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Das Album der Woche


Slut – Alienation (2013)

Alienation (Cover)-erscheint bei Cargo Records-

So langsam verblassen die Ränder. Und doch ist die ein oder andere Erinnerung an jenen Sommer des Jahres 2001 noch präsent…

Klar, zuerst drängen sich bei den meisten von uns jene Bilder in den Vordergrund, als an einem Septemberdienstag zwei Türme in New York City zu Boden stürzten. Nichts sollte darauf mehr wie vorher sein. Radiohead wurden mit ihrem famosen Albumdoppel aus „Kid A“ und „Amnesiac“ während diesen Tagen zu einem musikgewordenen Anker für mich, in einer Welt, die schwer zu fassen, schwer zu durchschauen schien. Aufruhr, Rebellion, Veränderung – ich war damals ein lebenshungriger, zwar altkluger, jedoch auch ebenso dummdreister Kindskopf, der kurz vorm schlechtrechten Abitur stand. Ich war mittendrin im Strudel der Adoleszenz. Musik, Mädchen, Freundschaft – ich wollte alles, und sei es nur für einen einzigen, endlos langen Sommer…

Und auch heute noch werde ich bei jedem Mal, wenn die Stücke eben jener erwähnten Radiohead-Alben meinen Weg kreuzen, wieder in diesen Sommer zurück versetzt. Zu diesem Mädchen mit dem kurzen Haar, den Sommerprossen, den vollen Lippen und den leuchtenden Augen, die ihr Lächeln für einen Sekundenbruchteil zum zweifellos schönsten auf den ganzen Welt machten. Zu den endlos langen Beinen, die sich um meinen schweißnassen, hageren Körper schlungen, als wir uns küssten. Für einen winzigen Moment gab es nur uns allein auf dieser Welt, die so offen und neu und am Ende schien. Und andererseits so voller unbetretener Wege ohne Ziel offenbarte…

Doch noch mehr als alles auf „Kid A“ oder „Amnesiac“ versetzt mich wohl ein anderer Song zurück in eben diese Tage der Jugend: „Welcome 2“ von Slut. Das dazugehörige Video lief damals rauf und runter auf Viva 2, in einer Zeit, als tatsächlich noch Musikvideos im Fernsehen liefen. Darin zu sehen: fünf bleiche Milchbubi-Gesichter, die kaum älter als ich waren. Das Stück war ebenso Teil des Soundtracks des filmischen Robert Stadlober-Durchbruchs „Crazy“ als auch zentraler Punkt von Sluts bereits drittem Album „Lookbook„. Und obwohl diese fünf Typen aus dem bayrischen Ingolstadt kaum die Zwanzig erreicht hatten, war jenes „Lookbook“ bereits reichlich ambitioniert ausgelegt: Ein Konzeptwerk über die Schattenseiten der Adoleszenz, über Außenseitertum, Verunsicherung und das Alleinsein. Natürlich konnte sich ein Teenager wie ich, der in seiner Kleinstadt-Clique zwar ein gern gesehener Freund war, jedoch nie zum großen Draufgängertum neigte, damit identifizieren! Those were the days…

Slut #1

Und obwohl nach diesem Sommer der Herbst kam und die meisten aus meinem damaligen Freundes- und Bekanntenkreis in ihre eigenen Zukünfte verschwanden, blieb ich Slut, deren Namenwahl wohl eher dem schwedischen „Ende“ als der profanen englischen „Schlampe“ zugrunde liegen mag, über all die Jahre treu. Natürlich machte es die Band ihren Hörern auch einfach, sie für ihre Musik und ihren steten Willen zu Wachstum und gleichzeitiger Neuerung zu lieben. „Nothing Will Go Wrong„, „All We Need Is Silence“ und „StillNo1„, jeweils im Zwei- beziehungsweise Dreijahresrhythmus zwischen 2003 und 2008 erschienen, waren ebenso breitbeiniger, bissiger Indierock wie gewagt melancholischer Veitstanz auf der Höhe der Zeit. Nie schienen Christian Neuburger (Gesang, Gitarre), Rainer Schaller (Gitarre), Gerd Rosenacker (Bass), Matthias Neuburger (Schlagzeug) und René Arbeithuber (Keyboard) wirklich musikalisch still zu stehen. Und wenn ihnen selbst der ganze bundesdeutsche Indierock-Zirkus zuviel wurde, dann suchten sie sich auf eigene Faust neue gemeinsame Betätigungsfelder – etwa als Begleitband im Theatergraben zu Brechts „Dreigroschenoper“ oder als musikalische Erfüllungsgehilfen bei der Hörbuchfassung des Romans „Corpus Delicti“ der Autorin Juli Zeh.

Auf ein „richtiges“ neues Album von Slut mussten alle Fans, Freunde und Wegbegleiter jedoch lange fünf Jahre warten. Fünf Jahre, in denen sich die Lebensmittelpunkte von drei Fünftel der Band in die bayrische Landeshauptstadt verlagerten, in denen Familien gegründet wurden, Freundschaften entstanden, während andere friedlich einschliefen oder zerbrachen. Fünf Jahre, in denen Lieben aufkeimten und achtlos beiseite geschoben wurden, Ideale bitter enttäuscht oder gar zu Grabe getragen wurden; die ausreichend Zeit ließen, Jobs anzunehmen und wieder zu schmeißen, mal hier, mal da auf der Welt sein Glück zu versuchen… Keine Frage: Auch – und vor allem – man selbst hatte sich verändert. Und obwohl die Ankündigung, dass Slut nach eben fünf langen Jahren im August 2013 wieder ein vollwertiges Album veröffentlichen würden, ein wenig für einen gefühlten inneren Kindergeburtstag sorgte, so blieb doch – bei so viel gemeinsamer Vergangenheit – eine undefinierbare gewisse Restskepsis: Würden es Neuburger & Co. noch einmal schaffen, das Feuer vergangener Tage zu entfachen? Am Ende von „Alienation“ bleiben gar mehr Fragen als Antworten… Das Gute: Man spürt, dass es die Band genau so wollte.

Slut #2

Dabei birgt bereits die erste – und zweifellos wichtigste – Vorabinformation zu „Alienation“ gleichsam Wagnis und Spannungsgarant in Personalunion: Slut kontaktierten nach den ersten erfolgreichen Entwürfen im heimischen münchner Proberaum fünf der Produzenten, mit denen sie bereits an vergangenen Alben gearbeitet hatten, und begaben sich für Album Nummer sieben ebenso auf Deutschlandreise wie auf einen Trip in die eigene Bandhistorie: zwei der zwölf Stücke wurden gemeinsam mit Tobias Levin (u.a. Kante, Tocotronic) in Hamburg aufgenommen, zwei weitere mit Olaf O.P.A.L. (u.a. The Notwist, Naked Lunch) in Bochum und Berlin, fünf mit Tobias Siebert (u.a. Me And My Drummer, Phillip Boa) in Berlin, zwei mit Mario Thaler (u.a. The Notwist, Polarkreis 18) in München und Stuttgart und wieder zwei Songs entstanden mit Oliver Zülch (u.a. Die Ärzte, Sportfreunde Stiller) im beschaulichen Weilheim.

Nun könnte man durchaus mutmaßen, dass „Alienation“ ob dieses Fakts besonders zerfahren wirken würde – dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Denn erstmals seit dem zwölf Jahre zurück liegenden „Lookbook“ wagten sich Slut wieder an ein Albumkonzept, das – bei aller räumlichen Distanz – die Stücke wie ein roter Faden durchziehen sollte: „Alienation“, also „Entfremdung“ – keine schlechte Idee fürwahr, in einer Zeit, in der jedes menschliche Glied in den gesellschaftlichen Ketten der Wirtschaftsnationen einer nie endenden 24/7-Flut an Unterhaltung und Zerstreuung ausgesetzt scheint. Eine Zeit, der die Übersättigung und die hohle Hand des Zuviel in unschön uniformer Blockschrift auf die metaphorische Stirn gebrandmarkt scheint. Individuen werden untergebuttert und mundtot gemacht, Liebe ist prozesskonform und käuflich, Meinungen lassen sich im Vierjahrestakt mieten und Burnout ist die Volkskrankheit, mit der Manager ebenso wie einfache Angestellte für ein Leben auf der Überholspur bezahlen müssen. Echte Gefühle? Erstickend fremd. All das versuchen Slut in 50 Minuten zu packen…

Slut #3

Dabei legt „Anybody Have A Roadmap?“ bereits ganz gut los. Perkussion und das von Produzent Olaf O.P.A.L. gespielte Reverse Piano geben den Takt vor, während sich Gitarren und ein wummernder Bass durch ein Dickicht aus elektronischen Spielereien wuseln, in denen sich Chris Neuburgers Stimme erstmals als einzig fester Anker erweist. „Broke My Backbone“ weist mit generierten Beats und repetitiven Stimmsamples, die keinerlei comfort zone zulassen, nur allzu offensichtlich auf die zwei größten aktuellen Referenzpunkte hin: Radiohead und Atoms For Peace – kaum verwunderlich, steht doch der nimmermüd‘ kreative Derwisch Thom Yorke beiden Bands vor, befassen sich beide Kollektive doch seit Jahren mit ähnlichen Sujets. „All Show“ ist eine gitarrengetragene, traurige Mär von gebückt schleichenden Taugenichtsen, Gelegenheitstrinkern, Herumtreibern und schlechten Schauspielern, die sich alle selbst Tag für Tag etwas vormachen, und in ihren portionierten Leben doch eines gemeinsam haben: sie alle sind „fucked up inside“. „Home is where you’re brought up /…/ You stay or you may roam / They say it’s like the heart without a home /…/ And the young ones getting out of here / The rest stays where they are / And most of them turn petit bourgeois /…/ We wrote a hundred love songs / And poems / All those years / Where we sang about our hopes and doubts and fears / Someone push the brake /…/ Someone get along with us“ – das Titelstück ist gleichsam melancholische Feier der gemeinsamen Vergangenheit und desillusionierte Hymne an die Ingolstädter Heimat. „Silk Road Blues“ besteht beinahe gänzlich aus einem Jam zwischen der Band und Sitar-Spieler Ashraf Sharif Khan, bevor „Remote Controlled“ zu treibendem Schlagzeug Zerstreuung und Genusssucht der einheitlich modernen Großstadtmasse auf den Punkt bring („We suffer from action / Caused by a lack of satisfaction / Though we have ageingly arrived / We’re in search for the time of our lives /…/ We’re puppets in an everlasting play /…/ We’re all remote controlled“) und „Idiot Dancers“ den Tanzboden für den Aufmarsch der Konformisten bereitet. „Deadlock“ bereitet dem kündigen Hörer ein zweites offensichtliches Radiohead’sches Aha-Erlebnis, denn die Gitarren könnten so auch von Johny Greenwood, dem Leadgitarristen der englischen Erfolgsband, kommen. In „Nervous Kind“ droht der Barpianist zu unruhigen Rhythmen gen Ende kurz in einem Streichermeer zu versinken, „Never Say Nothing“ deutet mal eben wuchtige New Wave-Tendenzen an und lässt den seligen Joy Division-Frontmann Ian Curtis als Textreferenz durchscheinen („She’s lost control again“). Bevor einem selbst alles an „Alienation“ zu viel wird, ist dieser seltsam fremde Hirnfick nach 50 Minuten vorbei, denn Chris Neuburger bricht mit der zweieinhalbminütigen, simplen Pianoballade „Holy End“ ein Loch in die Abwärtsspirale des menschlichen Verfalls und bringt zum Abschluss noch einmal die kleinsten großen Wünsche auf den Punkt: „When all the money is spent and all the goods are used up / Would you carry me back to my mother’s hands? / When the fighting is over and the races run out / Please carry me back to my father’s land / Holy end“. Amen.

Natürlich hätten es sich Slut nach fünfjähriger Abstinenz in den Plattenregalen um einiges einfacher machen können, hätten allen Freunden des tollen, 2008 erschienenen Vorgängers „StillNo1“ erneut 10+x breitbeinig und selbstbewusst auftretende und mit kleinen elektronischen Ingredienzien versetzte Stücke liefern können. Doch wer Slut kennt und schätzt, der weiß natürlich: Dieser Weg war bislang nie der der bayrischen Band. Und so stellen sich Chris Neuburger, Rainer Schaller, Gerd Rosenacker, Matthias Neuburger und René Arbeithuber ebenso vor eine Aufgabe wie den Hörer und schaffen mit „Alienation“ ein Album, das bewusst keinerlei Wohlfühloasen und wenig Ruheplätze bietet. Dabei nehmen Slut wohl bewusst in Kauf, anzuecken und auf wenig Gegenliebe zu stoßen. Dass sich Berichte, Artikel und Rezensionen über die Band und ihr Schaffen mittlerweile eher im Feuilleton als in den einschlägigen Rockmusikmagazinen finden lassen? Ein beinahe haltloser Vorwurf, den man so jedoch auch auf Radiohead ummünzen könnte. Freilich steckt „Alienation“ bewusst voller kühler Kanten und Brüche. Und auch wenn mit „Next Big Thing“ und „Remote Controlled“ lediglich zwei Stücke an den halbwegs straighten Indierock vergangener Großtaten erinnern, so merkt man Album Nummer sieben an vielen Stellen das investierte Herzblut, die überbordende Kreativität und die ehrlichen Mühen an. Und auch wenn Band-Freundin Juli Zeh im begleitenden Pressetext etwas verschwenderisch mit Superlativen um sich wirft, so hat sie doch mit einem Satz verdammt recht: „Slut haben noch nie in der zwanzigjährigen Bandgeschichte Mist produziert.“ Ob Slut sich mit „Alienation“ einen Gefallen getan oder Bärendienst erwiesen haben? Die Zeit wird’s zeigen… Doch bei aller Rat- und Rastlosigkeit bleibt mir die Freude, dass diese Band zurück ist – und bei allen Fragezeichen nie relevanter und nie näher am Nerv der Zeit war. Und es bleiben mir die Erinnerungen an jenen endlos warmen Sommer im Jahr 2001, als die Ränder noch voller Farbe und die Herzen nur zum Brechen da waren… Willkommen in zurück, im kalten Hier und Jetzt – der nostalgische, gefühlt alte Sack in mir legt zwei Sympathiepunkte obendrauf. Passt schon.

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Das erwähnte Musikvideo zu zwölf Jahre jungen Nostalgie-Evergreen „Welcome 2“ gibt’s hier…

 

…ebenso wie die bewegten Bilder zu „If I Had A Heart“…

 

…und „Tomorrow Will Be Mine“ (beide von „StillNo1“)…

 

…sowie das Musikideo zur aktuellen Single „Next Big Thing“…

 

…und eine Studiodoku zur Entstehung des Albums:

 

Rock and Roll.

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Für ein Hundeleben – Neues Local Natives-Video zu „You & I“


ScreenShot aus "You & I"

Kinners, damit haben die Jungs mich gekriegt! Denn die Geschichte des „letzten Hunds auf Erden“, für den es sich im wahrsten Wortsinn bald ausgehechelt hat, ist wirklich herzzerreißend… Ist auch alles drin in dem viereinhalbminütigen Musikvideo zur aktuellen Local Natives-Single „You & I“, zu dem die Band aus dem sonnigen Kalifornien auch gleich noch die Story lieferte (Regie führten Daniel Portrait und Kamp Grizzly): große Momente, große Emotionen, Trauer, Wut, eine Klimax – und ein Happy End, bei dem sich das Herz eines jeden Hundefreundes vor Freude ein Steak abfeiern dürfte…

Wem das US-amerikanische Indierock-Viergespann der Local Natives noch kein Begriff sein sollte, dem sei geraten, sich das dazugehörige – zweite und im Januar diesen Jahres erschienene – Album „Hummingbird“ anzuhören, welches die Band im Studio von The National-Gitarrist Aaron Dessner aufgenommen hat, und dann auch gleich von ihm produzieren ließ (hört man irgendwie auch deutlich raus, wie ich finde).

Wer Referenzen mag: Man nehme vertrackte Indierock-Rhythmen wie die der Antlers, Grizzly Bear oder Radiohead, beschichte diese mit Fleet Foxes’schem Harmoniegesang, achte stets darauf, dass künstlerischem Anspruch und seelischem Tiefgang zu jeder Zeit eine nonchalante Note verliehen wird, dabei jedoch auch der mitreißende Pop-Faktor nach Mumford&Sons’scher Art nie zu kurz kommt – et voilà!

 

 

Rock and Roll.

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Aus Obst wird Rock – Dinosaur Jr. covern Phoenix


Dinosaur_Jr_Phoenix

Bitte?!? Dinosaur Jr., dieses Dreiergespann aus grauhaarigen Neunziger-Jahre-Indierock-Puristen remixt die aktuelle Phoenix-Single?

Nun, zuallererst: um einen „Remix“ handelt es sich bei der Dinosaur Jr.-Version von „Entertainment“ keinesfalls, vielmehr haben J Mascis und Co. dem Song geglichen Diskokugel-Kitsch entzogen und ihn so in eine fein sehnsüchtige Indierock-Gniedelhymne verwandelt, der natürlich auch das gewohnte Gitarrensolo nicht fehlt. „Speck“ setzt hier höchstens das selige Gefühl nie endender Sommer an… Mir gefällt’s. (Auch viel besser als das Phoenix-Original – und auch als der Rest des neuen Albums „Bankrupt!„, welches ich bereits hören könnte, und dass sich mit seinem dämlich minimalistischen Obst-Cover für die hässlichste Albumfront des Jahres bewirbt…)

Dinosaur Jr.

 

Hier gibt’s die Dinosaur Jr.-Variante von „Entertainment“ zum Hören und kostenlosen Laden…

 

…und hier zum Vergleich das Original von Phoenix:

 

Rock and Roll.

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Zu kurz gekommen… – Teil 9


Modest Mouse – Good News For People Who Love Bad News (2004)

Good News For People Who Love Bad News (Cover)-erschienen bei Epic/Sony-

Kürzlich spielte sich ein Album, welches schon lange nicht mehr in Gänze gelaufen ist, seinen Weg zurück in meine persönliche Heavy Rotation-Playlist. Und schon beim ersten Song wurde mir klar, dass ich „Good News For People Who Love Bad News„, dieses kleine, fiese Biest voll feinstem Indierock, völlig zu Unrecht so lange stiefmütterlich habe liegen lassen. Denn: die 16 Stücke der aus dem Kaff Issaquah im US-Bundesstaat Washington stammenden Band Modest Mouse bieten genug beiläufig essentielle Lebensweisheiten, um – mit aus Catchyness geschnitzten mutigen Hymnen – so ziemlich jeder Alltagsmonotonie den Garaus zu machen…

Modest Mouse, 2004Nachdem Bläser den Hörer ohne Vorwarnung in die folgenden 49 Minuten geschubst haben, erzählt Sänger Isaac Brock in „The World At Large“ zu Gitarren, Streichern und ‚Bababa‘-Chören vom Treiben zwischen den Gezeiten („They days get shorter and the nights get cold / I like the autumn but this place is getting old / I pack up my belongings and I head for the coast / It might not be a lot but I feel like I’m making the most“). Der unglaublich eingängige Überhit „Float On“ nimmt alle Seitenhiebe des Alltags mit der nötigen Prise Lakonie mit („I backed my car into a cop car the other day / Well, he just drove off – sometimes life’s okay /…/ We both got fired on, exactly, the same day / Well, we’ll float on, good news is on the way“), und grinst schelmisch, wo andere versuchen würden, mit gleicher Münze heimzuzahlen. „Ocean Breathes Salty“ gibt gesalzene Ratschläge an alle unselig Verstorbenen („You wasted life, why wouldn’t you waste the afterlife?“), „Bury Me With It“ dreht sich als bitterböser Partygast grimmig im Kreis und verteilt gute Neuigkeiten an alle Gleichgesinnten („Good news for people who love bad news / We’ve lost the plot and we just can’t choose / We are hummingbirds who are just not willing to move / And there’s good news for people who love bad news“), nur um in „Dance Hall“ wie ein auf Tom Waits machendes angestochenes Indieschwein zu versuchen, die verfickte Diskokugel aus dem Fenster zu befördern. Auch in „Bukowski“ kommt Brock – scheinbar – nicht zu besserer Laune und lässt zu Banjo-Begleitung kein gutes Haar an den inneren Parallelen zum legendären Säufer-Autoren Charles Bukowski („Woke up this morning and it seemed to me / That every night turns out to be / A little more like Bukowski / And yeah, I know he’s a pretty good read / But God who’d want to be / God who’d want to be such an asshole? /…/ Who would want to be such a control freak?“). „The Devil’s Workday“ übt sich in Blasphemie und Misanthropie, in „The View“ denkt Isaac Brock für einen Moment ans Aufgeben („And if it takes shit to make bliss / Well I feel pretty blissfully / If life’s not beautiful without the pain / Well I’d just rather never ever even see beauty again“), merkt jedoch, dass ihn diese verdammte Todessehnsucht, die mittlerweile seine Umwelt befallen hat, einfach nur noch ankotzt („Are you dead or are you sleepin‘? /…/ Well everybody’s talkin‘ about their short lists Everybody’s talkin‘ about death“). Danach gibt sich die Sündenbock-Ballade „Blame It On The Tetons“ ungewohnt sacht, nur um in „Black Cadillacs“ in vollem Bandumfang und mit Saxofon-Unterstützung wieder die Salzwasserfinger in gesellschaftliche Wunden zu legen („And it’s true we named our children / After towns that we’ve never been to /…/ And we were laughing at the stars / While our feet clung tight to the ground / So pleased with ourselves / For using so many verbs and nouns“). „One Chance“ übt sich in Rückbesinnung aufs Wesentliche („We have one chance / One chance to get everything right / My friends, my habits, my family / They mean so much to me“), der Rausschmeißer „The Good Times Are Killing Me“ blinzelt zu Flöten, Orgel, Streichern und anschwellendem Schlagzeug ein wenig irritiert in den Happy End-Sonnenaufgang.

Modest Mouse

Während sich Brock & Co. auf Vorgängern wie dem 1996er Debüt „This Is A Long Drive For Someone With Nothing To Think About“ (ebenfalls eine persönliche Empfehlung!) oder „Moon & Antarctica“ (2000 erschienen) noch selbstreflexiver gaben, öffnen sich Modest Mouse auf „Good News…“ erstmals ihrer Umwelt, ziehen die Schirmmütze ein wenig nach oben und fahren die Ellenbogen ein. Sicherlich mag das drei Jahre darauf veröffentlichte „We Were Dead Before The Ship Even Sank“ noch – im positiven Sinne – umgänglicheren Indierock bieten (ein Umstand, der wohl vor allem der Mitarbeit von Ex-Smiths-Gitarrist Johnny Marr geschuldet sein dürfte). Aber mit „Good News For People Who Love Bad News“ liefert Isaac Brock sein vorläufiges Opus Magnum ab, denn hier treibt er seine dezent sarkastisch-treffenden Alltagsbeobachtungen auf die Spitze, tanzt den Waits’schen Rumpelwalzer mit Gott, Teufel und Gevatter Tod und stösst alle drei am Ende mit einem spitzen Lachen in den Indiediscoabgrund. Ob „Good News…“ Leben retten kann, das sei einmal dahingestellt. Den Tag erhellen Modest Mouse mit ihren kleinen, zornigen Düsterpolkas auf jeden Fall. Das Cover stösst sieben Pfeile in einen grünlichen Hintergrund, und auch die Songs gehen ohne Umschweife gezielt dahin, wo’s geht tut. Trotzdem hat (Selbst)Zerfleischung selten so viel Spaß gemacht… Und da das letzte Lebenszeichen – in Form der 2009 erschienenen EP „No One’s First, And You’re Next“ – nun auch schon wieder vier Jahre zurück liegt, wäre es langsam wieder einmal an der Zeit, die Hörerschar ähnlich großartig zum Tanz zu bitten, Herr Brock…

 

Hier gibt’s Videos zum Evergreen „Float On“…

 

…und zu „Ocean Breathes Salty“…

 

…und hier den Song „The World At Large“ im Stream:

 

Und wer mag, kann sich auf Youtube das Album in Gänze zu Gemüte führen:

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Palma Violets


Palma Violets

Wenn der britische NME eine Band zum „nächsten heißen Scheiß“ kürt, dann ist durchaus erst einmal Vorsicht geboten. Klar, das hat bei den Strokes bereits sehr gut geklappt, wie auch bei den Libertines, aber die Frequenz, in denen pubertäre Bleichgesichter auf der Insel erst zu potentiellen Erben der Säulenheiligen BeatlesStonesClashKinks erhoben und dann – mir nichts, dir nichts – wieder vom Thron gestoßen werden, ist schon beachtlich.

So war es auch im vergangenen Oktober, als da eine Formation windschief vom Magazintitel rockte, die bisher lediglich eine einzige Single veröffentlicht hatte und sich sonst einen Scheiß ums karrieretechnische Vorankommen scherte – keine Homepage, kein Facebook-Auftritt, keine Promo-Kostproben fürs Musikjournalistenvolk, nichts. Wer wollte, konnte doch eins der Konzerte besuchen… Und trotzdem – oder: gerade deshalb? – ernannte der NME diese einzige Single, „Best Of Friends“, zur „Single des Jahres“ – und schob Palma Violets, das Quartett aus dem Süden der englischen Hauptstadt, somit ein gutes Stückweit ins Licht der Öffentlichkeit. Dass da auch in Zeiten des stetig bröckelnden Musikvertriebs ein Plattenvertrag nicht lange auf sich warten lassen würde, ist logisch (am Ende machte das Qualitätslabel „Rough Trade“ das Rennen).180 (Cover)

Die wichtigste Frage lautet nun: kann man dem Hype-Braten trauen – nun, da das Debüt-Album der Band, welches der Vierer nach ihrem Probe- und Aufnahmeraum im Londoner Stadtteil schlicht und einfach „180“ taufte, erscheint? Und die Antwort ist ebenso simpel wie die Hype-Zyklen der englischen Musikpresse: für einen Sommer gern. „180“ bietet zwölf (zählt man den Hidden Track „Brand New Song“ mit) energiegeladene Garagenrock-Songs, denen zwar noch der der Kater der letzten Indiedisconacht im Rücken sitzt, die dafür aber umso mehr jugendliche Unbedarftheit im Kopf und Hummeln im Hintern haben. Mit ihrer Musik wird die milchgesichtige Band, die sich nach einer Süßigkeitenmarke benannt hat, wohl keine Revolution anzetteln, aber: wer will das schon? Genauso wenig wie die zwanghaft bemühten Vergleiche mit den seligen Libertines, wenn den beiden Palma Violets-Frontmännern Sam Fryer und Chilli Jesson ein ähnlich innig-blindes (Bühnen)Verhältnis nachgeschrieben wird wie damals Pete Doherty und Carl Bârat.

Palma Violets bieten schrammeligen, retrolastigen Indierock, der von Papas Hinterhofgarage aus zur Suche nach kleinen Popmomenten aufbricht und die Fake-Ray Ban (natürlich vom Pakistani-Lädchen im die Ecke gezockt!) schon mal für die ersten warmen Tage des Jahres bereit gelegt hat. Ob nun durchgerockte Eintagsfliege oder „Britanniens neue Rocksensation“ (einhelliger Pressesprech) – das sollen gern andere entscheiden.

(Wer mag, dem bietet zum Beispiel dieser aktuelle Artikel der Frankfurter Rundschau mehr Informationen.)

 

Hier kann man das Debütalbum „180“ probehören…

 
…sich das Video zur ersten Single „Best Of Friends“ anschauen…

 

…ebenso wie Kostproben eines Liveauftritts von Palma Violets…

 

…und hier eine Session des Quartetts in den Maida Vale-Studios der BBC hören:

 

Rock and Roll.

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Beim Barte des Propheten! – Neues Frightened Rabbit-Video zu „Today’s Cross“ & mehr…


 

Frightend-Rabbit-Todays-Cross-video-608x436Dass ANEWFRIENDs aktuelle „Album der Woche„-Band Frightened Rabbit zwar auch 2013 für feinsten handgemachten Indierock stehen, es nichtsdestotrotz verstehen, das Internet und dessen kleine Helfershelfer wie Facebook gewinnbringend für sich zu nutzen, dürfte allen regelmäßigen Lesern dieser Seite hinlänglich bekannt sein.

Und so haut der schottische Fünfer momentan – mindestens – im Wochentakt Neuigkeiten in Form von Kurzfilmen, kryptischen Bildausschnitten, Akustiksessions und Videos raus. Jetzt hat es sogar die B-Seite zur aktuellen Single „The Woodpile“ erwischt: im Video zu „Today’s Cross“ unternimmt ein reichlich derangierter neuzeitlicher Jesus allerhand Versuche, um seine Schreibblockade, welche ihn fieserweise daran hindert, das Neue Testament zu verfassen, zu lösen…

 

 

Frightened Rabbit

Und um euch den Rundumservice zum neuen Album „Pedestrian Verse“ noch ein wenig zu versüßen, gibt’s hier ein dreiteiliges „Making Of“ zur Entstehung der Platte:

 

Rock and Roll.

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