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Das Album der Woche


Henry Jamison – The Years (2022)

-erschienen bei Color Study/Ultra-

Im Englischen gibt es das wunderbare Wort „sophisticated“, das sich in seiner Ergiebigkeit nicht so leicht ins Deutsche übersetzen lässt. Meint man es gut, beschreibt es etwas Anspruchsvolles, etwas Schlaues. Doch genauso gut kann es im weiteren Sinne prätentiöses Verhalten bezeichnen. Henry Jamison ist mit seinen dezent verkopften Folk-Oden vornehmlich hart an der Grenze zwischen den beiden Bedeutungen unterwegs – und steht auf seinem dritten Langspieler „The Years“ trotzdem wieder auf der besseren Seite.

Dabei passiert in den gut 32 Minuten gar nicht so viel Neues, schaut man sich die zwar (noch) recht übersichtliche, jedoch bislang vollumfänglich tolle Diskografie des Indie-Folk-Musikers aus dem US-amerikanischen Vermont im Vergleich an. Ebenso lohnenswert erscheint auch ein Blick auf Jamisons Familienhistorie, bei der – bei aller Phrasendrescherei – eines schnell klar wird: der passionierte Leisetreter wurde scheinbar geboren, um Songs zu schreiben. Auf der einen Seite ist da sein Vater, ein klassischer Komponist, auf der anderen Seite seine Mutter, eine Englischlehrerin, die ihn stets inspiriert und ermutigt hat. Und wenn man einen weiteren, tieferen Blick auf den Stammbaum der Familie Jamison wirft, fallen noch weitere Namen auf: George Frederick Rood etwa, einer der populärsten Songwriter der Bürgerkriegszeit im 19. Jahrhundert oder auch Dichter John Gower, der bekanntlich ein Freund von Geoffrey Chaucer und Richard II. war. Doch genug des Geschichtsexkurses.

Jedenfalls es mit diesem Wissen im Hinterkopfgepäck keineswegs verwunderlich, dass Henry Jamison bereits mit seinem durchaus beeindruckenden, 2017 veröffentlichten Debütalbum „The Wilds“ beweisen konnte, dass er ein bemerkenswerter Geschichtenerzähler ist, dem es gelingt, seine Erzählungen und Alltagsbeobachtungen in Liedform zu bringen. Zarte Klänge seiner Akustikgitarre und seines Banjos mit programmierten Percussion-Loops und Synthesizern vereinend, setzt  sich der Singer/Songwriter in seiner Musik mit den Unstimmigkeiten des modernen Lebens auseinander, während er sich gleichzeitig bemüht, die Konflikte zwischen unserem inneren und äußeren Selbst, der natürlichen Umgebung und der von uns konstruierten Gesellschaft in Einklang zu bringen. Wer Vergleiche zu Bon Iver oder zu Death Cab For Cutie-Frontmann Benjamin Gibbard anstellt, der an einem lauschigen Spätsommerabend seine liebsten Sufjan-Stevens-Oden einer Coverbehandlung unterzieht, liegt damit wohl gar nicht so falsch.

Nachdem die Songs des Debüts mehr als 100 Millionen Mal auf Spotify und Co. gestreamt wurden und Henry Jamison als „visueller Textdichter“ gelobt wurde, der Musik schreibt, die „wie ein Traum klingt, der Gestalt annimmt“ (Consequence of Sound), erschien im Februar 2019 „Gloria Duplex“, das zweite Album des Solokünstlers. Jamison geht auf diesem unter anderem der Frage nach, was es in der heutigen Welt bedeutet, ein Mann zu sein, und nimmt Teil am öffentlichen Diskurs über toxische Maskulinität, ohne dabei von Oben herab zu predigen. Das „Atwood Magazine“ beschreibt seine Herangehensweise wie folgt: „Indem er seine eigene Abgestumpftheit und seine Unzulänglichkeit zugibt, öffnet er eine Tür für alle Männer. Er zwingt sie nicht, alles aufzugeben, was sie über ihr eigenes Geschlecht wissen, sondern zu überlegen, wie schädlich es sein kann – und wie einfach es gleichzeitig sein könnte, einfach damit zu beginnen, es zu versuchen.“

Nach der Irgendwie-doch-nicht-Break-up-EP „Tourism“ von 2020 ist es nun, auf „The Years“, nicht mehr der Liebeskummer, der auf den Kopf zu stürzen und alles mit sich zu reißen droht, dafür jedoch eine ordentliche Portion Weltschmerz. Am schärfsten sticht die Erkenntnisklinge im Titelsong ins Herz, wenn Jamison ganz nüchtern und un-sophisticated konstatiert: „Time flies, even when we’re not having any fun“. Ein bisschen mehr ums Eck denkt dagegen „Fanfare“, das die Absurdität der Akademiker*innenlaufbahn verhandelt. Mit seinem „degree in hypocrisy“ imitiert der Musiker im ausstaffiertesten Stück des Albums onomatopoetisch Fanfaren, die keineswegs grundlos nach „doom d-d-doom“ tönen.

Meistens besteht der Unterbau auf „The Years“, bei welchem Jamison neben Produzent Doug Schadt (Maggie Rogers, Claud) und Langzeit-Kollaborateur Thomas „Doveman“ Bartlett (Florence and the Machine, Sufjan Stevens) auch Komponist Nico Muhly (Adele, Björk) mit Rat und Tat zur Seite standen, aus der bekannten Melange von Klavier, Gitarre und (s)einem sachten, ja beinahe schmächtigen Gesang, der sich genauso bezaubernd wie beunruhigend wie ein Ascheregen sanft auf allem sowie in den geneigten Gehörgängen ausbreitet. Etwas Schlagzeug schleicht sich nur gelegentlich in die Szenerie und verstohlen lassen sich im Hintergrund immer wieder andere Instrumente erahnen, halten sich jedoch bedacht und vorsichtig im Schatten. Einzig die britische Sängerin Maisie Peters sticht auf dem Duett „Make It Out“ auffallend positiv heraus. Das passt zu einem Album, auf dem – zumindest zwischen den Zeilen – viel getrauert wird und welches spontanen Stimmungsschwankungen unterlegen ist, die wiederum zwischen gleichgültigem Optimismus und zynischem Pessimismus pendeln. Besonders spürbar ist das im letzten Song der Platte: „Middle Name“ zeigt Jamisons feine Lyrik in Topform, wenn er ganz natürlich tonlose TV-Spots für Zuckerwasser und die biblische Meeresteilung in einem Diorama in New England platziert – und das nur wegen des bedeutungsschwangeren zweiten Vornamens Moses.

Wer denn unbedingt nach Krittelei sucht, darf monieren, dass „The Years“ – freilich auf hohem Niveau- etwas der Überraschungsmoment abgeht. Andererseits entscheidet man – je nach eigenem Gusto – bei einem leisetretenden Troubadour wie Henry Jamison ohnehin ziemlich schnell, ob man das alles nun fein nuanciert und clever oder in seiner Attitüde ein bisschen weinerlich und too much findet. Und natürlich hat der US-Musiker auch mit (und auf) seinem dritten Langspieler keinen neuen musikalischen Kontinent entdeckt, den er jetzt erst einmal erkunden muss, er verlässt sich auf zuvor Kartografiertes. Schaden tut es dieser sanften, im besten Sinne einlullenden Folk-Pop-Platte nicht, aber vielleicht, vielleicht wagt er nächstes Mal sogar noch ein bisschen mehr – auch auf die Gefahr hin, dass irgendjemand ihn dann „sophisticated“ nennt und es böse meint…

Rock and Roll.

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