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Das Album der Woche


Noah Gundersen – Carry The Ghost (2015)

cover-350x350-erschienen bei Dualtone Music-

Singer/Songwriter gibt es – gerade in Zeiten des weltweiten Netzes – wie den sprichwörtlichen Sand am Meer, klar. Und die meisten von ihnen spielen viel eher die leisen Töne an, ihre Stücke möchten und müssen erarbeitet werden. Zum Nebenbeihören oder fürs Radio eignen sich ihre Songs nur in den seltensten Fällen, mit viel Glück findet sich der ein oder andere Beitrag als Teil der musikalischen Untermalung eines Films oder einer TV-Serie wieder – etwa im Fall von Damien Rice („The Blower’s Daughter“) oder Glen Hansard („Falling Slowly“, das im Zuge des Indie-Filmhits „Once“ sogar einen Oscar als „bester Filmsong“ einheimsen konnte). Doch trotz der Leisetreterei denken auch heutzutage jüngere Semester – und das beinahe 60 Jahre nach den ersten musikalischen Gehversuchen eines gewissen Robert Allen „Bob Dylan“ Zimmerman – nicht daran, Abstand von der Akustischen oder dem Piano zu nehmen. Klar, die Mittel und Wege mögen im 21. Jahrhundert ganz andere sein als in den Sechzigern, als man sich sein Publikum auf kleinen Caféhaus-Konzertbühnen noch peu à peu erspielen musste, anstatt Youtube-Videos von jetzt auf gleich einem Millionenpublikum feil zu bieten. Doch so anders klingen die Melodien auch heute nicht. Und die Nadel im Heuhaufen darf nun gern auf digitalem Wege gefunden werden. The times they are a-changin‘? Gar nicht mal so sehr.

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Demzufolge ist auch Noah Gundersen, beheimatet in Seattle im Nordwesten der US of A, einer von vielen. Obwohl: beheimatet? Seit dem Erschienen seines Solodebüts „Ledges“ im vergangenen Jahr (sieht man mal vom vor vier Jahren veröffentlichten Album „Fearful Bones“ mit seiner Band The Courage ab) war der heute 26-Jährige quasi nonstop unterwegs, führte ein unstetes Nomadenleben on the road, um seine Stücke unters Hörervolk zu bringen. Und siehe da – er fand auch medial Gehör, denn unter anderem konnte der aufstrebende Singer/Songwriter gar den ein oder anderen Song in der erfolgreichen US-Bikerserie „Sons Of Anarchy“ unterbringen. In den besinnlichen Momenten der TV-Serie, welche unter der Sonne Kaliforniens spielte und im vergangenen Dezember nach sieben Staffeln zu Ende ging, waren dann etwa Gundersens Version des Rolling-Stones-Evergreens „As Tears Go By“ oder das eigens für die Serie verfasste „Day Is Gone“ zu hören. Dass die Macher von „Sons Of Anarchy“ zur musikalischen Untermalung ihrer bewegten Bilder auf Gundersen zukamen, kam wohl auch nicht von ungefähr, denn ebenso wie dem Bild von Lederkutten, heißen Öfen und noch heißeren Biker-Bräuten wohnt auch den Songs des Singer/Songwriters etwas uramerikanisches inne (insofern es das gibt): das gemeinsame Musizieren in Familie (so spielen Schwester Abby und Bruder Jonathan in seiner Begleitband), die beseelte Fiddle (etwa nachzuhören im Stück „Boathouse“ vom Debüt), dem A-capella-Harmoniegesang („Poor Man’s Son„), ein wenig Religiosität (mit dezent kritischem Augenmerk), Nachdenklichkeit und viel, viel Sehnsucht nach allem, was fern scheint. Gundersen selbst beschrieb seine Musik unlängst als „sad acoustic Americana“, und obwohl er damit gar nicht mal so falsch liegt, greift das freilich viel zu kurz. Sei’s drum. Alles in allem gelang ihm mit „Ledges“ ein formidables Album, welches es sogar unter ANEWFRIENDs Top 3 des Plattenjahres 2014 schaffte. (Dass der Rest Europas seinen Songs – bislang – die kalte Schulter zeigte, ist dabei einerseits schade, andererseits wohl der gefühligen Americana-Lastigkeit der Stücke geschuldet, für die man hier, auf der anderen Seite des Atlantiks, im Gros nicht wirklich empfänglich scheint.)

Umso höher ist nun die Messlatte für Album Nummer zwei. Und obwohl Noah Gundersen „Carry The Ghost“ nur knapp eineinhalb Jahre nach „Ledges“ abliefert, merkt man es den neuen Stücken, welche fast ausschließlich unterwegs in Hotelzimmern und Backstageräumen entstanden, an, dass es sich auch der Musiker selbst nicht zu einfach machen wollte. Denn mit den elf Songs des Debüts hat „Carry The Ghost“ nur noch wenig gemein.

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„She watched the valley burn like a slow dancer doing turns / My name was on every tongue / And all of the smoke and ash
Like the memory of the time gone bad / Hanging like a shadow“ – zu melancholischen Pianoklängen malt bereits die Eröffnungsnummer „Slow Dancer“ dunkle Bilder an die Studiowände, von denen sie sich auch nach dreieinhalb Minuten nicht so recht entfernt – dafür kommen sanfte Streicher und der Backgroundgesang von Schwester Abby hinzu. Ganz ähnlich verhält es sich darauf auch mit „Halo (Disappear_Reappear)“: „Take it like a man and shut your mouth / Yeah I could make it on my own / I watched my grandfather die alone“ – die zunächst beschaulich angeschlagene Elektrische ufert nach knapp drei Minuten aus gibt des Himmel für ein kleines Feedback-Solo frei, welches auch Neil Youngs Crazy Horse gut zu Gesicht gestanden hätte. Apropos Neil Young: das nicht tot zu kriegende kanadische Rock-Urgestein (beziehungsweise dessen richtungsweisende Alben wie „After The Goldrush“ oder „Harvest“) dienten Gundersen als eine der größten Inspirationen für die neuen Stücke. Und das hört man denn auch, etwa im Langsam-Schunkler „Show Me The Light“ oder dem Softie-Bekenntnis „I Need A Woman“ („I need a woman / To hold my hand / To make me feel / More like a man / I need a woman / It’s sad but true / I need a woman“). Eine andere Quelle muss wohl Ryan Adams gewesen sein, dessen 15 Jahre junges Solodebüt „Heartbreaker“ an so einigen Stellen ebenso gefühlt anklingt (und dem sieben Minuten langen vorletzten Song „Heartbreaker“, dessen E-Gitarren-Ausbrüche es obendrein erneut mit Neil Youngs Crazy Horse aufzunehmen scheinen, gleich seinen Titel leiht) wie Adams‘ spätere Werke mit seiner damaligen Begleitband The Cardinals und deren verstärkt elektrischer, oft in beseelte Jams mündender Americana-Sound. Mit dem vergleichsweise doch recht beschwingten Melodien von „Ledges“ haben die 13 neuen Stücke (oder drei Bonus Tracks mehr in der Deluxe Edition) von „Carry The Ghost“ indes weniger gemein. Gundersen zeigt sich, mal am Piano, mal an der elektrischen oder akustischen Gitarre, deutlich introspektiver als zuvor – etwa im feinen „Empty From The Start“ mit Zeilen wie „This is all we have / This is all we are / Blood and bones, no Holy Ghost / Empty from the start“ oder der kritischen Künstler-Betrachtung „Selfish Art“ („Sometimes / Making songs for a living / Feels like living to make songs /…/ I’m watching as the stage goes black / How long until we all go back / To being nothing at all / Nothing but a spark in someone’s eye / Am I giving all that I can give / Am I earning the right to live / By looking in a mirror / There’s nothing more sincere than selfish art“). Die klassischen Topoi des Singer/Songwriters – das Sentimentale, die Nachdenklichkeit, die beäugte Weltbetrachtung – finden auf „Carry The Ghost“ ebenso Platz wie Gundersens ganz private Dämonenkämpfe während des Touralltags oder – ebenso klassisch – die Sehnsucht nach Liebe und Frieden. Freilich erschweren soviele Ruhepole, erschwert soviel Introspektivität erst einmal den Zugang zum Album. „Carry The Ghost“ braucht Zeit, um sich zu entfalten. Gibt man dem Album in den schnelllebigen Zeiten, in denen wir leben, jedoch genau das, so wird man mit einem erneut großartigen Album belohnt. (Und der Rest Europas wird wohl wieder einmal weghören.)

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Hier kann man das komplette Album im Stream hören…

…und sich hier die beiden Album-Highlights „Selfish Art“, „Halo (Diappear_Reappear)“ und „Heartbreaker“ in Live-Session-Varianten ansehen:

 

Wie passend übrigens, dass Noah Gundersen sich kürzlich mit Schwester Abby, die dieser Tage ihr Debütalbum „Aurora“ veröffentlichte, und der Band Whitehorse den Neil-Young-Evergreen „Helpless“ vornahm:

 

ng_ctg_noisetrade1Und wie bereits in den vergangenen Wochen hat ANEWFRIEND auch diesmal einen – wahlweise – kostenlosen Download-Tipp für euch parat: Bei NoiseTrade kann man sich die sechs Songs starke „Carry The Ghost Primer“ EP, bestehend aus Stücken der 2014 erschienenen „Twenty-Something EP“ und von „Carry The Ghost“, aufs heimische Abspielgerät laden und einige von Noah Gundersens neuen Kompositionen vor dem Albumkauf probehören…

 

 

Rock and Roll.

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Ryan Adams – live in Philadelphia, 2001 – dieses und viele weitere Konzerte für lau im Netz…


David Ryan Adams

David Ryan Adams ist einer der besten, versiertesten und talentiertesten Songwriter unserer Zeit. Punkt.

Um das zu beweisen, muss man nicht einmal sonderlich tief graben, sondern sich zum Beispiel nur die – meines Erachtens – wohl gehaltvollste Schaffensperiode des Ex-Whiskeytown-Frontmanns zwischen 2000 und 2003 anhören: „Heartbreaker„, „Gold„, die beiden „Love Is Hell“ EPs… – all diese Veröffentlichungen sollten (und werden) wohl in keiner Plattensammlung eines jeden Songwriting-Desgustinatos fehlen, denn dafür sind sind die darauf enthaltenen Stücke zu groß, zu tief empfunden, zu herzzerreißend. Es führt kein Weg umhin, zu bemerken, dass Adams sein Herz auf der Zunge trägt und sein ganzes Herzblut in die Americana-Akkorde pumpt. Und wäre das alles nicht schon großartig genug, kann er es sich leisten, mal eben noch nebenbei ein herrlich abgerocktes ‚Fuck You‘-Album wie „Rock N Roll“ ins Mischpult zu jagen, um seine Plattenfirma bei Laune zu halten, und viele weitere während jener Zeit aufgenommene Songs bis heute in seinen Archiven schlummern zu lassen… (Nun, mehr oder weniger: die musikalischen Perlen sind mittlerweile längst unter Bootleg-Titeln wie „The Suicide Handbook“, „48 Hours“, „Q Division Demos“ oder „The Swedish Sessions“ von Fans ins weltweite Netz gestellt worden. Veröffentlichungsdatum, aller hartnäckigen Gerüchte zu Trotz: ungewiss.)
 

“I went to see Ryan Adams in Manchester… So he’s playing away and he just does ‘Wonderwall’ right in the middle of the set. The fucking place went silent. It was so beautiful. I was just like, ‘Fucking Jesus Christ, what a fucking song!’ Afterwards, I told him, ‘You can have that song, man, because we could never quite get it right.’ „

(Noel Gallagher)

 
Und obwohl er mit seiner damaligen Begleitband, welcher unter anderem ähnlich talentierte Köpfe wie Neal Casal angehörten, zwischen 2005 und 2008 einen ähnlichen Veröffentlichungsmarathon hinlegte – das Doppelalbum „Cold Roses“ (2005) sowie die Alben „Jacksonville City Nights“ (2005), „Easy Tiger“ (2007), „Cardinology“ (2008) und die EP „Follow The Lights“ (2007) erschienen im Bandverbund, das Album „29“ (2005) veröffentlichte der Musiker solo -, sind mir persönlich Adams‘ Solosachen noch immer die liebsten.

Leider ist es in den letzten Jahren musikalisch etwas ruhiger um den aus North Carolina stammenden 38-Jährigen geworden. Klar, ab und an strafte er seine 2009 getroffene Ankündigung, sich komplett aus dem Musikgeschäft zurückzuziehen, mit Veröffentlichungen wie der Cardinals-Resteverwertungszusammenstellung „III/IV“ (2010) oder dem bisher letzten Album „Ashes & Fire“ (2011) Lügen, aber für Jeden, der sich so gut in der Behaglichkeit, alle paar Monate etwas Neues von Ryan Adams zu hören, eingerichtet hat, muss es dennoch wie eine herbe Funkstille wirken. Doch der Mann ist keineswegs untätig: er betreibt mit „PAX AM“ seit 2004 ein eigenes kleines Plattenlabel, auf welchem ab und an einzelne Vinyl-Singles oder tendenziell abwägige Platten erscheinen (man denke nur an seine Metal-Tribut „Orion“!), ehelichte 2009 Ex-Popsternchen Mandy Moore und ist mittlerweile unter die Autoren gegangen – seine erste Veröffentlichung, die Gedichte-und-Kurzgeschichtensammlung „Infinity Blues“ erschien 2009, im selben Jahr wie der Nachfolger „Hello Sunshine„. Das dritte Werk „Phoenix“ hängt seit dem letzten Jahr in der Warteschleife…

"Infinity Blues"

Und da sich Ryan Adams in Punkto neuer Studioveröffentlichungen mittlerweile mehr als rar gemacht hat, muss der geneigte Fan auf andere Quellen zurückgreifen. Ich empfehle: Livemitschnitte. Denn Adams war – zumindest bis vor Kurzem – ein ausgesprochener Befürworter des „Bootleggings“, das heißt des digitalen Mitschneidens seiner Shows. Und mussten Fans in den Siebzigern noch riesige Geräte mit in die Konzerthallen schmuggeln, so reicht es heutzutage, ein winziges Aufnahmegerät ans Mischpult des Soundtechnikers anzuschließen. Die dabei entstehenden „Soundboard“-Aufnahmen können sich denn auch durchaus hören lassen. Die Seite archive.org ist, wenn es um die Suche nach tollen, kostenlosen Livemitschnitten geht, seit Jahren eine tolle und verlässliche Quelle. Und auch bei der Suche nach Konzerten von Ryan Adams stößt der Fan hier auf eine wahre akustische Goldadern: massig Shows in nicht selten fabelhafter Qualität, vor allem von Shows mit den Cardinals. Und die haben dann nicht selten eine gut zweistündige Spieldauer und erinnern in ihrer Versiertheit und Spielfreude an vielen Stellen an eine moderne Americana-Version von Grateful Dead…

Ich selbst mag, wie bereits erwähnt, jedoch Adams‘ Solo- und „frühere Sachen“ mehr. Und in diesem Fall möchte ich euch ein am 6. Oktober 2001, also nur wenige Tage nach Veröffentlichung seines zweiten Soloalbums „Gold“, in Philadelphia, PA aufgenommenes Konzert ans Hörerherz legen. Adams spielt seine neuen Songs zusammen mit seiner Begleitband an diesem Abend, The LAX, ebenso wie Stücke vom ersten Solowerk „Heartbreaker“, mit unglaublich viel roher Energie und Herzblut – man höre sich nur die zehnminütige Rockmarathon in „Nobody Girl“, das Elton John-Cover „Rocket Man“ oder die Evergreens „Come Pick Me Up“, „Desire“, „New York, New York“ oder „Oh My Sweet Carolina“ (bei welchem er übrigens einen Zuschauer zum Duett auf die Bühne holt) an. Tolle Show, jedoch lediglich ein einziges Beispiel von vielen, welche komplett legal und kostenfrei auf archive.org zu finden sind…

(Alternativ findet ihr die Show auch über die die feine Seite thesteamengine.net…)

Wer, alles in allem, noch immer nicht dem Adams’schen „Live-Overkill“ nahe sein sollte, dem empfehle ich das im letzten Juni veröffentlichte Boxset „Live After Deaf„, welches 15 während Ryan Adams‘ im Jahr 2011 solo und akustisch bestrittenen Europa-Tournee zum Album „Ashes & Fire“ aufgenommene Konzerte in gebündelter Form enthält und in ihrer Gesamtheit einen recht guten Überblick über das bisherige Schaffen des Wahl-New Yorkers bietet.

Ryan Adams - Live After Deaf

 

Hier Adams‘ Version des Oasis-Evergreens „Wonderwall“…

 

…und die Videos zu „Chains Of Love“, einem von Adams‘ neueren Stücken…

 

…ebenso wie zum tollen „Lucky Now“:

 

Rock and Roll.

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