Schlagwort-Archive: Glasgow

Auf dem Radar: Dead Modern


Anfang diesen Monats vermeldete der ansonsten recht verschlafene Twitter-Feed der – nicht nur hier – innig geliebten und daher seit einigen Jahren umso schmerzlicher vermissten schottischen Band There Will Be Fireworks tatsächlich ein paar Neuigkeiten, was bei all jenen, die befürchtet hatten, mit dem 2013er Album „The Dark, Dark Bright“ die letzten neuen Töne der fünfköpfigen Post-Rock-Band aus Glasgow gehört zu haben, durchaus für erhöhte Pulsfrequenzen gesorgt haben dürfte. Die Nachricht bestätigte, dass Album Nummer drei aktuell (noch immer) in der Mache sei, wenngleich es noch einige Zeit dauern könne, bis selbiges in die Welt entlassen werde (schließlich gehen alle Teile der Band noch immer „normalen“ Brotjobs nach). Als kleines „Trostpflaster“ verschenken There Will Be Fireworks nun eine alternative Version des „The Dark, Dark Bright“-Songs „Ash Wednesday“… Immerhin? Immerhin. Und was vielleicht noch interessanter ist: es werden in jenen Neuigkeiten nicht nur ein, sondern gleich zwei Nebenprojekte erwähnt, an denen Teile der Band beteiligt sind…

Das erste davon ist Dead Modern – bestehend aus vier Musikern, welche man bislang bei There Will Be Fireworks, The Youth & Young, Seeing Other People oder New Year Memorial gehört haben könnte (vor allem letztere seien übrigens allen, die interessiert, wie TWBF-Stimme Nicholas McManus denn im Neunziger-Emo-Rock-Ourfit klingen würde, wärmstens empfohlen). Die gerade einmal drei Songs der nun erschienenen Debüt-EP, „Still Cool„, tönen wie ein langsamer, nachttrunkener Spätherbsttanz durch ein Dickicht aus Synthesizern, bei welchem man sich immer wieder durch hochprozentige Schlücke aus dem Flachmann wärmt. Sie sind die Musik gewordene Bettdecke am Ende einer Nacht, durch welche man tanzt, bis die alltagsträgen Beine schlapp machen. Sie sind die Tränen, die man ob all der verpassten Chancen und als Tribut an das Glück, noch immer am Leben zu sein, vergießt. Sie sind die Entscheidung, den letzten Bus fahren zu lassen, um mit dieser Musik im Ohr den Heimweg anzutreten. Oder, wie’s die Band selbst umschreibt: „Nostalgic synth miserablism from the Central Belt of Scotland. Overly-long songs.“ Schottisches Understatement halt.

Die Eröffnungsnummer „True North“ kommt da gleich wie die schottische Antwort auf den elektronisch unterfütterten, oft genug traurig tänzelnden White-Boy-Indie-Pop von LCD Soundsystem oder Phoenix daher und verleiht – natürlich auf recht eigene Weise – einer Talking-Heads’schen Basslinie einen Hauch von Future Islands. Zudem kann man gleich hier feststellen, dass Nicholas McManus nichts, aber auch gar nichts von jener emotionalen Emphase verloren hat, die den zweieinhalb Alben von There Will Be Fireworks eine Sonderstellung zuteil werden ließ, einfach weil all das, was McManus da mit breitem Glaswegian Akzent vorträgt, einen direkt ins Herz traf – und noch immer trifft. Diese Wehklage über verpasste Gelegenheiten, die Suche nach dem einen Ort, an dem verloren geglaubte Träume vielleicht noch gerettet werden können, und die Hatz nach Zufriedenheit inmitten der Sehnsucht, die all dies hervorruft – alles in diesen drei Stücken scheint darauf ausgelegt, einmal mehr das Herz zu berühren.

Und wenn man so mag, findet man hier den urbanen Kontrast zur eher in der Natur angesiedelten Musik von There Will Be Fireworks, denn Glasgow ist auf der EP allgegenwärtig – die aus Backstein, Asphalt und Dreck erbaute Schönheit und barsch-direkte Brutalität der 633.000-Einwohner-Stadt ist in jeden Beat der vornehmlich programmierten Drums, in jeden Anschlag der E-Gitarren gemeißelt. Sie bietet einen Berührungspunkt für all jene, die die Stadt kennen oder gekannt haben, wirft jedoch auch genug Gedankenbilder für alle, die der größten schottischen Stadt noch keinen Besuch abgestattet haben, vors innere Auge. Und obwohl sich alle drei EP-Songs um die Sechs-Minuten-Marke herum einpendeln, lassen die mit viel Liebe zum unperfekten Detail gestalteten Krautrock-Anleihen und und die hallenden Dance-Synthies den Wunsch aufkommen, endlos in ihnen zu schwelgen. For fuck’s sake.

Keine Frage: Mit dieser EP hätten es Dead Modern verdient, sich als eigenständige Band – und nicht „nur“ als Nebenprodukt – zu etablieren (und dürfen gern noch ein vollwertiges Album folgen lassen). „Still Cool“ ist eine in Nostalgie und günstig erstandenen Fusel getränkte Ode an die langsam gen Nebenschwaden ziehenden Tage der Jugend, ein in herrlich buntem Alltagsgrau geschriebener Liebesbrief an Glasgow und eine Feier der Erkenntnis, dass Musik uns, selbst wenn alles andere längst die Segel gestrichen haben sollte, nienimmernicht verlässt. Umso schöner, wenn sie so klingt wie hier…

„Dead Modern is a band born of that quintessential modern condition: nostalgia. 

Nostalgia for youth. Nostalgia for the music of 1979 or 1989. Nostalgia for the club nights and basement gigs of 2009. Nostalgia for the long-shuttered venues of The Arches and Studio24. Nostalgia for old dreams and old friends. 

Formed from the Scottish indie rock and electronic music underground – with members from There Will Be Fireworks, The Youth and Young and New Year Memorial among others – Dead Modern recorded Still Cool with producer/engineer Andy Miller (Mogwai, Life Without Buildings, Songs: Ohia) at Gargleblast Studio in Hamilton, Scotland in 2019 and 2020. 

Still Cool is a meditation on the past and how it forms us – what was lost, what was won and just how the hell did we get here? And how do we get back? Universal themes placed in the very specific context of a long-ago youth misspent in Glasgow’s indie clubs. 

We remember how it felt, and we still feel it. 

If you like analogue synths… 

If you ever lost your friends at Death Disco… 

If you ever sweated your bodyweight at a downstairs gig in the Captain’s Rest… 

This is for you.“

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Monday Listen: Washington Irving – „August 1914“


„Washington Irving are a chaotic indie rock band from Scotland.“ – So beschreibt sich die fünfköpfige Band selbst auf ihrem Bandcamp-Profil – und diese erste, eigene Standortmarkierung trifft den klingenden Nagel bereits recht gut auf den tönenden Kopf, denn irgendwo zwischen zerbrechlichen Folktönen und ausufernden Lärmwänden zelebrieren Washington Irving ihre Musik. Ich meine: Wer dem schottischen, ohnehin meist verdammt nah am melancholischen Ufer geparkten Gemüt auch sonst nahe steht und Bands wie Frightened Rabbit, We Were Promised Jetpacks oder There Will Be Fireworks im Hörerherzen mit sich spazieren trägt, dürfte sich hier sehr gut aufgehoben fühlen.

Zudem scheinen die Lads von Washington Irving ein ausgesprochenes Faible fürs Geschichtliche zu haben, immerhin benannte sich die Band nach einem amerikanischen Schriftsteller. Und auch ihr 2017 nach einer Handvoll EPs erschienenes Debütalbum „August 1914“ backt nicht eben kleine Musikbrötchen, immerhin befasst sich dieses als Konzeptalbum mit „den Kriegen des 20. Jahrhunderts“, wie Leadsänger und Gitarrist Joseph Black selbst meint. Umso erstaunlicher, dass das gut dreiviertelstündige Endergebnis nicht düster, trist und verkopft, sondern durchaus formidabel nach vorn indierockend gerät und mit seinen einerseits laut tönenden, andererseits fragil am Herz packenden Emotionen und seiner süchtig machenden Intensität ein ums andere Mal wie die besten Monate der oben genannten Bands klingt (mit Frightened Rabbit waren Washington Irving bis zum Tod von FR-Frontmann Scott Hutchison auch gut befreundet und teilten nicht selten Backstageräume und Konzertbühnen). Bei all der Qualität, die die zehn Songs von „August 1914“ auf den Plattenteller legen, verwundert es durchaus, dass seinerzeit scheinbar kaum jemand Wind von diesem Indie Rock-Kleinod bekommen hat und das Quintett aus Glasgow seit gut drei Jahren leider auf kreativem Eis liegt… Nichtsdestotrotz: ein echter Geheimtipp!

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: CHVRCHES – „How Not To Drown“ (feat. Robert Smith)


Das Musikbusiness hat schon viele Talente verschlungen und nie wieder ausgespuckt. In ihrer neuen Single „How Not To Drown“ erzählen CHVRCHES von den dunklen Seiten des Geschäfts. Dafür bekommen sie Unterstützung von niemand Geringerem als The Cure-Zauselbandkopf Robert Smith. Mit dem Song kündigt das Trio aus dem schottischen Glasgow ganz nebenbei auch ihr viertes Album „Screen Violence“ an.

Wie der Titel schon andeutet, ist der neuste Song aus der Elektropop-Schmiede von Lauren Mayberry, Iain Cook und Martin Doherty ziemlich melancholisch geraten. „Tell me how / It’s better if I make no sound / I will never escape these doubts / I wasn’t dead when they found me / Watch as they pull me down“, singen Mayberry und Robert Smith gemeinsam im Refrain. Musikalisch scheint „How Not To Drown“ von den Achtziger- und Neunzigerjahren inspiriert zu sein – was sich bei einem Feature des Frontmanns von The Cure natürlich perfekt anbietet.

In ihrer letzten Single „He Said She Said“ hatten sich die Schott*innen mit den oft genug ungleichen Maßstäben der Gesellschaft beschäftigt. Jetzt folgt der etwas tiefere Blick in die psychischen Abgründe, mit dem die Band laut eigener Aussage nun größere, wichtige Botschaften in ihre Songs packen möchte. „How Not To Drown“ erzählt vom viel zu hohen Druck und dem Schmutz unter der glitzernden Oberfläche der Entertainment-Branche: „You promised the world and brought me it hanging from a string / Stuck it in my mouth, into my throat, told me to sing“. Während die Stimmen von Mayberry und Smith nach ihren Solo-Strophen im gemeinsamen Refrain ineinander verschmelzen, flehen die beiden nach einem Ausweg aus der erdrückenden Situation: „Tell me how it’s better when the sun goes down / We will never escape this town“.

CHVRCHES-Sängerin Lauren Mayberry beschreibt in „How Not To Drown“ laut eigener Aussage den einzigen Moment in ihrem Leben, in dem ihr bisher Zweifel über ihre Karriere aufkamen: „These lyrics are about a time when I just wanted to disappear, and the only time I ever thought about quitting the band. I felt like I was in over my head at the deep end and not sure how to get back.“

Parallel zur Singleveröffentlichung haben CHVRCHES außerdem den Nachfolger zum 2018 erschienenen Album „Love Is Dead“ angekündigt. Er soll den Titel „Screen Violence“ tragen und am 27. August erscheinen. „Screen Violence“ war in der engeren Auswahl, als das Trio vor zehn Jahren einen Namen suchte. Inmitten der Corona-Pandemie und den mittlerweile fast obligatorischen endlosen Videochats bekam dieser Begriff für Mayberry, Cook und Doherty nun eine ganz neue Bedeutung…

„I’m writing a book on how to stay conscious when you drown
And if the words float up to the surface, I’ll keep them down
This is the first time I know I don’t want the crown
You can take it now
You promised the world and brought me it hanging from a string
Stuck it in my mouth, into my throat, told me to sing
That was the first time I knew you can’t kill the king
And those who kiss the ring

Tell me how
It’s better when the sun goes down
We will never escape this town
I wasn’t scared when he caught me, look what it taught me
Tell me how
It’s better if I make no sound
I will never escape these doubts
I wasn’t dead when they found me, watch as they pull me down

I’m writing a chapter on what to do after they dig you up
On what to do after you grew to hate what you used to love
That was the first time I knew they were out for blood
And they would have your guts

Tell me how
It’s better when the sun goes down
We will never escape this town
I wasn’t scared when he caught me, look what it taught me
Tell me how
It’s better if I make no sound
I will never escape these doubts
I wasn’t dead when they found me, watch as they pull me down

Watch as they pull me down
Watch as they pull me down
Pulling me down

Dead when they found me, watch as they pull me down
Watch as they pull me down
Watch as they pull me down
Pulling me down
Dead when they found me, watch as they pull me down

I’m writing a book on how to stay conscious when you drown
And if the words float up to the surface, I’ll keep them down
This is the first time I know I don’t want the crown
You can take it now
You can take it now
Take it now“

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Arab Strap – As Days Get Dark (2021)

-erschienen bei Rock Action/PIAS/Rough Trade-

Achtung, die schlecht gelaunten Männer sind zurück – älter, bärtiger und grimmiger als je zuvor: 2005 (und all die Jahre darauf, bis heute) glaubte man, Aidan Moffat und Malcolm Middleton hätten sich mit ihrem Album „The Last Romance“ ein letztes, hinreißend misanthropisches Denkmal gesetzt. Doch jetzt haben sich die beiden schottischen Musiker noch mal ins Studio geschleppt. Zusammen mit Drummer und Band-Intimus Paul Savage, der 1996 schon das Debüt von Arab Strap produziert hatte, ist ihnen – recht unerwartet, aber so ist’s ja oft – ihr zugleich vielleicht bestes, fiesestes und feinfühligstes Album gelungen. Ein verblüffendes Comeback zur richtigen Zeit, bei dem auch der Titel wie die trunkene Faust aufs müde Auge passt, denn wenn die Tage dunkler werden, gibt es schließlich mehr herunterbekommende Verstecke für Arab Straps schattige Geschäfte. Daran haben auch die 15 Jahre Abstinenz des Duos, welches sich zuzeiten ihrer Gründung 1995 nach einem Sexspielzeug für den Herrn gebannte, nichts geändert.

Und mal ehrlich: Was braucht man in diesen Tagen des Corona-bedingten Grollbürgertums und der allerorten grassierenden Lockdown-Melancholie dringender als Pop, der einen in den düstersten Winkeln der eigenen Mickrigkeit abholt? Der einem beim sauertöpfischen Aufstoßen niederster Triebe im Homeoffice-Geschlumpfe ertappt, umarmt und zum erlösenden Sicherheitsabstandstänzchen bittet: Ist schon okay, wir sind alle mies drauf, schmoren alle im eigenen, stinkenden Saft… Wie unendlich tröstlich. Aye.

Fotos: Promo / Kat Gollack

Dabei entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, wenn ausgerechnet Sänger und Songwriter Aidan Moffat gleich im ersten, sanft schubsenden Song „The Turning Of Our Bones“ zum Salsa-Rave und zum Ausschütteln der morschen Knochen auffordert. Das Stück pumpt und klappert wie ein Voodoo-Tanz im schottischen Hochmoor, bis die unterm Morast vergrabenen Toten wenigstens eine beinharte Erektion bekommen. Hatte er nicht gerade noch, vor schlappen 17 Jahren, im ähnlich sinisteren „Don’t Ask Me To Dance„, ebensolche Animationsversuche verdammt? Na ja… fuck it, mate – man wird älter.

Aber nicht milder: „I don’t give a fuck about the past, our glory days gone by / All I care about right now is that wee mole inside your thigh“, deklamiert Moffat, mittlerweile 47 Lenze alt, sichtlich ergraut und mehrfacher Familienvater, im ungehobelten Falkirk-Dialekt, als wäre er Leonard Cohens zynischer kleiner Saufbruder aus dem Norden: sexfixiert, desillusioniert, moralisch korrumpiert, jedoch ohne die abfedernde Frömmigkeit und heilige Wucht von Cohen oder Nick Cave. Bei Moffat und Middleton, die in den späten Neunzigern so etwas wie den Soundtrack zur „Generation Trainspotting“ – keine Romantik, bloß keine Herzscheiße und als solches ein ätzendes Gegenmittel zum gockelnden Brit-Pop-Gewese jener Zeit – lieferten und nach dem zwischenzeitlichen Ende von Arab Strap jeder für sich kleine Indie-Solokarrieren starteten, taten die vom Bodensatz des Lebens gekratzten Wahrheiten schon immer eine wenig mehr weh.

Zum Beispiel in „Another Clockwork Day“, einer Akustikballade, die davon handelt, wie ein sentimentaler Tropf zu alten, pixeligen Erotik-JPGs in den geheimen Ordnern auf seiner Festplatte masturbiert, während seine Frau nebenan leise schnarcht. Es geht um den Verfall des männlichen Körpers in diesen lakonisch humorvollen Geschichten, um das Aufbäumen der Libido, Viagra, Selbstekel – critical oldness, wenn man so will. Was will man auch, irgendwo inmitten der großstädtischen Anonymität und jenseits der Vierzig, noch groß erwarten? Well, for fuck’s sake: Eine Rollo-runter-Atmosphäre aus schlechtem Sex, billigem Alkohol und deftigem Schämkater, für die das Duo seit jeher in Fan-Kreisen so geschätzt wird. Und 2021 endlich ein paar neue traurige Geschichten über kaputte Orte, gescheiterte Träume, verzweifelte Menschen liefert – und natürlich immer wieder über die beschissene Liebe und das trostlose Leben, die aus Sicht von Arab Strap ungefähr gleichermaßen ernüchternd daherkommen.

Die elf neuen Songs, welche sich um die ewig kreisenden Gitarren-Loops Middletons herum aufbauen, diesmal jedoch auch mit apokalyptischem Streicher-Schwirren und fiesem Saxofon-Drama ausgeschmückt werden, treiben den geneigten Zuhörer ein ums andere Mal durch Quälgeisterstunden. Klare Sache: Arab Strap sind, immer noch, Meister des heiteren Nihilismus und schwitzigen Unbehagens auf dem Kaschemmen-Dancefloor. Ihr Sound, irgendwo im Halbdunkel zwischen Mogwai-Post-Rock, Indietronica und Slowcore, ist auch 2021 mehr denn je einzigartig im Limbo zwischen Nervosität und Lethargie. Wie Folk gewordene Joy Division aus den Highlands, abzüglich des gefrorenen Pathos.

„Bluebird“, noch so eine elektronisch zittrige Moritat, erzählt vom gemeinen Schwarzmilan, der in Großbritannien fäkalistisch „Shite-hawk“ genannt wird, ein unsympathischer Greifvogel, der seiner Beute nachts in den Büschen auflauert. Ein waschechter Kackvogel also, aus dessen Perspektive Moffat alles schön schwarzmalt: „Ich will deine Liebe nicht, ich brauche sie“, bringt er die Notgeilheit in einer depravierten Welt auf den Punkt; Sex ja, aber bloß niemalsnie keine Zuneigung: „Give me your love, don’t love me“. Wir reden mit niemandem und allen, wir ratschen mit Geistern in Computerfenstern, philosophiert Moffat, der grummelige Crooner, dieser versierte Geschichtenerzähler mit großer Beobachtungsgabe fürs Alltäglich-abgründige und Profan-widrige, über die allgemeine Zoom-Entfremdung (sowieso schon und unter Corona-Bedingungen besonders), um – vielleicht etwas zu banal – im Existenziellen zu landen: „And who are you anyway? Who am I anyway? Does anybody care?“

In „Tears On Tour“ nimmt das Glaswegian Duo sein eigenes Image als sauertöpfische Trauerklöße aufs Korn, das wundervoll betitelte „Kebabylon“ ist eine Ode an die Schönheit im schottischen Schmutz. Nicht ganz so stark ist die zweite Hälfte des Albums: „Here Comes Comus!“ und „I Was Once A Weak Man“ sind Porträts von Unholden, die man sich auch als Single-B-Seiten vorstellen könnte, die „Fable Of The Urban Fox“ eine politische Folk-Allegorie über Fremdenfeindlichkeit (in der jedoch ausnahmsweise mehr Menschenliebe als Selbstverachtung mitschwingt). Aber dann ist da eben noch „Sleeper“, so etwas wie das schottische „Hotel California“ auf Schienen, eine albtraumhaft-hypnotische Horrorgeschichte, die mit ihrem Gefühl der Heimatlosigkeit durchaus Lust auf mehr in ähnlicher Tonart macht. 

Der Cringe-Faktor dieser Männer, die mit unbarmherzigem Blick auf das letzte Zucken ihrer schwindenden Virilität starren, ist hoch, aber auch heilsam und kathartisch. Zumindest, aber nicht nur, für Angehörige derselben Alterskohorte. Those lads are fucking back, aye! Und ringen ihren großstädtischen Odysseen zwischen Flaschen- und Körperöffnungen auch auf „As Days Get Dark“ das höchste Maß akustischer Poesie ab.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

„2018“ – Mogwai verschenken zum heutigen „Bandcamp Friday“ ein neues Live-Album


Mogwai.Brian-Sweeney

Foto: Brian Sweeney / Promo

Zum heutigen „Bandcamp Friday„, an welchem die Online-Musikplattform seit März an jedem ersten Freitag des Monats auf seine Verkaufsgebühren verzichtet und dadurch bislang Millionen von US-Dollar direkt an die – vor allem wegen ausgefallener Tourneen –  besonders von der Corona-Pandemie betroffeneren Bands und Künstler*innen vergab, zeigen sich auch die vier Schotten-Post-Rocker von Mogwai von ihrer spendabelsten Seite und hauen mit dem recht simpel „2018“ benannten Live-Album mal eben eine zwölf Stücke starke digitale Live-Compilation als „name your price“ unters Hörervolk, welches sich nach Monaten (fast) ohne jegliche Live-Shows wohl ebenso nach schwitzigen Musik-Erlebnissen und dröhnenden Ohren sehnt wie Stuart Braithwaite, Barry Burns, Dominic Aitchison und Martin Bulloch.

Super Sache von den lauten Lads aus Glasgow – zugreifen, bitte! 🤟

 

„Next month it will have been a year since we last played a live concert. I don’t think I’ve really gotten used to life without live music, both playing it and hearing it. 

I hope that this situation doesn’t last for much longer for a lot of reasons. Everyone’s health and safety being the biggest concern obviously, but also so that gigs can finally resume. It’s a cliche but you really don’t realise how much you miss something until it isn’t there.

With that in mind, we thought it’d be a good time for us to share with you a new live album recorded on our last tour in 2018. 

We realise that many people are struggling financially during the pandemic so we have made it available on Bandcamp on a pay-what-you-can basis. 

We hope you enjoy it.“

(Stuart Braithwaite, September 2020)

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Gerry Cinnamon – „Head In The Clouds“


REPORTAGE-7-2-800x445

Wer zur Hölle ist bitte Gerry Cinnamon? Das neuste englische Fussballtalent aus den Nachwuchsschmieden von Liverpool, Arsenal oder Manchester United etwa? Einer von vielen Travestiekünstlern aus dem – zumindest unter normalen Umständen – stets gut besuchten bunten Nachtleben der Hamburger Reeperbahn? Nee? Ein Musiker von den britischen Inseln? Ach, da schau her! Und bei genauerem Hinhören ist’s schon erstaunlich, dass ausgerechnet er – der zugegebenermaßen recht dämliche Künstlername mal außen vor – bislang keine Erwähnung beim deutschen „Rolling Stone“ fand…

41oupB9kIjL._SS500Im heimischen UK hat sich Gerry Cinnamon nämlich längst einen Namen über sämtliche Geheimtipp-Stati hinaus gemacht. Das Bemerkenswerte dabei: Der Singer/Songwriter, der 1984 als Gerard Crosbie holterdiepolter in diese Welt fiel und im Glasgower Arbeiterdistrikt Castlemilk aufwuchs, erspielte sich diesen Erfolg in den vergangenen sechs Jahren ganz ohne groß angelegte PR-Maschinerie, sondern im Wechselspiel von Oldschooligkeit und Zeitgeisthöhe vielmehr mit Hilfe von Schwarnbegeisterung und Sozialer Medien. Nachdem Crosbie ein paar Erfahrungen in lokalen Bands gesammelt hatte (eine davon hieß eben „The Cinnamons“, womit nun auch schnell das Mysterium seines Künstlernamens geklärt wäre), schnappte er sich seine Akustische und trat immer öfter als Solo-Künstler bei Open-Mic-Abenden in einer Bar in der Sauchiehall Street im Glasgower Zentrum auf. Seine „brutal ehrlichen“ Songs, die der Singer/Songwriter-Newcomer mit breitestem schottischen Akzent vortrug (daran hat sich auch bis heute erfreulicherweise herzlich wenig geändert) machten schnell als (ab)gefeierte außergewöhnliche Live-Shows die Runde, die Verbreitung dieser Neuigkeiten via Facebook und Co. als neue Mundpropaganda verlief also fast zwangsläufig. So waren alsbald auch seine Ein-Mann-Shows in Schottland, Irland und England binnen weniger Minuten ausverkauft und das anwesende Publikum zeigte sich auch abseits von Songs wie den Singles „Sometimes“ oder „Belter“ jederzeit textsicher, wie so einige Live-Aufnahmen im Netz beweisen. Keine Frage, dass sich Gerry Cinnamon begeistert ob der Entwicklung zeigte: „Es bedeutet, dass jeder Mensch, der zu meinen Konzerten kommt, aufgrund seiner Liebe zu meinen Songs kommt. Und genau das zeigt sich auch. Von dem Moment, wo die Türen aufgehen, fängt das gesamte Gebäude an zu wackeln. Es ist ein verrücktes Gefühl, wenn die Masse jedes einzelne Wort mitsingt. Selbst das schönste Chaos kann an dieses Gefühl nicht heran reichen.

Das 2017 in Eigenregie veröffentlichte und selbst produzierte Debütalbum „Erratic Cinematic“ erreichte kurz nach dessen digitaler Veröffentlichung die Spitze der iTunes-Charts, und nur ein Tölpel würde wohl nicht annehmen, dass das ein oder andere Majorlabel angesichts der Top-10- und Top-20-Erfolge in den schottischen, irischen und UK-Charts noch nicht bei ihm angeklopft haben dürfte. Trotzdem erscheint heute auch der Nachfolger „The Bonny“ auf dem eigenen Label – der Glasgower Songwriter bleibt sich also treu, und das nicht nur im Hinblick auf seine Vertriebswege. Den im UK redlich erarbeiteten Mini-Kultstatus sollte Gerry Cinnamons Zweitwerk einen weiteren Schub verleihen. Und definitiv neue Anhänger auch außerhalb des UK bescheren, schließlich führt der 35-Jährige in den zwölf neuen Songs den eingeschlagenen Weg konsequent weiter fort…

81wUmoLooAL._SL300_Gesang, semiakustische Gitarre, ein paar simple Drumparts und Harp – alles vom ersten Album Bekannte, und auf der Bühne solo hervorragend Funktionierende, findet man auch auf „The Bonny“ wieder. Es ging für Cinnamon auch wieder gut los: Die erste, bereits im vergangenen Oktober veröffentlichte Single „Sun Queen“ eroberte die Spitze der UK-Vinyl-Singles-Charts. Kaum verwunderlich, bietet der Song doch vier Minuten lang ebenjenem anschmiegsamen, dezent romantischen Indie-Songwriter-Pop, der die Emotionalität Cinnamons in geradezu geschmeidiger Form einfängt. Überhaupt dürften alle, denen schon die direkte, rohe Intensität von „Erratic Cinematic“ zusagte, auch mit „The Bonny“ schnell warm werden, denn obwohl manch ein Stück nun etwas voller und mutiger zu Werke geht, behält Gerard „Gerry Cinnamon“ Crosbie all seine Trademarks von der Akustischen bis zum Glaswegian Akzent bei und changiert noch immer gekonnt zwischen Billy Bragg (mit etwas weniger seligem Ernst) und Oasis (ohne die allzeit auf Krawall gebürstete Rowdy-meets-Gigantomanie-Attitüde der Gallagher-Brüder).

Und manchmal fühlt man sich auch an die guten Seiten der Hymnik der frühen Mumford & Sons erinnert, wie beispielsweise in „Dark Days“, das durch den überschwänglichen Harp-Einsatz auffällt. Gerry Cinnamon, der mit der aus Bands und Künstlern wie den Rolling Stones, Simon & Garfunkel, den Beatles oder Bob Dylan bestehenden Plattensammlung seiner Eltern geradezu „klassisch“ sozialisiert wurde und in den Neunzigern (wie viele andere auch) ein Fan der ersten Oasis-Alben war, ist, ganz ähnlich wie der unbeugsame englische Arbeiterklassen-Troubadour Billy Bragg, ein mit klaren Augen aufs Leben schauender, Geschichten erzählender Optimist, seine Texte sind oftmals vertonte Mutmacher, die sich anbieten,  einen durch dunkle Tage tragen: „If life is just a game / And luck is loser / Then I’m winning again / Dark days, these are dark days / But I heard that there’s an easier way“. Selbstverständlich beglückt einen der Schotte auch auf „The Bonny“ mit zahlreichen kleinen Hymnen, die seine Fans auf den hoffentlich in absehbarer Zeit wieder stattfindenden Konzerten mitschmettern können. Bestens geeignet scheinen der Titelsong, „Outsiders“ oder „Roll The Credits“. Im bereits erwähnten „Sun Queen“ nimmt sich der Singer/Songwriter die Scheinheiligkeit der Musikindustrie vor, im zurückhaltend tollen „Head In The Clouds“ bringt er eigene Erfahrungen mit Schlaflosigkeit und ein wenig Love Story zusammen, und sozialkritische Anklänge gibt’s ohnehin einmal mehr zuhauf. Mit „Where We’re Going“ hat Gerry Cinnamon außerdem noch einen ungemein catchy Indie-Pop-Rock-Song im Köcher, der an die besten Tracks von DMA’s oder The Vaccines gemahnt. In Summe ist Gerry Cinnamon auch mit „The Bonny“ ein gradliniges und überzeugendes Werk gelungen, welches auf seine recht eigene Weise eine Schneise in all diesen Lärm das draußen schlägt, und von dem sicherlich auch bald im deutschen „Rolling Stone“ und Co. zu lesen sein sollte…

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: