Schlagwort-Archive: Grand Hotel Van Cleef

Song des Tages: Kettcar – „Landungsbrücken raus“ (live)


Untitled-design-16-1024x576

Die Band betritt die Bühne, die Menge tobt, hebt die Gläser (oder eben Bierbecher): Kettcar stoßen auf die vergangenen zwei Jahre an. „…und das geht so„, nach dem 2010 veröffentlichten „Fliegende Bauten“ das zweite Live-Album der fünfköpfigen Indierock-Band, setzt einen Schlussstrich hinter den erfolgreichsten Release-Zirkel der 18-jährigen Bandgeschichte und entlässt die Hamburger zunächst und demnächst wieder in eine wohlverdiente gemeinsame Kreativpause. „Wir haben schlicht und einfach gesehen, wie gut uns das letztes Mal getan hat“, wie die Band zu ihrem Entschluss schreibt. Vor dieser Auszeit touren Marcus Wiebusch und Mannen natürlich im kommenden Jahr noch ein vorerst letztes Mal durch Deutschland. Und das geht so…

Als „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ im warmen August 2017 erschien, füllten Kettcar nach fünf Jahren Pause einmal mehr, einmal öfter das große unpolitische Loch im deutschsprachigen Allen-gefallen-bloß-nirgendwo-anecken-Pop-Zyklus, das sich in der letzten Dekade nach und nach aufgetan hatte. Die klare Haltung des dazugehörigen (fünften) Albums „Ich vs. Wir“ und die nahezu cineastische Auseinandersetzung mit komplexen politischen Sachverhalten traf zielgenau den Zeitgeist zwischen Ost und West, zwischen Flüchtlingswelle und tumbem AfD-Proteslertum. Klare Sache: Für genau diesen Sound und diese Botschaften gab es eine Zielgruppe. Kein Wunder also, dass die Band in den folgenden Monaten ihre bislang größten Konzerte spielen durfte, die dann – erfreulicherweise – auch noch nahezu ausnahmslos Ausverkauf vermeldeten. Diese gelungene Wiedergeburt feiert man nun mit (s)einem fast zwei Banddekaden umspannendem Quasi-Best-Of-Live-Album. Ebenjenes hört auf den simplen Titel „…und das geht so“ – wie sollte es auch sonst sein, schließlich nutzt Frontmann Wiebusch diese vier Worte ein ums andere Mal, um die Songs zu starten – und folgt der simplen Formel, an der sich auch die Konzerte der Band seit eh und je orientieren: No Bullshit, Leute. Was zählt, ist die Musik.

717nbCc0ywL._SY355_Ohne Frage: Kettcar und deren Kunst, die bei der songschreiberischen Klasse beginnt und nie wichtige Botschaften außer Acht lässt, stehen auf „…und das geht so“ ganz klar im Vordergrund. Nur für wenige Passagen gibt Marcus Wiebusch den Gesangspart an die meist textsichere Menge weiter, die das neu entstandene Vakuum stets mit Freuden füllt. Ansonsten lauscht der Zuhörer 21 Songs und gut eineinhalb Stunden lang vorrangig der Band, die fantastisch klingt und jede ihrer kreativen Schaffensphasen abarbeitet. Die fetten Passagen – die Ausbrüche von „Money Left to Burn“, „Kein Außen mehr“, „Landungsbrücken raus“ oder das von Wiebuschs 2014 erschienenem Solo-Debüt „Konfetti“ stammende „Der Tag wird kommen“ – knallen so, wie es sich gehört, schließlich kommen gerade Marcus Wiebusch und Bassist Reimer Bustorff aus der deutschen Punk-Szene, spielten sich vor Kettcar in legendären Szene-Bands wie …But Alive oder Rantanplan die Ärsche in kleinen Indie-Schuppen wund. Und auch die ruhigen Momente wie beim Pärchen-Kuschel-Favoriten „Balu“ oder dem ruhigen Outro von „Den Revolver entsichern“ können sich voll entfalten. Das liegt gerade auch an einem dreiköpfigen Bläser-Ensemble (Philip Sindy an Trompete und Flügelhorn, Sebastian Borkowski an Tenor-Saxophon und Altflöte sowie Jason Liebert an der Posaune), das das Hamburger Quintett mit im Gepäck haben und das den Kettcar-Sound passend zur Feierlichkeit im Bombast aufgehen lässt.

30257

Punkten Kettcar bereits mit ihrem reinen Fokus auf das Wesentliche, so lassen natürlich seit jeher auch die vielen kleinen Ansagen und Anekdoten die Band in charismatisch-sympathischen Licht erscheinen. Die reichen von ernst gemeinten menschlichen Politik-Kampfansagen („Humanismus ist nicht verhandelbar“) über etwas durch den Wind wirkende Danksagungen Bustorffs bis hin zu Erzählungen von der Esso-Tankestelle an der heimatlichen Reeperbahn sowie vergangenen Auseinandersetzungen mit Major-Label-Angestellten („Wir machen, was wir wollen!“). Das bodenständige Image Kettcars, deren Veröffentlichung ihres Debütalbums „Du und wieviel von deinen Freunden“ anno 2002 auch den Startschluss zum bis heute erfolgreichen Indie-Label Grand Hotel Van Cleef gab, verfestigt sich dadurch nur weiter. Da darf man freilich auch mal ausgiebig auf die eigene Hochphase anstoßen und den vergangenen Jahren mit einem formidabel tönendem Live-Album die Krone aufsetzen. Dass die Platte vor allem als kleines Dankeschön an alle Fans der Band gedacht ist, die von den Studioalben des Indierock-Quintettes nicht genug bekommen (und wohl hier auf hohem Niveau bemängeln werden, dass eine Song-Großtat wie das Niels Frevert-Duett „Am Tisch“ hier fehlt), geht natürlich völlig in Ordnung, beweisen Kettcar hier doch einmal mehr eindrucksvoll, dass sich Humor und Ernsthaftigkeit, satte Akkorde und erhobene Zeigefinger keineswegs im Weg stehen müssen.

 

 

— Kettcar live 2020 —

25.01. – Braunschweig, Staatstheater
26.01. – Düsseldorf, Stahlwerk
27.01. – Nürnberg, Z-Bau
28.01. – München, Muffathalle
29.01. – Mannheim, Capitol
30.01. – Dresden, Schlachthof
31.01. – Bremen, Pier 2
01.02. – Lübeck, MuK

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Klassiker des Tages: Kilians – „Fight The Start“


kilians

In den späten 2000er Jahren ging das ungefähr so: Kilians aufgelegt, die Leute wippen und kopfnicken emsig bis gedankenverloren mit und es dauert gefühlsgestoppte 20 Sekunden bis jemand fragt, ob dies denn die Strokes sind. Es wird freundlich verneint. Oh, dann bestimmt britisch! Die Arctic Monkeys etwa? Erneut: leider nein, leider nicht – und das Interesse der Unkundigen wächst. Klingen wie… hmm… wer ist denn das? Die Kilians. Ahja. Nie gehört. Und weißt du was das Witzige ist? Die kommen aus dem Ruhrpott. Es folgen: Reaktionen irgendwo im Spannungsfeld zwischen blankem Entsetzen, Überraschung und Neid. Wie kriegen es fünf milchgesichtige Bubis aus Dinslaken hin, so unglaublich hippe, ja: tight rockende Indie-Mucke zu machen? Ein arschcooles Geheimnis. Jedoch eins, welches nicht lange hält. Und schnell auch einen R-5235481-1418831076-5137gewissen Thees Uhlmann auf den Plan ruft, der Frontmann Simon Den Hartog und Co. nicht nur mit auf Tour nimmt, sondern weniger später sogar managt und zu seinem Label Grand Hotel Van Cleef holt. Im Jahr 2013 machen die Kilians jedoch nach drei Alben, deren Tanzflächenfüller-Indierock-Dissen-Hitdichte internationaler Güteklasse vom urbanen New York City-Garagenrock der Duftmarke Strokes (nicht umsonst klang Den Hartogs Gesangsorgan ähnlich wie jenes von Strokes-Stimme Julian Casablancas) bis hin zu groß angelegten Roadmovie-Balladen oder Brit-Rock-Melancholien reichte, Schluss. Wegen zeitlicher Probleme. Wie schnöde. Und wahnsinnig schade für die deutsche Indie-Rock-Landschaft.  Ob die Kilians nach sechs Comeback-Shows, die Simon Den Hartog (Gesang, Gitarre), Dominic Lorberg (Gitarre), Gordian Scholz (Bass), Arne Schult (Gitarre) und Michael Schürmann (Schlagzeug) anno 2017 anlässlich des zehnten Geburtstages ihres auch heute noch fein anzuhörenden Debütalbums „Kill The Kilians“ gaben, irgendwann und eines Tages noch einmal zusammenfinden werden? Die Zeit wird’s zeigen…

 

R-1567812-1523610956-5410Immer noch einer der besten der nicht eben wenigen tollen Songs vom Debüt der Ruhrpott-Provinz-Strokes, der Oasis aus Dinslaken, der Arktischen Affen von Thees Uhlmanns Gnaden ist „Fight The Start“. Das weiß auch – Fun Fact! Fun Fact! – Pandamasken-Pop-Rapper Cro, der das Lied 2011 für seinen Song „Einmal um die Welt“ sampelte. Dass dieser wiederum ein bundesdeutscher Top-Ten-Hit (und in Österreich gar ein Nummer-eins-Hit) wurde? Tja, so isses halt manchmal…

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Thees Uhlmann – „Avicii“


016bfcfd-1c3d-42e2-8284-f4c9b650f9a4.jpg

Flirrende Arpeggio-Gitarren, Uptempo-Schlagzeug, zum Refrain hin dezent verzerrter Indierock-Sound – „Avicii“ ist vermutlich einer der zackigeren Songs des kommenden Thees Uhlmann-Albums „Junkies und Scientologen„. Inhaltlich offenbart der selten um einen krummen Witz verlegene Musiker und „Sophia, der Tod und ich“-Autor hier seine – wer hätte gerade das vermutet – Liebe zum 2018 mit nur 28 Jahren verstorbenen schwedischen Electro-DJ Avicii, Textzeilen wie „Avicii, Avicii / Was machst du in Oman? / Deine Mutter macht sich Sorgen / Und ich denke ‚Oh man'“ spielen auf den Sterbeort des jungen Musikers an, „Du warst die neuen Abba“ singt Uhlmann dann, während er Avicii an der Theke gedenkt. Später zementiert er seine Leidenschaft für den Verstorbenen: „Avicii, Kunst wird nicht schlecht, nur weil das Viele hören“, heißt es da, und: „Wie oft hab ich zu dir gesagt / ‚Den finde ich toll.'“

Das Video von Andreas Hornoff und Ingo Pertramer lässt Thees Uhlmann (musikalische) Erinnerungsstücke aus vergangenen Jahrzehnten präsentieren – und unterstreicht damit noch einmal die Wärme und das Mitgefühl, mit dem der ehemalige Tomte-Frontmann dem tragischen Schicksal des von ihm geschätzten Tim „Avicii“ Bergling hier begegnet.

„Avicii“ ist bereits die zweite Vorab-Single des am 20. September erscheinenden neuen Uhlmann-Albums „Junkies und Scientologen“. Vor knapp einem Monat hatten bereits der Song „Fünf Jahre nicht gesungen“ sowie das zugehörige Video Uhlmanns Comeback nach einer längeren Zeit ohne große musikalische Aktivitäten eingeläutet…

aviciiUhlo zu „Avicii“ via Facebook:

„Mein Freund Christoph fragte mich, als er den Song das erste Mal hörte: ‚Meinst Du das ironisch?‘ und ich meinte:

‚Nein, Christoph! Ich meine das ernst. Ich habe den geliebt. Es ist so traurig. Warum kommt es manchmal so, wie es kommt? Warum kann manchmal keiner helfen? Wie kommen wir durch? Wie bleiben wir stark und sanft?‘

Und dann hat Christoph gesagt: ‚Ich hab nichts anderes von dir erwartet. Ich hab mich nur kurz gewundert.‘

Immer weiter singen. Immer weiter Kunst.

Avicii war der Geilste! Wie gerne ich das nachts in der Küche höre!
– Das beste Gitarrenriff der letzten 5 Jahre ist von uns! (Welches ist besser? In die Kommentare! Das Battle ist on!)
– Video ist von Horni (80% – Unit Haupstadt) und Fotoingo (25% – Unit Wien)
– Ich wollte ‚OMAN‘ und ‚OH MAN‘ genau gleich singen. Rudi Meier und Simon Frontzek haben das verhindert. Mit Fäusten! Mit Recht!
– Hat jemand die Star Wars-Vans aus dem Video noch mal in neu? Schuhgröße 41-45 reicht.
– Ja, das ist ein John F. Kennedy Teppich. Ich weiß. Ich finde es genau so geil.“

 

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Thees Uhlmann – „Fünf Jahre nicht gesungen“


Thees_2019_Online

Uhlo ist back! Satte sechs Jahre nach dem zweiten Solowerk „#2“ hat Thees Uhlmann (s)einen neuen Song „Fünf Jahre nicht gesungen“ veröffentlicht und gibt damit einen ersten musikalischen Vorgeschmack auf sein vor kurzem angekündigtes drittes Album „Junkies und Scientologen“, welches am 20. September – natürlich beim heimischen Grand Hotel Van Cleef – erscheinen wird (und in der Box-Set-Variante – nebst Vinyl sowie etlichen Gimmicks – wahlweise auch eine Bonus-Platte mit „8 unveröffentlichten deutschsprachigen Coverversionen“ enthält).

funf-jahre-nicht-gesungen.jpg„Fünf Jahre nicht gesungen“ nun beginnt mit einem hart angeschlagenen Keyboard, dessen Rhythmus verdammt an Foreigners „Cold As Ice“ erinnert – schon der Pressetext warnt davor, dass das aber auf die falsche Fährte führt. Wenn Uhlmanns unverkennbarer Gesang, der seit jeher die Lager spaltet, einsetzt, wird das viereinhalbminütige Stück in der Tat zum vertraut umarmenden Liedermacher-Indierock Uhlmann’scher Bauart. Im Text reflektiert der ehemalige Tomte-Frontmann und Jetzt-auch-Romanautor (das tatsächlich tolle „Sophia, der Tod und ich“ erschien 2015) die vergangenen paar (turbulenten) Jahre seines Lebens und stellt in Passagen wie „Und dann kam Silvester und mir wurde klar / Wenn der Sommer beginnt stirbt ein weiteres Jahr“ fest, wie vergänglich und schnell wandelbar alles ist.

Die Idee dazu kam dem Vertreter der Hamburger Schule nach eigener Aussage, als ihm im vergangenen Jahr klar wurde, dass er seit fünf Jahre keine neuen Songs geschrieben hatte und lange nicht mehr vor Publikum musizierte: „Wobei aus fünf Jahren ja schon fast sechs geworden sind, aber vor einem Jahr habe ich eben darüber nachgedacht, warum mir seit fünf Jahren nichts mehr eingefallen ist. Von daher mögen mir die Mathelehrer verzeihen, wie sie mir schon so viel verziehen haben.“ Der 45-jährige Wahl-Berliner empfiehlt augenzwinkernd: „Wenn Sie schlechte Laune haben, dann wird das genau Ihr Song sein. Und wenn Sie gute Laune haben, dann werden Sie sich freuen, wie schön es ist, keine schlechte Laune zu haben, aber auch gut, wenn bei den anderen so ein Song dabei raus kommt. So ist das eben. Das Leben ist kein Highway, es ist die B73!“

Und schon wird einem klar, wie sehr der ebenso trockene wie fein austarierte norddeutsche Humor des bekennenden St.-Pauli-Fans in den letzten Jahren gefehlt hat – dem tut die einmal mehr seeeehr spezielle Tracklist von „Junkies und Scientologen“ freilich keinen Abbruch:

01. Fünf Jahre nicht gesungen
02. Danke für die Angst
03. Avicii
04. Was wird aus Hannover
05. 100.000 Songs
06. Ich bin der Fahrer, der die Frauen nach Hip Hop Videodrehs nach Hause fährt
07. Junkies und Scientologen
08. Katy Grayson Perry
09. Menschen ohne Angst wissen nicht, wie man singt
10. Ein Satellit sendet leise
11. Die Welt ist unser Feld
12. Immer wenn ich an dich denke, stirbt etwas in mir

 

 

Im August, September und Dezember sind Thees Uhlmann und Band denn auch auf ausgedehnter Tour:

03.08. Hamburg, Theaterschiff (solo, ausverkauft)
13.08. Reutlingen, Franz.K
14.08. Worpswede, Music Hall
15.08. DK – Rømø, Cruise van Cleef (ausverkauft)
16.08. Kassel, Kulturzelt
17.08. Grosspösna, Highfield Festival
23.08. Essen, Zeche Carl Open Air

25.09. Rostock, Mau Club
26.09. Cottbus, Glad-House
27.09. Hamburg, Große Freiheit 36 (ausverkauft)
28.09. Berlin, Lido (ausverkauft)
29.09. München, Ampere (ausverkauft)
30.09. Köln, Stadtgarten (ausverkauft)

06.12. A – Wien, Gasometer
07.12. München, Tonhalle
08.12. Saarbrücken, Garage
10.12. Erlangen, Heinrich Lades Halle
11.12. Dortmund, FZW
12.12. Wiesbaden, Schlachthof
13.12. Stuttgart, LKA Longhorn
14.12. Berlin, Columbiahalle
16.12. Hannover, Capitol
17.12. Hamburg, Große Freiheit 36
18.12. Hamburg, Große Freiheit 36
19.12. Bielefeld, Lokschuppen
20.12. Bremen, Pier 2
21.12. Köln, Palladium

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Kettcar – „Weit draußen“


kettcar_byandreashornoff_2017_4_small_2_1

Foto: Promo / Andreas Hornoff

Ich weiß sehr genau, dass ich mich mit solchen vollkommen wahren Thesen zum x-ten Mal wiederhole, aber: wenn es eine Band im deutschsprachigen Raum recht verlässlich beherrscht, teilweise schonungslos direkte Sozialkritik in tolle indierockende Musik und diese wiederum instant in einen Kloß im Hals zu verwandeln, dann sind es wohl Kettcar (und falls diese einmal verdient pausieren, wird’s wohl deren Frontmann Marcus Wiebusch gewesen sein).

50b774f7-KettcarEP2019Final.jpgDas war auf dem letzten, 2017 veröffentlichten Album „Ich vs. Wir“ (welches es unter ANEWFRIENDs „Alben des Jahres“ schaffte) so, und ist auch auf der im März (digital) beziehungsweise vor wenigen Tagen (physisch) nachgereichten EP „Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich)„, die an die gesellschaftskritischen Inhalte des Albums auf der Mikroebene anknüpft, kaum anders. Songs wie „Palo Alto“ oder „Scheine in den Graben“ (bei dem die illustre Gästeliste im Verlauf des Songs Schorsch Kamerun von Die Goldenen Zitronen, Jen Bender von den Electro-Trashern Großstadtgeflüster, Die Ärzte-Schlagzeuger Bela B., Jörkk Mechenbier von Love A, Rapperin Sookee, Kraftklub-Sänger Felix Brummer, Marie Curry von den Hamburger HipHoppern Neonschwarz, Gisbert zu Knyphausen, Safi und David Frings von Fjørt in Kurz-Features abarbeitet) mögen zwar (bewusst) mit dem ein oder anderen Klischee spielen, sind aber vor allem: wichtig. Ebenso wie die 2001 gegründete Hamburger Band, wenn man so mag das gute schlechte Gewissen des deutschen Indierocks (was wiederum auch schon für Wiebuschs etwas mehr Richtung Schrammel-Punk angesiedelte Vorgängertruppe …But Alive galt). Neustes – und wohl der EP bestes – Beispiel ist der Abschlusssong „Weit draußen“.

Musikalisch sowie von seiner Grundstimmung her bewegt sich das Stück  wohl irgendwo zwischen „Erinnert sich jemand an Kalle Del’Haye“ von …But Alive und „48 Stunden“ von Kettcar: Im Zentrum stehen eine Akustikgitarre und Marcus Wiebuschs eindringlicher (Sprech-)Gesang, drumherum strickt die fünfköpfige Band vorsichtig etwas reduziertes Beiwerk. Der Text ist dafür umso niederschmetternder: Der Erzähler besucht eine alte Freundin, die mit ihrem behinderten Sohn vor dem Mitleid ihrer Umgebung aufs Land geflohen ist und nun Sätze sagt wie „Ich schwör‘, ich liebe mein Kind / Aber ich hasse mein Leben“. Sätze, die einem die Kehle zuschnüren. Die nachwirken. All die Wut, die Scham, die Verzweiflung und Verlogenheit einer solchen Situation wird immanent spürbar. Kloß im Hals? Ad hoc.

Das nun an die Hand gegebene dazugehörige Musikvideo setzt seines Zeichens ganz auf Kontemplation: Der Clip zeigt einfach nur die Autofahrt der Hauptfigur (Marcus Wiebusch) zu besagter Freundin aufs Land – und automatisch macht sich der Zuschauer auch jene Gedanken des „Elendstouristen“, der daran verzweifelt, wie er mit der Situation umgehen soll – und als Außenstehender – glücklicherweise – nie so ganz dieses Leben eines Elternteils eines behinderten Kindes nachvollziehen können wird. Mit all seinen Entbehrungen, aber auch schönen Tagen voll kleiner Freuden. „Zeig‘ mir einen Helden / Und ich schreib dir ’ne Tragödie…“ Uff.

 

 

„Ich weiß, du meintest, es wäre sehr weit draußen
Aber so weit draußen? Ist doch völlig verrückt!
Hier zieht man hin, wenn man nie mehr gefunden werden will
Es ist so still…

Der Garten ein Urwald, das Haus eine Hütte
Fenster und Türen mit dem Mut zur Lücke
Du trittst raus, dezentes Makup, einfach schön
Eine lange Umarmung
Es tut so gut, dich zu seh’n!

Und dann sitzen wir mit unseren wiederkehrenden Gefühlen
Auf so etwas wie Gartenstühlen, aus dem letzten Jahrhundert
Aus der Zeit gefallen, und für immer verändert
Und du fragst mich: ‚Welcher Tag ist eigentlich heute?‘
Das Babyphone zwischen uns macht so friedliche Geräusche
Der Kleine schläft, so leise und friedlich

‚Ich konnt‘ dein Mitleid nicht mehr ertragen.‘
Der Satz von dir aus dem Nichts
‚Wie ihr mein Kind angesehen habt, und dann mich
Nicht zu ertragen.‘

Du sagst: ‚Manchmal ist es hart, doch meistens OK.‘
Und ich weiß, dass du dir das nicht vorstellen kannst
Mit wie wenig man lernt, auszukommen
Wenn man nichts mehr verlangt
Wir erkennen die Lügner, wenn wir sie sehen
Nicht an der Stimme, nur an den Augen
Im Sturm auf schwankendem Boden
Und fehlendem Glauben
Du bist keiner von ihnen
Du bist niemand von denen
Wenn du Sätze sagst, wie:
‚Ich schwör‘, ich liebe mein Kind
Aber ich hasse mein Leben!‘

Auf der Rückfahrt mitten in der Nacht rechts ran
Auf einer Landstraße im Niemandsland
In der Dunkelheit jeden einzelnen Gott verflucht
Und trotzdem fast zu beten versucht
Die Fäuste aufs Lenkrad, der Kopf hinterher
Wo kommen jetzt bitte die Scheißtränen her?
Nur ein Elendstourist, der nur ahnt wie es ist
Und das Ganze ganz schnell vergisst

Aber deine Sätze noch im Ohr
Deine Sätze, wie Handgranaten
Die Chance war halt Eins zu zwei Millionen
Dass der Kleine genau damit geboren wird
Die Chance war da und wir waren halt dran
Und nun durchhalten
Und tun, was man kann

Ja, jeder kann glücklich werden, ja ja
Aber nicht alle
Ja, jeder kann glücklich werden
Aber nie, nie, nie alle

Und beim Abschied dann der übliche Scheiß:
‚Wir sehen uns bald wieder!‘
Und ich weiß, dass du weißt, dass das nicht passieren wird
Nicht so bald
Der Elendstourist weiß, wie das ist
Wir erkennen die Lügen nicht an der Stimme
Nur an den Augen

Du sagst: ‚Manchmal ist es hart, doch meistens OK.‘
Und ich weiß, dass du dir das nicht vorstellen kannst
Mit wie wenig man lernt, auszukommen
Wenn man nichts mehr verlangt
Wir erkennen die Lügner, wenn wir sie sehen
Nicht an der Stimme, nur an den Augen
Im Sturm auf schwankendem Boden
Und fehlendem Glauben
Du bist keiner von ihnen
Du bist niemand von denen
Wenn du Sätze sagst, wie:
‚Ich schwör‘, ich liebe mein Kind
Aber ich hasse mein Leben!‘

Zeig‘ mir einen Helden
Und ich schreib dir ’ne Tragödie…“

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Yellowknife – „A Saturday“


Yellowknife_FullBand_1_bySebastianIgelweb

Foto: Sebastian Igel / Promo

Nee, die berühmtem „Melodien für Millionen“ wird Tobias „Tobi“ Mösch in diesem Musikerleben kaum mehr schreiben. Geschieht wohl auch ganz freiwillig, und ist daher schon okay so…

„Der Indie-Rock-Pop, den die zehn Titel hier abfeiern, ist an sich ein alter Schuh, doch er macht heute wie vor 25 Jahren großen Spaß.“

(Review auf plattentests.de)

41PJQyYKUAL._SS500.jpgTrotz alledem werfen die zehn Songs von „Retain„, dem kürzlich bei Grand Hotel Van Cleef erschienenen zweiten Album von Yellowknife, das wildeste Assoziationen-Bingo an: Grundsympathischer Indierock wie um die Jahrtausendwende herum – schroff, direkt und unaufdringlich. The Promise Ring. Maritime. Home Of The Lame. The Weakerthans. In euphorischeren Moment eventuell auch Friska Viljor. Lange Herbstspaziergänge durch laubbedeckte, bunt-wuselige Großstadtstraßen, während einem die letzten warmen Sonnenstrahlen auf der Nase herum tanzen und diese Lieder aus den Kopfhörern klingen. Der gute Freund, den man zwar nicht mehr allzu oft sieht (und weder du noch er große Anstalten machen, dies zu ändern), den man jedoch immer noch rund um den Zeiger anrufen kann, um ihm denn 15 Minuten später sein rotzgetränktes Leid ins kühle Bier zu heulen. Die Nacht, die du durchgefahren bist – ohne Ziel, einfach nur mit dem Wunsch, irgendwo anders anzukommen. Diese Musik lief. Oder klang so?

Nee, aufdrängen ist nicht das Ding von „In Basements„, „A Saturday“ und Co. Vielmehr präsentieren sich die neusten Stücke des nach einem Umzug von Köln nach Hamburg – mit Carsten Thumm am Bass und Christoph Nolte am Schlagzeug – zum Trio angewachsenen ehemaligen Schlafzimmer-Projektes von Tobias Mösch, für das dieser einst eine wohlklingende 20.000-Einwohner-Stadt im kanadischen Nordwesten als Namensgeber wählte (noch so ein Indiz dafür, dass Mösch, der einem – abseits von Yellowknife – eventuell bereits als Frontmann der Post-Hardcore-Schreihälse von Ashes Of Pompeii über den musikalischen Weg gelaufen sein könnte, ein Fan von John K. Samsons leider nicht mehr aktiver Kapelle sein mag), gestrafft und mit ordentlich rumpelnden Ecken und Kanten. Und bringen alles, was es zu sagen gilt, in feinen dreieinhalb Indierockpop-Minuten unter. Kribbelt. Rockt. Macht Laune. Umarmt. Wer braucht da schon diese „Melodien für Millionen“?

(Noch besser, schöner, wortreicher und persönlicher bringen’s übrigens die Rezensionen von und auf stayclosetoyoursoul.com und prettyinnoise.de auf den Punkt. Gern also da weiter lesen…)

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: