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Hugleikur Dagsson – schwarzer Humor auf Isländisch


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Alle Cartoons: © Hugleikur Dagsson / Tumblr

 

Keine Frage – der isländische Zeichner Hugleikur Dagsson mag es böse. Sehr böse. Seine Cartoons zeigen eine ganz eigene Sicht auf die Welt: hintersinnig, witzig und manchmal sehr traurig.

Das Foto auf der Wikipedia-Seite von Hugleikur Dagsson zeigt den 39-Jährigen, der früher auch als Radiomoderator bei der isländischen Radiostation „Radíó X“ arbeite, als einen freundlichen Mann, der entspannt in die Kamera lächelt. In seinem Inneren aber muss etwas sehr Dunkles sein. Und genau das bringt er seit 2002 in Comics ans Licht. Seine Cartoons sind einfach gezeichnet – und voll von schwarzem Humor.

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Eines seiner Bücher heißt „Solltest du darüber lachen?„, ein anderes „Finden Sie DAS etwa komisch?“ – und genau dieses Gefühl erwecken viele seiner Zeichnungen. Sie greifen ernste Themen wie das Leid Geflüchteter, häusliche Gewalt oder die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung auf – und überspitzen sie gnadenlos. Das mag nicht jede(r) witzig finden, und manche, die mit weit weniger Sinn fürs Ironische oder Sarkastische gesegnet sind, sogar abstoßend. In jedem Fall jedoch regt Hugleikur Dagsson so – auf seine Weise – zum Nachdenken an…

Mehr von Dagssons Cartoons findet ihr hier oder hier.

 

Rock and Roll.

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Wenn harte Männer weinen – Sigur Rós & das Los Angeles Philharmonic: der Konzertstream


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Wenn Jón Þór „Jónsi“ Birgisson, Georg Hólm und Orri Páll Dýrason schon nicht mit wirklich neuen Songs ums Eck kommen (das letzte Album „Kveikur„, ihr erstes als Trio, nachdem Keyboarder Kjartan Sveinsson die Band 2012 verließ, erschien vor vier Jahren), dann sollte man sich Sigur Rós eben auf mitgefilmter Bühnenkonserve geben – da sind die Isländer ja ohnehin noch viel beeindruckender als im recht cleanen Studioambiente…

Neustes untermauerndes Beispiel hierfür wäre etwa die Show, welche Frontmann Jónsi und Co. am 14. April in der Walt Disney Concert Hall in Los Angeles auf die Bühnenbretter nagelten – im ersten Teil gar unterstützt vom Los Angeles Philharmonic Orchester. Zur Wirkung, die Sigur Rós, welche ohnehin seit Jahr und Tag konkurrenzlos auf weiter Flur dastehen (Ist das Klassik? Oder Post Rock? Shoegaze? Ambient Pop? Fuck it, das sind Sigur Rós!), nicht nur auf mich haben, hier mal ein Auszug aus den YouTube-Kommentaren:

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Sigur Rós live from the Walt Disney Concert Hall, courtesy of the Los Angeles Philharmonic Association…

–With the Los Angeles Philharmonic–

Ekki Múkk 19:50
Takk… 27:35
Glósóli 29:58
Hrafntinna 36:09
Niður 42:40
Fljótavík 47:58
Starálfur 52:10
Festival 57:45

–Sigur Rós solo–

Sæglópur 1:18:50
Ný Batterí 1:26:12
Vaka 1:34:20
E-Bow 1:41:00
Kveikur 1:50:05
Popplagið 1:56:00

 

An folgenden Terminen könnt ihr Sigur Rós live erleben:
09.10.2017… Berlin – Tempodrom
12.10.2017… Hamburg – Sporthalle
13.10.2017… Köln – Palladium
14.10.2017… Frankfurt – Jahrhunderthalle

 

Rock and Roll.

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Geboren um zu rennen? – Songtitel mal anders interpretiert


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Jeder von uns hat sich wohl bereits über den ein oder anderen Songtitel und dessen Bedeutung – am Ende mal mehr, mal weniger erfolgreich – den Kopf zerbrochen, oder? Was mag wohl Bruce Springsteen genau mit „Born To Run“ gemeint haben? Was steckt hinter Deep Purples Gassenhauer „Smoke On The Water“, hinter Madonnas „Like A Virgin“, Johnny Cashs „Ring Of Fire“, Led Zeppelins „Stairway To Heaven“ oder „Personal Jesus“ von Depeche Mode? Klar, heutzutage und in Zeiten von Google und Co. ist’s natürlich ein Leichtes, schnell nach den Hintergründen von Lied A oder B zu schauen, da ist man fix über alles und jeden einzelnen Fakt informiert. Aber damals, als das Internet noch nicht mal als Hirngespinst in den Köpfen von ein paar Technik-Nerds existierte (sagen wir, in den Sechzigern oder Siebzigern), konnte man den ein oder anderen Songtitel noch gut und gern ganz anders verstehen (was heute freilich auch noch möglich ist)…

Diese Idee hat der isländische Künstler und Cartoonist (oder „Artoonist“, wie er sich selbst nennt) Hugleikur Dagsson aufgegriffen und so vielen Pop-Songs (im Sinne von „populär“, also bekannt) kleine Illustrationen gezeichnet, die einem (s)eine ganz eigene – und nicht selten absichtlich naive – Auffassung von Liedern wie Oasis‘ „Wonderwall“ bis zu „…Hit Me Baby One More Time“ (of Britney Spears fame) vermitteln. Meistens ist’s sehr, sehr lustig – und manchmal, ja manchmal, fühlt man sich selbst bestätigt, denn genau so hat man den Titel ja bisher auch für sich interpretiert…

Die Cartoons hat Dagsson in seiner Buchreihe mit dem Titel „Popular Hits“ zusammengefasst, einen Auswahl davon findet ihr hier.

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Drei Sekunden Island


„Ich muss hier raus / Ich muss hier raus / Das geht so nicht weiter / Das halt‘ ich nicht aus / Ich kann so nicht leben / Es muss sich was tun / Wir sollten was ändern / Und aufhör’n zu ruh’n / Denkst du genauso? / Dann sag‘ es mir jetzt / Der Morgen wird anders / Das entscheiden wir jetzt…“

Ganz ehrlich: das hört sich im ersten Moment schon arg nach hippie’eskem Erbauungsklampfentum an. Ist es vielleicht auch, zumindest ein wenig. Und doch lohnt sich die Geschichte hinter Drei Sekunden Island

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Hinter dem Projekt, welches nach der oft mystisch verklärten Insel im Nordatlantik benannt ist, steckt der in Berlin lebende Sänger und Songschreiber Thomas Kaczerowski, der seine Solokünstlerlaufbahn unter dem Namen „Thoka“ startete. Was Kaczerowski nicht wusste: Es gab zu diesem Zeitpunkt bereits einen DJ, welcher sich ebenfalls „Thoka“ nannte und den Namen schon länger benutzte. Dieser wiederum bekam – das Internet macht’s ja im Nu möglich – Wind davon, dass Kaczerowski „seinen“ (Künstler)Namen ebenfalls verwendete und erwirkte in einem langen Rechtsstreit, Kaczerowski die Nutzung des Namens „Thoka“ zu untersagen – ein herber Rückschlag für den damals gerade aufstrebenden Sänger und Songschreiber, denn Kaczerowski hatte 2013 gerade sein erstes Album „Tagträumer“ veröffentlicht und musste daraufhin seine gesamte Onlinepräsenz vom Netz nehmen. Parallel wurde er im selben Jahr mit dem „Deutschen Musik Fach Award“ – da noch unter dem Namen „Thoka“ – als bester Newcomer ausgezeichnet. Und hier kommt der neue Name ins Spiel, denn Thomas Kaczerowski befand sich auf seiner Inspirationsinsel Island als das Anwaltsschreiben mit der Unterlassung eintraf – so gab er sich den neuen Namen „Drei Sekunden Island“ – „Drei Sekunden“ als Erinnerung an die Herzentscheidungen, die seiner Meinung nach in den ersten drei Sekunden passieren, „Island“ als Erinnerung an die kraftvolle und für ihn künstlerisch prägende Insel.

Wer beim Hören der Stücke eventuell an eine deutsche Version von Singer/Songwritern wie Fin „Fink“ Greenall denken muss, liegt übrigens gar nicht mal so falsch, denn ähnlich wie der Brite kommt Thomas Kaczerowski aus dem elektronischen Bereich, reiste als DJ kreuz und quer durch Europa und spielte auf diversen Events und in etlichen Clubs, wie der Snowzone in Frankreich, der Love Parade, dem Ushuaia auf Ibiza, der Art of House in Köln, dem Treibhouse in Neuss oder der China Lounge in Hamburg. Eigentlich hätte er, der ja damals mehr als ein Bein im nicht eben schlecht bezahlten DJ-Business hatte, es gut sein lassen können. Doch, ähnlich wie Fink, merkte Kaczerowski nach einer Weile, dass ihn das Auflegen und Produzieren in elektronischen Gefilden nicht erfüllt, fand so den Weg zum Schreiben auf der Akustischen und entschied er sich für den Weg des liedermachenden Solokünstlers – ein steiniger Perspektivwechsel, der wohl nötig war.

655d9dc12820227132e9f57f4a9be4f0dde7c97dAn den vier Stücken der Ende April erschienenen „Wildnis EP“ hat der Neu-Liedermacher drei Jahre gearbeitet. Eine lange Zeit? Nun, wenn man bedenkt, dass Thomas Kaczerowski im Frühjahr 2015 den Mietvertrag für seine Kölner Wohnung aufkündigte, um die folgenden zwölf Monate in einem alten VW-Bus – wenn schon Hippie-Style, dann aber auch richtig! – zwischen Island, seiner Heimat im Rheinland und Marokko zu reisen und ihm die Songs quasi „on the road“ zufielen, relativiert sich das Ganze wohl merklich…

Vor ein paar Jahren noch war eine auf Bums geeichte, nicht selten dem Hedonismus frönende Wochenendpartymeute seine Zielgruppe, Kaczerowskis Leben hektisch und vom Pendeln zwischen Köln und Club geprägt. Heute spielt er – in deutlich zurückgelehnterer Atmosphäre – Konzerte für Menschen in allen Altersgruppen und teilt die Erfahrungen seiner Reisen und des damit verbundenen bewegten Lebens durch seine Lieder, bei denen „authentisch“ und „handgemacht“ nicht eben Schimpfwörter darstellen – hippie’eske Erbauungslyrik kann manchmal, wenn die Botschaften stimmen, schon recht schön sein…

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Hier ein paar aus Musikvideos und Live Sessions bestehende Impressionen zu Drei Sekunden Island

 

Rock and Roll.

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Aufgetaucht – Lockerbie verschenken ihr neues Album „Kafari“


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Island ist schon erstaunlich. Da hat der Inselstaat im Norden Europas gerade einmal soviel Einwohner wie – Obacht! – das beschauliche Bielefeld (nämlich knapp 330.000) und macht seit jeher doch so oft von sich reden.

Klar dürfte sich das Land aktuell am meisten durch seine erfolgreiche – und erstaunlich souveräne – Qualifikation für die Fussball-Europameisterschaft in Frankreich im kommenden Jahr ins Spiel und auf die Titelseiten der Nachrichtenmagazine gespielt haben – immerhin stach man in seiner Gruppe die bemitleidenswerte niederländische „Elftal“ aus. Nicht schlecht für ein Land, in dem – um noch einmal kurz beim Sport zu bleiben – Boxen erst seit 2002 wieder offiziell erlaubt ist (zuvor war es seit 1956 „zum Schutze der Gesundheit“ verboten).

Ansonsten? Klar, von Island aus platzte 2007 eine globale Bankenblase, deren Nachwehen sich bis heute noch von Buenos Aires bis hin nach Tokyo ziehen. Und zum Mythos von Geysiren, singenden Steinen und Elfen tragen die Walfleisch trocknenden Wollpulli-Isländer heutzutage in etwa ebenso sehr bei wie der Bundesdeutsche zum Ruf des Ausländer hassenden, schuhplattlernden PEGIDA-Gängers in Lederhosen. Irgendwelche Klischees hat ja im Grunde jede Nation.

Viel mehr hat sich Island jedoch in den letzten Jahrzehnten im Kultur- und Musikbetrieb einen hervorragenden internationalen Ruf erspielt. Auch da fallen bei den meisten zuerst die Namen der zwei, drei üblichen Verdächtigen: Björk, klar – die 49-jährige Musikerin steht – mittlerweile zum nationalen Heiligtum gereift – wie kaum eine andere Isländerin für jenen unangepassten nordischen Charme, mit dem immer und immer wieder Neues entsteht und Verflechtungen durch alle künstlerischen Bereiche – von Musik über Film bis hin zu höchst abstrakter „L’art pour l’art“ – gezogen werden. Oder Sigur Rós. Die Band um Frontmann Jónsi – mit der androgyn-entrückten Stimme eines Engels gesegnet – hat sich längst ihr eigenes (postrockendes) Genre erschaffen, das sie seit beinahe zwanzig Jahren und sieben Alben zurecht weltweit erfolgreich und einsam auf weiter Flur dastehen lässt. Oder eventuell noch Pop-Singer/Songwriterin Emilíana Torrini oder die Folker von Monsters Of Men. Island-Aficinatos dürften noch Agent Fresco, múm oder Múgison ins Feld werfen, oder eben das seit 1999 stetig wachsende, jährlich in der Hauptstadt Reykjavík stattfindende Festival „Iceland Airwaves“ anführen. Und dann noch einmal erwähnen, dass all diese Künstler aus einem Land kommen, dessen Bevölkerungszahl sich gerade einmal mit einer deutschen Großstadt im Regierungsbezirk Detmold im Nordosten Nordrhein-Westfalens messen kann. Dazu passt auch, dass Hannes Halldórsson, seines Zeichens Nationaltorwart der isländischen Fussballnationalmannschaft, den Großteil seiner fussballfreien Zeit als nicht eben unerfolgreicher Film- und Musikvideoregisseur (zum Beispiel zeichnete er sich in jüngster Vergangenheit für den Musikclip zu einem der isländischen Beiträge zum „European Song Contest“ verantwortlich) verbringt. In einem Land wie Island kennt eben übers Eck so ziemlich jeder jeden, bewegt sich eben alles in kleineren Bahnen…

Lockerbie_OlgusjorOb Davíð Arnar Sigurðsson, Guðmundur Hólm, Rúnar Steinn Rúnarsson, Þórður Páll Pálsson und Hafsteinn Þráinsson es indessen auch bereits mit dem runden Leder versucht haben, ist leider nicht überliefert. Vielmehr haben auch die fünf von Lockerbie, wie viele ihrer Landsleute (und nicht nur die), in frühen Jahren Sigur Rós für sich entdeckt und Jónsi und Co. schon alsbald später als Inspiration zur Gründung einer eigenen Band genommen. Gesagt, getan – Lockerbie waren geboren (der Bandname selbst bezieht sich zwar zu gleichen Teilen auf den Bombenanschlag im schottischen Lockerbie im Jahr 1988 sowie auf ein Gedicht eines ehemaligen Bandmitglieds, trotzdem ist die Band keineswegs politisch). Bald schon ließen Sänger Pórður Páll Pálson und seine Mitstreiter die Welt mit dem 2011 erschienenen Debüt „Ólgusjór“ erste Songs hören, die vielerorts – auch und vor allem außerhalb ihrer Heimat – auf offene Ohren stießen. Verspielter Postrock, gepaart mit Indiepop und vielen kleinen Experimenten – Spieluhren, Xylophone, Streicher etc. pp. Dazu Pálsons Kopfstimme, die Texte auf Isländisch – man kam kaum drum herum, Lockerbie als „Sigur Rós‘ kleinere Brüder“ zu bezeichnen.

Seitdem sind gut vier Jahre ins Land gegangen. Ganze zweieinhalb davon haben Lockerbie mit den Arbeiten am Nachfolger zu „Ólgusjór“ verbracht. Umso erstaunlicher, dass sie „Kafari“ (was übersetzt „Taucher“ bedeutet) nun einfach so, für lau einen warmen Dank und Umme auf ihrer Homepage verschenken. Doch selbst der geschenkteste Gaul ist nichts wert, wenn der Inhalt mau ist. Kann „Kafari“ also überzeugen? Nun, Freunde von Sigur Rós und Co. dürften auch beim Zweitwerk von Lockerbie gern mal ein, zwei Ohren riskieren, denn auch 2015 liegt das, was die in Hafnarfjörður/Reykjavík da in ihren zehn neuen Stücken anbietet, klanglich nah beim musikalischen Output der großen Vorbilder. Poppige Melodien treffen auf postrockige Instrumentalelemente treffen auf vermehrte Elektronik treffen auf einen insgesamt erwachseneren Gesamtklang. Klar findet der findige Hörer hier viele vermeintliche „Island-Sound“-Klischees bestätigt. Ist ja auch nichts Schlechtes dran. Und wer Gefallen an „Kafari“ gefunden hat, der kann der Band via Crowdfunding helfen, die Vinylveröffentlichung auf die Beine zu stellen.

Und bevor mir jetzt noch jemand gezieltes Bashing einer Stadt in Nordostwestfalen unterstellt – hier mal eine kleine Liste berühmter Söhne und Töchter Bielefelds: Friedrich Wilhelm Murnau („Nosferatu“), Hannes Wader, Bernhard Schlink („Der Vorleser“), Hera „Superweib“ Lind, Ingolf Lück, Oliver Welke, Ralph Ruthe, Lena Gössling, Casper – hat ja schon fast isländische Qualitäten, dieses Bielefeld…

 

 

Hier gibt es „Kafari“ im Stream…

 

…und das Titelstück samt dazugehörigem Musikvideo, für das sich der französische Regisseur Timothée Lambrecq verantwortlich zeichnete:

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Ásgeir


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Keine Frage: Das Leben scheint es derzeit gut zu meinen mit Ásgeir Trausti Einarsson. Und man kann sich wohl nur im Entferntesten vorstellen, wie es ist, als mit 21 Jahren noch recht junger Mann jedoch Morgen seinen Kaffee in der Gewissheit zu schlürfen, dass sage und schreibe zehn Prozent der eigenen Landsleute eine – selbstredend bezahlte – Ausgabe des eigenen Debütalbums im heimischen Plattenregal stehen haben…

Da sind die Wichtigtuer, die kleinkarierten Nörgler freilich nicht weit, um diesen Zahlen sogleich die relative Richtigkeit zu verleihen. Denn – manch eine(r) ahnte es wohl bereits – Ásgeir ist Isländer und, runter gebrochen auf die nicht eben zahlreiche Einwohnerzahl der Vulkaninsel knapp südlich des nördlichen Polarkreises, würden diese zehn Prozent des im September 2012 erschienenen Debüts „Dýrð í dauðaþögn“ (was auf gut Deutsch soviel wie „Die Herrlichkeit der Totenstille“ bedeutet) „lediglich“ 320.000 verkauften Einheiten entsprechen. Trotzdem: Bestverkauftes Debütalbum in der isländischen Musikgeschichte, neun Wochen an der Spitze der Single-Charts, 2012 dazu ganze vier Auszeichnungen bei den „Icelandic Music Awards“ – das muss dem Newcomer, welchen man mit seinen Tätowierungen spontan wohl eher in der hardcore-lastigen Musikalienschiene verorten würde, erst einmal jemand nachmachen. Jedoch sind einem Künstler, allen Lorbeeren zum Trotz, auch heutzutage – und ganze 15 Jahre nach dem großen Sigur Rós-Werk „Ágætis byrjun“ – mit ausschließlich isländischem Text- und Liedgut (wenn man Sigur Rós‘ ans Isländische angelehnte „Hopelandic“-Fantasiesprache mal dazu zählt) vor dem internationalen Durchbruch gewisse Grenzen gesteckt…

Doch Gevatter Schicksal ließ auch hier Milde mit Ásgeir Trausti walten. So spielte der Isländer im vergangenen Jahr – neben Shows bei Sónar Festival in Barcelona oder beim deutschen Indie-Kuschelfestival Haltern Pop – beim prestigeträchtigen SXSW in Austin, Texas. Im Publikum befand sich bei diesem Stelldichein von Künstlern, Musikjournalisten und Musiklabels auch ein gewisser John Grant. Und da dem weltgewandten ehemaligen Czars-Frontmann mit den ebenso berührenden wie traurigen  Stimmbändern Ásgeirs Musik besonders gut gefiel, nahm er ihn als Support zuerst mit auf seine nächste Solo-Tournee, um ihm daraufhin vorzuschlagen, alle Texte, welche ursprünglich zum Großteil vom 72-jährigen Vater des Isländers, dem Dichters Einar Georg Einarsson, verfasst wurden, ins Englische zu übersetzen (welch‘ Fügung: Grant, der alte Polyglott, spricht – nebst Englisch, Russisch, Deutsch, Spanisch und Französisch – auch Isländisch!). So setzten sich Grant und Ásgeir erneut vor die Studiotür, bevor der 21-Jährige einmal mehr im Inneren verschwinden konnte, um alle Songs des Debüt auf Englisch aufzunehmen.

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Das auf den feinen Titel „In The Silence“ hörende Ergebnis erfuhr nun vor wenigen Tagen, Ende Januar, seine internationale Veröffentlichung. Und trotz der Tatsache, dass der Isländer seine Songs nun auf Englisch vorträgt, meint man, dass man all die isländischen Klischees noch immer aus den zehn Stücken heraushören kann: die Einsamkeit inmitten der Naturgewalten, die Weite rund um das 40-Seelen-Kaff Laugarbakki, in welchem der Musiker aufwuchs, die schroffen Klippen, die Geysire und Nebelfelder. Andererseits: Wieso sollte sich Ásgeir auch verbiegen (lassen), gar: seine Herkunft verleugnen? Hört man jedoch auf „In The Silence“ genauer hin, so könnte man fast meinen, dass das Balsam-Falsett nicht ihm, sondern Justin „Bon Iver“ Vernon gehöre. Und auch musikalisch ist das Ganze zu großen Teilen gar nicht mal so weit von Werken wie „For Emma, Forever Ago“ der US-Indiefolk-Band aus Wisconsin – also: Bon Iver (obwohl Vernons Zweitband Volcano Chor auch schon ums Eck lugt) – entfernt: melancholische Akustikgitarrenballaden, deren Weg mal von rhythmischer Schlagzeugbegleitung, mal von einem sacht aufspielenden Piano gekreuzt wird. Damit all das nicht zu beschaulich gerät, erlauben sich Ásgeir und seine Mitmusiker freilich auch kleine Experimente, lassen elektronische Dub- oder Minimal Beat-Verweise oder 8-Bit-Rhythmik einfließen (man höre den Beinahe-Dance-Track „King And Cross“), während andere Nummern durch ihr marschierendes Schlagzeugspiel (die Single „Torrent“) oder ihre jubilierenden Fanfaren („In Harmony“) so beileibe auch von den Landsmännern von Sigur Rós stammen könnten. Kings Of Convenience meets Bon Iver meets James Blake meets Nick Drake meets Sigur Rós meets Simon & Garfunkel meets Patrick Wolf. Dass Ásgeir all diese Vergleiche und Querverweise, die sich während der 40 Minuten des Debütalbums wohl unweigerlich auftun, im Grunde kaum nötig hat, spricht wohl nur für das Naturell des Isländers, der – hallo x-te Klischeefalle! – zu allem Überfluss auch noch auf dem Label One Little Indian – und damit auf dem gleichen Plattenlabel wie Vorzeige-Island-Sirene Björk – veröffentlicht. Nö, der Newcomer reist nun freilich lieber um die Welt und singt seine ebenso spartanisch ausgeleuchteten wie edel verzierten Lieder über die Liebe, das Leben, die Harmonie, über die Natur und die Heimat: „I lift my mind to the sky / And I let it take flight / The wind carries to my ears / Precious songs of life“. Und wenn man ganz genau hinschaut, dann wird man durch die Nebelschwaden vielleicht die Sonnenstrahlen aus seinem Allerwertesten wahrnehmen. Keine Frage: Das Leben scheint es derzeit gut zu meinen mit Ásgeir Trausti Einarsson…

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Da Isländer bekanntlich weder Schotten noch Schwaben sind, kann man sich hier Ásgeirs 2013 in den Londoner Tos Rag Studios aufgenommene Drei-Song-Akustik Session gleichen Namens anhören und kostenlos aufs heimische Abspielgerät herunterladen…

 

…sich hier die Musikvideos der Singles „King And Cross“ sowie „Torrent“, welche frecherweise eben nicht für ihre acht Albumkumpane von „In The Silence“ Pate stehen können, ansehen…

 

…und die Songs des Isländers in mal mehr, mal weniger reduzierten Sessions-Varianten begutachten:

 

Rock and Roll.

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