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Auf dem Radar: No Plato


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Drüben auf GUTESHOERENISTWICHTIG werden die ersten Höreindrücke der Songs von No Plato wie folgt beschrieben: „Sprühende Gitarren, energiegeladene Drums, auf- und abwandernde Bassläufe, die Stimme der Frontfrau, die elektrisierend, spannungsvoll und zeitweise fast ein wenig schlecht gelaunt klingt und inbrünstig nach Zuneigung, nach Aufmerksamkeit ruft.“ Besser könnte ich’s nicht ausdrücken.

a0186878351_10Denn in der Tat passiert in den Stücken des Trios, welches irgendwo aus dem englischen Nirgendwo stammt (Rhyl, Burton-on-Trent & Cheddar, you know?), trotz der Tatsache, dass selten die Dreieinhalbminutenmarke geknackt wird, erstaunlich viel. Frontfrau Sorrell Kerrison schafft es scheinbar spielend, zwischen Liebreiz und Furie hin und her zu changieren, während ihr die beiden Jungs im Hintergrund (T. Baker und T. Hipwell) kraftvoll den Rücken freihalten. Rausch und Ruhe geben sich da gern die Klinke in die Hand. Stilistisch fallen die zwölf Stücke, die No Plato bislang ins Netz gestellt und kürzlich als „Collection“ zusammengefasst haben (welche man sich auf der Bandcamp-Seite der Band im „Name your price“-Prinzip aufs heimische Abspielgerät laden kann), schlussendlich wohl irgendwo zwischen rauen Indierock mit dezenten Riot-Grrrl-, Postpunk- und Shoegaze-Ausflügen. Aber hört selbst…

 

 

Auch gut: die sechs Songs starke Live-EP „Live at Metropolis Studios“…

 

und das Musikvideo zum einminütigen Song „Heretic Alone“:

 

Wer ein wenig mehr über die englische Band erfahren möchte, der findet hier ein Interview mit theknifefight.com von 2011.

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Kraków Loves Adanas „Contrast EP“


Lillies

Schon mit den ersten Gitarrenklängen der „Contrast EP“ erwachen die Erinnerungen an ein wunderschönes Projekt: Im Jahr 2012 haben Kraków Loves Adana, welche sich damals auch auf ANEWFRIENDs „Radar“ befanden, ihr zweites Album „Interview“ veröffentlicht und in diesem Zusammenhang dem Song „Silver Screen“ gar eine eigene Website gewidmet. Unendliches Rauschen wird hier von einer stimmungsvollen und eindringlichen Melancholie getragen. Diese Melancholie fand in ähnlicher Form und in Stücken wie „Porcelain“ oder „Red Paperclips“ auch schon auf dem zwei Jahre zuvor aufgenommenen Debütalbum „Beauty“ ihre Vollendung. Nach großer Aufmerksamkeit um ihre Musik und mehr als zwei Jahren Pause haben Deniz Cicek und Robert Heitmann nun mit „Contrasts“ im vergangenen Oktober eine neue EP veröffentlicht. Dass nach einer solch langen Zeit zunächst aber einige Veränderungen anstanden, klingt nur logisch.

Krakow_Loves_Adana_Interview_01Kraków Loves Adana setzen mit ihrer neuen EP zwar die Mixtur aus sphärischen Texten und minimalistischen Sounds fort, doch an der Herangehensweise der beiden Musiker hat sich einiges geändert. Sängerin Deniz Cicek beschreibt auf dem Blog der Band einen schlichten Grund für die veränderte Arbeitsweise: „I stopped caring about the opinion of people of the music industry, trying to tell me how a song should be written, how a song should be sung or how a guitar should be played and I definitely do not care about the material benefits. I write because there is an urge in me to do so. All I care about is the music and all I want is to share it with you.“ Wie zu Beginn des gemeinsamen Arbeitens hat das Duo bei den Aufnahmen alles auf das Nötigste reduziert: Keine teuren und geschönten Produktionen, einfach nur Gitarren, Klavier und eine Drum Machine. Hinzu kommt natürlich der nach wie vor rohe und zerbrechliche, dezent an Nico erinnernde Gesang, durch welchen die Songs erst ihre ganze Schönheit offenbaren.

Die Schönheit der Songs der „Contrast EP“, welche komplett im Indie-Eigenvertrieb erscheint, beweist bereits der Opener „Tender Trap“. Mit seinen Gitarren und der Zeile „It’s a tender trap, you got yourself in, with no room to act, oh, it’s so unforgivable“ spiegelt er so etwas wie pure Authentizität wider. Nach wie vor steht das Duo nämlich für eine äußerst persönliche Art von Musik. So prägen Emotionen und träumerischen Passagen auch „Friends“, das mit einem eindrucksvollen Vibrato im Gesang zu einem ersten Highlight der EP avanciert. Der Spannungsbogen findet seine Klimax jedoch in „Lost“, das sich mit abwechslungsreichen Sounds und einem spannenden Aufbau zu einer besonderen Pop-Ballade entwickelt. Auch „Trouble“ und „Sudden Drafts“ reihen sich in ein Gesamtbild ein, bei dem Schlichtheit noch immer der Schlüssel zum Erfolg ist. Kraków Loves Adana beweisen endlich wieder, warum man auf ihre Musik einfach nicht gänzlich verzichten mag – und sei es auch ein Cover von Drakes „Hotline Bling“, welches das Duo einige Tage vor ihrer EP veröffentlicht hat.

Freilich ist auch die „Contrast EP“ nichts für die breite Masse, einen feinen Sontagssoundtrack geben die fünf neuen Song jedoch allemal ab…

 

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Ryan Adams – 1989 (2015)

ryan-adams---1989-d17a2d2867f184b4-erschienen bei PAX AM/Sony-

Anfang August ging ein Raunen durch den digitalen Blätterwald. Der einfache Grund: Niemand Geringeres als Ryan Adams kündigte an, Taylor Swifts vor ziemlich genau einem Jahr erschienenes Erfolgsalbum „1989“ in Gänze (!) neu interpretieren zu wollen – und das nicht (nur) einmalig und für ein begrenztes Publikum an einem Bühnenabend, sondern im Aufnahmestudio, um es für alle (Musik)Welt nachher hörbar höchst offiziell zu veröffentlichen. Da fragte sich die vornehmlich jüngere Zielgruppe von Taylor „TayTay“ Swift freilich nicht ohne Grund: Ryan wer? Und selbst langjährige Hörer des Mannes aus Jacksonville, North Carolina waren ob dieser Ankündigung hin und her gerissen. Einerseits wussten sie, dass beileibe nicht jede Ankündigung des 40-jährigen gestandenen Musikers, der in den letzten zwanzig Jahren wohl bereits so ziemlich jede Kaschemme wie ehrwürdige Konzertbühne von Oslo bis Tokyo bespielt haben dürfte, für bare Münze zu nehmen sein dürfe (so wartet etwa das grandiose „Suicide Handbook“ – nebst wasweißichwievielen anderen fertiggestellten Alben – seit mehr als zehn Jahren weiterhin auf seine offizielle Veröffentlichung) und sich der musikverliebte, unruhige Kauz gern mal einen popkulturellen Scherz erlaubt. Andererseits ist gerade Ryan Adams jederzeit so ziemlich alles zuzutrauen – von gefälligem Pop über rüden Punk bis Alt.Country und kruden Metal (und nicht einmal HipHop darf man ausschließen). Plus: So fern, wie diese Paarung auf dem Papier scheinen mag, ist sie gar nicht – doch dazu später mehr. Widmen wir uns doch einmal den aktiven und passiven Akteuren dieses musikalischen Paukenschlags…

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Auf der einen Seite freilich David Ryan Adams, nimmermüder Musiker Jahrgang 1974 und seit vielen Jahren Wahl-New-Yorker. In den Neunzigern machte der Mann mit der leicht angerauten Honigsonnenstimme, in der viel Energie und noch viel mehr Melancholie mitschwingen mag, mit seinen damaligen Bands The Patty Duke Syndrome und Whiskeytown (vor allem jedoch mit zweiterer) erstmals von sich hören. Bezeichnend schon damals: Es hielt – trotz auch heute noch fein anzuhörender Alben wie „Strangers Almanac“ – nicht lange, Anfang der Nullerjahre war für Whiskeytown Schluss. Und Ryan Adams hätte wohl rückblickend gar nicht Besseres passieren können, war doch bereits der erste albumfüllende Alleingang „Heartbreaker„, 2000 veröffentlicht, ein ebenso stilles wie genüssliches Fest für jeden Singer/Songwriter-/Alt.Country-Freund, der noch heute Ton für Ton, Note für Note zu begeistern weiß. Und Sie ahnen es wohl bereits: Schon im Jahr darauf folgte mit dem nicht minder tollen „Gold“ der nächste Kurswechsel. Von „New York, New York“ bis „Goodnight, Hollywood Blvd“ platzierte Adams 16 Hymnen, die mal (halb)laut, mal leise der Welt entgegen zu schreien schienen: „Da bin ich! Nimm‘ meine Songs, hör‘ sie – und lasse sie nicht mehr los!“ Dass bereits wenige Monate danach die gar nicht mal so üble Restsammlung „Demolition“ („Nuclear“! „Starting To Hurt“! „Dear Chicago“! etc. pp.) nachgeschoben wurde, sprach wohl nur für den Lauf, den der umtriebige Musiker zu haben schien. Ebenso wie das darauf folgende „Rock N Roll“ (2003), das auch über zehn Jahre danach noch um Längen besser ist als der zwiespältige Ruf, der dem vierten Alleingang anno dazumal entgegen schlug. Dabei war das Album sowieso nur Adams‘ Musik gewordener Mittelfinger an seine Plattenfirma, denn viel lieber wollte er – und sowohl die Qualität als auch seine Fans geben ihm da noch heute recht – das mehr ode minder zeitgleich in zwei EP-Teilen auf den Markt geworfene „Love Is Hell“ veröffentlicht wissen, welches im Rückspiegel eine ganzer Latte der schönsten, ruhigsten und tiefsten Songs enthält, die Ryan Adams in seiner (bisherigen) Karriere unters Hörervolk gebracht hat – und das mag etwas heißen. Außerdem bewies er schon damals mit seiner Interpretation des bierseligen Oasis-Gassenhauers „Wonderwall“ eindrucksvoll, dass er auch FremdkompoRyan-adams_532_1385453asitionen neues Leben einzuhauchen vermag (und nötigte selbst dem Gitarre spielenden Chefgrantler der Britpop-Heroen, Noel Gallagher, das seltene Lob ab, dass Adams‘ Version um Längen besser sei als das eigene Original). Und da Stillstand für Adams seit jeher der Teufel höchstselbst zu sein scheint, legte er sich schon kurz darauf mit den Cardinals eine neue (temporär) feste Begleitband zu, mit denen er zwischen 2005 und 2010 ausgiebig – natürlich! – Platten in die Läden stellte (vier an der Zahl, von „Cold Roses“ bis zur Resteverwertung „III/IV“ ) und auf den Konzertbühnen seine umjubelte, jammige Variante der Grateful Dead zum Besten gab. In den Pausen legte er mit dem grandios stillen „29“ (2005) und „Easy Tiger“ (2007, und eventuell das erste mediokre Album seiner Karriere) noch solo nach, brachte 2004 mit PAX AM sein eigenes Plattenlabel an den Start (auf dem er endlich so Krudes wie das getrost vernachlässigbare *hust* Sci-Fi-Metal-Koenzeptalbum „Orion“ veröffentlichen konnte), und tourte, tourte, nahm auf, tourte, nahm auf – nur ein Bruchteil dessen, was Adams damals so auf Tonbändern bannte, erblickte tatsächlich das Licht der Öffentlichkeit (die Bandbreite reicht von seinem Black-Metal-Projekt Werwolph über schnellen Punk mit The Finger, zu denen auch Kumpel Jesse Malin zählte, und Hard Rock bis hin zu höchst sensiblen Acoustic-Alleingängen, etwa einen kompletten Soundtrack zum Cameron-Crowe-Film „Elizabethtown“, von welchem dieser letztlich allein das Stück „Words“ tatsächlich verwendete). Kein Wunder also, dass Adams‘ Arbeitspensum nach all den Jahren der Rastlosigkeit seinen Tribut forderte: Nach allerlei Problemen mit legalen wie illegalen Betäubungsmitteln in der Vergangenheit (die Gerüchteküche reicht da von Alkohol und Pillen bis hin zum harten Heroin-meets-Kokain-Mix) erkrankte der Musiker 2009 an Morbus Menière, einer Erkrankung des Innenohrs, welche ihn mit etwas weniger Glück um ein Haar sein Gehör gekostet hätte (und nach einem heftigen Armbruch im Jahr 2004, welchen er sich klassischerweise beim Sturz von einer Konzertbühne zuzog, bereits zum zweiten Mal seine künstlerische Existenz bedrohte). Also quittierte er noch im selben Jahr seinen Dienst bei den Cardinals – was freilich der Band als solche den Todesstoß gab – und stellte die Gitarre fürs Erste beiseite. Doch da ein Workaholic ohne „Work“ dumm dasäße, suchte er sich flux ein neues Betätigungsfeld: das Schreiben. So erschienen 2009 – Sie ahnen es wohl bereits – mit „Infinity Blues“ und „Hello Sunshine“ gleich zwei (!) Sammlungen mit Gedichten und Kurzgeschichten, welche allerdings ohne Adams‘ Gesang nur wie die „halbe Miete“ wirken. Plattentechnisch wurde es (vorerst) stiller um ihn, mit dem okayen „Ashes & Fire“ erschien 2011 der achte albumfüllende (Quasi-)Alleingang. Vielmehr legte Adams den Fokus erst einmal aufs private Glück, heiratete im Februar 2009 das Countrypop-und-Filmsternchen Mandy Moore. Eine eigenartige Paarung? Schon. Aber es schien zu passen, zu funktionieren – fürs Erste zumindest (auch dazu später mehr). 2012 durften sich dann auch alle, die bislang noch keiner der zahlreichen Konzerte von Adams beigewohnt hatte, mit dem 15 (!) Shows umfassenden, mehr als 16 (!!) Stunden langen Box-Set „Live After Deaf“ (offensichtlich nur halb im Scherz eine Anspielung auf seine Morbus-Menière-Erkrankung), welches diverse Konzertmitschnitte seiner europäischen „Acoustic Nightmare“-Tour im Juni 2011 enthält, von den Solo-Live-Qualitäten des Singer/Songwriters überzeugen. Und nach etlichen kleineren Single- und EP-Veröffentlichungen schob Ryan Adams im September 2014 endlich sein bislang letztes, selbstbetiteltes Album nach, mit dem er sich einmal mehr als verlässlicher Lieferant von feinem Alt.Countryrockpop empfahl. Und dann, im kaum noch überschaubaren Monatsrhythmus, noch mehr EPs Singles auf den Markt brachte. Und bringt. Zu viel Informationen? Dann stelle sich die geschätzte Hörerschaft mal mein Pensum als Fan vor! Bis heute maße ich mir an, so ziemlich jeden Song aus Ryan Adams‘ Feder gehört zu haben und hören zu wollen. Glauben Sie mir: Da kommt man(n) kaum hinterher! Denn dem kreativen Nimmersatt ist echt alles zuzutrauen, jederzeit…

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Auf der anderen Seite dann Taylor Swift, süße 25 Jahre jung und seit einiger Zeit die mit Abstand wohl erfolgreichste Konsenspopkünstlerin des Planeten (im vergänglichen Pop spart man freilich selten mit Superlativen, wohlweislich). Mehr noch: Swift ist einerseits hübsch anzusehen, gut erzogen (oder von Agenten trainiert) und andererseits keineswegs frei von Intelligenz oder Talent oder gar auf den Mund gefallen. Taylor Swift ist All American, unisono Everybody’s Darling und dermaßen aalglatt auf Erfolg getrimmt, dass selbst Teflon neidisch werden würde. Machte die gebürtige Pennsylvanianerin zwischen 2006 und 2012 mit Alben voller gefälligem, jedoch harmlosem Countrypop von sich reden, legte sie mit dem ihrem fünften Werk – nicht umsonst nach ihrem Geburtsjahr „1989“ benannt – dreizehn Stücke vor, vor denen es in den Folgemonaten kaum ein Entkommen für all die gab, die – selbst nur ab und an – mal ein Ohr bei Youtube, Twitter, Facebook oder im Radio riskierten. Und sogar all jene, die ansonsten gegen poplastigen Weichspüler immun sind, müssen wohl zugeben, dass Songs wie „Shake It Off“, „Blank Space“ oder „Bad Blood“ astrein komponierte, clevere Nümmerchen sind, die zwar nie und nimmer für Einträge in die Annalen reichen, jedoch für den Moment ausgezeichnet funktionieren – und die Gehörgänge so schnell nicht mehr räumen. Ganz klar: Taylor Swift ist derzeit verdammt big in business, mit allein mehr als acht Millionen verkauften Einheiten von „1989“ weltweit, in die Milliarden reichenden Youtube-Klickhits und allem an Rang und Namen, das sich um einen kleinen Gastauftritt bei den Konzerten ihrer aktuellen „1989“-Tournee reißt.

Was zur Hölle also eint Swift und Adams? Nun, zum einen sind die beiden scheinbar schon seit einiger Zeit gute Bekannte, haben sogar bereits die ein oder andere Stunde gemeinsam im Tonstudio verbracht (von den Ergebnissen ist freilich bislang nichts an die Öffentlichkeit gelangt). Zum anderen bewundern beide das musikalische Schaffen des anderen: Taylor Swift, da sie mit ihren 15 Jahren Altersunterschied vom 40-jährigen Adams und dessen angerockt-rauer Attitüde der steten Unangepasstheit wohl noch Einiges lernen kann. Adams, da er als ewiger Freund eines gut geschriebenen Popsongs stets seine Ohren überall hat, ganz egal, wo sich dieser am Ende finden lässt – vom tiefschwarzen Metal über Sonic Youth und die Smiths bis hin zu eben Taylor Swift. Scheiß der Hund drauf, der Song zählt!

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Doch trotz allem war es wohl ein ganz profaner Grund, der Adams auf die erst einmal abstruse Idee brachte, sich Swifts Erfolgsalbum in Gänze zur Brust zu nehmen: Im Laufe des vergangenen Jahres trennte sich der Musiker nach sechs gemeinsamen Jahren von (Noch-)Ehefrau Mandy Moore – und stand an Weihnachten zum ersten mal seit vielen Jahren plötzlich allein da. Wohin also mit der unverhofften leeren Zeit und dem Katzenjammer? Klar wäre – gerade für einen Rockstar – da der alte Teufel Droge viel näher gewesen, aber Adams wäre nicht Adams, hätte er diesen Punkt nicht bereits für sich abgearbeitet und ad acta gelegt. Also fasste er den fixen Entschluss, sich jedem Stück von „1989“ in Tiefe zu widmen und alle dreizehn Teile des Albums einzeln für sich neu zu interpretieren (und hier sei einmal ein Trennstrich zum bloßen Coverversion gezogen, denn Adams‘ Neubearbeitung der Swift’schen Originale geht noch zwei, drei Schritte weiter). Er wollte den Kompositionen das musikalische Fleisch über die Rippen ziehen und allem dann einen Smith’schen dezent tragisch-poppigen Anstrich verpassen. Erst danach holte er sich seine Band ins Studio, und teilte die Idee seines Vorhabens peu á peu mit dem weltweiten Netz. Nicht wenige frohlockten ob der Vorfreude, das komplette „1989“ in Adams’scher Variante zu hören, und selbst die Interpretin der Originale selbst ließ sich via Twitter zu einem dezent hyperventilierenden Post hinreißen…

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Doch ist Adams‘ Neubearbeitung, welche am 21. September zunächst digital erschien und nun physisch nachgeschoben wird, am Ende den ganzen Trubel, der darum gemacht wurde, wert? Darauf kann man wohl nur mit einem entschiedenen „Jein!“ antworten.

Bereits der Opener „Welcome to New York“, im Original eine aufgedrehte Pop-Perle voller jugendlicher Ekstase und Abenteuerlust, wird, ebenso wie „Style“, in der maskulinen Neufassung des 40-Jährigen zur abgeklärt rockenden Alt.-Pop-Nummer. Adams selbst ist – anders als vielleicht Swift – längst im „Big Apple“ angekommen, Beweise gibt es in seinem eigenen Songkatalog freilich zur Genüge, man denke nur an „New York, New York“ , „My Blue Manhattan“ oder „When The Stars Go Blue“. Er kennt die Stadt, sie schimmert für ihn längst nicht mehr, er weiß um die dunkelsten Ecken – was seine Liebe jedoch nicht schmälert. „Shake It Off“, einst Swifts augenzwinkernde Leadsingle mit mildem MIttelfinger, die den Hatern die eigene verlogene Doppelmoral um die Ohren haut, kommt hier mit Springsteen’scher „I’m On Fire“-Reminiszenz daher und wirkt beim Mann aus North Carolina deutlich zögerlicher, ja fast schon ängstlich. Ganz anders klingt da schon das wunderbar entspannte „Wildest Dreams“, in dem deutlich wird, dass Adams der Romantik noch nicht ganz abgeschworen hat und bei allen traurigen bis schmerzhaften Erinnerungen die schönen nicht vergessen hat. Ähnlich geschieht es auch in „This Love“, in welchem es dem gestandenen Musiker gelingt, sich vom ursprünglich dick aufgetragenen Kitsch zu entfernen und eine klassische Piano-Ballade zu Tage zu fördern, bei der man verträumt „Ryan + Mandy“ in den Holztisch ritzen möchte – nur um sich anschließend im wunderbar twanglastigen Highlight „I Wish You Would“ dafür zu schämen, und im träumerischen „All You Had To Do Is Stay“, das eine kleine Eighties-Schlagseite verpasst bekommt, auf dem Fenster zu starren. Während sich die Beziehungs-Nabelschau „Out Of The Wood“ mit seinen fast schon elegischen sechs Minuten Ton für Ton zu einem der besten Songs des Albums entwickelt (und Swift höchstselbst kürzlich dazu veranlasste, dem Stück als Solo-Piano-Nummer eine Neubearbeitung zuteil werden zu lassen), igelt sich Adams im verhuschten „Blank Space“ unter einer Wolldecke ein, im nach vorne marschierenden „Bad Blood“ schmeißt er sie aber gleich wieder in die Ecke. Einen Platz in Swifts Kampftruppe wird er trotz seines Charmes wohl nicht ergattern, muss er aber auch nicht. Adams lässt sich eben nicht unterkriegen, sondern geht aus seinen Niederlagen scheinbar gestärkt hervor, selbst wenn er bestimmte Situationen dafür etwas anpassen muss: So wird die James-Dean-Referenz im aufgewühlten „Style“ in der neuen Fassung zu einer durchaus passenden, da aufmüpfigen Hommage an Sonic Youth, eine von Ryan Adams‘ erklärten Lieblingsbands. Der Mann gönnt sich in diesem begrenzten Rahmen eben auch seine Freiheiten, und das ist nur richtig so. Anders hätte weder seine Version von „Clean“ im Whiskeytown-Outfit wohl nicht so hervorragend funktioniert, noch wäre es derart faszinierend, wie gut das Ergebnis dieser einst befremdlichen und absurden Nachricht tatsächlich erfreut. „1989“ nach Adams-Art kommt zwar vollkommen ohne Ironie aus, aber zu keiner Minute ohne Herzblut – das muss man erstmal schaffen. Und Freunde seines letzten, selbstbetitelten Albums mögen kaum glauben, dass all diese Stücke letztendlich gar nicht von Adams selbst verfasst wurden – 15 Jahren Altersunterschied, scheinbaren kulturellen Welten zwischen ihm und Swift zum Trotz. Freilich, all die eh schon großartigen Pop-Nummern von „1989“ werden auch unter Ryan Adams‘ Obhut keineswegs kleiner. Trotzdem hätte das Ganze auch dezent in die musikalische Buxe gehen können… tut es jedoch nicht – im Gegenteil. Ryan Adams ist ein Phänomen, seit vielen, vielen Jahren schon. Dass er nun (noch) mehr Aufmerksamkeit bekommt, ist da nur verdient. Denn dem Mann ist auch in Zukunft jederzeit alles zuzutrauen.

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Via Youtube kann man sich alle 13 Stücke der Adams’schen Variante von „1989“ anhören…

 

…sowie sich ein Interview, das Ryan Adams mit Taylor „TayTay“ Swift führte…

 

…und eine Fernseh-Performance des dauerbeschäftigten Musikers bei der „Daily Show“, bei welcher er unter anderem „Bad Blood“ und „Blank Space“ zum Besten gab, ansehen:

(Den gesamten Auftritt mit einem weiteren Song – „Style“ – kann man sich hier ansehen…)

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Sorren Maclean – „Rows & Rows Of Boxes“


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[Pressesprech an]

„Sorren’s delicate indie folk sound perfectly captures the desolate beauty of his homeland on the Isle Of Mull. There’s a warmth to his voice and guitar playing that gives the listener a feeling of closeness. This is none more apparent on EP track ‘If Not For You’, where one feels that Sorren could almost be in the room with you. While the title track ‚Way Back Home‘ portrays the longing desperation of life on the road, and the bittersweet homecoming that follows upon the journey back to a more sedate normality. There is a definitive and accomplished quality to Sorren’s sound that allows his voice and guitar to share the spotlight simultaneously.“

[Pressesprech aus]

Der Song „Rows & Rows Of Boxes“ ist der erste akustische Vorbote von Sorren Macleans kommender EP „Way Back Home“, welche am 9. März beim schottischen Label Middle Of Nowhere Recordings erscheinen wird, während für April das Debütalbum „Winter Stay Autumn“ angekündigt ist. Aktuell ist der Singer/Songwriter von der nicht einmal 3.000 Einwohner zählenden Isle Of Mull gemeinsam mit dem schottischen Liedermacher-Kollegen King Creosote auf Tournee und wird in Zukunft etwa die wiedervereinigten Idlewild im Vorprogramm unterstützen. Den Rest erklärt seine Musik…

 

 

Ein Interview mit dem britischen Singer/Songwriter-Talent findet sich übrigens hier.

 

Rock and Roll.

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Vergessene Interviewsperlen, fein bebildert – „Blank On Blank“ präsentiert ein Elliott Smith-Gespräch aus dem Jahr 1998


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Die vor etwa vier Jahren ins (digitale Netz-)Leben gerufene Seite „Blank On Blank“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, bislang unveröffentlichte oder in Vergessenheit geratene Interviews mit Größen aus dem Musik-, Film- oder Showgeschäft, aber auch mit bekannten Namen aus der Politik aus der Versenkung zu holen, diese ein wenig digital aufzupolieren sowie – und hier wird’s für die Netzgemeinde ansehnlich – diese, dem Erzählten nach, mit bewegten Bildern zu unterlegen. So versammelt die durch den ehemaligen „ABC News“-Produzenten David Gerlach gegründete, durch die „Quoted Studios“ in Zusammenarbeit mit den „PBS Digital Studios“ vom New Yorker Stadtteil Brooklyn aus operierende Homepage in ihrem ständig anwachsenden Fundus mittlerweile über dreißig bebilderte Interviews mit bekannten Namen wie Michael Jackson, David Bowie, Fidel Castro, The Doors-Frontmann Jim Morrison, Janis Joplin, Jimi Hendrix, John Lennon, Nirvana-Vorsteher Kurt Cobain, Johnny Cash oder den im vergangenen Jahr verstorbenen Schauspielern Robin Williams und Philip Seymour Hoffman und wurde bereits mehr als fünf Millionen Mal von 229 Ländern aus angeklickt.

Der neuste Beitrag der Web Content-Serie bebildert ein Interview mit dem 2003 im Alter von nur 34 Jahren verstorbenen Singer/Songwriter Elliott Smith, das dieser im Jahr 1998 mit dem britischen Journalisten Barney Hoskyns führte, kurz nachdem ihm mit „Miss Misery„, Smiths tränenreicher Oscar-nominierter Beitrag zum Film „Good Will Hunting“ (wir erinnern uns: 1998 war das Jahr, in dem die wohl erfolgreichste cineastische Filmkatastrophe, „Titanic“, seinen omnipräsenten Siegeszug durchzogen – von daher hatte Smith auch gegen Celine Dions Heuler „My Heart Will Go On“ keinerlei Chance), der internationale Durchbruch gelang. Und obwohl ihm dies zu mehr Bekanntheit, einem höher dotierten Plattenvertrag (mit DreamWorks Records) und den damit einher gehenden besseren Aufnahmemöglichkeiten verhalf, litt Elliott Smith – Fans (wie mir) dürfte die tragische Geschichte hinlänglich bekannt sein – doch am meisten unter dem „großen Scheinwerferlicht“. Von daher ist auch der mit Hoskyns geführte fünfminütige Interviewausschnitt nicht eben ein wahrer Freudenquell, in dem Smith etwa von seiner Entdeckung der Musik von Elvis Costello, die es ihm ermöglichte, sich wie ein „freak amongst other freaks“ zu fühlen, von Drogenabhängigkeit, von seinen Gefühlen und seinen Songs erzählt. Und vom Glücklichsein – ein Thema, das sich, mit Schatten behaftet, irgendwie durch Elliott Smiths gesamte Diskografie zieht…

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Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Animal Flag


animal flagMann, was war das für ein Gefühl, als man damals zum ersten Mal „LIFTED or The Story is in the Soil, Keep Your Ear to the Ground„, das vierte Album von Conor Obersts damaliger Hauptband Bright Eyes, hören durfte, und danach in den nicht minder tollen Backkatalog des Twentysomethings („Fevers and Mirrors“! Die „Every Day and Every Night EP“! etc. pp.) eintauchen konnte… Klar ließ das schüchterne Kerlchen aus Omaha, Nebraska, dessen Personalie stets eng mit dem Label Saddle Creek verknüpft war, auch danach – qualitativ wie quantitativ – nicht nach, veröffentlichte etwa 2005 den genialisch-widersprüchlichen Album-Doppelschlag aus „I’m Wide Awake, It’s Morning“ und „Digital Ash in a Digital Urn“, der ihm zu noch größerer Bekanntheit verhalf, aber jede Magie nutzt sich leider irgendwann ein wenig ab. Selig waren die Zeiten, als die VISIONS Oberst ob seiner trauerklosig-melancholischen Texte schon das gleiche Schicksal wie weiland Kurt Cobain prophezeite…

Schlappe zwölf Jahre sind seit der Veröffentlichung von „LIFTED…“ vergangen. Und wie ein großer Teil seiner damaligen Hörerschaft hat sich auch Conor Oberst verändert, ist seit einigen Jahren glücklich verheiratet und mehr unter eigenem Namen denn unter dem Banner seiner Bands (Bright Eyes, Desaparecidos) unterwegs. Aus den Singer/Songwriter-Großtaten eines adoleszenten Schmerzensmannes wurde in Americana getränkter Folkrock, der in einigen Momenten – etwa auf seinem im Mai erschienenen neusten Soloalbum „Upside Down Mountain“ – zwar noch immer zu begeistern weiß, aber längst nicht an jene besonderen Momente von „LIFTED…“ oder „Fevers and Mirrors“ heran reicht. Ob nun ein Blick durchs Milchglas der Nostalgie oder einfach das Leben selbst Ursache für diese Einschätzung sind, ist ebenso müßig wie das Rennen vom Huhn und Ei. Alles ändert sich, ständig und immer wieder. So ist’s eben.

Aimee_Design_AF_INVERTUmso besser, dass all diejenigen, die noch einmal dieses „LIFTED…“-Gefühl suchen, in den Weiten des weltweiten Netzes ausreichend Alternativen finden. Eine davon könnte auf den Namen Animal Flag lauten. Das aus Boston/NY stammende Bandprojekt von Frontmann Matt Politoski hat seit seinen ersten (digitalen) Gehversuchen im Jahr 2009 so einige Wandlungen vollzogen, die mal lo-fi-instrumental verspielt (das Albumdebüt „Flood of Sunlight„), mal singer/songwriter-mäßig und in Bright Eyes’scher Tradition verhaftet (das Album „Everything Will Be Okay“ von 2012 – manch einer mag auch Elliott Smith raushören), mal wie eine folkloristische Variante von Sufjan Stevens mit einigen elektronischen Versatzstücken (das Album „The Sounds of Sleep“ von 2013) ausfielen. (S)Ein letztes Update erfuhr der Bandsound mit der Veröffentlichung der „Animal Flag EP“ im September diesen Jahres, auf welcher Politoski und seine Bandkumpane – ordentlich produziert und abgemischt – den indierockenden Livesound von Animal Flag in den Fokus stellen. Einfache Begründung: „Mein Ziel bei der EP war es, etwas herauszubringen für die Leute, die zu unseren Shows kommen und danach noch etwas mit nach Hause nehmen können, das das Erlebnis während der Show repräsentiert. Für eine ganze Weile kamen Menschen zu unseren Auftritten und sahen da diese laute Rockband, oder wie auch immer du es nennen magst, und kauften eine CD von einem Folk- oder Elektronik-Album, die wir in der Vergangenheit aufgenommen haben, von denen wir jedoch keinerlei Songs gespielt haben.“.

Klingt interessant? Via Bandcamp kann man sich alle Veröffentlichungen von Animal Flag – drei Alben, mehrere Singles und EPs – in Gänze zu Gemüte führen und bei Gefallen auch im freundlich-demokratischen „Pay what you want“-Prinzip zum Immerwiederhören aufs heimische digitale Abspielgerät laden. Und für all jene, die noch nach neuer Beschallung für die Weihnachtstage, abseits der „Last Christmas“- und „Driving Home For Christmas“-Folter, suchen, hat die Band sogar einige „Christmas EPs“ auf Lager…

 

 

Hier ein Auftritt von Animal Flag beim regionalen US-Morgenmagazin „Good Morning Emerson“…

 

…und bei allstonpudding.com findet man, da Informationen abseits der Facebook-, tumblr– und Bandcamp-Seiten der Band recht rar gesät sind, ein Interview mit Frontmann Matt Politoski zur Veröffentlichung der „Animal Flag EP“.

 

Rock and Roll.

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