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Die derbste Bitch in da House – Natalie Portmans Battlerap-Update


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Wenn es doch eines Grundes bedarf, Natalie Portman trotz einer ebenso langen wie hochkarätigen Filmografie irgendwo zwischen „Leon – Der Profi“, „Star Wars“, „Garden State“, „V wie Vendetta“ oder „Black Swan“ noch cooler als ohnehin schon zu finden, dann liefert die 36-jährige Schauspielerin diesen eben selbst. Per – Pardon my French – arschgeilem Battle-Rap-Track. Und das bereits zum wiederholten Male…

Dabei liegt die erste Wortsalven-Breitseite gegen ihr „Gutes-Mädchen-Image“ bereits einige Jahre zurück: Anno 2006 nahm die gebürtige Israelin für „Saturday Night Live“ einen knapp dreiminütigen Diss-Track auf, der es – sowohl in Wort als auch in Bild – in sich hatte. Und da dieser wohl schlappe zwölf Lenze später dringlichst ein Update benötigte, hat Portman nun das Spiel wiederholt – und zeigt – nebst massig Selbstironie und Referenzen zu ihren bisherigen Rollen – mal eben allen Motherfuckers, wer die derbste Rhyme-Bitch in da House ist… Go, Natalie!

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Sookee – „Die Freundin von“


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Deutscher Hip-Hop, der politisch klar Stellung bezieht und gesellschaftskritische Botschaften zwischen die freshen Beats legt? Klar, gibt es. Man nehme nur Sookee.

sookee-0799Soo…wer? Sicher, dem Großteil der Nur-nebenbei-Radio-Hörer wird die 33-jährige Berliner Künstlerin, deren bürgerlichem Name (Nora Hantzsch) wohl zu wenig Street Cred anhaftete, weswegen sie sich flugs mal eben ihr Szene-Pseudonym von Michelle Pfeiffers gespieltem Charakter „Sukie“ aus „Die Hexen von Eastwick“ entlieh, wohl kaum etwas sagen. Dabei ist Sookee, nachdem sie 2006 anfing, erste lyrische Ergüsse bei Spoken-Word- und Poetry-Slam-Abenden zu präsentieren, bereits seit etwa zehn Jahren Teil der bundesdeutschen Rap-Szene. Und anstatt, wie bemitleidenswerte Kolleginnen wie etwa Schwester Ewa, die toughe Mackerin zu markieren oder auf Bling-Bling und sinnentleert-dicke Hose zu machen, ergreift Sookee für die Queer-Szene Partei (zu der sie sich übrigens auch selbst zählt) oder engagiert sich gegen Homophobie und Sexismus im deutschen Hip-Hop sowie gegen Rassismus in Deutschland. Man höre etwa den durchaus bissigen, jedoch definitiv gelungenen Song „Q1„…

Das neuste Beispiel für Sookees Message ist das Stück „Die Freundin von“, welches, wie auch „Q1“, von ihrem im März erschienenen Album „Mortem & Makeup“ stammt: Die in Berlin-Neukölln lebende und meist in Lila (die Farbe, welche mit der Frauenbewegung assoziiert wird) auftretende Künstlerin rappt über Unsicherheiten und rechnet mit den damit verbundenen Dummheiten ihres jüngeren Ichs ab. Sookee erzählt über „Nierenentzündungen“, die sie als Teenie-Mädchen in Kauf genommen hat, um sexy zu wirken, das Klappe-halten, wenn die Jungs reden, das Macker-Gehabe, dem man sich angepasst hat und die große Angst davor, ausgegrenzt zu werden.

Vor allem aber geht es In „Die Freundin von“ darum, all den oberflächlichen Mist hinter sich zu lassen. Ein paar Jahre später hat sie die Leute, die sie damals mit ihren Dummheiten beeindrucken wollte, längst vergessen, ist klüger geworden – und vor allem: stärker. Der Song und das Musikvideo zu Sookees neuster Single mögen recht unspektakulär sein, die Botschaft aber ist umso wichtiger. Oder, wie „Intro“ schreibt: „Falls ihr noch auf der Suche seid nach einem Song, den ihr euren jüngeren Geschwistern vorspielen könnt, hier ist.“ 

 

 
„Die Köpfe, die ich rauchte, waren größer als mein Selbstbewusstsein
Ich versteckte mich in mir, lebte nur einen Bruchteil
Um mich rum ein Mosaik, Kanten und Brüche
Arroganz und Gerüchte
Es ging immer nur darum, nicht unterzugehen
Als könnte zwischen Bangen und Hängen noch ein Wunder geschehen
Aber niemand entpuppte sich als einfühlsam
Weil es peinlich war, angreifbar
Mein Redeanteil lag bei um die sieben Prozent
Mein Top war zu kurz und meine Jeans war zu eng
Denn wenn du inhaltlich keine Relevanz hast
Geht es darum wie du aussiehst, was du an hast
Ich hatte Nierenentzündungen und Selbstzweifel
Wenn ich zurückblicke, finde ich die selbst Scheiße
Und um dazuzugehören griff ich erneut zur Bong
Ich war im allerbesten Falle nur ‚die Freundin von‘

Aber heute sind sie mir völlig egal
Ich kenne nicht einmal mehr ihre bescheuerten Namen
Ihre Stimmen verstummen, ihre Gesichter verblassen
Manchmal ist mir danach, über diese Geschichten zu lachen
Weißt du, heute sind sie mir völlig egal
Ich kenne nicht einmal mehr ihre bescheuerten Namen
Wann war das ’98 oder 2006?
Irgendwann sind die Erinnerungen weg

Ich gaukelte anderen vor, dass ich cool sei
Ich fand mich selber nicht cool, es war kein Zufall
Weil ich dachte, dass die Realität nicht ausreicht
Hab ich meine Stories übertrieben und als Ausgleich
Hab ich mich geschämt oder abgelenkt
Ich war nicht mal richtig kriminell, ich war nur angestrengt
Es gab einige Leute, vor denen ich Angst hatte
Doch ich hatte keine Angst, dass sie mich anfassen
Sondern ausgrenzen, ich hab‘ erst später gemerkt
Das war das klassische Beispiel für Opfer-Täter-Umkehr
Ich weiß wie es sich anfühlt, wenn mit ’nem Schlag ins Gesicht
Es einmal kurz knackt und dein Nasenbein bricht
Ich hab die Fresse gehalten in ihrer Gegenwart
Sie haben mich ignoriert oder verarscht, wie es gelegen kam
Hab auch nach unten getreten, war nicht besser als sie
Hab ihre Namen vergessen, doch das vergesse ich nie

Aber heute sind sie mir völlig egal
Ich kenne nicht einmal mehr ihre bescheuerten Namen
Ihre Stimmen verstummen, ihre Gesichter verblassen
Manchmal ist mir danach, über diese Geschichten zu lachen
Weißt du, heute sind sie mir völlig egal
Ich kenne nicht einmal mehr ihre bescheuerten Namen
Wann war das ’98 oder 2006?
Irgendwann sind die Erinnerungen weg…“

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Rag’n’Bone Man


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Mal ein kleines Experiment: Schaut euch den Herrn auf dem Bild an. Welchem musikalischen Genre würdet ihr ihn ganz spontan und per erstem optischen Eindruck zuordnen? HipHop vielleicht? Elektronische Gefilde gar? Bildet euch eure eigene Meinung… Und dann schaut euch das Musikvideo zur aktuellen Single „Human“ an (welches ihr auch weiter unten findet) – und seid wohlmöglich ebenso überrascht wie ich…

 

Ganz klar: Das Optische mag bei Rory Graham aka Rag‘n’Bone Man trügen. Die Stimme keinesfalls. Denn mit seinem herrlich rauen Gesangsorgan und einem umwerfenden Gespür für den richtigen Groove changiert der aus dem englischen Brighton stammende Newcomer scheinbar mühelos zwischen Blues, Soul, HipHop oder Funk hin und her.

Überhaupt: das Phänomen Blues. Entstanden in der afroamerikanischen Gesellschaft der USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts und in den folgenden Jahrzehnten von jeder Musikergeneration immer wieder neu interpretiert, verändert, wiederbelegt, modernisiert, aufgehübscht, recycled und wieder auf seine wesentlichen Bestandteile reduziert (u.a. wären da Gun Club, die White Stripes, die Black Keys, Kanye West oder Kendrick Lamar zu nennen), ist die amerikanische Ur-Musik, aus der einst Soul, Jazz, Rock’n’Roll, Jazz oder HipHop erwuchsen und immer mehr mit dem popkulturellen Massengeschmack verschmolzen, auch 2016 lebendig wie eh und je. Immer wieder widmen sich junge Musiker auf der ganzen Welt der Aufgabe, das musikalische Erbe der Muddy Waters, John Lee Hookers, Bo Diddelys, Howlin‘ Wolfs, Son House oder Big Bill Broonzys in der Gegenwart fortzuführen und dem Genre neue Wege in die Zukunft weisen. Einer der großen Hoffnungsträger und Erneuerer diesseits des Atlantiks trägt – ganz stilecht bluesig – den Namen Rag’n’Bone Man (deutsch: Lumpensammler).

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Zu seinem Künstlernamen ließ sich Graham von der britischen TV-Serie „Steptoe & Son“ inspirieren, welche in Großbritannien in den Sechzigern und Siebzigern gezeigt wurde. An diese Zeit erinnern auch seine vielen Tätowierungen, die man auch im bereits erwähnten Musikvideo zu „Human“ bestauen kann (auf den Knöcheln seiner Hände sind übrigens die Worte „Soul“ und „Funk“ unter die Haut gebracht). Der Song, welcher mit einem schleppenden Beat und Südstaaten-Blues-Samples startet, ist der erste Vorgeschmack aus dem Major-Debütalbum, das in Kürze erscheint (mit „Wolves“ erschien 2014 bereits sein Indie-Einstand, welchem 2015 die „Disfigured EP“ folgte). Dass der Mann Einiges an in die Wiege gelegtem Talent (die Mutter ist selbst Sängerin, der Vater Gitarrist), Charisma und Live-Präsenz mitbringt, welche sich kaum auf ein Genre beschränken mag, war ebenso beim Hamburger „Reeperbahn Festival“ im vergangenen Jahr zu sehen wie im kürzlich stattgefundenen „Montreux Jazz Festival„.

Ganz klar: Menschlichkeit hat viele Gesichter. Das von Rory „Rag’n’Bone Man“ Graham lehrt uns, einen Menschen nicht gleich auf dem ersten Eindruck fest und ad acta zu legen, während seine Stimme hoffentlich dafür sorgen wird, dass man ihn so schnell nicht wieder vergisst.

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Hier gibt’s das Musikvideo zur aktuellen Single „Human“…

 

…zum ebenfalls tollen Song „Bitter End“…

(alternativ hier ein Vimeo-Link)

 

…sowie selbiges Stück noch einmal in einer Live-Session-Varinate, mitgeschnitten während dem letztjährigen „Reeperbahn Festival“:

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Casper – Hinterland (2013)

Casper - Hinterland (Cover)-erschienen bei Four Music/Sony-

Jammern auf einem verdammt hohen Thron. Genau so – oder zumindest: so ähnlich – könnte Benjamin Griffeys Situation ausgesehen haben, als er sich nach der Endlostour zu seinem vor zwei Jahren erschienenen dritten Album „XOXO“ so seine Gedanken machte. Wie geht’s nun weiter? Eine durchaus berechtigte Frage…

Immerhin hatte er, der als Casper für Furore gesorgt hatte, es geschafft, auch den Feuilleton mit Songs, denen – HipHop hin oder her – eine vor nicht all zu langer Zeit noch vorherrschende kleingeistige „Ghetto Gangster“- und „Fick deine Mutter und alle deine Freunde“-Attitüde eines Fler, Bushido oder Haftbefehl (allein die Namen sprechen Bände) völlig abging, von sich zu vereinnahmen. Dass der Wunsch, als ehemaliger Underground-Rapper endlich vom liebsten Hobby leben zu können, auch bedeutete, dass einem die eigene Visage fortan von „Bravo“-Covern entgegen griente und nun die ersten Konzertreihen von nicht selten minderjährigen Mädchen, die nach Konzertschluss pünktlichst von ihren besorgten Eltern vor der Halle abgeholt wurden, bevölkert wurden – fair enough. Viel wichtiger scheint jedoch, dass Griffey/Casper sich auf „XOXO“ in einem Maße freischwamm, welches zumindest im deutschsprachigen HipHop seinesgleichen suchen dürfte. Gemeinsam mit seiner Band (!) bastelte der ehemalige Bielefelder, der nun wie jedermann freilich in der Hauptstadt wohnt und lebt, jahrelang an Sounds und Songs – und verließ die Proberäume und Aufnahmestudios erst, als er mit „XOXO“ ein Ergebnis in seinen Händen hielt, dass sich kaum fundamentaler vom vor allem in Fankreisen höchst beliebten, 2008 erschienenen Vorgänger „Hin zur Sonne“ unterscheiden konnte. „XOXO“ war groß, hymnisch, mitreißend und positiv – jedoch auch melancholisch, introspektiv und unvermittelt. „XOXO“ hatte Aufruhr im Sinn und Veränderungen im Blick, verknüpfte Beats mit klassischem Rock-Instrumentarium aus GitarreSchlagzeugBass zu nahezu durchgängig unwiderstehlichen Popmomenten, während Griffey in den Texten nicht selten die mal salzigen, mal schmutzigen Finger in die Wunden der Zeit legte: „Und bin weg, weit weg, da wo dir Fehler verzeihbar sind / An den Ort, wo wir mit 16 dachten, wo wir mit 30 sind / Kein Ärger und Mist, denn als merkten wir’s nicht  / Alltag ist Treibsand, du steigst ab, je stärker du trittst / Immer nur lang leben von Mahnung zu Mahnung und Ratenabzahlung / Für ein Mal im Jahr 14 Tage Malle / Ich bin raus, kann schon nach dem Ende ’nen Anfang sehen / Ganz egal, wie lang‘ der Fall, solange die Landung steht / Vielleicht Saint Tropez / Vielleicht weit hinter den Bergen / Vielleicht nur Bielefeld, doch dort, wo noch Grinsen ‚was wert ist“ (aus „Auf und davon“). War das, wozu sich da plötzlich Lederjacken-Indierocker und Übergrößenklamotten-Hiphopper unisono über die Tanzflächen der Studentendiskos bewegten, eigentlich noch HipHop? Wenn nicht – was zur Hölle dann? Raprock? Poprockhop? Indiehippostrock? Fest stand: Da hatte ein junger Mann, ein ehemaliger Medienpädagogik- und Psychologiestudent mit – Obacht! – „Migrationshintergrund“, mal eben die komplette deutsche Musikszene gefoppt und sich mit dem gefühlten Debütalbum „XOXO“ nachhaltig auf dem ersten Platz der Albumcharts breitgemacht, während Songs wie „Auf und davon“ oder „So perfekt“ massig Radioairplay erhielten und gestandene Künstler wie Thees Uhlmann oder Madeira ihm auf dem Album mit Gastbeiträgen ihre Aufbietung machten… Und wer je ins Gespräch mit dem nicht selten „Emorapper“ titulierten Endzwanziger kam (der sich selbst ironietriefend als „Vater des Hipster-Raps“ bezeichnet), der stellte fest, dass dieser zwar durchaus seine Wurzeln im westfälischen HipHop hatte, dass Griffey jedoch ebenso einen Gedichtband von Rainer Maria Rilke unter dem „Black Album“ von Jay-Z auf seinem Nachttisch liegen haben könnte. Außerdem schienen dem Herrn Genregrenzen völlig fremd zu sein. Gepflegte Punchlines zu Tom Petty’esken Akkorden? Rapsalven über Endhaltestellen und Auswege, über Depression, Tode und die Lichter am Tunnelende, gekreuzt mit dem Rockismusgeist von Springsteen oder den Counting Crowes, während sich die Gitarren in ungeahnte Post Rock-Höhen á la Explosions In The Sky schrauben (man höre und staune noch immer über die bewegenden Songs „Michael X“ oder „Kontrolle/Schlaf“!)? Geht, alles. „XOXO ist das Ergebnis einer positiven Dialektik aus HipHop und Hardcore, Zerstörung und Erneuerung, Lachen und Weinen, Zurücklassen und Wiederfinden, Liebe und Wut, Depression und Hoffnung, alles geht fließend ineinander über“, wie die TAZ damals in ihrer Kritik schrieb. Unterschrieben.

Foto: Paula Winkler; Alexander Gehring

Foto: Paula Winkler; Alexander Gehring

Was also sollte nach „XOXO„, diesem unverhofft genreübergreifenden Statement, kommen? Die Kehrtwende zurück zum Purismus des HipHop? Weiter in Richtig Pop? Oder gar: noch mehr Handwerk, noch mehr Songwriting? Hört man nun „Hinterland„, Album Nummer zwei in der „neuen Casper’schen Zeitrechnung“, Album Nummer vier in der Gesamtdiskografie des mittlerweile 31-Jährigen, so dürften die elf neuen Stücke bei vielen zunächst einmal für Verwunderung sorgen, denn Griffey setzt genau da an, wo einen „XOXO“ vor zwei Jahren zurück ließ. Und macht doch alles anders.

Hinterland

Rein oberflächlich wäre da schon einmal das Coverartwork: Ein schwarzer Priester scheint wie in Trance himmlische Mächte zu beschwören, während er als Täufer eine vormals Ungläubige in sonnenbeschienene Gewässer taucht. Wo waren die einsamen Wölfe geblieben, die einen noch bei „XOXO“ vom Plattencover – beziehungsweise zu Anfang der begleitenden Konzerte als leuchtende Masken bei allen Bandmitgliedern – Ehrfurcht einflössend anstarrten? Passend dazu präsentierte sich Griffey mit Redneckkappe und amtlichem Vollbart. Ein shoutender Indie-Jesus? Wohl kaum. Vielmehr begab sich der deutsch-amerikanische Musiker, der zwar in Ostwestfalen zu Welt kam, dank seines amerikanischen Vaters, einem US-Soldaten, jedoch die ersten elf Lebensjahre in Augusta (nahe Atlanta, US-Bundesstaat Georgia) verbrachte, bevor seine Mutter mit ihm und seiner älteren Schwester nach Deutschland zurückkehrte, klanglich auf Spurensuche. Die größte Rolle bei der musikalischen Neujustierung dürften dabei wohl die beiden als Produzenten fungierenden Studioasse Konstantin Gropper und Ganter gewesen sein – der eine (Gropper), als Vorsteher der international angesehenen, am Ende doch stets leicht größenwahnsinnig aufspielenden Get Well Soon, das „ewige Wunderkind“ des deutschen Indiepop, der andere (Ganter) bislang bekannt für seine dubstepaffinen Produktionen für Elektropopper wie Sizarr. Dazu ein Haufen offener Kreativlinge wie Griffey und Band. Was für eine Melange!

Casper - Hinterland (Single)Und so ist es kaum verwunderlich, dass bereits der erste Song, „Im Ascheregen“, ohne Umschweife in die Gehörgänge rutscht. Erst noch von einsamen Pianonoten eingeführt, mischen sich alsbald treibende Schlagzeugschläge, flirrende Gitarren und „Ohoho“-Chöre ins Geschehen ein, während Griffey die Parole ausgibt: „Dies ist kein Abschied, denn ich war nie willkommen / Will auf und davon und nie wiederkommen / Kein Lebewohl, will euch nicht kennen / Die Stadt muss brenn‘, brenn‘, brenn‘, brenn‘ „. Ist dies etwa – und man unterstelle mir hier bitte keinerlei Blasphemie! – etwa der persönliche „Born To Run“-Versuch des bekennenden Springsteen-Fans? In eine ähnliche Kerbe schlägt denn auch das darauf folgende Titelstück: „Wo jeder Tag aus Warten besteht / Und die Zeit scheinbar nie vergeht / In diesem Hinterland, verdammtes Hinterland / Wo Gedanken im Wind verwehen / Und die Zeit scheinbar nie vergeht / Geliebtes Hinterland, Willkommen im Hinterland“. Zu schmucker Akustikklampfe und E-Gitarren, sanften Chören, treibendem Schlagzeug und Handclaps erzählt der „Konsensrapper“ von der Tristesse des Irgendwos im Nirgendwo und lässt gleich mal eben sein roadtriptaugliches „Thunder Road“ folgen. „Alles endet (aber nie die Musik)“ setzt darauf wieder mehr auf die Euphoriekarte, holt mit poppigen Rhythmen die Freunde von „XOXO“ (wieder) ins Boot, während man die eigene Vergangenheit, die ersten dreißig Lebensjahre, im Rückspiegel betrachtet („Einer ging zu früh, einer bekam dann Kinder / Einer geht ein und aus, irgendwas ist immer / Einer ging zum Bund, der Rest weg, die Welt erfahren / Ich mach noch immer das Musikding, bin selten da“). Die im HipHop-Zirkus nicht eben seltene Kunst der Referenzeinwürfe und Querverweise spielt „…Nach der Demo ging’s bergab!“ zu freudetrunkenem Piano, Bandinstrumentierung und Bläsern höchst clever aus – oder wo sonst werden Die Sterne, Ton Steine Scherben, Tomte, Wir sind Helden, Kraftklub (in anderen Stücken gar Slime, Kettcar oder Oasis) mal eben so augenzwinkernd genamedropped? „Nun nur noch ein Mixtape, wo kein Song zu dem anderen passt“? Nee, Casper, passt schon! Und auch die gewohnten Melancholiebolzen kommen auf „Hinterland“ nicht zu kurz: „20 qm“ ist der feierlich schöne Abgesang an die guten Zeiten einer gescheiterten Beziehung (inklusive windschief niedlicher „Oho“-Chorale), „Lux Lisbon“ könnte mit seinen schleppenden Rhythmen und dem großen Refrain, für welchen Griffey keinen Geringeren als Editors-Stimme Tom Smith gewinnen konnte, die Vorgeschichte des bitteren „XOXO“-Songs „230409“ sein. Auf „Ariel“ kommen dann erstmals (!) verhalten bummernde Hintergrundbeats zum Einsatz, während im Text Besinnlichkeit und Gedanken über den Tod Einzug halten: „Wenn ich geh‘ – wenn ich geh‘, wenn ich geh‘, wenn ich geh‘ / Bin ich doch da, solang‘ die Band noch spielt / Und alles ist gut, anders, aber gut anders“ – it ain’t over before it’s over. Weitere Highlights sind etwa „La Rue Morgue“, in welchem sich Griffey zu betrunken hinterher taumelndem Piano, Schepperpercussion und „Lalala“-Chören als deutsche Antwort auf jenseitige Greiner wie Tom Waits oder Nick Cave präsentiert, oder der Abschluss „Endlich angekommen“, bei dem der Musiker innerhalb von sechseinhalb Minuten – und mit hörbarem Stolz auf sich und seinen eingeschworenen kleinen Haufen Kumpane! – noch einmal den bislang zurückgelegten Weg Revue passieren lässt: „Applaus, Applaus / Vorhang auf / Endlich angekommen / Und alles zieht vorbei, bei, bei, bei, bei… /…/ Liebe kommt, Liebe geht / Nur was immer bleibt, sind Bilder zur Zeit / Die kann uns niemand nehmen…“.

Foto: Sony Music

Foto: Sony Music

Alles in allem ist Benjamin „Casper“ Griffey und dem nicht selten spürbar die Richtung vorgebendem Reglerschiebeduo Gropper/Ganter mit „Hinterland“ eine bis ins kleinste 47-minütige Detail ausbalancierte Antwort auf dem Achtungserfolg „XOXO“ gelungen (die beiden halbgaren Stücke „Ganz schön okay“, welcher ein Feature der chemnitzer Tourneekumpels von Kraftklub beinhaltet und den Tourbus als Butterfahrtskommando – beinahe – gegen die Wand fährt, und „Jambalaya“, das sich als augenzwinkernder Partyschwanzvergleich im Bigband-Konstrukt präsentiert, mal außen vor). Skandierte der Indie-Rapper („Indie“ explizit der Herangehensweise wegen!) vor zwei Jahren noch „Anti-alles für immer!“, so kann man anno 2013 bedenkenfrei das „Anti“ streichen. „Hinterland“ ist Caspers nicht eben pathosfreies Rückspiegelhohelied auf die eigene Jugend in der Provinz und stellt die Trostlosigkeit der Trailerparksiedlungen neben die Lust auf die große, weite Welt. „Hinterland“ ist die Fortsetzung des Weges, der für Casper nach dem zweiten, damals noch recht raplastigen „Hin zur Sonne“ begann, und, wenn man so will: sein persönlicher, Musik gewordener Springsteen-Moment. „Man kann das als Jugendzimmer-Lyrik abtun. Aber jeder, der schon mal ein Jugendzimmer bewohnte, wird darin etwas von sich selbst wiederfinden. Nur wenn man nicht vergisst, woher man kommt, versteht man die Sehnsucht, die immer noch an einem nagt“, wie es der Musikjournalist Jens Balzer in seiner Kritik für den deutschen „Rolling Stone“ so treffend auf den Punkt bringt. All den Zweiflern, den notorischen Nörglern und „Eintagsfliege“-Gröhlern dreht Griffey mit großen Momenten und feinen Melodien eine lange Nase, während er mit „Hinterland“ schon wieder – und das nicht völlig zu unrecht – von der Pole Position der Charts grüßt. Gekommen, um zu bleiben? Sieht ganz danach aus…

Casper - Hinterland (teaser)

 

Wer mehr über Benjamin „Casper“ Griffey, dessen Gemütslage und die Hintergründe zum neuen Album „Hinterland“ erfahren möchte, der findet hier ein Ende September von „Zeit Online“ geführtes Interview mit dem Musiker…

…sowie hier die – visuell wie akustisch – tollen Musikvideos zu „Im Ascheregen“…

 

…und „Hinterland“:

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Listener – Time Is A Machine (2013)

Time Is A Machine (Cover)-erschienen bei Tangles Talk Records/Alive-

Ich kann mir nicht helfen. Immer wieder muss ich bei dieser Band an den rasenden Roadrunner und den nimmermüden Kojoten denken…

Und irgendwie ergeben diese Assoziationen bei Listener auch durchaus einen Sinn: Auf der einen Seite der Band aus Fayetteville, Arkansas steht Dan Smith. Das Sprachrohr drischt ab und an in die Saiten seines Basses und spuckt seine im US-amerikanischen Underground HipHop geschulten, höchst ernsten Rhymes und Verse mit einer solchen Manie und Intensität ins Mikro, dass dem Zuhörer im kleinen Kellerclub schon mal Hören und Sehen vergehen kann. Auf der anderen Seite scheint Christin Nelson vergleichsweise in seinem tiefsten Inneren zu ruhen. Der optisch – mit fülliger Statur, langem Bart, nahender Haupthaarplatte und bohrendem Blick – an Produzenten-Legende Rick Rubin erinnernde Gitarrist steht seinem charismatischen Front-MC sprichwörtlich zur Seite und versorgt den Rest der ungewöhnlichen Soundkulisse mit allem, zu dem Smith im Eifer des Wortgefechts nicht mehr kommt.

Listener #3Dabei ging Dan Smith das Projekt namens „Listener“ 2002 ursprünglich auf Solopfaden an, ließ ein Jahr darauf mit „Whispermoon“ das erste albumgewordene Listener-Baby auf die Musikwelt los und begab sich auf die „Tour of Homes“ kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten und Europa, im Zuge derer er mal in Cafés, aber auch in Kunstgallerien, alten Fabrikhallen und WG-Wohnzimmern spielte – eben immer da, wo man Interesse, ein wenig Handgeld sowie Kost und Logie bot. Und: 2005 lernte Smith bei eben einer dieser Shows in Las Vegas, Nevada den Multiinstrumentalisten Christin Nelson kennen, den er zwei Jahre später dazu bewegen konnte, sich ihm anzuschließen. Noch im selben Jahr – also: 2007 – veröffentlichte das Duo das Album „Return To Struggleville„, welches bereits in großen Zügen andeutete, wozu Listener für die Zukunft fähig sein könnten: Knapp 40 Minuten verteilt auf elf Songs, die sich praktisch jeder Kategorisierung entzogen und ebenso den Geist den Punkrock atmen wie den den HipHop und den von Songwritertum und Lofi-Country. Scharf angeschnittene E-Gitarrenriffs, gepaart mit allerlei Soundsamples, pumpendem Schlagzeug und billigen Akustikgitarren? Alles dabei! Dazu drischt Dan Smith seine beständig zwischen Wut, Nachdenklichkeit, Melancholie, Sozialkritik und Kampfansage pendelnden Wortsalven mit einer solchen Intensität in die Ohrmuscheln, dass der überrumpelte Hörer einfach gar nicht anders kann, als zuzuhören. Immer wichtig, immer innovativ, immer wendig und besonders – und der großartige, 2010 erschienene Nachfolger „Wooden Heart“ setzte all das sogar auf einem noch höheren Level fort. Dem tourerprobten Duo gelangen es darauf, ihre Songs noch austarierter zu gestalten und so mit noch mehr gezielter Wucht und Emotionalität zu füllen. Wer genau hinhört, kann unter den elf Klangperlen kleine Herzenshits ausmachen, die sich unter anderem mit Bläsern (man lausche dem großen „Falling In Love With Glaciers“!) an den Bandsound von Modest Mouse ranschmeissen, dabei jedoch ihre Eigenständigkeit nie aus dem Fokus verlieren – und im Nachhinein auch einen Fingerzeig aufs neue und aktuelle Album „Time Is A Machine“ erkennen lassen. Denn zu den tausend Möglichkeiten, die sich Smith und Nelson bereits zu Zeiten von „Wooden Heart“ erarbeitet hatten, kam im vergangenen Jahr noch mindestens eine weitere dazu: Durch den Einstieg von Schlagzeuger Kris Rochelle haben die beiden nun Blick, Kopf und Hände frei für einen noch größeren Sound – was für Listener zwar keineswegs die Abkehr vom geliebten Direktkontakt mit dem gebannt an Smiths Lippen hängenden Publikum im Kellerclub bedeuten mag, jedoch eine Richtung, die sich – personalbedingt – bisher rar im bandinternen Klangspektrum machte: Post Rock. Gefahren? Bei einer Band wie Listener, die zur eigenen musikalischen Verortung – halb aus Spaß, halb im Ernst – erst selbst das Etikett „Talk Music“ erfinden musste, praktisch gleich Null…

Listener #1

Und dementsprechend groß hört sich „Time Is A Machine“, in der Bandhistorie mal als Album Nummer vier, mal bereits als Nummer sieben geführt, bereits zu Beginn an. „Eyes To The Ground For A Change“ prescht mit kraftstrotzend aufmuckenden Gitarren und polterndem Schlagzeug die staubige Landstraße gen Süden entlang, während Smith energisch klar stellt: „On a pack of oranges and the open road I keep my eyes to the ground for a change / We can all be free if that’s what we wanna be / But I will always be that way“. Im gleichen Tempo hechelt „Good News First“ längs der mexikanischen Grenze entlang, bevor der Hörer bei „Not Today“ eine trügerische Ruhe verspüren darf: „If the sun turns to a shooting star, and leaves us with nothing much to say / This is not a fear trap, you can’t pass a test you don’t take / If you go looking you’ll find it when it goes quiet behind your eyes – passend zur lyrischen Vorahnung der Apokalypse verwandeln sich die bedächtig hallenden Gitarrenakkorde alsbald in ein wahres postrock’sches Inferno aus GitarreSchlagzeugBass, welches nach viereinhalb Minuten – gefühlt – viel zu früh verglüht. Auch die folgenden Songs „Tornado“ und „I Think It’s Called Survival“ machen ihren Titeln alle Ehre und zeigen Listener als Band, die Hunger auf Punkrock-Fahrtwind hat, während sich die Stimme von Smith ein ums andere Mal überschlägt. In „Everything Sleeps“ ruft der scheinbar um mehrere Tage Schlaf gebrachte Frontmann wieder die Geister des Post Rock auf den Plan, greift in der Two Gallants-Galgenpartie „These Are Wrecking Balls Inside Us“ in einer seiner seltenen Atempausen zur Trompete  und ruft im abschliessenden „It Will All Happen The Way It Should“ noch einem wie kurz vorm Heraustreten aus der Studiotür „Just hold on / There’s a way out / It’s all happening the way it should“ zu – ein Schulterschluss mit dem Teufel Schicksal, bevor die Band die vorangegangenen 25 Minuten erst infernalisch vor den Baum fährt, nur um kurz vor dem Aufprall mit bedächtig ausfedernden Gitarrenakkorden sanft auszuklingen. Anders und unerwartet? Immer wieder…

Listener #2

Smith, Nelson und Rochelle fügen mit dem innerhalb einer (!) Woche gemeinsam mit Produzent Jon O’Brien (u.a. Young The Giant, Moosetache) im kalifornischen Tustin aufgenommenen „Time Is A Machine“ der Listener-Diskographie ein Album hinzu, dass viele Qualitäten in sich vereint: Euphorisch und euphorisierend, dramatisch und intensiv, mitreißend und melancholisch, voller Spaß und Ernsthaftigkeit. Dabei bauen Listener alte Stärken aus, fordern die Aufmerksamkeit des Hörers mit Haut und Haar und treiben im Kollektiv Rockmusik an ihre Grenzen. Das größte Ass im Ärmel der Band ist und bleibt jedoch immer noch Dan Smiths Art des manischen Sprechgesangs. Sobald dessen Stimme sich überschlägt, an- und abschwillt, an wilden Kapriolen bastelt und in voller Versfahrt potentielle Sätze und Punchlines fürs nächste Tattoo rausprügelt, dann weiß man: jetzt gerade liegen Listener richtig. Jetzt gerade sind Listener richtig gut. Dass „Time Is A Machine“ mit acht Songs in 30 Minuten (erneut) viel zu kurz ausfällt? Jammern auf hohem Niveau… Und: Hey, wenn man so will, dann haben Dan Smith und Co. mit „Time Is A Machine“ somit das wohl kürzeste und ungewöhnlichste Post Rock-Album des Jahres in die Regale gestellt! Im elften Jahr der Bandgeschichte üben sich Listener in der Manifestierung ihres Rufs als höchst eigenständige Band und der Erweiterung ihres musikalischen Horizonts, an dessen Ende es doch immer weitergeht. Auf das „Wie“ darf man gespannt sein… Nur eines steht fest: Auch in Zukunft wird selbst dem Roadrunner von Dan Smiths Wortsalven schwindelig werden – der Kojote hat die Jagd längst aufgegeben… Allein auf weiter Flur.

 

Hier kann man sich „Time Is A Machine“ in voller Länge anhören…

(Auf der Bandcamp-Seite der Band gibt’s übrigens die grandiosen Albumvorgänger ebenfalls im Stream…)

 

….und sich hier die Videos zu „Wooden Heart“ (verständlicherweise vom gleichnamigen Album)…

 

…und „Falling In Love With Glaciers“ ansehen:

 

Allen Freunden der intensiven Livemusik, der sich aufstellenden Nackenhaare und der ganz besonderen Momente inmitten einer schweißgebadeten Menge sei empfohlen, sich Listener an einem der in Kürze deutschlandweit stattfindenden Konzerttermine live, bunt und laut zu gönnen:

14.08.2013 / Hafenklang, Hamburg
24.08.2013 / Musikbunker, Aachen
27.08.2013 / FZW, Dortmund
28.08.2013 / Jugendhaus West, Stuttgart
29.08.2013 / Brotfabrik, Frankfurt
30.08.2013 / Privatclub Berlin, Berlin
31.08.2013 / Sound of Bronkow, Dresden
01.09.2013 / Kinos im Andreasstadel, Regensburg
03.09.2013 / Ex-Haus, Trier

(Wer mag, darf mich voraussichtlich im Aachener Musikbunker begrüßen… Nur mal so.)

 

Wer da noch überlegt, der kann anhand dieser Konzertimpressionen getrost alle Bedenken zu Grabe tragen:

 

Rock and Roll.

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