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Song des Tages: Kings Of Convenience – „Rocky Trail“


Foto: Promo / Salvo Alibrio

Kings Of Convenience, anyone? Mehr als eine Dekade war es recht ruhig um das norwegische Indie-Folk-Pop-Duo (was aufgrund der Tatsache, dass ihr mittlerweile zwanzig Jahre zurückliegendes Debütwerk einst den Titel „Quiet Is The New Loud“ trug, noch einmal etwas amüsanter gerät). Umso schöner, dass das, was die Spatzen bereits seit etwa einem Jahr leise als Gerücht von den Dächern zwitscherten, nun offiziell ist: Erlend Øye und Eirik Glambek Bøe melden sich in Kürze mit einem neuen Album – dem ersten in zwölf Jahren – zurück. Und präsentieren mit „Rocky Trail“ obendrein einen frischen Song, der fast nahtlos an alte Gassenhauer wie „I’d Rather Dance With You“ oder „Misread“ anknüpft.

Die Tatsache, dass die mehr als zehnjährige Veröffentlichungspause ihrem sanften Akustikgitarren-Trademark-Sound nichts anhaben konnte, dürfte wohl vor allem in der gefühlt ewigen Freundschaft des Duos begründet liegen – Erlend Øye und Eirik Glambek Bøe kennen sich bereits seit Teenager-Zeiten. Anfang der Neunziger gründeten sie in ihrer Heimatstadt Bergen die Indie-Band Skog (auf Deutsch „Wald“ — vom The-Cure-Song „A Forest“ inspiriert). Auch wenn sich Skog nicht hielten und noch vor der Jahrtausendwende wieder auflösten, begannen die beiden Musiker zusammen ebenso melancholische wie poppig-ohrwurmige Songs als Kings Of Convenience zu schreiben. Stolze zwanzig Jahre ist es her, dass das Duo mit ihrem Debüt die vielsagende Maxime „Quiet Is The New Loud“ verkündeten. 2004 folgte „Riot On An Empty Street„, für das sie nicht nur Leslie Feist als Duettpartnerin gewinnen konnten, sondern ihnen auch einiges an Aufmerksamkeit über die norwegischen Landesgrenzen hinaus einbrachte. Eile für Ruhm war dennoch nie die Sache von Erlend Øye und Eirik Glambek Bøe, denn erst fünf Jahre später erschien das bis dato letzte Album „Declaration Of Dependence„.

Was die beiden in der Zwischenzeit so getrieben haben? Nun, der optische Vorzeige-Nerd Erlend Øye war in der Zwischenzeit nicht nur als Produzent in der Bergener Musikszene aktiv (unter anderem für die Indie-Pop-Band Kakkmaddafakka), sondern arbeitete vornehmlich mit Electro-Acts wie Dntl oder Röyksopp zusammen und veröffentlichte Musik unter seinem eigenen Namen sowie als Teil der Berliner Band The Whitest Boy Alive. Nach Zwischenstopps in London, Manchester und Berlin, hat es ihn nun ins sonnige Sizilien verschlagen. Für „Peace Or Love„, ihr am 18. Juni erscheinendes viertes Album, gingen Øye und Bøe wieder zusammen ins Studio. Ganz nach dem Motto: Wer Bequemlichkeit wertschätzen kann, kann sich auch zwölf Jahre Zeit mit dem nächsten Album lassen. So verteilte sich der Aufnahmeprozess der elf neuen Stücke auf fünf Jahre und fünf verschiedene Städte – und dürfte wohl mutmaßlich manches Mal so entspannt abgelaufen sein wie das Musikvideo zu „Rocky Trail“, in dem simple Gitarren-Performance auf einen skandinavischen Atelierhaus-Traum trifft, es vermuten lässt.

Eirik Glambek Bøe beschreibt jedoch die Arbeit an der Platte so: „Natürlich wirkt es wie ein Comeback, aber so fühlt es sich gar nicht an. Es war ein sehr langsam zehrendes Projekt. Wir haben uns lange selbst angeflunkert, indem wir dachten, wir wüssten schon alles darüber, wie man Platten macht. Und dann waren wir im Studio und merkten, dass es bei den Aufnahmen wirklich darum geht, einen magischen Moment festzuhalten. Es ist ziemlich hart, etwas simpel klingen zu lassen.“

Und wie kam’s zum einmal mehr recht konträr zum Musikalischen lautenden Albumtitel? “Wir sind so an den Ausdruck ‘Peace And Love’ gewohnt, aber an einem Punkt muss man sich fragen: Kann ich beides haben?”, so Eirik Glambek Bøe. “Und die Wahrheit ist: wahrscheinlich nicht. Es ist ein autobiografischer Titel. Es ist eine Sammlung der Schwierigkeiten, die wir in den vergangenen acht Jahren bewältigen mussten.” In jedem Fall: Velkommen tilbake, Kings Of Convenicence!

Rock and Roll.

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Song des Tages: Azure Ray – „Bad Dream“


Es war damals, kurz nach der Jahrtausendwende, als zwei junge Ladies von Athens, Georgia aus – und über das fantastische Indie-Label Saddle Creek, dessen Releases man zu jener Zeit quasi per Blindkauf vertrauen konnte – die auf Dream-Pop geeichte Indie-Folk-Welt verzauberten. Drei wunderschöne Alben und ein paar EPs lang musizierten einem Orenda Fink und Maria Taylor als Azure Ray in ihrem turmhoch tönenden Wolkenkuckucksheim die melancholischst gestimmten Geigen um die Gehörgänge, bevor die beiden eine (erste) Bandpause einlegten , um sich fortan etwas mehr ihren Solo-Karrieren zu widmen, 2010 mit dem vierten Album „Drawing Down The Moon“ zurückzumelden und hernach eine erneute, zweite Pause einzulegen. Bis jetzt. (Nunja, fast: 2018 erschien mit der EP „Waves“ ein kleines Lebenszeichen des Duos…)

Nun melden sich Azure Ray einmal mehr zurück – und lassen nach dem Titelstück mit „Bad Dream“ einen zweiten neuen Song vom am 11. Juni auf Maria Taylors eigenem Indie-Label Flower Moon Records erscheinenden Comeback-Album „Remedy“ hören, dessen zehn Stücke die beiden Mittvierzigerinnen (Kinners, wie die Zeit vergeht!) im vergangenen Jahr gemeinsam mit Produzent Brandon Walters (Lord Huron, Joshua Radin) an verschiedenen Locations in Südkalifornien aufgenommen haben. Und siehe da – auch gut zwanzig Jahre nach ihren Saddle Creek’schen Achtungserfolgen strahlen Fink und Taylor im Zweiergespann noch immer diesen geradezu unverkennbar magischen Charme aus, in den man sich am liebsten Tage, Wochen und Monate betten möchte… *hach*

„‚Bad Dream‘ ist unser Sommer-Jam. Es ist eher ein Song zum Ausatmen, ein Song, zu dem man die Autofenster herunter lässt. Alle Stücke auf ‚Remedy‘ wurden während der Pandemie geschrieben, also tragen sie alle Elemente der Anstrengungen, mit denen wir im vergangenen Jahr konfrontiert wurden, in sich. Viele von uns haben Trauer, Wut, Isolation und Angst erlebt, und in diesen Zeiten, in denen man an den gewohnten Orten keinen Trost finden kann, muss man ihn eben im Inneren suchen. Letztendlich bist du selbst deine eigene Kraftquelle, deine eigene Quelle der Hoffnung. Du bist ein Heilmittel – und meist das einzig Richtige. ‚Bad Dream‘ wiederum kombiniert die Ängste der letzten Zeit, aber verfolgt sie bis in unsere Vergangenheit und hinterfragt, wie unser unterbewusster Geisteszustand unsere Entscheidungen diktiert.“

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Hey, King!


Hier lohnt es sich schon mal, ein klein wenig weiter auszuholen, denn manchmal haben kleine Dinge große Auswirkungen… 

Die kanadische Songwriterin Natalie London war auf dem besten Weg, einen attraktiven Plattenvertrag an Land zu ziehen, als ihr Leben durch einen Zeckenbiss aus der Bahn geworfen wurde und sie sich eine schwere Borreliose-Infektion zuzog. Vier Jahre verbrachte sie mehr oder minder bettlägerig damit, sich gegen diese Krankheit zu wehren und zu stemmen, den damit verbundenen Gedächtnisverlust zu kompensieren und sprichwörtlich alles – das Lesen, Sprechen, Gehen und Schreiben – neu zu erlernen.

Dass das Schlechte auch immer sein Gutes im Gepäck mit sich trägt, bewies ihr Schicksal, denn zum Glück lernte London während dieser Zeit die gebürtige Texanerin Taylor Plecity kennen und lieben. Das Paar beschloss im Anschluss an Natalies Erkrankung das Band-Projekt Hey, King! ins Leben zu rufen, um diese Phase ihres Lebens in gemeinsamen Songs zu zelebrieren. Einen kompetenten Unterstützer fand das sowohl beruflich wie private Zweiergespann aus Burbank, Kalifornien dabei in Blues-Rocker Ben Harper, der das Talent der Damen früh erkannte und sie erst unter seine Fittiche und anschließend als Support mit auf Tournee nahm, noch bevor er sich entschloss, auch ihr Debütalbum zu produzieren – allerdings mehr als prominenter Mentor und ohne diesem über alle Maßen hörbar (s)einen Stil aufzudrücken.

Es ist letztlich wenig verwunderlich, dass das Album – trotz einiger melancholischer Momente – auf der musikalischen Seite vor positiven Vibes geradezu und weitestgehend zu bersten droht, während Natalie inhaltlich nicht nur ihre überstandene Krankheitsphase, sondern auch ihre Beziehung mit Taylor facetten- wie nuancenreich thematisiert und kommentiert. Freilich sollte man gar nicht erst erwarten, dass dabei musikalisch irgendeine Ben-Harper-Light-Emulation herauskommt. Hey, King! bieten auf ihrem selbstbetitelten Debütlangspieler organischen, recht klassischen Gitarrenpop, der sich jedoch – auch dank Harper, diesem songwriterischen, stilistischen und produktionstechnischen Hansdampf in allen Gassen – seiner zweifelsohne vorhandenen Mainstream-Attitüde nicht zu schämen braucht, da das Songmaterial eine durchweg authentische und somit glaubwürdige Basis für das Tun des Newcomer-Duos bietet, das seinen Bandnamen passenderweise dem Spike-Jonze-Film und gleichnamigen Kinderbuch-Klassiker „Where The Wild Things Are“ entliehen hat – ohne dabei auf die Tränendrüse zu drücken, aber auch ohne sich in popmusikalische Banalitäten zu flüchten.

Ein recht gelungenes Beispiel für diesen Spagat ist etwa die Eröffnungsnummer „Beautiful“. „Wenn es jemals ein Jahr gab, in dem die Leute ausbrechen wollten, dann war es das vergangene“, meint London. „Sowohl mit dem Musikvideo als auch mit dem Song selbst haben wir versucht, dieses Gefühl zu vermitteln, all die Monotonie, die Enttäuschungen, die Sorgen und die Wut, die wir alle haben, abzustreifen und den Scheiß einfach loszulassen.“ Und Plecity fügt hinzu: „Besonders während COVID wusste und weiß keiner von uns, wie unser Leben auch nur in sechs Monaten aussehen wird, also ist alles, was zählt, wann immer es geht Abenteuer zu finden, und die Menschen – oder Tiere – zu lieben, die man zum Glück gerade hat.“ Anderswo, im ebenso kraftvollen wie intimen „Half Alive“, wird die Beziehung der beiden ebenso thematisiert wie Natalie Londons lange Reise dahin, der Liebe in ihrem Leben wieder einen Platz zu geben. Trotzdem sollte man Zeilen wie “I was only half alive before I loved you” nicht zu absolut verstehen, wie sie erklärt: „Das heißt nicht, dass man außerhalb einer Beziehung kein vollkommener Mensch ist, aber erst als ich mich wirklich lieben ließ, wurde mir klar, wie viel von mir sich mittlerweile in der Gefühllosigkeit bequem gemacht hatte.“ Ein wenig schwingt hier der ungeschliffene Geist der frühen Tegan & Sara mit, gepaart mit einer Messerspitze Roadmovie-Gefühl: ungezogen, ungezähmt und mit wilder Lebenslust. Gut, dass Ben Harper die DIY-Attitüde des Duos nicht allzu glatt gebügelt hat – so kann „Sorry“ sein Arcade-Fire-Herz sperrangelweit öffnen, die Trompete bei „Walk“ etwas windschiefe Tex-Mex-Schönheit entfalten, „Road Rage“ mit geballter Faust weibliches Empowerment feiern oder „Get Up“ seinen quirligen Indie-Pop-Charme versprühen. „Thelma & Louise“ in musikalischer Umsetzung, quasi.

Es gibt Platten, die entstehen, um damit die Öffentlichkeit zu suchen. Andere wiederum müssen aus einem inneren Drang heraus einfach gemacht werden. Es gibt Platten, mittels derer die betreffenden Musiker*innen ihre Erlebnisse verarbeiten und therapieren. Und es gibt welche, die einfach aus einem Gefühl der Lebensfreude heraus entstehen. Unterm Strich ist das Debütalbum von Hey, King! wohl eine Art Hybrid aus all dem.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Flyte – „Everyone’s A Winner“


Trübsal blasen mit Ansage! Immerhin vertuschen Flyte nicht groß, dass ihr zweites Album “This Is Really Going To Hurt” wahrlich kein unbekümmertes Zuckerschlecken ist, denn zumindest emotional stehen die Koordinaten gen Herzschmerz, während Frontmann Will Taylor die Rolle als Reiseführer übernimmt. Und der hat es sich zur Aufgabe gemacht, seine eigene Trennung fein säuberlich zu dokumentieren. Schon der Opener “Easy Tiger” fällt mit der Tür ins Zimmer, wenn Taylor kurz und schmerzlich konstatiert: “This is only to get worse.” Richtige Stimmungskiller, die Briten… Aber ganz so tief bleiben die Köpfe auf ganzer Albumlänge nicht hängen – zum Glück!

Denn in der Tat ist das im letzten Jahr in LA mithilfe von Justin Raisen (Angel Olsen, Yves Tumor), Andrew Sarlo (Big Thief, Bon Iver) und Chant (Aldous Harding) in Los Angeles aufgenommene “This Is Really Going To Hurt You” beinahe schon ein beängstigend „klassisches“ Indie-Album. Auf eine faszinierende Art und Weise versprühen die zwei Handvoll Stücke eine vermeintliche Altersweisheit, die man gefühlt schon tausende Male gehört hat (siehe “Miss America”). Aber auch ohne den großen Innovationsdrang ist der Nachfolger zum 2017er Debüt „The Loved Ones“ keinesfalls ein schlechtes Werk, denn die Zeichen von Will Taylor (Gesang, Gitarre), Nicolas Hill (Bass) und Jon Supran (Schlagzeug) stehen vor allem auf Atmosphäre. Und für die taugen die leicht bekümmerten Untertöne der weitflächigen Indie-Gitarren allemal. Wenn sich dann wie in “I’ve Got A Girl” noch ein beherztes Klavier einmischt, hat das großes Potential für alle Küchen der Studenten-WGs der Welt, die sich Jahre nach Mumford & Sons’ großem Erfolg gegründet haben. Aber erst mit den angenehm schmierigen Streichern von “Everyone’s A Winner” und “Love Is An Accident” zeigt das Trio aus London, von welcher Größenordnung wir hier überhaupt sprechen.

Zugegeben: Die größten Lyriker von Shakespeares Ehren sind Taylor und Co. abseits ihres Cool Britannia-Soundoutfits aber eher nicht. Mit einer gehörigen Prise Selbstmitleid à la “Everyone’s a winner except for me” machen sie dem Klischee-Klassiker “Trauriger junger weißer Mann mit seiner Gitarre” schon alle Ehre… Doch die geschickt eingesetzten Gesangsharmonien zwischen Taylor, Supran und Hill – wie etwa in der feinen Arcade Fire-Verbeugung “Under The Skin” – lockern das Gesamtkonzept andererseits angenehm fluffig auf.  Auch die nostalgischen Sounds sorgen dafür, dass ein kleiner Funken Erhabenheit über den zehn Songs der Platte schwebt, der manch einen gar an Größen wie die Beatles denken lassen mag. Besonders deutlich wird das in den fetten Jazz-Bläsern von “There’s A Woman”, die im Dunst der Beach Boys einen überraschenden Stilbruch herbeiführen. Und wenn im Closer dann Worte wie “You’ll never get to heaven in the state you’re in” anklingen, dann erfreut sich noch jeder begossene Pudel über den gespannten Bogen, oder? All das bewegt keine musikalischen Welten, dafür aber wohl die ein oder andere juvenile, vom Herzeleid geplagte Seele. Und manchmal, für die besonders sentimentalen Stunden, braucht es ab und zu Platten wie diese…

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Ethan Gruska


Foto: Josh Rothstein

Im Fall von Ethan Gruska ist die Behauptung, dass ihm das Gespür fürs Musikalische in die Wiege gelegt wurde, weitaus mehr als eine platte Phrase. Der in Los Angeles lebende 32-Jährige wuchs im sagenumwobenen San Fernando Valley auf und begleitete seinen Vater, den Emmy-nominierten Komponisten Jay Gruska, schon als kleiner Steppke bei der Arbeit mit mal diesen, mal jenen Session-Musikern in dessen Hinterhofstudio, in welchem dieser an der Hintergrunduntermalung für bekannte Fernsehserien wie “Supernatural” “Charmed” oder “Lois & Clark: The New Adventures of Superman” werkelte. Auch seine Begeisterung für die Soundtracks großer Filmklassiker von „Star Wars“ über „Der weiße Hai“ bis „Indiana Jones“ ist keinesfalls verwunderlich, immerhin stammen die Partituren von seinem Großvater, dem legendären John Williams. „Als Kind habe ich nicht verstanden, wie schwer das alles ist“, meint Ethan Gruska heute. „Aber die Studioumgebung fühlte sich für mich nie fremd oder beängstigend an.“

Diese früh erlernte Mentalität half Gruska wohl auch, als er 2019 einen recht unerwarteten Anruf von Fiona Apple erhielt, der dazu führte, dass sie zusammen ins Studio gingen. Und die unlängst mehrfach Grammy-prämierte Indie-Musikerin ist bei weitem nicht der einzige fashionable Name auf Gruskas Produzenten-Vita. So schrieb der Tausendsassa auch Songs für John Legend, arbeitete mit dem Ghanaisch-US-amerikanischen R’n’B-Soul-Jazzer Moses Sumney zusammen, co-produzierte etwa „Punisher“ von Singer/Songwriter-Senkrechtstarterin Phoebe Bridgers – ohne Zweifel eines der Indie-Konsens-Alben des vergangenen Jahres – und half mal hier, mal da bei der Arbeit an „The Million Masks Of God„, dem in Kürze erscheinenden neuen Album der Atlanta-Alternative-Rocker Manchester Orchestra aus. Und all das, während er selbst sein im Januar 2020 erschienenes zweites Solo-Werk „En Garde“ aufnahm. Und nun? „Ich hoffe, dass all das zu mehr Kollaborationen als Produzent und Autor führt“, sagt er. „Es ist ein langer Prozess, in dem ich alles zusammenführe, was ich gelernt habe – und es mit meiner eigenen Stimme verbinde.“

Dabei war die Zusammenarbeit mit Phoebe Bridgers die wohl wichtigste für den aufstrebenden Studio-Sidekick. Gruska traf die ebenfalls in Los Angeles beheimatete Indie-Musikerin zum ersten Mal durch Tony Berg, einen erfahrenen Studio-/A&R-Veteranen, der Gruskas erstes Soloalbum, das 2017 erschienene „Slowmotionary“, produzierte. „Phoebe, Tony und ich – wir nennen uns ‚The Trilemma‘: ein Dilemma mit drei möglichen Ausgängen“, meint Gruska lachend. „Wir helfen uns oft gegenseitig aus.“ Berg und er hatten bereits „Stranger In The Alps„, Bridgers‘ gefeiertes Albumdebüt von 2017, mitproduziert und waren umso mehr in den Kreativprozess des großartigen „Punisher“ (ANEWFRIENDs „Album des Jahres 2020„) eingebunden. „Sie [Phoebe Bridgers] brachte eine Reihe von Songs mit ins Studio, die wirklich klasse waren – sowohl textlich als auch kompositorisch“, meint Gruska. „Und ich hatte vor den Albumarbeiten ein paar neue Studio-Spielzeuge bekommen – Granular-Synthesizer-Sampler – also gab es so einige Soundspielereien auf der Platte.“

Auch Ethan Gruskas Kontakt zu Fiona Apple verdankt dieser wohl seinen familiären Banden: Seine ältere Schwester Barbara, mit der er übrigens als The Belle Brigade zwischen 2011 und 2014 zwei irgendwie sonnig-kalifornische, irgendwie auch somnambule Folk-Rock-Alben irgendwo im musikalischen Dickicht zwischen den Beach Boys und Fleetwood Mac in die Plattenregale stellte und die unter anderem für einige Zeit in Apples Live-Band hinterm Schlagzeug saß, machte ihn schon als Teenager mit den „klassischen“ Alben der lange von der breiten Masse verschmähten, jedoch stets vom distinguierten Feuilleton geliebten Indie-Musikerin bekannt. Wen wundert’s – Gruska verliebte sich sofort in die seelenvolle Tiefe von Werken wie „Tidal“ oder „When The Pawn…“. Als Tony Berg ihn also Mitte 2019 bat, bei einem von ihm produzierten Apple-Song – einer Coverversion des The Waterboys-Evergreens „The Whole Of The Moon“ für die Showtime-Serie „The Affair“ – Klavier zu spielen, war er logischerweise hellauf begeistert. „Ich hatte noch nie jemanden erlebt, der mit so viel Energie in einem Take singt und es dann auch noch perfekt hinbekommt“, erinnert sich Gruska. Wenige Wochen später war er Co-Produzent von Apples Cover von Simon & Garfunkels „7 O’Clock News/Silent Night„, das diese gemeinsam mit Bridgers und Matt Berninger von The National aufnahm und zugunsten der Charity-Organisation Planned Parenthood veröffentlichte.

Und auch seine Zusammenarbeit mit Manchester Orchestra verlief über ähnliche Umwege. So wurde Ethan Gruska 2019 hinzugezogen, um dem recht programmatisch im LedZep-Stil „III“ betitelten dritten Album von Bad Books, Andy Hulls Kollabo-Projekt mit Indie-Singer/Songwriter Kevin Devine, den letzten Schliff zu geben. Und Hull, rein zufällig eben auch Frontmann und Mastermind hinter Manchester Orchestra, war so beeindruckt, dass er Gruska für die Co-Produktion des kommenden sechsten Studioalbums seiner Hauptband engagierte, deren letztes Album, „A Black Mile To The Surface“ von 2017, für die vierköpfige Alternative-Rock-Band sowohl klanglich als auch was die Chart-Platzierungen betraf, einen kleinen Quantensprung darstellte. Und wenn man Gruska (sowie den ersten Hörproben „Bed Head“ und „Keel Timing„) Glauben schenken darf, dann werden Fans der Band auch an „The Million Masks Of God“ Gefallen finden. „Es gibt wirklich interessante, charaktergetriebene Erzählungen, aber man merkt immer, dass es um etwas geht, das für ihn [Andy Hull] real ist“, so Gruska über das neue Album von Manchester Orchestra.

Klare Sache: Von Ethan Gruska, dem das Gespür fürs Musikalische ohne jeden Zweifel in die Wiege gelegt wurde, wird in Zukunft noch einiges zu hören sein. Dennoch seien allen abseits der Sachen, die er auch in der kommenden Zeit für andere im Studio an den Reglern und Instrumenten in kreative Bahnen lenken wird, noch einmal Gruskas eigene Solo-Alben „Slowmotionary“ und „En Garde„, auf denen von hintersinnigen kleinen Indie-Pop-Experimenten über entspannt-kalifornischen Indie Rock bis hin zu verträumtem Indie Folk so vieles passiert, wärmstens empfohlen. Allein schon – aber natürlich nicht nur – wegen des tollen Duetts mit Phoebe Bridgers beim Song „Enough For Now“.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Danger Dan – „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“


Foto: Promo / Jaro Suffner

Kein Techniker, kein Empfangspersonal, kein Zuschauer ist zu sehen. Daniel Pongratz ist allein im Theater. Auf der Bühne steht ein Flügel, er setzt sich davor. Jetzt wäre der Moment, in dem der 38-jährige Berliner Musiker eine Ballade über den bevorstehenden Corona-Sommer anstimmen könnte – eine Zeit, in der der gebürtige Aachener vermutlich wieder nicht vor Publikum auftreten kann. Doch Pongratz haut ziemlich schnell auf die Tasten ein und singt: „Also jetzt mal ganz spekulativ / Angenommen, ich schriebe mal ein Lied / In dessen Inhalt ich besänge, dass ich höchstpersönlich fände / Jürgen Elsässer sei Antisemit.“ 14 Sekunden, 24 Wörter, die auch ganz ohne örtliche Gäste ihre Hörer schnell finden.

Als Pongratz – der sich den Künstlernamen Danger Dan gegeben hat und als ein Drittel der HipHop-Formation Antilopen Gang bekannt wurde – vor wenigen Tagen dieses Video aus dem Theatersaal ins weltweite Netz lud, geht es quasi übers Wochenende viral. Der Satiriker Jan Böhmermann, die Schriftsteller Saša Stanišić und Max Czollek sowie so einige befreundete wie gleichgesinnte Musiker*innen und Bands teilen es auf ihren Kanälen. Was mit dem rechtspopulistischen Journalisten Jürgen Elsässer beginnt, führt über Verleger Götz Kubitschek oder Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen und den AfD-Politiker Alexander Gauland und schließlich zur Aussage, die Geschichte habe gezeigt, dass man mit Faschisten nicht diskutieren könne. Doch bevor die Angesprochenen den Musiker dafür anzeigen wollten – Ken Jebsen tat es bereits in der Vergangenheit wegen des Antilopen-Songs „Beate Zschäpe hört U2“ (was wiederum darin resultierte, dass Ken Jebsen sowohl die Gerichts-, als auch die Anwaltskosten der Antilopen Gang zahlen musste) – , verweist der Song aufs Grundgesetz. So heißt es im Refrain: „Juristisch wär die Grauzone erreicht / Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht / Zeig‘ mich an und ich öffne einen Sekt / Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt.“ Die Strategie, ein Zuviel an Eindeutigkeit zu umgehen, erinnert dabei an Jan Böhmermanns Gedicht „Schmähkritik„. Mit diesem veranschaulichte der satirische ZDF-Moderator 2016 den Unterschied zwischen der von der Kunstfreiheit gedeckten Satire und einer strafrechtlich relevanten Schmähung, was seinerzeit sogar in ernsthaften diplomatischen Verstimmungen zwischen Deutschland und der Türkei resultierte.

Ende des Monats wird Danger Dan das dazugehörige Album veröffentlichen, welches passenderweise ebenfalls den Titel „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ trägt und – was wohl auch den Corona-bedingten Lockdowns und Kontaktbeschränkungen geschuldet sein dürfte – vornehmlich reduziert am Piano entstand. Wenn man so mag, klingt das Ganze wie eine Melange aus Hannes Wader und Comedian Harmonists (man höre an dieser Stelle auch Danger Dans viralen Hit „Nudeln und Klopapier“ sowie die erste Single „Lauf davon„). Im Theatersaal – oder eben auf Konzertbühnen – wird man ihn als Zuschauer voraussichtlich erst 2022 sehen können. Doch seine Musik gewordene, unverblümt politische Gesellschaftskritik zeigt ganz gut: Manchmal genügt notgedrungen auch die digitale Bühne.

„Also jetzt mal ganz spekulativ
Angenommen, ich schriebe mal ein Lied
In dessen Inhalt ich besänge, dass ich höchstpersönlich fände
Jürgen Elsässer sei Antisemit
Und im zweiten Teil der ersten Strophe dann
Würde ich zu Kubitschek den Bogen spann’n
Und damit meinte ich nicht nur die rhetorische Figur
Sondern das Sportgerät, das Pfeile schießen kann

Juristisch wär die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht
Zeig mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Also jetzt mal ganz spekulativ
Ich nutze ganz bewusst lieber den Konjunktiv
Ich schriebe einen Text, der im Konflikt mit dem Gesetz
Behauptet, Gauland sei ein Reptiloid
Und angenommen, der Text gipfelte in ei’m
Aufruf, die Welt von den Faschisten zu befrei’n
Und sie zurück in ihre Löcher reinzuprügeln noch und nöcher
Anstatt ihnen Rosen auf den Weg zu streuen

Juristisch wär die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht
Zeig mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Vielleicht habt ihr schon mal von Ken Jebsen gehört
Der sich über Zensur immer sehr laut beschwert
In einem Text von meiner Band dachte er, er wird erwähnt
Und beschimpft und hat uns vor Gericht gezerrt
Er war natürlich nicht im Recht und musste dann
Die Gerichtskosten und Anwältin bezahl’n
So ein lächerlicher Mann, hoffentlich zeigt er mich an
Was dann passieren würde? Ich kann es euch sagen

Juristisch wär die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht
Zeig mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Nein, ich wär nicht wirklich Danger Dan
Wenn ich nicht Lust hätte auf ein Experiment
Mal die Grenzen auszuloten, was erlaubt und was verboten ist
Und will euch meine Meinung hier erzähl’n
Jürgen Elsässer ist Antisemit
Kubitschek hat Glück, dass ich nicht Bogen schieß‘
An Reptilienmenschen glaubt nur der, der wahnsinnig ist
Gauland wirkt auch eher wie ein Nationalsozialist
Faschisten hören niemals auf, Faschisten zu sein
Man diskutiert mit ihnen nicht, hat die Geschichte gezeigt
Und man vertraut auch nicht auf Staat und Polizeiapparat
Weil der Verfassungsschutz den NSU mitaufgebaut hat
Weil die Polizei doch selbst immer durchsetzt von Nazis war
Weil sie Oury Jalloh gefesselt und angezündet hab’n
Und wenn du friedlich gegen die Gewalt nicht ankommen kannst
Ist das letzte Mittel, das uns allen bleibt, Militanz

Juristisch ist die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht mach‘ ich es mir dann wieder leicht
Zeig mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der, alles von der, alles von der, alles von der
Alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Rock and Roll.

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