Schlagwort-Archive: Heile Welt

Das Album der Woche


Steiner & Madlaina – Wünsch mir Glück (2021)

-erschienen bei Glitterhouse/Indigo-

Knapp 150 Konzerte in den letzten Jahren, auf Bühnen vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das ist eine ganze Menge. Denn: Diese Zahl bedeutet noch viel mehr Tage auf Tour als „nur“ jene 150. Etliche Tage und Nächte in Tourbussen auf Autobahnen, von Show zu Show zu Show – mal als Vorband (etwa von Element Of Crime), mal als Headliner, mal auf Festivals. Zeit zum Schreiben von neuen Songs? Lediglich immer mal so zwischendurch, irgendwo in den Leerzeiten zwischen Soundcheck, Auftritt und Abfahrt. Das Aufnehmen der Songs aber, das erfordert bekanntlich etwas mehr Zeit. Dafür konnten die beiden Schweizerinnen Nora Steiner und Madlaina Pollina dann das ungeplant konzertfreie Jahr 2020 nutzen. Und brachten aus dem Studio „Wünsch mir Glück“ mit, ihr zweites Album und den Nachfolger zum viel beachteten 2018er Debütlangspieler „Cheers„.

Und wem vor knapp drei Jahren bereits ebenjenes gefiel, der wird auch mit den elf neuen Songs schnell warm werden. Denn im Gros bleibt das Duo, welches sich schon seit der Schulzeit kennt und seitdem gemeinsam auf der Bühne steht, seiner Linie treu. Auch in diesen vor allem für alle Kulturschaffenden nicht eben einfachen Zeiten thematisieren Steiner & Madlaina einige der großen Probleme unserer Gesellschaft, wie den Sexismus und das formvollendete Versagen der Menschheit, vor allem in ihrer Schweizer Heimat durch das Nichtstun, das Zusehen bei Menschenrechtsverletzungen und das Schulterzucken bei Dingen, die außerhalb der eigenen Staatsgrenze passieren, weil es das eigene Land, in seiner überheblichen Neutralität, vermeintlich nicht betrifft. Und sie behandeln auch die vergleichsweise kleinen, privaten Themen, die eigene Trennung oder das eigene Verlangen. Im Gegensatz zum Debüt, welches englische, deutsche und schweizerdeutsche Songtexte vereinte, sind Steiner & Madlaina auf ihrem Zweitling komplett deutschsprachig unterwegs. Nach wie vor schreiben die beiden unabhängig voneinander an den Texten – und diese Aufteilung fällt nun vor allem auf „Wünsch mir Glück“ deutlich ins Gewicht, da Madlaina Pollina, von der man ohne große Übertreibung behaupten kann, dass sie aus einer bekannten Musikerfamilie stammt (ihr Vater ist der italienischstämmige Schweizer Cantautore Pippo Pollina, ihr Bruder Julian Pollina ist auch hierzulande als Faber eine recht große Nummer), zum Beziehungslied neigt und Nora Steiner eher zur Rolle der Frau in der Gesellschaft. Auf jene, die Gesellschaft, werfen die beiden bereits im Opener einen ersten Blick. Dabei scheint „Es geht mir gut“ musikalisch erst einmal ein fluffiger Gute-Laune-Song zu sein. „Zu faul für jegliche Debatten / Bleib ich bei 40 Grad im Schatten“ regt jedoch vielmehr das süffisant brodelnde schlechte Gewissen des Hörers an, während dem nämlich eigentlich bewusst ist, „was rundherum der Mensch so tut“. Noch ein Knüppelschlag in die gemütliche Magengrube gefällig? Ja, gern doch! So wird etwa in „Heile Welt“ die bereits oben angesprochene Schweizer Gesellschaft, in ihrer Isolation, kritisiert: „Damit unsere heile Welt / Noch eine Weile hält / Halten wir uns raus / Nur so fühl’n wir uns zu Haus…“ Ein Klang gewordener Mittelfinger par excellence.

„Wenn ich ein Junge wäre (Ich will nicht lächeln)“ erinnert klanglich – und das bis hin zur typischen Gesangsphrasierung – ohne jeglichen Zweifel an Bands wie Ideal sowie die Neue Deutsche Welle und zerlegt wütend die teils immer noch bestehende gesellschaftliche Sicht auf die Frau, welche einfach nur noch nervt: „Wenn ich ein Junge wäre / Würde man mir mehr zutrau’n / Und wer bestimmt das Rollenbild der Frau“. Insgesamt überwiegen jedoch auf dem zweiten Album die Stücke, in denen beide teils wahnsinnig nah und unmittelbar wirken, so wie etwa bei „Prost mein Schatz“, in welchem Madlaina boshaft und larmoyant, jedoch jederzeit packend eine bevorstehende Trennung andeutet. Das Spannungsfeld zwischen dem polierten Song und dessen Botschaft mag an Größen wie Lana Del Rey erinnern, und in diesem grellen Zwielicht, wenn sie mit Witz von Alltagsabsurditäten erzählen und gekonnt zwischen politisch Heiklem und nahbar Privatem switchen, agieren die beiden Schweizerinnen einmal mehr mit beeindruckender Souveränität.

„So schön wie heute“ ist dem gegenüber ein recht fad geratener, fast schon gemütlicher Song über das Erwachsenwerden und juvenile Vergänglichkeit, während „Denk was du willst“ Zwischenmenschlichkeiten und Selbstzerstörung aushandelt. „Ciao Bella“ schlägt in eine ähnliche Kerbe wie schon „Wenn ich ein Junge wäre“ und mit sarkastisch spitzer Zunge tief ins Unrecht gegenüber Frauen. Hier versetzen die beiden sich in einen sexistischen Mann: „Oh Bella, ciao Bella / Komm und mach‘ mein Leben schöner“ wird der Anspruch dieses Machos an das weibliche Gegenüber im Refrain deutlich. Der Dummdreist-gestrige regt sich gleichzeitig auf über Frauen in Führungspositionen, erklärt Rechtfertigungen für niedrigere Bezahlung des weiblichen Geschlechts und das vermeintliche „Risiko“ bei der Einstellung aufgrund einer möglichen Schwangerschaft. Noch famoser geraten das sich in einen Furor steigernde „Klischee“ sowie der Titelsong, eine von einer einsamen Gitarre begleitete Geschichte zweier Menschen, die Zuneigung fürs Gegenüber spüren, bei denen es trotzdem nicht für mehr reicht – der kleine Tod der verflogenen Chance.

(Fotos: Promo / Tim Wettstein)

Obwohl die beiden in Zürich aufgewachsenen Schweizerinnen auf ihrem neuen Album nur auf Deutsch singen und englische Stücke dieses Mal fehlen, bewegen sich Steiner & Madlaina musikalisch auf ähnlichen Pfaden. Die Musik ist nach wie vor verspielt und ihre angenehmen Stimmen spielen da gern mit. Die Songs mögen im Vintage-Gewand schimmern, mögen mit ordentlich Sixties-Twang an Chanson, Jazz, Rock’n’Roll, Americana oder New Wave andocken – doch jeglicher Retro-Verdacht schwindet, sobald man eben die Texte hört. Das Schlagzeug von Leonardo Guadarrama sowie die dominanten Saiteninstrumente von Max Kämmerling (E-Gitarre) und Nico Sörensen (Bass) erzeugen mit unterschiedlichen weiteren Begleitern, wie etwa Synthies oder einem Chor im Hintergrund, eine durchaus abwechslungsreiche, live im Studio eingespielte Soundkulisse, die man gern irgendwo in der Umgebung des Indie-Folk-Pops einordnen darf. Und die oft genug überzeugt. Das fehlende Quäntchen mag man gern darauf schieben, dass diesmal an der ein oder anderen Stelle einfach der Aha-Neu-Effekt des Debüts ausbleibt. Nichtsdestotrotz haben die beiden charismatischen jungen Frauen mit „Wünsch mir Glück“ – der zugegebenermaßen etwas eigenartigen Optik des Albumcovers zum Trotz (die Dame auf dem Cover ist übrigens Anne, eine Freundin und Live-Fotografin von Nora und Madlaina, die sich bei einem Sturz vom Fahrrad einen Zahn ausgeschlagen hat)- elf neue Songs fürs kommende Konzert-Repertoire geschaffen, die mit Kritik, auch an sich selbst, keineswegs geizen und einem Sound, der dies im ersten Moment nicht immer vermuten lässt. File under: raffinierte Ambivalenz. Bleibt ihnen im Grunde nur zu wünschen, dass sie – um den Titel beim Wort zu nehmen – bald wieder das Glück haben auf der Bühne zu stehen…

— Steiner & Madlaina live 2021 —

  • 02.11.21 Stuttgart – Im Wizemann Club
  • 03.11.21 München – Ampere
  • 05.11.21 Magdeburg – Moritzhof
  • 06.11.21 Dresden – Beatpol
  • 08.11.21 Hamburg – Knust
  • 09.11.21 Bremen – Tower
  • 10.11.21 Münster – Gleis 22
  • 11.11.21 Essen – Zeche Carl
  • 12.11.21 Köln – Gebäude 9
  • 17.11.21 Freiburg – Jazzhaus
  • 19.11.21 AT-Wien – Chelsea
  • 20.11.21 Nürnberg – Korns
  • 22.11.21 Wiesbaden – Schlachthof
  • 23.11.21 Hannover – Musikzentrum
  • 25.11.21 Leipzig – Täubchenthal
  • 26.11.21 Erfurt – HsD
  • 27.11.21 Berlin – Hole44

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: