Schlagwort-Archive: Gisbert zu Knyphausen

Song des Tages: Husten – „Kirchenschiff“


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„Selbe Prozedur wie jedes Jahr“ heißt es nun schon seit 2017 (oder eben seit dem vergangenen Kalenderjahr) im Hause Husten, dem kreativen Jux-und-Dollerei-Projekt von Gisbert zu Knyphausen, Moses Schneider und Tobias „Der dünne Mann“ Friedrich, denn bereits 2017 sowie 2018 hatte das Dreiergespann jeweils im Mai eine EP veröffentlicht (hier und hier schrob ANEWFRIEND folgerichtig einige Zeilen darüber).

teil-4-und-5-und-6 KopieUnd, siehe da: es ist wieder Mai und – laut Adam Riese – müsste nun das dritte Mini-Album des Liedermachers (zu Knyphausen), hauptberuflichen Produzenten (Schneider) und Ex-Frontmannes von Viktoriapark (Der dünne Mann) ins Haus stehen… Besser noch:  Die „Teil 4 und 5 und 6 EP“ ist vor wenigen Tagen (auf Vinyl via Kapitän Platte sowie digital bei den üblichen Verdächtigen) erschienen! Und obwohl das Trio auch diesmal lediglich fünf neue Stücke über den musikalischen Tresen wachsen lässt (die mittlerweile ein ordentliches Album darstellen dürften), enthält die neue EP aber auch so tolle, einmal mehr tiefgründige Songs wie „Kirchenschiff“ (oder „Treppenhaus„), welche erfreulicherweise deutlich erkennbar die songschreiberische Handschrift von Gisbert zu Knyphausen tragen, während musikalisch erneut absoluter Freispiel-Befehl (bis hin zum Elektro-Experiment) herrscht.

Und 2020? Ist das nächste Mini-Album mit den via Facebook bereits Anfang des Monats mit den Worten „Aus Versehen fünf neue Lieder geschrieben aufm Land. Für EP4, 2020.“ bereits fest eingeplant. Eben dieselbe Prozedur wie jedes Jahr im Hause Husten…

 

 

Hier gibt’s die neue, jährliche Husten-EP via Bandcamp im Stream:

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Lucas Uecker – „Am Arsch“


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Foto: Promo / Arend Krause

Gute Liedermacher gibt’s ja im deutschsprachigen Raum so einige – man denke etwa an den hier ohnehin gefühlt omnipräsenten Gisbert zu Knyphausen, von dem erst gestern wieder die Schreibe war, an Tom Liwa, Faber, Matze Rossi, Moritz Krämer, Hannes Wittmer (tafka Spaceman Spiff), die seligen Rio Reiser und Nils Koppruch, feine Humorbarden wie Rainald Grebe oder Joint Venture sowie an in Würde ergraute Eminenzen wie Hannes Weder, Reinhard Mey oder Konstantin Wecker (wer’s denn unbedingt etwas poppiger mag, darf schlussendlich gern noch Clueso hinzu zählen). Sich bei diesem Mangel an Qualitätsmangel mit der ohnehin nicht so lautstark tönenden Akustischen durchzusetzen, erscheint schwer…

Lucas Uecker hat’s trotzdem geschafft. Hauptamtlich tritt der Hanseat sonst bei den Hamburger Akustik-Indiepoppern von Liedfett als Gitarrist in Erscheinung (bei wem der Name kein Glöckchen zum Klingen bringen sollte – so ging’s mit auch), versucht sich jedoch nun auf Solo-Pfaden. Über sein erstes eigenes Album „Unterm Teppich“ (frisch geschlüpft und bislang leider nur im Eigenvertrieb erhältlich) hat der Pressetext folgende prosaischen Worte aufzubieten:

LUE_UT_Booklet_final_ansi-000_1200x1200„Sein Debütalbum ‚Unterm Teppich‘ führt ohne Kompass durch die Gefühlswelten und Gezeiten im Wellengang des Daseins. Zehn Lieder im Dirty Folk, der Sound filigran aber nicht poliert. Seine Musik funkelt wie die Elbe in der Morgensonne nach einer durchzechten Nacht in Hamburgs abgewracktesten Hafenbars. Johnny Cash trinkt Mexikanershots mit Iggy Pop, Sven Regener teilt sich eine Zigarette mit Tom Waits. In einer unverwechselbaren Mischung aus Melancholie und Optimismus besingt er Glanzmomente der Zwischenmenschlichkeit, stellt Fragen des Selbstzweifels und findet dabei stets die Schönheit hinter den Fassaden. Lucas‘ hanseatischer Weitblick reicht über den Horizont hinaus und verbindet sich mit Melodien, die gleich ins Herz greifen. Es sind Songs zum schwelgen nicht zum schunkeln. Seine Lieder können verzaubern und bieten Lösungen ohne Antworten. Wie ein scharfer Schnaps in stillem Einverständnis, der Blick wird weich, die Seele sanft. ‚Lieder sind geschmolzene Stadthallen.‘, schrieb einst Max Goldt. Die Lieder von Lucas Uecker sind eine verwitterte Holzkapelle in den Weiten der Prärie: Da sind viele Geschichten drin.“

Well… Schön formuliert, und am Ende doch die offensichtlichste Referenz vergessen: Jan Plewka. Ich zumindest fühlte mich aufgrund von Ueckers ähnlich knarzig-markanter Stimme bei Songs wie „Am Arsch“, das laid back düstere Zeilen über ein verkorkstes Leben präsentiert, „Fassade„, „Seiltänzer“ oder „Der Grund“ vielfach an den – wohl kaum zufällig – ebenfalls aus Hamburg stammenden On/Off-Selig-Frontmann sowie an dessen zahlreiche Nebenprojekte erinnert – was ja kaum das kleinste Kompliment ist. Wem es ähnlich geht, darf bei Lucas Uecker gern das ein oder andere Ohr mehr riskieren…

 

 

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Rock and Roll.

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Song des Tages: Gisbert zu Knyphausen – „Hurra! Hurra! So nicht.“ (live bei TV Noir)


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Geht immer: Die großartige Stinkefinger-an-den-oder-die-Ex-Hymne „Hurra! Hurra! So nicht.“ von Gisbert zu Knyphausen, bekanntlich erschienen vor nunmehr acht Jahren auf dem zweiten Album desselben Namens (welches nicht nur mein liebstes des deutschen Liedermachers ist, sondern unter Garantie eines der besten deutschsprachigen musikalischen Werke der letzten zehn Lenze). Gespielt hat sie der Gisbert, den wohl nur gute Freunde scherzhaft bei seinem vollen Namen „Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen“ rufen, in einer speziellen Version im vergangenen Jahr bei TV Noir gemeinsam mit Stücken seines aktuellen 2017er Albums „Das Licht dieser Welt“ sowie – alle Achtung! – einer Coverversion des Songs „Bagagedrager“ der niederländischen Indietronic-Band Spinvis – natürlich stilecht auf Holländisch!

 

 

 

— Gisbert zu Knyphausen LIVE — (* Duo mit Karl Ivar am Vibraphon)
07.06.2019 Oberhausen, Druckluft *
09.06.2019 Karlsruhe, Café NUN *
29.06.2019 Leipzig, Parkbühne Geyserhaus
31.07.2019 Jena, Kulturarena

01.08.2019 Plauen, Malzhaus Open Air
02.08.2019 Darmstadt, Merck Sommerperlen @ Centralstation
03.08.2019 Böblingen, Böblinger Songtage
04.08.2019 Freiburg, Zelt-Musik-Festival ZMF
09.08.2019 Königs Wusterhausen, Bergfunk Open Air
10.08.2019 Saarburg, Station K Pop Festival
11.08.2019 Hamburg, Wutzrock Festival

 

Rock and Roll.

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Auf ein Neues – „So this is the new year…“


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Natürlich hätte dem voraussehbaren Anlass auch Gisbert zu Knyphausens „Neues Jahr“ ausgezeichnet zu Gesicht gestanden. Aber wenn man(n) schon einmal eine jahrelange Tradition etabliert hat – warum sollte man denn ausgerechnet jetzt (erneut) damit brechen? Denn also: same procedure as every yearDeath Cab For Cuties 15 Lenze junger Jahresanfangseinläutungsevergreen „The New Year“ eröffnet auch im frisch geschlüpften 2019 auf ANEWFRIEND (dieser bescheidene Blog feierte gestern übrigens sein nunmehr 7. digitales Wiegenfest) ganz traditionell die kommenden zwölf musikalischen Monate. Bleibt gesund und ganz ihr selbst – und schaut ab und an mal hier vorbei…

 

 

“So this is the new year
And I don’t feel any different
The clanking of crystal
Explosions off in the distance (in the distance)

So this is the new year
And I have no resolutions
For self assigned penance
For problems with easy solutions

So everybody put your best suit or dress on
Let’s make believe that we are wealthy for just this once
Lighting firecrackers off on the front lawn
As thirty dialogs bleed into one

I wish the world was flat like the old days
Then I could travel just by folding a map
No more airplanes, or speed trains, or freeways
There’d be no distance that could hold us back

There’d be no distance that could hold us back…

So this is the new year…”

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Husten – „Zurück zum Heißen EP“


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Die selbstbetitelte Debüt-EP fand ja bereits im vergangenen Jahr auf ANEWFRIEND Erwähnung, nun haben Gisbert zu Knyphausen, Moses Schneider und der dünne Mann (aka. Husten), wie versprochen, fünf neue Songs nachgelegt. Oder wie sie selbst schreiben:

„Der hartnäckige Husten vom letzten Jahr ist zurück.
Wie versprochen veröffentlichen Gisbert zu Knyphausen, Moses Schneider und der dünne Mann ihre zweite Husten-EP am 25. Mai 2018. ‚Zurück zum Heißen‘ wurde wieder zusammengefriemelt aus Beats aus dem alten Werkzeugschrank, im Stolpern gespielten Gitarren, auf dem Dachboden gefundenen Chören und auf Handrücken geschmierten Worten. Resteessen und Laborexperiment. Mit der Grubenlampe im Keller und dem Flohmarkt-Teleskop auf dem Dach. Erwachsene im Kinderparadies. Kinder im Erwachsenenparadies.
Husten sind die schlechtesten Türsteher der Stadt. Alle kommen rein: Indie-Disco, 80er-Jahre-Pop, gezupfte Wandergitarre, und sogar die große Powerballade wird durchgewunken. Die Heys, Uhs, Yeahs und Ahs sind auch wieder mit dabei und doch ist vieles anders als letztes Jahr.
‚Zurück zum Heißen‘ ist mit viel Liebe selbst gebastelt. Die Vinyl-Fassung hat erneut ein
Klappcover, farbiges Vinyl mit Siebdruck und ein angenehm verstörendes Artwork von der Engländerin Miss Aniela, das Dunja Berndorff (nawim96) in Form gegossen hat. Genau wie zu der ersten EP wird es auch dieses Jahr zu jedem Lied ein Video geben, gedreht von Regisseurin Steph von Beauvais. Bleibt also wieder alles in der Familie. Wie bei der Mafia. Nur ohne Knarren, Leichen und Geld.
Und Husten werden bis auf Weiteres das Studio nicht verlassen, also auch nicht live spielen…“

Word.

Und obwohl sich keiner der neuen, einmal mehr Pavement-injizierten Rocksongs so ganz vom „Vorwurf“ des dezent-sympathischen Beklopptseins freisprechen kann, macht es erneut sehr viel Spaß, den dreien beim kreativen Freidrehen zuzuhören.

Außerdem haben Husten für ihre zweite EP ein derart tolles Covermotiv gewählt, dass man als Band im Grunde gar nicht drumherum kommt, das Ganze auf großformatigem Vinyl zu veröffentlichen…

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Hier gibt es zum Stück „So nah dran“ bereits das erste von fünf geplanten Musikvideos zur neuen EP…

 

…sowie selbige via Bandcamp im Stream:

 

Rock and Roll.

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Der Jahresrückblick – Teil 1


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Was für Musik braucht man in einem Jahr wie diesem? Solche, bei der die Halsschlagader wild pocht und der ganze gerechte Zorn auf die Welt ein brodelndes Ventil bekommt. Solche, die einem sanft über den Kopf streicht und einem die Hoffnung einhaucht, dass alles schon besser werden wird – irgendwann, irgendwie. Und auch solche, die einen in ihrer Euphorie einfach gnadenlos mitreißt, und einen – im besten Fall – alles andere – das Gute wie Schlechte – für Momente vergessen lässt. Zwischen diesen drei Fixpunkten ist in meiner Bestenliste der persönlich tollsten Alben des Musikjahres 2017 wenig zu finden, an den Endpunkten dafür umso mehr. Bühne frei und Vorhang auf für ANEWFRIENDs Alben des Jahres!

 

 

faber1.  Faber – Sei ein Faber im Wind

Man kennt ja die Vorurteile gegenüber Schweizern: Reserviert seien sie, irgendwie meinungslos (oder mit selbiger stets hinterm Berg haltend), geheimniskrämerisch und außen vor. Nun, all das trifft auf Julian Pollina eben nicht zu.

Oder zumindest auf dessen alter ego Faber. Dessen Songs weisen den Mann als distinguierten Trinker, Raucher, Macker und Lebemann aus, der auch – wenn’s der Kontext denn erfordert – schon mal markige Worte wie „ficken“, „blasen“ oder „Nutte“ benutzt, sich die Häute seiner Landsleute überstreift und ihnen – ganz nonchalant, ganz un-schweizerisch – im Zerrspiegel ihre häßliche Fratze aus von Angst getriebenem Fremdenhass, oberflächlicher Geltungssucht oder gelangweilter Medien- und Konsumgeilheit vorhält. Dafür, dass das Ganze – in Form der Songs des Debütalbums „Sei ein Faber im Wind“ – nicht zur enervierend-hochgestochenen Gesellschaftsschelte gerät, sorgt die feine Liedermacher-Rock-Instrumentierung, die mal zu den Norddeutschen von Element Of Crime, mal zum Chanson á la Jaques Brel oder Leonard Cohen, mal auch gen Balkan schielt. Insgesamt stehen Fabers Stücke mit all ihrer unangenehmen Bissigkeit und Direktheit, mit ihrem Willen zur Kritik und dem unbedingten Wunsch, Salz in halb geschlossene Wunden zu streuen, in bester Tradition meines persönlichen Jahreshighlights von 2015, dem Debütwerk von Adam Angst. Dass all die unterhaltsame Zeitgeistigkeit aus der Feder eines Mittzwanzigers stammt, ist einerseits erstaunlich und lässt ebenso auf weitere Großtaten von Faber und Band hoffen…

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brand new2.  Brand New – Science Fiction

Brand New – absolute Herzensband, spätestens seit dem 2006 erschienenen und bis heute und wohl alle Ewigkeit nachwirkenden Album-Monolithen „The Devil And God Are Raging Inside Me“. Und hätten all das lange Warten auf ein neues Werk (das vormals letzte Album „Daisy“ stammt von 2009), all das Kokettieren mit der eigenen Bandauflösung (vor einigen Monaten boten Brand New T-Shirts mit dem Aufdruck „2000-2018“ zum Kauf an), all die mysteriös in weltweite Netz gestreuten (Falsch)Informationen und einzelnen Appetithappen in Form von neuen Songs wie „Mene“ oder „I Am A Nightmare“ die letzten Fan-Jahre nicht schon schwierig genug gestaltet, bekam die Euphorie um das am 17. August in einer erstaunlichen Nacht-und-Nebel-Aktion (digital) veröffentlichte neue Album „Science Fiction“ bereits kurz darauf einen erheblichen Dämpfer.

Es passt wohl zum Jahr 2017 und all den Enthüllungen rund um #meetoo (wozu ich ja bereits unlängst meinen „Senf“ abgelassen habe), dass ausgerechnet einer Band wie Brand New, die ja Zeit ihres Bestehens einerseits um die Wahrung ihrer Privatsphäre auf der einen Seite (was wiederum die mysteriöse Aura ihrer Songs noch verstärkte) und größtmöglicher Fannähe auf der anderen Seite bemüht war, nun die Verfehlungen ihres Frontmanns vorzeitig das Genick brechen (werden). Stand heute hat das Alternative-Rock-Quartett aus Long Island, New York seit Oktober alle für Ende 2017 und Anfang 2018 geplanten – und wohlmöglich letzten – Konzerttermine abgesagt. Und ob Jesse Lacey, Vinnie Accardi, Brian Lane und Garrett Tierney überhaupt je wieder gemeinsam auf einer Bühne stehen werden, darf angesichts der Begleitumstände bezweifelt werden…

Die zwölf Songs von „Science Fiction“, das der Band überraschenderweise ihr erstes Billboard-Nummer-eins-Album überhaupt bescherte, hätten diese unrühmliche Nebenschauplatz-Promo freilich nicht nötig gehabt, bilden sie doch in Gänze all das perfekt ab, was Fans der Band bislang so faszinierend und mitreißend fanden: Stücke, die sich mal Zeit bis zur nicht selten plötzlichen Eruption nehmen, während andere wiederum diese komplett verweigern. Eine enorme stilistische Bandbreite an Musikalität und Einflüssen, die kaum noch etwas mit jenen Pop-Punk-Anfangstagen des 2001 erschienenen Debütalbums „Your Favorite Weapon“ gemein hat, sondern sich – vor allem auf den letzten Alben – vielmehr auf Post-Hardcore- und Indie-Rock-Szene-Favoriten wie The Jesus Lizard oder Neutral Milk Hotel bezog. Und Jesse Laceys enigmatische Texte, welche den geneigten Genau-Hinhörer und Lyrik-Goldgräber geradezu dazu einladen, sich via Reddit und Co. tagelang in ihnen und ihren tausendfachen Deutungswegen zu verlieren. Dass die Songs zwar deutlich reduzierter als noch auf dem wütend und (ver)quer um sich beißenden Album-Brocken „Daisy“ daher kommen und all die düsteren, geradezu apokalyptischen Schauer und Vorahnungen auch mal zur Akustischen anbieten (während die Band anderswo, wie im grandiosen Song-Doppel aus „137“ und „Out Of Mana“, mit Gitarren-Soli-Ausbrüchen aufwartet), beweist, wie sehr Brand New über die Jahre als Band gewachsen sind. Dass Lacey im finalen „Batter Up“ noch wiederholt „It’s never going to stop“ verspricht, dürfte zwar für die nach wie vor ungebrochene Anziehungskraft der Brand New’schen Stücke gelten, nicht jedoch für die Zukunft der Band. „Science Fiction“ ist ein leider definitiver Schwanengesang. Und zum Glück einer, dessen Wirkung auch über Jahre nicht nachlassen wird…

 

 

gisbert zu knyphausen3.  Gisbert zu Knyphausen – Das Licht dieser Welt

Das am sehnlichsten erwartete Album des Jahres. Mein liebster deutschsprachiger Liedermacher. Die Erwartungshaltung an das neue, dritte Album von Gisbert zu Knyphausen hätte – auch durch das vorab veröffentlichte Titelstück – kaum höher sein können…

Vieles hat sich seit dem letzten, 2010 erschienenen Werk „Hurra! Hurra! So nicht.“ verändert. Und am meisten wohl Knyphausens Sichtweise auf das Leben selbst. Schuld daran dürften vor allem der plötzliche Tod seines Freundes Nils Koppruch im Jahr 2012 (kurz zuvor hatten beide noch als Kid Kopphausen noch ein gemeinsames Album in die Regale gestellt) sowie Knyphausens darauf folgendes, selbstgewähltes zeitweises Verschwinden in die musikalische Versenkung, welches er fürs Reisen und Gewinnen neuer Perspektiven und Eindrücke nutzte, gewesen sein.

Herausgekommen ist mit „Das Licht dieser Welt“ ein Album, das dem melancholischen Grau des Vorgängers nun vermehrt lichtdurchflutete Anstriche verpasst und mit „Teheran Smiles“ und „Cigarettes & Citylights“ sogar erstmals englischsprachige Songs aus der Feder des Liedermachers enthält. Für all jene wie mich, die sich über die Jahre so tief und fest in die Melancholie der Vorgängerwerke eingelebt haben, mag der 2017er Gisbert zwar Einiges an Gewöhnungsbreitschaft erfordern, wer jedoch, wie bei „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“, dem großen Tribut an seinen Freund Nils Kopproch, nicht mindestens ein Tränenlächeln im Mundwinkel sitzen hat, dürfte aus Stein sein. Willkommen zurück, Gisbert!

 

 

brutus4.  BRUTUS – Burst

Besser, effektiver, überraschender und ungewöhnlicher durchgerockt als das Trio aus dem belgischen Leuven hat mich 2017 keine Band. Nuff said. Hörbefehl!

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father john misty5.  Father John Misty – Pure Comedy

Joshua Michael Tillman ist schon ein eigenartiger Kauz. Erst setzt sich der US-amerikanische Musiker jahrelang bei anderen hinters Schlagzeug (unter anderem in der Begleitband von Damien Jurado oder bei den Fleet Foxes), veröffentlicht nebenher etliche Alt.Country-Kleinode, die – trotz ihrer Großartigkeit – freilich unter dem Radar liefen, um dann ab 2012 als Father John Misty den groß angelegten Alleingang zu wagen. Das brachte ihm und den galant zwischen Seventies-California-Rock und Dandy-Chanson pendelnden Songs der ersten beiden Alben „Fear Fun“ (2012) und „I Love You, Honeybear“ (2015) zwar den Ruf des Kritikerlieblings ein, die breite Billboard-Masse fühlte sich von der Reichhaltigkeit seiner Werke jedoch – scheinbar – überfordert.

Ob sich das mit „Pure Comedy“ ändert? Darf bezweifelt werden. Besonders was die Texte betrifft – sind auch 2017 die ein- wie ausladenden Stücke des Fathers alles andere als leicht verdaulich. Denn Tillman geht es um nicht weniger als den Nukleus aus menschlich-philosophischer Existenz, apokalyptischen Vorahnungen und gesellschafts- wie konsumkritischer Revueschau, musikalisch versetzt mit Piano-Pop á la Billy Joel oder verschrobenem Songwriter-Folk wie einst bei Gram Parsons. Darf’s ab und zu noch eine Schippe Orchester-Pomp oder dicke Big Band-Soße sein? Aber gern doch! Und so tänzelt Josh „Father John Misty“ Tillman während der 75 Albumminuten scheinbar spielerisch zwischen tonnenschwer-kritisch und unterhaltsam-federleicht. Zum Entertainment-Gesamtpaket gehören auch die teils weirden Musikvideos zu „Total Entertainment Forever“ (in dem der einstige Kinderstar Macaulay Culkin als Kurt-Cobain-Verschnitt ans Kreuz genagelt wird, während Tillman seinerseits den Ronald McDonald gibt), zum Titelstück (eine Collage als bildhafte politische Gesellschaftskritik), zu „Things It Would Have Been Helpful To Know Before The Revolution“ (ein wunderbar geratenes Animationsvideo) oder „Leaving LA“ (ein passend intimer Clip zum mantraartigen 13-Minüter, welcher den Father im Studio zeigt). Und als wäre das noch nichts, hat der scheinbar um Dauerbeschäftigung bemühte Kreativling „Pure Comedy“ noch ein 25-minütigen Kurzfilm zur Seite gestellt, bevor im kommenden Jahr bereits das nächste Album erschienen soll… Der allumfassende Wahnsinn.

 

 

einar stray orchestra6.  Einar Stray Orchestra – Dear Bigotry

Wer ein Prise zuviel an reichhaltig instrumentiertem Indiepop, mehrstimmigen Chören und hippie’esk duftendem Pathos nicht scheut, für den war (und ist) „Dear Bigotry“, das dritte Werk der zur Band angewachsenen Norweger des Einar Stray Orchestra, ein gefundenes Fressen.

Und: Kaum ein Song bringt auch Ende 2017 die bedrohlich schiefe Weltlage besser zum Ausdruck als „As Far As I’m Concerned“. Isso.

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julien baker7.  Julien Baker – Turn Out The Lights

Mit den Songs ihres 2015 erschienenen Debütalbums „Sprained Ankle„, die die oft spröde aufleuchtende Intimität eines Jeff Buckley mit der teils bitteren Melancholie eines Elliott Smith vermengten, setzte eine aus Memphis, Tennessee stammende junge Newcomerin namens Julien Baker gleich mehrere Ausrufezeichen.

Mit dem zweiten Album „Turn Out The Lights“ setzt die 22-Jährige nun diesen Weg fort. Und während sich der Großteil der Stücke des Debüts noch musikalisch auf ihrer Fender Telecaster abspielte, entlädt die Musikerin all ihren juvenilen Herz- und Weltschmerz auf dem Nachfolger vornehmlich auf den weißen und schwarzen Tasten ihres Pianos. Anders, jedoch keineswegs schlechter. Und immer noch herzerweichend intim, herzzerreißend groß.

 

 

kettcar8.  Kettcar – Ich vs. Wir

Mittlerweile sieht auch die Band selbst es so ehrlich: Mit dem 2012 erschienenen Album „Zwischen den Runden“ war – zumindest vorerst – die Luft raus.

Also legten die fünf Hamburger eine Bandpause ein, während derer sich ihr Chef Marcus Wiebusch auf seine Solo-Karriere konzentrierte und als Ergebnis das formidable Album „Konfetti“ (Platz 4 in ANEWFRIENDs Bestenliste 2014) veröffentlichte, auf dem der ehemalige …But Alive-Punker einmal mehr verstärkt die Finger in gesellschaftliche Fleischwunden legte.

Selbiges tun nun auch Kettcar wieder. Und spätestens mit dem ebenso großartigen wie ungewöhnlichen und wichtigen Song „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ weiß man, wie sehr diese Band und ihr Pathos, ihr mahnender Zeigefinger, ihr Nicht-damit-anfinden der bundesdeutschen Indie-Szene gefehlt hat…

 

 

burkini beach9.  Burkini Beach – Supersadness Intl.

Verschrobener Singer/Songwriter-Pop made in Germany. Was bereits 2015 als vielversprechender Geheimtipp begann, findet in diesem Jahr – und mit den zehn Stücken des Debütalbums „Supersadness Intl.“ – seinen vorläufigen Höhepunkt.

Hinter dem eigenartigen Bandnamen steckt – ganz frei von Glamour – Rudi Maier, einst Teil des bayrischen Indie-Rock-Duos The Dope (welches ja seinerzeit selbst nie über den Status eines Geheimtipps hinaus kam). Und zaubert mal eben Songs wie das längst bekannte „Luxembourg“ oder die faszinierende Bonnie-und-Clyde-Lovesory „Bodyguards“ hervor…

Einen Extrapunkt heimsen Burkini Beach für die schönste Albumverpackung ein: Zwar wurde das Debüt (bislang) nur digital veröffentlicht. Wer jedoch via Bandcamp für verhältnismäßig schlanke 15 Euro zuschlägt, bekommt zum Download-Code noch ein fein aufgemachtes, 48-seitiges Hardcover-Buch mit dazu. Toppy!

 

 

love a10. Love A – Nichts ist neu

Die wütenden Punkpopper um Frontmann Jörkk Mechenbier lassen auch 2017 mit ihrem mittlerweile vierten Album „Nichts ist neu“ nicht nach und machen ebenso unnachgiebig wie unnachahmlich beinahe genau da weiter, wo Love A mit dem formidablen Vorgänger „Jagd & Hund“ anno 2015 aufgehört hatten.

Die zwölf neuen Stücke schlagen sich durchs Feld des „Wir schaffen das!“-Palavers von Mutti Merkel oder der selbstgerechten Wutbürgerei von Petry, Gauland, von Storch, Höcke und Konsorten und bieten all jenen eine Stimme, die viel zu oft durchs gesellschaftliche Raster fallen. Da poltert das linke Punkerherz freudig-fies gegen den Takt, während Mechenbier schon wieder Gift und Galle spuckt! Wichtig.

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…und auf den weiteren Plätzen:

Gang Of Youths – Go Farther In Lightness

Roger Waters – Is This The Life We Really Want?

Noah Gundersen – WHITE NOISE

Lorde – Melodrama

Judith Holofernes – Ich bin das Chaos

 

 

Persönliche Enttäuschungen 2017:

the nationalThe National – Sleep Well Beast

Es bleibt zwar dabei: Auch im 18. Bandjahr können Matt Berninger und Co. kein wirklich schlechtes Album veröffentlichen. Allerdings muss ich ebenso feststellen, dass ich auch nach mehreren Hördurchgängen – und trotz dem ein oder anderen tollen Einzelsong wie „Day I Die“ oder „Carin At The Liquor Store“ – nie so ganz warm mit dem im September erschienenen siebenten The National-Werk „Sleep Well Beast“ werde. Dafür verfranzt sich die fünfköpfige Band aus dem US-amerikanischen Cincinnati, Ohio auf ihrem neusten Album einfach zu oft im halbgaren Experiment, welches jedoch – und da liegt wohl der musikalische Hund begraben – viel zu oft ins Nirgendwo führt. Da kann auch eine Weltstimme wie die von Matt Berninger nix mehr rausreißen…

 

 

casperCasper – Lang lebe der Tod

Ähnliches gilt auf für Casper, dessen letzten beiden Alben „XOXO“ und „Hinterland“ ja 2001 beziehungsweise 2013 noch in meinen persönlichen Top 5 landeten.

Doch mit „Lang lebe der Tod“, welches bereits 2016 erscheinen sollte, bevor der Wahl-Berliner „Emo-Rapper“ die Veröffentlichung schlussendlich um ein komplettes Jahr verschob, werde ich nicht so richtig warm. Klar, die Trademarks des gebürtigen Bielefelders sind noch immer da: Benjamin „Casper“ Griffeys raue Stimme, die mal dicke Instrumentierung aus der Studiokonserve, mal via rockigem Bandsound nach vorn gepeitschten Songs. Und, wenn man so möchte, sind auch die Stücke selbst, in denen sich Casper auf Missstände im Jetzt, draußen in der Welt, aber auch im eigenen seelischen Milieu konzentriert, gut. Aber eben nur: gut. Das Gesamtbild von „Lang lebe der Tod“ wankt irgendwie unrund daher. Hat sich die verlängerte Wartezeit hierfür gelohnt. Leider nein. Leider gar nicht.

 

 

Rock and Roll.

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