerten musikalischen Zelluloiderzählungen „Anvil – Die Geschichte einer Freundschaft“ oder „Searching For Sugar Man„. Auch die Geschichte der Afroprotopunks von DEATH ist ein Rührstück, das von viel Liebe, Haltung und Hingabe erzählt, und dabei (beinahe) gänzlich ohne Sentimentalitäten auskommt. Und: „A Band Called DEATH“ ist vor allem der Tribut von Bobby und Dannis an David, der 2000 an Lungenkrebs verstarb und so den späten Ruhm seiner Herzensband nie mitbekam. Dabei war er es, der seinen Brüdern noch kurz vor seinem Tod die Masterbänder des Debütalbums in der festen Überzeugung in die Hände drückte, dass „irgendwann“ die Zeit reif sei für diese Art von Musik – wie recht er hatte… DEATH waren Punk, bevor dieser mit Bands wie den Ramones oder Sex Pistols salonfähig wurde. DEATH waren ihrer Zeit weit voraus – leider im absolut brutalsten Wortsinn… Heute zählen die altersweisen Rastafari-Protopunks Größen wie Jack White (The White Stripes), Henry Rollins, Kid Rock, Questlove (The Roots) oder Elijah „Frodo“ Wood zu ihren Bewunderern. Und die standen angesichts der Sounds, die DEATH bereits Mitte der Siebziger aufnahmen, ebenso verständnislos kopfschüttelnd da wie manch anderer. DEATH, die mittlerweile stolz das Zepter an Bobby Hackneys ebenfalls punklastig musizierende Söhne Julian, Urian und Bobby Jr. (aka. Rough Francis) weitergegeben haben, beweisen mit ihrer Geschichte: Alles hat und findet seine Zeit… Keep on knockin‘, keep on knockin‘ on the door.
DEATH (Logo)

 

 

Hier gibt’s den Trailer…

 

…eine kurze Filmvorstellung…

 

…und die beiden ersten, mehr als dreißig (!) Jahre alten Singles der Band, „Keep On Knocking“…

 

und „Politicians In My Eyes“, in Liveversionen:

 

Und jetzt: Kinnlade hoch, anschauen!

 

Rock and Roll.

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Rocks and Rolls and Danish Dynamite? So war das Roskilde Festival 2012!



1971 gegründet und damals noch unter dem Namen SOUND FESTIVAL stattfindend, ruft ein kleiner, verschlafener Ort auf der dänischen Insel Seeland alljährlich Festivaljünger aus Skandinavien, Europa und der ganzen Welt zusammen, um gut eine Woche lang dem Erleben von mehr oder minder lauter, lebensfroher und tanzbarer Musik, dem gemeinsamen – meist feuchtfröhlichen – Feiern sowie dem Beisammensein in Zeltstädten bei Dosenravioli und Campingkocher zu frönen. In besten Zeiten invadierten 115.000 Musikbegeisterte das ländliche, etwa 30 Kilometer von der Hauptstadt Kopenhagen entfernte Roskilde, 2012 waren es, auch den Sicherheitsbestimmungen nach dem tragischen Zwischenfall 2000 geschuldet, bei der 42. Ausgabe immerhin gut 77.000.

Und beim Blick auf das Line-Up überraschen solche Zahlen kaum: Rock in allen Spielarten, Pop, Metal, elektronische Klänge, Bluegrass, Blues, Reggae, Singer/Songwriter… – für praktisch jeden war auch in diesem Jahr etwas dabei. Und wer nicht vorrangig der auftretenden Bands und Künstler wegen da war, der konnte auf dem nicht eben kleinen Gelände dem bunten Treiben der vor allem aus Dänemark kommenden Besucher,  von denen etwa 20% aus dem Ausland anreisten, beiwohnen.

Doch genug zur Historie und zu Allgemeinplätzen. Hier nun das, was mir von Roskilde 2012 in Erinnerung geblieben ist, in Form eines kleinen Festivaltagebuchs:

 

Tag 1 (Dienstag, 3. Juli 2012):

Die Reise beginnt in der sächsischen Provinz uns führt mich und meine zwei Begleiter (zum Ende des Festivals werden wir zu fünft sein, die anderen zwei stoßen später von Schweden aus zu uns) per Road Trip und mit sorgfältig ausgewählter Musik bei durchgängig freien deutschen Autobahnen bis nach Rostock. Da wir weit vor Abfahrt der Fähre zum dänischen Gedser ankommen, bleibt noch Zeit, um der unterbeschäftigten Imbissfrau bei Fischbrötchen, Bulette, Kaffee und Rostocker Pils ein wenig Gesellschaft zu leisten und Trost zu spenden.

Bei untergehender Sonne und mit einer Horde portugiesischer Schüler an Bord laufen wir beinahe pünktlich auf die Ostsee aus und kommen im Dunklen in Gedser an Dänemarks Küste an. Den Weg nach Roskilde zu finden ist nicht schwer: wir müssen einfach nur immer den Hauptstraßen geradeaus folgen. Gegen 23.30 Uhr kommen wir am Festivalgelände Roskildes an, müssen jedoch noch einen kurzen Trip in die „Innenstadt“ der Gemeinde unternehmen, um dänische Kronen für den Autostellplatz zu besorgen. Nachdem dies erledigt und das Auto abgestellt wurde, heißt es, sich die offiziellen Festivalbändchen am Arm festzurren zu lassen und nach einem geeigneten Zeltplatz für die kommenden Tage Ausschau zu halten. Letzteres stellt sich jedoch als Kraftakt von kaum vorstellbarer Schwere heraus, da das Gelände bereits am vergangenen Samstag geöffnet wurde und bereits so ziemlich alle Plätze belegt sind (wie wir später bemerken sollten, hatten wir jedoch damit auch Glück um „Unglück“). So wandern wir also, nach über 12 Stunden Anreise, durch spärlich beleuchtete Zeltstädte und vorbei an bereits allerhand Müll, Alkoholleichen und einer Jugend, die scheinbar den Aufstand des Leichtsinns probt. Am hintersten Eck (das sich bezeichnend „Silent Area“ schimpft) finden wir noch ein wenig Platz, beschließen diesen alsgleich zu besetzen und schaffen unter Aufbietung unserer letzten Kraft- und Wachreserven unser Zeug herbei. Als unsere Zelte aufgestellt und die Heringe im Festivalboden verankert sind, beginnen bereits die ersten Vögel den Anbruch des Festivalmittwochs zu begrüßen. Bei aufgehender Sonne stoßen wir gemeinsam mit dem höchst verdienten ersten Festivalbier an und sinken danach erschöpft in unsere Schlafsäcke.

 

Tag 2 (Mittwoch, 4. Juli 2012):

Der erste komplette Tag in Dänemark steht, auf besonderen Wunsch der „besten Freundin“, und da die „offiziellen“ Konzerte erst am nächsten Tag beginnen (vorher konnte, wer wollte, bereits kleineren dänischen/skandinavischen Bands beim Musizieren auf die Finger schauen), unter dem sonnigen Stern eines Sightseeing-Ausflugs in die dänische Hauptstadt, die mit dem Zug etwa 30 Kilometer oder 50 Minuten Fahrt entfernt liegt. Gegen Mittag kommen wir bei besten Temperaturen dort an, laufen vom Hauptbahnhof aus am beliebten „Tivoli“-Vergnügungspark vorbei durch’s Zentrum bis zur Vor Frelsers Kirke, die wir über eine im 18. Jahrhundert gebaute Wendeltreppe besteigen, um uns in 93 Metern Höhe einen Überblick über die etwa 540.000 Einwohner zählende Stadt zu verschaffen. Danach geht’s weiter nach Christiania, welches quasi das „alternative Zentrum“ Kopenhagens darstellt.  Gibt’s doch überall? Nun, besonders an diesem in einem verlassenen und seit 1971 von Hippies besetzten Militärgelände ist, dass der Stadtteil von den Bewohnern zur (mehr oder minder autarken) Freistadt ernannt wurde. Und „Besonderes“ sieht der Besucher, dem Fotografieren unter Androhung von Gewalt strengstens untersagt ist, auf jeden Fall. Oder zumindest mehr offen und frei angebotene bewusstseinserweiternde Substanzen als sonstwo (und ich wohne in den Niederlanden!). Und in beinahe allen Gassen Christiania strömen einem denn auch dementsprechende Gerüche entgegen… Toll hingegen ist es zu beobachten, dass hier Anzugträger und Rastafari im friedlichen Nachmittagssonnenplausch gemeinsam ihr Entspannungstütchen rauchen…

Nach diesem etwas abseitigen Trip geht’s per Wassertaxi weiter zu der Sehenswürdigkeit Kopenhagens: der „kleinen Meerjungfrau“. Gesehen. Abgehakt. Weiter. Nach dem Rückweg zum Hauptbahnhof geht’s zurück nach Roskilde. Ein schöner, entspannter Tag, um Energie für die nächsten vier kraftraubenden Tage im musikalischen Herzen Dänemarks zu sammeln.

 

Tag 3 (Donnerstag, 5. Juli 2012):

Der erste offizielle Konzerttag beginnt für die Einen von uns (wir sind mittlerweile zu fünft) mit den aus dem heimischen ehemaligen Karl-Marx-Stadt stammenden Kraftklub, für die Anderen mit The Shins. Ich entscheide mich für letztere Band…

Doch alsbald beschleicht mich in der Mitte des Auftritts das Gefühl, dass ich doch besser die Chemnitzer Neo-Sprech-Rock-Hipster hätte wählen sollen, denn irgendwie kommen James Mercer und Band nicht recht aus der Hüfte, was sich auch auf die dementsprechend mäßige Stimmung im Publikum auswirkt. Was soll’s. Dann halt zuhören und im Hinterkopf noch die Planung für die nächsten Tage durchgehen.

Weiter geht’s danach ins Gloria, eins von insgesamt sieben (!) Venues auf dem Festivalgelände, und zusammen mit der Orange Stage (der Hauptbühne) wohl das in seiner Gestaltung und Akustik beste, um dem Songwriter Sam Amidon zu lauschen. Ist nicht aufregend, das Ganze, jedoch sehr, sehr schön…

Auf der eben erwähnten Orange Stage betreten mit Robert Smith und seinen nicht minder gealterten Mitmusikern The Cure die Hauptbühne und werden diese für die nächsten gefühlt 50 Stunden nicht mehr verlassen. Stoisch und beinahe ohne Publikumsinteraktion (doch wer hätte das beim größten Trauerklos des Musikbusiness auch erwartet?) ziehen die Goth-/Wave-Rocker ihr Ding durch, spielen sich – beileibe nicht unvirtuos – durch den gewaltigen Backkatalog, lassen immer mal wieder Evergreens wie „Just Like Heaven“, „Lovesong“ oder „Lullaby“ mit einfließen, und wandeln gegen Ende gar auf Pink Floyd’schen Soundscape-Spuren. Mammutauftritt einer Band mit großer Spielfreude, und gegen Ende lassen sich Smith’s Lippen sogar das ein oder andere Lächeln entlocken – sensationell. Und die Geduld der Zuschauer wird bereits am ersten Tag geprüft…

Wir jedenfalls halten’s der Langatmigkeit wegen nicht bis zum Ende aus (und dabei ist „Disintegration“ eins meiner All-Time-Fav’s!) und statten Perfume Genius noch einen kurzen Besuch ab. Fazit: armer, schüchterner Kerl, traurige Songs, klagendes Stimmchen. Man reiche ihm einen warmen Kakao!

 

Tag 4 (Freitag, 6. Juli 2012):

Am Morgen werden wir vom Regen geweckt. Unbeugsam öffnen sich die Himmelsschleusen und verwandeln einen Großteil des Festivalgeländes sowie der Zeltstadt in eine müllbedeckte Schlammlandschaft. In unserem hintersten Eck des Zeltplatzes haben wir das Glück, noch Wiese als Untergrund zu haben, welche einen guten Teil der Nässe rasch aufnimmt und uns ein „Absaufen“ erspart. Mein Begleiter und ich (von ihm stammt auch ein guter Teil der Festivalfotos, welche er ANEWFRIEND großzügigerweise zur Verfügung stellte) entschliessen uns, das Festivalkino als trockenen Ort aufzusuchen. Gespielt wird gerade „Play“, ein schwedischer Film mit dänischen Untertiteln, dessen Handlung sich wohl vor allem über die Dialoge erschliesst. Wir sprechen leider keine der beiden Sprachen. Und können uns bei den Stellen, bei welchen das anwesende Publikum lacht, nur ungläubig anschauen. Die Stelle mit dem scheißenden asiatischen Jungen einmal außen vor…

Gegen Nachmittag legt sich der Regen so langsam und ein kurzer Abstecher zu Baroness, welchem im Odeon spielen, steht auf dem Plan. Ordentlich, die Jungs. Ordentlich laut. Werden wohl zurecht (hoch)gelobt. Ich bin angefixt.

Weiter geht’s zu Gossip an die Orange Stage, und da noch Plätze direkt vor Bühne frei sind, entschliessen wir uns für dieses Erlebnis. Und das ist es durchaus: ruckzuck finden wir uns in einem ausgelassen feiernden und tanzenden schwul-lesbischen Moshpit wieder und sehen einen Band, die ordentlich rockt und ganz zu meiner Freude auf einen Großteil der Elektronik- und Synthie-Spielereien der letzten Studioalben verzichtet. Frontwuchtbrumme Beth Ditto gibt die sympathische Rampensau und darf wohl, insofern man bei ihr noch Vergleiche benötigt, als eine barfuss tanzende und Drinks kippende „Adele in Rock“ gesehen werden. Auf ihren Alben mögen Gossip dem Punk abgeschworen haben, jedoch nicht auf der Bühne. Tolle Show, perfekte Festivalband. Und mindestens für „Standing In The Way Of Control“ sollte jeder Indie-DJ Dittos voluminösen Arsch küssen.

Nach einer Verschnaufpause und einem Rundgang entlang der vielen Festivalstände, ein welchem man Snacks, Fast Food, Drinks, Shirts und ähnliches erstehen kann, geht’s zur besten Spielzeit wieder zur Orange Stage, auf welcher der Ex-White Stripe sowie Teilzeit-Raconteur und -Dead Weather Jack White und seine aus sechs (!) bildhübschen (!!) und höchst talentierten (!!!) Damen bestehende Backing Band groß aufspielen. Natürlich, rein stimmlich ist es bei dem aus Detroit, Michigan stammenden Musikvirtuosen nicht weit her, doch hat man sich einmal an sein Organ gewöhnt, erschließt sich sein gleichzeitig vor- und rückwärts gewandter Klangkosmos auf wundersame Weise, an deren beiden Enden White scheinbar mit seiner Gitarre verwachsen scheint. Wie sonst könnte er ihr solch‘ große Klänge entlocken? Der Mann lebt den Blues nicht, nein, er ist Blues! Insgesamt bietet er einen gut zweistündigen Querschnitt durch sein nicht eben geringes Schaffen, sei es anhand von Songs der White Stripes, der Raconteurs oder aus seinem kürzlich veröffentlichten Solodebüt „Blunderbuss„, an dessen Ende das beinahe orgiastische gefeierte (und auch irgendwie unvermeidliche) „Seven Nation Army“ steht. Stadionatmosphäre beim Festival. 60.000 – und du mittendrin. Geil.

Mein Begleiter besteht nach diesem Höhepunkt noch auf einem kurzen Abstecher zu Gentleman & The Evolution. Ich kann Gentleman nicht ausstehen. Dieser Auftritt ändert daran nichts: ein Pothead, der in gefaktem Englisch mit jamaikanischem Einschlag plakativ über das „ach so arme“ Afrika schwadroniert, zur „Love“ aufruft und im hip-rheinischen Köln residiert. In welcher Welt passt das zusammen? Zumindest nicht in meiner. Manche mögen’s. Ich definitiv nicht.

 

Tag 5 (Samstag, 7. Juli 2012):

Tag fünf ohne Dusche stellt mit seinen vielen sehenswerten Konzerten und dementsprechend vielen Überschneidungen den Haupttag des Festivals dar. Die von mir fest eingeplanten Dry The River müssen, der Bündelung von Kräften und mittäglichen Stärkung wegen, flachfallen.

Zuerst werden kurz First Aid Kit bestaunt: schöne, weise Stimmchen haben sie, diese beiden schwedischen Schwestern. Gefällt, ist mir aber zu festivaluntauglich. Weiter also zu Alison Krauss & Union Station (die Stimme der Dame mag dem Einen oder der Anderen eventuell aus dem Film „O Brother Where Art Thou?“ bekannt sein), welche wohlmöglich einen gelungenen Auftritt hinlegen, jedoch auch die erste Gähnphase einläuten. Doch das soll sich mit der nächsten Band schleunigst ändern: die für diesen Festivalsommer wiedervereinigten Refused haben ihr Kommen angekündigt! Und Dennis Lyxzen & Co. bieten eine lautstarke, energetische Show, die sich gewaschen hat, so einige Trommelfelle zum Summen und den Circle Pit vor der Bühne zum Ausrasten bringen! Ich bin wieder gefühlte zehn Jahre jünger und nach „New Noise“ und am Ende des Auftritts glücklich, die Jungs einmal gemeinsam gesehen zu haben. Tolle Frontsau, der Lyxzen, immer wieder.

Zurück an der Orange Stage und zur besten Zeit betritt dann der Highlight-Act der diesjährigen Roskilde-Ausgabe die Bühne: Bruce Springsteen & The E Street Band. Und er bringt ähnlich viele E Street Band-Musiker mit ins orangene Halbrund, wie noch wenige Wochen zuvor im Berliner Olympia-Stadion (ANEWFRIEND berichtete). Unnötig zu erwähnen, dass der Boss auch diesmal eine perfekte Show liefert (die Tracklist könnt ihr hier bestaunen) und für die wohl ausgelassenste große Meute des ganzen Festival sorgt. Als er bei einem Song einen Teil der wenige Stunden zuvor an selber Stelle aufgetretenen The Roots zu sich auf die Bühne holt, teilen sich zeitweise über zwanzig (!) Musiker die wohl musikalischsten Bretter Dänemarks. Nach gut drei (!) Stunden und dem Isley Brothers-Cover „Twist and Shout“ ist Schluss. Drei Stunden! Bei einem Festival! Grandios. Und ich bin völlig fertig. Das zweite Boss-Konzert in meinem Leben, beide innerhalb weniger Woche, beide ähnlich perfekt.

Nach einer Portion Köttbullar als Stärkung nach einem langen Festivaltag und dem lärmig-launigen Aufritt von Sivert Höyem geht’s zurück zum Zeltplatz. Paul Kalkbrenner kann man auch noch in mehreren Kilometern Entfernung an seinen Tellern schrauben hören…

Hier noch ein Mitschnitt vom Auftritt mit The Roots:

 

Tag 6 (Sonntag, 8. Juli 2012):

Unser letzter Festival-Tag steht ganz im Zeichen der nahenden Abreise (die Fähre zurück nach Rostock geht um 2 Uhr nachts), dem Packen, dem Lecken des doppelten Sonnenbrands sowie der durch das tagelange Tragen von Gummistiefeln verursachten Schürfwunden.

Noch einmal werden die müden, matten Festivalbesucherhäupter von einer ordentlichen Sonnenbrise verwöhnt.

Auf dem Plan stehen nur noch die gegen Abend spielenden Alabama Shakes, zu denen wieder leichter Nieselregen einsetzt, sowie Björk (bei der jedoch keiner von uns erwartet, das Ende des Auftritts zu erleben). Und die Erwartungen erfüllt sie denn auch. Die… nun ja… überaus extrovertierte Isländerin betritt mit einem Damenchor und einem DJ, der gut und gern ihr Sohn sein könnte, und gekleidet in ein Kostüm, welches eine Mischung aus Ölpest, Band- und Wattwurm darstellt, die Bühne und erhebt zu eigenartigsten Bewegungen sogleich ihr gewöhnungsbedürftiges Organ. Nein danke. Nicht meins. Unser Gepäck befindet sich eh bereits verstaut im Auto. Wir machen uns auf die Rückreise.

 

Tag 7 (Montag, 9. Juli 2012):

Glücklich, gerockt, erledigt, sonnengebräunt und durch kommen wir gegen Mittag wieder im heimatlichen Sachsen an. Sonne? Scheint.

 

Fazit:

Positiv fällt bei aller Größe (rein gebiets- sowie besuchermäßig) sofort die vergleichsweise gute Organisation ins Auge. Ausreichend Waschplatze, stets bestmöglich entleerte und saubere Dixie-Klos, Personal, welches ein Gros des Mülls bereits während des Festivals versucht aufzusammeln (ein Kampf gegen Windmühlen, der dennoch in Ansätzen unternommen wird), im Ernstfall immer jemand mit orangener Weste in der Nähe. 30.000 freiwillige Helfer sollen sich laut Aussagen gemeldet haben. Spitze! Super außerdem die meist überaus entspannten Ordner vor und um die Bühnen herum, die die Festivalbesucher im Bedarfsfall – und der trat logischerweise sehr oft ein – immer mit einem Becher voll Wasser versorgten und mit ihren freundlichen Mienen sehr zur guten Laune (zumindest war’s bei mir so) beitrugen. Kompliment! Wäre bei deutschen Festivals wohl undenkbar, wo sich teutonisch-strenge Atzen wie die heimlichen Herrscher des Geländes aufspielen.

Auch toll war die – bei aller Feuchtfröhlichkeit – durchweg entspannte Atmosphäre unter den Festivalbesuchern. Kein Stress, nur Chillen und Musik.

Negativ waren definitiv die vielen kleinen, meist asiatischen Pfandbechersammler, die während der Konzerte in einer Tour um die Beine der Festivalbesucher herumschlichen (und das selbst im größten Gedränge!), und bei denen man fürchten müsste, dass sie einem die eigenen Testikel aus der Unterhose klauen, sollten sie eine Pfandmarke darauf entdecken…

Negativ war manchmal auch die (zu?) große Besucherzahl, welche das eine oder andere Konzert aufgrund des großen Andrangs zu einer weniger entspannten Angelegenheit machte, sowie die langen Laufwege. Da beides jedoch wohl von vornherein klar und doch sehr subjektiv empfundene Dinge sind, bleiben diese Sachen außen vor.

Erschreckend waren – vor allem gegen Ende des Festivals – die riesigen Müllberge sowie der elendige Anblick des Hauptteils der Zeltstadt. Da bezahlen doch tatsächlich einige Menschen gut 250 Euro Eintritt, um sich inmitten von Müll, Schlamm, Urin- und Kotgestank eine Woche lang komplett abzuschießen? Industrienationen und ihre Luxusprobleme…

Nichtsdestotrotz war’s toll. Vielen Dank noch einemmal an meine vier Begleiter, ohne euch hätt’s nicht einmal halb so viel Spaß gemacht!

Eine feine Woche, auch wenn ich im nächsten Jahr definitiv ein klein(er)es Festival bevorzugen werden. Tusind tak, Denmark! Tusind tak, Roskilde!

Und da bei aller Mühe, die ich mir bei den Beschreibungen gegeben habe, alle Worte ohne Bilder wenig wert sind, hier noch einige Eindrücke vom diesjährigen Roskilde:

(alle Fotos: ANEWFRIEND + R. Mehnert) 

 

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Rock and Roll.
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Klassiker des Tages: The White Stripes – I Just Don’t Know What To Do With Myself


Von den White Stripes dürfte, spätestens nach diversen Fussball-Großveranstaltungen, so ziemlich jeder das zur banalen „lala“-Mitgröhl- und Mitklatsch-Hymne verkommene „Seven Nation Army“ kennen. Vom gleichen Album („Elephant“ von 2003) kommt auch ANEWFRIENDs heutiger „Klassiker des Tages“: „I Just Don’t Know What To Do With Myself“ – als Song an sich schon super, im ästhetischen Video von Sofia Coppola und mit Kate Moss an der Stange noch einmal eine Spur toller. Eine hervorragende Mischung, selten waren sich Rock und Erotik näher.

 

 

Rock and Roll.

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