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Song des Tages: Kettcar – „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“


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Ist das jetzt ein Lied? Oder eine Kurzgeschichte? Vielleicht beides? Oder am Ende doch total egal?

Fakt ist: Kettcar melden sich fünf Jahre nach dem letzten Album „Zwischen den Runden“ und drei Jahre nach „Konfetti„, dem Solodebüt ihres Frontmanns Marcus Wiebusch, am 13. Oktober mit ihrem nunmehr fünften, elf Songs starken Studioalbum „Ich vs. Wir„, welches freilich wieder beim hauseigenen Label Grand Hotel Van Cleef erscheinen wird, sowie einer ausgedehnten Tour im kommenden Jahr zurück. Braucht es diese Rückkehr? Aber hallo!

Denn schon der erste Vorab-„Song“ beweist, dass es wohl kaum eine andere deutsche Band derart – und das ist an dieser Stelle auch alles andere als ein Widerspruch – so deutlich wie subtil versteht, in persönliche wie gesellschaftliche Wunden zu stechen (und wer’s nicht glauben mag, der höre sich durch Wiebuschs Diskografie – angefangen bei den Politpunkern von …But Alive über die Kettcar-Alben und bis hin zum noch immer großartigen „Konfetti“).

kettcar-ich-vs-wir-artwork-ghvcIn „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ erzählt Marcus Wiebusch die Geschichte eines jungen Hamburger Studenten mit Dead Kennedys-Shirt, der in seinem blauen Ford Granada von der Hansestadt bis an die österreichisch-ungarische Grenze reist und dort einigen Familien zur Flucht aus der DDR verhilft. Dabei gewinnt der Spoken-Word-Song, bei dem der Kettcar-Fronter lediglich im Refrain singt, vor allem durch Wiebuschs Auge fürs Detail, Textzeilen wie „In Mörbisch am See checkte er in die Pension Peterhof ein, kaufte sich einen Döner und wartete auf die Nacht“ sind nur ein Beispiel unter vielen.

Die Ungewissheit und Dringlichkeit der Aktion unterstreicht das angehobene Tempo, die Band ordnet die Begleitmusik ganz der Story unter. „Gesungene Geschichte, die deutlich macht, dass Fluchthelfer*innen damals wie heute gebraucht werden“, meint Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow, der das Lied bereits gehört hat, und auch Schriftsteller Benedict Wells („Spinner“) konstatiert: „Gut, dass es immer schon Menschen gab, die anderen Menschen einfach halfen – und erst danach darüber diskutierten. Das galt für damals, das gilt für heute und das gilt für diesen schönen Song.“

Denn nach der geglückten Aktion ist der Song nicht vorbei. Zurück in seiner WG kritisieren die Mitbewohner des Protagonisten seine Aktion: „Deutschland dürfe nie wieder ein Machtblock mitten in Europa werden. Und eine solche Hilfe zur Flucht der DDR-Bürger würde nur zur weiteren Destabilisierung der Verhältnisse beitragen. Die Aktion war menschlich verständlich, aber trotzdem falsch.“ Gelebte deutsche Geschichte, mit all ihren Ecken, Enden und Neuanfängen – und das Finale des Songs kann wohl keine(n) kalt lassen…

 

 

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Rock and Roll.

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Song des Tages: Maria Taylor – „If Only“


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Momente, in denen man merkt, dass man so langsam aber sicher alt wird: man bleibt an einem Samstagabend gern mal lieber zuhause auf der Couch, man findet immer mehr graue Haare an vielen Stellen des eigenen Haupthaars, man wird sich bewusst, dass Maria Taylor – einst die süßlich betörende Hälfte der „Saddle Creek“-Sirenen Azure Ray – mittlerweile verheiratet und Mutter zweier Kinder ist.

Ja was hab‘ ich damals, in meinen Zwanzigern, noch im Stillen für die aus Birmingham, Alabama stammende Musikerin geschwärmt! Gut, war ja auch nicht schwer, immerhin hatte sowohl ihre damalige Hauptband Azure Ray, die Taylor gemeinsam mit Orenda Fink bildete, als auch ihr damaliges Label „Saddle Creek“ ordentlich Indie-Cred in petto. Zudem bandelte sie damals mit keinem Geringeren als Conor „Bright Eyes“ Oberst an, man durfte also heimlich ein stückweit neidisch auf ihn sein und ihr sowohl zu ihrem ausgezeichneten Männer- als auch Musikgeschmack gratulieren.

1476477555276All das ist freilich längst Geschichte – sowohl Azure Ray, deren letzte Veröffentlichung, die „As Above So Below“ EP, auch schon wieder vier Jahre zurückliegt (das letzte Album „Drawing Down The Moon“ gar ganze sechs), als auch die Liaison mit Oberst. Mittlerweile hat Maria Taylor ihre Zelte mit Mann und Nachwuchs im sonnigen Kalifornien aufgeschlagen und stellt nun, am 9. Dezember, ihr bereits sechstes Soloalbum „In The Next Life“ in die Plattenläden. Und trotzdem ist bereits bei der ersten Single „If Only“ fast alles so wie damals zu Anfang der Nuller-Jahre, als „Saddle Creek“ das wohl tollste Indie-Label der Welt war und Bands wie Bright Eyes oder Azure Ray noch ein echter Geheimtipp… Kein Wunder, schließlich bekam Taylor beim Song stimmliche Unterstützung von Conor Oberst höchstselbst, mit dem sie noch immer gut befreundet ist. Dazu Maria Taylors stets über allem zu schweben scheinende Stimme, welche ohnehin alterslos wirkt.

„This video was directed by one of my favorite photographers, Liz Bretz“, gab Taylor unlängst in einem „Billboard“-Interview zu Protokoll. „I wanted the video to reflect my lives within my life. I wanted it to tie in my past and present with a dream like quality. Having the desert setting was important because while writing this record, Joshua Tree became my favorite place to clear my mind… and at the same time inspire new songs.“ Gegen Ende des neuen Musikvideos sind auch Duettpartner Oberst sowie Taylors Mann und ihre zwei Kinder zu sehen.

Überhaupt holte sich die mittlerweile 40-Jährige für ihr neustes Album, welches erstmals auf ihrem eigenen Label „Flower Moon Records“ und in Deutschland passenderweise bei den feinen Leuten von „Grand Hotel Van Cleef“ erscheint, viel (männliche) Unterstützung an Bord und ins Studio: Singer/Songwriter Nick Freitas saß auf dem Produzentenstuhl, während ihr – nebst dem bereits erwähnten Conor Oberst – viele befreundete Musiker wie Joshua Radin, Jake Bellows (Neva Dinova), Louis Schefano (Remy Zero, Suspicious Light) oder Morgan Nagler (Whispertown) unter die Arme griffen. „I kept asking myself, ‚If I die tomorrow, what would I want my last record to say?'“ – eine existenzielle Frage, welche durchaus auf ein feines neues Album hoffen lässt. Und selbst, wenn man selbst merklich älter geworden ist – Maria Taylors Stimme klingt beinahe noch immer wie damals, als ein kleines Label aus Omaha, Nebraska noch die halbe Indie-Welt mit der tollsten Musik versorgte…

 
 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Der Herr Polaris – „Deine Wege“


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Was macht eigentlich das Grand Hotel von Cleef? Klar, weiterhin fleißig tolle Platten veröffentlichen. Doch rein vom Gefühl her ist es in den letzten Jahren etwas ruhiger um das Hamburger Label geworden, gerade im Vergleich mit den Nuller-Jahren. Was waren das noch für tolle Zeiten, als uns das Indie-Label stetig mit neuen tollen Platten von Bands wie Kettcar, Tomte, Kante, Herrenmagazin, Death Cab For Cutie oder den Kilians – um nur einige zu nennen – versorgte. Und anfangs so spleenige Liedermacher wie Olli Schulz hätten wohl anderswo und ohne die Hilfe des Grand Hotel nie eine echte Chance bekommen…

9d398050-Cover_DerHerrPolarisJetzt kommt das Grand Hotel mit Der Herr Polaris endlich wieder mit etwas ungeheuer Interessantem in Sachen deutschsprachiger Musik um die Ecke. Irgendwo zwischen Nada Surf und The Notwist würden man den jungen, bayrischen Songwriter wohl einordnen. Böse Zungen würden behaupten, dass Bruno Tenschert aus Augsburg lediglich eine neue Klangschippe auf den Befindlichkeitspopberg, welchen vor ihm auch kredible Klampfer wie Spaceman Spiff oder Senore Matze Rossi beackert haben, drauflegt. Und: ganz unrecht hätten auch die damit nicht. Doch was macht das schon, wenn es am Ende so gut klingt wie die aktuelle Single „Deine Wege“, welche aus dem heute erscheinenden zweite Album „Mehr Innen als Außen“ (das Debüt „Drehen & Wenden“ liegt bereits fünf Jahre zurück) stammt? Eben: so rein gar nix.

 

 

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Rock and Roll.

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Song(s) des Tages: East Cameron Folklore – „Kingdom Of Fear Trilogy“


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Das im vergangenen April beim Grand Hotel Van Cleef erschienene dritte Album „Kingdom Of Fear“ der texanischen Punkfolker von East Cameron Folklore kenne ich freilich (und bei wem diesbezüglich noch eine musikalische Lücke klafft, der darf diese gern schleunigst schließen). Und auch der Fakt, dass die Band vorhatte, drei Songs des Konzeptalbums in einem Musikvideo peu á peu visuell umzusetzen, hatte ich im Hinterkopf. Doch irgendwie habe ich diesen Fakt im vergangenen Jahr aus den Augen verloren, und das gut elfminütige Gesamtergebnis erst jetzt gesehen…

Mit „Kingdom Of Fear“ beginnen East Cameron Folkcore eine zusammenhängenden Geschichte, auf dem Album geht dem Stück noch der Track „What The Thunder Said“ voraus. Wie auch auf Platte hört man im Musikvideo kurz den Donner, bevor dieses aus der Sicht eines kleinen Mädchens langsam erzählt, dass im Leben nicht alles so easy-going ist, wie mit dem Chopper-Dreirad über den Bürgersteig zu cruisen.

Denn ebenjenes Mädchen verliert im Video nicht nur ihre Mutter (die am Ende des ersten Teils kurz zu sehen ist) und das zwangsgepfändete Zuhause, sondern auch ihre kindliche Unschuld. „‚Kingdom Of Fear zeigt‘, wie das Kind an den Punkt kommt, an dem es auf die wahre Welt trifft“, erzählt Frontmann Jesse Moore, „manchmal passiert das schon in jungen Jahren, manchmal erst später im Leben.“

90609c06-EFC_KOFWährend sich „Kingdom Of Fear“, das Album, mit den wahren Problemen, der Desillusion des Lebens und dem Verlust des American dream beschäftigt, lässt einen das Musikvideo erst einmal mit einem dicken Klos im Hals zurück. Dabei sei es gar nicht derart emotional geplant gewesen, sagt Moore: „Wir wollten uns auf Dinge fokussieren, die vielen Leuten passieren, und diese auf zwei Leute herunterbrechen. Als wir uns das fertige Video zum ersten Mal angesehen haben, merkten wir selber erst, wie emotional und dramatisch es wirkt.“

Hält der erste Teil der Trilogie noch ein etwas melancholischeres Level, gestalten sich der zweite („The Joke“) und dritte Teil („969“) bereits wieder ganz anders. Zudem kann man auch in dem Text zu „Kingdom Of Fear“, der unter anderem die Sehnsucht nach der Flucht aus der Kleinstadt thematisiert, ein paar komische wie wahre Zeilen entdecken: „We’ll never grow up, we’ll only grow older /…/ Still take naps and drink from the bottle / Still cry without cause / Not responsible for our actions / It’s always someone else’s fault.“

Alle drei Teile der Video-Trilogie wurden in DIY-Manier mit Freunden der Band in und rund um Austin, Texas gedreht. So spielt die Familie des langjährigen Freunds der Band, Travis, auch die Familie im Video. „Travis hat sich mit seiner Frau auf einem unserer Konzerte verlobt, wir sind gute Freunde. Als wir uns überlegt haben, wer die Rollen spielen soll, waren sie unsere erste Wahl. Sie haben niemals zuvor geschauspielert, ihre Sache aber wirklich großartig gemacht“, sagt Moore. Stimmt. Die visuelle Umsetzung der drei Albumsongs mag zwar keine ganz leichte Kost sein, dafür jedoch eine, die sich lohnt und zum Nachdenken anregt – wie auch das absolut empfehlenswerte Album…

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Spaceman Spiff – „Norden“


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Vor wenigen Tagen postete Hannes „Spaceman Spiff“ Wittmer folgende Zeilen via Bandcamp:

„hallo ihr lieben menschen,

ich mache bis auf weiteres erstmal pause mit spaceman spiff.
in den letzten monaten oder sogar jahren durfte ich euch auf konzerten lieder vorsingen, wg-küchen beschallen oder auf s-bahn-fahrten in euren kopfhörern sitzen. als dankeschön dafür hab ich das unveröffentlichte lied „norden“ aufgenommen und auf diese seite gestellt.

der download ist umsonst.
wenn ihr möchtet, habt ihr aber die möglichkeit, per „pay what you want“ einen beliebigen betrag zu zahlen. den kompletten gewinn werde ich dann direkt an pro asyl weiterleiten. ladet umsonst down und verteilt weiter oder spendet 1, 5, 13 oder 100 euro weil ihr sowieso irgendwie helfen wolltet.

in jedem fall: habt dank!

hannes / spiff“

spaceman-spiff-endlich-nichts-151358Eine Pause also? Sieht so aus – und eine verdiente noch dazu. Immerhin war der „Spaceman“ – mal allein, mal in Begleitung von Piano-Mann Enno Bunger, mal mit Cellistin Clara – seit dem Erscheinen seines noch immer feinen dritten Albums „Endlich Nichts“ im Januar 2014 (welches noch dazu beim stets auf formidable Veröffentlichungen geeichten Hamburger Indie-Label Grand Hotel Van Cleef veröffentlicht wurde) quasi non-stop auf Achse und Tournee, reiste mit Kulturauftrag und Gitarre sogar bis ins ferne Neuseeland, um dort seine Lieder zu spielen. Vieles erlebt hat er also, der Hannes – und all das gilt es wohl zunächst einmal, sacken zu lassen.

Um allen Freunden seiner Musik – und das werden wohl in den letzten Jahren kaum weniger geworden sein (auf Facebook haben ihm bislang gut 11.000 Nutzer ein „Gefällt mir“ gegeben) – die Wartezeit ein klein wenig zu versüßen, hat der „Spaceman“, der sich von Album zu Album zu einem der besten deutschen Singer/Songwriter gemausert hat, mit „Norden“ noch ein letztes tolles Drei-Minuten-Stück via Bandcamp ins weltweite Netzrund entlassen. Und da der Song ebenso gut zu nahenden Herbst passt wie der Gedanke, allen Hörern die Wahl zwischen „Pay what you want“ und einer Spende an „Pro Asyl“ zu überlassen, großartig ist, zeigt mein Daumen in diesem Fall klar nach oben – ohne Einschränkungen, dafür mit den besten Grüßen an Hannes, dem auch von dieser Seite eine angenehme, erholsame Pause gewünscht sei, aus der er sich hoffentlich nach nicht allzu langer mit neuen, großartigen Liedern zurück meldet. Bis dahin darf „Endlich Nichts“ sicher noch viele, viele Runden in den Kopfhörern während S-Bahn-Fahrten drehen. Oder WG-Küchen beschallen. Oder am anderen Ende der Welt Spuren hinterlassen.

„Bitte raub‘ mir den Atem
Gib‘ ihn nie wieder her
Bis ich vergesse wie Luft schmeckt
Bleib‘ ich bei dir
All die offenen Türen und
Diese Sucht nach mehr
Mit ihren turmhohen Fragen
Fallen über mich her

Meine elende Freiheit
Ist zu groß für uns beide
Bind‘ sie irgendwo an
Auf dass ich noch bleibe

Die Welt ist aus Glas und ich
Ich bin ein Magnet
Ein gebogener Körper
Auf der Suche nach Halt
Ich bin eine Kompassnadel
Die sich pausenlos dreht
Bist du mein Norden
Bist du Wiesen und Wald

Meine elende Freiheit
Ist zu groß für uns beide
Komm‘ wir binden sie fest
Auf dass ich noch bleibe

Meine elende Freiheit
Ist zu groß für uns beide
Bind‘ sie irgendwo an
Auf dass ich noch bleibe
Komm‘ wir binden sie fest
Auf dass ich noch bleibe

Bis ich irgendwann
Meine Freiheit vertreibe

Bitte raub‘ mir den Atem
Gib‘ ihn nie wieder her
Bis ich vergesse wie Luft schmeckt
Bleib‘ ich bei dir“

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Adam Angst – Adam Angst (2015)

a938b155-AdamAngst_Cover_2400px_RGB-erschienen bei Grand Hotel Van Cleef/Indigo-

„‚Wer oder was ist eigentlich dieser Adam Angst?‘

Ich sag dir, wer er ist. Adam Angst ist ein arroganter Drecksack!
Er ist scheinheilig, er ist überheblich und tut auch noch so als wäre er dein bester Freund! Such dir was aus: Er ist deine Ex-Freundin, der Call-Center-Agent, der dir das Abo berechnet, obwohl du nie zugestimmt hast, er ist der Rentner, der die Bullen ruft, wenn die Musik zu laut ist. Eigentlich ist er ’ne richtig arme Sau. Auf der Suche nach Aufmerksamkeit und auf der Suche nach sich selbst. Eigentlich… ist er genau so wie wir.“

Sympathisch, oder? So macht sich eines der am heißesten erwarteten deutschsprachigen Debüts des noch nicht all zu alten Musikjahres freilich schnell Freunde. Dabei könnte jenem „Adam Angst“ kaum etwas ferner liegen, als sich „Freunde“ zu machen. Kleine Kostprobe gefällig? Bitteschön: „Und ich höre ganz genau, wie oft dein Handy vibriert und ich weiß, dass du denkst, dass es mich nicht interessiert / Doch ich kenne deinen Plan / Ich weiß du willst sie ficken / Ein Messer sticht man besser von hinten in den Rücken / Damals was getrunken um den ersten Schritt zu wagen / Viel zu aufgeregt und feige für die Frage aller Fragen / Und nach Jahren sind wie hier im selben Club, was soll ich sagen? / Heute trinke ich um deine Fresse zu ertragen“.

Dabei sind diese Sätze aus der im vergangenen Dezember ins Netz gehauenen Vorabsingle „Ja, ja, ich weiß“ wohl noch die am ehesten verdaulichen, handeln sie doch „nur“ von derbem Beziehungszwist, von zweien, die längst schon gemerkt haben, dass da etwas gewaltig im Argen liegt, jedoch viel zu sehr aneinander hängen, als dass sie allein klar kommen wöllten. Lieber macht man sich gegenseitig den drögen Alltag zur Hölle: „Man bist du eklig mit deiner Popelei / Merkst du nicht, die Leute gucken schon absichtlich vorbei / Früher war der Bart ab und die Unterhose frisch / Heute riecht’s unter der Bettdecke nach abgeranzten Fisch“. Ganz anders geht’s da schon beim Rest der elf Stücke des selbstbetitelten Debüts der Band zur Sache, die Felix Schönfuss innerhalb weniger Jahre zum dritten Mal als Frontmann und lauthalses Sprachrohr präsentiert, hatte sich der norddeutsche Musiker doch schon bei Escapado, die sich 2011 nach drei gemeinsamen Alben auflösten, und den nicht eben unerfolgreichen Hausrauf-Punkrockern von Frau Potz (nach dem 2012er Einstiegswerk „Lehnt dankend ab“ in Pause auf unbestimmte Zeit) einen Namen in der „Szene“ gemacht. Nun also Adam Angst. Und obwohl man mit aus Bands wie Blackmail, FJØRT und Monopeople rekrutierten Mitmusikern fast von einer „Supergroup“ sprechen (slash: schreiben) könnte, schaut einen nun nur Schönfuss‘ alter ego „Adam Angst“ vom Cover an. Und dort – beim Cover – geht die Maskerade bereits los: Die Priesterkleidung ist eine Anspielung auf den Limburger Protzbischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, der vor zwei Jahren mit seinem von veruntreuten Kirchensteuergeldern gebautem Prunkpalast in die Medien geriet. Die Kippe im Anschlag wiederum darf als deutlicher Mittelfinger an an das gutmenschelnde „Fit for Fun“-Geseiere gesehen werden, dass einen heutzutage aus allen Ecken von Familien- wie Freundeskreisen anblökt. Nein, Herr Angst macht nicht mit!

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Lieber erzählt er dem verdutzten Hörer im Albumeinstieg „Jesus Christus“ zu sakralen Chören und derben Gitarrenwänden, wie der Sohn Gottes gut 2000 Jahre nach der eigenen Kreuzigung und anschließenden Auferstehung zurück auf die Erde kommt: „Ihr habt mich ausgepeitscht / Ihr habt mich angespuckt / Nägel durch die Glieder schlagen war euch nicht genug / Ich habe abgewartet, und mir das angesehen, jetzt komme ich zurück und bring‘ euch ein Problem / Denn jetzt kommt die Revanche / Sucht euch ’nen guten Sparringspartner / Ich will euch nicht die Spannung nehmen, doch meiner war mein Vater / Ich stürze auf die Erde – nach mir ein Feuerschweif / Brauchst du ’nen Vorgeschmack, gib‘ ‚Rammstein‘ bei Youtube ein /Schluss jetzt hier mit Friede, Freude – jetzt wird bezahlt /Denn euer Jesus hat die Schnauze voll und hat Bock auf Gewalt! Auh! / Ich komm zurück – mein Herz mit Hass erfüllt / Mein Auftrag war Vergeltung – der finale Overkill / Doch Vater, vergib‘ mir! / Ich hab mich umentschieden / Denn ich hab‘ 8 Millionen Klicks und eine Show auf Pro Sieben / Lass mich noch eine paar Jahre hier, bitte hol‘ mich nicht zurück zu dir / Denn die sind nicht so wie früher / Ich glaub‘, die haben’s echt verstanden / Die lieben mich, die wollen Fotos und Autogramme / Denn ich bin Jesus Christus…“. Freilich ist selbst ein (ehemals) Heiliger für Viele nur so viel wert wie das, was die „Bild“-Zeitung am nächsten Morgen über ihn schreibt. Die lesen denn wohl auch die „Professoren“, über die sich Herr Angst zu mit Elektrobeats unterlegten deftig-schnellen Gitarrenakkorden auslässt: „An den Imbissbuden stehen die Professoren / Zwischen Currywurst, Oettinger und Doppelkorn / Sie wissen ganz genau was fehlt im Land / Ich hab‘ ’nen Nazi am Geruch erkannt! / An den Imbissbuden stehen die Professoren / Der Schweiß tritt ihnen aus den Poren / Sie reden von den alten Werten / Mit Schaschliksoße in den Bärten“. Der Song – seines Zeichens frisch gekürte Single No. 2 – richtet sich gegen all jene, die da gegen alles Falsche und Schlechte mit Plakaten voller Hass auf den Straßen Deutschlands demonstrieren, sich an Stammtischen maulfeil die Münder fusselig labern, anstatt vorurteilsfrei auf das Unbekannte (slash: die unbekannte Person) zuzugehen und endlich einmal für etwas einzustehen: „Ein bisschen mehr Liebe und ein bisschen mehr Respekt / Nicht jeden Schwachsinn glauben, lass‘ die Zweifel doch mal weg / Die Grenzen endlich offen doch für dich sind sie noch da / Begreife doch, dass sie schon immer auf deiner Seite waren“ (die einzigen Zeilen des Albums, die Schönfuss – wohl nicht ohne Absicht – ganz sanft singt). Ähnlich geht es auch weiter. So erzählt der eingängig-melodische Punkrocker „Wunderbar“ vom Tranquilizer „Internet“, der uns alle – Dank Facebook und Co. – am Ende des Tages weiter auseinander bringt denn näher zusammen, während „Wochenende. Saufen. Geil.“ das Ausgehverhalten williger Junggebliebener am Wochenende beleuchtet: „Jeden Freitag, 15 Uhr, setzt sich die Masse in Bewegung / Steht stundenlang vorm Spiegel und kauft Billigschnaps bei REWE / Scheißegal, wo es hin geht, hauptsache, nicht nach Hause / Fünf Tage lang lief nur Coldplay und jetzt kommt Mickie Krause“. Wer trotzdem zu Hause hocken bleibt, dem wird im Fernsehen die immergleiche traurige Versagerriege vorgeführt, denn „der Makel anderer Menschen war schon immer amüsant“ (aus „Lauft um euer Leben“). Und sonst? Was ist mit dem öden 9-to-5-Job, dessen Hamsterradläufe man schon seit Jahr und Tag satt hat, und eigentlich nur eines möchte: einfach abhauen, egal wohin („Ich hab keinen Bock auf ‚Tatort‘ / Keinen Bock auf Fernsehen / Schlechte Schauspieler treffe ich schon genug im Leben / Hab‘ von allem zu viel / Nein danke, hab‘ ich schon / Nehme ich heute Langeweile oder Depression?“ – aus „Flieh von hier“)? Natürlich würde auch Herr Angst gern auf das hören, „was der Teufel sagt“, und all diese Gemeinheiten beim Abendessen mit „Freunden“, die er im Grunde noch nie mochte (wohl, weil es „ihre“ Freunde waren) oder beim allmorgendlichen Firmenmeeting in die Tat umsetzten: auf den Tisch steigen und dem Gegenüber entweder die angepriesene Dipppampe ins Gesicht schmieren oder den blanken Allerwertesten präsentieren. Doch auch er ist nur ein Mensch, ein ganz armes Würstchen mit „willigem Geist und schwachem Fleisch“. Und er weiß: „Am Ende geht es immer nur um Geld“, denn „wenn das wahre Leben einzieht, ist kein Platz für Rock’n’Roll“. Stattdessen rettet man sich und seine Liebsten von Monat zu Monat und von Knebelvertrag zu Knebelvertrag, während sich ums Eck schon der nächste windige Vertreter mit ach so guten Angeboten die gierigen Patschehände reibt. Und solange das eigene Leben Herrn Angst fiese Nackenschläge und derbe Magengrubenpunches auf seinem zermürbenden Weg von Montag zu Freitag mitgibt, ist es nur allzu verständlich – und trotz allem traurig – dass er die Augen vorm Rest der Welt verschließt. Bühne frei für „Splitter von Granaten“, dem wohl zeitgeistigsten und wichtigsten Song des Jahres, dessen Textzeilen man am liebsten Letter für Letter dick und fett ans Bundeskanzleramt schmieren würde:

adam angst promo„Es ist das Jahr 2015 und die Welt spendet Applaus
Doch worum es gerade geht, wissen wir selbst nicht so genau
Denn was hat sich verändert in den letzten 5 Jahren?
Also schauen wir uns die Scheiße doch mal an.

700.000 zahlt BMW der CDU
Plötzlich stimmt Frau Merkel neuen Abgas-Normen nicht mehr zu
Obama ist noch da und Guantanamo auch
Da wird schließlich nichts gemacht, außer viel Strom verbraucht
Die NSA hat seit Jahrzehnten Jeden abgehört
Und wir taten überrascht und waren ’ne Woche lang empört
Und dann flog Innenminister Friedrich rüber, alle horchten auf
Er kam wieder mit ’nem Zettel, da stand ‚Fuck you‘ drauf
Und Putin rennt durch Wälder und killt Bären zum Vergnügen
Und gibt grünes Licht, um Homosexuelle zu verprügeln
Gesetze werden über Nacht erlassen und diktiert
Doch die NPD zu verbieten ist sehr kompliziert.

So lange hier keine Sirenen erklingen
Keine Soldaten durch unsere Fenster springen
Keine Nachbarn nachts über Grenzen fliehen
Und unsere Kinder nicht mit Splittern von Grananten spielen
Ist das meilenweit weg, geht uns das gar nichts an
Denn das Fernsehen spricht wie immer nicht von diesem Land
Und wie jedes Jahr, am Silvesterabend
Trinken wir auf unser Leben unterm Tellerrand.

Das war noch lange nicht alles…
In Kairo und Kiew treibt man Menschen in die Enge
Polizisten ticken aus und schießen wahllos in die Menge
In Nordkorea ist ein großes Kleinkind an der Macht
Das ’nen Atomkrieg provoziert und denkt,
Es wär ’ne Kissenschlacht
Der Hunger in der Dritten Welt hat keine Relevanz
Aber wichtig sind uns Petitionen gegen Markus Lanz
Asylbewerberheime sind doch sicher, alles klar…
43 Anschläge, und das in einem Jahr.

So lange hier keine Sirenen erklingen
Keine Soldaten durch unsere Fenster springen
Keine Nachbarn nachts über Grenzen fliehen
Und unsere Kinder nicht mit Splittern von Grananten spielen
Ist das meilenweit weg, geht uns das gar nichts an.

Weil ja ein Einzelner nichts verändern kann
Da muss man dringend was tun, zumindest irgendwann
Es lebe das Leben unterm Tellerrand…“

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Eines ist klar: zeitgeistiger als auf dem Debüt von Adam Angst wird deutschsprachige Musik in diesem Jahr nicht mehr. Freilich begeben sich Felix Schönfuss und Band damit auf dünnes Eis, das die Texte spätestens dann zuzuschütten droht, sobald Markus Lanz, VOX und Merkel an Relevanz verlieren. Doch darum geht es während der knapp 40 Minuten ja im Grunde nicht. Vielmehr hält uns dieser Priester gewordene Beelzebub mit Fluppe im Anschlag den Spiegel vor, in dem alles Hässliche, alles Gemeine, alles Verabscheuenswürdige zum Vorschein kommt. Das ist ebenso wenig neu wie die Akkorde, die die Band dabei benutzt, und erinnert mal an Die Ärzte, Die Toten Hosen (lange, lange vor den heutigen Tagen… lange, lange, bevor die beiden Vergleichsbands satt, ideenlos und Konsens wurden), mal an Kettcar (die ähnliche inhaltliche Herangehensweise beim angetäuschten Tango in „Was der Teufel sagt“ zum Kettcar-Stück „Am Tisch“), mal an die Vorgängerband von Kettcar-Frontmann Marcus Wiebbusch, die noch immer schmerzlich vermissten, noch immer seligen …But Alive (von daher passt es übrigens hervorragend, dass das Adam Angst-Debüt ausgerechnet auf Wiebuschs Qualitätslabel Grand Hotel Van Cleef erscheint). Freilich kann man dank Schönfuss‘ Gesang dessen Vorgängerband Frau Potz, die sich, wie er wiederholt betont, lediglich in einer „Pause auf unbestimmte Zeit“ befinden, nie so ganz abschütteln, denn so weit vom angepissten Potz’schen Haudrauf-Punk steht auch Adam Angst nicht. Ob man die elf Stücke dann nun unter „Punk“ einsortiert oder nicht, ist im Grunde völlig egal. Denn der Teufel hat bekanntlich mehr Gestalten als nur die des abgeranzten vermeintlichen Sozialschmarotzers mit Lederkutte, zerrissenen Jeans, Hund in der einen Hand, Bierdose in der anderen, die Haare bunt und zum Mohawk frisiert. Manchmal versteckt er sich hinter Anzug und Krawatte, oder hinter dem debilen Grinsen des ach so freundlichen Nachbarn, der auf dem heimischen Rechner heimlich Kinderpornografie sammelt. Oder hinter der Robe eines Protzbischofs, bei dessen Arroganz einem das soeben Verdaute hochzukommen droht. Adam Angst ist angepisst. Adam Angst ist streitbar. Adam Angst ist purer Zeitgeist. Adam Angst ist viele. Die Frage ist: Wer bist du?

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Hier gibt’s den Albumtrailer, mit dem bereits im vergangenen November einiges an Vorfreude geschürt wurde…

 

…sowie die hervorragend umgesetzten Musikvideos zu „Ja, ja, ich weiß“…

 

…und „Professoren“:

 

Rock and Roll.

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