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Zu kurz gekommen – Teil 14


…But Alive – Nicht zynisch werden?! (1995)

-erschienen bei Weird System-

Wir haben uns entschieden / So wie die meisten / Fürs Rattenrennen / Und fürs Eigenheim leisten / Du blickst herab / Mit diesem Wissen was los ist...“ Liedermacher Niels Frevert sitzt 2008 im von Rotwein getränkten, überaus selbstreflexiven Kettcar-Song „Am Tisch“ in einer stylish-schicken Altbauwohnung und schaut zu seinem Freund Marcus Wiebusch hinüber, dem kauzig-arroganten grumpy old leftie, der seit jeher wohl alles immerzu besser wusste. Doch jener Wiebusch hadert Sekunden später selbst mit sich: „Ein Toast / Auf das Leben / Das Glück / Nur ich, ich komm‘ nicht mehr mit / Mit dem Leben / Dem Glück…“ Die Klarheit der Jugend, hinfortgerissen im Taumel der immergleichen Tagesroutinen. Nicht nur Niels, auch Marcus ist jetzt Teil jener Kraft, die stets Gutes will, aber oft gar nichts schafft: den Linksliberalen.

Dreizehn Jahre vor dem „Tisch“ sind die Fronten wesentlich klarer: „Die Feigheit hat einen Namen, linksliberal„, rotzt der Hamburger Wiebusch, damals vergleichsweise juvenile 26 Jahre jung, mit seiner ersten echten Band ..But Alive auf „Natalie“ vom zweiten Album „Nicht zynisch werden?!“ seine Wut in die Welt – und er hat in den Neunzigern eine Menge davon. Bereits beim Opener „Nennt es wie ihr wollt“ widmet sich der stets latent sprechsingende Frontmann dem Ausverkauf der eigenen (Punk-)Szene. Einem Ausverkauf, der eben im Alter – zumindest für die Glücklichen, die Sesshaften, die Spießigen – doch zum Eigenheim führt. Als Fundament dient ihm der wie aus einem Guss gespielte Mix aus melodischen Punk-Rock-Refrains und tempiwechselnden Metal-Attacken, der …But Alive während ihrer acht Bandjahre so unverkennbar machte.

Ähnlich wild fliegt „Aus und vorbei“ vorbei: Loriot-Zitat, Ska-Off-Beats, brutale Riffs und das nötige Pathos im Refrain – „Ein Hype, ein Star, ein Schuss – und dann C&A und Schluss“ – reichen Wiebusch für seine Abrechnung mit dem Generation X-Framing durch die Mehrheitsgesellschaft. Wie ein Chirurg zerlegt er den aufgedrückten Brand in der ersten Strophe: „Zuerst war alles nur ein Buch / Und jeder wusste, wer wir sind / Nur wir leider nicht…“ Das erwähnte „Buch“? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wohl „Generation X“ von Douglas Coupland, welches den sogenannten „Baby-Boomern“ zwar ein einprägsames Label aufdrückte, dafür jedoch recht wenig Lebenshinweise mit auf den Weg gab. Wiebusch steht damit im Geiste der Boxhamsters, die sich vier Jahre zuvor auf „Zu klein“ ebenfalls gegen die Ausweglosigkeit wehren: „Wir hatten nie ‚No Future‘ und glaubten an die Zeit...“

Überhaupt hadert der Kopf von …But Alive in jenen jungen Jahren – im Gegensatz zur späteren Weinprobe im gediegenen Eigenheim – weniger mit sich, sondern nimmt es mit der Szene, der Gesellschaft, mit alten Freunden wie neuen Feinden zeitgleich auf. Stets mit Schaum vorm Mund, und immer in der Überzeugung, zu wissen, was los ist. Auf dem 1993er Debüt „Für uns nicht“ schlägt er lyrisch noch ungestüm – und deutlich wilder – um sich. Der obligatorische Anti-Nazi-Song „Nur Idioten brauchen Führer“ sorgt im Kampf der Neunziger gegen die rechten Glatzen für Zusammenhalt bei bedrohten Konzerten, „Für immer 16“ interpretiert Peter Maffays „Ich möchte nie erwachsen sein“ und Alphavilles „Forever Young“ auf Punkig-Hanseatisch, in „Ohnmacht“ sprengt er 1991 als Terrorist Bayer und Hoechst in die Luft.

Schaut man sich heute, etwa drei Dekaden später, den Text von „Ohnmacht“ noch einmal genauer an, wandert man schnell in Gedanken über die Brücke ins Camp der Letzten Generation und fragt sich, warum die Generationskolleg*innen der „Generation X“ seinerzeit nicht mehr getan haben: „Oh, seht uns an, wir stehen vor den Trümmern dieser Zivilisation / Ein paar clevere Affen erfanden das Rad / Hier kommt die letzte Generation / Die noch ein bisschen menschenwürdig leben kann / Die Gräber stehen bereit„, und später: „Erzählt mir nichts von Recht und Ordnung / Wenn irgendeiner hier Amok läuft / Wenn morgen Regionen zu Wüsten werden und halb Indien ersäuft.“ Die Weitsicht, die Aktualität dieser Zeilen ist erstaunlich, sollte jedoch vor allem zu denken geben.

Andererseits sieht Wiebusch jedoch selbst die Machtlosigkeit solcher, stets vor allem von Parolen getriebener Musik und distanziert sich bereits zu …But Alive-Zeiten von jener naiv-zornigen Anfangsphase: „Ich habe Musik mit 16, 17, 18 tatsächlich als Waffe gesehen (…) Wenn ich singe: ‚Ohnmacht, ich spreng‘ euch alle weg!‘, dann ist das meine Meinung, und ich will, dass das alle anderen auch so sehen (…) Einen Song wie ‚Ohnmacht‘ wird es von mir nie wieder geben.“ Ebenso kontrovers dürfte Wiebusch rückblickend den Song „Ich möchte Ilona Christen die Brille von der Nase schlagen„, der 1997 zunächst auf der Split-7″ mit der kanadischen Hardcore-Band I Spy und später auf dem dritten Album „Bis jetzt ging alles gut…“ erschien, sehen, schließlich wird dort TV-Moderatorin Margarethe Schreinemakers in einer Textzeile als „Quotenhure“ bezeichnet. Das brachte der Band bereits damals – lange vor Internet-Shitstorms, #MeToo und Co. – den Vorwurf des Sexismus ein – die Kritik mag, Punkszene hin oder her – berechtigt gewesen sein, der Vorwurf könnte bei einem wie Wiebusch, der sich später bei jeder sich bietenden Gelegenheit für Homosexuelle, für Flüchtlinge oder Frauen- wie Tierrechte stark machte, jedoch falscher kaum sein.

Musikalisch jedoch überzeugen die 1991 gegründeten Hamburger von …But Alive von Anfang an und fanden schnell eine komplett eigene Szenennische zwischen Hafenstraße und Hamburger Schule. Hardcore Punk, Rap, Ska, Metal und Indie Rock …forming like Voltron. Hagen van de Viven zelebriert an der Leadgitarre, Marcus Wiebusch sorgt als Nachwuchs-James Hetfield an der zweiten Klampfe für eine Punk-untypische, mächtige Soundwand. Schlagzeuger Frank Tirado-Rosales (der Wiebusch später zu Kettcar folgen und selbigen bis 2010 treu bleiben wird) baut immer wieder Breaks und Grooves ein, die den biertrunkenen Kopf zwischen Headbangen, Nicken und Schütteln ganz wuschig werden lassen. Nur am Bass wechseln sich, ebenfalls verdammt Metallica-like, die Bandkollegen häufig ab. Es gibt und gab keine andere Punk-Rock-Band, die so klang wie …But Alive, und kein zweites deutschsprachiges Album fasst das Leben der Neunziger wohlmöglich so prägnant und nachhaltig in Worte wie „Nicht zynisch werden?!“ Steile Thesen? Genau. Aber, vor allem was letzteren Punkt betrifft, eine begründete, denn in den 15 Songs (zählt man den feinen Akustikgitarren-Hidden Track „Betroffen aufessen“ mit) kanalisiert Marcus Wiebusch seinen angestaunten Hunger, der Welt zu erzählen, was zur Hölle los ist, ohne ihr jedoch von oben herab zu predigen, was sie tun soll. Und: Er findet hier erstmals wirklich zu seinem noch später bei Kettcar so unnachahmlichen Stil aus Punchlines und Poesie, aus Parole und Meta-Ebene. In den Zwei-bis-drei-Minuten-Punk-Tiraden verdichtet er seine Gedanken so stark, dass ihm meist nur eine Zeile genügt, um eine ganze Generation – dieses Mal würdig – zu beschreiben.

Wer gebraucht wird, ist nicht frei / Wer braucht, wird niemals frei sein“ und „Ganz egal, welchen Weg wir wählen / Nur die Momente sind es, die zählen.“ Für die Außenwirkung mag da ein baumlanger angepisster Punk am Mikro stehen, im Herzen jedoch sitzt hier ein Rapper, so sehr und hervorragend wie etwa bei „Weißt nur was du nicht willst“ kluge Punchlines mit diversen Schichten und Ebenen mit den melodischen Leads und dicken Midtempo-Grooves harmonieren. Weitere Beispiele gefällig? „Und zwischen den Verträgen / Sucht jeder das Leben“ („Überall„) oder „Nichts ist brutaler als Moral / Die nur sich selbst genügt“ („Lasst es ihre Entscheidung sein„). Wiebusch verkopft hier (noch) nicht, textet nicht zur reinen Selbstgefälligkeit, sondern bleibt mit beiden Füßen auf der dreckigen Straße.

Für die Kleinkinder der Achtziger, die nur allzu gern und aus lauter Trägheit vom Gartenzaun aus die Welt verändern wollen, sind Bands wie …But Alive Mitte der Neunziger die Stimme der Vernunft und Menschlichkeit. Eine Stimme, der im AJZ alle folgen konnten, die den ganzen rechtskonservativen, heute verdammt AfD-nahen CDU-Dreck der Neunziger genauso ablehnten wie den dogmatischen DDR-Schwachsinn der KPD-Deppen und die abgrenzenden Political Correctness-Pamphlete der Autonomen. Denn „nichts ist schwarz-weiß“ und wenn du vergisst, wo du herkommst, wirst du dich selbst verlieren. Wiebusch wusste das und setzt seine Kraft auf die Liebe: „Es kommt nur auf dich und mich an / Und dann ist der Rest der Welt dran“ („1 + 1= 3„) und ganz besonders im wohl schönsten Refrain des Albums: „Mich interessiert nicht, was du weißt / Sondern nur, woran du glaubst / Mich interessiert nicht, was du hast / Sondern nur, was du brauchst“ („Keine Gegensätze„).

„Nicht zynisch werden?!“ mag zwar kein allumfassender Meilenstein sein, ist jedoch mit seiner Kompaktheit und dem zwischen den Rumpel-Rhythmen sorgsam versteckten Pop-Appeal eines der lyrisch größten deutschsprachigen Alben der Neunziger, stetig vibrierend zwischen dem naiven Hunger der Jugend und der wachsenden Selbsterkenntnis eines Dichters und Denkers. In jenen Zeiten profitieren neben …But Alive auch die Ska-Kollegen von Rantanplan und Slime für ihr Opus Magnum „Schweineherbst“ von Wiebuschs Einfluss.

Dennoch ist die Weiterentwicklung – oder besser: das Erwachsenwerden – freilich weder lyrisch noch musikalisch aufzuhalten. Bereits beim dritten, zwei Jahre darauf erscheinenden …But Alive-Album „Bis jetzt ging alles gut…“ schleichen sich Indie-Rock-Anleihen zwischen Wiebuschs immer kryptischere und verschnörkeltere Zeilen und bilden beim vierten und finalen 1999er Werk „Hallo Endophin“ bereits des Rudels Kern. Ein Jahrtausend endet, und mit ihm auch …But Alive und deren Traum vom Kampf für Punk-Rock-Ideale. Der Weg für Kettcar, der Weg in die Linksliberalität, die Altbauwohnung und ins vermeintliche Glück war frei. Dass Marcus Wiebusch für die Veröffentlichung des Kettcar-Debüts „Du und wieviel von deinen Freunden„, welches damals keinen Vertrieb fand, gemeinsam mit Kettcar-Bassist Reimer Bustorff und dem damaligen Tomte-Frontmann Thees Uhlmann mit Grand Hotel Van Cleef ein eigenes Label aus der Taufe hebt, das auch heute, dreißig Jahre später, noch bestens floriert? Ist eine andere Geschichte (die jedoch vor allem beweist, dass man den Punker im Herzen nie so ganz gehen lassen sollte)…

Wenn es noch so bitter ist: Was bleibt, ist die Erkenntnis / Im Falschen nichts richtig, ob im Nehmen oder Geben / Dass wir alle nur eine Lüge leben / Und es muss mehr als das hier geben…“ („Natalie„)

Rock and Roll.

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Song des Tages: Beton (Бетон) – „Kyiv Calling“


Wer könnte da auch „Nein“ sagen – The Clash haben einer neuen Version ihres Gassenhauers „London Calling“ durch eine ukrainische Punkband namens Beton ihren Segen gegeben. „Kyiv Calling“, das in der Nähe der Frontlinien aufgenommen wurde, könnte mit seinen Text, der den Rest der Welt dazu auffordert, die Verteidigung des Landes gegen die russischen Invasoren zu unterstützen, dabei zeitgemäßer kaum sein. Zudem wird der gesamte Erlös dieser „Kriegshymne“ der Widerstandsbewegung Freie Ukraine (FURM) zugute kommen, die damit ein gemeinsames Kommunikationssystem finanzieren will, das die Bevölkerung vor Bedrohungen warnt und um internationale Unterstützung wirbt.

In den letzten Tagen hatten die drei Mitglieder von Beton, Bohdan Hrynko, Oleg Hula und Andriy Zholob, nachdem sie die Erlaubnis von The Clash erhalten hatten, den Text des 43 Jahre jungen Punkrock-Hits umgeschrieben und ihre Version am vergangenen Donnerstag und Freitag in einem Studio in Lviv aufgenommen, wenige Tage bevor das russische Militär Raketen auf die Stadt abfeuerte, die zu einem Zentrum für vertriebene Bürger geworden war. Der Song wurde direkt darauf im fernen Los Angeles von dem Musikproduzenten Danny Saber, welcher bereits mit David Bowie, den Rolling Stones oder eben Joe Strummer gearbeitet hat, abgemischt. Passend zur aktuellen Situation in der Ukraine enthält der neue Text Zeilen wie „The iron age is coming, the curtain’s coming down“, „Kyiv calling to the Nato zone / Forget it, brother, we can’t go it alone“ oder “Phony Putinmania has bitten the dust” und soll eine moralisch aufbauende Botschaft des Widerstands verbreiten sowie andere Länder um Hilfe aufrufen. Passend dazu zeigt das Video Aufnahmen von Freunden, Familienangehörigen, Kollegen und Freiwilligen Helfern, die einige der jüngsten Anschläge in Städten von Charkiw bis Kiew dokumentieren.

Auch die Musiker von Beton beteiligen sich auf ukrainischer Seite an den Kriegsanstrengungen. Andriy Zholob (Gitarre, Gesang) arbeitet auch als Orthopäde und behandelt Kriegsopfer und Soldaten, während Bohdan Hrynko (Schlagzeug, Gesang) und Oleg Hula (Bass, Gesang) aktuell Teil der Territorialverteidigung sind und damit bereit, sich dem Widerstand anzuschließen, wenn sie dazu aufgefordert werden. In „normalen“ Zeiten ist Hrynko Architekt und Hula Miteigentümer einer Firma, die Ton- und Lichttechnik für Konzerte und Festivals liefert.

„Viele ukrainische Musiker befinden sich jetzt auf den Schlachtfeldern oder in der Territorialverteidigung“, so Zholob gegenüber dem „Guardian„. „Sie haben ihre Gitarren gegen Gewehre getauscht. Wir hoffen, dass dieses Lied den Geist der Ukrainer und unseren Widerstand gegen die russische Aggression zeigt. Wir freuen uns, dass es in der ganzen Welt als Symbol der Solidarität und Hoffnung gespielt wird.“ Weiter führte Zholob gegenüber dem „NME“ aus: „The Clash waren eine unserer Inspirationen, als wir uns in den Punkrock und die Musik im Allgemeinen verliebten. In ihrer Musik gibt es keinen Snobismus oder Prätentiosität, sie hatten etwas zu sagen und äußerten ihre Meinung gegen den menschlichen Zorn.“ Der Song verkörpere „all das, und wir sind sehr glücklich, dass wir diesen ikonischen Klassiker in unsere eigene Hymne mit neuer Bedeutung und neuem Leben verwandeln können.“ 

Der ursprüngliche Song wurde 1979 von Gitarrist Mick Jones und Joe Strummer, dem 2002 verstorbenen Sänger und Texter von The Clash, geschrieben (und wenig später auf dem gleichnamigen Album veröffentlicht), während die Band in einer Zeit internationaler Instabilität um die Welt reiste und Konzerte gab. Eine Zeit, die geprägt wurde von besorgniserregenden Ereignissen wie dem Reaktorunfall im US-Kernkraftwerk Three Mile Island, der Geiselnahme im iranischen Teheran oder der Ölkatastrophe von Ixtoc I im Golf von Mexiko. Zurück im heimischen Großbritannien wuchs der öffentliche Unmut über die politische Macht von Margaret Thatcher und die Auswirkungen der Energiekrise. Ausgehend von all dem Chaos, das er um sich herum spürte, schrieb Strummer daraufhin Zeilen, die bewusst an das alte BBC-Radio-Rufzeichen erinnern sollten, aber ebenso Anklänge an eine bevorstehende dystopische Zukunft lieferten: „London calling to the faraway towns / Now war is declared and battle come down / London calling to the underworld / Come out of the cupboard, you boys and girls / London calling, now don’t look to us / Phony Beatlemania has bitten the dust..“

Beton, die sich selbst als „Punk-Hardcore“ bezeichnen, spielen seit mehr als einem Jahrzehnt gemeinsame Konzerte vor allem innerhalb der Ukraine sowie in dieser Zeit auf einigen der führenden ukrainischen Festivals, darunter dem Zaxidfest oder dem Tarasova Gora Festival, und geben zu, dass sie anfangs eher ein „Scherz“ denn eine ernstzunehmende Band waren, seit 2019 jedoch mehr und mehr Anerkennung für ihren kraftvollen Sound gewannen. So warf auch ihr letztes Album, „Members Only“ aus dem vergangenen Jahr, einen ernsteren Blick auf die Probleme, mit denen sich die Ukraine vor der Invasion konfrontiert sah, darunter Polizeigewalt, der Aufstieg der Komsumkultur und Arbeitslosigkeit. Auch wenn sich das Land und deren Popkultur in der Vergangenheit nicht eben im Fokus der westlichen Welt befand, so bildet Punk Rock auch in der Ukraine einen wichtigen Bestandteil der dortigen Kulturszene und aktuell ein kleines Ventil, um der Wut angesichts der russischen Aggression Ausdruck zu verleihen.

„Wir haben keinen Zweifel an unserem Sieg, wir sind stolz darauf, Ukrainer zu sein und spüren die Unterstützung von Musikern im Ausland. Das bedeutet uns sehr viel“, meint Zholob, der auch Mitglied von FURM ist, einem von Bürgern geführten Netzwerk tausender Menschen aus vielen Berufen, das mehr als dreißig Organisationen in der gesamten Ukraine miteinander verbindet. Seine Aufgabe ist es, die territoriale Integrität wiederherzustellen und die Souveränität der Ukraine zu stärken, um sie auf eine mögliche Zukunft als EU- und Nato-Mitgliedstaat vorzubereiten. Zudem werden alle Spenden an die FURM für die explizit nichtmilitärische Arbeit der Bewegung im Bereich der Kommunikation und der Unterstützung von humanitären Partnernetzwerken und -organisationen verwendet. 💙 💛

NACHTRAG (21.03.2022):

Ich selbst bin durch einen Facebook-Post des geschätzten britischen Singer/Songwriters Billy Bragg auf diesen Song aufmerksam geworden, konnte jedoch, da ich zwar ein paar Sprachen, jedoch leider weder Russisch noch Ukrainisch spreche, auch nach einiger Google-Suche recht wenig über jene Band namens „Beton“ (abseits von Namensvettern aus der Slowakei) in Erfahrung bringen. Ein weiterer Post von Bragg, dem man seit Jahr und Tag weder politischen Aktivismus noch eine bewundernswert aufrechte Haltung absprechen kann, machte jedoch auch mich stutzig. Der 64-jährige Musiker teilt darin ein Foto der Band…

…sowie folgende Erklärung:

„Yesterday evening I posted a clip of the Ukranian band Beton performing their rewrite of ‚London Calling‘. According to reports, the song ‚Kyiv Calling‘ was approved by the Clash, with funds raised going to the Free Ukraine Resistance Movement.

After a few hours of discussing the lyrics of the song and whether Joe Strummer would approve of the rewrite, a number of people drew my attention to a series of photographs on the band’s Facebook page showing members of the band wearing t-shirts based on the Ramones circular logo. 

The word ‚Ramones‘ at the top of the logo had been replaced with the word ‚Banderas‘ and although all of the names within the circle were not visible, the one that was clearly read ‚Stepan‘. The photos dated from a year ago.

This is deeply troubling. Stepan Bandera was a far-right Ukranian politician who collaborated with the Nazis during the occupation of Ukraine and whose followers were complicit in the Holocaust. That he did these things in the name of Ukranian independence from the Soviet Union has led some present day far right nationalists to adopt his image in their decade long struggle with Russia. 

The knock on effect of this has been to allow Putin to smear all those who want a democratic Ukraine free from Russian influence as neo-nazis. The lionisation of Bandera explains his attempt to legitimize the invasion as a campaign of ‚denazification‘, despite the fact that when, during the 2019 Ukrainian elections, all of the major far right Ukrainian parties formed a unified party for the national election, they gained just 2.15% of the vote and failed to secure a single seat in the national parliament. Compare that with the 2009 EU parliament election, where the BNP won 6% of the vote. 

I left a message on the band’s Facebook page asking them to explain why they were wearing t-shirts that appeared to support Bandera, but after 24 hours, I’ve had no response, so I’ve deleted my post. 

We can argue about the meaning of ‚London Calling‘ and what Joe Strummer would or wouldn’t have said about the lyrical changes, but we can be damn sure that he would not have allowed his song to be utilised by a band that expressed their support for fascists.“

Das machte mich, der zwar vieles mag und eine freie Meinungsäußerung ebenso schätzt wie einen gesunden, zielgerichteten Diskurs, jedoch weder radikalen Arschgeigen noch irgendwelche Nazis auf diesem bescheidenen Blog bekannter als ohnehin (leider) bereits machen möchte, ebenfalls zum Nachdenken. Sollte ich also den Post löschen? Oder trotz alledem stehen lassen?

Nun, ich habe mich – aktuell – für letzteres entschieden. Denn so zweifelhaft die Gesinnung der ukrainischen Band auch sein mag (Wer möchte, der darf sich über den oben erwähnten Stepan Bandera mal etwas belesen. Oder über das Regiment Asow. Oder über die Machenschaften, die einen wie Vitali Klitschko in das Bürgermeisteramt Kiews gehoben haben – in keinem Konflikt ist eben alles schwarz und weiß, gut und böse…), so wichtig ist dennoch dessen Botschaft. Eben jene, dass dieser sinnlose, Menschenleben zerstörende Angriffskrieg auf die Ukraine aufhören muss – besser gestern als morgen. Und wenn sich Joe Strummer dafür dreizehn Mal im Grab umdrehen mag, dann soll’s das wert gewesen sein. Andererseits beweist dieser Nachtrag mitsamt seinen zusätzlichen Informationen eben auch, dass es stets lohnt, genauer drauf zu schauen, Sachen zu hinterfragen und stets auf der Hut zu sein, da eben – und gerade im Zuge dieses Krieges, welcher zu einem Großteil nicht nur über Waffen, sondern auch über mediale Wege geführt wird – nicht alles so einfach, leicht überschaubar und für Außenstehende begreiflich ist, wie es im ersten Moment scheint… Namaste. ✊

NACHTRAG (22.03.2022):

Heute Nachmittag veröffentlichte die Band ein Statement, in welchem die sich zwar von Rassismus und Faschismus distanzierte, aber Bandera aber auch als ukrainischen Helden und Symbol des Widerstands würdigte: „In dieser Nacht hatten wir einige Angriffe, in denen unserer Band Faschismus und Nazismus vorgeworfen wurde. Vor allem wegen unserer T-Shirts mit Stepan Banderas Namen. Stepan Bandera ist für viele Ukrainer ein Held, ein Symbol des Widerstands gegen die russische Besatzung, ein Symbol des Maidans. Er verbrachte auch viele Jahre als Gefangener in einem Konzentrationslager der Nazis. Wir verstehen und wir verurteilen, dass manche Menschen einige Gräueltaten in Banderas Namen verübt haben.“ Dann führten Beton ihre Verbindung zu The Clash aus: „Wir haben den Track aufgenommen, weil wir The Clash und ihre Haltung zum Widerstand und gegen Unterdrückung lieben. Wie sie sind wir antifaschistisch und antirassistisch. Wir wollen in einem demokratischen, kriegsfreien Land leben, in dem jeder, gleich welcher Rasse und welches Glaubens, willkommen ist. Jeder, der unsere Lieder hört, wird sehen, dass wir über Widerstand, Konsumismus und Freiheit schreiben. Wir singen über betrunkene Autofahrer und gemeine Oligarchen. Wir haben keine Zeit für extremistische Politik.“ Ob dieses Statement überzeugende Argumente liefert, sollte jede(r) freilich selbst entscheiden. Fest steht jedoch, dass Banderas Person auch in der Ukraine als sehr umstritten gilt. Während er im Osten des Landes überwiegend als NS-Kollaborateur und Kriegsverbrecher angesehen wird, wird er im Westen der Ukraine wegen seinem Kampf für eine freie Ukraine als Nationalheld verehrt. In einem Artikel des MDR wird Bandera zum Beispiel von dem US-Historiker und Yale-Professor Timothy Snyder als ein Anhänger der „Idee der faschistischen Ukraine“ bezeichnet... Schlussendlich läuft’s wohl vor allem die innere und äußere Wahrnehmung hinaus.

Rock and Roll.

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Der Jahresrückblick 2012 – Teil 4 (Fortsetzung)


Wie versprochen nun ANEWFRIENDs „Album des Jahres“, welches zwar bereits 2011 erschien und auch im letzten Jahr einen der vorderen Plätze in meinen Jahresbestenlisten belegte, jedoch erst in diesem Jahr so richtig „gezündet“ hat…

 

La Dispute – Wildlife (2011)

La Dispute - Wildlife-erschienen bei No Sleep/Cargo-

Die Jugend ist eine aufregende, jedoch keinesfalls eine einfache Zeit. Dinge passieren – mit einem selbst, im eigenen Umfeld und auf der Welt – die man einfach nicht versteht. Wieso halten Lehrer wie Eltern einem scheinbar ständig Moralpredigten über die Wichtigkeit von Zeugnissen, Leistungen und gutem Benehmen, wenn doch ein aufregendes Leben fern von Schulbänken und Universitätshallen ein vielversprechenderes Licht wirft? Wieso ticken unscheinbare Menschen offensichtlich grundlos von einer Sekunde auf die andere aus und laufen blutig Amok? Wieso sterben Freunde, die noch nicht einmal ihren zwanzigsten Geburtstag feiern durften? Tausend Fragen, nicht genügend Antworten, endlos lange Sommer, und irgendwo am Horizont die dumpfe Vorahnung vom grauen Rattenrennen der Erwachsenenwelt…

Auch Jordan Dreyer macht sich so seine Gedanken über das Leben und das eigene Umfeld. Unser Glück: seit 2004 vertont er diese Gedanken, die scheinbar schneller von Hirn und Mund in seine Notizbücher wandern, als dass irgendjemand, geschweige denn er selbst, alles erfassen würde oder könnte, mit seiner Band La Dispute. Die aus Brad Vander Lugt, Chad Sterenberg, Kevin Whittemore und Adam Vass bestehende Instrumentalfraktion liefert den musikalischen Unterbau, welcher für sich allein genommen bereits interessant genug wäre, und der „Sänger“ Dreyer schleudert der stetig wachsenden Hörerschaft Zeile um Zeile, Geschichte um Geschichte entgegen. Und die haben es auf La Disputes 2011 erschienenen Zweitwerk „Wildlife“ durchaus in sich: eingefasst werden die einzelnen Geschichten in die Stücke „a Departure“, „a Letter“, „a Poem“ und „a Broken Jar“, welche Dreyers nicht selten tragischen Alltagsbeobachtungen immer wieder mit vermutlich persönlichen Bezügen in die Parade fahren. Anders könnte man all die tragischen Schicksale, die sich wohl in der Heimatstadt der Band, Grand Rapids/Michigan, ereigneten, jedoch in ihrer dramatischen Allgemeingültigkeit überall hätten passieren können, auch nicht aushalten. Da wäre das Krebsschicksal eines siebenjährigen Kindes in „I See Everything“, welches die Eltern anhand von kurzen Tagebucheinträgen dokumentieren, familiärer Mord und Totschlag in „Edward Benz, 27 Times“, der ebenso dramatische wie hollywoodreife blutige Amoklauf eines jungen Mannes in „King Park“. Und dazwischen: tristes Einheitsgrau, wenig Liebe, wenig Hoffnung, noch weniger Perspektiven. Dreyer zweifelt, bangt, schreibt gar von ewig schrumpfenden Herzen („all our bruised bodies and the whole heart shrinks“). Dreyer beobachtet, analysiert blitzschnell, hinterfragt, urteilt jedoch selten – das überlässt er den Ohren und Köpfen seiner Hörer. Denn viel Sinn macht es tatsächlich nicht, wenn Unbeteiligte in Tragödien hineingerissen werden, wenn Kinder Krankenhausflure besser kennen als Spielplätze, wenn guten Menschen weniger Liebe zuteil wird als schlechten. Dass der Hörer nach 58 – zumindest lyrisch – wahnwitzig harten Minuten „Wildlife“ nicht erschrocken zur Seite legt, sondern den Finger schlagartig in Richtung der Repeat-Taste bewegt, liegt auch an den beiden letzten Songs, „all our bruised bodies…“ und „You and I in Unison“: der Sänger versichert allen, die ähnlich fühlen wie er: ihr seid nicht allein. „Tell me what your worst fears are. I bet they look a lot like mine. / Tell me what you think about when you can’t fall asleep at night. / Tell me that you’re struggling. Tell me that you’re scared. No, Tell me that you’re terrified of life. / Tell me that it’s difficult to not think of death sometimes. / Tell me how you lost. / Tell me how he left. Tell me how she left. / Tell me how you lost everything that you had. / Tell me that it isn’t ever coming back. / Tell me about God. Tell me about love. / Tell me that it’s all of the above. / Say you think of everything in fear. / I bet you’re not the only one does.“

Es geht ein Ruck durch die Jugend, eine, die sich sehr wohl Gedanken um eine Zukunft fernab von „Generation No Future“ macht, die politische wie gesellschaftliche Entwicklungen und Tendenzen ängstigen, die sich bewusst ist, welche Kraft die 99,9 Prozent haben. Und Dreyer verspricht zum Schluss: „Until I die I will sing our names in unison.“ Doch La Dispute sind keinesfalls eine Einzelerscheinung. Bereits seit einiger Zeit tun es ihnen Bands wie Pianos Become The Teeth, Touché Amoré, Defeater oder Make Do And Mend gleich – bleiche junge Männer, die harte, gitarrengetriebene Musik spielen und sich in den Texten Gedanken über das Leben und Erwachsenwerden machen. Traurige, wilde Augen, Hornbrillen, Grunge-Enzyklopädien und die kompletten Diskographien von Bands wie Fugazi oder At The Drive-In. Von der Musikpresse wurden diese Gruppen, die auch schon mal gern gemeinsam auf Tournee gehen, kurz wie knapp unter das Banner der „The Wave“-Bewegung gesteckt. Doch wo die anderen Bands fast durchgängig mit zwei Beinen fest im modernen Hardcore stehen, lassen La Dispute wie bereits auf dem 2008 erschienenen Vorgänger „Somewhere At The Bottom Of The River Between Vega And Altairauch kleinere Experimente zur Studiotür hinein, lassen Akustikgitarren zu, ebenso wie Rhythmus- und Perkussionswechsel, spielen lieber melodische Gitarrenlinien und schnelle Blues-Solos, anstatt beständig hart Riff um Riff in die Bänder zu hacken. Jordan Dreyer gestaltet dazu seine Wortsalven mal bedächtig langsam, mal so schnell und laut, dass man kaum hinterherkommt, und auch seine Stimme geht an ihre Grenzen.

La Dispute (Band)

Natürlich ist „Wildlife“ kein einfacher Tobak. Es ist ein Werk von großer Relevanz, eben weil diese Geschichten so bewegend, wahr und universell sind, eben weil sich Geschichten wie in „King Park“ leider immer und immer wieder wiederholen (man denke nur an das Massaker vom 14. Dezember im kleinen US-Städtchen Newtown), eben weil Dreyer ein so brillianter Beobachter und Songwriter ist, eben weil seine Bandkollegen das musikalische Drumherum so groß gestalten. „Wildlife“ ist eine wahre Tour der Force, ein betongrauer Roadtrip in 14 Akten, eines der besten Konzeptalben seit Langem. „Wildlife“ legt die salzigen Finger in eben jene Wunden, welche ohnehin bereits am meisten wehtuen. Und es ist trotzdem schön. Denn „Wildlife“ feiert das Leben, indem es zweimal hinsieht.

Hier kann man sich das Album in Gänze anhören (es ist wie alle anderen Veröffentlichungen der Band über deren Bandcamp-Seite abrufbar)…

…und hier einen während der „Audiotree Live Session“ aufgenommenen Mitschnitt des Songs „Edward Benz, 27 Times“ anschauen:

 

Rock and Roll.

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