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Song des Tages: Staring Girl – „In einem Bild“


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Fotos: Victor Kataev

„Männlicher Deutschpop“ gilt – ganz egal, wie man selbst es nun finden mag – seit einigen Jahren als absoluter Erfolgsgarant. Andreas Bourani, Mark Forster, Wincent Weiss, Max Giesinger, Philipp Poisel, Johannes Oerding und wie diese ganz Formatradio-Einheitsbrei-Ton gewordenen – pardon my French – Luftpumpen, hinter denen nicht selten das gleiche Team aus findigen Managern, Produzenten und Liedschreibern steckt (der Böhmermann brachte da vor einiger Zeit etwas Licht ins Kalkül-Dunkel), nicht alle heißen – die in qualitativem Sinne reichlich egale Liste verlängert sich gefühlt monatlich. Dabei leidet die Kreativität und Einzigartigkeit immer häufiger, sodass nahezu jeder Song der genannten Formatradio-Künstler auch von einem der jeweils anderen präsentiert werden könnte (welch‘ Wunder, wenn man die Hintergründe kennt).

a1131702326_16Weit weg von tagtäglichem Radio-Gedudel und Airplay-Charts spielt seit etwa 15 Jahren die fünfköpfige Hamburger Band Staring Girl, die auch mit ihrem vor zwei Jahren erschienenem Langspieler „In einem Bild“, dessen Veröffentlichung selbst mir bislang durch die musikalischen Lappen ging, eher bei den etwas alternativeren Singer/Songwritern wie Gisbert zu Knyphausen, Niels Frevert und Nils Koppruch (oder meinetwegen auch dem etwas poppiger agierenden Clueso) anzusiedeln sind, gepaart mit – if you may like – ein wenig Tomte und Kettcar sowie den ruhigen Lyrik-Momenten von Wir sind Helden. Treibender, melancholischer, schwermütiger Indie-Pop mit vielen Americana-Gitarren, dezenten (und seltenen) elektronischen Effekten, trifft auf poetische Alltagserzählungen mit einem Auge fürs kleinste Detail. Ein Teil der ehemaligen Band von Gisbert zu Knyphausen ist mittlerweile (auch) hier am Start, was vor allem in den musikalisch ausladenderen Momenten kaum zu überhören ist.

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Wunderbare Tongue-Twist-Komposita wie „Matratzenladenneonröhrenlicht“ berichten von dem Beobachten eines alltäglichen Großstadttreibens und beschreiben etwa eine Fahrt aus Hamburg hinaus so bildhaft und verträumt, dass man meinen könnte, vor dem geistigen Auge neben dem gebürtigen Kieler Frontmann Steffen Nibbe im Bus zu sitzen. Tatsächlich lohnt es sich übrigens, das Album – parallel – in physischer Form zu erwerben, da das Booklet neben ästhetischer Schwarzweiß-Fotografien alle Texte beinhaltet, die beim Zuhören eventuell nicht immer direkt entschlüsselt werden können – quasi Poetry Slam mit musikalischer Untermalung. Der Gesang von Steffen Nibbe, der wie beim 2012er Vorgänger „Sieben Stunden und 40 Minuten“ die Texte im Alleingang verfasst hat, drängt sich dabei nicht auf, sondern stellt neben den Instrumenten nur eine zusätzliche Komponente dar. In „Lächeln und reden“ etwa kommt denn auch gut die Hälfte des Stückes gesanglos daher und schafft stattdessen mit viel Moll und jazzigem Akustikset eine Art hanseatischen Film Noir-Sound. Im Titelsong oder dem tollen achtminütigen (!) Albumabschluss „Schwarz zu weiß“ gipfeln sich Klangwaben in kleinen Epen, lassen sich dabei jedoch zu jeder Sekunde die nötige Zeit zum Reifen und Ankommen beim Hörer –  selbst, wenn es beim Titelstück auch mal kurzzeitig etwas theatralisch und übermetaphorisch wird.

Staring Girl bieten mit den zwölf Songs von „In einem Bild“ unaufdringlichen, tief in sich selbst ruhenden, erwachsenen Liedermacher-Indiepop, dem zwar jegliche Radiohits fehlen mögen, dafür aber einen schönen Folk-Soundtrack für leichte Frühlingsabende unter Freunden bei ein paar Gläsern Rotwein liefert (selbst, wenn man sich aktuell eher via Skype und Co. zuprosten mag). Mal scheinen deutsche Singer/Songwriter-Größen wie Gisbert zu Knyphausen und Niels Frevert nur ein, zwei Studiotüren weit entfernt, mal klingen selbst auf internationalen Bühnenbrettern seit Jahrzehnten Großes bietende Künstler wie Neil Young oder Wilco an (denn was für Neil Young „Down By The River“ ist und für Wilco „Impossible Germany“, das scheint für Staring Girl „Schwarz zu weiß“). Wahlweise aufregend-unaufgeregt und irdisch-echt, wahlweise richtig, richtig toll – genauso übrigens wie die im vergangenen Jahr veröffentlichte „EP„, auf der Staring Girl, nebst dem neuen Song „Autos fahren auf Straßen mit Namen“ auch einige Stücke vom Debütwerk in neuen, nicht selten detailverliebten (Band)Arrangements präsentiert.

 

Vom Piano getragen erzeugt vor allem „In einem Bild“, der Titelsong des jüngsten Langspielers, eine vom ersten Ton an einnehmende, deutlich beklemmende Atmosphäre, die sich auch auf den Text überträgt und von einem Musikvideo unterstrichen wird, das Verlorenheit, Einsamkeit und Orientierungslosigkeit gekonnt zu vermitteln weiß.

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Baswod – „I Need You To Pencil In The Rest“


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Seit sechs Jahren begeistert der Österreichische Dream-Folk-Musiker Baswod seine Hörerschaft nun schon mit feinfühligen Songs. Den Bürojob hat er unlängst aufgegeben, er möchte seine Brötchen jetzt als Musiker verdienen – kein einfacher Zeitpunkt in unbeständigen Zeiten ohne (echte) Live-Konzerte. Vor wenigen Tagen erschien sein neues Album „I Need You To Pencil In The Rest“, auf welchem feinfühliger Folk auf handgemachten Indie Pop trifft. Es ist eine Reise zu den innersten Empfindungen…

Eigentlich kommt Dominik Linder alias Baswod aus Kärnten, lebte bis vor Kurzem jedoch für einige Zeit als Wahlwiener in Österreichs Hauptstadt (mittlerweile hat es ihn nach Hamburg verschlagen). Sein Debütalbum „The Ships Have Set“ erschien 2015, seitdem gilt der junge Musiker als einer der hochkarätigsten Indie-Geheimtipps des Alpenstaats. Jedes seiner Alben ist eine kleine Stubenhocker-Reise, sanft und intensiv zugleich, stets verträumt und mit offenen Augen schlafend. Dass Dominik Linder als Ein-Mann-Band agiert, verstärkt den Eindruck eines introvertierten Schlafzimmer-Dichters – den wird er auch auf seinem dritten Album „I Need You To Pencil In The Rest“, welches noch in Wien entstand, nicht los.

a3690063639_16Vor einigen Jahren, so um 2012, machte ein US-amerikanischer Singer/Songwriter namens Nigel Wright von sich reden, der – wenn auch in ähnlich erlesenem Indie-Rahmen wie Dominik „Baswod“ Linder –  international gelobt wurde – und genau an jenen (oder meinetwegen den bei derartiger Musik reichlich oft zitierten Sufjan Stevens) erinnern Baswods Songs an mancher Stelle. Schon beim ersten Titel „Kids They Always Knew We’d Stay Together“ verfällt man leicht in tiefe Trance, kann sich von den sorgfältig komponierten Melodien kaum losreißen. So nostalgisch der Songtitel klingt, so fühlt sich auch die Musik an. Wer hüpfende Fröhlichkeit sucht, wird sie hier nicht finden – das Glück ist in den Songs still und in sich gekehrt, nach innen strahlend. Dieses Gefühl zieht sich durch alle Lieder und wird wohl am intensivsten bei „0000 | All I Did Was Wandering“: Eine vielschichtige Gitarrenmelodie verdichtet sich immer wieder und löst sich wieder auf, verbunden durch Linders Gesang. Der Rhythmus gleicht häufig dem eines plätschernden Gebirgsbaches, durchzogen von melodischen Sonnenstrahlen.

Ein ganz ähnliches Bild vor dem inneren Auge erzeugt fast unausweichlich auch „Rain And The Obscure Taste Of Distilled Water“, bei dem die lyrische Eleganz des Titels direkt in ein musikalisches Bild umgewandelt wird. Instrumental verwendete Baswod scheinbar so ziemlich alles, was um ihn herum Geräusche erzeugte – von Gitarren über ein Piano und Glas bis hin zu Holzböden ist alles dabei. Der Mut des Dream-Folk-Musikers zum Experiment erzeugt oftmals komplexe, fast mysteriöse Klänge, bei denen man sich nie ganz sicher ist, ob man das soeben bespielte Instrument überhaupt kennt. Fast wie zufällig legen sich die Töne übereinander und kreieren eine harmonische Symmetrie. Dabei hilft natürlich auch, dass Linders Songtexte niemals versuchen, die Melodien zu übertrumpfen, sondern sich trotz ihrer lyrischen Schönheit zurücknehmen, in den Hintergrund treten und nur sichtbar werden, wenn man aktiv versucht, ihnen zu lauschen – ein Ton gewordenes Shangri-La.

Für verträumte, ruhige Stunden an Sonn- und Quarantäne-Tagen ist „I Need You To Pencil In The Rest“, dessen Titel mutmaßlich einer Textzeile aus dem Frightened Rabbit-Song „My Backwards Walk“ entnommen ist, mit all seiner berührenden Zartheit wohl der optimale Begleiter. Die elf Stücke behandeln introspektive Themen wie Identität, den Blick in Vergangenheit und in die Zukunft oder die Frage, was von einem selbst übrig bleibt, wenn man alles Äußere außen vor lässt. Und sobald wieder Veranstaltungen erlaubt sind, sollte man sich Baswods wunderbar tagträumerische Lieder wohl unbedingt live anhören…

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: EMMA6 – „Hey, Hey, Hey“


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Foto: Facebook

„SELIG macht SELIG“ – Selbiges würden wohl auch alle (meist ebenso in Würde ergrauten) Fans der Hamburger Rockband behaupten, wenn es um die – potentiell nicht selten nostalgisch in den *hust* seligen Neunzigern abgehangene – Liebe zur Musik von Jan Plewka, Christian Neander, Lenard „Leo“ Schmidthals und Stephan „Stoppel“ Eggert geht (ANEWFRIEND zählt dazu und schrob bereits über den Vierer). Das 25-jährige Platten-Jubiläum (zumindest irgendwie, denn das selbstbetitelte Debütalbum erschien 1994, der Nachfolger „Hier“ ein Jahr darauf) feiern Selig denn ganz nordisch-unbescheiden mit einem herzlichen Dankeschön an sich selbst, aber auch an ihre prominentesten Verehrer…

Zu denen gehören offensichtlich unter anderem Kölschrock-Urgestein Wolfgang „BAP“ Niedecken, Madsen, Pohlmann, Johannes Oerding, Philipp Poisel, 17 Hippies oder Olli Schulz. In Reminiszenz an das vor allem damals prägende Debütwerk, welches mit Songs wie „Sie hat geschrien“ recht unnachahmlich hippie’esk angehauchten deutschen Grungerock, aber auch herzzerreißend immergrüne Herzschmerz-Balladen wie „Ohne Dich“ ins Nachmittagsmusikvideoprogramm von MTVIVA zauberte, baten Jan Plewka und Band ebenjene befreundeten Musiker um ihre Neuinterpretationen von Selig-Songs.

61ZJAdKoK-L._SL1200_ Kopie„Jubiläen feiert man ja eigentlich mit Familie und Freunden und da dachten wir, bevor wir unsere Familien fragen, fragen wir lieber die Freunde“, so der mittlerweile 49-jährige Jan Plewka. „Für uns ist diese Compilation ein wahnsinniger Liebesbeweis. Es ist herrlich zu sehen, dass diese Lieder, die wir über all die Jahre geschrieben haben, da draußen existieren. Das ist ein bisschen wie wenn du auf einer Elbfähre bist, ein anderes Boot vorbeikommt, du winkst und die Leute auf dem anderen Boot winken plötzlich aus der Ferne zurück.“

Auf dem Album ließ das Quartett den Künstlern freie Hand. Ohne weitere Vorgaben entstanden so ganz unterschiedliche Versionen, welche jede für sich die Persönlichkeiten widerspiegelt. Auf dem heute erscheinenden, 15 Beiträge starken Tribute-Sampler „SELIG macht SELIG“ ist tatsächlich (fast) alles dabei. Mal laut, mal leise, mal allein oder zusammen mit Selig, wie bei „Die Besten (2020)“ – die sehr spontane, herrlich unperfekte Neuauflage des Songs vom Debüt entstand im Duett mit Olli Schulz.

Der ebenfalls aus Hamburg stammende Liedermacher, Comedian und Moderator meint dazu: „Mit Selig verbinde ich die glorreichen Neunziger, als diese Band es als erste deutsche Band geschafft hat, so ein Grungegefühl zu vermitteln, sogar mit deutschsprachigen Texten. Das hat davor glaube ich keiner gemacht und auch danach niemand mehr so richtig hinbekommen. Außerdem war ich wahnsinnig genervt, dass alle Frauen damals Jan Plewka geil fanden!“

Und so hat wohl jede(r) der Vertretenen seine eigene Geschichte oder über die Jahre, die Plewka und Co. – mit Unterbrechung – nun schon aktiv sind, seine individuelle Verbindung zu Selig aufgebaut. Für alle Fans dürfte die bunte Zusammenstellung, welche mit einer Live-Version von „Die Besten“ sowie gar einer Lesung von Popkultur-Autor Benjamin von Stuckrad-Barre abschließt, ein Muss darstellen. In jedem Falle dürfen sich sowohl langjährige Band-Kenner als auch Selig-Novizen über erstklassig arrangierte Titel der auch heutzutage noch bundesweit einzigartig aus der Zeit gefallen zeitlos tönenden Rockband freuen, denn in „SELIG macht SELIG“ steckt jede Menge Liebe und Herzblut, welche alte Klassiker im neuen Licht des 21. Jahrhunderts strahlen lassen…

 

Neben Madsens gewohnt madsig interpretiertem „Wenn ich wollte“ oder Pohlmanns spartanisch arrangiertem „Bruderlos“ ist die EMMA6-Variante des Band-Klassikers „Hey, Hey, Hey“ wohl eines der Highlights des Albums. Die dreiköpfige Band aus Heinsberg unweit von Aachen verwandelt den Song in eine wunderschön zurückgelehnte – und im Vergleich zum Original deutlich weniger kratzige – Nummer, die damit glatt Freifahrtsscheine fürs Tagträumen verteilt…

 

 

Rock and Roll.

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„Almost Famous“ – Nie von den weiblichen Beatles gehört?


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Schwer zu sagen, was da genau vom wem in den frühen 1960er Jahren in Liverpool ins Trinkwasser gemischt wurde, das schließlich den Merseybeat-Sound und Hunderte von Gruppen mit schlussendlich recht unterschiedlichem Erfolg hervorbrachte. Die Beatles – klar. Biggest band in history. Doch etwas abseits von Lohn, Paul, George und Ringo überraschten vier Teenager die Szene und fanden, ebenso wie die allseits bekannten  Pilzköpfe, schnell auf Schritt und Tritt schreiende Fans vor. Sie hießen: Mary, Sylvia, Pam und Val.

Es war nicht nur ihr für die damalige Zeit recht typischer Beat-Sound, mit dem das Quartett mit Songs wie „Peanut Butter“ die Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie waren The Liverbirds, Großbritanniens erste rein weibliche Rock’n’Roll-Band. Wenn man heute den überlebenden Mitgliedern Mary McGlory und Sylvia Saunders gegenüber sitzt, würde man kaum vermuten, dass die beiden überaus charmanten Scouse (meint: sie kommen aus Liverpool) Matriarchen einst Bühnen mit den Rolling Stones rockten. Oder den Kinks ihre Instrumente liehen. Oder im damals sündig-verruchten Hamburg Joints für Jimi Hendrix rollten. Oder beinahe ebenso Big In Japan wie in Deutschland waren.

John Lennon höchstselbst sagte ihnen dereinst, dass Mädchen nicht Gitarre spielen. Nun, John, das taten sie aber – und wie! Man stelle sich das mal vor…

 

Die Mini-Doku-Reihe „Almost Famous“ der New York Times hat den „Other Fab Four“ einen durchaus interessanten, gut viertelstündigen Beitrag gewidmet:

(via YouTube schauen)

 

Im vergangenen Jahr wurde dem wegbereitenden All-Female-Rock’n’Roll-Quartett im heimatlichen Liverpool mit „Girls Don’t Play Guitar“ gar ein eigenes Musical gewidmet. Und auch ein Film über Pamela Birch, Valerie Gell (beide Gesang, Gitarre), Mary McGlory (Gesang, Bass) und Sylvia Saunders (Schlagzeug) soll in Planung sein. Tja, sieht ganz so aus, als hätte sich John Lennon mindestens einmal mächtig geirrt…

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Fayzen – „Von ganz allein“ (feat. Clueso)


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Ganz schön was passiert im Leben von Farsad „Fayzen“ Zoroofchi, seit 2017 sein letztes, zweites Album „Gerne allein“ (dessen Songs ANEWFRIEND hier seinerzeit ein paar Zeilen widmete) erschien, oder?

Neben zig persönlichen Veränderungen entschied sich der Hamburger Pop-Singer/Songwriter mit Hang zu HipHop-ismen á la Max Herre oder Curse vor einigen Monaten explizit gegen ein Künstlerleben in engen Majorlabel-Tretmühlen und für mehr künstlerische Freiheiten. Meint: Der 36-jährige Musiker sagte seinem Label-Deal adé und startete via Startnext (s)eine eigene Crowdfunding-Kampagne, um seine nächsten kreativen Projekte direkt von seiner Fanbase finanzieren zu lassen, die im Gegenzug nicht nur sein neues Album (welches – laut Aussage – weder im Handel noch auf irgendwelchen Streaming-Plattformen zu finden sein wird), sondern auch exklusive Goodies von ihm direkt bekommen sollte – ein Weg, für den sich immer mehr kleine wie große Künstler von Amanda Palmer über Hannes „Spaceman Spiff“ Wittmer bis hin zu unlängst Ex-Wir sind Helden-Frontfrau Judith Holofernes entscheiden…

Wie er selbst schrieb:

„Liebe Freunde, es wäre unglaublich, wenn ihr mich dabei unterstützen würdet mein neues Album selber zu veröffentlichen. Auf direktem Wege – ohne ein Major Label dazwischen. Mein Traum ist es, die beste und echteste Musik zu machen, zu der ich fähig bin. Ungefiltert und ohne kommerzielle Zwänge. Falls wir hier erfolgreich werden, könnte ich mein neues Album, dank Eurer Hilfe, unabhängig von einem Großkonzern aufnehmen und veröffentlichen.“

Natürlich ist es für Fayzen selbstverständlich, dass er dem finanziellen Vertrauensvorschuss seiner über die Jahre erarbeiteten Hörerschaft (immerhin kamen per Crowdfunding stolze 37.134 Euro zusammen) auch Ergebnis-Taten folgen ließ: Zunächst erschien im Oktober mit „Dennis aus Marseille„, einer flotten Spoken-Word-und-Akustikgitarren-Nummer, in der Fayzen über einen alten Schulfreund und dessen Lebensweg erzählt, ein erster Höreindruck, dieser Tage stellte der labelbefreite Musiker den ersten Bestellern sein neues Album „1000 Geschenke“, welches wiederum nach dem – auch auf dem Cover abgebildeten – kleinen Geschäft meiner Eltern in Hamburg benannt ist, in Aussicht (und wer Interesse hat, der kann’s hier noch bestellen).

FAYZEN-feat-CLUESO-Von-ganz-alleinUnd auch der nächste Auszug aus Fayzens dritten Langspieler tönt recht formidabel: Für „Von ganz allein“ hat sich der Hamburger sogar prominente Feature-Unterstützung in Persona von Clueso ins musikalische Boot geholt. Im gemeinsamen Song erzählen beide von der Kindheit, dem schleichenden Verlust der Unschuld (und wie schwer es manchmal ist, sich diese zu bewahren), von Freiheitsgefühlen damals wie heute, aber auch von Alltagsdepressionen – während im Musikvideo, welches einmal mehr ebenfalls via Crowdfunding finanziert wurde, bekannte Gesichter wie Rapper Kool Savas, Youtuber Simon Will, Indie-Musiker Romano oder Kunst-Freigeist Fynn Kliemann auftauchen (nebst Fayzen und Clueso, freilich).  Mit dem Stück beweist Fayzen einmal mehr, dass seine Art, Geschichten aus dem Leben in eine Melange aus Pop-Liedermachertum und lose gedachten HipHop zu verpacken, selbst in der an talentierten Indie-Musikern nicht eben armen deutschen Musiklandschaft recht einzigartig ist.

Manchmal sollte man eben loslassen, um neu anzukommen… 👍

 

 

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Rock and Roll.

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Song des Tages: Kettcar – „Landungsbrücken raus“ (live)


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Die Band betritt die Bühne, die Menge tobt, hebt die Gläser (oder eben Bierbecher): Kettcar stoßen auf die vergangenen zwei Jahre an. „…und das geht so„, nach dem 2010 veröffentlichten „Fliegende Bauten“ das zweite Live-Album der fünfköpfigen Indierock-Band, setzt einen Schlussstrich hinter den erfolgreichsten Release-Zirkel der 18-jährigen Bandgeschichte und entlässt die Hamburger zunächst und demnächst wieder in eine wohlverdiente gemeinsame Kreativpause. „Wir haben schlicht und einfach gesehen, wie gut uns das letztes Mal getan hat“, wie die Band zu ihrem Entschluss schreibt. Vor dieser Auszeit touren Marcus Wiebusch und Mannen natürlich im kommenden Jahr noch ein vorerst letztes Mal durch Deutschland. Und das geht so…

Als „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ im warmen August 2017 erschien, füllten Kettcar nach fünf Jahren Pause einmal mehr, einmal öfter das große unpolitische Loch im deutschsprachigen Allen-gefallen-bloß-nirgendwo-anecken-Pop-Zyklus, das sich in der letzten Dekade nach und nach aufgetan hatte. Die klare Haltung des dazugehörigen (fünften) Albums „Ich vs. Wir“ und die nahezu cineastische Auseinandersetzung mit komplexen politischen Sachverhalten traf zielgenau den Zeitgeist zwischen Ost und West, zwischen Flüchtlingswelle und tumbem AfD-Proteslertum. Klare Sache: Für genau diesen Sound und diese Botschaften gab es eine Zielgruppe. Kein Wunder also, dass die Band in den folgenden Monaten ihre bislang größten Konzerte spielen durfte, die dann – erfreulicherweise – auch noch nahezu ausnahmslos Ausverkauf vermeldeten. Diese gelungene Wiedergeburt feiert man nun mit (s)einem fast zwei Banddekaden umspannendem Quasi-Best-Of-Live-Album. Ebenjenes hört auf den simplen Titel „…und das geht so“ – wie sollte es auch sonst sein, schließlich nutzt Frontmann Wiebusch diese vier Worte ein ums andere Mal, um die Songs zu starten – und folgt der simplen Formel, an der sich auch die Konzerte der Band seit eh und je orientieren: No Bullshit, Leute. Was zählt, ist die Musik.

717nbCc0ywL._SY355_Ohne Frage: Kettcar und deren Kunst, die bei der songschreiberischen Klasse beginnt und nie wichtige Botschaften außer Acht lässt, stehen auf „…und das geht so“ ganz klar im Vordergrund. Nur für wenige Passagen gibt Marcus Wiebusch den Gesangspart an die meist textsichere Menge weiter, die das neu entstandene Vakuum stets mit Freuden füllt. Ansonsten lauscht der Zuhörer 21 Songs und gut eineinhalb Stunden lang vorrangig der Band, die fantastisch klingt und jede ihrer kreativen Schaffensphasen abarbeitet. Die fetten Passagen – die Ausbrüche von „Money Left to Burn“, „Kein Außen mehr“, „Landungsbrücken raus“ oder das von Wiebuschs 2014 erschienenem Solo-Debüt „Konfetti“ stammende „Der Tag wird kommen“ – knallen so, wie es sich gehört, schließlich kommen gerade Marcus Wiebusch und Bassist Reimer Bustorff aus der deutschen Punk-Szene, spielten sich vor Kettcar in legendären Szene-Bands wie …But Alive oder Rantanplan die Ärsche in kleinen Indie-Schuppen wund. Und auch die ruhigen Momente wie beim Pärchen-Kuschel-Favoriten „Balu“ oder dem ruhigen Outro von „Den Revolver entsichern“ können sich voll entfalten. Das liegt gerade auch an einem dreiköpfigen Bläser-Ensemble (Philip Sindy an Trompete und Flügelhorn, Sebastian Borkowski an Tenor-Saxophon und Altflöte sowie Jason Liebert an der Posaune), das das Hamburger Quintett mit im Gepäck haben und das den Kettcar-Sound passend zur Feierlichkeit im Bombast aufgehen lässt.

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Punkten Kettcar bereits mit ihrem reinen Fokus auf das Wesentliche, so lassen natürlich seit jeher auch die vielen kleinen Ansagen und Anekdoten die Band in charismatisch-sympathischen Licht erscheinen. Die reichen von ernst gemeinten menschlichen Politik-Kampfansagen („Humanismus ist nicht verhandelbar“) über etwas durch den Wind wirkende Danksagungen Bustorffs bis hin zu Erzählungen von der Esso-Tankestelle an der heimatlichen Reeperbahn sowie vergangenen Auseinandersetzungen mit Major-Label-Angestellten („Wir machen, was wir wollen!“). Das bodenständige Image Kettcars, deren Veröffentlichung ihres Debütalbums „Du und wieviel von deinen Freunden“ anno 2002 auch den Startschluss zum bis heute erfolgreichen Indie-Label Grand Hotel Van Cleef gab, verfestigt sich dadurch nur weiter. Da darf man freilich auch mal ausgiebig auf die eigene Hochphase anstoßen und den vergangenen Jahren mit einem formidabel tönendem Live-Album die Krone aufsetzen. Dass die Platte vor allem als kleines Dankeschön an alle Fans der Band gedacht ist, die von den Studioalben des Indierock-Quintettes nicht genug bekommen (und wohl hier auf hohem Niveau bemängeln werden, dass eine Song-Großtat wie das Niels Frevert-Duett „Am Tisch“ hier fehlt), geht natürlich völlig in Ordnung, beweisen Kettcar hier doch einmal mehr eindrucksvoll, dass sich Humor und Ernsthaftigkeit, satte Akkorde und erhobene Zeigefinger keineswegs im Weg stehen müssen.

 

 

— Kettcar live 2020 —

25.01. – Braunschweig, Staatstheater
26.01. – Düsseldorf, Stahlwerk
27.01. – Nürnberg, Z-Bau
28.01. – München, Muffathalle
29.01. – Mannheim, Capitol
30.01. – Dresden, Schlachthof
31.01. – Bremen, Pier 2
01.02. – Lübeck, MuK

 

Rock and Roll.

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