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Das Album der Woche


Daughter – Not To Disappear (2016)

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-erschienen bei 4AD/Beggars/Indigo-

Herzschlagfinale, die Erste: „Dry your smoke-stung eyes / So you can see the light / Staring at the sky / Watching stars collide“ – die letzten Minuten und Sätze des vor drei Jahren erschienenen Daughter-Debüts „If You Leave“ hatten es in sich. Wabernde Klänge, große Emotionen, eine Stimme, die einem ganz, ganz nahe ans Herz reichte, dieses erst beinahe zum Bersten und dann wieder zum Stillstand brachte. Heart skips a beat. Als sich der Soundnebel des Abschlussstückes „Shallows“ dann so langsam gelegt hatte, waren die Reaktionen nicht selten unisono: man wollte mehr. Mehr. Mehr. Mehr.

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Fotos: Promo / Sonny Malhotra

Und die Vermittlung ebendiesen Gefühls kommt bereits einer Leistung gleich, immerhin machen es Daughter dem Hörer nicht ganz einfach. Denn in der Tat muss der (oder die), der (oder die) tiefer in die Stücke des Londoner Trios eintauchen möchte, eine gehörige Prise endherbstlicher Melancholie in den Herzkammern mit sich herum schleppen. Für all jene, die lieber zu einheitsbreiigen DJs wie Avicii oder Skrillex ihr eigenes Happy-Go-Lucky zelebrieren, wären wohl schon drei Minuten der Daughter’schen vertonten Schwermut zu viel und die Mixtur aus in sich gekehrtem Folk, dezent angebrachtem Post-Rock, scheuem Shoegaze und gefächerten Elektronik-Experimenten nur schwer zu ertragen. Nein, einen Soundtrack fürs vergnügte nihilistische Wochenend-Partyvolk werden Elena Tonra (Gesang, Gitarre), Igor Haefeli (Gitarre) und Remi Aguilella (Schlagzeug) wohl nie liefern.
ffd0e860d82fa4132fde4dfe0665584aDas beweisen die drei nun auch auf ihrem neusten Werk „Not To Disappear„. Als verräterischen Beweis hierfür muss man noch nicht einmal eines der zehn Stücke hören, es reicht ein Blick aufs Cover, für das die Band ein Gemälde der britischen Künstlerin Sarah Shaw auswählte: Nachhimmel, einsame Straßen, von irgendwoher Lichter, die vor dem mutmaßlich benommenen Auge langsam verschwimmen. Es deutet sich an: Tonra und ihre Mannen haben wieder eine Dreiviertelstunde Schwermut im Gepäck.
Passend zum Artwork präsentiert sich da bereits Song Nummer eins, „New Ways“: „Washed out brain / I have a dirty mind / Oh, I need, I need new ways / To waste my time“ – zu schleppend elektronischen Beats schält sich Tora aus den Tiefen irgendeines gottverlassenen Clubs und in die Nacht. „I’ve been trying to stay out / But there’s something in you / I can’t be without / I just need it here / I’m trying to get out / Find a subtle way out / Not to cross myself out / Not to disappear“ – den anderen wollen, ihn vermissen, sich selbst nicht verloren gehen – es sind wieder die ganz großen Herzeleid-Themen, die Daughter bereits in den ersten Minuten anschneiden, bevor das Stück von geradezu sägenden Gitarren seinerseits ins Nachtdunkel geschnitten wird. Ähnlich gestaltet sich auch das darauf folgende „Numbers“, in dem Daughter kühlen Beats Gitarrenakkorde beimischen, zu denen sich alsbald Aguilellas Schlagzeug gesellt, während auch hier der Text erneut Skepsis an einer aufkeimenden Liebe offenbart: „Take the worst situations / Make a worse situation / Follow me home, pretend you / Found somebody to mend you / I feel numb / I feel numb in this kingdom /…/ You better, you better, you better / You better make me / Me better, me better / You better make me better“. Und überhaupt: die Texte. Klar war Vorsteherin Elena Tonra, die anfangs Daughter allein als scheues Folk-Projekt ins Leben rief, bevor 2010 der Schweizer Haefeli und der Franzose Aguilella dazustießen, auch auf den vorhergehenden Veröffentlichungen (das bereits erwähnte Debüt von 2013, dazu drei 2010 beziehungsweise 2011 veröffentlichte EPs sowie die „4AD Sessions EP“ von 2014) nicht als Sonnenscheinchen von Welt bekannt. Dementsprechend setzt sich auf „Not To Disappear“ das höchst melancholische Gefühl fort, das bereits „If You Leave“ zu vermitteln im Stande war. Das umspannende Sujet diesmal: Einsamkeit in all seinen Formen und Nuancen. Sei dies nun dieses mulmige Gefühl zwischen zwei Menschen in einer Beziehung, die sich irgendwann einmal kennengelernt haben, und am Ende doch irgendwo Fremde geblieben sind, während die Liebe längst Klingelstreiche an einer anderen Haustür spielt („How“, „Numbers“, „To Belong“…), oder, wie etwa im vorab veröffentlichten „Doing The Right Thing“ oder in „Mothers“, das einsame Gefühl, welches einen an Alzheimer erkrankten Menschen befällt – besonders herzzerreißend, wenn man weiß, dass Tonra hier aus der Perspektive ihrer Großmutter singt („Then I’ll lose my children / Then I’ll lose my love / Then I’ll sit in silence / Let the picture soak / Out of televisions / Float across the room“ – „Doing The Right Thing“). Neu sind vor allem die direkteren Worte, die die 26-Jährige zum Beispiel im tollen „Alone / With You“ wählt: „I hate living with you / I should get a dog or something / I hate walking with you / Talking to myself is boring conversation / You and I were once friends / Now you’re only an acquaintance“. Doch was zunächst wirkt wie die „Ich hasse dies, ich mag jenes nicht“-Abrechnung mit dem (Ex-)Freund, ist bei genauerem Hinhören die Abrechnung mit ihrem Alter Ego – ein cleverer lyrischer Kniff. Ebenfalls bissig zeigt sich etwa das atemlose „No Care“ mit pumpendem Schlagzeug, bei welchem sich (noch) elektronischere Remix-Neubearbeitungen geradezu aufdrängen, während anderswo, in „To Belong“, bereits die Resignation die Füße hochlegt („Don’t you think we’ll be better off / Without temptation to regress, to fake tenderness / Waiting to see someone we won’t know for long / In cities we’ll only leave /…/ I don’t want to belong“). Hin und hergerissen ist auch der große siebenminütige Quasi-Abschluss „Fossa“, der mal zu ebenso lieblich wie simpel-ehrlichen Zeilen wie „I don’t know you now / But I’m lying here, somehow“ oder „I don’t owe you much / But I miss you so / I’m missing you“ tendiert, mal zum offenen Bekenntnis „I feel alone“ (die Einsamkeit, da ist sie wieder), bevor alles von sich aufbäumenden Gitarren ins Aus gespielt wird (ein hervorragender Abschluss, denn nicht ohne Grund wählt die Band aktuell diesen Song als beendenden Rausschmeißer ihrer Konzerte). Dass Daughter darauf noch das reduziert gehaltene „Made Of Stone“ folgen lassen, mögen wohl nur sie selbst verstehen – immerhin bringt jedoch genau dieses Stück das Album mit der weltweise-versöhnlichen Zeile „You’ll find love, kid, it exists“ zu Ende.

Daughter by Sonny Malhotra

Während das Trio rein textlich noch immer zur Fraktion der winterlichen Stubenhocker zählen dürfte, hat sich – wohl auch bedingt durch die Tournee zu „If You Leave“ – musikalisch Einiges seit dem Debüt getan. Denn anders als noch auf dem Erstling gehen Daughter auf den zehn neuen Stücken, welches in London entstanden sind und gemeinsam mit Produzent Nicolas Vernhes (Animal Collective, Deerhunter, The War On Drugs) in Brooklyn, New York aufgenommen wurden, deutlich mehr Experimente ein, deren Gesamtergebnis gleichsam breitwandiger und gewohnt fragil klingt. Auf „Not To Disappear“ schaffen Elena Tora und Co. eine winterlich kalte Klanglandschaft, die gleichzeitig beängstigend und einladend wirkt. Präzise Gitarren, verwaschene Synthies, ein wuchtiges Schlagzeug – sie schichten Sounds und Klänge aufeinander und verpacken die Intimität der Texte in einen voluminösen Sound, der Elena Tonras Stimme diesmal mit weniger Hall klarer als noch auf „If You Leave“ in den Vordergrund stellt. Wer einen anderen Vergleich mag: war „If You Leave“ ein Landschaftsbildnis, so ist „Not To Disappear“ der Soundtrack zu den einsamen Nachtstunden in der Großstadt. Das mag einerseits an artverwandte Bands wie The xx erinnern, gleichzeitig aber auch – und das darf man gern als Kompliment verstehen – an ebenfalls mit Emotionen jonglierende Größen wie Sigur Rós. Intensiv bleibt „Not To Disappear“ dabei zu jeder Minute, das zweite Herzschlagfinale wählt jeder selbst.

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Zur filmischen Untermalung des Albums haben sich Daughter mit den britischen Filmemachern Iain Forsyth und Jane Pollard zusammengetan, die man bereits vom großartigen Nick-Cave-Porträt „20,000 Days On Earth“ kennen dürfte. Gemeinsam entstand eine Musikvideo-Trilogie, welche die Stücke „Doing The Right Thing“, „Numbers“ und „How“ verbindet:

 

Hier wiederum kann man sich den Auftritt der Band bei diesjährigen „BBC 6 Music Festival“ ansehen, bei welchem Daughter freilich auch einige Songs von „Not To Disappear“ zum Besten gaben:

Setlist: 
How 
Tomorrow 
Numbers 
Doing the Right Thing 
Smother 
Youth 
New Ways 
Fossa

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Daughter – „Doing The Right Thing“


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Fast drei Jahre nach der Veröffentlichung ihres Debütalbums „If You Leave„, welches es damals unter ANEWFRIENDs liebste  Platten des Jahres 2013 schaffte, kehrt das Londoner Trio Daughter, bestehend aus Sängerin Elena Tonra, Gitarrist Igor Haefeli und Schlagzeuger Remi Aguilella, mit der Ankündigung zurück, am 15. Januar 2016 ihr neues Album „Not To Disappear“ zu veröffentlichen. Und damit nicht genug – schon jetzt gibt es den ersten Song „Doing The Right Thing“ inklusive Video für Auge und Ohr.

Daughter wählten dabei einen neuen Ansatz für ihre (kommenden) Musikvideos und luden die britischen Filmemacher Iain Forsyth und Jane Pollard (bekannt vor allem für ihr filmisches Nick-Cave-Porträt „20,000 Days On Earth“) ein, drei Kurzfilme für das neue Album zu entwickeln. Als Autor konnte man Stuart Evers gewinnen, der die drei Geschichten „Dress“, „Window“ und „5,040“, basierend auf drei neuen Songs, verfasste. Die Videos sollen diese Geschichten interpretieren.

„Doing The Right Thing“ (beruhend auf der Geschichte „Dress“) ist somit Teil eins der visuellen Daughter-Trilogie. Das Musikvideo dreht sich in berührenden Bildern um die Themen Demenz und die damit verbundenen lähmende Auswirkungen auf Familien. Und auch die dazugehörige Musik ist nicht anders als das, was der geneigte Hörer bislang von Daughter gewöhnt sein dürfte: bis aufs nackte Klangfleisch reduzierte Melancholie, geradezu passend zum Herbst – und keinen Deut schlechter als die zahlreichen Glanzlichter von „If You Leave“. Das erste Highlight für 2016 zeichnet sich also bereits jetzt deutlich ab…

 

(alternativ gibt’s das Musikvideo hier auf clipfish.de…)

 

 

Hier die Tracklist zu Daughters kommendem Album „Not To Disappear“:

bb-851.  New Ways
2.  Numbers
3.  Doing The Right Thing
4.  How
5.  Mothers
6.  Alone / With You
7.  No Care
8.  To Belong
9.  Fossa
10. Made Of Stone

 

 

Rock and Roll.

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Der Jahresrückblick 2013 – Teil 3


Ein nicht eben an großartigen Veröffentlichungen armes Musikjahr 2013 neigt sich unausweichlich seinem Ende zu. Zeit also, ANEWFRIENDs „Alben des Jahres“ zu küren und damit, nach der Rückschau aufs Film- und Serienjahr, auch die Königsdisziplin ad acta zu legen! Dem regelmäßigen Leser dieses Blogs werden sich wohl wenige Überraschungen offenbaren, schließlich wurden alle Alben meiner persönlichen Top 20 im Laufe des Jahres bereits besprochen… Bleibt nur zu hoffen, dass auch 2014 ein ähnlich hohes Niveau an neuen Platten und Neuentdeckungen bieten wird… Ich freue mich drauf.

 

 

Frightened-Rabbit-Pedestrian-Verse1.  Frightened Rabbit – Pedestrian Verse

Ich nehme hiermit mein noch im Februar gefälltes Urteil höchstoffiziell (zum Teil) zurück – „Pedestrian Verse“ ist im Rückspiegel zwar in der Tat kompakter als noch der Vorgänger „The Winter Of Mixed Drinks“, jedoch keineswegs weniger hymnisch. Frightened Rabbit bewegen sich mit Album Nummer vier noch einige Schritte weiter weg von der eigenen schottischen Haustür, um große Geschichten von den Bordsteinen des tristen Alltags aufzulesen. Liebe und Leid, Verzücken und Enttäuschung, Vertrauen und Verfall – wer den fünf „Angsthasen“ um Frontmann und Sänger Scott Hutchison die Zeit gibt, sich bis zum Hörerherzen vorzuarbeiten, der bekommt mit „Pedestrian Verse“ einen treuen Begleiter durch Sonnen- wie Regentage. Vielleicht lief das eine oder andere Album ein paar Mal öfter durch meine Gehörgänge. Näher und tiefer ging jedoch in diesem Jahr keines. „Pedestrian Verse“ ist ein Monolith in der sowieso bereits tollen Frightened Rabbit’schen Diskographie. Und ein absolut würdiges „Album des Jahres“.

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2013TheNational_TroubleWillFindMe2.  The National – Trouble Will Find Me

Zu lange tingelten The National im Indierock-Schatten herum. Dabei besaß bisher jedes ihrer Album die Qualität und Größe, um einen Spitzenplatz in den Jahresabschlussbestenlisten zu belegen. Umso schöner ist es, wenn der US-Band mit „Trouble Will Find Me“, seines Zeichens Albumwurf Nummer sechs, nun endlich die vollends verdiente Aufmerksamkeit zuteil wird. Vielleicht besaß der drei Jahre junge Vorgänger „High Violet“ die dringenderen Gitarrenrocker. Vielleicht zieht bei den Familienvätern um den wohlig grantelnden Frontmann Matt Berninger von Mal zu Mal mehr Altersmilde ein. In jedem Fall stellt „Trouble Will Find Me“, The Nationals Musik gewordenes „Weinalbum“, Klasse vor Masse – nur eben nun auf größeren Bühnen. Wer noch immer glaubt, dass Arcade Fire die „größte Indieband der Welt“ seien, der sollte sich dieses Album zu Güte führen. Und den dreizehn Stücken beim stetigen Größerwerden zuhören…

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Mark-Kozelek-Jimmy-Lavalle-Perils-from-the-Sea-205x2053.  Mark Kozelek & Jimmy LaValle – Perils From The Sea

Mark Kozelek scheint seit geraumer Zeit einen sprichwörtlichen Lauf zu haben. Der ehemalige Red House Painters-Frontmann tourt als nimmermüder Troubadour nicht nur unablässig um die Welt, er veröffentlicht auch in immer geringeren Abständen eine großartige Platte nach der nächsten. Ob nun mit seiner elegischen Stammband Sun Kil Moon, mit den Ex-Kollegen von den Red House Painters, die nun als Desertshore musizieren, ob nun solo oder, wie hier, mit The Album Leaf-Cheftüfftler Jimmy LaValle – dem zurückhaltenden Geschichtenerzähler mit der so besonderen wie unverwechselbaren Stimme gelingt es immer wieder aufs Neue, seinen Zuhörer zu fesseln. Dass er sich für „Perils From The Sea“ dabei in absolutes Neuland vorwagt und sein Gesangsorgan inmitten reduzierter Ambietklänge bettet, macht die Sache eigentlich nur interessanter. Easy Listening mit Tiefgang und Relevanz? Keinesfalls eine einfache Sache… Und obendrein bietet „Perils From The Sea“ noch Erzählungen, die einen so schnell nicht mehr los lassen.

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there-will-be-fireworks-the-dark-dark-bright4.  There Will Be Fireworks – The Dark, Dark Bright

Das selbstbetitelte Erstwerk meiner schottischen Herzensband (klar mag es da so einige geben, aber keine liegt näher!) fand bei dessen Eigenvertriebsveröffentlichung vor vier Jahren noch quasi unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit statt. Beim nunmehr zweiten Album „The Dark, Dark Bright“ hören nun wohl schein ein paar mehr Ohren hin… Und das hat sich die Band um Frontmann Nicky McManus auch redlich verdient. Der schottische Fünfer arbeitet innerhalb von knapp 50 Minuten die komplette Indie-Postrock-Klaviatur von Mogwai bis Sigur Rós ab und setzt dabei nicht wenige wohltuende Nadelstiche mitten ins Herz. Mag sein, dass der Vorgänger die größeren, die höhere Wellen schlagenderen Songs hatte. „The Dark, Dark Bright“ ist dafür kohärenter und macht den ein oder anderen produktionstechnischen Mangel des Debüts wett. In einer gerechten (Musik)Welt werden There Will Be Fireworks zu einer großen kleinen Band. Wetten, dass?

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Casper_Hinterland5.  Casper – Hinterland

„XOXO“ wurde vor zwei Jahren als nichts weniger als die „Revolution des bundesdeutschen Hip Hop“ gefeiert. Das machte es für Benjamin „Casper“ Griffey natürlich keineswegs einfacher. Doch die Rechnung des „Emorappers“, sich für den Nachfolger so unwahrscheinliche Produktionspartner wie Get Well Soon-Mastermind Konstantin Gropper und das Elektro-affine Studioass Markus Ganter ins Boot zu holen, geht beim vierten Casper-Album „Hinterland“ in vollsten Maße auf. Egal ob der Indie-Rapper gerade vom Fern- oder Heimweh erzählt, sein Bewerbungsschreiben als deutscher Tom Waits abgibt oder sich Editors-Frontstimme Tom Smith zum Duett ins Studio einlädt – Deutschland hört hin. Und der Rest darf sich für die Ignoranz der germanischen Hip Hop-Antwort auf Springsteens „Born To Run“ gern den augenzwinkernden Mittelfinger abholen… Spätestens 2013 dürfte klar sein: Casper stehen alle Türen offen.

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BiffyClyro_Opposites6.  Biffy Clyro – Opposites

Wieviele (Rock)Bands sind bereits an ihren Ambitionen gescheitert? Wieviele Künstler haben bereits vollmundig epische Doppel- – oder gar Dreifach-! -Alben angekündigt, nur um dann auf höchsten Niveau zu versagen? Natürlich: diese Liste ist lang… „Opposites“ dürfte sich als sechstes Album des Schotten-Trios von Biffy Clyro auf der gelungenen Seite der Ambitioniertheit einordnen, bietet des doch die wohl gleichzeitig größten wie auch variationsreichsten Songs aus den Federn von Frontmann Simon Neil und den beiden Johnston-Zwillingen James und Ben. Eine Mariachi-Band inmitten fetter Hooks, Streicher und elegischer Passagen? In den über achtzig Minuten des so opulenten wie tiefgründigen Doppelalbums geht so einiges. Biffy Clyro bringen mit „Opposites“ das Pathos zurück auf die große Bühne. Operation gelungen, Patient gesünder denn je.

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listener-300x3007.  Listener – Time Is A Machine

Talk Music? Was zur Hölle soll das sein?!? Gut, wer sich als Neuling dem neusten Listener-Werk „Time Is A Machine“ gegenüber gestellt sieht, der dürfte wohl anfangs ähnlich überfordert sein… Zu rast- und ruhelos, zu drängend und dringend spielt sich das aus Fayetteville, Arkansas stammende US-Trio durch die acht neuen Stücke. Dass man dabei kaum mit dem lyrisch versierten Textespucker Dan Smith, der die Band einst als Soloprojekt begann, Schritt halten kann, ist ebenso faszinierend wie die Tatsache, dass sich Hip Hop und Postrock eben doch vereinbaren lassen. „Time Is A Machine“ ist mit seinen lediglich etwa 30 Minuten, wie auch der nicht minder tolle, vor drei Jahren erschienene Vorgänger „Wooden Heart“ schon, erneut kein Album zum Nebenbeihören. Nein, „Time Is A Machine“ ist ein wahrer kleiner Wirbelwind von Album, vorangetrieben von drei Wirbelwinden, die kaum näher bei sich sein könnten. Raprock in Höchstform. Diese Band verdient sich ihre eigene Nische…

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SIGUR-ROS-KVEIKUR-275x2758.  Sigur Rós – Kveikur

Als die Vorzeigeisländer von Sigur Rós im vergangenen Jahr das sechste Album „Valtari“ auf den Musikmarkt losließen, durfte man berechtigtermaßen befürchten, die Band um Frontmann Jónsi nun vollends an elegische Ambientweiten verloren zu haben, immerhin ließ das Werk nahezu vollständig jene großartigen Momentausbrüche vermissen, mit denen sich Sigur Rós auf Meilensteinen wie  „Ágætis Byrjun“ oder „Takk…“ noch in so viele Hörerherzen in aller Welt gespielt hatten… Umso heftiger drischt nun die nach dem Ausstieg des Keyboarders zum Trio geschrumpfte Band mit dem ein oder anderen Stück von „Kveikur“ in manche unvorbereitete Magengrube. Heftiger, kompakter und rauer waren Sigur Rós wohl noch nie, auf Albumlänge mitreißender in keinem Fall. Sollte Musik tatsächlich da anfangen, wo einem die Worte fehlen, so bleibt hierfür wohl nur noch ein letztes: geil.

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daughter-cover9.  Daughter – If You Leave

Vorschusslorbeeren durften Elena Tonra und ihre beiden männlichen Mitmusiker bereits seit den ersten Daughter-Lebenszeichen in Form von vereinzelten Konzerten und vielversprechenden EP-Vorboten sammeln. Umso höher war darauf natürlich der Sockel, vom dem das englische Trio mit dem Debütalbum fallen konnte. Doch „If You Leave“ enttäuscht keineswegs und ist, seiner Veröffentlichung um Frühling zum Trotz, eines der besten Herbstalben des Jahres, das sich zwar im selben Fahrwasser wie die Landsleute von The xx bewegt, dabei jedoch mehr Gewicht auf die Gitarren legt. Klar, man muss schon eine gewisse Affinität fürs Melancholische besitzen, um sich in diesen kleinen Dramen zurecht zu finden. Das Wohlgefühl kommt danach von ganz allein…

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Like-Clockwork-Cover10. Queens Of The Stone Age – …Like Clockwork

Josh Homme, dieser Schelm! „Wie ein Uhrwerk“ lief die Arbeit an „…Like Clockwork“ nämlich keineswegs. Stattdessen durfte sich der umtriebige Ex-Kyuss-Gittarero und jetzige Queens Of The Stone Age-Vorsteher mit so einigen Verletzungen und Schreibblockaden herumplagen. Dass er und seine Mitmusiker am Ende mit dem wohl besten Album seit dem in Rock gefassten, bereits elf Jahre zurückliegenden Meilenstein „Songs For The Deaf“ um die Ecke kamen, der ebenso knackige Wüstenrocker aufbietet wie irrwitzige Miniepen, dürfte dabei für sich sprechen. Dass bei Album Nummer sechs die prominente Gästeliste aus Mark Lanegan, Nick Oliveri, Trent Reznor (Nine Inch Nails), James Lavalle (UNKLE), Alex Turner (Arctic Monkeys), Brody Dalle (Ex-Distillers), Alain Johannes (Eleven), Jake Shears (Scissor Sisters) oder Sir Elton John zur reinen Marginalität gerät, ebenso… Nach sechs Jahren Veröffentlichungsschweigen präsentieren sich die Queens Of The Stone Age mit „…Like Clockwork“ frischer den je. Und Josh Homme, diese arschcoole Rocksau, stellt mit einem karrieretechnischen Top-Drei-Album mal eben die komplette Konkurrenz in den Schatten. Willkommen zurück, Jungs!

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Auf den weiteren Plätzen:

Various Artists – Sound City – Reel to Reel mehr…

Pearl Jam – Lightning Bolt mehr…

Haim – Days Are Gone mehr…

Keaton Henson – Birthdays mehr…

Vampire Weekend – Modern Vampires Of The City mehr…

Die Höchste Eisenbahn – Schau in den Lauf Hase mehr…

Foals – Holy Fire mehr…

Nick Cave & The Bad Seeds – Push The Sky Away mehr…

Woodkid – The Golden Age mehr…

Thees Uhlmann – #2 mehr…

 

 

Rock and Roll.

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Jugend, oh du schweres Laster – Neues Daughter-Video zu „Youth“


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Zugegeben: für die meisten dürfte sich „Sommermusik“ anders anhören. Trotzdem und in jedem Falle sticht „If You Leave„, das Debütalbum von Daughter, noch immer als feine Veröffentlichung aus einem nicht eben an feinen Veröffentlichungen armen Jahr 2013 heraus.

Und trotz der vielen Konzerte, die Elena Tonra, Igor Haefeli und Remi Aguilella momentan rund um den Erdball führen, haben die drei die Zeit gefunden, ein Video zur neuen Single „Youth“ abzudrehen. Darin tun sie in stimmungsvollem Schwarz-weiß das, was sie noch immer am besten können: sie spielen ihre Musik – und werden aus der Dunkelheit heraus nur von drei Spotlights umleuchtet…

 

 

Hier gibt’s den Song noch einmal in der Version, welche Tonra und ihre beiden Begleiter im vergangenen November im US-Fernsehen bei David Letterman zum Besten gaben…

 

…und ein paar kurze Eindrücke von den Konzerten der Band in Los Angeles im Mai 2013:

 

Rock and Roll.

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Werdet glücklich! – Daughter covern die neue Daft Punk-Single „Get Lucky“


Daughter

Als würde es irgendjemanden ernsthaft verwundern: das britische Trio Daughter schafft es mit beinahe spielender Leichtigkeit, den französischen Elektro-Poppern von Daft Punk ihre neue Single „Get Lucky“ zu entreißen und in einer Länge von knapp fünf Minuten etwas komplett Eigenes daraus zu machen. Aber was schreibe ich? Hört euch am besten selbst die Version an, die Sängerin Elena Tonra und ihre beiden Herren kürzlich während ihres Besuchs bei BBC Radio 1 (in der Sendung „Live Lounge on Saturday“) aufgenommen haben…

…und macht danach einfach mit Daughters vollstens zu empfehlendem Debütalbum „If You Leave“ weiter.

 

Wer Daft Punks neuste Hit-Single trotz der Tatsache, dass diese gerade dies- wie jenseits des Atlantiks zum Sturm auf die (digitalen) Chartsspitzen ansetzt, noch nicht kennen sollte, kann sich hier von deren Potential überzeugen:

(Und: ja – „Get Lucky“  bietet keine Geringeren als Pharrell „N.E.R.D.“ Williams und Eighties-Funk-Ikone Nile Rogers in Features auf!)

Daft Punk vs. Daughter

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Daughter – If You Leave (2013)

Daughter - If You Leave (Cover)-erschienen bei 4AD/Beggars/Indigo-

Keine Frage, der Winter war lang. Zu lang, zu grau – und das nach einem Sommer, welcher ohnehin schon wenig Sonne bot. Umso mehr begrüßt man momentan jeden Strahl, der einem derzeit – beinahe ganz ungewohnt – die Nasenspitze kitzelt. Und trotzdem kann man sich einer Sache sicher sein: sollte der kommende Sommer auch noch so wolkenverhangen, noch so trübe, noch so regnerisch sein, die reichlich sinnfreien Mitgröhl-Gute-Laune-Sommerhits, sie werden uns auch in diesem Jahr nicht verschonen! Ich zumindest bräuchte für die fiesen Ohrwürmer, die mich wohl schon demnächst ungefragt und hinterrücks anfallen werden, dann bitte doch noch einen Moment Ruhe…

Daughter #1

Und all jenen, die ebenso immer ein offenes Ohr für anspruchsvolle Melancholie der Marke „The xx“ haben, sei hiermit noch einmal dringlichst geraten, sich „If You Leave„, das Debütalbum des Londoner Trios Daughter (die Band fand bereits hier auf ANEWFRIEND Erwähnung), zu Gemüte zu führen. Wobei: Daughter – ein Trio? Vielmehr tuen sich bei diesem Bandnamen ganz andere Assoziationstüren vorm inneren Auge auf. Etwa die der Tochter eines Seemanns, welche von ihrem weit gereisten Vater stets neue Geschichten über die große weite Welt, über all ihre grausamen wie anbetungswürdigen Geschöpfe, über all ihre Gefahren und Offenbarungen, mit neugierigen Ohren und offenem Mund empfängt. Oder das Bild einer jungen Frau, das gerade erst lernt, die Welt für sich zu entdecken. Und so falsch sind all diese Bilder nicht, denn Daughter-Frontfrau Elena Tonra begann 2010 in der Tat solo (und machte durch die Qualität erster Demoaufnahmen schnell von sich reden). Die beiden weiteren Bandmitglieder – den schweizer Gitarristen Igor Haefeli und den aus Frankreich stammenden Perkussionisten Remi Aguilella – lernte sie während ihres Studiums am Londoner Institute Of Contemporary Music Performance kennen. Doch wer anhand dieses in der Tat akademischen Faktes – Tonra und Haefeli sind diplomierte Songwriter (gibt’s tatsächlich!), Aguilella hat (s)einen Anschluss als Schlagzeuger in der Tasche – nun kaltes, berechnendes Hitkalkül hinter den Stücken des Dreiergespanns erwartet, den straften bereits die vorangegangenen EPs („His Young Heart“ und „The Wild Youth“ betitelt) Lügen. Nein, trotz aller Vorschusslorbeeren, trotz der Nennung in der „Sound Of 2013“-Liste der BBC, trotz ausgezeichnet besuchter Konzerte bei großen ausländischen Festivals wie dem Roskilde oder dem South By Southwest (bei ersterem konnte ich mich übrigens selbst von Daughters Bühnenqualitäten überzeugen) sind Daughter ganz organisch und Stück für Stück gewachsen. Und obwohl die Band relativ schnell einen Plattenvertrag mit dem englischen Indie-Traditionslabel 4AD unterschrieb, ließ man sich für das Debüt alle Zeit der Welt…

Daughter #2

Und all die Arbeit und Mühe, die in die zehn Songs des Erstlings gesteckt wurde, hört man „If You Leave“ denn auch an. Wer in den letzten Monaten bereits den EPs und Live Sessions der Band gelauscht hat, dem werden nun zwar sowohl der ein oder andere Song (etwa „Youth“) bekannt vorkommen, und auch der mittlerweile eingeschlagene klangliche Weg wird kein unbekannter sein, aber auch für diese Hörer bietet „If You Leave“ noch massig Neues… Jedoch haben all jene den Vorteil, auf Elena Tonras nicht eben himmelhoch jauchzenden Texte vorbereitet zu sein. Denn in der Tat kann einen die lyrische Schwere, die nahezu jedem Moment der zehn Stücke innewohnt, schon gefühlig zu Boden drücken. Bereits im verheißungsvoll „Winter“ betitelten Opener gibt Tonra zu verschleppten Rhythmen, in die sich nach und nach sanfte Gitarrenakkorde und spärliche Percussion mischen, die textliche Marschrichtung vor: „Drifting apart like two sheets of ice, my love / Frozen hearts growing colder with time“. Eiseskälte, soweit das Auge blickt. Gefühle als Hülsen, die einen nur deshalb vor dem Erfrieren retten, um all das Leiden noch zu verlängern. Festgefahren, kalt, leer. Rien ne va plus. Und auch das darauf folgende „Smother“ (die erste Single des Albums) weiß nichts Besseres zu berichten, erzählt von der Vergeblichkeit der Liebe, vom Trümmerfeld und dem Scherbenhaufen, den die ehemals Liebenden der Nachwelt hinterlassen: „I sometimes wish I’d stayed inside my mother / Never to come out“. Brrr! Da sieht man förmlich den blumigen Kopfschmuck all der kleinen Hippiemädchen verdorren… „Youth“ mischt fragile Gitarren mit kraftvollen Schlagzeugschlägen, während Tonra vom jähen Ende jugendlicher Unschuld berichtet: „And if you’re still breathing, you’re the lucky ones / ‚Cause most of us are heaving through corrupted lungs / Setting fire to our insides for fun / Collecting names of the lovers that went wrong“ – und sich selbst dabei nicht ausnimmt: „And if you’re in love, then you are the lucky one / ‚Cause most of us are bitter over someone / Setting fire to our insides for fun / To distract our hearts from ever missing them / But I’m forever missing him“. Das Doppel aus „Still“ und „Lifeforms“ bietet zum Gitarren-und-Percussion-Klangkostüm zusätzlich unheimlich hintergründiges Dröhnen in bester postrock’scher Tradition, wobei Tonras Stimme bei zweiterem beinahe nieder gedrückt wird, und sich erst gegen Ende wieder frei schwimmt: „Clean up the dead you leave behind“. In „Tomorrow“ besingt Elena Tonra, deren Stimme nicht selten an Chan Marshall (aka. Cat Power) erinnert, in wunderschönen Bildern die eigene Vergänglichkeit („By tomorow we’ll be swimming with the fishes / Leave out troubles on the side / And when the sun comes out / We’ll be nothing but dust / Just the outlines of our house / By tomorrow we’ll be lost amongst the leaves / In a wind that chills the skelletons of trees / And when the moon, it shines, I will leave two lines / Find my love, then find me“) und wünscht sich, aller bösen Vorahnungen zum Trotz, nichts mehr, als auf ewig im Jetzt verweilen zu können („Don’t bring tomorrow / ‚Cause I already know / I’ll lose you“). Der beschwingteste Moment des Albums findet sich wohl in „Human“, welches mit seinem schnurstracks vorwärts marschierendem – und dabei umso mehr an die Isländer von Sigur Rós erinnerndem – Schlagzeugrhythmus – beinahe – Hoffnungsschimmer durchs Wintergrau schickt. Und doch wählt die Frontfrau auch hier martialische Thematiken: „Woken up like an animal / Teeth ready for sinking /…/ Underneath the skin there’s a human / Buried deep within there’s a human / And despite everything I’m still human / But I think I’m dying here“ – die wilde, unbarmherzige Natur und das feingliedrige Individuum, das in ihr zugrunde geht. In „Touch“ verliert sich die Sängerin zu zarter Elektronik und hallenden Stimmen aus dem Off in Nachtfantasien, welche in „Amsterdam“, zu Akustikgitarrenbegleitung, in morgendlichen Träumereien gipfeln, davon, alles stehen und liegen und hinter sich zu lassen, all den Gefühlsunrat über Bord zu schmeißen und sich mit dem Liebsten aus dem Staub zu machen: „By the morning I will have grown back / I’ll escape with him / Show him all my skin / Then I’ll go / I’ll go home / Amsterdam /…/ I used to dream of / Adventure / When I was younger / With lungs miniature / Good night with killing / Our brain cells / Is this called living / Or something else?“. Der Schlussakt „Shallows“ fasst alle aktuellen Qualitäten von Daughter noch einmal auf gewaltigen sieben Minuten Länge zusammen: die in sich ruhenden Gitarren, die gekonnt umspielende Rhythmusbegleitung, das Dröhnen im Hintergrund, das Anschwellen der Emotionen, die Tiefe ebenjener, und der Zerfluss in der Endlichkeit der Brandung. Elena Tonra gibt dazu noch einmal die herrlich müde, jedoch umso lebenweisere Erzählerin und spinnt ihr feingliedriges Poesienetz: „Let the water rise / Let the ground crack / Let me fall inside / Lying on my back / Dry your smoke-stung eyes / So you can see the light / Staring at the sky / Watching stars collide / If you leave / When I go / You’ll find me / In the shallows“.

Daughter #3

„If You Leave“ nimmt allen, die hinter dem Empfehlungsraunen, welches Daughter in den letzten Monaten umgab, die nächste schale „Hype“-Hülse vermuteten, mit 46 Minuten gleichbleibend hoher Songqualität jeglichen argumentativen Wind aus den Segeln und bewegt sich dabei in einem ähnlichen emotionalen Fahrwasser wie etwa The xx (kein Wunder, immerhin saß bei einem Großteil der Stücke The xx-Produzent Rodaidh McDonald an den Reglern). Doch wo die Doppel-X-Landleute sich vorm nahenden Beziehungsende noch einmal – gefühlt – gemeinsam in die Daunen begeben, lehnen Daughter melancholisch am Türrahmen und sehen dem tristen nächtlichen Treiben als beteiligter Beobachter mit traurigen Augen zu. Klar ist all diese immense Gefühlsschwere, sind diese schonungslos aufrichtigen Weltsichten nicht für jeden etwas. Und doch muss man sich um die psychische Gesundheit von Elena Tonra wohl keine Sorgen machen, immerhin ist sie keinesfalls das broken-hearted little girl, das man hinter ihren Texten vermutet, und mittlerweile in festen Händen (übrigens in denen von Daughter-Gitarrist Haefeli). Vielmehr dienen ihr die Songs als Katalysator zum Austreiben der eigenen kleinen, fiesen Angstgespenster. Und auch, wenn durch den Folkrock von „If You Leave“, welchen das Trio mit mächtigen Postrock- und zarten Elektronik-Einschlägen anreichert, nur wenig Sonnenstrahlen brechen mögen, so weiß man doch, dass auch auf den längsten Wintertag irgendwann ein Sommer folgen wird. Bis dahin möchte man dem Schnee beim Tauen zusehen, dabei, wie sich zarte Pflänzchen hoffnungsvoll ihren Weg zur Sonne bahnen. Bis dahin braucht man nur zwei Dinge: ein Goethe’sches Faust-Zitat der Marke „Zum Augenblicke dürft’ ich sagen: Verweile doch, du bist so schön!“ – und Daughters „If You Leave“. Lasst die Tränen trocknen, der wohlige Schauer kommt von allein…

Daughter - title

 

Hier kann man sich Daughters vorausgegangene „His Young Heart EP“ anhören…

…und hier das ebenso stimmungsvoll melancholische wie absolut zum Stück passende Video zu „Still“…

 

…und die komplette KEXP Session der Band, welche im Oktober 2012 aufgenommen wurde, anschauen:

 

Und noch ein kleiner Hinweis: in den kommenden Tagen befinden sich Daughter für einige Konzerttermine in Deutschland…

08.04.2013 – Köln, Gebäude 9

09.04.2013 – Berlin, Festsaal Kreuzberg

15.04.2013 – Hamburg, Knust

16.04.2013 – Frankfurt, Zoom

 

Rock and Roll.

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