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Song des Tages: Thees Uhlmann – „Avicii“


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Flirrende Arpeggio-Gitarren, Uptempo-Schlagzeug, zum Refrain hin dezent verzerrter Indierock-Sound – „Avicii“ ist vermutlich einer der zackigeren Songs des kommenden Thees Uhlmann-Albums „Junkies und Scientologen„. Inhaltlich offenbart der selten um einen krummen Witz verlegene Musiker und „Sophia, der Tod und ich“-Autor hier seine – wer hätte gerade das vermutet – Liebe zum 2018 mit nur 28 Jahren verstorbenen schwedischen Electro-DJ Avicii, Textzeilen wie „Avicii, Avicii / Was machst du in Oman? / Deine Mutter macht sich Sorgen / Und ich denke ‚Oh man'“ spielen auf den Sterbeort des jungen Musikers an, „Du warst die neuen Abba“ singt Uhlmann dann, während er Avicii an der Theke gedenkt. Später zementiert er seine Leidenschaft für den Verstorbenen: „Avicii, Kunst wird nicht schlecht, nur weil das Viele hören“, heißt es da, und: „Wie oft hab ich zu dir gesagt / ‚Den finde ich toll.'“

Das Video von Andreas Hornoff und Ingo Pertramer lässt Thees Uhlmann (musikalische) Erinnerungsstücke aus vergangenen Jahrzehnten präsentieren – und unterstreicht damit noch einmal die Wärme und das Mitgefühl, mit dem der ehemalige Tomte-Frontmann dem tragischen Schicksal des von ihm geschätzten Tim „Avicii“ Bergling hier begegnet.

„Avicii“ ist bereits die zweite Vorab-Single des am 20. September erscheinenden neuen Uhlmann-Albums „Junkies und Scientologen“. Vor knapp einem Monat hatten bereits der Song „Fünf Jahre nicht gesungen“ sowie das zugehörige Video Uhlmanns Comeback nach einer längeren Zeit ohne große musikalische Aktivitäten eingeläutet…

aviciiUhlo zu „Avicii“ via Facebook:

„Mein Freund Christoph fragte mich, als er den Song das erste Mal hörte: ‚Meinst Du das ironisch?‘ und ich meinte:

‚Nein, Christoph! Ich meine das ernst. Ich habe den geliebt. Es ist so traurig. Warum kommt es manchmal so, wie es kommt? Warum kann manchmal keiner helfen? Wie kommen wir durch? Wie bleiben wir stark und sanft?‘

Und dann hat Christoph gesagt: ‚Ich hab nichts anderes von dir erwartet. Ich hab mich nur kurz gewundert.‘

Immer weiter singen. Immer weiter Kunst.

Avicii war der Geilste! Wie gerne ich das nachts in der Küche höre!
– Das beste Gitarrenriff der letzten 5 Jahre ist von uns! (Welches ist besser? In die Kommentare! Das Battle ist on!)
– Video ist von Horni (80% – Unit Haupstadt) und Fotoingo (25% – Unit Wien)
– Ich wollte ‚OMAN‘ und ‚OH MAN‘ genau gleich singen. Rudi Meier und Simon Frontzek haben das verhindert. Mit Fäusten! Mit Recht!
– Hat jemand die Star Wars-Vans aus dem Video noch mal in neu? Schuhgröße 41-45 reicht.
– Ja, das ist ein John F. Kennedy Teppich. Ich weiß. Ich finde es genau so geil.“

 

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Thees Uhlmann – „Fünf Jahre nicht gesungen“


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Uhlo ist back! Satte sechs Jahre nach dem zweiten Solowerk „#2“ hat Thees Uhlmann (s)einen neuen Song „Fünf Jahre nicht gesungen“ veröffentlicht und gibt damit einen ersten musikalischen Vorgeschmack auf sein vor kurzem angekündigtes drittes Album „Junkies und Scientologen“, welches am 20. September – natürlich beim heimischen Grand Hotel Van Cleef – erscheinen wird (und in der Box-Set-Variante – nebst Vinyl sowie etlichen Gimmicks – wahlweise auch eine Bonus-Platte mit „8 unveröffentlichten deutschsprachigen Coverversionen“ enthält).

funf-jahre-nicht-gesungen.jpg„Fünf Jahre nicht gesungen“ nun beginnt mit einem hart angeschlagenen Keyboard, dessen Rhythmus verdammt an Foreigners „Cold As Ice“ erinnert – schon der Pressetext warnt davor, dass das aber auf die falsche Fährte führt. Wenn Uhlmanns unverkennbarer Gesang, der seit jeher die Lager spaltet, einsetzt, wird das viereinhalbminütige Stück in der Tat zum vertraut umarmenden Liedermacher-Indierock Uhlmann’scher Bauart. Im Text reflektiert der ehemalige Tomte-Frontmann und Jetzt-auch-Romanautor (das tatsächlich tolle „Sophia, der Tod und ich“ erschien 2015) die vergangenen paar (turbulenten) Jahre seines Lebens und stellt in Passagen wie „Und dann kam Silvester und mir wurde klar / Wenn der Sommer beginnt stirbt ein weiteres Jahr“ fest, wie vergänglich und schnell wandelbar alles ist.

Die Idee dazu kam dem Vertreter der Hamburger Schule nach eigener Aussage, als ihm im vergangenen Jahr klar wurde, dass er seit fünf Jahre keine neuen Songs geschrieben hatte und lange nicht mehr vor Publikum musizierte: „Wobei aus fünf Jahren ja schon fast sechs geworden sind, aber vor einem Jahr habe ich eben darüber nachgedacht, warum mir seit fünf Jahren nichts mehr eingefallen ist. Von daher mögen mir die Mathelehrer verzeihen, wie sie mir schon so viel verziehen haben.“ Der 45-jährige Wahl-Berliner empfiehlt augenzwinkernd: „Wenn Sie schlechte Laune haben, dann wird das genau Ihr Song sein. Und wenn Sie gute Laune haben, dann werden Sie sich freuen, wie schön es ist, keine schlechte Laune zu haben, aber auch gut, wenn bei den anderen so ein Song dabei raus kommt. So ist das eben. Das Leben ist kein Highway, es ist die B73!“

Und schon wird einem klar, wie sehr der ebenso trockene wie fein austarierte norddeutsche Humor des bekennenden St.-Pauli-Fans in den letzten Jahren gefehlt hat – dem tut die einmal mehr seeeehr spezielle Tracklist von „Junkies und Scientologen“ freilich keinen Abbruch:

01. Fünf Jahre nicht gesungen
02. Danke für die Angst
03. Avicii
04. Was wird aus Hannover
05. 100.000 Songs
06. Ich bin der Fahrer, der die Frauen nach Hip Hop Videodrehs nach Hause fährt
07. Junkies und Scientologen
08. Katy Grayson Perry
09. Menschen ohne Angst wissen nicht, wie man singt
10. Ein Satellit sendet leise
11. Die Welt ist unser Feld
12. Immer wenn ich an dich denke, stirbt etwas in mir

 

 

Im August, September und Dezember sind Thees Uhlmann und Band denn auch auf ausgedehnter Tour:

03.08. Hamburg, Theaterschiff (solo, ausverkauft)
13.08. Reutlingen, Franz.K
14.08. Worpswede, Music Hall
15.08. DK – Rømø, Cruise van Cleef (ausverkauft)
16.08. Kassel, Kulturzelt
17.08. Grosspösna, Highfield Festival
23.08. Essen, Zeche Carl Open Air

25.09. Rostock, Mau Club
26.09. Cottbus, Glad-House
27.09. Hamburg, Große Freiheit 36 (ausverkauft)
28.09. Berlin, Lido (ausverkauft)
29.09. München, Ampere (ausverkauft)
30.09. Köln, Stadtgarten (ausverkauft)

06.12. A – Wien, Gasometer
07.12. München, Tonhalle
08.12. Saarbrücken, Garage
10.12. Erlangen, Heinrich Lades Halle
11.12. Dortmund, FZW
12.12. Wiesbaden, Schlachthof
13.12. Stuttgart, LKA Longhorn
14.12. Berlin, Columbiahalle
16.12. Hannover, Capitol
17.12. Hamburg, Große Freiheit 36
18.12. Hamburg, Große Freiheit 36
19.12. Bielefeld, Lokschuppen
20.12. Bremen, Pier 2
21.12. Köln, Palladium

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Enno Bunger – „Konfetti“


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Selbst wenn sich Enno Bunger in den letzten Wochen anlässlich seines am vergangenen Freitag erschienenen neuen Albums „Was berührt, das bleibt.“ öfter auf diesen bescheidenen Blog-Seiten wiederfand – ein vielleicht letztes Mal sei dem 32-jährigen Hamburger Indie-Pop-Pianisten definitiv noch gegönnt, denn: diese Platte ist, wie ich anhand der immerhin fünf vorab veröffentlichten Stücke „Bucketlist“, „Stark sein“, „Ponyhof“, „Konfetti“ und „Kalifornien“ (gibt’s weiter unten) bereits vermutet und gehofft hatte, in der Tat schon jetzt eine der besten, da bewegendsten deutschsprachigen Veröffentlichungen des Musikjahres. Und auch Bunger selbst meint: „Ich kann, will und werde wohl nie wieder ein solches Album schreiben.“

60346108_10157507537598783_1118283628451725312_oDass „Was berührt, das bleibt.“ dabei ebenso wohlwollende Rezensionen wie Schnellschuss-Verrisse einheimst, liegt wohl in der Natur der Sache, schließlich war es bei „großer Kunst“ (dieses Siegel verleihe ich der Platte an dieser Stelle mal eben) schon immer so, dass ebendiese polarisiert. Und am Ende darf sich jede(r) nur allzu gern selbst durch die elf Stücke, in denen sich der vielseitige Liedermacher so persönlich wie nie präsentiert, hören. So oder so: es lohnt sich, denn auch ich hatte lange nicht mehr so viele Tränen im Knopfloch, so viele Wellen Gänsehaut innerhalb eines dreiviertelstündigen musikalischen Platten-Erstkontakts…

Und wer schon nicht mir Glauben schenken mag, dem sei an dieser Stelle gern die nicht minder euphorische Review des ebenfalls nicht selten großartigen Bunger’schen Liedermacher-Kollegen Wolfgang Müller ans Herz gelegt, die dieser unlängst via Facebook ins weltweite Netz entließ, denn bessere, passendere Worte habe auch ich nicht für das tolle „Was berührt, das bleibt.“, dessen Titel gleich doppelt zu bejahen ist. Gänsehaut. Nachhall. Der Rest ist hören. Danke dafür, Enno. ❤️

 

„HERZRASEN UND GÄNSEHAUT
Mit seinem neuen Album ‚Was berührt, das bleibt‘ rettet Enno Bunger die Seele des Indie-Pop. Und vermutlich sich selbst dazu.

Es passiert nicht oft, dass ich ein Album höre und nach spätestens drei Stücken ausmachen muss – nicht, weil es so furchtbar wäre, sondern weil ich die Dichte und Intensität nicht ertrage. Bei ‚Du kannst mich an der Ecke rauslassen‘ von Niels Frevert war es so, bei ‚0‘ von Damien Rice. ‚Boxer‘ von The National. Musik, die man in Zeit auflösen muss, damit man sie verdauen kann. Und jetzt also Enno Bunger. ‚Was berührt, das bleibt‘ heißt seine neue Platte, und ganz offensichtlich ist dieses Gesetz keine Einbahnstraße – das, was da geblieben ist, geschnitten in orangenes Vinyl, 44 Minuten in 11 Songs, berührt nicht nur, es trifft einen als Hörer bis ins Mark. Selten, sehr selten, bereitet mir Musik Herzrasen. Diese hier tut es.

Dabei fängt alles so harmlos an. ‚Kalifornien‘, der Opener des Albums, kommt als fröhlicher, unschuldiger Aussteiger-Song daher. Doch bereits hier, in den ersten Zeilen, zeigt sich, woraus die Texte geschnitzt sind – aus einfachen Bildern, die gekonnt zu eindringlichen Geschichten geflochten werden. Enno Bunger schafft es, Allgemeinplätze so übereinander zu legen, dass sie aussehen wie exotische Orte. Das Ergebnis erscheint dabei manchmal so naheliegend, dass man sich fragt, wieso niemand vorher darauf gekommen ist. ‚Zeit ist Geld, wir werden so reich geboren‘ wäre so ein Satz. ‚Du wünschst dir für die Zukunft die Vergangenheit zurück‘ ein anderer. ‚Mit dir in meinen Armen hab‘ ich mein Leben im Griff.‘ noch einer. Ich könnte zwei Seiten mit Zitaten aus den Songs vollschreiben, und jedes Einzelne wäre es wert, doch all das erklärt nicht die Magie des Albums. Andere Künstler, deren Namen hier gnädig hinter dem Vorhang gehalten werden sollen, schaffen ebenfalls schöne Bilder mit teils witzigen Wortspielen und eingängigen Melodien. Und trotzdem gähnen diese Songs vor Leere und Belanglosigkeit, während sich bei Enno Bunger, der Teile des Albums in Zusammenarbeit mit seiner Freundin und Musikerin Sarah Muldoon geschrieben hat, ein Garten voller Gefühle öffnet. Spätestens bei ‚Konfetti‘, einem Lied über die verstorbene Freundin seines Schlagzeugers und besten Freundes Nils Dietrich (dem mit ‚Ponyhof‘ ein eigenes Denkmal gesetzt wurde), offenbart sich ein offenes Geheimnis aufs Neue: Schöne Sätze reichen nicht. Nur wer wirklich etwas zu sagen hat, und dann noch die richtigen Worte findet, kann etwas schreiben, was die Seele berührt. Und berühren tut es. Wem nach ‚Konfetti‘ keine Tränen in den Augen oder auf den Wangen glitzern, hat keine Ohren oder kein Herz. Vergleiche verbieten sich in der Musik, aber im Olymp der Totenklagen sitzt ‚Konfetti‘ direkt neben ‚Seltsames Licht‘ von Gisbert zu Knyphausen und ‚Der Weg‘ von Herbert Grönemeyer.

‚Glaube an die Welt‘ (das ironischerweise an den letztgenannten Song erinnert) trägt die Fackel weiter in ein leeres Zimmer voller Fragen an den Sinn und Unsinn dieser Welt. ‚Wolken aus Beton‘ wiederum reißt das Fenster zur Zukunft auf. So wie das ganze Album schwankt das Lied wie ein kleines Boot zwischen Wut, Trotz und Zuversicht auf einem tosenden Meer aus Traurigkeit. Ab und zu bricht die Sonne durch die Wolken, der Wind flaut ab, und für einen kurzen Moment herrscht Frieden. Doch schon gleich darauf erlischt das Licht, und die nächste, haushohe Welle stürzt hinab und zerreißt das Segel. Man ahnt, man schmeckt wie Salzwasser, wie die letzten Jahre für Enno Bunger und die, die er liebt, gewesen sein müssen. Es spricht eine Dringlichkeit, eine Präsenz und eine Klarheit aus den Liedern, die nur jemand haben kann, der weiß, was es bedeutet, jemanden für immer zu verlieren. Und daher auch weiß, worum es am Ende des Tages wirklich geht.
Jedes Lied auf diesem Album hat eine Botschaft, eine Geschichte, einen festen Platz, ein Geburtsrecht auf Zuhörerschaft. Selbst ‚Niemand wird dich retten‘, das jedes Klischee von Superhelden-Geschichten zitiert und Computerspiel-Bilder bemüht, und es zudem noch wagt, nach Ingo Pohlmann ein Yoda-Zitat in einem Song zu verwenden, erzeugt Gänsehaut, weil man spürt, dass hier jemand jedes Wort genauso meint, wie er es sagt, und die Bedeutung des Satzes ‚Niemand hier kann dich retten, niemand außer dir selbst‘ wirklich begriffen hat.

Musikalisch wandert Enno Bunger zwischen Balladen und Indie-Pop – und darüber hinaus: ‚One-Life-Stand‘ könnte auch ein Casper-Song sein, Kalifornien treibt einen Tomte-artigen Beat vor sich her, bei ‚Stark sein‘ zwitschert beim Hören des Refrains ‚Angel‘ von Robbie Williams dazwischen, die Farbe der Stimme erinnert bisweilen an Gisbert zu Knyphausen, aber all das tut der Originalität keinen Abbruch. Auch hier schafft es Enno, aus Bekanntem etwas Neues, Eigenes und Kraftvolles zu formen, so, wie das Kunst in seiner besten Form tut.

Während viele bekanntere Indie-Musiker sich mit immer seichteren und gefälligeren Songs langsam aber sicher dem Indie-Schlager nähern, um ein Stück vom Kuchen des Mainstream-Musikmarktes zu ergattern, hat Enno Bunger den Mut gefunden, ein zutiefst persönliches und authentisches Album zu schreiben, ein wahrhaftiges Stück Musik zu erschaffen, und darin nach eigenen Angaben fast seine gesamten Ersparnisse zu versenken. In Zeiten, in denen man mit physischen Tonträgern kaum noch Geld verdienen kann, und auf große Klickzahlen bei Spotify und Co angewiesen ist, um zu überleben, ein großes Risiko. Dass die Lieder trotz der Ernsthaftigkeit fast allesamt Ohrwürmer sind, macht da viel Hoffnung und tut ihrer Tiefe keinen Abbruch, im Gegenteil. ‚Was berührt, das bleibt‘ gehört dem Streaming zum Trotz fraglos in jede Vinyl- oder CD-Sammlung. Damit das, was berührt, auch dann noch bleibt, wenn es längst keine Playlisten mehr gibt. Mit diesem Album hat Enno Bunger die Seele des Indie-Pop gerettet, und vermutlich sich selbst dazu. Dafür kann man sich nur verneigen, Konfetti werfen und Applaus klatschen. Hiermit geschehen.“

(Wolfgang Müller)

 

Hier kann man sich den Kurzfilm aus allen fünf Musikvideos zu „Was berührt, das bleibt.“ in der von Enno Bunger bestimmten Reihenfolge zu Gemüte führen:

 

Rock and Roll.

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Song des Tages #2: Enno Bunger – „Ponyhof“


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Foto: Promo / Dennis Dirksen

Ich hätte in dieser Phase eigentlich dringend einen Psychotherapeuten aufsuchen müssenAber ich wollte mich durch das Schreiben selbst therapieren. So können aus den traurigsten Anlässen die berührendsten Lieder entstehen. Die größte Scheiße, durch die man gehen muss, kann der beste Dünger für berührende Kunst sein.“

Keine Frage – diese Worte versprechen eines der wohl besten, in jedem Fall emotionalsten und berührenden deutschsprachigen Alben dieses (Musik)Jahres.

Dementsprechend herrscht seitens ANEWFRIEND immer noch große Vorfreude auf Enno Bungers am 26. Juli erscheinendes neues Album „Was berührt, das bleibt.„. So groß, dass euch hier erneut ein Stück des kommenden vierten Werkes ans Hörerherz gelegt sei.

ponyhof„Ponyhof“ heißt dieser, und ist nach „Bucketlist“ und „Stark sein“ (dieser wiederum handelt von Bungers Lebensgefährtin und wie beide mit einer Nachricht, die keiner will umgingen) bereits die dritte Vorab-Auskopplung aus dem Nachfolger zum freilich immer noch tollen 2015er Album „Flüssiges Glück„.

„Es erzählt die Geschichte von vier Menschen, die durch Liebe und Freundschaft verbunden sind, durch Schicksalsschläge und Krankheiten noch näher zusammenstehen und den Tod getrennt werden“, heißt es dazu – und der Song hat als Rede auf dem Festtag seines Schlagzeugers Nils tatsächlich so stattgefunden.

Wie auch die Vorgänger haben Bunger und sein Kreativteam, bei dem sich Dennis Dirksen für Kamera, Schnitt und Regie, Sarah Muldoon fürs Helfen beim Drehbuch, Stefan Mückner für Artwork und Assistenz sowie Nils Dietrich und Max Reckleben – nebst dem umsichtigen 32-jährigen Musiker – in Rollen vor der Kamera zuständig zeichneten, den dritten Teil vom Kurzfilm zu „Was berührt, das bleibt.“ auf Madeira und in Deutschland gedreht.

 

„Der Song Ponyhof ist meine gesungene Trauzeugenrede an den besten Freund, den man sich vorstellen kann. ‚Du bist da, wenn auch nichts im Leben sicher scheint – wenn ich von Freundschaft sprach, hab ich immer Dich gemeint.‘ Ich wünsche jedem von Euch einen Nils an Eurer Seite.“ (Enno Bunger)

 

Hier gibt’s das dazugehörige Musikvideo zum mit etwa sechs Minuten beinahe schon epischen Song, welcher einer von zwei auf dem neuen Album sein wird, die gemeinsam mit dem ehemaligen Voltaire-Frontmann Roland Meyer de Voltaire (der sich nun hinter dem Projekt SCHWARZ verbirgt und vornehmlich elektronischere Musik produziert) entstanden:

 

Bereits Ende des vergangenen Jahres hatte der norddeutsche Liedermacher für den kommenden Herbst eine ausführliche Deutschland-Tour angekündigt. Das hier sind die Daten:

08.10.19 – Essen, Zeche Carl
09.10.19 – Hannover, Musikzentrum
10.10.19 – Dresden, Beatpol
13.10.19 – München, Ampere
16.10.19 – Leipzig, Werk 2
17.10.19 – Göttingen, Musa
18.10.19 – Hamburg, Große Freiheit 36
19.10.19 – Berlin, Festsaal Kreuzberg
21.10.19 – Würzburg, Cairo
22.10.19 – Frankfurt am Main, Mousonturm
23.10.19 – Stuttgart, Im Wizemann
24.10.19 – Heidelberg, Halle 02
26.10.19 – Freiburg, Jazzhaus
28.10.19 – Erfurt, Franz Mehlhose
29.10.19 – Bremen, Schlachthof
30.10.19 – Köln, Gloria
01.11.19 – Osnabrück, Rosenhof
02.11.19 – Magdeburg, Moritzhof
03.11.19 – Rostock, Helgas Stadtpalast

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Kettcar – „Weit draußen“


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Foto: Promo / Andreas Hornoff

Ich weiß sehr genau, dass ich mich mit solchen vollkommen wahren Thesen zum x-ten Mal wiederhole, aber: wenn es eine Band im deutschsprachigen Raum recht verlässlich beherrscht, teilweise schonungslos direkte Sozialkritik in tolle indierockende Musik und diese wiederum instant in einen Kloß im Hals zu verwandeln, dann sind es wohl Kettcar (und falls diese einmal verdient pausieren, wird’s wohl deren Frontmann Marcus Wiebusch gewesen sein).

50b774f7-KettcarEP2019Final.jpgDas war auf dem letzten, 2017 veröffentlichten Album „Ich vs. Wir“ (welches es unter ANEWFRIENDs „Alben des Jahres“ schaffte) so, und ist auch auf der im März (digital) beziehungsweise vor wenigen Tagen (physisch) nachgereichten EP „Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich)„, die an die gesellschaftskritischen Inhalte des Albums auf der Mikroebene anknüpft, kaum anders. Songs wie „Palo Alto“ oder „Scheine in den Graben“ (bei dem die illustre Gästeliste im Verlauf des Songs Schorsch Kamerun von Die Goldenen Zitronen, Jen Bender von den Electro-Trashern Großstadtgeflüster, Die Ärzte-Schlagzeuger Bela B., Jörkk Mechenbier von Love A, Rapperin Sookee, Kraftklub-Sänger Felix Brummer, Marie Curry von den Hamburger HipHoppern Neonschwarz, Gisbert zu Knyphausen, Safi und David Frings von Fjørt in Kurz-Features abarbeitet) mögen zwar (bewusst) mit dem ein oder anderen Klischee spielen, sind aber vor allem: wichtig. Ebenso wie die 2001 gegründete Hamburger Band, wenn man so mag das gute schlechte Gewissen des deutschen Indierocks (was wiederum auch schon für Wiebuschs etwas mehr Richtung Schrammel-Punk angesiedelte Vorgängertruppe …But Alive galt). Neustes – und wohl der EP bestes – Beispiel ist der Abschlusssong „Weit draußen“.

Musikalisch sowie von seiner Grundstimmung her bewegt sich das Stück  wohl irgendwo zwischen „Erinnert sich jemand an Kalle Del’Haye“ von …But Alive und „48 Stunden“ von Kettcar: Im Zentrum stehen eine Akustikgitarre und Marcus Wiebuschs eindringlicher (Sprech-)Gesang, drumherum strickt die fünfköpfige Band vorsichtig etwas reduziertes Beiwerk. Der Text ist dafür umso niederschmetternder: Der Erzähler besucht eine alte Freundin, die mit ihrem behinderten Sohn vor dem Mitleid ihrer Umgebung aufs Land geflohen ist und nun Sätze sagt wie „Ich schwör‘, ich liebe mein Kind / Aber ich hasse mein Leben“. Sätze, die einem die Kehle zuschnüren. Die nachwirken. All die Wut, die Scham, die Verzweiflung und Verlogenheit einer solchen Situation wird immanent spürbar. Kloß im Hals? Ad hoc.

Das nun an die Hand gegebene dazugehörige Musikvideo setzt seines Zeichens ganz auf Kontemplation: Der Clip zeigt einfach nur die Autofahrt der Hauptfigur (Marcus Wiebusch) zu besagter Freundin aufs Land – und automatisch macht sich der Zuschauer auch jene Gedanken des „Elendstouristen“, der daran verzweifelt, wie er mit der Situation umgehen soll – und als Außenstehender – glücklicherweise – nie so ganz dieses Leben eines Elternteils eines behinderten Kindes nachvollziehen können wird. Mit all seinen Entbehrungen, aber auch schönen Tagen voll kleiner Freuden. „Zeig‘ mir einen Helden / Und ich schreib dir ’ne Tragödie…“ Uff.

 

 

„Ich weiß, du meintest, es wäre sehr weit draußen
Aber so weit draußen? Ist doch völlig verrückt!
Hier zieht man hin, wenn man nie mehr gefunden werden will
Es ist so still…

Der Garten ein Urwald, das Haus eine Hütte
Fenster und Türen mit dem Mut zur Lücke
Du trittst raus, dezentes Makup, einfach schön
Eine lange Umarmung
Es tut so gut, dich zu seh’n!

Und dann sitzen wir mit unseren wiederkehrenden Gefühlen
Auf so etwas wie Gartenstühlen, aus dem letzten Jahrhundert
Aus der Zeit gefallen, und für immer verändert
Und du fragst mich: ‚Welcher Tag ist eigentlich heute?‘
Das Babyphone zwischen uns macht so friedliche Geräusche
Der Kleine schläft, so leise und friedlich

‚Ich konnt‘ dein Mitleid nicht mehr ertragen.‘
Der Satz von dir aus dem Nichts
‚Wie ihr mein Kind angesehen habt, und dann mich
Nicht zu ertragen.‘

Du sagst: ‚Manchmal ist es hart, doch meistens OK.‘
Und ich weiß, dass du dir das nicht vorstellen kannst
Mit wie wenig man lernt, auszukommen
Wenn man nichts mehr verlangt
Wir erkennen die Lügner, wenn wir sie sehen
Nicht an der Stimme, nur an den Augen
Im Sturm auf schwankendem Boden
Und fehlendem Glauben
Du bist keiner von ihnen
Du bist niemand von denen
Wenn du Sätze sagst, wie:
‚Ich schwör‘, ich liebe mein Kind
Aber ich hasse mein Leben!‘

Auf der Rückfahrt mitten in der Nacht rechts ran
Auf einer Landstraße im Niemandsland
In der Dunkelheit jeden einzelnen Gott verflucht
Und trotzdem fast zu beten versucht
Die Fäuste aufs Lenkrad, der Kopf hinterher
Wo kommen jetzt bitte die Scheißtränen her?
Nur ein Elendstourist, der nur ahnt wie es ist
Und das Ganze ganz schnell vergisst

Aber deine Sätze noch im Ohr
Deine Sätze, wie Handgranaten
Die Chance war halt Eins zu zwei Millionen
Dass der Kleine genau damit geboren wird
Die Chance war da und wir waren halt dran
Und nun durchhalten
Und tun, was man kann

Ja, jeder kann glücklich werden, ja ja
Aber nicht alle
Ja, jeder kann glücklich werden
Aber nie, nie, nie alle

Und beim Abschied dann der übliche Scheiß:
‚Wir sehen uns bald wieder!‘
Und ich weiß, dass du weißt, dass das nicht passieren wird
Nicht so bald
Der Elendstourist weiß, wie das ist
Wir erkennen die Lügen nicht an der Stimme
Nur an den Augen

Du sagst: ‚Manchmal ist es hart, doch meistens OK.‘
Und ich weiß, dass du dir das nicht vorstellen kannst
Mit wie wenig man lernt, auszukommen
Wenn man nichts mehr verlangt
Wir erkennen die Lügner, wenn wir sie sehen
Nicht an der Stimme, nur an den Augen
Im Sturm auf schwankendem Boden
Und fehlendem Glauben
Du bist keiner von ihnen
Du bist niemand von denen
Wenn du Sätze sagst, wie:
‚Ich schwör‘, ich liebe mein Kind
Aber ich hasse mein Leben!‘

Zeig‘ mir einen Helden
Und ich schreib dir ’ne Tragödie…“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Enno Bunger – „Bucketlist“


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Enno Bunger: guter Typ. Ja, im Ernst – bereits seit Bestehen dieses bescheidenen Blogs ist der Hamburger Liedermacher ein gern gehörter Gast in meinen Lauschern sowie sicherer Kandidat für den ein oder anderen Besuch in meiner Playlist…

60346108_10157507537598783_1118283628451725312_oInsofern bin ich dementsprechend gespannt auf das nun für den 26. Juli angekündigte vierte Album „Was berührt, das bleibt.„, seines Zeichens Nachfolger des 2015er Werks „Flüssiges Glück„, welches seinerzeit unter anderem den auch heute noch großartigen – da mit klarer Kante und Meinung vorgetragenen – Song „Wo bleiben die Beschwerden?“ enthielt. Wohin die musikalische Reise von und für Enno, der den neuen Longplayer vor wenigen Tagen mit den Worten „Uff. Mir fällt ein Riesenalbum vom Herzen.“ ankündigte, gehen wird? Das Vorbote „Bucketlist“ gibt ein erstes, nicht eben schlechtes Indiz…

Zu kraftvoller, mal gen Indiepop, mal gen Indierock pendelnder Instrumentierung, welche sich irgendwo zwischen seinen letzten Alben oder etwa Caspers tolle Durchbruchswerken „XoXo“ und „Hinterland“ parkt, jedoch immer noch das geliebte Piano im Vordergrund belässt, singt Enno Bunger – völlig zu unrecht immer noch mehr Geheimtipp, als er es sein sollte – darüber, nichts mehr nach hinten zu schieben, um sich an jeden Schritt in seinem Leben mit einem Lächeln erinnern zu können. Scheiß auf die ewige Bucketlist – carpe diem, Baby! Ein durch und durch vorwärtsgerichtetes Lied, das durchaus zum Nachdenken anregt und das bei dem politisch interessierten und gesellschaftskritisch denkenden 32-jährigen Musiker sicherlich nicht nur auf die eigene Privatleben-Nabelschau zu übertragen ist – und mächtig Laune aufs kommende Album macht.

 

„Eine Bucketlist ist eine Liste, auf die man all die Dinge schreibt, die man im Leben noch machen will, bezugnehmend auf die englische Redewendung ‚to kick the bucket‘, auf deutsch: den Löffel abgeben. Der Song handelt von meiner Erfahrung, nach mehreren einschneidenden Erlebnissen nichts mehr (auf die Bucketlist) aufschieben zu wollen, sondern die Zeit, die mir gegeben ist, jetzt zu nutzen, für alles, was mir wirklich wichtig ist. ‚Kein Kompromist mehr, kein Platz mehr für halbe Sachen – das was Du wirklich willst, das musst Du alles machen.'“

 

Hier gibt’s das dazugehörige Musikvideo, welches laut Enno Bunger der erste Teil einer Geschichte zum neuen Album sein soll und somit mit den nächsten Videos fortgesetzt werden wird:

 

Rock and Roll.

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