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Song des Tages: Cheekface – „Original Composition“


„Katastrophal“ ist wohlmöglich nicht das einzige, jedoch eines der passendsten Attribute, welche den US-Indie-Musiker*innen von Cheekface zum Zustand unserer Welt gerade einfallen. Spätestens seit den US-Präsidentschaftswahlen 2016 scheint alles haltlos auseinander zu fallen und jeder Tag bringt schiere Wagenladungen neuer Horrorszenarien, mit denen wir alle uns abfinden müssen. Angesichts dieser Ausgangslage blieb Greg Katz, Amanda Tannen und Mark Edwards quasi gar nichts anderes übrig, als inmitten all dieser Destruktivität etwas Neues zu kreieren…

So entstand im Jahr 2017 die Band. Kurz darauf folgten 2019 das erste Album „Therapy Island“ und ein paar wilde Konzerte, bevor das Los-Angeles-Trio 2021 mit „Empathically No.“ das zweite Langspielwerk folgen ließ. „Aufgrund persönlicher Gründe habe ich in der Therapiestunde gar nichts gesagt, wir haben einfach gelacht und gelacht und gelacht.“, erzählsprechsingt Greg Katz in „Everything Is Normal“, ein Zitat, welches den fatalistischen Blick von Cheekface auf die Welt perfekt einzufangen scheint. Die dazugehörige Musik der Band ist minimalistisch und lässt Einflüsse aus Post Punk, US-Nineties-Lo-Fi-Rock und vielleicht auch Antifolk erkennen; simple Drumbeats, quirlige Gitarrenlicks und weit im Vordergrund stehende Bassläufe sind die Bausteine ihres Sounds. Der Fokus liegt dafür weitgehend auf den Stream-of-Consciousness-Texten, die Sänger und Gitarrist Katz herunterbetet. Obwohl: Von „Singen“ kann man kaum schreiben, vielmehr bricht in den Songs, welche selten an der Drei-Minuten-Marke kratzen, ein schier endloser, monotoner Schwall an Worten auf das geneigte Paar Hörerohren nieder und es braucht schon etwas Zeit, sich daran zu gewöhnen. Sobald dies jedoch geschehen ist, tönt das alles ähnlich kurzweilig und großartig wie weiland bei Eddie Argos und seinen spinnert-genialen Lads von Art Brut.

Und wie es sich für einen amtlichen Stream of Consciousness gehört, sind die Themen recht mannigfaltig. „Sie wollen unsere Aufmerksamkeit 24 Stunden am Tag? Da ist der Widerstand ganz leicht, ruf einfach mal deine Mutter an“, schlägt Katz etwa im angemessen betitelten Song „Call Your Mom“ als Lösung vor. Könnte ja schließlich den Einfluss faschistischer Regierungen auf an Aufmerksamkeitsdefiziten leidende Leute verbringen… „Emotional Rent Control“ wiederum besingt den Zustand unseres Innenlebens: „Ich bin jung, blöd und voller psychotherapeutischer Drogen. Es geht mir gut, aber ich bin sicher, dass auch das wieder vorüber gehen wird.“ Von kleinen persönlichen Widerständen in „Listen To Your Heart. No!“ bis hin zu harscher Kritik an geopolitischen Problemen der heutigen Zeit in „Original Composition“ ist hier quasi alles dabei. Dass die Musik auf das Nötigste reduziert wird ist dienlich, denn jeder der dreizehn Songs von „Empathically No.“ ist durchaus eingängig und versetzt die Zuhörerschaft in einen wohligen Zustand gleichgültiger Gutmütigkeit. Comfortably numb.

Cheekface sind aus vielerlei Gründen eine eher aussergewöhnliche Band. Nahezu alles, was das Trio vom Musikalischen über die Coverartworks (für welche sich Bassistin Amanda Tannen verantwortlich zeichnet) und die Musikvideos anpackt, wirkt so Indie und DIY wie nur irgendwie möglich – und gerade deshalb merkt man, dass hier sehr viel Liebe zum Detail drinsteckt. Die Musik (im Übrigen auch jene, die es auf dem dieser Tage als Surprise-Release veröffentlichten dritten Album „Too Much To Ask“ zu hören gibt) ist und stimmt im Gros überbordend fröhlich, die lakonische Art und Weise, in der die ebenso dadaistischen wie tiefgründigen Texte vorgetragen werden, stellt gleichzeitig klar, dass man hier keiner nichtssagenden 0815-Truppe zuhört. Cheekface sind darum keine Band für Jedermann/-frau, denn es erfordert durchaus etwas Aufmerksamkeit, um wirklich in die Tiefe ihrer Kurz-und-knackig-Stücke einzutauchen. Viel zu entdecken gibt es in jedem Fall und trotz der eher fatalistisch-tristen Inhalte sind Cheekface schließlich in erster Linie eine Gute-Laune-Band. Und von denen, sehr verehrte Ladies und Gentlemänner, können wir derzeit so viele wie nur irgendwie möglich gebrauchen…

Rock and Roll.

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