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Klassiker des Tages: Slut – „Easy To Love“


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Spitzenband (Slut) mit einem Spitzensong („Easy To Love“) von einem Spitzenalbum („Nothing Will Go Wrong„). Auch heute noch – stolze 16 Lenze später. Da machste nix (außer vielleicht in Würde zu Ergrauen). Das bleibt fürs 🖤. (Übrigens ebenso wie das Gefühl, dass der Indierock-Fünfer aus Ingolstadt so langsam wieder mit neuen Songs ums Eck biegen könnte, immerhin liegt das 2013er Werk „Alienation“ auch bereits einige Monde zurück. Aber laut der letzten Lebenszeichen in den digitalen Medien arbeiten Christian Neuburger, Rainer Schaller, Gerd Rosenacker, Matthias Neuburger und René Arbeithuber ja möglichst fleißig daran…)

 

 

51Cd+Ok6G2L„Fill it and thrill it
Then turn back to kill it
Just gimme the laughter again
You were a mistress
Just making me distress
And I’m gonna miss this
I wait and I wait and I wait

You’re so easy to love
Smile away my pain
You’re so easy to love
Make it right again and again and again
Easy to love
Always been too late
You’re so easy to love
You can make me wait and wait and wait

We never had this
We never regret this
And I can never forget this again
But if I might lose you
I’ve been lucky to choose you
And I could never abuse you
Again and again and again

You’re so easy to love
Smile away my pain
You’re so easy to love
Make it right again and again and again
Easy to love
Always been too late
You’re so easy to love
You can make me wait and wait and wait

You’re so easy to love
So easy to love
You’re so easy to love
You’re so easy to love

You’re so easy to love
Smile away my pain
You’re so easy to love
Make it right again and again and again
Easy to love
Always been too late
You’re so easy to love
You can make me wait and wait and wait“

 

Rock and Roll.

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Abgehört…


Perrecy – Du bist das Opfer (2013)

Du bist das Opfer (Cover)-erschienen bei Timezone-

Fremdkompositionen werden auf der Ukulele nachgespielt… Klar, gab’s etwa jüngst vor drei Jahren schon, als sich Dresden Dolls-Frontfrau Amanda Palmer im Alleingang Stücke der großen Radiohead vornahm und das ganze dann schlicht und einfach „Amanda Palmer Performs The Popular Hits Of Radiohead On Her Magical Ukulele“ nannte. Auch Pearl Jam-Vorsteher Eddie Vedder machte unlängst Ernst mit seiner Liebe zum kleinen hawaiianischen Zupfinstrument und widmete diesen sogar (s)ein ganzes, eben „Ukulele Songs“ betiteltes Soloalbum. Aber in bundesdeutschen Gefilden erfährt die Zwergengitarre noch immer stiefmütterliche Behandlung, und das obwohl der omnipräsente Dauergrinsunterhalter Stefan Raab in den neunziger Jahren nicht müde wurde, die Fernsehlandschaft mit seinen Ukulelen-„Raabigrammen“ zu terrorisieren…

Und genau das macht Perrecys Idee nur umso verrückter. Denn der Musiker aus dem bayrischen Ingolstadt frönt nicht nur einer wohl ebenso großen Liebe zum Mini-Zupfinstrument wie Palmer, Vedder oder Raab, er hat es sich auch zur Aufgabe gemacht, die Songs von keinem Geringeren als dem „Heiligen der englischen Arbeiterklasse“, dem laut NME „einflussreichsten Künstler aller Zeiten“ ins deutsche – und für die Ukulele! – zu übersetzen: Morrissey. Wer da zuerst denkt, dass bei diesem frommen Wunschtraum mehr schief als richtig laufen kann, liegt wohl gar nicht so falsch, immerhin gehört schon eine gehörige Portion Mut und null Bock auf Ehrfurcht dazu, wenn man sich an Stücke der Smiths, der legendären Ex-Band des englischen Musikers, oder an die Solowerke von Steven Patrick „Moz“ Morrissey heranwagt. Perrecy geht dabei jedoch den wohl schlausten Weg, denn er nimmt all jenen, die mit heiligem Ernst den erhobenen Finger der Unkopierbarkeit präsentieren, schon von Vornherein den Wind aus den Segeln…

Perrecy

Mit „Du bist das Opfer“ veröffentlichte der „Bajuwaren-Mozzer“ nun vor wenigen Wochen sein erstes Album. Und das ist prall gefüllt! Nicht weniger als 26 Songs aus dem recht üppigen Smiths- und Morrissey-Backkatalog hat Perrecy sich vorgenommen, dazu gibt auf fast zwei Stunden sogar noch den anderen Bonus Track (etwa Liveversionen). Und, wie klingt’s? Zunächst einmal: gewöhnungsbedürftig. Denn wer die Originale kennt, wird zwar schnell bemerken, welches Stück sich der aus Hamburg stammende Liedermacher da gerade zur Brust nimmt, sich aber dennoch fragen: Wie klingt das denn nun? Denn wo es in „Panic“, per se ja einer der Smiths-Evergreens, „Panic on the streets of London / Panic on the streets of Birmingham“ gab, dichtet Perrecy mal eben die Szenerie beschaulich in „Panik in den Straßen von München, Panik in den Straßen von Ingolstadt“ um. In „Wilhelm, es war wirklich gar nichts“ (Original: „William, It Was Really Nothing“ wird aus „Humdrum Town“ schlicht „Bavaria“, wo der Regen als „Quell’ deiner Suizidgefahr“ (statt „this town has dragged you down“) fällt. Perrecy versprüht massig Lokalkolorit, macht aus dem aufrechten Rocker „Irish Blood, English Heart“ mal eben „Preussisch Blut, bayrisch Herz“, dehnt die Metren, zieht die Silben und beweist mit dem ehrenwerten Vorhaben, ausgerechnet Stücke des wohl englischsten aller englischen Musiker, ausgerechnet Stücke des überzeugten und streitbaren – und zuweilen verbal recht militanten – Antiroyalisten, Vegetarier („Meat Is Murder“, dem zweiten Studioalbum der Smiths, gab er nicht von ungefähr diesen Namen!) und Menschenrechtler ins insgeheim noch immer ihrem Märchenkönig Ludwig II. nachtrauernde Bayern zu übertragen, eine Menge der Kahn’schen „Eier“. Denn obwohl die Transferleistung nicht bei allen Songs auf gleichem Qualitätslevel greift und man sich auf Dauer dem Gefühl von „reim dich oder ich fress’ dich“ kaum erwehren kann (etwa wenn es in „Dieser charmante Mann“ heißt: „Ich ging gern aus heut‘ Nacht / Doch zum Anzieh’n hab ich keine Naht.“), so lädt doch der Großteil der 26 Coverversionen zum Schmunzeln ein. Und auch, wer beim wohl bewusst recht lo-fi gehaltenen Klang der Neuinterpretationen, deren Unterbau eben die auf Ukulele übertragenen Melodien der Originale liefern, an den abgedrehten Heimorgel-Alleinunterhalter Mambo Kurt denkt, an jenen Typen also, der früher zu seligen Viva2-Tagen höchst eigen Songs von Metallica oder AC/DC zu billigen Casio-Klängen neu zusammenstückelte, der dürfte so falsch kaum liegen. Denn auch Perrecy hält einige Trash-Charme-Karten in der Hinterhand, setzt mehr Drumcomputersounds denn echte Schlagzeugklänge in den Hintergrund, während Johnny Marrs markante Gitarrenfigur in „Wie bald ist Nun?“ (Original: „How Soon Is Now?“) natürlich bestehen bleibt, immer wieder allerlei Billig-Percussion durchs Klangbild tänzelt oder sich „Manche Frauen sind dicker als andere“ (Original: „Some Girls Are Bigger Than Others“) zum dezenten Arschwackler entwickelt.

Schöngeistigkeit oder Schund? Perrecy, der die Idee der deutschen Neuinterpretation englischer Songs übrigens ausgerechnet im Barbados-Urlaub entwickelte, steckt die Grenzen eng. Natürlich mag man noch immer borniert argumentieren, dass sich gefälligst niemand – und schon gar kein bajuwarischer Ukulelenmusikant – an den hochmelancholischen, dauerherbstlichen lyrischen Ergüssen des „Mozzers“ zu vergreifen habe. Klar muss man jedes der Stücke auch immer mit einem Augenzwinkern sehen. Aber mal ehrlich: lustig isses schon, mit anzuhören, wie da einer „Ale“ in „Weißbier“ verwandelt, hemdsärmelige Originaltreue hin oder her. Und wer Zeilen wie „Und wenn ein zweigeschoß´ger Bus fährt uns zwei zu Mus / Zu sterben mit dir / Ist so ein himmlischer Exitus / Und wenn ein LKW tötet uns beide / Zu sterben mit dir / Welch’ eine Ehre und welch’ ein Plaisir“ (aus „Da ist ein Licht das niemals erlischt“, Original: „There Is A Light That Never Goes Out“) singt, der hat eh längst der Popperwellen-König der jungen Mädchen in der ersten Reihe… Morrissey oder Perrecy? Manchester oder München? „You Are The Quarry„? „Du bist das Opfer„! Wen stört’s da, dass der „Bajuwaren-Mozzer“ bis heute auf eine Antwort mit dem rechtlichen ‚Okay‘ seines Idols wartet…

Bild: Facebook

Bild: Facebook

 

 

Über die Seite von Perrecys Label „Timezone“ gibt’s das Album zum Probehören…

…und sich hier das auf niedliche Weise ebenso lo-fi gehaltene Musikvideo zu „Da ist ein Licht das niemals erlischt“ ansehen…

 

…sowie das eigenwillig betitelte „Preussisch Blut, bayrisch Herz“ anhören:

(Auf der Soundcloud-Seite des Perrecy-Fanclubs „Bavarian Front Disco“ gibt’s sogar noch mehr Stücke zu hören…)

 

Rock and Roll.

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Auf ein Wort: Rainer Schaller von Slut


Rainer Schaller (2. v.r.) inmitten seiner Band Slut

Rainer Schaller (2. v.r.) inmitten seiner Band Slut

Inmitten der heutigen Veröffentlichungseuphorie ihres neusten „Albumbabies“ namens „Alienation„, welches auch ANEWFRIENDs aktuelles „Album der Woche“ ist, haben wir Slut-Gittarist Rainer Schaller auf digitalem Wege abfangen können, um ihm ein paar Fragen rund um die Band, das Album und seine persönlichen Hintergründe zu stellen…

 

Hallo Rainer. Was hat sich seit eurem letzten regulären Album „StillNo1“ – für dich – am meisten verändert bzw. welches Ereignis beziehungsweise welche Veränderung war die wichtigste und/oder prägendste?

Rainer Schaller: Ereignisse gab es in diesen fünf Jahren gefühlt mehr als genug. Bitte endlich wieder weniger Ereignisse!

Eurer neues Album heißt „Alienation“. Inwiefern macht sich diese „Entfremdung“ aus deiner Sicht am deutlichsten in der heutigen Gesellschaft bemerkbar?

R.S.: Es ist ja ein Merkmal unserer Zeit, dass es keine Utopien und keinen Konsens mehr gibt. Da erscheint die Retrospektive leicht als einzig verlässliche Orientierungshilfe. Bestes Beispiel ist der „Retrowahn“ in vielen Bereichen. Wenn das Unbehagen wächst, wenn es Angriffe von außen gibt – so wird die Globalisierung ja von vielen empfunden – besinnen sich die Menschen auf ihre Vergangenheit und deren Ikonen.
Entfremdung entsteht in großen Teilen durch Professionalisierung. Die nimmt allgemein zu. Das hat für die Politik den Vorteil, dass sich immer mehr Leute „heraus“ halten. Dann fallen so Ausdrücke wie „Alternativlos“ und es wird so getan, als gäbe es immer nur eine Möglichkeit.

Das Album wurde in verschiedenen Studios und mit unterschiedlichen Produzenten in ganz Deutschland aufgenommen. Trotz dieser Fakten sind keinerlei größere Brüche bemerkbar. Inwiefern zieht sich für dich – abgesehen vom Hauptsujet der Entfremdung, das über Allem prangt – nun ein roter Faden durch’s Album?

R.S.: Der Kitt, der alles zusammenhält, ist der Gesang von Chris. Rhythmus, gepaart mit klareren Aussagen in den Lyrics, kombiniert mit einzelnen Slut-typischen Details sind die Elemente, die Slut in der Gegenwart symbolisieren.

In vielen der ersten Reviews zu „Alienation“ wird bemängelt, dass die Songs nicht mehr, wie früher, den direkten Weg zum Hörer suchen und finden, dass Slut 2013 eher eine „Band für die Feuilletons“ sind. Inwiefern unterscheidet sich die Platte für euch von früheren Werken wie „All We Need Is Silence“, „Nothing Will Go Wrong“ oder „StillNo1“, inwiefern steht sie dem ebenfalls als Konzeptalbum angelegten „Lookbook“ nahe?

R.S.: Den vermeintlich „direkten“ Weg gibt es auch kaum mehr im Alltag – wenn auch versucht wird, jedem einzelnen es so zu verkaufen. Man denke nur an Computer-Hotlines, Call-Center, etc. Den direkten Ansprechpartner gibt es nicht mehr wie früher. Wir stellen aber in „Alienation“ dem Hörer den Gesang zur Seite, er ist sein ständiger Begleiter. Der Rest ist die Reise durch den vielfältigen Alltag, durch verschiedene Länder und Zeiten, angetrieben von einem Beat, der scheinbar nicht aufhören will.

Was sind eure nächsten Pläne?

R.S.: Wir haben schon lange aufgehört, uns konkrete Pläne zu stricken, was unsere Musik angeht. Die interessantesten, prägendsten und besten Projekte sind uns immer zugelaufen wie scheue Rehe. Wir freuen uns wahnsinnig auf die Live-Umestzung von Alienation im Herbst und zur Tour im Januar 2014. Erst auf Konzerten löst sich das, was man sich auf einer Platte ausgedacht hat, richtig ein.

 

Zum Abschluss noch ein paar allgemeinere Fragen…
Was sind deine frühesten musikalischen Erinnerungen?

R.S.:  Kirchenmusik von Schubert und mein erstes Rock´n Roll-Konzert im Leben: Ramones.

Welches sind deine – insofern es die gibt – größten „musikalischen Helden“?

R.S.: Brain Eno, weil er sich sowohl als Produzent wunderbar in Bands einfühlen beziehungsweise Bands unterordnen kann und gleichzeitig als Musiker genial ist und sich vor nichts verschließt.

Wenn du die Möglichkeit hättest, mit einem bestimmten Musiker auf Tour oder ins Studio gehen zu können – welcher wäre das?

R.S.: Mit Tobias Siebert [einer der Produzenten von „Alienation“ sowie ehemaliger Sänger und Gitarrist der deutschen Band Klez.e – Anm. d. Red.]. Wir setzten das auch gleich in die Realität um und er begleitet uns auf unserer Tournee mit seinem großartigen Soloprojekt „The Golden Choir“ und spielt bei uns als sechstes Bandmitglied mit.

Deine 5 Platten als Soundtrack für die Großstadt…

> Cliff Martinez – Drive Soundtrack
> The Cure – Disintegration
> Joasihno – A Lie
> Frank Ocean – Channel Orange
> Bill Withers – Bill Withers – Live At Carnegie Hall

…und deine 5 Platten für die einsame Insel?

> Chilly Gonzales – Solo Piano
> Arvo Pärt – Alina
> Barry White – fast alles
> Roxy Music – Roxy Music
> die gesamte Beatles-Box

 

Vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview mit ANEWFRIEND genommen hast!

(…und „Danke!“ an Janna von „Off The Record“ für die schnelle Vermittlung von Fragen und Antworten!)

 

Aber am Ende geht’s doch immer noch und immer wieder um die Musik, oder? Mit „Next Big Thing“ konnte man auf ANEWFRIEND ja bereits einen Song von „Alienation“ hören… Hier gibt’s mit dem feinen „Remote Controlled“ ein weiteres Stück vom heute erschienenen siebenten Slut-Album:

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Slut – Alienation (2013)

Alienation (Cover)-erscheint bei Cargo Records-

So langsam verblassen die Ränder. Und doch ist die ein oder andere Erinnerung an jenen Sommer des Jahres 2001 noch präsent…

Klar, zuerst drängen sich bei den meisten von uns jene Bilder in den Vordergrund, als an einem Septemberdienstag zwei Türme in New York City zu Boden stürzten. Nichts sollte darauf mehr wie vorher sein. Radiohead wurden mit ihrem famosen Albumdoppel aus „Kid A“ und „Amnesiac“ während diesen Tagen zu einem musikgewordenen Anker für mich, in einer Welt, die schwer zu fassen, schwer zu durchschauen schien. Aufruhr, Rebellion, Veränderung – ich war damals ein lebenshungriger, zwar altkluger, jedoch auch ebenso dummdreister Kindskopf, der kurz vorm schlechtrechten Abitur stand. Ich war mittendrin im Strudel der Adoleszenz. Musik, Mädchen, Freundschaft – ich wollte alles, und sei es nur für einen einzigen, endlos langen Sommer…

Und auch heute noch werde ich bei jedem Mal, wenn die Stücke eben jener erwähnten Radiohead-Alben meinen Weg kreuzen, wieder in diesen Sommer zurück versetzt. Zu diesem Mädchen mit dem kurzen Haar, den Sommerprossen, den vollen Lippen und den leuchtenden Augen, die ihr Lächeln für einen Sekundenbruchteil zum zweifellos schönsten auf den ganzen Welt machten. Zu den endlos langen Beinen, die sich um meinen schweißnassen, hageren Körper schlungen, als wir uns küssten. Für einen winzigen Moment gab es nur uns allein auf dieser Welt, die so offen und neu und am Ende schien. Und andererseits so voller unbetretener Wege ohne Ziel offenbarte…

Doch noch mehr als alles auf „Kid A“ oder „Amnesiac“ versetzt mich wohl ein anderer Song zurück in eben diese Tage der Jugend: „Welcome 2“ von Slut. Das dazugehörige Video lief damals rauf und runter auf Viva 2, in einer Zeit, als tatsächlich noch Musikvideos im Fernsehen liefen. Darin zu sehen: fünf bleiche Milchbubi-Gesichter, die kaum älter als ich waren. Das Stück war ebenso Teil des Soundtracks des filmischen Robert Stadlober-Durchbruchs „Crazy“ als auch zentraler Punkt von Sluts bereits drittem Album „Lookbook„. Und obwohl diese fünf Typen aus dem bayrischen Ingolstadt kaum die Zwanzig erreicht hatten, war jenes „Lookbook“ bereits reichlich ambitioniert ausgelegt: Ein Konzeptwerk über die Schattenseiten der Adoleszenz, über Außenseitertum, Verunsicherung und das Alleinsein. Natürlich konnte sich ein Teenager wie ich, der in seiner Kleinstadt-Clique zwar ein gern gesehener Freund war, jedoch nie zum großen Draufgängertum neigte, damit identifizieren! Those were the days…

Slut #1

Und obwohl nach diesem Sommer der Herbst kam und die meisten aus meinem damaligen Freundes- und Bekanntenkreis in ihre eigenen Zukünfte verschwanden, blieb ich Slut, deren Namenwahl wohl eher dem schwedischen „Ende“ als der profanen englischen „Schlampe“ zugrunde liegen mag, über all die Jahre treu. Natürlich machte es die Band ihren Hörern auch einfach, sie für ihre Musik und ihren steten Willen zu Wachstum und gleichzeitiger Neuerung zu lieben. „Nothing Will Go Wrong„, „All We Need Is Silence“ und „StillNo1„, jeweils im Zwei- beziehungsweise Dreijahresrhythmus zwischen 2003 und 2008 erschienen, waren ebenso breitbeiniger, bissiger Indierock wie gewagt melancholischer Veitstanz auf der Höhe der Zeit. Nie schienen Christian Neuburger (Gesang, Gitarre), Rainer Schaller (Gitarre), Gerd Rosenacker (Bass), Matthias Neuburger (Schlagzeug) und René Arbeithuber (Keyboard) wirklich musikalisch still zu stehen. Und wenn ihnen selbst der ganze bundesdeutsche Indierock-Zirkus zuviel wurde, dann suchten sie sich auf eigene Faust neue gemeinsame Betätigungsfelder – etwa als Begleitband im Theatergraben zu Brechts „Dreigroschenoper“ oder als musikalische Erfüllungsgehilfen bei der Hörbuchfassung des Romans „Corpus Delicti“ der Autorin Juli Zeh.

Auf ein „richtiges“ neues Album von Slut mussten alle Fans, Freunde und Wegbegleiter jedoch lange fünf Jahre warten. Fünf Jahre, in denen sich die Lebensmittelpunkte von drei Fünftel der Band in die bayrische Landeshauptstadt verlagerten, in denen Familien gegründet wurden, Freundschaften entstanden, während andere friedlich einschliefen oder zerbrachen. Fünf Jahre, in denen Lieben aufkeimten und achtlos beiseite geschoben wurden, Ideale bitter enttäuscht oder gar zu Grabe getragen wurden; die ausreichend Zeit ließen, Jobs anzunehmen und wieder zu schmeißen, mal hier, mal da auf der Welt sein Glück zu versuchen… Keine Frage: Auch – und vor allem – man selbst hatte sich verändert. Und obwohl die Ankündigung, dass Slut nach eben fünf langen Jahren im August 2013 wieder ein vollwertiges Album veröffentlichen würden, ein wenig für einen gefühlten inneren Kindergeburtstag sorgte, so blieb doch – bei so viel gemeinsamer Vergangenheit – eine undefinierbare gewisse Restskepsis: Würden es Neuburger & Co. noch einmal schaffen, das Feuer vergangener Tage zu entfachen? Am Ende von „Alienation“ bleiben gar mehr Fragen als Antworten… Das Gute: Man spürt, dass es die Band genau so wollte.

Slut #2

Dabei birgt bereits die erste – und zweifellos wichtigste – Vorabinformation zu „Alienation“ gleichsam Wagnis und Spannungsgarant in Personalunion: Slut kontaktierten nach den ersten erfolgreichen Entwürfen im heimischen münchner Proberaum fünf der Produzenten, mit denen sie bereits an vergangenen Alben gearbeitet hatten, und begaben sich für Album Nummer sieben ebenso auf Deutschlandreise wie auf einen Trip in die eigene Bandhistorie: zwei der zwölf Stücke wurden gemeinsam mit Tobias Levin (u.a. Kante, Tocotronic) in Hamburg aufgenommen, zwei weitere mit Olaf O.P.A.L. (u.a. The Notwist, Naked Lunch) in Bochum und Berlin, fünf mit Tobias Siebert (u.a. Me And My Drummer, Phillip Boa) in Berlin, zwei mit Mario Thaler (u.a. The Notwist, Polarkreis 18) in München und Stuttgart und wieder zwei Songs entstanden mit Oliver Zülch (u.a. Die Ärzte, Sportfreunde Stiller) im beschaulichen Weilheim.

Nun könnte man durchaus mutmaßen, dass „Alienation“ ob dieses Fakts besonders zerfahren wirken würde – dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Denn erstmals seit dem zwölf Jahre zurück liegenden „Lookbook“ wagten sich Slut wieder an ein Albumkonzept, das – bei aller räumlichen Distanz – die Stücke wie ein roter Faden durchziehen sollte: „Alienation“, also „Entfremdung“ – keine schlechte Idee fürwahr, in einer Zeit, in der jedes menschliche Glied in den gesellschaftlichen Ketten der Wirtschaftsnationen einer nie endenden 24/7-Flut an Unterhaltung und Zerstreuung ausgesetzt scheint. Eine Zeit, der die Übersättigung und die hohle Hand des Zuviel in unschön uniformer Blockschrift auf die metaphorische Stirn gebrandmarkt scheint. Individuen werden untergebuttert und mundtot gemacht, Liebe ist prozesskonform und käuflich, Meinungen lassen sich im Vierjahrestakt mieten und Burnout ist die Volkskrankheit, mit der Manager ebenso wie einfache Angestellte für ein Leben auf der Überholspur bezahlen müssen. Echte Gefühle? Erstickend fremd. All das versuchen Slut in 50 Minuten zu packen…

Slut #3

Dabei legt „Anybody Have A Roadmap?“ bereits ganz gut los. Perkussion und das von Produzent Olaf O.P.A.L. gespielte Reverse Piano geben den Takt vor, während sich Gitarren und ein wummernder Bass durch ein Dickicht aus elektronischen Spielereien wuseln, in denen sich Chris Neuburgers Stimme erstmals als einzig fester Anker erweist. „Broke My Backbone“ weist mit generierten Beats und repetitiven Stimmsamples, die keinerlei comfort zone zulassen, nur allzu offensichtlich auf die zwei größten aktuellen Referenzpunkte hin: Radiohead und Atoms For Peace – kaum verwunderlich, steht doch der nimmermüd‘ kreative Derwisch Thom Yorke beiden Bands vor, befassen sich beide Kollektive doch seit Jahren mit ähnlichen Sujets. „All Show“ ist eine gitarrengetragene, traurige Mär von gebückt schleichenden Taugenichtsen, Gelegenheitstrinkern, Herumtreibern und schlechten Schauspielern, die sich alle selbst Tag für Tag etwas vormachen, und in ihren portionierten Leben doch eines gemeinsam haben: sie alle sind „fucked up inside“. „Home is where you’re brought up /…/ You stay or you may roam / They say it’s like the heart without a home /…/ And the young ones getting out of here / The rest stays where they are / And most of them turn petit bourgeois /…/ We wrote a hundred love songs / And poems / All those years / Where we sang about our hopes and doubts and fears / Someone push the brake /…/ Someone get along with us“ – das Titelstück ist gleichsam melancholische Feier der gemeinsamen Vergangenheit und desillusionierte Hymne an die Ingolstädter Heimat. „Silk Road Blues“ besteht beinahe gänzlich aus einem Jam zwischen der Band und Sitar-Spieler Ashraf Sharif Khan, bevor „Remote Controlled“ zu treibendem Schlagzeug Zerstreuung und Genusssucht der einheitlich modernen Großstadtmasse auf den Punkt bring („We suffer from action / Caused by a lack of satisfaction / Though we have ageingly arrived / We’re in search for the time of our lives /…/ We’re puppets in an everlasting play /…/ We’re all remote controlled“) und „Idiot Dancers“ den Tanzboden für den Aufmarsch der Konformisten bereitet. „Deadlock“ bereitet dem kündigen Hörer ein zweites offensichtliches Radiohead’sches Aha-Erlebnis, denn die Gitarren könnten so auch von Johny Greenwood, dem Leadgitarristen der englischen Erfolgsband, kommen. In „Nervous Kind“ droht der Barpianist zu unruhigen Rhythmen gen Ende kurz in einem Streichermeer zu versinken, „Never Say Nothing“ deutet mal eben wuchtige New Wave-Tendenzen an und lässt den seligen Joy Division-Frontmann Ian Curtis als Textreferenz durchscheinen („She’s lost control again“). Bevor einem selbst alles an „Alienation“ zu viel wird, ist dieser seltsam fremde Hirnfick nach 50 Minuten vorbei, denn Chris Neuburger bricht mit der zweieinhalbminütigen, simplen Pianoballade „Holy End“ ein Loch in die Abwärtsspirale des menschlichen Verfalls und bringt zum Abschluss noch einmal die kleinsten großen Wünsche auf den Punkt: „When all the money is spent and all the goods are used up / Would you carry me back to my mother’s hands? / When the fighting is over and the races run out / Please carry me back to my father’s land / Holy end“. Amen.

Natürlich hätten es sich Slut nach fünfjähriger Abstinenz in den Plattenregalen um einiges einfacher machen können, hätten allen Freunden des tollen, 2008 erschienenen Vorgängers „StillNo1“ erneut 10+x breitbeinig und selbstbewusst auftretende und mit kleinen elektronischen Ingredienzien versetzte Stücke liefern können. Doch wer Slut kennt und schätzt, der weiß natürlich: Dieser Weg war bislang nie der der bayrischen Band. Und so stellen sich Chris Neuburger, Rainer Schaller, Gerd Rosenacker, Matthias Neuburger und René Arbeithuber ebenso vor eine Aufgabe wie den Hörer und schaffen mit „Alienation“ ein Album, das bewusst keinerlei Wohlfühloasen und wenig Ruheplätze bietet. Dabei nehmen Slut wohl bewusst in Kauf, anzuecken und auf wenig Gegenliebe zu stoßen. Dass sich Berichte, Artikel und Rezensionen über die Band und ihr Schaffen mittlerweile eher im Feuilleton als in den einschlägigen Rockmusikmagazinen finden lassen? Ein beinahe haltloser Vorwurf, den man so jedoch auch auf Radiohead ummünzen könnte. Freilich steckt „Alienation“ bewusst voller kühler Kanten und Brüche. Und auch wenn mit „Next Big Thing“ und „Remote Controlled“ lediglich zwei Stücke an den halbwegs straighten Indierock vergangener Großtaten erinnern, so merkt man Album Nummer sieben an vielen Stellen das investierte Herzblut, die überbordende Kreativität und die ehrlichen Mühen an. Und auch wenn Band-Freundin Juli Zeh im begleitenden Pressetext etwas verschwenderisch mit Superlativen um sich wirft, so hat sie doch mit einem Satz verdammt recht: „Slut haben noch nie in der zwanzigjährigen Bandgeschichte Mist produziert.“ Ob Slut sich mit „Alienation“ einen Gefallen getan oder Bärendienst erwiesen haben? Die Zeit wird’s zeigen… Doch bei aller Rat- und Rastlosigkeit bleibt mir die Freude, dass diese Band zurück ist – und bei allen Fragezeichen nie relevanter und nie näher am Nerv der Zeit war. Und es bleiben mir die Erinnerungen an jenen endlos warmen Sommer im Jahr 2001, als die Ränder noch voller Farbe und die Herzen nur zum Brechen da waren… Willkommen in zurück, im kalten Hier und Jetzt – der nostalgische, gefühlt alte Sack in mir legt zwei Sympathiepunkte obendrauf. Passt schon.

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Das erwähnte Musikvideo zu zwölf Jahre jungen Nostalgie-Evergreen „Welcome 2“ gibt’s hier…

 

…ebenso wie die bewegten Bilder zu „If I Had A Heart“…

 

…und „Tomorrow Will Be Mine“ (beide von „StillNo1“)…

 

…sowie – solange das offizielle Video zur aktuellen Single „Next Big Thing“ auf sich warten lässt – den Albumteaser zu „Alienation“:

 

Rock and Roll.

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Was lange währt… – Slut sind zurück, „Alienation“ kommt im August, den ersten Song gibt’s hier!


Slut

Die Nachricht des Tages, zumindest für mich: die Jungs von Slut veröffentlichen nach langen Jahren des Wartens – immerhin liegt das letzte Album „StillNo1“ bereits fünf Jahre zurück – endlich ein neues Album!

Album Nummer sieben wird „Alienantion“ heißen, am 16. August das Licht der Plattenläden erblicken und vom aus dem bayrischen Ingolstadt stammenden Quintett aus Chris Neuburger (Gesang, Gitarre), Matthias Neuburger (Schlagzeug), Gerd Rosenacker (Bass), Rainer Schaller (Gitarre) und  René Arbeithuber (Keyboard) in einer experimentellen kreativen Ochsentour in insgesamt fünf verschiedenen Tonstudios und unter Zuhilfenahme von somit fünf verschiedenen Produzenten eingespielt, zu denen unter anderem Tobias Levin (Kante, Tocotronic), Olaf O.P.A.L. (The Notwist, Naked Lunch) oder Mario Thaler (The Notwist, Polarkreis18) gehörten, aufgenommen. Und obwohl die fünf Slut‚ler in den vergangenen Jahren keineswegs untätig waren und etwa die musikalische Beschallung einer Theateraufführung der „Dreigroschenoper“ oder des Romans „Corpus Delicti“ der Autorin Juli Zeh (mit welcher sie auch auf Schallnovelle-Lesereise gingen) übernahmen, wird’s langsam echt wieder Zeit für „richtige“ – und vor allem: neue! – Songs… Man darf sich also ab sofort noch ein wenig mehr auf den August freuen!

Alienation (Banner)

„Alienation“ wird auf Cargo Records erscheinen und mit den folgenden 12 Stücken aufwarten:

01. „Anybody Have A Roadmap?“
02. „Next Big Thing“
03. „Broke My Backbone“
04. „All Show“
05. „Alienation“
06. „Silk Road Blues“
07. „Remote Controlled“
08. „Deadlock“
09. „Idiot Dancers“
10. „Nervous Kind“
11. „Never Say Nothing“
12. „Holy End“

 

Als kleinen Vorgeschmack gibt’s hier bereits den Song „Next Big Thing“ inklusive einiger Impressionen vom Aufnahmeprozess:

 

Rock and Roll.

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