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Song des Tages: HAIM – „Right Now“


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Anno 2012 war dieser bescheide Blog wohl einer der ersten im deutschsprachigen Raum, der den aus Los Angeles stammenden Schwestern Danielle, Alana und Este Haim eine große, steile Popkarriere zutraute. Zu recht?

Nun, was Vorabsongs wie „Forever“, „Don’t Save Me“ oder „Falling“ – vor allem auf Bühnenbrettern – versprachen, konnte das ein Jahr später veröffentlichte (und nicht nur auf und von ANEWFRIEND sehnlichst erwartete) Debütalbum „Days Are Gone“ nur in Maßen einhalten. Klar, die Popsongs der drei Haim-Schwestern vermittelten zwar eine ungefähre Ahnung davon, „wie eine gemeinsames Bandprojekt aus der unbedarften Siebziger-Jahre-Version von Fleetwood Mac (Stevie Nicks! Lindsey Buckingham!), Prince, Tom Petty, TLC oder der seligen Aaliyah mit den Mitteln des Jahres 2013 wohl klingen möge“ (ich zitiere mich selbst), im Endeffekt tönte die Konserve jedoch viel zu brav und weit weg von dem, was Danielle, Alana und Este live abzuliefern im Stande waren (und sind), während sich die drei – girls will be girls – lieber modisch in Szene setzten und sich auf Instagram und Co. an der Seite von neuen BBFs wie Taylor Swift zeigten. Von daher dürften HAIM bis heute als das popkulturelle Pedant zu „ewigen Fussballtalenten“ wie Marco Reus oder Mario Götze gelten – höchst veranlagt und für jeden Fussballfan – unabhängig von Vorlieben und Trikotfarben – ein Augenschmaus, ihnen beim Spielen mit und gegen das runde Leder zuzuschauen. Aber auch immer noch große Versprechen ohne die ganz großen Meriten (obwohl zumindest Mario Götze mit seinem Siegtor zum deutschen Weltmeistertitel im Jahr 2014 bereits seinen Platz in den Fussballanalen sicher hat). Ob da noch was kommt? Abwarten.

Doch zurück zur Musik. Zurück zu HAIM.

Den Teasern der vergangenen Tage und Wochen auf Youtube, Facebook und Co. lassen die drei Schwestern nun Taten folgen. Nachdem HAIM ein paar Tage lang das gestrige Datum in den sozialen Netzwerken nannten, ohne konkret zu sagen, was denn da wohl passieren würde, wurde gestern das wohl Naheliegendste enthüllt: Nach über drei Jahren Veröffentlichungspause haben Danielle, Alana und Este endlich neue Musik veröffentlicht.

HAIM haben nicht nur einen (sehr verheißungsvollen) neuen Song namens „Right Now“ eingespielt, sie haben sich dabei auch von Hollywood-Regisseur Paul Thomas Anderson („The Master“, „There Will Be Blood“, „Magnolia“) filmen lassen. Ihr so entstandenes neues Video kündigen sie auf Facebook wie folgt an: „This is where we start… live in the studio. We were so lucky to work with the amazing Paul Thomas Anderson on capturing just us. One take, live, at Valentine Studios during the recording of our second album. There’s more to come, but this is it for right now.“

Ein paar Details mehr wurden ebenfalls bekannt: Der Nachfolger ihres 2013 erschienenen Debüts „Days Are Gone“ wird „Something To Tell You“ heißen und am 7. Juli erscheinen. Produziert haben das neue Album Rostam Batamanglij von Vampire Weekend und Ariel Rechtshaid (welcher wiederum das tolle Vampire-Weekend-Album „Modern Vampires Of The City“ oder HAIMs „Days Are Gone“ einrichtete und auch sonst – mit Namen wie Adele, Beyoncé, Madonna oder Brandon Flowers in seiner Produzentenvita – kein Unbekannter sein dürfte), die erste offizielle Single soll am 3. Mai erscheinen. Richtig: „Right Now“ ist also nur als viereinhalbminütiger Gruß aus dem Studio zu verstehen. Aber was für einer! Das Pop-Versprechen lebt.

  

  

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Tobias Jesso Jr. – Goon (2015)

goon-erschienen bei True Panther/Matador/Beggars/Indigo-

Manch eine Musikerbiografie wirkt beinahe derart holzschnittartig, dass man mit Fug und Recht glauben könnte, irgendein findiger Promoagent habe sie am Multimediaschreibtisch zurechtgeschnitten, um seinem jüngsten Schützling einen adäquaten Vom-Regen-in-die-Traufe-zum-Glück-Lebenslauf mit an die Künstlerhand zu geben. Der von Tobias Jesso Jr. etwa.

Denn obwohl man den 29-jährigen Eins-Neunzig-Schlacks mit Wuschelhaar und Hundeblick im Grunde als „Newcomer“ führen könnte, hat Jesso Jr. doch schon Einiges an Erfahrung im Löwenkäfig Musikgeschäft gesammelt – und das ausgerechnet und standesgemäß im Moloch Los Angeles. Dorthin hatte es den gebürtigen Kanadier wohl einst der Liebe und der Träume wegen verschlagen. Und zunächst schien das alles auch aufzugehen. Seine erste (Gitarren-)Band, The Sessions, in der er selbst die Basssaiten zupfte, versuchte sich mit fett auftrumpfender Produktion von Bob Rock (Metallica, Bon Jovi etc. pp.) am Durchbruch. Doch der blieb aus. In der nächsten Band, die es noch nicht einmal schaffte, sich einen Namen zuzulegen, sprang kurzfristig der Sänger ab, Jesso Jr. übernahm – und gleich nach dem ersten Auftritt war auch schon wieder Schicht im Schacht (was wohl eher an der Schnelllebigkeit LAs als an Jesso Jr.s Gesangstalent lag). Wenig später, 2012, sollte es sogar noch ärger kommen: Tobias Jesso Jr. wurde von seiner Freundin verlassen, versuchte sich relativ erfolgsfrei als professioneller Songwriter in der Stadt der Engel, fiel bei  einem Unfall gar derartig ungünstig vom Fahrrad, dass er für lange Zeit nicht einmal mehr Gitarre spielen konnte (plus: der Drahtesel wurde ihm am Unfallort geklaut). Als dann auch noch seine Mutter an Krebs erkrankte, war das Maß erreicht. Jesso Jr. zog zurück ins heimatliche North Vancouver und (vorerst) einen Schlussstrich unter das Kapitel LA. Doch das Schicksal spielt seine Karten eben meist dann, wenn man es selbst am wenigsten erwartet…

Foto: Robert Gauthier / Los Angeles Times

Foto: Robert Gauthier / Los Angeles Times

Daheim im Hotel Mama erwachte der ambitionierte Rockstar a.D. eines frühen Morgens aus einem Albtraum, tigerte aus seinem Jugendzimmer zum Klavier seiner Schwester und schrieb das Lied „Just A Dream“: „Last night I had a bad dream / That the world would end and would be forever ending / I know it’s not that nice but hey / It’s just a dream, it’s just a dream“. Knapp viereinhalb Minuten, in dessen Demo-Fassung das Tasteninstrument schonmal schief und verstimmt klingt, während Jesso Jr. die Worte derart liebreizend und aufrichtig windschief-verhuscht vorträgt, dass man beinahe glaubt, den Hundeblick durchhören zu können. Für ihn selbst war das der „Durchbruch“: „Ich hatte das Gefühl, dass das Klavier den Song genug ausfüllte, sodass meine kleine Stimme nicht weiter ins Gewicht fiel und sich in den Klang gut einfügte. Wenn man zur Gitarre singt, braucht man eine bessere Stimme, damit der Gesang wirkt“, wie er selbst im Interview mit dem „Rolling Stone“ erklärt. Schon kurz darauf hatte er eine Handvoll Demoaufnahmen zusammen, die er – flankiert von „Just A Dream“ – an Chet „JR“ White, den Bassisten seiner kurz davor aufgelösten Lieblingsband Girls, schickte. Und siehe da: Der war vom vielversprechenden Talent Jesso Jr.s scheinbar derart begeistert, dass er den Jungen nicht nur einfliegen ließ und federführend die Produktion weiterer Songs in die Hand nahm, sondern auch seine Kontakte spielen ließ und weitere Musikproduktionsasse wie den Black-Keys-Schlagzeuger Patrick Carney, John Collins (The New Pornographers) und den Grammy-prämierten Hipster-Regelschieber Ariel Rechtshaid (HAIM, Vampire Weekend, Madonna, Beyoncé…) mit ins Boot holte. Und was sich auf der Wortkante wie der erneute Schritt in die falsche Richtung liest, verleiht Tobias Jesso Jr.s Debütalbum wohl erst die richtige Note…

tjj-13Schon der Albumtitel „Goon„. Wer dem Englischen mächtig ist (übersetzt heißt es „Trottel“) und anhand der Biografie des 29-Jährigen Eins und Eins zusammenzuzählen versteht, dem wird schnell klar, dass mehr als eines der zwölf Stücke durchaus autobiografisch auf die Zeit in Los Angeles zurückblickt. Und schon der erste Song, „Can’t Stop Thinking About You“, wirkt, als hätte ihn Jesso Jr. nur mal eben zufällig an einem Hotellobby-Piano dahingeklimpert: „Marianne, I lost you in a dream / Then, the dream came true / Marianne, tell me every little thing / That you’re going through / There’s got to be something I could do / I can’t stop thinking about you“. Sehnsuchtszeilen, klar. Und freilich ist Tobias Jesso Jr. auch nicht der begnadeste Sänger vorm Musikherrn. Doch die Art, wie all diese Songs aus der Zeit des 21. Jahrhunderts, in dem alles immer schneller, lauter, besser und greller sein muss, gefallen zu sein scheinen, ist – fünf Euro in die Wortspielkasse – „ganz großes Kino“. Im Mittelpunkt stehen – „The Wait“ oder der Albumabschluss „Tell The Truth“ mal außen vor – ganz die schwarz-weißen Tasten und Jesso Jr.s kleine große Stimme. Das größte Kompliment an den Solo-Debütanten und sein Produktionsteam dürfte sein, dass mal wohl unweigerlich an John Lennon (das großartige „Without You“, bei dem HAIM-Schwester Danielle hinterm Schlagzeug sitzt), Harry Nilsson („Can’t Stop Thinking About You“, „Crocodile Tears“), Randy Newman („Hollywood, „Just A Dream“), Billy Joel oder Elton John denken muss – alles Größen der gepflegten pianolastigen Musikunterhaltung, deren Qualität man in der Schnelllebigkeit der Jetzt-Zeit oftmals vergeblich sucht und die man daher umso mehr vermisst. Wie gerufen kommen da Jesso Jr.s Stücke, deren warmes Ambiente einen dezenten Sixties-/Seventies-Vibe verbreiten und schon nach ein, zwei Durchgängen süffisant nach Instant Klassikern riechen. Dass dem mit Beatles-Melodien aufgewachsen Pop-Fan (nach eigener Aussage sei er ein „Paul-Typ“), der sich auch schonmal den ein oder anderen kleinen Melodiebogen „ausleiht“, dafür das Gespür für die nötige Eingängigkeit abhanden kommt, ist beachtlich. Klar ist Jesso Jr.s sehnsuchtsvoll schmachtendes Textwerk kein Shakespeare oder Satre, aber dennoch ist gerade „Hollywood“, die bittere Abrechnung mit den Schattenseiten der vermeintlichen Traumfabrik, famos anzuhören: „So I found the best advice: ‚Go and get a job‘ / But I don’t know if I can take it ‚cause I never understood / How everybody lies in Hollywood / Somewhere, I lost my mind; it’s never coming back / And I don’t know if I can make it and I don’t know if I should / I think I’ll say goodbye to Hollywood“. Ein paar Streicher, ein klein wenig Bandbegleitung – weniger ist auf „Goon“ genau das richtige Mehr.

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Man mag ja an Tobias Jesso Jr.s Geschichte so Vieles doof finden – die Schablonenhaftigkeit, mit der ein junger, ambitionierter Künstler erst vielfach aufs eigene Mundwerk fallen muss, um schließlich den längst ad acta gelegten Erfolg einzuheimsen. Den verträumt-melancholischen Hundeblick, der in beinahe in jeder Minute der Dreiviertelstunde dermaßen durchschimmert, dass man den Jungen zuerst in den Arm nehmen und dann ein eiskaltes Erfrischungsgetränk ausgeben möchte. Die an Perfektion grenzende Patina der zeitlosen Seventies-Liedkunst, die Jesso Jr. und seine Helfer ins Hier und Jetzt transportieren. Aber wer es schafft, bereits das eigene Debüt nach John Lennon, Paul McCartney, Harry Nilsson, Randy Newman, Billy Joel, Elton John, Todd Rundgren, Nick Drake oder Ron Sexsmith klingen zu lassen (und das, obwohl Jesso Jr. laut eigener Aussage einen Großteil dieser Künstler erst während der Arbeit an seinem Album kennen lernte), während man sich darüber hinaus noch eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt, dem gebührt jeder einzelne Applaus, jeder Erfolgscent. Denn „Goon“ ist vor allem eines: liebeswert aus der Zeit gefallen und windschief schön, aufrichtig romantisch und zu Herzen gehend melancholisch. Bei einem so gelungen Einstand hat man im rein künstlerischen Sinne schon (fast) ausgesorgt. Und siehe da: mittlerweile hat selbst Adele, ihres Zeichens Tobias Jesso Jr.s Lieblingskünstlerin, bereits einen Tweet zu „How Could You Babe“ abgeschickt (und das war ausgerechnet ihr bisher einziger in diesem Jahr), während die Klatschpresse dem Künstler selbst schon eine Romanze mit Taylor Swift – aktuelles weltweites Pop-Sternchen Nummero Uno – nachsagt und er seine Songs in TV-Shows wie „Late Night with Conan O’Brien“ einem Millionenpublikum vortragen darf. Scheint ganz so, als hätte das Schicksal doch noch ein Happy End für Tobias Jesso Jr. parat. Und Mutti geht’s mittlerweile auch wieder besser…

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Hier gibt’s das von Adele höchstselbst approvede Musikvideo zu „How Could You Babe“…

 

…und Tobias Jesso Jr.s Auftritt bei „Late Night with Conan O’Brien“, bei dem er „Without You“ zum Besten gab…

 

…während man auf Soundcloud freilich noch weitere Hörbeispiele findet:

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: James Bay – „Forever“


James Bay

Manchmal braucht’s nicht viel, um sich mitten ins Herz zu spielen. Oder wie es der Blog „Tender Lentil“ in diesem Fall so schön zusammenfasst: „10 seconds in and I am in love. James Bay, who are you, and how have you broken my heart like this? This cover of Haim‘s Forever is one of the most incredibly simplistic and soulful cover songs I have heard in a very long time. It’s turned the original on its head, drawing on the lyrics in a way that entirely tugs at the heartstrings. I will be keeping tabs on you, Mr. Bay.“.

Denn in der Tat gelingt es erwähntem James Bay, einem 22-jährigen britischen Singer/Songwritertalent, mit einfachsten Mitteln – einer sanft angepickten E-Gitarre und seiner soulful schmelzverzierten Stimme -, sich das im Original von der drei HAIM-Schwestern Este, Danielle und Alana stammende „Forever“ (erschienen auf deren 2013er Debüt „Days Are Gone“) ganz in gar zu eigen zu machen und dem Song alle Poppigkeit über die Ohren zu ziehen. Falls der Brite bei den eigenen Stücken (zwei EPs sind bereits in Umlauf, das Debütalbum in der Mache) ein ähnlich goldenes Händchen wie bei der Wahl der Coverversionen besitzt, lässt das auf Großes hoffen… Für’s Erste drücken wir bei Bays „Forever“-Variante gern auf Play und Repeat.

 

 

 

Rock and Roll.

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Die Woche in Bild und Ton…


Damit ihr nicht vollkommen den Überblick über alle hörens- und sehenswerten Neuerscheinungen der letzten Woche(n) verliert, hat ANEWFRIEND hier wieder einige der Video- und Songneuerscheinungen der letzten Tage für euch aufgelesen…

 

Haim – If I Could Change Your Mind

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Neues von der Front der drei Haim-Schwestern Alana, Danielle und Este gibt es in Form des Musikvideos zur neuen Single „If I Could Change Your Mind“, in welchem das Trio dem Song in bester Seventies-Studioatmosphäre und mit fein einstudierten Tanzschritten den – falls noch benötigten – Beweis nachreicht, dass Haim eben genauso sehr vom Westcoast-Rock á la Fleetwood Mac beeinflusst wurden wie von Girlgroup-R’n’B der Güteklasse TLC oder Destiny’s Child – oder wie’s die Vogue ausdrückt: „stripped-back nu-folk–meets–nineties-R&B-pop“. Als individuelle Single lässt sich das freilich super durch die Gehörgänge spülen, auf Albumlänge (man höre das im vergangenen Jahr erschienene Debüt „Days Are Gone„) wirkt die Indiepop-Melange jedoch leider etwas weniger homogen. Wenn ihr mich fragt: Dann doch lieber die Rockismen der Haim’schen Liveshows…

 

 

 

Judith Holofernes – Ein leichtes Schwert

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Ganz ähnlich verhält es sich auch bei „Ein leichtes Schwert„, dem Solo-Debüt von Wir sind Helden-Frontfrau Judith Holofernes. Denn obwohl ich als Fan des letzten Albums ihrer Stammband („Bring mich nach Hause„, von 2010), auf welchem die heute 37-jährige „Heldin“ besonders mit großen Melancholieanklängen glänzte, Holofernes‘ – freilich längst überfälligem – Alleingangserstling mehr als wohlwollend gegenüber stand, so tat sich doch beim ersten, beim zweiten, bei dritten Durchgang: herzlich wenig. Zwar hat das Album auch seine Glanzlichter – etwa „Brennende Brücken“ oder das große „Havarie“ -, im Gros überwiegt jedoch das lyrische Einerlei aus geschildertem Windelchaos, Dada-Textlego und großstädtischer Latte-Machiatto-Poesie, zu welchem Frau Holofernes – man mag’s Selbstironie nennen – die Argumente für’s sympathische Scheitern auf hohem Niveau gleich selbst liefert: „Als du keine Brüste hattest / Warst Du eine coole Sau / Seit du dir der Brust bewusst bist / Bist du lieber eine Frau“ (aus „Platz da“).

Nichtsdestotrotz ist das Musikvideo zum Titelstück des Album äußerst niedlich geraten: Holofernes kämpft sich im Ritterkostüm und mit Stoffpferdchen durch den Berliner Großstadtdschungel – „Where The Wild Things Are“ meets „Der Himmel über Berlin“. Und die Holofernes’sche Melancholie fährt in der S-Bahn nebenher.

„Gib‘ mir ein leichtes Schwert für meine schwere Hand / Eins das führt, wenn ich folge und folgt, wenn ich führe…“

 

 

 

Damon Albarn – Lonely Press Play

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Auch Damon Albarn ist als dauerbeschäftigter On/Off-Frontmann der Britpop-Institution Blur, als audiovisueller Kopf der Gorillaz, als singender Vorstand der Allstar-Band The Good, The Bad & The Queen, Opernkomponist oder Weltmusik-Weltenbummler quasi auf Jahre hin gut und ausfüllend beschäftigt. Eventuell mag das der Grund sein, wieso der 45-Jährige – nach immerhin mehr als zwanzig Jahren im Musikgeschäft – erst jetzt auch unter eigenem Namen den Solo-Auftritt startet. Bevor das Debütalbum „Everyday Robots“ im April erscheint, schickt Albarn mit „Lonely Press Play“ einen weiteren Song voraus (den Titelsong und „Photographs (You Are Taking Now)“ gab’s bereits zu hören). Und der erinnert mit seinen stimmungsvollen Bildern einer Japan-Tour und der sanften Instrumentierung – im besten Sinne – frappierend an die große Entschleunigungshymne „Out Of Time“ vom bislang letzten, auch schon wieder elf Jahre zurückliegenden Blur-Album „Think Tank„…

 

(Alternativ kann man sich das Musikvideo zu „Press Lonely Play“ auch via Vimeo anschauen…)

 

 

Band Of Horses – Heartbreak On The 101 (live on the Hollywood Sign)

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Dass Seattle in der Vergangenheit nicht nur kulturell wertvolle Grunge-Heroen wie Nirvana oder Pearl Jam, sondern auch tollen Southern Indierock hervor brachte, dürfte spätestens seit 2004 durch das Quintett Band Of Horses bekannt sein. Dass sich die Vorliebe für deutsche Basketballspieler und das Tragen von Stetson-Hüten und waschechten Cowboy-Boots keineswegs ausschließen, ebenso. Und überhaupt hat sich die Band um Sänger und Frontmann Ben Bridwell mit Evergreens wie „The Funeral“ und „No One’s Gonna Love You“ längst unsterblich gemacht… Nach vier Alben kann man sich durch das kürzlich erschienene „Acoustic at the Ryman“ nun auch einen akustischen Eindruck von den Live-Qualitäten der Band verschaffen.

Und auch das Musikvideo zu „Heartbreak On The 101“, welches im Original vom letzten, 2012 veröffentlichten Studioalbum „Mirage Rock“ stammt, passt irgendwie wunderbar ins Klangbild der Band Of Horses, dienten doch ausgerechnet die weltbekannten Hollywood-Buchstaben von Los Angeles als Kulisse…

 

 

 

Manchester Orchestra – Top Notch + Every Stone

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Groß, mächtig, pathetisch – all diese Begriffe konnte man in der Vergangenheit auch auf die Songs und Alben von Manchester Orchestra anwenden. Dass die Band aus Atlanta, Georgia mit dem vierten, im April erscheinenden Album „COPE“ nicht eben eine 180-Grad-Wende begehen würde, dürfte als gesichert gelten. Nachdem es den ersten Vorgeschmack „Top Notch“ bereits als Song zu hören gab, reicht die Band nun ein Musikvideo nach, zu dem Frontmann Andy Hull folgende Worte fand: „The song is about two brothers trying to escape a fire. We tried to create something that told less of an immediate story and caused more of a gut reaction. Something to be interpreted without laying it all out in front of you. It’s also quite terrifying. Like somebody was digging and found this VHS artifact in the ground.“ 

 

 

Zur Überbrückung der Wartezeit bis zum Erscheinen des Albums geben Manchester Orchestra allen Freunden und Fans mit einem kurzen Making Of noch einen Einblick in den Schaffensprozess von „COPE“ und lassen mit dem Dreieinhalbminüter „Every Stone“ sogar noch einen weiteren Song des Albums aufs weltweite Netz los…

 

 

Sophia –  It’s Easy To Be Lonely

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Auch Robin Proper-Sheppard und seine One-Man-Show Sophia zeigen sich in Geberlaune. Dabei war es – zumindest veröffentlichungstechnisch – sehr lange ruhig um die Band, immerhin liegt das letzte Album „There Are No Goodbyes“ bereits satte fünf Jahre zurück. Nun meldet sich Proper-Sheppard mit dem Song „It’s Easy To Be Lonely“, der, wie vergangene Großtaten auch, mit sehr viel Gefühl und Melancholie auf sanften Pfötchen daher schlurft, zurück. Im März stehen für Sophia erst einmal drei Shows in Belgien an, die die Band gemeinsam mit den Schweden New Found Land spielen wird. Wann genau der Nachfolger zu „There Are No Goodbyes“ erscheinen wird, ist im Moment noch nicht klar. Auch über Artwork und Titel hält sich Proper-Sheppard bisher bedeckt. Eines ist jedoch sicher: das sechste Sophia-Album ist auf dem Weg. Und bis dahin kann man sich „It’s Easy To Be Lonely“ auf der reichhaltigen Bandcamp-Seite zu Gemüte führen und bei Gefallen sogar kostenlos aufs heimische Abspielgerät laden…

 

 

Rock and Roll.

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Die Woche in Bild und Ton…


Damit ihr nicht vollkommen den Überblick über alle hörens- und sehenswerten Neuerscheinungen der letzten Woche(n) verliert, hat ANEWFRIEND hier wieder einige der Videoneuerscheinungen der letzten Tage für euch aufgelesen…

 

Pearl Jam – Sirens & ein Kurzfilm zum neuen Album „Lightning Bolt“

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Wenn die eigene Lieblingsband ein neues Album veröffentlicht, dann ist es – Blog hin oder her – durchaus gestattet, ein gutes Stück der oft genug vorhandenen kritischen Haltung über Bord zu werfen und sich einfach mal der hemmungslos überbordenden Vorfreude hinzugeben… Zumindest sieht’s momentan so bei Pearl Jam und mir aus.

Wie bereits bekannt erscheint in gut zwei Wochen mit „Lightning Bolt“ Album Nummer zehn der ewig relevanten Grunge-Dinos. Nachdem die Band bereits das forsche „Mind Your Manners“ ins freudige Netzrund schickte, bekommt man nun mit „Sirens“ einen zweiten Song zu hören. Das Stück aus der Feder von Gitarrist Mike McCready ist zwar vergleichsweise ruhig geraten, aber – hach – irgendwie auch auf wunderbare Weise einfach… schön. Und wer mosert, dass das Video lediglich eine unspektakuläre Band-Performance im Gegenlicht zeigt, den darf ich gern daran erinnern, dass wir in diesem Punkt eine bandinterne Revolution im Kleinen erleben. Denn scheinbar haben Pearl Jam auch hier ein wenig Altersmilde walten lassen und zeigen sich, nach „Mind Your Manners“, bereits zum zweiten Mal in Folge selbst in einem Clip, nachdem man in den Neunzigern noch jegliche Zutraulichkeit den Medien gegenüber verweigerte…

Wer ein wenig mehr über „Lightning Bolt“ erfahren möchte, bekommt im neuen, knapp neunminütigen Kurzfilm (welcher, wie das Musikvideo zu „Sirens“ auch, von Musikregisseur Danny Clinch stammt) ein paar mehr Einsichten in die Inspirationen, Pearl Jams politisches wie soziales Bewusstsein, das Bandgefüge und den Zusammenhang zwischen Surfen und Songschreiben.

 

 

 

 

Junip – Walking Lightly

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Geradezu leichtfüßig und meditativ kommt „Walking Lightly“, die neue Single vom schwedischen Trio Junip, daher. Dass das dazugehörige selbstbetitelte Album durchaus große Qualitäten besitzt, weiß der regelmäßige Leser dieses Blogs natürlich. Trotzdem stehen diese von Regisseur Fredrik Egerstrand in Szene gesetzten Bilder der Band um Ausnahmestimme José González ausgezeichnet: Wald und Wiese, die Dämmerung kurz vor der Düsternis, schaler Lichtschein, Nebel. Die Band legt vor den Augen von Fuchs und Hase einen intimen Vortrag hin und bleibt am Ende in rot umleuchteter Fauna zurück…

 

 

 

Foals – Out Of The Woods

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A propos „Wald“, a propos „dem treuen Leser bekannt“: Das Unterholz trägt auch „Out Of The Woods“, seines Zeichens die nächste Auskopplung aus dem aktuellen, Anfang des Jahres erschienenen Foals-Album „Holy Fire„, im Namen. Doch wo bei Junip noch Ruhe und Gelassenheit herrschten, wartet hier auf die Protagonistin, welche auf ihren Wegen durchs triste Hochhauseinerlei auch Foals-Sänger Yannis Philippakis begegnet, am Ende eine vermeintlich böse Überraschung…

Übrigens: Wer nach drei bislang erschienenen Studioalben bereits auf eine neue Veröffentlichung des englischen Quintetts wartet, dem sei der ab Ende Oktober in den Regalen stehende Konzertfilm „Live at the Royal Albert Hall“ ans Hörerherz gelegt (den kurzen Trailer gibt’s ebenfalls hier und heute!)…

 

 

 

 

Arcade Fire – Reflektor

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Kaum eine Band hat in den letzten Jahrzehnten derart eindeutig ebenso Kritiker wie Hörer (also: die eigentlichen Endverbraucher) von der eigenen Qualität überzeugen können wie die Kanadier von Arcade Fire.  Mehr noch: Eventuell kam der kommerzielle Durchbruch gerade weil man sich bei all den tollen, eingängigen Melodien stets einen Schuss Kunst – in der Art, wie sie beflissene Hochschulabsolventen definieren würden – und Künstlichkeit bewahrt hat…

Da wundert es kaum, dass aktuell ein riesiger Bohei um den Nachfolger zum vor drei Jahren erschienenen und völlig zurecht mit massig Preisen dekorierten „The Suburbs“ gemacht wird: geheimnisvolle Graffitis zu Werbezwecken an Metropolen-Häuserwänden rund um den Globus, nicht weniger kryptische Twitter-Kurzformel, ein munteres Rätselraten um namenhafte potentielle Gastbeiträge, Albumtitel und Setlists… Ob „Reflektor“, Album Nummer vier von Win Butler, Régine Chassagne & Co., all die Aufregung wert ist, erfahren wir am 25. Oktober. Hier gibt’s schon einmal das Titelstück nebst würdevollem Schwarz-weiß-Video, für das kein Geringerer als Kultfotograf und Gelegenheitsregisseur Anton Corbijn die Verantwortung hinter den Kameras übernahm. Und: Ist im Stück da nicht irgendwo David Bowie zu hören? Arcade Fire bleiben rätselhaft…

„Just a reflection of a reflection of a reflection of a reflection of a reflection / But I see you on the other side / We all got things to hide…“

 

 

 

Sun Kil Moon – Richard Ramirez Died Today Of Natural Causes

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Wenn man aktuell wohl „Produktivität“ in Wikipedia nachschlägt, so könnte es gut sein, dass man unter der Entsprechung im musikalischen Sinn ein Foto von Mark Kozelek wiederfindet. Immerhin hat der ehemalige Red House Panters-Frontmann in diesem Jahr bereits drei Studioalben – das Soloalbum „Like Rats“, die fantastische Zusammenarbeit mit The Album Lear-Kopf Jimmy LaValle, „Perils From The Sea„, und zuletzt das ebenfalls tolle, gemeinsam mit Desertshore zustande gebrachte „Mark Kozelek & Desertshore“ – sowie etliche Livealben in die digitalen wie haptischen Plattenregale gestellt. Dabei kam jedoch seine derzeitige Quasi-Stammband Sun Kil Moon zu kurz, liegt doch deren letztes Album „Among The Leaves“ bereits über ein Jahr zurück (es erschien im Mai 2012 – im derzeitigen Kozelek’schen Veröffentlichungsrhythmus beinahe eine halbe Ewigkeit).

Das holt der umtriebige 46-jährige US-Songwriter nun nach und hat für Anfang 2014 mit „Benji“ Sun Kil Moon-Album Nummer sechs in Aussicht gestellt, zu welchem unter anderem Sonic Youth-Schlagzeuger Steve Shelley, Will Oldham (aka. Bonnie ‚Prince‘ Billy), Owen Ashworth (Casiotone For The Painfully Alone) und Jen Wood (Postal Service) musikalische Gastbeiträge geben werden. Mit dem ungewohnt spröden, unterschwellig aggressiven „Richard Ramirez Died Today Of Natural Causes“ gibt es hier bereits einen kleinen Vorgeschmack auf „Benji“…

 

 

 

Haim – Wrecking Ball

haim - live lounge

Gut, Miley Cyrus‘ Fremdschäm-Moment bei den VMAs ist ausreichend diskutiert worden, ihr Musikvideo zu „Wrecking Ball“ hat für nicht weniger pikierte Blicke und massig Nachahmer gesorgt – wenn man heutzutage als ehemaliger Disney-Star noch für Imagewechsel und Aufmerksamkeit sorgen möchte, dann muss man schon All In gehen, wie’s scheint… (siehe auch: Lindsey „Exzess“ Lohan. siehe auch: Britney „It’s Britney, bitch!“ Spears. siehe auch: Xtina „Latina-Rollmops“ Aguilera.)

Die drei jungen Rockhühner von Haim, die mit ihrem Debütalbum „Days Are Gone“ zufälligerweise auch ANEWFRIENDs aktuelles „Album der Woche“ stellen, haben das wohl derzeit – und auch in Zukunft – kaum nötig. Trotzdem haben sie sich im Rahmen ihres Besuchs bei der Radioshow des BBC-Senders Radio 1 nicht nehmen lassen, den Miley Cyrus-Gassenhauer „Wrecking Ball“ von der Nudisten-Abrissbirne zu kratzen und das Stück in eine amtliche Rocknummer verwandelt…

 

 

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Haim – Days Are Gone (2013)

Haim - Days Are Gone (Cover)-erscheint bei Vertigo/Universal-

Manchmal ist der Hype schon ein zweischneidiges Schwert. Eines, das mir nichts, dir nichts die mäßig talentierte Spreu vom langlebig tönenden Weizen trennt. In den unendlichen Spähren des weltweiten Netzes, in denen heutzutage (beinahe) jeder seinen Kommentarsenf dazugeben darf, werden Künstler erst in den höchsten Tönen gelobt, um gleich am nächsten Tag gnadenlos verrissen und als ehemals vielversprechende Eintagsfliege fallen gelassen zu werden. Wer da bestehen mag, der braucht schon allerhand Alleinstellungsmerkmale und Talent. Und die sprichwörtlichen Kahn’schen „Eier“. Oder am besten gleich alle drei Dinge in Personalunion…

Haim #1

Und so durfte man in diesem Jahr besonders auf eine Veröffentlichung gespannt sein: „Days Are Gone„, das Debütalbum des kalifornischen Schwestertrios Haim. Denn was sich da an Vorschusslorbeeren von digitalen wie Printmedien, von Berufs- wie selbstberufenen Schreiberlingen dies- wie jenseits des Atlantiks (unter anderem war auf ANEWFRIEND bereits im vergangenen Dezember über Haim zu lesen) ansammelte, ist schon aller Ehren wert: eine Topplatzierung bei der “BBC’s Sound of 2013″-Umfrage, höchstes Lob vom britischen NME, oder dem deutschen Musikexpress und Rolling Stone. Dazu das gleiche Management wie Rapkrösus Jay-Z oder gemeinsame Tourneen mit so vielfältig großen Künstlern wie Mumford & Sons, Florence and the Machine, Ke$ha oder Rihanna. Da haben schon weitaus verdientere Künstler großes Nervenflattern bekommen und sind hinsichtlich der in sie gesteckten Erwartungen eingeknickt. Doch wer bislang in den Genuss einer Live-Show von Danielle, Alana und Este Haim gekommen ist, der merkte schnell: Den drei Schwestern macht so schnell keiner etwas vor. Immerhin ist das aus dem sonnigen Los Angeles stammende Trio quasi auf der Bühne groß geworden, unterstützte die ebenfalls musizierenden Eltern bereits von wackeligen Kindesbeinen an in der gemeinsamen Coverband „Rockinghaim“, plünderte sich durch den heimischen und vor Classic Rock-, Folk- oder Americana-Künstlern beinahe überquellenden Plattenschrank, entdeckte wenig später noch tanzbare Sounds der Hausmarke Destiny’s Child, Prince oder TLC für sich und legte – jenseits der elterlichen Bühnenobhut und unterstützt durch einen „Hahn im Bandkorb“, Schlagzeuger Dash Hutton – darauf als Haim so richtig los. Will heißen: Die drei stellten im Februar 2012 mit „Forever“ eine erste Single ins virtuelle Licht der Öffentlichkeit. Schon bald ging der Song als kommentiertes Raunen durch den digitalen Blätterwald, wurde in renommierten Radiosendungen wie der von Zane Lowe auf BBC Radio 1 gespielt, während Haim ruckzuck einen Plattenvertrag bekamen.

Foto: Dana Loftus

Foto: Dana Loftus

Was nun? Schnell nachlegen, im Akkord zwei, drei weitere Singles und ein zusammen geschustertes Album raushauen? Zwar folgte dem Ausrufezeichen „Forever“ im vergangenen November mit dem nicht weniger hitlastigen „Don’t Save Me“ Single Nummer zwei, auf Songs in Albumlänge musste man jedoch lange warten. Danielle, Alana und Este machten lieber als Bühnengewalt von sich reden, spielten Vorband-Shows wie Festival-Aufritte (und die Hauptbands dabei nicht selten an die Wand). Das Albumdebüt aber wurde immer wieder verschoben. Zwar ließen die Schwestern ihre gespannt ausharrende Netzgemeinde immer wieder wissen, dass man fieberhaft an Songs und Sounds des Langspieler-Einstands feile, aber – bis auf einzelne Appetithappen in Form weiterer Singles wie „Falling“ oder „The Wire“ – stellte man die Erwartungshaltungen auf eine harte Probe. Als schließlich feststand, dass „Days Are Gone“ nun endlich und wirklich Ende September erscheinen sollte, fragte man sich nun doch: Würde sich das Warten gelohnt haben? Können Haim den nicht eben geringen Erwartungshaltungen gerecht werden, sie gar noch übertreffen? Ein potentielles Sommeralbum im Herbst – würde das gut gehen? Ganz klar: In eine Richtung würde das vom Hype-Rauschen angestoßene Meinungspendel ausschlagen. Also: Hopp oder Top?

Zunächst einmal kommen all jenen, die die bislang zu hörenden Vorab-Singles und die durchs weltweite Netzrund schwirrenden Konzertmitschnitte (wie den vom vergangenen Glastonbury Festival) kennen, gut die Hälfte der Albumsongs bekannt vor: „Forever“? Sicher, erste Single und sonniger Westküstenpop vom Feinsten! „Falling“ und „The Wire“? Klar, ebenfalls bereits ausgekoppelt und voran geschoben, stehen auch diese Songs dem erstgenannten in Punkto Hitpotential in nichts nach. „Don’t Save Me“? Ein absoluter Tanzflächenfüller, der sich mit der richtigen Prise an Achtziger-Jahre-„guilty pleasure“-Synthesizern zum großen Pophymnus aufschwingt. Findigen Fans dürften darauf sogar schon Stücke wie „Honey & I“, „Go Slow“ oder „Let Me Go“ tagelang in den Gehörgängen gelegen haben… Und eventuell liegt hier wohl auch schon die größte Schwäche von „Days Are Gone“, denn der Großteil der Stücke ist – in welcher Form auch immer – längst bekannt. Dabei wissen Haim auf 45-minütiger Albumlänge durchaus zu überzeugen, pendeln gekonnt zwischen Fleetwood Mac- („Honey & I“) oder R’n’B-Verehrung (der Titelsong), teilen sich mal geschwisterlich gerecht die Gesangsanteile (etwa im Eagles’lesken Schlussmachstück „The Wire“), brechen mit „My Song 5“ einen schwer an die Black Keys gemahnenden Bluesrocker vom Gitarrenstapel oder nehmen beim großen Sentimentalschleicher „Go Slow“ auch schon mal gekonnt den Fuss vom Gaspedal („I just wanna go back / Hold on to the way that I was / ‚Cause you took away all my young life / And I hate who I’ve become“). Auf „Days Are Gone“ muss man – im absolut positiven Sinne – stets darauf gefasst sein, dass aus dem elf Songs langen heillosen Durcheinander aus Westcoast-Rock, Mainstream-Pop, R’n’B, Classic Rock und New Wave eine Gitarre dazwischen gniedelt, sich ein fett stampfender Beat breit macht oder eine Basslinie fiebrig pumpt. Danielle, Alana und Este wissen auf ihrem Erstling, der gemeinsam mit den poperfahrenden Produzenten Ariel Rechtshaid (u.a. Usher, Vampire Weekend, We Are Scientists) und Ludwig Göransson (u.a. Childish Gambino) entstand, beinahe jederzeit zu überzeugen und – insofern man noch nicht mit den Stücken der Schwestern vertraut ist – auch zu überraschen. Einzig „Let Me Go“, welches als Abschluss jeder Haim-Show in einer beinahe infernalischen Trommelorgie endet, bleibt als Albumversion blass. Und wieso man den etwas faden Schlusssong „Running If You Call My Name“ einem astreinen, potentiellen Hit wie „Better Off“ (auf der „Falling EP“ sowie der Deluxe Edition des Albums zu finden) vorzog, bleibt offen…

Haim #3

Ist also „Days Are Gone“ der erhoffte, der versprochene große Einstandswurf? Nun, vor allem zeigt das Album eindrucksvoll, wie eine gemeinsames Bandprojekt aus der unbedarften Siebziger-Jahre-Version von Fleetwood Mac (Stevie Nicks! Lindsey Buckingham!), Prince, Tom Petty, TLC oder der seligen Aaliyah mit den Mittel des Jahres 2013 wohl klingen möge. Bubblegum gewordene Anklänge einer ewigen Jugend; vom Knutschen, vom Verliebtsein, vom Herzschmerz und vom Überschwang – die Welt retten und verändern, das dürfen für 45 Minuten gern andere. Zwar bekommt man diese sehnsüchtig offenen und unverblümt in feinen Popharmonien badenden Stücke, die geradezu nach einer kleinen Ausfahrt entlang der US-amerikanischen Westküste – bei bestem Sonnenschein und offenem Verdeck, selbstverständlich – schreien, gefühlte sechs Monate zu spät zu hören. Und auf den Konzertbühnen entfacht die Drei-Schwestern-und-ein-Typ-Band in ihren wilden, unbedarften Zwanzigern noch immer die weitaus größere Wucht. Aber: Hey, wenn das kein Jammern auf verdammt hohem Niveau ist, was bitte dann? Ein feines Debütalbum ist „Days Are Gone“ allemal. Und wer sich zutraut, 2013 bessere Gitarrenpopsongs mit Westcoast-Feeling zustande zu bringen, der darf hieran gern scheitern. Bis dahin gilt: Der Hype ist tot, lange lebe der Hype!

HAIM Cover Single banner

 

 

Hier gibt’s die Musikvideos der Singles „Forever“…

 

…“Don’t Save Me“…

 

…“Falling“…

 

…und „The Wire“ in chronologischer Reihenfolge…

 

…sowie ein kurzes filmisches Portrait der Band:

 

Rock and Roll.

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