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Das Album der Woche


Chaoze One – Venti (2021)

-erschienen bei Grand Hotel van Cleef/Indigo-

Rapper, Autor und Theaterschauspieler, so umreißt man den Künstler Jan „Chaoze One“ Hertel wohl auf die Schnelle – und über sein aktuelles Album “Venti” sagt das nicht annähernd etwas aus. Würde es sich nicht so abgeschmackt lesen, dann könnte man ihn einen Liedermacher nennen, oder noch besser: einen Geschichtenerzähler. Allerdings geht der Mannheimer Musiker, Baujahr 1981, nicht rein fiktiv vor, sondern viel eher schonungslos realistisch. Jeder Song ein Leben. “Venti”, welches satte zwölf Jahre nach seinem letzten Album erscheint und, übersetzt aus dem Italienischen, für die Zahl „Zwanzig“ steht (denn genau zwei Dekaden ist es her, dass Chaoze Ones Rapkarriere begonnen hat), ist schon allein aufgrund seiner Länge von gut 70 Minuten sicher kein leicht zugängliches Standardwerk. Dazu ist es viel zu prall gefüllt mit musikalischen, gedanklichen und gesellschaftskritischen Ideen von einem, dessen Herz und Geist nicht still stehen können. Von einem, der getrieben scheint von dem Anspruch, alles zumindest ein bisschen mehr zu verstehen, die Welt etwas besser – oder zumindest nicht wesentlich schlechter – zu machen. Alles hehre Ziele, die wohl auch die geschätzten Menschen vom Grand Hotel Van Cleef dazu bewegten, „Venti“ als erstes Hippe-di-Hopp-Album überhaupt auf ihrem Label zu veröffentlichen…

Foto: Promo / Giulia Vitali

Mit dem bereits vorab veröffentlichten Opener “Memento Moria / Die Welt brennt” eröffnet Chaoze One sein Album. Schonungslos und mit einem sehr feinen Blick auf geschichtliche Zusammenhänge, legt er uns die ganze Bosheit der Welt vor die Füße. Ein formvollendeter Roundhousekick, ein schmerzlicher Schlag in die Magengegend all unserer Erste-Welt-Problemchen, behandelt das Stück doch die europäische „Flüchtlingspolitik“, die „Systemrelevanz“ und die Banalität des Bösen mit Referenzen aus Jahrzehnten der (Politik)Geschichte, Popkultur und Gesellschaft. Es ist eine unmissverständliche Standortbestimmung, ein salziges Fingerlegen in offene Wunden, aber auch ein dringlicher Appell an die Empathie. Jetzt wisst ihr es – was macht ihr nun mit dieser Erkenntnis? Klares Ding, Digger: “Venti” fordert seine Hörer*innen, beißt sich fest und lässt – wenn man sich denn drauf einlässt – so schnell nicht los. Dass Chaoze One mit den Jahren gewachsen ist, zeigt sich an der Vielschichtigkeit, wie er Themen behandelt und mit künstlerischen Querverweisen beziehungsweise Referenzen umgeht. Bob Dylan („Memento Moria“), Neil Young („Patronen aus Schuld“), Die Goldenen Zitronen („Get The Fuck Up / Das bisschen Totschlag“), die Antilopen Gang und viele weitere lassen sich zwischen den Zeilen und Tönen des Albums aufspüren. Kein Wunder also, dass das musikalische Ergebnis deutlich über die Rap-Grenzen hinaus reicht und auch aufgrund der vielen Featuregäste – Shana Supreme, Torsun, Matze Rossi, Mal Élevé oder Überdosis Grau haben Beiträge geliefert – sowie der unterschiedlichen Stile von Hip Hop über Indie Rock und Reggae bis Crossover schon fast wie eine kleine Weltreise wirkt – man höre etwa “Daloy Politsey”, “Ich hab das Meer gesehen” oder “Santa Maria”. Wer etwas sieht und erlebt, ist danach schlauer – so (oder so ähnlich) heißt es im Volksmund. Die Erkenntnis von “Venti” ist, dass es sie überall gibt: Die Schattenboxer, die Schwarzmaler, die unverbesserlich Liebenden, die Enttäuschten und die Idealisten.

Wenn Chaoze One ein schönes Gefühl erspürt hat, dann kann er schwer loslassen. Deshalb stechen wir mit dem maritimen “Ausguck” auf lange Fahrt, lassen uns treiben von dem kurzen Moment der Hoffnung, mit einem Akkordeon im Rücken. “So weit von Zuhaus” fühlt sich an wie eine von Euphorie beseelte Halbtagswanderung und sorgt tatsächlich für Fernwehschübe. Auch das Skit “Kapitalimus” hätten die meisten wohlmöglich gestrichen – außer man ist eben detailverliebt und hat eine Vision für ein Album im Kopf. In Songs wie dem kleinteiligen “Vive l’utopie” wird klar, dass man es bei Hertel mit jemandem zu tun haben, der nicht anders kann. Einem, der eine Fackel in seinem Herzen trägt und nicht damit aufhören wird, andere mit seinem Idealismus anzuzünden. Wer an “Venti” jetzt tatsächlich Maßstäbe wie Reimform oder Delivery anlegt, der hat leider recht wenig verstanden. Das mehrfach besungene Meer ist als Metapher zu verstehen, als ein Wunsch abzuhauen und am Ende der Tage von den vielen Tropfen, die ein friedlich agierendes Ganzes bilden, in die Ewigkeit getragen zu werden. Oder als Sinnbild für die unterschiedlichen Blickwinkel auf das Meer: Sehnsuchts-, Rückzugs- und Erholungsort für die einen, nahezu unüberwindbare Todesfalle für die anderen. Zwischen Privileg und letzter Ausweg, Urlaubsmomente sammeln am Massengrab.

Mit “Get The Fuck Up / Das bisschen Totschlag” legt Chaoze One seine deftige Variante des Fanta4-Gassenhauers “MfG” vor. Eine Aneinanderreihung von Tatsachen und offensichtlichen Zusammenhängen, dass es auch der Person zwischen den Kopfhörern Angst und Bange werden dürfte. Und man merkt deutlich die musikalische von Chaoze One Sozialisierung in den Neunzigerjahren. Eine Verbeugung in Richtung Advanced Chemistry und Torche, bisschen Nosliw und etwas von den ersten Platten von Gentleman. Aufgrund der angebotenen Breite kann wahrscheinlich nicht alles auf “Venti” alle gleichsam begeistern. Wobei das immer nur für die Musik oder den Text gilt, denn eines von beiden kickt nahezu immer. Der Deutschrock-Charme von “Häuser vs. Träume” etwa mag im ersten Moment irritieren, passt letztendlich aber doch zu dem betäubenden Spießertum, das hier benannt wird.

Weitere Highlights an Bord? Sicher doch! “Wüste des Vergessens” zum Bespiel, ein wunderschöner Song, der mutig nach vorn stapft oder sich mit der Faust auf die Brust schlägt, bis alle Angst verschwunden ist. Klavier, Akustikgitarre und Streicher unterlegen den Text, in dem Chaoze One einmal quer durch die Momente mit seiner Mutter fliegt. Es ist so tragisch, dass man sich am Ende nur an verhältnismäßig wenige, konkrete Momente erinnert. Aber das Gefühl dazwischen, auf das es wirklich ankommt, das wurde hier in Töne gegossen. Hip Hop ist das mit Sicherheit nicht, stattdessen viel mehr.

Auffällig ist, dass auf „Venti“ kaum ein Lied dem nächsten gleicht, der Verlauf jedoch stringent ist. Chaoze One hat mit seinem Comeback-Album ein Werk erschaffen, das mit all seinen Ecken und Kanten wohl nicht jedermanns musikalische Tasse Tee sein dürfte, welches sich im deutschsprachigen Sprechgesangskanon dennoch hoch ansiedeln dürfte und sowohl Rap- als auch Popkünstler*innen mit einem Auge und Ohr fürs Gesellschaftskritische ein Vorbild sein kann. Die 17 Stücke lassen tief in die Seele eines Menschen blicken und sorgen für nicht wenige Gänsehautmomente. Mehr braucht’s kaum.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Cleopatrick – BUMMER (2021)

-erschienen bei Nowhere Special/The Orchard-

Fuck whatever you think rock is. It’s different now…“

Rock’n’Roll 2.0 vs. Alles schon einmal da gewesen. Rockmusik im Jahr 2021 vom Scheitel bis zur Sohle ganz und gänzlich neu zu erfinden – das könnte sich nur allzu schnell als dezent überambitioniertes Unterfangen erweisen. Also warum selbige, die Rockmusik, nicht einfach im juvenilen Überschwang zertrümmern, wenn eh kaum etwas Neues daraus wachsen kann? Luke Gruntz (allein der Name!) und Ian Fraser alias Cleopatrick sind jung genug, ihre Twentysomething-Angst noch ungeniert thematisieren zu können – natürlich auf die Weise, wie Instagram, Spotify & Co. sie heutzutage verstärken. Privat huldigen sie laut eigener Aussage eher Rap-Ikonen wie Drake oder Kendrick Lamar, produzieren aber trotzdem dezent verwaschenen Two-Pals-Krachrock der guten alten AC/DC-Riffschule, und das sogar auf eigenem Label sowie in einem eigenen kleinen DIY-Kollektiv, denn was soll man im kanadischen Hinterland samt dessen beschränkten Möglichkeiten auch sonst mit seiner Jugend anfangen? Einen Bassisten hat das Mittzwanziger-Duo, welches sich seit Kindergartentagen kennt, nur deshalb nicht, weil sich in der Kleinstadt Cobourg – am Ontariosee gelegen und wohl ähnlich provinziell, aber nicht zu verwechseln mit dem Ort in Oberfranken – schlicht keiner auftreiben ließ. Die Reduktion aufs Wesentliche, auf Fuzz und Frust also, reicht absolut aus. Wo bei Royal Blood jüngst der Dreck gänzlich wegpoliert wurde und die ewigen Schürzenjäger von Death From Above 1979 ihre sanftere Seite entdeckt haben, kippen Cleopatrick als eine Art alternative Terrance & Phillip eine ganze Baggerladung Geröll hinein. Mit diesem Konzept sorgten sie mit zwei EPs und ein paar verdammt ordentlicher Singles („hometown„! „daphne did it„!) seit 2016 für einiges am Rumoren im weltweiten Netz und landeten letztlich auf der „New Noise„-Playlist von Spotify. Und wohl auch deshalb ist ihr Debütlangspieler „BUMMER“ nun ein knapp halbstündiger Schleudergang mit ordentlich arschcoolem Wumms und knirschendem Fuzz-Sand im Getriebe.

Kategorien wie Lo-Fi treffen den Kern der Sache dann auch nicht unbedingt, denn anstatt hunderten Vorbildern nachzueifern und sich von diesen beeinflussen zu lassen, poltern Cleopatrick einfach frisch, Frank und frei drauf los, ohne nur einen verdammten Gedanken daran zu verschwenden, wie sie sich im Rock’n’Roll-Kanon eigentlich einsortieren ließen. Gerade Ian Frasers Schlagzeug dröhnt im eröffnenden „Victoria Park“ so dumpf und verrauscht, als wäre es durch einen riesigen Eierkarton aufgenommen worden. Beat und stimmlicher Vortrag auch in anderen Songs – man nehme nur „Great Lakes“ – erinnern dann tatsächlich an HipHop’sche Gefilde. Passend dazu sitzt auch das Storytelling wie eine gut flowende Eins – vom Schulhof wohlgemerkt, die Straße kann man vom Nachsitzen aus lediglich erahnen. Man wähnt sich beinahe in einem selig analogen, siebziger’esken Umfeld, transferiert ins digitale 21. Jahrhundert, wenn Gruntz sich beschwert, sein Feed sei „full of fucking dummies that did high school with me“. Jung, anti und dagegen sein lautet die Devise weiterhin in „Family Van“: „Pushing twenty-three is a real big bummer / When these old motherfuckers try so hard to pull you under“. Die Band mag nur ein paar Felle, High-Hats, sechs Saiten und einige Effekt-Pedale zur Verfügung haben, ist jedoch mächtig gewaltig auf Krawall gebürstet – maßgeblich gegenüber ihrer heimischen Kaff-Einöde, aus der auch Social Media keinen Ausweg verheißt, und all den alten und jungen Spießern, die darin nunmal wohnen.

„Keine beschissenen Ghostwriter. Kein Label-A&R, keine namhaften Produzenten. Nur drei Kids mit ein paar Fuzz-Pedalen und dem Willen, etwas zu beweisen. Wir haben uns entschieden, dieses Album in Jigs Keller aufzunehmen, weil wir den Kids, die zu unseren Gigs kommen, zeigen wollten, dass man keinen Major-Label-Deal unterschreiben oder sich mit den modernen ‚Rockstar‘-Phonies assimilieren muss, um es zu schaffen. Tatsächlich ist es genau das Gegenteil: Alles, was du brauchst, sind ein paar gute Freunde und eine kleine Vision.“

Das Beste bleibt dennoch die Wirkung dieser Songs, denn beim Genuss von „BUMMER“, welches das Duo nahezu in Eigenregie aufgenommen hat (lediglich ihr enger Freund Jig Dubé wirkte beim Songwriting, Aufnehmen und Produzieren mit), bekommt man unweigerlich mächtig Bock, in einer kleinen, viel zu engen Garage einen Auf-Teufel-komm-raus-Circle-Pit zu bilden und selig grinsend gegen fremde Menschen zu hüpfen, während der Schweiß von der Decke tropft und der Boden vom Bier klebt. Glaubt keine Sau? Nun, jenem Borstenvieh sollte man denn mal den Grunge-Hit „The Drake“ auf die Lauscher geben! Those were the days, kiddos. Verheulte Emo-Lyrics und Grunge-Akkorde in inniger Vereinigung sorgen auch dafür, dass eine Quasi-Ballade wie „2008“ hell und intensiv strahlen kann, ohne dass sie eines scheppernden Schlagwerks bedürfte. Nicht nur hier bringt Gruntz das Kunststück fertig, so einige stimmliche Facetten von angepisstem Gesang bis Sprechgesang auszuloten und mal wie ein junger Chris Cornell, mal gar soulful wie Afghan-Whigs-Frontröhre Greg Dulli zu klingen – mit kanadischem Akzent, versteht sich: „When you give a fuck just let me know“. Dabei sind Cleopatrick natürlich der schlechte Umgang, vor dem das wohlerzogene kanadische Mädchen aus Torontos Villenviertel von den gut betuchten Eltern an- und ausdauernd gewarnt wird – allein diese unflätige Ausdrucksweise! Aber dank etwas DIY-Ethos eben auch eine der neuesten altmodischen Rock-Aufstiegsgeschichten im digitalen Zeitalter. Wo Japandroids mittlerweile mit eher abgeklärt-erwachsenem, dabei aber auch machomäßigeren Blick den Thron besetzen, sind Gruntz und Fraser eher die Arctic Monkeys der kanadischen Noise-Duo-Landschaft. Will neben jung und ungestüm auch heißen: romantisch genug, um nicht nur als juvenile Unruhestifter wahrgenommen zu werden. Längst nicht neu, dafür aber mächtig aufregend, stellenweise verdammt intensiv und übertrieben gut, das Ganze! Dear Canada, your kids are alright.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Chaoze One – „Memento Moria / Die Welt brennt“


Foto: Promo / Giulia Vitali

Die Bilder der Nacht auf den 9. September 2020 gingen um die Welt. „Moria brennt, hieß es in vielen Überschriften der Tageszeitungen und auf Social Media. Bilder, die einen so schnell nicht mehr loslassen und noch bis heute nachhallen. Bilder, die einmal mehr beweisen, wie sehr das Menschliche dieser Welt mittlerweile viel zu oft, viel zu sehr abhanden gekommen ist…

Und ein Lied allein kann und wird diese Welt freilich nicht verändern. Das können nur wir, die Menschen. Aber Stücke wie „Memento Moria / Die Welt brennt“ von Chaoze One können dabei helfen, die Fassung nicht komplett zu verlieren und den Weg aus der Ohnmacht ein wenig erleuchten. Mehr noch: Der gestern veröffentlichte Song ist ein formvollendeter Roundhousekick, ein schmerzlicher Schlag in die Magengegend all unser Erste-Welt-Problemchen, behandelt er doch die europäische „Flüchtlingspolitik“, die „Systemrelevanz“ und die Banalität des Bösen mit Referenzen aus Jahrzehnten der (Politik)Geschichte, Popkultur und Gesellschaft. Es ist eine unmissverständliche Standortbestimmung, ein salziges Fingerlegen in offene Wunden, aber auch ein dringlicher Appell an die Empathie.

So bekannt die Themen, so unbekannt dürfte wohl vielen der Künstler sein. Jan Hertel, so Chaoze Ones bürgerlicher Name, ist ein gesellschaftskritischer Rapper, Autor und Theaterschauspieler aus Mannheim. In seiner ersten musikalisch aktiven Phase von 2000 bis 2009 veröffentlichte er bereits zahlreiche Alben und EPs.

Die Musik war dabei immer ein Instrument für seine politische Arbeit, die im Vordergrund seines künstlerischen Schaffens steht. In der Vergangenheit ging das soweit, dass er auf dem Radar mehrerer rechter Gruppierungen auftauchte – unter anderem versuchte der AfD-Politiker und rechte Journalist Joachim Paul einen Auftritt von Hertel durch politische Einschüchterung zu vereiteln. 2019 veröffentlichte der Künstler, Baujahr 1981, außerdem das Buch „Spielverderber – Mein Leben zwischen Rap & Antifa„, in dem er seine musikalische wie politische Sozialisation beschreibt.

Etwa zwölf Jahre nach seinem letzten Album, in denen sich im deutschrap’schen Musikkosmos einiges getan hat (und das freilich nicht immer zum Besseren), meldet sich Chaoze One nun mit seinem neuen Langspieler „Venti“ zurück, der im Juli bei Grand Hotel van Cleef erscheinen wird. Eine durchaus lange Sendepause, wie auch Hertel selbst anmerkt: „Zwölf Jahre nicht gesungen, Reihenhaus und Katze, wir sind alle ruhiger geworden. Dann kam 2015, dann kam 2020 und da waren sie wieder, die Wut und das Unverständnis. ‚Das ist nicht die Zeit zum Fresse halten!‘, hat dieser wütende 18-Jährige von damals gebrüllt.“.


„‚Venti‘ ist die erste Hip Hop-Platte auf GHvC, und der Opener ‚Memento Moria / Die Welt‘ brennt der erste echte Rap-Track auf unserem Label. Aber Genres sind egal. Denn beim Hören dieses Songs – auch beim vierhundertsten Mal – fangen unsere Gehirne und Herzen an zu glühen. Der Song und diese Platte umfasst all das, was wir denken und fühlen, wie wir Dinge sehen und was wir fordern. Und zwar ohne Zeige-, dafür ab und an aber gern mit Mittelfinger“
, lässt sich das Hamburger Indie-Label, welches ebenfalls seit eh und je das Herz auf der Zunge und am linken Fleck trägt, zitieren.

„Ich hatte eine Sinnkrise, persönlich und politisch“, wagt Jan Hertel eine künstlerische Standortbestimmung. „Diese musste und wollte ich bearbeiten. ‚Venti‘ erzählt von Zweifeln und Verzweifeln, von Sackgassen und dem Aushaltenmüssen. Von Liebe und Ekel für die Welt. Plötzlich stand da dieser 18-Jährige auf der Matte vor mir, der vor zwanzig Jahren erstmals das Rap-Mic ergriff – es war nicht mehr an der Zeit, die Fresse zu halten!“

Klares Ding: Es ist schon eine Kunst für sich, so komplexe, brisante (aber auch wichtige!) Themen in nur wenigen Minuten und schwer vereinfacht in politisch motivierte Punchlines zu packen. Chaoze One ist einer, dem genau das gelingt, ohne am Ende bei der Musik Abstriche zu machen. Seine Worte bewegen, bieten sowohl einen Anhaltspunkt, sich weitreichender zu informieren, aber können auch hitzige Diskussionen entfachen – denn Unwissenheit mag auch ein Beitrag sein, ist hier aber beileibe keine Option.

„Venti“, welches, übersetzt aus dem Italienischen, für die Zahl „Zwanzig“ steht (denn genau zwei Dekaden ist es her, dass Chaoze Ones Rapkarriere begonnen hat), erscheint am 16.07.2021 über Grand Hotel van Cleef auf Doppel-LP, CD sowie Digital und kann ab sofort vorbestellt werden. Auf dem Album finden sich 17 Stücke in knapp 70 Minuten, während derer unter anderem Torsun Burkhardt von Egotronic, Mal Éléve, Shana Supreme sowie Autor Jan Off und zahlreiche weitere Gäste zu hören sein werden.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Danger Dan – „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“


Foto: Promo / Jaro Suffner

Kein Techniker, kein Empfangspersonal, kein Zuschauer ist zu sehen. Daniel Pongratz ist allein im Theater. Auf der Bühne steht ein Flügel, er setzt sich davor. Jetzt wäre der Moment, in dem der 38-jährige Berliner Musiker eine Ballade über den bevorstehenden Corona-Sommer anstimmen könnte – eine Zeit, in der der gebürtige Aachener vermutlich wieder nicht vor Publikum auftreten kann. Doch Pongratz haut ziemlich schnell auf die Tasten ein und singt: „Also jetzt mal ganz spekulativ / Angenommen, ich schriebe mal ein Lied / In dessen Inhalt ich besänge, dass ich höchstpersönlich fände / Jürgen Elsässer sei Antisemit.“ 14 Sekunden, 24 Wörter, die auch ganz ohne örtliche Gäste ihre Hörer schnell finden.

Als Pongratz – der sich den Künstlernamen Danger Dan gegeben hat und als ein Drittel der HipHop-Formation Antilopen Gang bekannt wurde – vor wenigen Tagen dieses Video aus dem Theatersaal ins weltweite Netz lud, geht es quasi übers Wochenende viral. Der Satiriker Jan Böhmermann, die Schriftsteller Saša Stanišić und Max Czollek sowie so einige befreundete wie gleichgesinnte Musiker*innen und Bands teilen es auf ihren Kanälen. Was mit dem rechtspopulistischen Journalisten Jürgen Elsässer beginnt, führt über Verleger Götz Kubitschek oder Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen und den AfD-Politiker Alexander Gauland und schließlich zur Aussage, die Geschichte habe gezeigt, dass man mit Faschisten nicht diskutieren könne. Doch bevor die Angesprochenen den Musiker dafür anzeigen wollten – Ken Jebsen tat es bereits in der Vergangenheit wegen des Antilopen-Songs „Beate Zschäpe hört U2“ (was wiederum darin resultierte, dass Ken Jebsen sowohl die Gerichts-, als auch die Anwaltskosten der Antilopen Gang zahlen musste) – , verweist der Song aufs Grundgesetz. So heißt es im Refrain: „Juristisch wär die Grauzone erreicht / Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht / Zeig‘ mich an und ich öffne einen Sekt / Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt.“ Die Strategie, ein Zuviel an Eindeutigkeit zu umgehen, erinnert dabei an Jan Böhmermanns Gedicht „Schmähkritik„. Mit diesem veranschaulichte der satirische ZDF-Moderator 2016 den Unterschied zwischen der von der Kunstfreiheit gedeckten Satire und einer strafrechtlich relevanten Schmähung, was seinerzeit sogar in ernsthaften diplomatischen Verstimmungen zwischen Deutschland und der Türkei resultierte.

Ende des Monats wird Danger Dan das dazugehörige Album veröffentlichen, welches passenderweise ebenfalls den Titel „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ trägt und – was wohl auch den Corona-bedingten Lockdowns und Kontaktbeschränkungen geschuldet sein dürfte – vornehmlich reduziert am Piano entstand. Wenn man so mag, klingt das Ganze wie eine Melange aus Hannes Wader und Comedian Harmonists (man höre an dieser Stelle auch Danger Dans viralen Hit „Nudeln und Klopapier“ sowie die erste Single „Lauf davon„). Im Theatersaal – oder eben auf Konzertbühnen – wird man ihn als Zuschauer voraussichtlich erst 2022 sehen können. Doch seine Musik gewordene, unverblümt politische Gesellschaftskritik zeigt ganz gut: Manchmal genügt notgedrungen auch die digitale Bühne.

„Also jetzt mal ganz spekulativ
Angenommen, ich schriebe mal ein Lied
In dessen Inhalt ich besänge, dass ich höchstpersönlich fände
Jürgen Elsässer sei Antisemit
Und im zweiten Teil der ersten Strophe dann
Würde ich zu Kubitschek den Bogen spann’n
Und damit meinte ich nicht nur die rhetorische Figur
Sondern das Sportgerät, das Pfeile schießen kann

Juristisch wär die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht
Zeig mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Also jetzt mal ganz spekulativ
Ich nutze ganz bewusst lieber den Konjunktiv
Ich schriebe einen Text, der im Konflikt mit dem Gesetz
Behauptet, Gauland sei ein Reptiloid
Und angenommen, der Text gipfelte in ei’m
Aufruf, die Welt von den Faschisten zu befrei’n
Und sie zurück in ihre Löcher reinzuprügeln noch und nöcher
Anstatt ihnen Rosen auf den Weg zu streuen

Juristisch wär die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht
Zeig mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Vielleicht habt ihr schon mal von Ken Jebsen gehört
Der sich über Zensur immer sehr laut beschwert
In einem Text von meiner Band dachte er, er wird erwähnt
Und beschimpft und hat uns vor Gericht gezerrt
Er war natürlich nicht im Recht und musste dann
Die Gerichtskosten und Anwältin bezahl’n
So ein lächerlicher Mann, hoffentlich zeigt er mich an
Was dann passieren würde? Ich kann es euch sagen

Juristisch wär die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht
Zeig mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Nein, ich wär nicht wirklich Danger Dan
Wenn ich nicht Lust hätte auf ein Experiment
Mal die Grenzen auszuloten, was erlaubt und was verboten ist
Und will euch meine Meinung hier erzähl’n
Jürgen Elsässer ist Antisemit
Kubitschek hat Glück, dass ich nicht Bogen schieß‘
An Reptilienmenschen glaubt nur der, der wahnsinnig ist
Gauland wirkt auch eher wie ein Nationalsozialist
Faschisten hören niemals auf, Faschisten zu sein
Man diskutiert mit ihnen nicht, hat die Geschichte gezeigt
Und man vertraut auch nicht auf Staat und Polizeiapparat
Weil der Verfassungsschutz den NSU mitaufgebaut hat
Weil die Polizei doch selbst immer durchsetzt von Nazis war
Weil sie Oury Jalloh gefesselt und angezündet hab’n
Und wenn du friedlich gegen die Gewalt nicht ankommen kannst
Ist das letzte Mittel, das uns allen bleibt, Militanz

Juristisch ist die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht mach‘ ich es mir dann wieder leicht
Zeig mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der, alles von der, alles von der, alles von der
Alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Sperling – Zweifel (2021)

-erscheint bei Uncle M Music/Cargo-

„Ich mag eigentlich keinen Rap, aber euch finde ich cool!“ – Wie oft durften Bands diesen Satz schon hören, wenn sie sich daran gewagt haben, einmal Soundwelten zu verbinden, die aus Sicht der Konsumierenden eigentlich nicht zusammenpassen? Die nahezu nahtlos ineinander übergehende Melange aus Sprechgesang und Rock wurde für den Mainstream vermutlich erstmals mit Aerosmiths Kollabo mit den New Yorker Hip-Hoppern von Run DMC im 1986 veröffentlichten Evergreen „Walk This Way„, später durch Bands wie Linkin Park wirklich salonfähig gemacht, verschwand dann ein wenig in der Versenkung und erlebte knapp zehn Jahre später dank Caspers „XOXO“ auf indierockenden Indie-Beats einen zweiten bundesdeutschen Frühling (ein Wahnsinn übrigens, dass auch dieses Werk in diesem Jahr eine Dekade alt wird). Nun spielt sich die Hunsrücker Formation Sperling ins Rampenlicht und füllt diese Soundsymbiose genau zehn Jahre nach besagtem Deutschrap-meets-Indierock-Meilenstein erneut mit Leben und einer Menge frischer junger Energie. Wer diese Review jetzt schon auslassen möchte, weil man partout nichts mit Benjamin „Casper“ Griffey anfangen kann, kann an dieser Stelle beruhigt aufatmen, denn bis auf die grobe Kategorisierung haben Sperling und der ostwestfälische Emo-Rapper – zumindest im ersten Moment – nicht allzu viel gemeinsam – außer vielleicht die Herkunft aus Orten, die in keinem Touristenführer Erwähnung finden dürften. Und: einer Menge Mut.

Denn mutig, das sind Sperling, von denen bereits im vergangenen Jahr auf ANEWFRIEND die Schreibe war, ohne Zweifel. Schließlich kommt da ein Quintett aus der weltbekannten Region Vorderhunsrück daher, das sich nach dem „Vogel des Jahres 2002“ benannt hat, unter dem Arm gerade mal ein paar EPs sowie ein erstes Album mit dem Namen „Zweifel“ – und zieht direkt im Opener gleich mal eben die gesamte formatradiotaugliche Pippe-di-Poplandschaft des Landes unter heftigen Prügelattacken erbarmungslos durch den Schmutz: „Zum tausendsten Mal produziert und doch wieder verkauft / Immer noch die selben Kriecher / Kriegen viel zu viel Applaus / Also: Peace out, Bitches – wir sind raus!“. Subtil ist das keineswegs, aber locker gut für eine dicke Jungspundlippe: „Bitte nicht weiterentwickeln / Immer das Gleiche mit Gleichem verbinden“. Falsch höchstwahrscheinlich also ebenso wenig. Und musikalisch mit einiger Verve dargeboten. Da haben die findigen Talentscout-Leute von Uncle M mit Casper, Fjørt und Heisskalt gleich die passenden Referenzen für ihre neue Entdeckung parat.

Foto: Promo / Simon von der Gathen

Das meint in Kurzform: Auf „Zweifel“ treffen indie’esque Rap-Parts auf bisweilen opulent austaffierte Post-Hardcore-Songarchitektur, viel, viel Melodie – und ein oft genug prominent musizierendes Cello. Die im Opener „Eintagsfliege“ geprügelten Hunde mögen jetzt aufheulen und mit Nachdruck darauf verweisen, dass Sperling selbst ziemlich weit davon entfernt sein mögen, irgendwelche Innovationspreise einzuheimsen. Diese Flucht nach vorn endet allerdings jäh in einer Sackgasse. Warum? Weil die Newcomer-Band solchen altvorderen Vorwürfen einen so großartigen Song wie „Baumhaus“ entgegensetzen kann. Sänger Johannes „Jojo“ Gauch, der mit seinem rauen Sprechgesangsorgan klanglich durchaus an den bereits erwähnten Casper erinnert, während sich sein Flow Anleihen von Kraftklub-Frontmann Felix Kummer nimmt, navigiert sich da kursorisch durch eine völlig normale Biografie, durch Hoffnungen und Rückschläge und vertont mitsamt der gesamten Band, zu der noch Gitarrist Malte Pink, Bassist Max Berres, Schlagzeuger Josh Heitzer und Cellist Luca Gilles gehören, die Entwicklungen mit traum- und lautmalerischer Sicherheit. Man lässt sich gern anstecken von der fiebrigen Grundstimmung dieses Debüt-Langspielers, man legt sich in die in sich ruhenden Momente und nimmt jeden Ausbruch mit Leib, Herz und Seele an. Da darf es zum Finale auch das ganz große Drama sein, da funktionieren sogar im Grunde recht platte Phrasen wie „Wir bauen etwas Neues aus dem Nichts auf“. Nicht weniger beeindruckend gerät „Bleib“, das zu aufwühlender Melodieführung wenig überraschend das Thema Trennung verhandelt und seinem Gegenüber ein glaubhaft verzweifeltes „Nichts wartet da draußen“ mit auf den Weg in die kalte Welt vor der Haustür gibt.

Obwohl sich die Band ab und an im Generischen zu verlieren droht, ist auch der Einfallsreichtum beeindruckend, den es an allen Ecken und Enden von „Zweifel“ zu bestaunen gibt. Selbst in den eingängsten Momenten wie etwa im erwähnten „Bleib“ bringen Sperling nuancierte Details unter. Immer wieder stolpert man über dynamische, wohlplatzierte Instrumentalparts, die verhindern, dass das ganze Werk an der Halbwertszeit schlapp macht. Immer wieder schluckt man auch ob der oft im melancholischen Moll badenden textlichen Ausgestaltung, wie etwa im Titelstück, welches das Thema Suizid schmerzhaft anschaulich ausgestaltet. Und ganz am Ende, wenn Sperling im „Schlaflied“ die Akustikgitarre auspacken, ist das nicht etwa kalkuliert und kitschig, sondern einfach nur ergreifend (denn immerhin verarbeitet Jojo seine eigenen Erfahrungen in der Altenpflege): Dort scheidet jemand nach langem Leiden aus dem Leben, begleitet mit den Worten „Ich kann vorausgehen, wenn du gehst / Ich bleibe wach, solang‘ du schläfst“ und von Beray Habip angenehm unterproduzierten Akkorden. Kein Blatt Papier passt da noch zwischen Musik und Gefühle. Mutig eben. Dass das Artwork von „Zweifel“ eine gewisse Ähnlichkeit zu Jonas Lüschers Buch „Kraft“ aufweist, das sich inhaltlich ebenso mit Selbstzweifeln und Ich-Findungen beschäftigt, mag vermutlich Zufall sein – dann allerdings ein verdammt passender. Mit ihrem sorgsam austarierten Gesamtkonzept tönen Sperling als vermeintlicher Newcomer (denn immerhin gibt’s das Indie-Quintett bereits seit etwa 2015) wie eine Band, die lange an ihrer Soundkulisse gefeilt und sich zu nahezu allen Aspekten ihrer Musik und deren „Verpackung“ so ihre Gedanken gemacht hat. Dabei mögen (noch) nicht alle Handgriffe perfekt sitzen, was in Anbetracht der hohen Qualität von „Zweifel“ allerdings mehr als verschmerzbar ist. Wenn man diese Songs, diesen leicht kratzigen, an Fabian Römer geschulten Sprechgesang, das Cello und die vermutlich aus dem juvenilen Post Hardcore der Güteklasse La Dispute und Pianos Become The Teeth stammende Wut und emotionale Vielfalt hört, dann weiß man, warum man die Flinte noch nicht ins sprichwörtliche Korn geworfen hat, wenn es um neuen, jungen Herzeleid-Krach aus Deutschland geht. Das akustische Glas, es ist halbvoll – mindestens.

Rock and Roll.

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Song des Tages: KennyHoopla – „how will i rest in peace if i’m buried by a highway?//“


Ja sicher, alle ach so trendbewussten Radio-Hörer, die in ihren Träumen gern mal gegen den Mainstream-Strom schwimmen mögen, feiern jeden neuen Track von Billie Eilish und Co. ab, als gäbe es kein Morgen im Pop (und obwohl die Musikszene sich in einer Zeit fast ohne Live-Konzerte in einer recht schwierigen Situation befindet, ist das natürlich Quatsch). Dabei gibt es doch noch weitaus interessantere Acts zu entdecken – KennyHoopla zum Beispiel.

Kenny….who? Genau. Auch bei mir lief der Newcomer bislang unter dem Radar.

Heißt das was? In diesem Fall wohl kaum, denn fresher, aufregender als die Songs, die der 23-Jährige, der als Kenneth La’ron in Cleveland, Ohio aufwuchs, zustande bringt, dürfte es 2020 kaum werden. Wenig verwunderlich also, dass es ihn, wie so viele seiner Musikerkollegen, mittlerweile ins wuselige Los Angeles verschlagen hat, wo er Typen wie blink-182-Schlagzeuger Travis Barker zu seinen neuen Best Buddies zählt.

Und die Musik? Nun, auch die wandelt sich bei KennyHoopla nahezu ständig. War die 2016er Debüt-EP „Beneath The Willow Tree“ noch ein Amalgam aus hypnotisch-tightem Trap und düsterem HipHop, machten sich schon bei der im vergangenen Jahr veröffentlichten Single „lost cause//“ ganz andere Sounds breit: etwas, das Kenneth „Kenny“ La’ron selbst als „new wave nostalgia“ beschreibt, und Inspirationen von The Drums über Passion Pit bis hin zu American Pleasure Club (formerly known as Teen Suicide) zitiert. Ins kreative Mischwerk darf längst alles, was ihm irgendwie grad unter die Griffel kommt – mal scheint etwas von der emotionalen Strahlkraft des Indierocks der Achtziger und Neunziger durch, mal sensibel-verpennter Bedroom-Anti-Pop, mal Alternative-R’n’B.

Wen wundert’s – das ist bei „how will i rest in peace if i’m buried by a highway?//“ keineswegs anders. Der Titelsong seiner im Februar erschienenen zweiten EP ist dabei weitaus mehr als ein Tropfen auf den musikalischen heißen Stein oder ein schnell vorübergehendes philosophische Statement über den Begriff der „ewigen Ruhe“ im Kontext einer kapitalistischen Gesellschaft, die sich bis zu ihrem eigenen Untergang mehr und mehr selbst (aus)dehnt und (ver)biegt. Der Song ist eine kathartische Explosion aus Klang, Inspiration und Juvenilität.

Im allerersten Moment mag „how will i rest in peace if i’m buried by a highway?//“ noch an die Gitarren- und Synthesizer-getriebene Euphorie der New Wave der frühen Achtziger erinnern, an den tiefen Schmerz und die raue Schönheit von Bands wie Joy Division. Doch sobald KennyHooplas fast schon von Seelenpein getriebener Gesang in den Mittelpunkt rückt, muss man wohl beinahe unweigerlich an den dance-punkigen Nullerjahre-Indie Rock der frühen Bloc Party zu Zeiten von deren famosem, hubbelig-innovativem Debüt „Silent Alarm“ denken.

Dabei sind die sechs Stücke der EP weit davon entfernt, liebevolle BritRock-Plagiate eines musikalischen Jung-Nostalgikers zu sein. Vielmehr fängt KennyHoopla, der in einem Interview mit dem NME zugab, „gar nicht richtig Gitarre spielen“ zu können (andererseits ebenjenen Song zustande brachte, nachdem er zum ersten Mal ein Sechs-Saiten-Instrument in der Hand hatte), all die Freude und Hoffnungslosigkeit seiner Vorgänger ein und bastelt aus den einzelnen Teilen ein ebenso interessant wie innovativ tönendes Gesamtpaket – die Inspirationen mögen an mancher Stelle offensichtlich scheinen, die Ausführung jedoch gerät umso hörenswerter. So könnte KennyHoopla tatsächlich der „nächste heiße Scheiß“ für alle jene sein, denen Billie Elish und Co. längst nur ein müdes Gähnen entlocken…

Rock and Roll.

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