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Der Jahresrückblick – Teil 1


„High Fidelity“ lässt lieb grüßen, denn der Pop ist bekanntlich seit jeher besessen von Listen. Ob Verkaufscharts, Streamingzahlen oder höchst subjektive Kritiker*innen-Rankings – ständig weder Plattenregale uns -sammlungen, wird die Veröffentlichungsflut in Listenform gebracht, wird Altes in Listenform neu gewichtet. Zum Jahresende ist es besonders heftig, denn natürlich dürfen, sollen, müssen überall die besten Alben und Songs der vergangenen zwölf Monate gekürt werden. 

Vor dem Blick auf die Deutschen Charts scheue (nicht nur) ich auch sonst schon zurück, da sich dieses Land seit jeher durch (s)einen notorisch schlechten Geschmack auszeichnet und Fremdscham-Alarm jedes Mal aufs Neue garantiert ist. Und leider bilden die erfolgreichsten Titel des Jahres 2022 da – Bestätigung, hier kommt sie – keine Ausnahme: Das nervtötend ohrwurmige Vollpfosten-Lied „Layla“ von DJ Robin & Schürze belegt den ersten Platz der Single-Charts – neun Wochen hielt sich der dumpftumbe Ballermann-Hit, der ein Skandälchen auslöste, jedoch besser keinerlei Erwähnung verdient gehabt hätte, an der Chartspitze, mehr als 143 Millionen Mal wurde er gestreamt. Bei den Alben dann ebenfalls keine Überraschung: Mit „Zeit“ führen die Teutonen-Böller-und-Ballermänner von Rammstein erwartungsgemäß die Liste an – und zwar mit deutlichem Abstand. 340.000 Mal hat sich das elfte Nummer-Eins-Album der Berliner Band um das personifizierte rrrrrrrrollende „R“, Till Lindemann, insgesamt verkauft. Wie erwartbar, wie öde. Und irgendwie ja auch ein Spiegelbild der aktuellen Gesellschaft…

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Christian Lee Hutson – Quitters

In den zurückliegenden Monaten durfte man ein ums andere Mal kopfschüttelnd seinen Glauben an die Menschheit verlieren: Kriege, Krisen, Klimawandel und damit einhergehende Umweltkatastrophen, Inflation, dazu die – hoffentlich – letzten Ausläufer einer weltweiten Pandemie, gesellschaftliche Spaltungen, politischer Stillstand (oder gar der ein oder andere Rechtsruck) wohin man schaute. Gesellschaftliche Unruhen im Iran, weil irgendwelche gottverdammten Männer unter religiösen Deckmänteln an ihrem formvollendet sinnfreien Regelwerk der Unterdrückung von Frauen und Andersdenkenden festhalten wollen? Eine aus so vielen, so falschen Gründen aus dem heißen Wüstenboden hochgezogene und mit unvorstellbar viel Blutgeld durchgeführte Winter-Fußball-WM in Katar? Ja, auch 2022 fanden Tagesschau und Co. meist statt, wenn der Sprecher (oder die Sprecherin) einem einen „Guten Abend“ wünschte und darauf mit vielerlei Schlagzeilen bewies, dass es eben kein guter war. Dass die Musikwelt in diesem Jahr Größen wie Mark Lanegan, Taylor Hawkins (Foo Fighters), Meat Loaf, Jerry Lee Lewis, Andy Fletcher (Depesche Mode), Christine McVie (Fleetwood Mac), Loretta Lynn, Betty Davis oder Mimi Parker (Low) verlor, macht das Ganze keineswegs besser. Dass 2022 Konzerte und Festivals endlich wieder in halbwegs „normalem“ Rahmen stattfinden konnten, jedoch schon – wenngleich es der Live-Branche jedoch alles andere als gut geht und vor allem kleinere, unbekanntere Künstler*innen und Bands sich in der Post-Corona-Zeit mit immer neuen Schwierigkeiten konfrontiert sehen (wen es interessiert, dem sei ein recht ausführlicher Artikel mit dem Titel „Kuh auf dem Eis“ hierüber in der aktuellen Ausgabe der „VISIONS“ – Nummer 358 von 01/2023 – ans Herz gelegt). Ja, das noch aktuelle Jahr war rückblickend sowohl gesellschaftlich als auch fürs menschliche wie planetare Zeugnis kein tolles – musikalisch darf zum Glück das komplette Gegenteil behauptet werden.

Wie also sieht und wertet die schreiberische Zunft als Albumjahr 2022? Nun, beim deutschen „Rolling Stone“ landen Tom Liwas „Eine andere Zeit“, „And In The Darkness, Hearts Aglow“ von Weyes Blood sowie „Ytilaer“ von Bill Callahan auf dem Treppchen, beim erfahrungsgemäß hype- und pop-affinen „Musikexpress“ sieht man Kendrick Lamars „Mr. Morale & The Big Steppers“, „DIE NERVEN“ von Die Nerven und „Motomami“ von Rosalía vorn, bei der „VISIONS“ wiederum „DIE NERVEN“ von Die Nerven, „Eyes Of Oblivion“ von den Hellacopters sowie „Wet Leg“ von Wet Leg. International führt „Renaissance“, das siebente Studioalbum von Beyoncé, das Kritiker-Ranking an. Und bei ANEWFRIEND? Ich greife mal vorweg und verrate, dass es zwar ein kleinwenig Konsens, jedoch recht wenig Überschneidungen mit alledem bei mir gibt und meine persönliche Bestenliste der Qualität wegen auf eine amtliche Top 25 erweitert wurde…

Foto: Promo / Michael Delaney

Dass die vergangenen Monate die notwendige Untermalung fanden, lag auch an „Quitters„, dem vierten Langspieler von Christian Lee Hutson. Was mich rückblickend etwas erstaunt, ist, dass der im April erschienene Nachfolger zum 2020er „Beginners“ zwar seinerzeit von den einschlägigen kritischen Stimmen wohlwollend goutiert, in den jeweiligen Jahresendabrechnungen jedoch kaum berücksichtigt wurde. An den durch und durch großartigen 13 Songs des Albums kann’s kaum gelegen haben, denn näher an das Schaffen eines Elliott Smith ist lange, lange Zeit niemand herangekommen – und das ist vor allem aus meiner digitalen Feder als recht großes Kompliment zu verstehen. Zudem mischen einmal mehr keine Geringeren als Phoebe Bridgers und Conor Oberst mit. Heraus kommt eine Dreiviertelstunde musikalischer Zerstreuung und Realitätsflucht, die auch bei der Vielzahl an Konkurrenz im Jahr 2022 völlig zurecht auf meiner Eins landet. A singular ode to melancholy.

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2.  Nullmillimeter – Wer die Wahrheit sagt, der braucht ein schnelles Pferd

Nullmillimeter sind eine von so einigen tollen musikalischen Neuentdeckungen des zurückliegenden Musikjahres. Und knallen dem geneigten Hörer (oder eben der geneigten Hörerin) mit „Wer die Wahrheit sagt, der braucht ein schnelles Pferd“ mal eben ein derart faszinierendes Debüt vor die Lauscher, dass man sich im Wirbel kaum entscheiden mag, was hier toller ist. Das großartige Coverartwork mit dem auf einem Poller festgerittenen Pony? Der Albumtitel, in welchem wortwörtlich ebensoviel Wahrheit steckt wie in all den klugen Textzeilen? Die Stimme von Sängerin Naëma Faika, die der bundesdeutschen Musiklandschaft – tatsächlich, tatsächlich – gerade noch gefehlt hat? Die bockstarke Band hinter ihr, die manch eine(r) in der Vergangenheit bereits als Teile der Begleitbands von Kid Kopphausen, Staring Girl, Jochen Distelmeyer, Tom Liwa, Olli Schulz oder Gisbert zu Knyphausen zu hören bekam? Dass letztgenannter hier bei einer Coverversion eines Songs aus dem Solo-Schaffen von Pearl Jam-Frontstimme Eddie Vedder mitmischt? Dass sich diese Nummer dann noch ganz organisch in den Albumfluss einfügt und man sich immer wieder kopfüber in die Platte schmeißen möchte, die so voller Schmerz, so voll herrlicher Melancholie, aber vor allem so voller Leben steckt? Ach, herrje – man weiß es nicht. Man will’s auch gar nicht wissen, denn im Zweifel aller Zweifel ist’s all das. Doppelt. Dreifach. Gleichzeitig. Und es ist einfach so toll, dass man lediglich kritisieren mag, dass dem Album kein Booklet beiliegt.

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3.  Pianos Become The Teeth – Drift

Es gibt Bands, Alben und Songs, die einen vom ersten Moment an mit ihrer Atmosphäre und ihrer wunderbaren Unmittelbarkeit einfangen und so schnell auch nicht mehr loslassen. Pianos Become The Teeth wurden für mich anno 2014 mit ihrem dritten Langspieler „Keep You“ zu einer solchen Band (und schafften es damals auch völlig zurecht aufs Treppchen der „Alben des Jahres„). Ihr vorheriges Post-Hardcore-Brülloutfit war (und ist) mir im Gros herzlich schnuppe, aber mit ihrem einschneidenden Wechsel hin zu melancholischem Emo-Indie und mit den ersten Tönen des „Keep You“-Openers „Ripple Water Shine“ war ich unwillkürlich schockverliebt. Nach dem auf hohem Niveau stagnierenden 2018er Album „Wait For Love“ besitzt „Drift“ nun wieder diesen „Ripple Water Shine“-Effekt, denn das Album ist schlichtweg schonungslos emotional – in Ton und Wort. Dicht gewebte, hallende Rhythmen, melancholische Melodien und wenige, gut dosierte laute Momente. Dazu singt Kyle Durfey seine persönlichen Texte, die vom Leben und oft von dessen Schwere handeln. In „Pair“ etwa davon, wie Durfeys Frau Lou (die in vier Stücken namentlich genannt wird) und er lange auf ihren Nachwuchs warten mussten. Wie es sich für richtig gute Alben gehört, wechselt die Lieblingssongs von Zeit zu Zeit, neben der Übernummer „Genevieve“ sticht etwa das repetitive, an Radiohead erinnerte „Easy“ hervor. So oder so liefert die Band aus Baltimore, Maryland einmal mehr zehn wundervolle Tearjerker, zu denen es sich vortrefflich die Fäuste gen Firmament ballen lässt.

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4.  Frank Turner – FTHC

Apropos „liefern“, apropos „Fäuste gen Firmament“: Beides trifft natürlich auch auf Frank Turner zu, denn der britische Punkrock-Barde scheint Schlaf so nötig zu haben wie ein Uhu eine Badekappe. Nicht nur hat der 41-jährige Musiker bereits über 2.700 Shows unter eigenem Namen gespielt (etwa 140 allein in diesem Jahr, zudem fand mit den „Lost Evenings“ gar ein eigenes Festival in Berlin statt), er trägt das Herz auch am richtigen Fleck und liefert im Zwei- bis Drei-Jahres-Turnus auch verlässlich Alben ab, zu deren Songs man nur allzu gern die geballte Patschehand gen Himmel strecken und ein bierseliges „Aye, mate!“ ausstoßen möchte. Daran ändern die 14 Nummern (beziehungsweise 20 in der Deluxe Edition) von „FTHC„, seinem nunmehr neunten Studioalbum, mal so rein gar nix. Und so vielseitig, so frisch klang der nimmermüde Turner schon lange nicht mehr. Frank und frei – Sie wissen schon… Und wem bei „A Wave Across A Bay“, seinem Tribute an den zu früh verstorbenen Frightened Rabbit-Buddy Scott Hutchison, nicht das Herz holterdipolter gen Schlüppi rutscht, der hat statt pochendem Muskel nur einen ollen Betonklotz in der Brust sitzen…

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5.  Dreamtigers – Ellapsis

Nerds wissen es freilich längst: Die meisten Fachsimpeleien über Musik stützen sich manches Mal schon sehr auf eine Art von Genre-Taxonomie, bei welcher sowohl Kritiker als auch Fans Songs und Alben in verschiedene Bestandteile zerlegen und die Anatomie der verwendeten Formen in erkennbare Strukturen unterteilen. Doch was für die einen nützlich erscheinen mag, um dem lesenden Gegenüber Empfehlungen zu geben, dürfte all jene, die sich eben nicht knietief im musikalen Nerdtum bewegen, schnell abschrecken. Ein recht gutes Beispiel, dass man bei Empfehlungen lange wie kurze Wege gehen kann, ist „Ellapsis“, das zweite Album von Dreamtigers, einem Bandprojekt, das sich aus Mitgliedern der Melodic-Hardcore-Helden Defeater und den Post-Rock-Größen Caspian zusammensetzt. Denn auf dem Langspieler, dessen Titel ein erfundener Begriff für eine Krankheit, die durch den Lauf der Zeit hervorgerufen wird, ist, passiert eine ganze Menge, und vieles davon scheint unvereinbar zu sein. Das erste, das Unmittelbarste, was man wahrnimmt, ist die beständig zwischen fragilem und mächtigem Momentum pendelnde Instrumentierung. Die Gitarren werden durch eine ganze Reihe von Effektpedalen gejagt, dazu kommen ein unscharf ins Rund tönender Bass und souveräne Drums. Einen Moment lang könnte man meinen, es handele sich um ein eher konventionelles Post-Rock-Album – bis der Jake Woodruffs Gesang einsetzt, der auch in einer Alt-Country-Band nicht fehl am Platz wäre. Überhaupt lassen sich die Stücke stilistisch nur schwerlich festlegen, denn während des gesamten Albums schimmern verschiedene Nuancen durch, die wie Lichtstrahlen durch einen Kristall fallen: Folk-Songs brechen in Post-Rock-Höhepunkte aus, Indie-Rock-Hooks huschen durch Shoegaze-Atmosphären, wobei Gesang und Songwriting stets unbehelligt von dem akustischen Wirbelsturm aus Effektpedalen und treibenden Schlagzeugmustern um sie herum bleiben. Fast könnte man meinen, dass die Songs so sehr auf akustische Soloauftritte zugeschnitten zu sein scheinen, dass die üppigen, hymnisch empor steigenden Arrangements, welche mit ihrer Dringlichkeit und latent aggressiven Energie ein ums andere Mal an Defekter erinnern, fast trotzig klingen. Dennoch kommt man der Sogwirkung dieses Albums als Ganzes (ganz ähnlich wie bereits beim kaum weniger tollen 2014er Vorgänger „Wishing Well„) nicht wirklich nahe. Denn wie auch immer man das Zusammenspiel zwischen Instrumentalem und Gesang beschreiben mag, was bei dieser Platte wirklich heraussticht, sind all die Meditationen über das Verfliegen der Zeit und wie die Band aus Massachusetts hier selbst die flüchtigsten Momente ewig erscheinen lässt. Selbst die längeren Songs von „Ellapsis“ fühlen so kurz an wie die kürzeren, während die kurzen den längsten ebenbürtig erscheinen, und das Album als Ganzes hallt weit über seine lediglich dreißig Minuten Laufzeit hinaus. Angefangen beim Opener „Six Rivers“ umspülen einen die Stücke wie ans Ufer schlagende Wellen, die mit den Gezeiten verebben und fließen. Wenn der Albumabschluss „Stolen Moments“ schließlich sein Ende findet, fühlt es sich beinahe so an, als ob der Schlusschor schon ewig hinter dem Universum her gesummt wäre.

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6.  Pale – The Night, The Dawn And What Remains

Pale melden sich ein allerletztes Mal zurück – einerseits ja wunderbar, wären die Gründe für das unerwartete Comeback keine so traurigen. Umso schöner, dass die Aachener Indie-Rock-Band mit „The Night, The Dawn And What Remains“ umso trotziger sowohl ihre Freundschaft und den gemeinsamen Weg als auch das Leben feiert. Macht’s gut, Jungs – und danke für diese wundervolle Ehrenrunde! #träneimknopfloch

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7.  Muff Potter – Bei aller Liebe

Und wo wir gerade bei Comebacks wären, sind Muff Potter in diesem Jahr freilich nicht allzu weit, denn: Alle kommen sie wieder, irgendwann und irgendwie. Das traf 2022 selbst auf ABBA zu, die 2021 mit „Voyage“ zunächst die ersten neuen Songs seit fast vierzig Jahren präsentierten, um im Jahr darauf ausverkaufte Hologramm-Konzerte in London zu „spielen“- getreu dem schwedischen Erfolgsmotto „Entdecke die Möglichkeiten“. Und auch in der Rockmusik konnte man zuletzt vermehrt das Gefühl bekommen, selbige bestehe nur noch aus Reunions einst erfolgreicher Bands, die in Ermangelung neuer Ideen versuchen, mit den alten noch einmal abzukassieren. Dann wiederum gibt es Truppen wie eben Muff Potter, denen es mit ihrem Albumcomeback nach schlappen 13 Jahren Pause gelingt, selbst eingefleischte Per-se-Skeptiker umzudrehen, weil man „Bei aller Liebe“ bei allem frischen Ideenreichtum die Zeit anhört, die seit dem Abschied mit „Gute Aussicht“ vergangen ist. Die Platte zeugt davon, dass das Leben eben auch ohne gemeinsame Band weitergeht, und es töricht wäre, all die Erfahrungen beiseite zu lassen, die man in der Zwischenzeit zwangsläufig macht. Und deshalb steht hier Blumfeld-artiges wie „Ein gestohlener Tag“ neben Instant-Hits wie „Flitter & Tand“ oder einem 72 Sekunden kurzen Punkausbruch wie „Privat“. Verschränken sich in Thorsten „Nagel“ Nagelschmidts Texten seine schriftstellerische Arbeit (sic!) mit dem Punk-Fan, den es auch mal einfach braucht. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass man Muff Potter – bei aller Liebe – keineswegs zugetraut hätte, noch einmal so viel zu sagen zu haben und sich musikalisch so offen zu zeigen – mit Kurzweil wie mit Tiefgang. Andererseits ist’s natürlich umso schöner, wenn die eigenen Erwartungen übertroffen werden und man eine lange Zeit auf kreativem Eis liegende Herzensband neu für sich entdeckt.

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8.  Cat Power – Covers

Dass Chan „Cat Power“ Marshall für ihre Coverversionen bekannt ist, dürfte sich mittlerweile auch bis zu den allerletzten Hütern des guten Musikgeschmacks herumgesprochen haben, immerhin hat die 50-jährige US-Musikerin im Laufe ihrer annähernd dreißigjährigen Kariere bislang zwei verdammt formidable Coversong-Alben veröffentlicht, auf denen sie von unbekannteren Bob Dylan-Nummern über Blues’n’Soul-Stücken bis hin zu abgeschmackten Evergreens wie „(I Can’t Getroffen No) Satisfaction“ jedem Song derart ihren ganz eigenen, unverwechselbaren Stempel aufdrücken konnte, dass es eine wahre Schau war. Nach „The Covers Record“ (2000) und „Jukebox“ (2008) macht Cat Power nun mit „Covers“ das Trio voll und liefert erneut formvollendet-exquisites Coverhandwerk – ganz egal, ob die Originale von von Nick Cave and the Bad Seeds („I Had A Dream, Joe“), Lana Del Rey („White Mustang“), den Replacements („Here Comes A Regular“) oder Billie Holiday („I’ll Be Seeing You“) stammen. Ja, die Frau kann mit ihrer so wunderbar rauen, so unendlich tiefen Stimme kaum etwas falsch und sich so ziemlich jede Fremdkomposition zueigen machen.

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9.  Tristan Brusch – Am Rest

Wie bereits in der dazugehörigen Rezension erwähnt, bin ich bei Tristan Bruschs dritten Album „Am Rest“ etwas late to the party, immerhin erschien die Platte bereits im Oktober 2021. Dennoch verpassen alle jene, die diese Musik gewordene Trübsalsfeierlichkeit ganz außen vor lassen, so einiges bei diesen Oden an das Ende der Dinge und an die Akzeptanz des Verlusts. Ja, im Grunde könnte es kaum bessere Stücke geben, um jenen so intensiv graumeliert schimmernden Tagen einen passenden Soundtrack zu liefern. Sucht wer die passenden Gegenstücke zu Max Raabes „Wer hat hier schlechte Laune“ (welches, wenn ihr mich fragt, übrigens als weltbeste Warteschleifenmusik für alle Kundendiesnthotlines taugen würde)? Nun, hier habt ihr sie – dargeboten von einem begnadeten Liedermacher, der alle nach billigem Tetrapack-Weißwein und zu vielen Marlboro-Kippen müffelnden, mieslaunigen Chansoniers ins piefige Bundesdeutsche überträgt.

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10. Betterov – Olympia

Freilich war die Vielzahl an Erwartungen, die an den Debüt-Langspieler von Manuel „Betterov“ Bittorf geknüpft waren, ebenso groß wie die Vorfreude auf neue Songs des gebürtigen Thüringers und Wahl-Berliners. Umso schöner, dass „Olympia“ diese Hürde beinahe mühelos nimmt und elf Songs präsentiert, denen man den Produzenten ebenso anhört wie die Platten, die beim Schreiben wohlmöglich im Hintergrund liefen. So mausert sich Betterov vom Newcomer-Geheimtipp zum amtlichen Senkrechtstarter, der völlig zurecht einen Platz in meinen persönlichen-Jahres-Top-Ten einfährt. Olympia-Norm? Vollends erfüllt.

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…auf den weiteren Plätzen:

Husten – Aus allen Nähten mehr…

Casper – Alles war schön und nichts tat weh

Death Cab For Cutie – Asphalt Meadows mehr…

William Fitzsimmons – Covers, Vol. 1

Caracara – New Preoccupations mehr…

Eddie Vedder – Earthling mehr…

Black Country, New Road – Ants From Up There

Gang Of Youths – Angel In Realtime.

Spanish Love Songs – Brave Faces Etc. mehr…

Faber – Orpheum (Live)

Die Nerven – DIE NERVEN

Ghost – Impera

Proper. – The Great American Novel mehr…

Rocky Votolato – Wild Roots mehr…

The Afghan Whigs – How Do You Burn?

Rock and Roll.

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Moment! Aufnahme.


(gefunden bei Facebook)

So streitbar – und im Grunde doch recht dämlich – einer wie Kanye „Ye“ West sein mag, seine „Fans“ wissen im Zweifel noch einen auf Mount Facepalm oben drauf zu setzen. Wieso sonst käme man auf die reichlich bekloppte Idee, einem vormals – bestenfalls – visionären Musiker und Selbstvermarktungskünstler, der sich mit allerlei teils zweifelhaften, teils größenwahnsinnigen, teils einfach strunzdümmlich-verachtenswerten Äußerungen und Aktionen innerhalb weniger Tage um einen guten Teil seines so oder so immensen Vermögens gebracht hat, dabei „helfen“ zu wollen, seinen Milliardärsstatus zurückzuerlangen? Eben, soviel mentaler Vollsuff kann kaum gesund sein. Umso lustiger ist, dass dieses so oder so hirnrissige Vorhanden ruckzuck gescheitert ist… Somit trifft’s der obige Kommentar der Cardigans schon ganz gut: „The last idiot is yet to be born“. 🤦

Rock and Roll.

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Song des Tages: Bartees Strange – „Heavy Heart“


Die große Frage, die sich mit dem zweiten Album von Bartees Strange, der im sogenannten richtigen Leben zwar tatsächlich Bartees mit Vornamen, jedoch nicht Strange mit Nachnamen heißt, die große Frage also, die sich im Zuge der unlängst erschienenen neuen Platte stellt, lautet: Wird das nun was mit dem großen Durchbruch? Das Zeug dazu hat der 33-jährige US-Musiker allemal. Seine Songs sind so volatil wie abwechslungsreich, pendeln zwischen fiebrigen Clubnummern und akustischen Halbballaden. Und diese Vielseitigkeit hat durchaus Gründe: Als Sohn einer Opernsängerin und eines Armeeangehörigen wurden Bartees die Musik und das Unterwegssein quasi in die Wiege gelegt. Geboren in England, lebte er einige Jahre in Deutschland oder Grönland und ist seit seinem 12. Geburtstag in Oklahoma zu Hause. Dort wurde er mit Midwest Emo und Hardcore sozialisiert, hörte Bands wie At The Drive-In oder American Football und spielte zwei Jahre lang in der Post-Hardcore-Band Stay Inside. Als er den Kontakt mit früheren Freunden aus England suchte, machten diese ihn zudem mit der britischen Alternative-Musikszene bekannt und Bartees verliebte sich in Bands wie Mount Kimbie oder King Krule. Insofern ist es kaum verwunderlich, dass sich auch „Farm To Table„, der hier zur Diskussion stehende Nachfolger des 2020 erschienenen Debüts „Live Forever„, weder festlegen kann noch will. Ein Album wie eine bunte Tüte Süßigkeiten im übervollen Freibad: Es gibt die vollmundigen Kalorienbomben, die sauren Center Shocks und zwischendrin die vielleicht für die bunten Tüten dann doch nicht sehr typischen bitteren Pillen. Im Großen und Ganzen sollte also bei diesem recht einzigartigen Mix aus Indie Rock, R’n’B, Emo, introvertiertem Folk, Dreampop und etwas Autotune für nahezu jede(n) etwas dabei sein. Ob man dieser Album gewordenen Melange nun das Label des trap-rockigen Emo-Indie, oder Indie Rock mit Emo-Trap überzieht, ist am Ende völlig schnurzpiepegal.

Da ist zu Beginn der kurzweiligen Platte gleich das Funken sprühende Melancholie-Feuerwerk „Heavy Heart„. Mit welcher nonchalanten Fahrlässigkeit Strange den vermutlich größten Song seiner bisherigen Karriere ganz an den Albumanfang stellt, ist schon ebenso bemerkenswert wie respektabel, schließlich geht selbiger direkt ans Eingemachte: Zu einer Bloc-Party-Gedächtnismelodie schmachtet Strange über die vielfältigen Gründe, deretwegen man ein schwermütig pochendes Herz haben könnte. Im Verlauf entwickelt sich die Nummer jedoch nicht zur drögen Herzschmerzballade, sondern wagt sich mit kraftvollem Rhythmus, jazzigen Bläserbreaks und massig Ohrwurm-Potential aus der wohlig-weichen Komfortzone. Nur um im nächsten Song, „Mulholland Dr.„, den gleichen Hütchenspielertrick noch einmal zu versuchen: Sehnsuchtsvoll klingende Gitarren, mit denen sich Strange die Schwermut von der Seele spielen möchte, stehen hier im Fokus, die Arrangements klingen kristallklar und nach tiefblauem Nachthimmel. Dass er aber auch einen ganz anderen Sound im Tank hat, zeigt er mit der minimalischen Alternative-HipHop-Nummer „Cosigns„, die recht lässig und unter Zuhilfenahme von Autotune-Effekten sowie dunkel schimmernden Beats mit dem angestammten Sounddesign bricht und einen derben Keil in den Fluss des Albums schlägt, während textlich ein namedroppender Knicks vor Künstlerinnen wie Phoebe Bridgers, Lucy Dacus oder Courtney Barnett (mit denen Bartees Strange auch jeweils bereits auf Tournee war) gemacht wird. Muss man mit klarkommen, kann man auch.

Es lässt sich schwerlich überhören, dass Bartees Leon Cox Jr. auf „Farm To Table“ eine ganze Bandbreiter seiner Facetten zeigt – und das ist natürlich Segen und, wenn man so will, „Fluch“ zugleich, denn eine kohärente Albumerzählung stellt sich so während der knapp 35 Minuten mitnichten ein. Die Platte wirkt eher wie ein Mixtape, ein Neo-Crossover-Portfolio, das als recht kühne Verschmelzung von R’n’B und Zu-groß-für-den-Club-zu-klein-fürs-Stadion-Indie die Möglichkeiten des Künstlers aufzeigen soll. „Wretched“ zum Beispiel befolgt ohne jede Ironie die aktuelle Popformel und reißt mit seinem stampfenden Elektro-Beat die Hütte ab. Hier liefert der US-Amerikaner eine astreine Club-Nummer, die selbst nach, sagen wir mal, einem Macklemore-Track nicht sonderlich aus der Reihe fallen würde. Das für George Floyds Tochter gesungene „Hold The Line“ hingegen gefällt sich in der Rolle als atmosphärischer Soul-Song, der das Tempo in ähnlicher Manier rausnimmt wie die Stripped-Down-Akustiknummer „Tours„, in welcher der Musiker feststellt, dass sich sein Leben und das seines Soldatenvaters gar nicht mal so sehr unterscheiden, oder das abschließende soulige „Hennessy„, in dem er zu Nylon-Gitarre, leisem Drumming und verschleppten Klavierakkorden das Zusammengehörigkeitsgefühl der afroamerikanischen Community beschwört – Politisches und Persönliches wird hier sowieso in nahezu jedem Moment miteinander vermengt. Da wünscht man sich schon, dass Bartees Strange, der vor zwei Jahren mit einer EP voller Coverversionen seiner erklärten Lieblingsband The National für ein erstes Ausrufezeichen sorgte, den R’n’B-Lowrider irgendwo in einem Vorort von Los Angeles stehen ließe und sich mehr auf die Indie-Rock-meets-Folk-Schiene konzentrieren würde. Und auch wenn er sich nun für eine der diversen Richtungen entscheiden würde, bekäme man wohl mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein deutlich kohärenteres Gesamtwerk, das in der jeweiligen Sparte den Durchbruch für ihn als Musiker bedeuten könnte. Denn mit „Farm To Table“, diesem als Album getarnten Tanz-zwischen-den-Stilen-Mixtape, stellt er unter Beweis, was er nahezu alles beherrscht – einem Ohr für Hooks und Angstfreiheit vor den Charts inklusive. Doch möglicherweise würde man letzten Endes dann genau das vermissen, was man jetzt noch „Durcheinander“ nennt… Schon strange, dieser Bartees.

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Karl die Große – „Was wenn keiner lacht“


Fotos: Promo / Marco Sensche

Man stolpert nicht nur über den etwas ungelenken Bandnamen Karl die Große, auch das im Februar erschienene zweite Album “Was wenn keiner lacht” tönt oft genug irritierend – im besten Sinne. Wer denn unbedingt eine Schublade benötigt, der darf die sechsköpfige Band aus Leipzig gern unter „Indie Pop“ einordnen, doch eigentlich ist da viel mehr – Songwriter-Folk mit Elementen aus Jazz, Chanson oder Hip Hop etwa. Was einem jedoch zuerst ins Ohr fällt, ist der tolle Sound, der beinahe live sowie durchgehend druckvoll und akzentuiert klingt – kaum verwunderlich, schließlich erarbeitet sich das vor etwa acht Jahren ins Leben gerufene sächsische Kollektiv alle Stücke gemeinsam. Allein das Plattenknistern im Opener “Das dicke Mädchen hat es den Berg hoch geschafft”, die Beats und das satte Klavier sind schon zu Beginn wahre Ohrenschmeichler, welche von der glasklaren, samtenen Stimme von Sängerin und Songschreiberin Wencke Wollny nur noch runder gemacht werden…

Und Indie Pop hin oder her – Karl die Große teilen so einige Fragen mit allen, die ihnen ein Ohr leihen. Fragen, mit denen man sich möglicherweise selbst schon auseinandergesetzt hat. Aber auch: Perspektiven, die man bisher noch nicht bedacht hat. So werden beispielsweise in der biografischen Eröffnungsnummer falsche Vorbilder und Erwartungshaltungen sowie gesellschaftlich befeuerte Selbstzweifel kraftvoll niedergesungen. Doch ungeachtet der Tatsache, dass viele der Texte aus ihrem Alltag stammen, ist es Wenke Wollny ebenso wichtig, gesellschaftliche Metaebenen in die Lieder einzuziehen – und so ist „das dicke Mädchen“ eben nicht nur ein Song über erfahrenen Spott und Missachtung. Die Sängerin erklärt es wie folgt: „In dem Lied ging es mir auch darum, zu gucken, wie mit Frauen umgegangen wird, die etwas erreicht haben. Da gibt es dann die Boulevardpresse, in der es darum geht, wer jetzt wieviel ab- und zugenommen hat. Und dann gibt es die Politikerin, wo es dann doch wichtig ist, in welchem Outfit sie aufgetreten ist.“ All das stecke in den Songs. Diese textlichen Schichtungen sind – gerade im Vergleich zum kaum schlechteren 2017er Vorgängeralbum „Dass ihr Superhelden immer übertreibt“ – definitiv eine neue Qualität im Songwriting der Band. Genau dieser Stil macht die Songs glaubwürdig und lässt sie unverfälscht klingen. Ähnlich versiert und clever wie beim „dicken Mädchen“ geht das Sextett, zu dem neben Wollny noch Antonia Hausmann, Christian Dähne, Clemens Litschko, Simon Kutzner und Yoann Thicé gehören, im gleichsam gesellschaftskritischen „Generation A“ mit der Frage nach einer gesunden Kommunikation der Generationen um oder erteilt in „Allesgönner“ den „Allesgönnern unserer Zeit“ eine popmusikalische Abfuhr. Die schlaue Erzählkunst auf „Was wenn keiner lacht“ – das oft beschworene Narrativ guter Popmusik – findet auf diesem Album bestenfalls einen echten Wohlfühlort.

Auch mit recht bekannten Namen können Karl die Große anno 2021 aufwarten. Mehr sogar: Sowohl das Feature mit Fatoni im sphärischen “On My Side” als auch jenes mit Maeckes im klangschalenartigen “1000k” ist gelungen. Die beiden aus dem Hip Hop stammenden Musiker bewegen sich zudem eher auf Wollny und Co. zu und brechen angenehm aus ihren gewohnten Mustern aus. Auch die Kooperation mit Franceso Wilking (Ex-Tele, Die Höchste Eisenbahn) bei „Du bist noch nicht da“ ist eine Bereicherung, zu der man sich gegenseitig umschlungen über die Indie-Tanzfläche schieben kann. Das poppige “Gefällt” hat das Zeug, um sich mit seinem nachhallenden Refrain und der leicht zugänglichen, offenen Komposition unbemerkt ins Formatradio schmuggeln. Und um es der Hörerschaft, welche wohl sonst vielmehr weibliche Deutschpop-Stimmen à la Nena, Sarah Connor oder Silbermond präferiert, leicht zu machen, wird sogar euphorisch in die Hände geklatscht. Ob jene Allerweltspop-Ohren dann mit dem Rest von “Was wenn keiner lacht” zufrieden sein dürften, sei freilich dahingestellt… In eine recht ähnliche Kerbe schlägt auch die Single „Heute Nacht“, in welcher die Band Synthies und Beats gegen Western-Gitarren tauscht und sich von simplen Alibi-Drums begleitet langsam gen Hook treiben lässt. Diese grenzt sich zwar dadurch, dass sie im Vergleich zur Strophe recht ruhig ist, vom typischen Radio-Pop ab, wiederholt jedoch trotzdem so uninspirierte Textzeilen wie „Ja, Ja, Ja / Dass ich dir dieses Lied nie gesungen hab„. Tut nicht weh – und würde daher auch jeder 50-jährigen Vorstadt-Mutti, die seit zwei Dekaden die immergleichen Amy MacDonald- und Element Of Crime-CDs rotieren lässt, gefallen. Aber noch immer tausend Mal besser als all dieser gräßliche, seelenfrei auf urban-hippen Zeitgeist getrimmte Mia-Elektro-Pop.

Zu einem der heimlichen Hits des Albums mutiert – neben dem persönlichen „Immer immer“ – das bereits erwähnte clevere “Allesgönner”. Hier legen Karl die Große brummende Flächen und einen beschwingten Beat vor, während Wencke Wollny sich im Refrain vom Song ausklinkt, über ihm zu schweben und von außen darauf zu blicken scheint. Nicht selten erinnert sie dabei an Inga Humpe und deren Leichtigkeit, nicht nur in “Spinnweben am Geländer”. Ein ausformuliertes Gefühl und trotz – oder gerade wegen – der Kürze und Wiederholung bewegend. Manch anderen, der sich noch keine Sorgen ums graue Haupthaar machen muss, mag ihre Stimme an eine Melange aus Billie Eilish, Kat Frankie und Sophie Hunger erinnern. Der Gesang wirkt so nah, dass man Wollny neben sich wähnt. Abgesehen von ihrer auffallend schönen Klangfarbe ist auch das einmal mehr der bemerkenswerten Produktion zuzuschreiben.

Ein paar Wermutstropfen gibt es dennoch, denn nach (s)einem durchaus fulminanten Start, aus welchem sich hier und da ein bisschen vom Geist von Wir sind Helden raushören lässt, fällt “Was wenn keiner lacht” leider etwas ab und verliert sich ein ums andere Mal im Singer/Songwriter-Pop – was letztendlich auch einfach an der Spieldauer von 55 Minuten liegen mag oder daran, dass sich manche Songs dann von der Tonalität her einfach zu sehr ähneln. Und wer sich 2021 – zumindest in physischer Form – noch über einen Hidden Track freut, ist auch recht unklar… Natürlich ist das Krittelei auf recht hohem Niveau. Dennoch: Schade, denn eigentlich entwickelt das Album gerade in den ersten beiden Dritteln eine durchaus packende Dynamik. Trotzdem wünscht man der Leipziger Band, dass sie, ihre Stücke und ihre Botschaften in Zukunft ein größeres Publikum erreichen, denn ebenso wie der in jedem Fall empfehlenswerte Erstling schillert auch das Zweitwerk, welches die Band via Crowdfunding (vor)finanziert hatte, in so vielen unterschiedlichen Farben und ist so detailliert instrumentiert, dass sich da sicher jede(r) etwas für sich heraus picken kann.

Auch toll: Die „MDR Club-Session“ der Band aus dem Leipziger UT Connewitz, die man hier in der Mediathek findet…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Casper – „Alles war schön und nichts tat weh“


Foto: Promo / Chris Schwarz

Dass bei Benjamin „Casper“ Griffey etwas im Busch ist, hatte sich in den vergangenen Tagen in dessen Social-Media-Profilen bereits abgezeichnet: Ein auf null gesetzter Instagram-Account, unkommentierte Fotos von Bienenvölkern, ein neues Profilbild mit Bienenbart – es war offensichtlich, dass der Indie-Emo-Rapper etwas ankündigen würde. Ohnehin war bekannt, dass er sich im März 2020 zum Schreiben eines neuen Albums nach New Orleans zurückgezogen hatte und die Aufnahmen seitdem gut vorangekommen waren.

Wasserstandsmeldungen, Gerüchte – klar. Nun ist es jedoch offiziell: Am 25. Februar 2022 soll eine neue Casper-Platte mit dem Titel „ALLES WAR SCHÖN UND NICHTS TAT WEH“ erscheinen. Produziert hat Max Rieger (Die Nerven), an den Songs mitgeschrieben Caspers Podcast-Kollege Drangsal. Fans können die Platte bereits auf Vinyl oder CD vorbestellen, bei Bedarf auch mit weiterem exklusiven Merch im Bundle, etwa mit Hoodies und T-Shirts.

Freunde des deutschen Indie-Punks dürfte des neuen Langspielers zudem durchaus bekannt vorkommen. Woher? Nun, nachdem der Rapper sich bereits für einen Song des vergleichsweise düsteren 2017er Vorgängeralbums „Lang lebe der Tod“ vom Buchtitel „Wo die wilden Maden graben“ des Muff Potter-Sängers und Autoren Thorsten „Nagel“ Nagelschmidt inspirieren ließ, scheint der neue Albumtitel nun vom gleichnamigen Muff-Potter-Stück von deren 2009er Abschiedsalbum „Gute Aussicht“ ausgeliehen. Oder doch nicht? Zumindest ging Casper die Wendung nach eigenen Angaben nicht mehr aus dem Kopf, seit er sie im Lockdown in Kurt Vonneguts Roman „Slaughterhouse-Five“ gelesen hatte, in welchem der amerikanische Autor seine Erlebnisse als Kriegsgefangener während der Luftangriffe auf Dresden verarbeitete…

Da bis zum kommenden Februar noch ein paar Monde durch Land ziehen werden, entlässt Benjamin „Casper“ Griffey, der abseits seiner Solo-Ausflüge außerdem 2018 das Koop-Album „1982“ mit Marteria veröffentlichte, bereits jetzt einen ersten Höreindruck ins gespannte Hörervolk: Die gleichnamige erste Single der fünften Studio-Platte startet mit einem kurzen Bläser- und Streicher-Intro, dann wird in mächtigen Dur-Klavierakkorden und Chor-Backgrounds der New-Orleans-Einfluss im Stil des 2013er Erfolgsalbums „Hinterland“ hörbar, während Casper in der Post-Lockdown-Zeit über mentale Gesundheit, Erwartungshaltung und Druck rappt – all das Dinge, von denen er sich frei machen will. Freilich gibt’s auch diesmal so einige typisch-gewohnte Buzzwords oder Futter für ein Casper-Bingo (das man durchaus mal anlegen sollte), aber auch viele starke Lines wie diese: „Depression bei Fuß / Wie ein Hund bei der Jagd“. Langweilig ist der neue Song jedoch keineswegs, denn im Pre-Chorus wird er kurz ganz zart, singt melodisch – bevor der Rapper im groß aufwallenden Refrain wieder seinen Weg aus dem Zweifel findet: „Ich explodier‘ / Renn‘ zu dir / So weit wie meine Beine mich tragen auf meinem Weg und Licht in allen Farben angeht / Alles war schön und nichts hat weh getan“. Weniger Schmirgelpapier, kaum Testosteron – irgendwie unperfekt, und am Ende doch gut durchdacht.

Das zugehörige Musikvideo arbeitet zudem mit einigen assoziativen Bildern: Casper auf seiner eigenen Blumeninsel des Glücks in einem Meer, in dem ihn die Haie umkreisen, während sich die nächste große Sturmflut schon am Horizont ankündigt. „Es ging mir darum, mich aus der Schale zu pellen, dieser Song ist für mich wie eine Katharsis – und blickt insofern gleichermaßen zurück wie nach vorne“, sagt Casper selbst.

Anlässlich der Plattenveröffentlichung hat der 38-jährige Musiker außerdem frische Tourdaten angekündigt. In 14 Städten innerhalb der deutschsprachigen Länder wird der Emo-Rapper Clubshows spielen, gemessen an seinen sonst üblichen Arena-Shows also vor vergleichsweise kleinem Publikum auftreten. Kaum verwunderlich also, dass fast alle Konzerte in kürzester Zeit ausverkauft waren, nur für Bern gibt es aktuell noch Tickets im Casper-Shop. Zum Glück folgt später noch die große Hallentour, die im November und Dezember 2022 zwölf weitere Termine bereithält. Auch hierfür gibt es Tickets bei Krasser Stoff.

CASPER
— „Alles war schön und nichts tat weh“  Tour 2022 —

Tickets

17.03.22 Hannover, Capitol (ausverkauft)
18.03.22 Tübingen, Sudhaus (ausverkauft)
19.03.22 CH-Bern, Bierhübeli
21.03.22 Leipzig, Felsenkeller (ausverkauft)
22.03.22 München, Muffathalle (ausverkauft)
23.03.22 AT-Wien, Arena (ausverkauft)
25.03.22 Dortmund, FZW (ausverkauft)
26.03.22 LU-Luxemburg, Den Atelier
28.03.22 Köln, Carlswerk Victoria (ausverkauft)
29.03.22 Mannheim, Alte Feuerwache (ausverkauft)
31.03.22 Berlin, Metropol (ausverkauft)
01.04.22 Münster , Skaters Palace
02.04.22 Bremen, Schlachthof (ausverkauft)
04.04.22 Hamburg, Uebel & Gefährlich (ausverkauft)

27.11.2022 Leipzig, Haus Auensee
29.11.2022 Stuttgart, Porsche-Arena
30.11.2022 CH-Zürich, Halle 622
01.12.2022 Frankfurt am Main, Jahrhunderthalle 
03.12.2022 Hamburg, Sporthalle 
05.12.2022 München, Zenith
06.12.2022 AT-Wien, Gasometer
09.12.2022 Bochum, RuhrCongress
10.12.2022 Münster, Halle Münsterland 
13.12.2022 Köln, Palladium 
14.12.2022 Hannover, Swiss Life Hall 
16.12.2022 Berlin, Max-Schmeling-Halle 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Thomas D & The KBCS – „Show“


Auch Thomas D machte aus der zwangsläufigen Corona-Konzertpause seiner Stammband, Die Fantastischen Vier, eine Tugend und erfüllte sich auf dem M.A.R.S. einen schon etwas länger gehegten Wunsch…

Und all jene, denen jetzt vorschnell die Wut zu Kopfe steigen mag ob eines weiteren Milliardärs mit zu prallem Bankkonto und zu viel Langeweile, der seine Kohle für einen Flug ins Weltall verprasst, dürfen beruhigt ausatmen – zum einen mag Thomas „D“ Dürr zwar gemeinsam mit seinen Bandkumpels Smudo, Michi Beck und And.Ypsilon seit der Gründung des Stuttgarter HipHop-Viergespanns Ende der Achtziger durchaus amtliche Erfolgswellen verursacht haben, sein Kontostand dürfte jedoch mit dem eines Jeff Bezos, Richard Branson oder Elon Musk trotzdem keineswegs mithalten können. Zum anderen handelt es sich beim M.A.R.S. um das Domizil des überzeugten Veganers und Tierschützers in der Eifel, dessen Lage am Fuße eines erloschenen Vulkans sich fast schon als „magisch“ umschreiben ließe (wer’s noch prosaischer mag, der könnte nun aufführen, dass dort anstatt von Lava nun eben die Kreativität fließt). Fast schon logisch, dass einer wie Thomas D sich an solch einem Rückzugsort auch ein eigenes Musikstudio einrichtet… einen musikalischen Mars, sozusagen. Und ebendort reifte in ihm der Wunsch, seinen Rap – abseits der großen Bühnen – mal wieder intim auf Platte zu bringen und in einer musikalisch veränderten Form – abseits der Fanta 4 – zu performen. Eine Rückbesinnung auf die Wurzeln seiner eigenen Musik, die zwischen 1997 und 2013 auf immerhin fünf Solo-Alben erschien, aufgrund des normalerweise recht gut gefüllten Fanta 4-Terminkalenders in den letzten Jahren jedoch immer öfter in den Hintergrund geriet. Weitere Inspiration erhielt er, als ihm 2019 eines Nachmittags eine Platte der Hamburger Band The KBCS in die Hände fiel. Völlig geflasht von ihrem fast schon hypnotischen Instrumental-Sound, von ihrer Energie und dem Willen, der eigenen Kunst einen frischen Anstrich zu verpassen, macht der 52-jährige Musiker die Band ausfindig und lädt das Quartett zu gemeinsamen Sessions auf seinem M.A.R.S. ein, bei denen schnell klar wird: das bundesdeutsche Hippe-di-Hopp-Urgestein und die hanseatische Soul-, Funk- und Jazzband funktionieren einwandfrei zusammen. Und da alles Schöne ja umso schöner wird, wenn man’s teilt, kann man das Ergebnis nun auf den „M.A.R.S Sessions“ nachhören.

Und tatsächlich entpuppt sich der Schulterschluss von Thomas D mit The KBCS als durchaus mitreißende Elefantenhochzeit, obwohl der wortgewaltige Rapper und die virtuos groovenden Instrumentalisten hier überwiegend leisere Töne anschlagen. Dies bedingen bereits die elf für „M.A.R.S Sessions“ ausgewählten Songs aus dem Repertoire des Frontmanns, der abseits seiner musikalische Pfade seit Juli 2013 etwa auch die Kurzinformationssendung „Wissen vor acht – Natur“ im Ersten moderiert. Und kleiner Schnitt ist bei dem gelernten Frisör (true story, that) nicht – textlich fährt Thomas D hier einige der eindringlichsten Messages seines Œuvres auf, andererseits geraten die lauten Momente, die es definitiv auch gibt, ebendeshalb umso intensiver.

Das Quintett schreitet mit meditativ-warmem Vintage-Sound lässig zwischen Resignation und Kampfgeist (man höre das melancholische „Show“, dessen Original anno 2013 Teil des bisher jüngsten D-Soloalbums „Aufstieg und Fall des Tommy Blank“ war), gedankenschwer philosphischen („Neophyta“ vom 2008er „Kennzeichen D“ mit leiser Reggae-Note) und schlicht gut gelaunten Momenten einher (der unbeschwerte D-Klassiker „Rückenwind“ vom 1997er Debüt „Solo“ steht den Fanta 4 dabei wohl am nächsten), die bestenfalls mal für Gänsehaut, mal für sanfte Nostalgie sorgen.

Schließlich ist es die direkte Live-Atmosphäre, die dieser famosen Combo einen unterhaltsamen Sieg auf nahezu allen Ebenen beschert – nachvollziehbar vor allem anhand des mit Hammondorgel rockenden „Uns trennt das Leben“ (vom 2001er Konzeptwerk „Lektionen in Demut„), im ähnlich gestalteten „Weitermachen“ (vom letzten Fanta-Dreher „Captain Fantastic„, 2018) mit smoother Leadgitarre und Percussion im Refrain sowie während „Flüchtig“, das mit fetten Bläsern auf die Tanzfläche bittet. „Millionen Legionen“, anno 1999 einer der Klassiker Fanta4-Hitalbums „4:99„, vermittelt nicht eben wenige jener Vibes, die man auch während der „MTV Unplugged“-Performance der Fantastischen Vier in der Balver Höhle erleben durfte. Die minimalistische Musik „Gebet an den Planet“ (von „Lektionen in Demut“) – kaum mehr als ein Obertönen gespicktes Bassmotiv zu sachtem Drumming und einzelnen Gitarren-Tupfern – wirkt wie ein Kontrast zum aufbauenden Text der Nummer und rückt damit einen der größten Vorzüge der Scheibe in den Vordergrund: ihr ergreifendes Spiel mit Licht und Schatten, wenn etwa auch das schummrige „An alle Hinterbliebenen“ (von „Kennzeichen D“) in seiner ökonomischen Form beinahe post-rockig anmutet.

Unter Strich ist Thomas D und The KBCS mit „M.A.R.S Sessions“ ein kongenialer Crossover aus unter die Haut gehendem Herz-und-Hirn-Sprechgesang und einer einfallsreichen Fusion aus Rock, Soul und etwas Jazz gelungen, der vor allem all jenen, denen die Solo-Aktivitäten des Fanta4-Haudegens mit ihrem durchaus vorhandenen Pathos sowie nicht wenigen gesellschaftskritischen Anklängen in der Vergangenheit ohnehin zugesagt haben, wärmstens empfohlen sei.

„Show, alles nur Show, wir tun alle nur so
Lehnt euch zurück, genießt die Show

Wie geht’s dir? Bescheiden? Mehr schlecht als recht?
Ich weiß, das Leben ist Leiden, doch langsam glaube ich echt
Es gibt hier keinen, der in diesen Zeiten noch vor Kraft strotzt
Nicht meckert nicht kotzt, nicht kleckert nur klotzt
Nicht lästert und lügt, der sich selbst genügt
Einer, der in sich ruht und sich selbst nicht betrügt
Seinem Schicksal gefügt, doch seines eigenen Glückes Schmied
Der aus Rückschlägen noch die richtigen Schlüsse zieht
Einer, der liebt nur um der Liebe willen, nicht um sein Verlangen zu stillen
Einer, der alles verzeiht, dessen Verstand nicht die ganze Zeit schreit
Der still ist und schweigt und sich im Innern so vom Leiden befreit
Einer, der mehr ist als nur ein Teil seiner Welt
Bei dem die Zeit steh’n bleibt, wenn er den Atem hält
Ja, wer das Zeug dazu hat, trete an, trete vor
Denn alles andere hier ist nur Show

Show, alles nur Show, wir tun alle nur so
Lehnt euch zurück, genießt die Show

Noch denkst du du wärst wer, doch machst du dich erst leer
Dann erkennst du mal, wie sehr all das Denken dich ablenkt
Nun erfährst du du bist wer, auch ohne Gedanken
Und bald fällt es dir nicht schwer, dich darin zu verankern
Erst beruhigt sich dein Atem, du folgst ihm nach innen
Lässt die Augenlider fallen und bist mit all deinen Sinnen
Im Innern und es reicht dir, einfach nur zu atmen
Was du dann entdeckst, ja soviel darf ich verraten
Ist mehr wert als irgendjemand jemals verlor
Ist nicht sehr schwer, nur 21 Gramm oder so
Keiner weiß mehr, wie kommt man durch das innere Tor
Doch die Bestimmung, sie dringt durch alle Schichten empor
Ja, die Befreiung von allem steht wohl uns allen bevor
Wenn nicht im Leben, dann auf jeden, wenn der Tod einen holt
Wenn auch von keinem gewollt, am Ende geht es jedem so
Und eben deshalb ist es besser ihr genießt die Show

Show, alles nur Show, wir tun alle nur so
Lehnt euch zurück, genießt die Show…“

Rock and Roll.

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