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Der Jahresrückblick 2013 – Teil 5


Dylan

Virales Marketing“ dürfte auch 2013 einen immens hohen Stellenwert bei der Veröffentlichung und Vermarktung von Musik, TV-Shows und Kinofilmen eingenommen haben, schließlich ist das reine Produkt längst nicht mehr gut genug für den nach wie vor gern zur kostenlosen Variante greifenden Konsumenten, der im Großteil nach wie vor freilich dem schnellen Download oder Stream (ich werfe einfach das derzeit populäre Stichwort „Redtube“ in die Runde) näher steht als der Bezahlvariante – „der Preis ist heiß“ und der „Geiz“ noch immer… *hust* „geil“.

Natürlich sind das alles alte Hüte, denen die Musikindustrie bereits seit Jahren nachjagt wie der gebrechliche Hase dem mal „Napster“, mal „Megaupload“, mal „iTunes Store“ (wenn man so will das schwarze Bezahlschaf der digitalen Familie) genannten Igel. Nie jedoch wurde bislang von den im Gros offenbar noch immer reichlich weltfremden und technikfeindlichen Anzug tragenden Herren in den Plattenlabelmajorchefetagen ein Weg gefunden, um die Zielgruppen mit den an den Mann (respektive: an die Frau) zu bringenden Waren (sprich: dem musikalischen Produkt als solches) zu versöhnen. Das pure, schnöde Plastik zieht eben längst nicht mehr. Und unter der potentiellen Käuferschicht „U25“ soll es in der Tat nicht wenige geben, die noch nie für die Musik, die sie tagtäglich in rauen Mengen auf ihren iPods, iPhones oderwasauchimmer durch die Weltgeschichte tragen, bezahlt haben… Schönes neues Digitaldilemma.

Hier kommt also wieder das „virale Marketing“ ins kommerzielle Spiel. Kurz gefasst, könnte man die Losung „Willst du gelten, so mach‘ dich nicht selten!“ ins Feld führen. Egal, ob es sich nun um eine Band, einen Musikkünstler (flash -künstlerin), einen anstehenden Kinostart oder irgendein mehr oder minder großes TV-Ereignis drehte, so hieß es, im Gespräch zu sein und da gefällst zu bleiben – am besten auf allen Kanälen, von den einschlägigen TV-Formaten über die digitalen Nachrichtenportale bis hin zu Facebook oder Twitter. Beste Beispiele dürften – in musikalischer Hinsicht – wohl aktuell Künstlerinnen wie Lady Gaga oder Miley Cyrus sein.

Lady Gaga & Miley Cyrus bei den 2013er VMAs (Fotos: Jeff Kravitz/FilmMagic for MTV; Kevin Mazur/WireImage for MTV)

Lady Gaga & Miley Cyrus bei den 2013er VMAs (Fotos: Jeff Kravitz/FilmMagic for MTV; Kevin Mazur/WireImage for MTV)

Die eine (Madame La Gaga) zelebrierte ja bereits in der Vergangenheit sowohl Tourneestarts wie Albumveröffentlichung mit allem Tamtam und großen, très arty konstruierten Presserundfahrten, während derer sie etwa kürzlich in Unterwäsche und angeklebten Schnäuzer auf die eigens eingerichtete Pressebühne des Berliner Technoclubs Berghain stolzierte (gut, da ist man von Frau Germanotta und ihren Fleischkleidauftritten freilich längst andere Kaliber gewohnt), um ihr neustes Albumwerk „Artpop“ zu bewerben. Hauptsache, es wirkt so herrlich überhöht und künstlich wie einst Andy Warhol. Hauptsache, man erkennt vor all der skurrilen Artyness kaum mehr den Menschen hinter der Maskerade. Denn nackt – auch das wissen wir seit diesem Jahr Dank der Künstlerin Marina Abramovic – sieht selbst (oder: gerade?) eine durch und durch künstlich zusammengeklaubte Figur wie die Gaga nur eins aus: höchst gewöhnlich und blass.

Die andere (Cyrus) setzt einfach auf das pure Anti-Image, auf die kontrollierte Destruktion des öffentlichen Bildes des einstigen Disney-Püppchens „Hannah Montana“. Und: es wirkt! Mittlerweile sollte selbst dem klatschfeindlichsten ZDF-Geronten (No offense, liebe Rentenbezieher, falls Sie soeben via Google über diesen Blog gestolpert sein sollten!) bekannt sein, dass das brave Girlie, welches noch vor wenigen Jahren als keusches Antlitz von den rosafarbenen Shirts und Frühstücksdosen vieler kleiner Mädchen griente, längst passé ist. Nein, das 2013er Miley-Update ist WILD, UNZÄHMBAR, SEXY und FREI! Und egal, ob die inzwischen 21-Jährige im Laufe des Jahres mit ihrem mittlerweile veritabel ikonographierten Powackler – so zu sehen bei den diesjährigen VMAs – selbst Mittelpunktkünstlern wie dem „Blurred Lines“-Smasher Robin Thicke (der bekam das Ganze denn auch aus nächster Nähe mit), Justin Timberlake, Katy Perry oder Lady Gaga (da ist sie wieder!) die Show stahl, sich mit der bei jeder Gelegenheit schräg heraus gereckten Zunge als irres Pophühnchen stilisierte oder im Musikvideo zum Hit „Wrecking Ball“ mal halbnackt über Bauschutt turnte oder gleich – komplett im preiswerten Evakostüm – den Ritt auf der Abrissbirne wagte (und damit auch die ein oder andere Parodie billigend in Kauf nahm) – La Cyrus war im Gespräch, die einst so süße Miley war 2013 stets für ein kleines, nebensächliches Skandälchen zu haben. All das diente freilich keinem Selbstzweck, sondern sollte den Weg für Cyrus‘ neueste Platte „Bangerz“ ebnen. Und die konnte als mediokres Popundwegwerfprodukt erwartetermaßen kaum mit all der pop-pop-populären Öffentlichkeitsarbeit ihrer Interpretin mithalten…

(Den kompletten Gegenentwurf zu beiden Vermarktungswegen lieferte übrigens keine Geringere als Jay Z’s bessere Hälfte Beyoncé erst vor wenigen tagen, als sie ihr neustes, selbstbetiteltes Werk komplett ohne jegliche Vorankündigung oder Bewerbung als Nacht-und-Neblaktion – zunächst –  exklusiv über den iTunes Store zum Kauf anbot. Und das auch nicht als schnödes Vierzehn-Song-Album, sondern als „interaktives Packages“ inklusive nicht weniger als achtzehn dazugehöriger Musikvideos… Wenn man so mag: antivirales Marketing in Reinstform. Und auch das schlug für ein, zwei Tage weltweit hohe Öffentlichkeitswellen…)

Wie zur Facebook’schen Statusmeldungshölle kommt nun also jemand wie Bob Dylan in diese Liste? Natürlich könnte man zunächst annehmen, dass „His Bobness“ es gar nicht (mehr) nötig habe, so etwas wie moderne Vermarktungsstrategien überhaupt in die Planungen seines Managements einfließen zu lassen, immerhin zählt seine Hörerschicht im Gros (!) zu den Menschen weit über der „Ü30“ – zu jenen also, von denen man annehmen dürfte, dass sie Musiktauschbörsen, iTunes Charts und Twitter höchstens aus den sprudelnden Erzählungen der Enkel kennen. Nun, ganz so scheint dem dann doch nicht zu sein…

Wie anders als mit der Begründung eines kleinen Marketingschachzuges ist es zu erklären, dass ein Jahrzehnte junger Evergreen namens „Like A Rolling Stone“ nun – 48 Lenze nach seiner Veröffentlichung auf dem Album „Highway 61 Revisited“ – ein amtliches Musikvideo erhält? Und dann nicht einfach eines mit einer schnöde dahin gerotzten Kameradarbietung des Künstlers selbst (was bei Dylan keineswegs verwundern würde). Nein, „Like A Rolling Stone“, seines Zeichens wohl noch immer Bob Dylans größter Hit, bekommt man im Jahr 2013 als interaktives Mitmachvideo zu sehen! Da darf sich der internetzaffine Zuschauer nun durch 16 eigens kreierte „Fernsehkanäle“ zappen, um darauf festzustellen, dass alle „Protagonisten“ Dylans Stück lippensynchron mitträllern. Hat was, in der Tat… Und „His Bobness“, dieser ewige Heilige des Songwritertums, dem das so gelungen interaktive Musikvideo freilich bei der vitalen Vermarktung der jüngst erschienenen, mehr als 40 Silberscheiben schweren Werkschau „The Complete Album Collection, Vol. 1“ zuträglich sein wird, hat bewiesen, dass vielleicht der ein oder andere seiner Hörer, jedoch nicht er zum alten Technikfeindeisen gehört…

Once upon a time you dressed so fine
You threw the bums a dime in your prime, didn’t you?
People’d call, say, „Beware doll, you’re bound to fall“
You thought they were all kiddin‘ you
You used to laugh about
Everybody that was hangin‘ out
Now you don’t talk so loud
Now you don’t seem so proud
About having to be scrounging for your next meal.

How does it feel
How does it feel
To be without a home
Like a complete unknown
Like a rolling stone?

 

Hier gibt es einen kleinen „Appetittrailer“ zum inaktiven Musikvideo von „Like A Rolling Stone“ (das freilich über diese eigene Seite angesehen, bearbeitet und durchzappt werden kann)…

 

…sowie einen Beitrag zur Entstehung des Videos, inklusive einem Interview mit dem Regisseur/Macher Vania Heymann:

 

Rock and Roll.

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Die Woche in Bild und Ton…


Damit ihr nicht vollkommen den Überblick über alle hörens- und sehenswerten Neuerscheinungen der letzten Woche(n) verliert, hat ANEWFRIEND hier wieder einige der Video- und Songneuerscheinungen der letzten Tage für euch aufgelesen…

 

Queens Of The Sone Age – The Vampyre Of Time And Memory

Vampyre...

Keine Frage: Wer sich gern gitarrenlastige Musik durch die Gehörgänge spülen lässt, für den dürfte „…Like Clockwork„, seines Zeichens die nicht eben einfache kreative Geburt und Album Nummer sechs der Wüstenrocker der Queens Of The Stone Age, eines der Highlights des sich langsam dem Ende zuneigenden Musikjahres 2013 sein. Für das Video zur neusten Single „The Vampyre Of Time And Memory“ haben sich Frontmann Josh Homme und sein Kreativteam deshalb mit dem Multimedia-Unternehmen The Creators Project und den Regisseuren Kii Arens und Jason Trucco zusammen getan, um nichts Geringeres als ein visuell höchst ansprechendes  interaktives Musikvideo auf die Beine zu stellen.

Beide Seiten sind mit dem Ergebnis vollauf zufrieden, das Regiegespann stimmt sogar Lobeshymnen auf die Zusammenarbeit mit der Rockband an: „An dem Video der Queens mitzuarbeiten, war die pure künstlerische Vergnügungsfahrt. Jede Kunst ist auch Technologie, Technologie, die eine Erfahrung oder eine Vorstellung teilt. ‚Vampyre‘ bedient sich aller Mittel, die uns heutzutage zur Verfügung stehen, und teilt eine bedeutsame gemeinschaftliche Erfahrung. Wir sind so stolz, Teil des besten Rock-Albums des Jahrzehnts sein zu dürfen. Lang leben die Queens!“ Und wenn man das Video nun betrachtet, wird erneut klar, dass bei den Queens einfach keine kleinen Rockbrötchen drin sind…

Hier gibt’s die „Director’s Cut“-Videovariante als durchgerückten Gruselspaß für Augen und Ohren:

 

 

 

Arcade Fire – Afterlife

Arcade Fire - Afterlife

A propos „kleine Brötchen“: Die darf man selbstverständlich auch nicht von Arcade Fire erwarten, denen in den vergangenen Wochen und Monaten rund um die Veröffentlichung ihres neuen Albums „Reflektor“ vielerseits die nicht eben geringe Bürde zugeschrieben wurde, wahlweise Coldplay oder U2 als „größte Band des Planeten“ abgelöst zu haben. Fest steht, dass sich von Veröffentlichung zu Veröffentlichung die kritischen Geister jedes Mal aufs Neue am kanadischen Indie-Kollektiv um das kreative Musikerehepaar Win Butler/Régine Chassagne scheiden. Hip oder Hipster? Kunst oder Kacke? Schein oder Sein? Arcade Fire musizieren, polarisieren auf höchstem Niveau…

Dabei kann man der Band keinesfalls absprechen, bei der Vermarktung ihrer Musik nicht kunstfertig vorzugehen. Nachdem sich Arcade Fire beim Musikvideo zum Titelsong von „Reflektor“ vom renommierten Musikfotografen und Regisseur Anton Corijn unter die Arme greifen ließen, tat man sich für die filmische Vervollkommnung der nächsten Auskopplung des opulenten Doppelalbums nun mit Regisseurin Emily Kai Bock (u.a. Grimes, Grizzly Bear) zusammen, um in den aufwendig zur Schau gestellten mehr als sieben kurzfilmwürdigen Minuten von „Afterlife“ die Familiengeschichte einer mexikanischen Gastarbeiterfamilie zu erzählen…

 

 

Und als wäre das noch nicht genug, haben Arcade Fire gemeinsam mit Kultregisseur Spike Jonze noch ein zweites, während der „Youtube Music Awards“ (ja, die gibt’s tatsächlich!) abgedrehtes Video produziert, in welchem die Schauspielerin Greta Gerwig („To Rome With Love“, „Frances Ha“) ihre Tanzinterpretation der (wieder einmal) mit apokalyptischen Motiven beladenen Songzeilen abliefert.

 

 

 

Casper – Jambalaya

casper - jambalaya music video

Neues gibt’s auch aus dem Hause Benjamin „Casper“ Griffey: Der Rapper bringt mit „Jambalaya“ die nächste Auskopplung aus seinem aktuellen – und noch immer höchst gelungenen – Albums „Hinterland“ an den Start. Von der Kulisse her bleibt das Musikvideo den bisherigen Singles „Im Ascheregen“ und „Hinterland“ treu: US-amerikanisches Südestaatenfeeling, irgendwo zwischen Bayou, Begräbniszug und Bläserkolonne. Dabei bildet der Song selbst auf „Hinterland“ als vorwärts drägender Battletrack eher die willkommene Ausnahme…

„1 zu der 2, 3 zu der 4 / Es macht ‚Pam Pam‘ an der Tür / 5 zu der 6, 7 und 8 / Guck, das Biest ist nun wieder erwacht…“

 

 

 

Glen Hansard – Drive All Night

glen hansard

Zum Schluss noch die Erfüllung eines wahr gewordenen feuchten Musiktraums für mich: Glen Hansard (The Frames, The Swell Season) tut sich mit Eddie Vedder (Pearl Jam) und Saxophonist Jake Clemons, dem Nachfolger des 2011 verstorbenen Ur-E Street Band-Mitglieds Clarence „Big Man“ Clemons, zusammen, um den Bruce Springsteen-Song „Drive All Night“ (im Original auf dem 33 Jahre jungen Album „The River“ zu finden) zu covern. Geil? Sehr, sehr geil!

Besser noch: Die prominente Neuinterpretation ist Teil der gleichnamigen EP, die dieser Tage erscheinen wird, und von welcher ein Teil der Einnahmen der gemeinnützigen Organisation Little Kids Rock, die sich für die musikalische Bildung von Kindern in der Schule einsetzt, zukommt.

Glen Hansards so würdevollen wie gelungenen Versuch des Springsteen-Covers kann man hier bereits hören:

 

 

 

Rock and Roll.

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