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Zitat des Tages


(gefunden bei Facebook)

James Joyces große Bücher „Ulysses“ und „Finnegans Wake“ gelten als nahezu unübersetzbar – und sind dennoch weltberühmt: Gestern vor 80 Jahren starb der irische Wegbereiter des modernen Romans. (Und das obige Zitat stammt wohl nicht wirklich von ihm, wird Joyce jedoch gern zugeschrieben…)

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Musical Slave – „They Can’t Stop You“


Wenn selbst einer wie Oscar-Preisträger Glen Hansard (The Frames, The Swell Season) einem digitale Lorbeeren wie „Norwigi embodies the best of cultures crosspollinating and flourishing together. I’m a huge fan of her writing and her videos.“ zuteil werden lässt, dann sollte man getrost ein, zwei Öhrchen riskieren.

Hinter der von hoher Singer/Songwriter-Stelle gepriesenen The Musical Slave versteckt sich die aus Norwegen stammende Straßenmusikerin Kristin Vollset, die – schenkt man ihrer Erzählung Glauben – in ihrem Leben schon gut in der Welt herum gekommen ist:

„The Musical Slave is a travelling musician and storyteller. She plays tropical punk and sings about people, love, cosmic forces, and the world economy. 

The Musical Slave is from Bergen, on the west coast of Norway. But she’s happiest when she’s out wandering. She started making music, jamming on the streets of Lyon, in France around the year 2000. She later moved to London where she ended up making vocal- and noisebased soundscapes. After a few years she travelled to Mexico, and started working as a street musician there. She also worked as a fisher in the Mexican lagoon of Temascal. When she moved back home she started writing her own songs. She has also worked as a school assistant, painter, scaffolder, bricklayer, gardener, and on a farm making cheese and sausages.

The Musical Slave has been performing in the street, since 2003. When she’s on the move she also sometimes makes money selling pancakes. 

From 2006 to 2010 she was in the band Bergen Beach Band.

From 2011 to 2014 she lived in Ireland, where she wrote the famous ballad, ‚No Plan‚, about the urban horse culture in inner city Dublin. She also made a documentary music video for it, which has been screened in film festivals in Dublin, New York and Cairo.

In February 2017 she gave birth to her daughter, Lovis, and until recently she’s been working as a full-time mother. 

She’s now back working on her music, and focusing on recording more of her songs.“

Und auch wie sie zu ihrem Künstlernamen kam, verrät die freiheitsliebende Künstlerin:

 „I call myself ‚The Musical Slave‘ because I believe that the money system turns us into slaves, and stops many people on this planet from doing what they really want to do. When you are always stuck, struggling to survive, you can’t be creative, and you don’t have time and energy left to really live.

But we’re all born with a heart, and we can use this heart to express ourselves, and to fight to turn this world back into the dream its meant to be. And music is a way to spark each other’s hearts, and remind each other to not let anything stop us from doing what we want and being who we want to be.“

Abseits von zwei, drei Songs hat Vollset leider noch nicht allzu viele musikalische Lebenszeichen hinterlassen. Einer davon ist jedoch das im Mai veröffentlichte „They Can’t Stop You“, welches sie ihrer Teilzeit-Wahlheimat Dublin widmet:

I remember when I first arrived in Dublin 8 on a Friday morning in June, how surprised I was that everyone was talking to me. And they had this dark sense of humour that made me feel at home straight away. It was like going back to a different time, when people lived in smaller groups with their own friends and family.

I found a freedom with these people that I haven’t found anywhere else. And with this song, I want to give people the same feeling of freedom they gave me.

This song, ‚They Can’t Stop You‘, is really about the search for freedom. The basic, primal freedom I think every living being longs for, but that, unfortunately, is hard to reach.

And that’s why I love the people of Dublin 8 so much – because out of all the people I’ve met in my life, they’ve come the closest to claiming that freedom. The song is also about the tension between the tribe and the state, and about who gets to decide what freedom is and if we should be allowed it.

I had a big problem in Dublin, that the police kept shutting me down whenever I played in the street. I think the state goes too far in limiting people’s freedom and their right to exercise their culture. And society is transforming quickly now, and with mass surveillance becoming the new norm, and artificial intelligence being able to reach and possibly control every aspect of our lives, redefining and reclaiming freedom is more relevant than ever.

So with this song I hope to remind people what it feels like to be free…

Und neben einem wachen Auge für gesellschaftliche Missstände scheint Irland auch klanglich die ein oder andere Spur hinterlassen zu haben – so meine ich einen Touch der vor zwei Jahren (zu früh) verstorbenen Cranberries-Sirene Dolores O’Riordan herauszuhören.

Klare Sache: The Musical Slave und ihr zukünftiges Schaffen sollte man im Auge (und Ohr) behalten! Ist ja schließlich von Glen Hansard abgesegnet…

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Kilkelly – The Prick & The Petal“


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Aus der Distanz auf den Ort der eigenen Prägung zu blicken, öffnet manchmal neue Einsichten – der letzte kleine Trost der Exilierten. Nun ist der Ire Conor Kilkelly, der 2017 mit (s)einer Debüt-EP die musikalische Bühne betrat und aktuell in Berlin lebt und arbeitet, natürlich kein in diesem Sinne Exilierter. Und doch treibt ihn der räumliche Abstand in eine intensive Auseinandersetzung mit den Traditionen, Geschichten und vor allem Versehrtheiten seiner Heimat, die sich nicht zuletzt auch aus dem Verlust ebenjener speisen. So verhandelt sein im vergangenen September erschienenes Debütalbum „The Prick & The Petal“ persönliche Fragen nach der eigenen Herkunft, indem es sie im Kontext eines kollektiven Bewusstseins zurücktreten lässt. Mal zärtlicher, mal düsterer Folk, der auf Kilkellys akustischer Gitarre, Kontrabass, Akkordeon, Cello sowie Schlagzeug fußt und ab und an dezent von irischen Geigen umweht wird, kartographiert die Mentalität Irlands.

a4013063521_16Zwei Charaktere tauchen dabei immer wieder in den elf Stücken auf: Joe und Mary, deren wohl bewusst gewählte allzu gewöhnliche Namen bereits verraten, dass sie für mehr stehen als für sich selbst. Ein verdammtes Liebespaar, das von Anfang an dem Untergang geweiht ist. Der Opener „Married Too Young“ erzählt zu traditionellem Folk-Picking von verfrühter Heirat und zwischenmenschlichem Verfall, der sich im Sozialen spiegelt – „the jobs dried up and my nerves grew thin“ – und in eine Anspielung auf Heroinmissbrauch, die sich als geschickter und überraschender Anachronismus in den Song schmuggelt, mündet. Nie weiß man so recht, in welcher Epoche die Erzählung denn nun spielen mag, denn Kilkelly verwischt implizit die Trennung von Vergangenheit und Gegenwart. Beide erweisen sich als unauflöslich verknotet – ein Thema des Albums.

Die sanft dahingleitenden Harmonien von Songs wie „Anything But Here Will Do“ verschleiern auf den ersten Blick den Fatalismus ihrer Texte. „How can I sound so bitter and ask of you so sweet?“ fragt Kilkelly und steigt zynisch in „Look For Me When I’m Leaving“ ein: „You can never get too ready to settle on a loss.“ Neben diesen also nur vordergründig beschaulichen Folk-Kleinoden kippt aber insbesondere die zweite Hälfte des Werkes in dunklere, experimentellere Dark-Folk-Stimmungen. „Cabaret“ etwa macht seinem Titel alle Ehre: eine windschiefe Cabaret-Nummer mit der ein oder anderen Dissonanz, Stimmengewirr und gequälten Bläsern, die ein wenig an Nick Caves oder Tom Waits‘ düstre Balladen gemahnen. Das im Duett mit Stephanie Hannon (die sich übrigens auch für das umfangreiche, fantastisch gestaltete Hardcover-Begleitbuch des Albums verantwortlich zeichnet) gesungene, wunderschöne, sich seiner Melancholie vollkommen ausliefernde „Chasing The Dead“ leitet über zum polternden Ausbruch in „Confession“, der nach wenigen Sekunden jedoch wieder vom büßenden Kilkelly und einer wimmernden Geige abgelöst wird.

Conor Kilkelly ist mit diesem Debüt – neben der optischen Aufmachung, die ihren Preis absolut wert ist – etwas Besonderes gelungen. Sein nahezu zeitloser Folk, der ab und zu auch Genres wie Blues und Sporen Word touchiert, geht gekonnt mit seinen Einflüssen um, ohne bahnbrechend neu zu wirken. Aber das muss er auch nicht. Statt nur ein weiterer akustikklampfender Singer/Songwriter zu sein, der sein eigenes Leiden individualistisch überhöht, knüpft der Wahl-Berliner konzeptuell an die musikalischen und erzählerischen Traditionen Irlands an, zitiert sie und bricht sie mitunter. So berichtet „The Prick & The Petal“ von Joes und Marys Leiden, von Depression, Drogen, Alkoholismus und Hungersnöten, spiegelt sie aber zugleich in einer Gemeinschaft, die sich singend selbst be- wie hinterfragen darf. Vielleicht scheint auch deshalb „One Day Soon“ am Ende wie ein kleiner Hoffnungsschimmer des Miteinanders: „Maybe one day soon, we’ll be looking at each other without looking through…“

 

 

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Winter Passing – „Resist“


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Fünf Jahre nach dem Debüt „A Different Space Of Mind“ und drei Lenze nach der „Double Exposure EP“ fügen The Winter Passing ihrer Diskographie endlich Album Nummer zwei hinzu. Der Sound von „New Ways Of Living“ klingt dabei zwar immer noch nach einer wilden, juvenilen Fahrt durch Emo, Indie- und Folkrock, allerdings stets in seiner gehobensten Form. Damit präsentiert sich das Quintett als einer der schillerndsten Rohdiamanten aus Dublins umtriebiger DIY-Szene…

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Passend dazu, dass The Winter Passing, die nicht nur in weitreichenden Einflüssen von Sonic Youth über No Doubt oder American Football sowie einer kollektiven Faszination für Filmografie, irische Redensarten und ländliche Küstenstädte viele gemeinsame Nenner finden, sich auch im Jahr 2020 musikalisch irgendwo zwischen den Genre-Stühlen Indie, Punk, Midwest Emo und Folk (die ja nie gänzlich ohne ein kapitales „ROCK“ auskommen) ansiedeln, arbeitet das Fünfergespann um die Geschwister Kate und Rob Flynn – wohl auch ein wenig aus der rationalen „Not“ heraus – bevorzugt in Eigenregie. Sie produzieren ihre Platten nahezu selbst, buchen – so denn Corona und Co. nicht eben alles zum Stillstand zwingen – eigene Shows rund um den Globus, waren in Großbritannien und Europa so bereits als Support von Bands wie Modern Baseball, The Wonder Years, Touché Amoré, The Dirty Nil oder Four Year Strong zu erleben. Und lassen nun endlich mit dem zehn Songs starken „New Ways Of Living“ neue Musik hören.

Mit dem zweiten Langspieler will die Band nicht nur einmal mehr mit ihrem irischen Working Class-Ethos überzeugen, sondern auch ein neues Kapitel aufschlagen. Die neuen Songs sollten noch dynamischer, die Texte von Kate und Rob Flynn noch persönlicher geraten. Ihre verletzliche Seite zu zeigen, gehört für sie selbstverständlich dazu. „Die neuen Songs handeln von Mental Health und Wohlbefinden, der Angst, die durch den ständigen Wechsel von Stabilität und Instabilität im Leben hervorgebracht wird und davon, sich damit abzufinden, auch einfach nur ‚OK‘ zu sein“, erklärt Sänger und Gitarrist Rob Flynn.

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Das eröffnende „Ghost Thing“ verbreitet von der ersten Sekunde an eine Art unruhige Aufbruchsstimmung, wirkt dabei unbequem und doch harmonisch. Der an mancher Stelle an Kapellen wie die kanadischen Indiepopper Stars oder die ebenfalls aus dem Ahorn-Staat stammenden Alternative-Rocker July Talk erinnernde Wechselgesang der Geschwister – er das Raubein, sie charmant und leichtfüßig (und manchmal eventuell etwas zu sehr in Richtung quietschige Kopfstimme unterwegs) – entwickelt schnell eine gewisse Eigendynamik, das zwingend indierockende Arrangement zwischen verbissenen Strophen und weit offenem Chorus erzielt so einige Volltreffer. Davon ist im folgenden „The Street And The Stranger“ erst einmal nicht allzu viel zu hören. Die Band nimmt das Tempo heraus, gibt sich fragiler und emotionaler. Erst über Umwege schleicht sich das Stück an, beißt sich dafür jedoch umso beharrlicher fest.

Eine gewisse Spannung ist in jeder Sekunde zu spüren, wenn beispielsweise die Single „Resist“ aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht und einen amtlichen Refrain zwischen Melancholie und Hoffnung lostritt. Das Duett der Flynns tönt gut und funktioniert immer wieder. So auch im recht punkigen „New York“, einem schönen Schrammel-Song mit kleinen Widerhäkchen, der wie im Rausch durch die Szenerie preschend und doch reich an Melodien erscheint. Anderswo, in „Greetings From Tipperary“, wird’s unaufdringlich-jingle-jangle-folkig, „I Want You“ gibt sich gleichsam nachdenklich und sentimental. Den Rausschmeißer gibt’s schließlich im XXL-Format: „Mind Yourself“ nähert sich der Sieben-Minuten-Marke an und entlädt sich in Druckwellen, rund um beklemmende Ruhe und blanke Emotionalität angesiedelt. Das geht gen Ende im besten Sinne an die Substanz.

Eines wird deutlich: Wenn The Winter Passing zulangen, dann so richtig. Ihr zweites Album braucht keinen Vorlauf, keine Aufwärmphase, sondern explodiert mit einem Mix aus gefühlvollen Harmonien, beklemmenden Emo-Teppichen, scharfkantigem Punk Rock, beinahe shoegaziger Atmosphäre und sanfter Hoffnung. „New Ways Of Living“, welches mit „Good Thing“, „Melt“ und „Resist“ gleich drei formidable Kandidaten für die Emo-Playlist des Jahres parat hat, mag dabei – dem vollmundigen Albumtitel zum Trotz – zwar auch keine Allerweltslösungen fürs menschliche Miteinander bieten, bahnt sich jedoch immer wieder den Weg aus der Niedergeschlagenheit und überrascht positiv mit kleinen, feinsten Kniffen. Zehn kleine Indie-Perlen, die nahelegen, dass die Songs von The Winter Passing in Zukunft sogar noch um einiges spannender geraten können…

 

Hier gibt’s das Musikvideo zur Single „Resist“, welches Corona-bedingt in den Wohnungen der Bandmitglieder entstand:

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Cry Monster Cry


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Das aus Irland stammende Brüderpaar Richie und Jamie Martin hat sich wohl schon immer für Musik interessiert – so weit, so schon x Male in unzähligen Promotexten zu lesen gewesen. Auch, dass die beiden ihr eigenes Faszinosum auf die frühe Auseinandersetzung mit Plattensammlung und dem durchaus erlesenen Musikgeschmack ihrer Eltern zurückführen, dient in der Tat kaum als Alleinstellungsmerkmal. Und alle, denen der Gedanke an Kassettenbandsalate sowie an bunt und doch mit herzblutener Bedacht durch den Gemüsegarten der Töne zusammengestellte Mixtapes selbst heute noch wohlig-nostalgische Gänsehautschauer über die Epidermis jagt, können wohl nachvollziehen, dass die Martins ebenfalls gern an jene Tage zurückdenken, als Sommerferien und lange Autofahrten durch die irische Landschaft zum Haus ihrer Mutter in Donegal immer von den eigenen Mixtapes begleitet wurden…

Diese nostalgischen Jugendjahre sind in ihrer retrospektiven Erinnerung eingehüllt in die Klänge von Bob Dylan, den Everly Brothers, Van Morrison, Ray Charles oder Simon & Garfunkel. Es dauerte nicht lange, bis die Brüder lernten, selbst Instrumente zu spielen. Richie begann mit der Geige, bevor er als Teenager zur Gitarre wechselte. Sein Interesse führte ihn zum Musikstudium am College, wo er mit verschiedenen Klängen experimentierte. Jamie begann auf den weißen und schwarzen Tasten des Klaviers, bevor er von fast jedem Instrument besessen wurde, das er in die Finger bekam. Seine Liebe zum geschriebenen Wort brachte ihn dazu, Englisch am College zu studieren. Die oberste Prämisse der beiden blieb jedoch stets, gemeinsam Musik zu machen. Man erhebe den Vorhang für Cry Monster Cry!

71Syp5Kd+2L._SS500_Zusätzlich sind die Martin-Brüder auch tief in ihrer Heimat verhaftet. So ist es kaum verwunderlich, dass in ihren Songs ein tiefes Interesse an den Traditionen des Geschichtenerzählens in Irland deutlich spürbar scheint. Texte, Melodien und Rhythmen steten dabei gleichberechtigt in einer Reihe. Oft verschmelzen sie in Harmonie miteinander, um gen Firmament jubilierende Klanglandschaften zu erschaffen, während sie andererlieds gegensätzlich und kontrastierend scheinen, um darunter liegende, sanft reibende Spannungen zu erzeugen.

Ihr 2015 erschienenes Debütalbum „Rhythm Of Dawn“ ist dabei – sowohl in künstlerischer als auch in thematischer Hinsicht – ein Werk des Übergangs. Das zyklische Sujet der Platte markiert die Reise von der Nacht in den Tag. Vögel ziehen sich wie ein federner roter Faden durch das ganze Werk und scheinen wie eine Naht in den Stoff der zehn Stücke vernäht. Bei aller Ruhe und Schönklang gelingt es den Brüdern, die sich Zeit nahmen, um mit verschiedenen Sounds zu experimentieren, und neben traditionellen Folk-Instrumenten wie Banjos, Mandolinen und Akustikgitarren auch subtil flirrende Synthesizer, druckvolle E-Gitarren, hypnotische afrikanische Perkussion und Kammerorchester in ihren Sound einbunden, eine offensichtliche Spannung zwischen den melodischen Harmonien und den schwereren, dunkleren Untertönen in den Texten und Klängen, aus denen das Werk besteht, zu erzeugen.

A1Vz-CAbnSL._SS500_Und diesen Weg geht auch das im vergangenen Jahr veröffentlichte Album „Tides“ recht konsequent weiter – nur dass das zweite Werk von Richie und Jamie Martin diesmal einen noch dunkleren, noch einnehmenderen Sog erzeugt. Den beiden Dublinern ist dabei eine – im besten Sinne – wunderbar trügerische Alt.Folk-Platte gelungen – und das trotz ihrer kaum als „happy-go-lucky“ zu umschreibenden Grundthematiken (die auch die Pressemitteilung umreißt): „Der vernichtende Schmerz des Verlusts… Selbstzweifel. Probleme mit Depressionen. Siege. Niederlagen. Neue Lieben…“ – All das könnte natürlich der Grundstoff für harten Songtobak sein, glücklicherweise nimmt die Wärme der ohne viel Tamtam geschrieben Stücke den Zuhörer oft genug kumpelhaft in den Arm. Alles in allem ist „Tides“ gleichsam tröstlich wie widersprüchlich, Ebbe ebenso wie die nahende Flut. Hier lässt es sich von ganzem Herzen ebenso gut träumen wie heulen, lächeln wie grübeln.

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Zu den Highlights von „Tides“ zählen ohne Zweifel die Songs „Citadel“…

 

…und „High“…

 

…oder das Titelstück, welches Richie und Jamie Martin bei dieser Live Session inmitten der fast schon kitschig malerischen Kulisse des Brienzersee, welcher eingebettet zwischen den Emmentaler und Berner Alpen im Schweizer Kanton Bern liegt, zum Besten geben (das Ganze ist wiederum Teil des knapp halbstündigen Kurzfilms „When The Snow Falls I’ll Be Gone„, welcher Cry Monster Cry bei ihrer Reise in die Schweizer Alpen begleitet):

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Ocelots – „The Switch“


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Foto: Caolán Barron

„Der Ozelot (Leopardus pardalis) ist eine in Mittel- und Südamerika lebende Raubtierart aus der Familie der Katzen (Felidae). Er ist der größte und wohl bekannteste Vertreter der Pardelkatzen (Leopardus), einer auf Amerika beschränkten Gattung kleinerer, gefleckter Katzen.“Wikipedia, das olle Schwarm-Klugscheißerle…

Nun mag sich ANEWFRIEND keineswegs für den Heinz-Sielmann-Gedächtnispreis bewerben und möchte Brandon und Ashley Watson – Babyfaces hin oder her – freilich keineswegs mit putzigen Raubkätzchen vergleichen. Jedoch ist das irische Zwillingspaar aus Wexford im Südosten der „Grünen Insel“, welches im Duo auf den Namen The Ocelots hört, trotz seiner jeweils 22 Lebensjahre schon gut rumgekommen und hat sich seine Sporen seit 2016 auf den Straßen, in den Fußgängerzonen oder Stadtparks und an allerlei U-Bahn-Stationen Europas sowie bei zig intimen Kleinkonzerten verdient. Kaum verwunderlich also, dass selbst Größen wie Jack Johnson oder Glen Hansard innerhalb kürzester Zeit auf sie und ihre 2017 erschienene Debüt-EP „Till We Get There“ aufmerksam wurden und die beiden zu sich ins Vorprogramm einluden. Wohl auch deshalb haben The Ocelots mittlerweile ein dickes Plus als Tour-Weltbürger rund um den Globus vorzuweisen. Und leiht man dem im März veröffentlichten Debüt-Langspieler „Started To Wonder“ sein Ohr, weiß man auch schnell, warum es derzeit so gut für die Brüder läuft: The hype may still be small, but it’s real!

unnamedWie eine bodenständigere Kleine-Bruder-Version der frühen „Parachutes“-Coldplay beginnt das Album, dessen schlichte Produktion zurecht vollkommen auf das Songwriting der mittlerweile in Leipzig ansässigen Zweierband setzt und völlig zurecht keine musikalischen Nebelkerzen oder unnütze Gimmicks einbaut, um davon abzulenken. So entsteht schnell eine intime Unmittelbarkeit, in der alle Lieder von einer Akustikgitarre grundiert werden. So würde der optimistische Opener „Gold“ auch auf dem mittlerweile knapp zwanzig Lenze jungen Debüt von Chris Martin und Co. eine gute Figur machen. Die wunderbare Single „The Switch“ präsentiert dabei – nebst einem Theremin (oder ist das etwa eine singende Säge?) – den wohl stärksten Quasi-Popsong des Langspielers, schleicht sich mit bezaubernder Harmonieführung und hingetupfter Leadgitarre langsam und rhythmisch in die Gehörgänge und tanzt dann träumerisch davon: „The train goes by like a lullaby…“. In einer ähnlich versonnenen Sphäre bewegen sich auch die folgenden Stücke, die das Album immer stärker beruhigen. Auf dem passend betitelten „Dream The Day Away“ begleitet ein Banjo die entrückten Stimmen der Brüder, die wie Sprachfetzen oder Straßengeräusche aneinander vorbeiziehen. Auch feine Ironie ist den Watson-Zwillingen nicht fremd: Auf „Lost“, das so entspannt beginnt, als wäre es chilled out in der Hängematte von Ex-Tourkollege Jack „Upside Down“ Johnson geschrieben worden, stellen sie die Frage nach der Substanz („When do I stop feeling shallow?“), nur um einige Minuten und ein paar verwinkelte Melodien später die Orientierung zu verlieren: „Am I lost?“. Kurz darauf drohen die schwebenden, träumerischen Harmonien des Albums plötzlich zu kippen, wenn im kargen und doch intensiven „Strangers In The Stairways“ die klischeehaften, einsamen Reflektionen am Fenster von einer allzu profanen Reihenhaus-Alltagsrealität zerstoben werden: „The TV blares as my neighbours upstairs start a fistfight…“. Am Ende wird die Angst vor der sozialen Isolation förmlich herausgeschrien.

Die Konstante auf „Started To Wonder“ – man kann’s gar nicht oft genug betonen – bleiben die großartigen Harmoniegesänge, die unweigerlich Gedanken an die oftmals symbiotische Beziehung von Zwillingen hervorrufen. Wie Brandon und Ashley Watson mal mit-, mal gegeneinander singen und ihre Stimmen auf mitunter ungewöhnliche, aber stets gekonnte Weise ineinander weben, verleiht den ohnehin schon tollen Melodien weitere Tiefe. Oberstes Prinzip der beiden bleibt stets, einfache Mittel kreativ einzusetzen, wohl auch ein Gesetz der Straße. Zwar mag das den eigenen kreativen Spielraum ein wenig einschränken, jedoch kann darin auch eine Chance liegen, die Lieder auf andere Art und Weise zu fokussieren. Und trotzdem gelingt es The Ocelots, klassischen Folk à la Bob Dylan, Neil Young, Simon & Garfunkel oder den Carpenters mit Anklängen aus jüngerem Indie- oder Jangle-Pop der Marke Bright Eyes (in sonniger), Fleet Foxes (in weniger aufgewühlt) oder Travis (als irisches Pendant) anzureichern. Wem Belle & Sebastian über die Jahre zu pompös geworden sind, wer die Lo-Fi-Ästhetik der frühen Alben von The Clientele vermisst, wem Damien Rice‘ erste Werke zuviel Herzeleid in sich tragen, der kann in The Ocelots eine junge Band entdecken, die im ersten Durchgang wohlmöglich noch banal nach Easy Listening tönende, bald jedoch schon hintersinnig und zeitlos-toll funkelnde Indie-Folk-Songs mit Herz(blut) schreibt und mit ihren Händen und Stimmen, mit Akustikgitarre, Banjo, Mundharmonika oder Piano feine, sympathisch-unperfekte Musik macht. So einfach kann’s manchmal sein. Und das Niedliche? Sei beruhigt dem Leopardus pardalis selbst überlassen…

 

 

Neugierig geworden? Dann passt mal auf:

Bis zum 23. April 2020 vergibt ANEWFRIEND – mit freundlicher Unterstützung von The Ocelots sowie ROLA MUSIC – Quarantäne-freundliche Downloads von „Started To Wonder“ an alle, die zwar Böcke haben, das Debüt zu hören, jedoch aktuell nicht ausreichend Kröten in der Geldbörse locker machen können, oder – aus welchen Gründen auch immer – den bereits bestellten Langspieler grad nicht aus dem Briefkasten fischen können. Was ihr dafür tun müsst? Schreibt einfach eine E-Mail mit dem Betreff „Ozelot-Osterhase“ an anewfriend@gmx.de und beantwortet folgende Frage: Für welchen Song durfte der weiter oben erwähnte irische Folk-Barde Glen Hansard vor einigen Jahren – zwar völlig zurecht, aber doch auch ein klein wenig überraschend – einen Oscar in der Kategorie „Bester Song“ mit nach Hause nehmen? Viel Erfolg!

 

Rock and Roll.

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