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Das Album der Woche


Chaoze One – Venti (2021)

-erschienen bei Grand Hotel van Cleef/Indigo-

Rapper, Autor und Theaterschauspieler, so umreißt man den Künstler Jan „Chaoze One“ Hertel wohl auf die Schnelle – und über sein aktuelles Album “Venti” sagt das nicht annähernd etwas aus. Würde es sich nicht so abgeschmackt lesen, dann könnte man ihn einen Liedermacher nennen, oder noch besser: einen Geschichtenerzähler. Allerdings geht der Mannheimer Musiker, Baujahr 1981, nicht rein fiktiv vor, sondern viel eher schonungslos realistisch. Jeder Song ein Leben. “Venti”, welches satte zwölf Jahre nach seinem letzten Album erscheint und, übersetzt aus dem Italienischen, für die Zahl „Zwanzig“ steht (denn genau zwei Dekaden ist es her, dass Chaoze Ones Rapkarriere begonnen hat), ist schon allein aufgrund seiner Länge von gut 70 Minuten sicher kein leicht zugängliches Standardwerk. Dazu ist es viel zu prall gefüllt mit musikalischen, gedanklichen und gesellschaftskritischen Ideen von einem, dessen Herz und Geist nicht still stehen können. Von einem, der getrieben scheint von dem Anspruch, alles zumindest ein bisschen mehr zu verstehen, die Welt etwas besser – oder zumindest nicht wesentlich schlechter – zu machen. Alles hehre Ziele, die wohl auch die geschätzten Menschen vom Grand Hotel Van Cleef dazu bewegten, „Venti“ als erstes Hippe-di-Hopp-Album überhaupt auf ihrem Label zu veröffentlichen…

Foto: Promo / Giulia Vitali

Mit dem bereits vorab veröffentlichten Opener “Memento Moria / Die Welt brennt” eröffnet Chaoze One sein Album. Schonungslos und mit einem sehr feinen Blick auf geschichtliche Zusammenhänge, legt er uns die ganze Bosheit der Welt vor die Füße. Ein formvollendeter Roundhousekick, ein schmerzlicher Schlag in die Magengegend all unserer Erste-Welt-Problemchen, behandelt das Stück doch die europäische „Flüchtlingspolitik“, die „Systemrelevanz“ und die Banalität des Bösen mit Referenzen aus Jahrzehnten der (Politik)Geschichte, Popkultur und Gesellschaft. Es ist eine unmissverständliche Standortbestimmung, ein salziges Fingerlegen in offene Wunden, aber auch ein dringlicher Appell an die Empathie. Jetzt wisst ihr es – was macht ihr nun mit dieser Erkenntnis? Klares Ding, Digger: “Venti” fordert seine Hörer*innen, beißt sich fest und lässt – wenn man sich denn drauf einlässt – so schnell nicht los. Dass Chaoze One mit den Jahren gewachsen ist, zeigt sich an der Vielschichtigkeit, wie er Themen behandelt und mit künstlerischen Querverweisen beziehungsweise Referenzen umgeht. Bob Dylan („Memento Moria“), Neil Young („Patronen aus Schuld“), Die Goldenen Zitronen („Get The Fuck Up / Das bisschen Totschlag“), die Antilopen Gang und viele weitere lassen sich zwischen den Zeilen und Tönen des Albums aufspüren. Kein Wunder also, dass das musikalische Ergebnis deutlich über die Rap-Grenzen hinaus reicht und auch aufgrund der vielen Featuregäste – Shana Supreme, Torsun, Matze Rossi, Mal Élevé oder Überdosis Grau haben Beiträge geliefert – sowie der unterschiedlichen Stile von Hip Hop über Indie Rock und Reggae bis Crossover schon fast wie eine kleine Weltreise wirkt – man höre etwa “Daloy Politsey”, “Ich hab das Meer gesehen” oder “Santa Maria”. Wer etwas sieht und erlebt, ist danach schlauer – so (oder so ähnlich) heißt es im Volksmund. Die Erkenntnis von “Venti” ist, dass es sie überall gibt: Die Schattenboxer, die Schwarzmaler, die unverbesserlich Liebenden, die Enttäuschten und die Idealisten.

Wenn Chaoze One ein schönes Gefühl erspürt hat, dann kann er schwer loslassen. Deshalb stechen wir mit dem maritimen “Ausguck” auf lange Fahrt, lassen uns treiben von dem kurzen Moment der Hoffnung, mit einem Akkordeon im Rücken. “So weit von Zuhaus” fühlt sich an wie eine von Euphorie beseelte Halbtagswanderung und sorgt tatsächlich für Fernwehschübe. Auch das Skit “Kapitalimus” hätten die meisten wohlmöglich gestrichen – außer man ist eben detailverliebt und hat eine Vision für ein Album im Kopf. In Songs wie dem kleinteiligen “Vive l’utopie” wird klar, dass man es bei Hertel mit jemandem zu tun haben, der nicht anders kann. Einem, der eine Fackel in seinem Herzen trägt und nicht damit aufhören wird, andere mit seinem Idealismus anzuzünden. Wer an “Venti” jetzt tatsächlich Maßstäbe wie Reimform oder Delivery anlegt, der hat leider recht wenig verstanden. Das mehrfach besungene Meer ist als Metapher zu verstehen, als ein Wunsch abzuhauen und am Ende der Tage von den vielen Tropfen, die ein friedlich agierendes Ganzes bilden, in die Ewigkeit getragen zu werden. Oder als Sinnbild für die unterschiedlichen Blickwinkel auf das Meer: Sehnsuchts-, Rückzugs- und Erholungsort für die einen, nahezu unüberwindbare Todesfalle für die anderen. Zwischen Privileg und letzter Ausweg, Urlaubsmomente sammeln am Massengrab.

Mit “Get The Fuck Up / Das bisschen Totschlag” legt Chaoze One seine deftige Variante des Fanta4-Gassenhauers “MfG” vor. Eine Aneinanderreihung von Tatsachen und offensichtlichen Zusammenhängen, dass es auch der Person zwischen den Kopfhörern Angst und Bange werden dürfte. Und man merkt deutlich die musikalische von Chaoze One Sozialisierung in den Neunzigerjahren. Eine Verbeugung in Richtung Advanced Chemistry und Torche, bisschen Nosliw und etwas von den ersten Platten von Gentleman. Aufgrund der angebotenen Breite kann wahrscheinlich nicht alles auf “Venti” alle gleichsam begeistern. Wobei das immer nur für die Musik oder den Text gilt, denn eines von beiden kickt nahezu immer. Der Deutschrock-Charme von “Häuser vs. Träume” etwa mag im ersten Moment irritieren, passt letztendlich aber doch zu dem betäubenden Spießertum, das hier benannt wird.

Weitere Highlights an Bord? Sicher doch! “Wüste des Vergessens” zum Bespiel, ein wunderschöner Song, der mutig nach vorn stapft oder sich mit der Faust auf die Brust schlägt, bis alle Angst verschwunden ist. Klavier, Akustikgitarre und Streicher unterlegen den Text, in dem Chaoze One einmal quer durch die Momente mit seiner Mutter fliegt. Es ist so tragisch, dass man sich am Ende nur an verhältnismäßig wenige, konkrete Momente erinnert. Aber das Gefühl dazwischen, auf das es wirklich ankommt, das wurde hier in Töne gegossen. Hip Hop ist das mit Sicherheit nicht, stattdessen viel mehr.

Auffällig ist, dass auf „Venti“ kaum ein Lied dem nächsten gleicht, der Verlauf jedoch stringent ist. Chaoze One hat mit seinem Comeback-Album ein Werk erschaffen, das mit all seinen Ecken und Kanten wohl nicht jedermanns musikalische Tasse Tee sein dürfte, welches sich im deutschsprachigen Sprechgesangskanon dennoch hoch ansiedeln dürfte und sowohl Rap- als auch Popkünstler*innen mit einem Auge und Ohr fürs Gesellschaftskritische ein Vorbild sein kann. Die 17 Stücke lassen tief in die Seele eines Menschen blicken und sorgen für nicht wenige Gänsehautmomente. Mehr braucht’s kaum.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Tim Neuhaus – „In Your Honor“


Diese Pandemie tut keinem von uns auf Dauer gut – ob nun beruflich oder privat. So weit, so Fakt. Umso bewundernswerter, dass es dennoch Bands und Künstler*innen schaffen, aus dieser Phase der Auftrittsfreiheit und des perspektivischen Stillstands Kreativität zu schöpfen und dem allgemeinen Wahnsinn der Welt etwas Gutes abzugewinnen. So wie Multiinstrumentalist Tim Neuhaus, welcher die auferlegte Bühnen-Arbeitspause der vergangenen Monate dafür nutzte, um ein paar lang gehegte musikalische Träume endlich Wirklichkeit werden zu lassen und nun eine neue EP veröffentlicht. Wie der Titel nahelegt, soll „ECHOES, Vol. I“ nur der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Cover-EPs sein, welche der passionierte Schlagzeuger (unter anderem in der Band von Clueso) und Indie-Singer/Songwriter in Zukunft veröffentlichen möchte…

Über seine Liebe zum Covern und der Entstehung des ersten Teils der „Echoes“-Reihe erzählt Neuhaus Folgendes: „Nach der anfänglichen Schockstarre während des Lockdowns machte ich mich daran, mich ein paar liegengebliebenen Vorhaben zu widmen, die sonst im Musik-Alltag wenig Platz gefunden hätten. Eins davon: ein Solokonzert nur mit Cover-Songs! Das Knust in Hamburg hat mir das im Dezember 2020 mit einem Streaming-Konzert möglich gemacht. Ich habe die Songs gespielt, die mich inspiriert haben, selbst Songs zu schreiben – und davon gibt es viele! Immer wenn ich meine eigene Musik schreibe, tut es gut, viel zu covern, um von anderen zu lernen und seine eigenen Songs im Großen und Ganzen besser einschätzen zu können. Nach diesem Abend entstand die Idee zu diesem langfristigen Cover-Projekt.“

Als erste Single entschied sich Neuhaus für (s)eine Coverversion des Foo Fighters-Songs „In Your Honor„, im Original vom 2005er Album selben Titels: „Nirvana, die Foo Fighters und Dave Grohl triggern in mir das Lebensgefühl des Grunge bis heute und erinnern mich daran, warum ich Anfang der Neunziger mit der Musik angefangen habe. ‚In Your Honor‘ ist ein Song, der sich auf der Gitarre anfühlt wie Schlagzeug spielen. Er handelt von der vollkommenen Hingabe an etwas, an das du glaubst. Es ist wie sich ein Stück Urvertrauen zurückholen.

So sehr sich Neuhaus bei jenem Foo Fighters-Cover noch austobt, so sehr nimmt sich der umtriebige Musiker, der in der Vergangenheit auch durch seine Arbeit an dem ein oder anderen Soundtrack in Erscheinung trat, an anderen Stellen des Minialbums zurück. Das tut den insgesamt acht Nummern mal mehr, mal weniger gut. Ausgerechnet der Opener, eine Coverversion des Boss’schen Evergreens „Streets Of Philadelphia“, verblasst ein wenig im Vergleich mit dem Oscar-prämierten Original. Lobenswert mag zwar ins Gewicht fallen, dass Neuhaus dem Song mit einer dominierenden Akustikgitarrenmelodie eine neue Ebene verpasst, nur leider zündet diese nicht gänzlich. Das anschließende Randy Newman-Cover von „You’ve Got A Friend In Me“ funktioniert hingegen um einiges besser und passt tatsächlich ganz wunderbar zur Stimmlage des Westfalen. Das Neuhaus keine Angst vor großen Namen hat, beweist auch das Cover von Radioheads „Thinking About You“. Zwar bewegt sich das Stück recht nah am Original, besticht hier aber durch sein sauberes Arrangement und einen etwas fokussierterem Einsatz der Synths, was dem Song tatsächlich richtig gut tut.

Noch näher am Original bewegt sich Tim Neuhaus durch „Colorblind“ von den Counting Crows. Man könnte die Nummer glatt unbemerkt im „Eiskalte Engel“-Soundtrack austauschen ohne dass es groß auffallen würde (was wohl auch als Kompliment zu werten sein dürfte). „Daydream“ von den Smashing Pumpkins bekommt hingegen eine ganz eigene Note verpasst: kleine elektronische Spielereien finden sich hier ebenso wie ein verdammt cooler Gitarren-Effekt, der den Song nochmal eine Spur zeitgeistiger klingen lässt. Elliott Smiths‘ tieftrauriges „Everything Means Nothing To Me“ hätte einen perfekten Abschluss abgegeben, aber als kleine Digitalkonserven-Zugabe bekommt man noch Nick Drakes „Northern Sky“ – umso schöner, dass einem Neuhaus dieses Kleinod von Song mit seiner Neuinterpretation wieder ins Gedächtnis ruft. Und auch dieses Cover weiß zu überzeugen, wobei der Indie-Singer/Songwriter durch den Einsatz von Streichern nochmal einmal eine Prise Süßholz on top gibt. Ergibt unterm Strich eine kleine, feine Coverversionensammlung, welche gespannt auf kommende Teile macht.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Chaoze One – „Memento Moria / Die Welt brennt“


Foto: Promo / Giulia Vitali

Die Bilder der Nacht auf den 9. September 2020 gingen um die Welt. „Moria brennt, hieß es in vielen Überschriften der Tageszeitungen und auf Social Media. Bilder, die einen so schnell nicht mehr loslassen und noch bis heute nachhallen. Bilder, die einmal mehr beweisen, wie sehr das Menschliche dieser Welt mittlerweile viel zu oft, viel zu sehr abhanden gekommen ist…

Und ein Lied allein kann und wird diese Welt freilich nicht verändern. Das können nur wir, die Menschen. Aber Stücke wie „Memento Moria / Die Welt brennt“ von Chaoze One können dabei helfen, die Fassung nicht komplett zu verlieren und den Weg aus der Ohnmacht ein wenig erleuchten. Mehr noch: Der gestern veröffentlichte Song ist ein formvollendeter Roundhousekick, ein schmerzlicher Schlag in die Magengegend all unser Erste-Welt-Problemchen, behandelt er doch die europäische „Flüchtlingspolitik“, die „Systemrelevanz“ und die Banalität des Bösen mit Referenzen aus Jahrzehnten der (Politik)Geschichte, Popkultur und Gesellschaft. Es ist eine unmissverständliche Standortbestimmung, ein salziges Fingerlegen in offene Wunden, aber auch ein dringlicher Appell an die Empathie.

So bekannt die Themen, so unbekannt dürfte wohl vielen der Künstler sein. Jan Hertel, so Chaoze Ones bürgerlicher Name, ist ein gesellschaftskritischer Rapper, Autor und Theaterschauspieler aus Mannheim. In seiner ersten musikalisch aktiven Phase von 2000 bis 2009 veröffentlichte er bereits zahlreiche Alben und EPs.

Die Musik war dabei immer ein Instrument für seine politische Arbeit, die im Vordergrund seines künstlerischen Schaffens steht. In der Vergangenheit ging das soweit, dass er auf dem Radar mehrerer rechter Gruppierungen auftauchte – unter anderem versuchte der AfD-Politiker und rechte Journalist Joachim Paul einen Auftritt von Hertel durch politische Einschüchterung zu vereiteln. 2019 veröffentlichte der Künstler, Baujahr 1981, außerdem das Buch „Spielverderber – Mein Leben zwischen Rap & Antifa„, in dem er seine musikalische wie politische Sozialisation beschreibt.

Etwa zwölf Jahre nach seinem letzten Album, in denen sich im deutschrap’schen Musikkosmos einiges getan hat (und das freilich nicht immer zum Besseren), meldet sich Chaoze One nun mit seinem neuen Langspieler „Venti“ zurück, der im Juli bei Grand Hotel van Cleef erscheinen wird. Eine durchaus lange Sendepause, wie auch Hertel selbst anmerkt: „Zwölf Jahre nicht gesungen, Reihenhaus und Katze, wir sind alle ruhiger geworden. Dann kam 2015, dann kam 2020 und da waren sie wieder, die Wut und das Unverständnis. ‚Das ist nicht die Zeit zum Fresse halten!‘, hat dieser wütende 18-Jährige von damals gebrüllt.“.


„‚Venti‘ ist die erste Hip Hop-Platte auf GHvC, und der Opener ‚Memento Moria / Die Welt‘ brennt der erste echte Rap-Track auf unserem Label. Aber Genres sind egal. Denn beim Hören dieses Songs – auch beim vierhundertsten Mal – fangen unsere Gehirne und Herzen an zu glühen. Der Song und diese Platte umfasst all das, was wir denken und fühlen, wie wir Dinge sehen und was wir fordern. Und zwar ohne Zeige-, dafür ab und an aber gern mit Mittelfinger“
, lässt sich das Hamburger Indie-Label, welches ebenfalls seit eh und je das Herz auf der Zunge und am linken Fleck trägt, zitieren.

„Ich hatte eine Sinnkrise, persönlich und politisch“, wagt Jan Hertel eine künstlerische Standortbestimmung. „Diese musste und wollte ich bearbeiten. ‚Venti‘ erzählt von Zweifeln und Verzweifeln, von Sackgassen und dem Aushaltenmüssen. Von Liebe und Ekel für die Welt. Plötzlich stand da dieser 18-Jährige auf der Matte vor mir, der vor zwanzig Jahren erstmals das Rap-Mic ergriff – es war nicht mehr an der Zeit, die Fresse zu halten!“

Klares Ding: Es ist schon eine Kunst für sich, so komplexe, brisante (aber auch wichtige!) Themen in nur wenigen Minuten und schwer vereinfacht in politisch motivierte Punchlines zu packen. Chaoze One ist einer, dem genau das gelingt, ohne am Ende bei der Musik Abstriche zu machen. Seine Worte bewegen, bieten sowohl einen Anhaltspunkt, sich weitreichender zu informieren, aber können auch hitzige Diskussionen entfachen – denn Unwissenheit mag auch ein Beitrag sein, ist hier aber beileibe keine Option.

„Venti“, welches, übersetzt aus dem Italienischen, für die Zahl „Zwanzig“ steht (denn genau zwei Dekaden ist es her, dass Chaoze Ones Rapkarriere begonnen hat), erscheint am 16.07.2021 über Grand Hotel van Cleef auf Doppel-LP, CD sowie Digital und kann ab sofort vorbestellt werden. Auf dem Album finden sich 17 Stücke in knapp 70 Minuten, während derer unter anderem Torsun Burkhardt von Egotronic, Mal Éléve, Shana Supreme sowie Autor Jan Off und zahlreiche weitere Gäste zu hören sein werden.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Burkini Beach – „Crying At The Soundcheck“


Derzeit wird das Livekonzert ja – verständlicherweise – romantisiert. Wir alle vermissen es, im stickigen Club Livemusik zu sehen. Aber sind wir mal ehrlich: Die Realität war oft eine andere. Schlecht besucht, eine Handvoll Getränkemarken, das Catering ein schlechter Witz, wenn es überhaupt welches gibt. In seiner neuen Single „Crying At The Soundcheck“ erzählt Rudi Maier aka Burkini Beach augenzwinkernd genau von diesen niederschmetternden Erlebnissen auf Tour. Das ist ein bisschen romantisch, ein bisschen traurig, und vielleicht für die jetzige Zeit genau richtig.

Aufgenommen und produziert wurde der Song, seines Zeichens der erste Vorbote vom Nachfolger zum feinen „Supersadness Intl.„, natürlich von Simon Frontzek aka Sir Simon – Maier und Frontzek sind seit Jahren gemeinsam als bestens eingespieltes Produzententeam für unter anderem Thees Uhlmann, Madsen, Late Night Berlin und viele weitere Projekte tätig. Die Corona-Pause haben beide Acts genutzt, um sich in ihrem Studio in Berlin-Kreuzberg zu verbarrikadieren und gegenseitig ihre neuen Soloalben zu produzieren, welche im Spätsommer 2021 parallel über Comfort Noise und Grand Hotel van Cleef erscheinen sollen. Und nachdem die neue Sir Simon-Single „A Little Less Bored“ (die erste seit schlappen zehn Jahren!) bereits vor kurzem das Licht der Musikwelt erblickte, legt der zweite Teil des Produzenten-Duos nun nach.

Und tönt schonmal recht vielversprechend. Zusammen mit der Pedal-Steel gleitet man in die neue Single von Burkini Beach, die sich vor einem ausbreitet wie eine weite amerikanische Landschaft. Überall Gitarren, überall Melodie. Wild Pink und The War On Drugs lassen lieb grüßen. Und nicht nur die strahlende zweite Stimme von Emma Elisabeth erinnert hier an Fleetwood Mac.

Im beschwingten Up-tempo cruist man mit offenem Verdeck und voller Vorfreude los, merkt jedoch bald: Howdy, hier stimmt etwas nicht! Das ist keine Road-Trip-Romantik, das ist ein indie’eskes Jammertal – wenn auch kein ganz ernst gemeintes. Rudi Maier erzählt vom Unwohlsein „on the road“, von einer ernüchternden Tournee, von quälenden Soundchecks und schlecht besuchten Konzerten. Mann ist schließlich nicht Taylor Swift.

I’m crying at the soundcheck
I’m terribly tired
I’m scared that it all sounds bad
I thought I was dead inside…“

Klar, ein wenig schwingt hier das augenzwinkernde Selbstmitleid von Phoebe Bridgers oder David Berman mit. In Zeiten der Pandemie schwer nachvollziehbar, aber: Irgendwann kommt auch für zarte Künstlerseelen immer und unausweichlich der Punkt, an dem man einfach nur noch nach Hause will…

Musikalisch konterkariert wird die Geschichte der scheiternden Independent-Tour von einem elaborierten Pop-Arrangement in glasklarer HiFi-Ästhetik. „Crying At The Soundcheck“ klingt nach US-amerikanischer Westküste, nach den großen Tonstudios im Los Angeles der 1970er Jahre. Klischee? Mag sein. Aber ein schön vertontes. It’s always summer in California.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Jenobi – „Hundred Times“


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Die Songs der aus Göteborg stammenden Songwriterin Jenny Apelmo Mattsson mögen mitunter Düsternis und Wut ausstrahlen, und doch ist ihr Indie-Folkrock an den richtigen Stellen eingängig und scheut auch nicht vor kleinen Pop-Momenten zurück. Mitte September erscheint das Debütalbum „Patterns“ über das ohnehin über jeden geschmacklichen Zweifel erhabene Grand Hotel Van Cleef, anhand der ersten Single „Hundred Times“ darf man sich bereits jetzt einen ersten Eindruck machen.

art-13116_jenobi-patternsApelmo, die vor zehn Jahren – im zarten Alter von 19 Lenzen – mit dem Nachtzug von Göteborg nach Berlin kam, um sich dort auf ihre Musikkarriere zu konzentrieren, als Bassistin der Hamburger Indiefolkrockkombo Torpus & The Art Directors schon auf etliche Band-Alben und Liveshows zurückblicken kann und 2016 unter dem Namen Felicia Försvann die EP „Pretty confused, walking home with no shoes“ veröffentlichte, entdeckte über die Jahre immer mehr, dass es die weiblichen Songwriter waren, die den von ihr favorisierten Genres die wirklich interessanten Nuancen hinzufügten. Inspiriert von Künstlerinnen wie Lykke Li, Anna Calvi oder Feist griff sie immer häufiger zur E-Gitarre als zur Akustischen, fand immer mehr den Mut, Songs zu formulieren, die tief aus ihrer Wut über das Unverstandene sprechen. So entstand „Patterns“, das Debüt ihres aktuellen Projekts Jenobi.

Dennoch ist Jenobi kein reines Soloprojekt: Gitarristin Dorothee Möller (u.a. The Girl & The Ghost), Keyboarderin Lorena Clasen sowie Drummer Felix Roll komplettieren die Band und fügen dem Sound von „Patterns“ lebendige Nuancen zu. Und auch letzterer ist kein gänzlich unbeschriebenes Blatt, denn mit Felix Roll spielte die schwedische Wahl-Berlinerin viele Jahre bei der Hamburger Folkpop-Institution Torpus & The Art Directors (um die es in den letzten Jahren leider recht still wurde).

Freunde von Lykke Li, Feist oder The xx sollten Jenobi definitiv auf dem Zettel haben…

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Kettcar – „Landungsbrücken raus“ (live)


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Die Band betritt die Bühne, die Menge tobt, hebt die Gläser (oder eben Bierbecher): Kettcar stoßen auf die vergangenen zwei Jahre an. „…und das geht so„, nach dem 2010 veröffentlichten „Fliegende Bauten“ das zweite Live-Album der fünfköpfigen Indierock-Band, setzt einen Schlussstrich hinter den erfolgreichsten Release-Zirkel der 18-jährigen Bandgeschichte und entlässt die Hamburger zunächst und demnächst wieder in eine wohlverdiente gemeinsame Kreativpause. „Wir haben schlicht und einfach gesehen, wie gut uns das letztes Mal getan hat“, wie die Band zu ihrem Entschluss schreibt. Vor dieser Auszeit touren Marcus Wiebusch und Mannen natürlich im kommenden Jahr noch ein vorerst letztes Mal durch Deutschland. Und das geht so…

Als „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ im warmen August 2017 erschien, füllten Kettcar nach fünf Jahren Pause einmal mehr, einmal öfter das große unpolitische Loch im deutschsprachigen Allen-gefallen-bloß-nirgendwo-anecken-Pop-Zyklus, das sich in der letzten Dekade nach und nach aufgetan hatte. Die klare Haltung des dazugehörigen (fünften) Albums „Ich vs. Wir“ und die nahezu cineastische Auseinandersetzung mit komplexen politischen Sachverhalten traf zielgenau den Zeitgeist zwischen Ost und West, zwischen Flüchtlingswelle und tumbem AfD-Proteslertum. Klare Sache: Für genau diesen Sound und diese Botschaften gab es eine Zielgruppe. Kein Wunder also, dass die Band in den folgenden Monaten ihre bislang größten Konzerte spielen durfte, die dann – erfreulicherweise – auch noch nahezu ausnahmslos Ausverkauf vermeldeten. Diese gelungene Wiedergeburt feiert man nun mit (s)einem fast zwei Banddekaden umspannendem Quasi-Best-Of-Live-Album. Ebenjenes hört auf den simplen Titel „…und das geht so“ – wie sollte es auch sonst sein, schließlich nutzt Frontmann Wiebusch diese vier Worte ein ums andere Mal, um die Songs zu starten – und folgt der simplen Formel, an der sich auch die Konzerte der Band seit eh und je orientieren: No Bullshit, Leute. Was zählt, ist die Musik.

717nbCc0ywL._SY355_Ohne Frage: Kettcar und deren Kunst, die bei der songschreiberischen Klasse beginnt und nie wichtige Botschaften außer Acht lässt, stehen auf „…und das geht so“ ganz klar im Vordergrund. Nur für wenige Passagen gibt Marcus Wiebusch den Gesangspart an die meist textsichere Menge weiter, die das neu entstandene Vakuum stets mit Freuden füllt. Ansonsten lauscht der Zuhörer 21 Songs und gut eineinhalb Stunden lang vorrangig der Band, die fantastisch klingt und jede ihrer kreativen Schaffensphasen abarbeitet. Die fetten Passagen – die Ausbrüche von „Money Left to Burn“, „Kein Außen mehr“, „Landungsbrücken raus“ oder das von Wiebuschs 2014 erschienenem Solo-Debüt „Konfetti“ stammende „Der Tag wird kommen“ – knallen so, wie es sich gehört, schließlich kommen gerade Marcus Wiebusch und Bassist Reimer Bustorff aus der deutschen Punk-Szene, spielten sich vor Kettcar in legendären Szene-Bands wie …But Alive oder Rantanplan die Ärsche in kleinen Indie-Schuppen wund. Und auch die ruhigen Momente wie beim Pärchen-Kuschel-Favoriten „Balu“ oder dem ruhigen Outro von „Den Revolver entsichern“ können sich voll entfalten. Das liegt gerade auch an einem dreiköpfigen Bläser-Ensemble (Philip Sindy an Trompete und Flügelhorn, Sebastian Borkowski an Tenor-Saxophon und Altflöte sowie Jason Liebert an der Posaune), das das Hamburger Quintett mit im Gepäck haben und das den Kettcar-Sound passend zur Feierlichkeit im Bombast aufgehen lässt.

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Punkten Kettcar bereits mit ihrem reinen Fokus auf das Wesentliche, so lassen natürlich seit jeher auch die vielen kleinen Ansagen und Anekdoten die Band in charismatisch-sympathischen Licht erscheinen. Die reichen von ernst gemeinten menschlichen Politik-Kampfansagen („Humanismus ist nicht verhandelbar“) über etwas durch den Wind wirkende Danksagungen Bustorffs bis hin zu Erzählungen von der Esso-Tankestelle an der heimatlichen Reeperbahn sowie vergangenen Auseinandersetzungen mit Major-Label-Angestellten („Wir machen, was wir wollen!“). Das bodenständige Image Kettcars, deren Veröffentlichung ihres Debütalbums „Du und wieviel von deinen Freunden“ anno 2002 auch den Startschluss zum bis heute erfolgreichen Indie-Label Grand Hotel Van Cleef gab, verfestigt sich dadurch nur weiter. Da darf man freilich auch mal ausgiebig auf die eigene Hochphase anstoßen und den vergangenen Jahren mit einem formidabel tönendem Live-Album die Krone aufsetzen. Dass die Platte vor allem als kleines Dankeschön an alle Fans der Band gedacht ist, die von den Studioalben des Indierock-Quintettes nicht genug bekommen (und wohl hier auf hohem Niveau bemängeln werden, dass eine Song-Großtat wie das Niels Frevert-Duett „Am Tisch“ hier fehlt), geht natürlich völlig in Ordnung, beweisen Kettcar hier doch einmal mehr eindrucksvoll, dass sich Humor und Ernsthaftigkeit, satte Akkorde und erhobene Zeigefinger keineswegs im Weg stehen müssen.

 

 

— Kettcar live 2020 —

25.01. – Braunschweig, Staatstheater
26.01. – Düsseldorf, Stahlwerk
27.01. – Nürnberg, Z-Bau
28.01. – München, Muffathalle
29.01. – Mannheim, Capitol
30.01. – Dresden, Schlachthof
31.01. – Bremen, Pier 2
01.02. – Lübeck, MuK

 

Rock and Roll.

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