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Das „Kliemannsland“ lodert – Jan Böhmermann demontiert Internetliebling Fynn Kliemann


„Das ist doch scheiße. Kann man nicht einmal an was Gutes glauben, ohne am Ende enttäuscht zu werden?“ Diesen Kommentar schreibt eine Nutzerin (oder ein Nutzer) unter ein YouTube-Video, eine Vielzahl weiterer Nutzer*innen stimmt dieser Aussage zu. Anlass dafür ist ein knapp dreißigminütiger Beitrag von Jan Böhmermanns „ZDF Magazin Royale“ (welcher unten zu finden ist), in dem das Image von Fynn Kliemann, seit Jahren einer der freshsten, wildesten bundesdeutschen Internetlieblinge, mächtig demontiert wird.

Doch zunächst zur Erklärung für alle Analogen, Zuspätgeborenen und Unkundigen: Kliemann, 34 Jahre alt, ist – so neudeutsch, so nichtssagend – Influencer. Im Jahr 2015 begann er, lustig-anarchische YouTube-Heimwerker-Videos zu posten, kurz darauf kaufte er einen weitläufigen Bauernhof im ländlichen Niedersachsen, nannte ihn „Kliemannsland“ und baute ihn mit Helfern zu einem Veranstaltungsort aus, einem „Community-Hotspot für junge Leute“, wie „Funk“, das Jugendangebot von ARD und ZDF, welches bis 2020 daran beteiligt war, den selbsterschaffenen Ort bezeichnet. Dort treffen sich umtriebige Kreativlinge ebenso wie (Lebens)Künstler und Bastler, auch Firmen konnten Ausflüge dorthin buchen, auf denen der CEO dann einen Tag lang mit den Kollegen Fenster abschleift oder mit dem Quad durchs Gelände pflügt – Teambuiling, positive vibrations, trallala. Außerdem hat Kliemann – gemeinsam mit Böhmermanns Podcast-Partner Olli Schulz – vor nicht allzu langer Zeit Gunter Gabriels altes Hausboot gekauft und umgebaut. Dass dies einmal mehr recht medienwirksam geschah und „Netflix“ selbigem Unterfangen gar eine eigene Doku gönnte? Im Grunde nur logisch. Zudem macht Kliemann – schieb’s auf die Langeweile, aber wer will sich im Leben nicht vollumfänglich ausprobieren – chartsprämierte Musik, vermietet unter dem Kürzel „LDGG“ (Lass Dir Gut Gehen) Ferienunterkünfte und ist als Unternehmer an mehreren Firmen beteiligt. Unter anderem an „Global Tactics„, das auf seiner Website mit „fairer und nachhaltiger Bekleidung“ wirbt – ein hehres Versprechen, dem Jan Böhmermann und sein Team nun entsprechend auf den Zahn fühlen.

Vor allem aber redet Fynn Kliemann ebenso oft wie viel darüber, wie wichtig ihm soziale Projekte seien, er gibt sich als digital bewanderter, netzaffiner Robin Hood, als jemand, der Geld, diesen miesen, die Öfen des Kapitalismus stetig befeuernden Mammon, hauptsächlich nur deshalb annimmt, um irgendetwas damit zu machen, was Leuten hilft, die eben nicht so viel von jenem Geld haben. Kliemann wirkt irgendwie anarchisch und verpeilt, hat verstrubbelte Haare und trägt Klamotten, die zwar halbwegs fashionabel erscheinen, aber dennoch mit jeder bewussten Faser „Second Hand“ und „Humana“ brüllen, er macht – so zumindest der Anschein – wenig zum reinen Selbstzweck und alles für die gute Sache. So sagt Kliemann etwa 2021 in einem Video, er habe privat nie Geld, „ich hab‘ nie irgendwas, bin immer pleite eigentlich“. Das machte ihn – bislang – so sympathisch und auch so erfolgreich. Er scheint – oder eben schien – das Gegenmodell des egoistischen, gefühllosen, gescheitelten Kapitalisten zu sein.

fimbim„-Kliemanns Fallhöhe liegt also ungefähr auf Stratosphären-Ebene – und deshalb wiegen Jan Böhmermanns Enthüllungen wohl nun auch so schwer. Die anhand einer Vielzahl von internen E-Mail- und Chatverkehren, Auftragsbestätigungen, Lieferscheinen, Videos sowie Fotos belegten, recht stichhaltigen Recherchen des „ZDF Magazin Royale“ (bei dem der kreative Internetstar vor ein paar Jahren noch selbst zu Gast war) zeigen, dass „Global Tactics“, jenes bereits erwähnte Textilunternehmen, an dem Kliemann beteiligt ist, vorgegeben hatte, zu Beginn der Corona-Pandemie Stoffmasken in Portugal fertigen zu lassen – allerdings seien diese in Bangladesch und Vietnam produziert worden. Zudem sollen 100.000 fehlerhafte Masken einer Testproduktion nicht entsorgt, sondern an Geflüchtetencamps in Bosnien und Griechenland gespendet worden sein. Und glaubt man den durchaus detaillierten Recherchen von Böhmermanns Team, so wusste Kliemann darüber bestens Bescheid. Eine Vielzahl von Böhmermann zugespielten und in der Sendung gezeigten Textnachrichten enthalten außerdem mutmaßliche Belege, dass der YouTuber und sein Geschäftspartner Tom Illbruck die Herkunft der Masken, von denen laut Recherchen allein 2,3 Millionen aus Bangladesch stammten, möglicherweise bewusst verschleierten: „Bekommen wir die Kisten neutral ohne Bangladesch als Ursprung hin?“, so eine der zitierten Nachrichten. Nach Recherchen des Magazins sorgten Kliemann und Illbruck außerdem dafür, dass 100.000 Masken an Flüchtlingslager in Bosnien und Griechenland gespendet wurden, die fehlerhaft waren und so weder über Kliemanns Label „ODERSO“ noch über den Kooperationspartner „About You“ vertrieben werden durften. Kliemann selbst äußerte sich zwar bereits vor einigen Tagen auf seinem Instagram-Kanal proaktiv zu Fragen, mit denen ihn die „ZDF Magazin Royale“-Redaktion vor der Ausstrahlung des Beitrags konfrontiert hatte, aber – zumindest damals – noch nicht zu den nun verdammt konkreten Vorwürfen.

Entsprechend groß ist nun die Enttäuschung unter seinen Fans: Einer von den vermeintlich Guten ist offenbar doch einer von den Nicht-so-Guten, den geldgeilen, auf alles Schöne und Gute scheißenden Arschlöchern. #DollarZeichenImAuge Denn besonders in der grell blinkenden Wohlfühl-Social-Media-Welt der Influencer*innen darf niemand mehr einfach Kapitalist sein mit dem Ziel, selbst ein bisschen reich(er) zu werden. Nein, eigentlich soll er ja den Klimawandel stoppen, erst alle Kriege und im Anschluss noch – pünktlich nach der per Hashtag anberaumten Mittagspause – den Welthunger beenden. Er soll die Welt retten oder zumindest „ein kleines Stückchen besser machen“, wie es ebenso gern wie häufig heißt. Dass man nebenbei noch Geld – gar: eine Menge davon – verdient? Passt nicht ins Bild, verschweigt man also lieber. Auch als Start-up kann man nicht mehr nur eine gute, clevere Idee für ein Konsumprodukt haben, für das die Leute gerne ihr Geld ausgeben. Immer muss man irgendjemandem helfen, irgendeine Art von Nachhaltigkeit schaffen, irgendetwas als Plus für nagende Industrienationbewohner-Gewissen bieten. #FirstWorldProblems

Der vernünftige und lobenswerte Anlass verschleiert, dass es jedem Wirtschaftsunternehmen – schon im Kleinen, noch mehr natürlich im Großen – schlussendlich darum geht, schwarze Zahlen zu schreiben, Wachstum zu schaffen und – ja eben – Geld zu verdienen. Erfolgreiche Influencer*innen machen schließlich nicht bloß bezahlte Werbung, sie empfehlen Dinge, an die sie selbst ganz fest, ganz innständig zu glauben scheinen. Da passt es nicht, wenn das vormals tolle Ding aus dem ebenso oberflächlich wie strengen Gut-böse-Dualismus ausbricht, wie jüngst etwa beim Gewürzhersteller „Ankerkraut“, dessen freundliches, kundennahes Gründerpaar (gut) das Unternehmen an den Konzern (böse) Nestlé (superböse) verkauft hat. Die Folge: ein Shitstorm sondergleichen, infolgedessen wiederum zahlreiche Influencer*innen die Zusammenarbeit aufkündigten. Eher unverhoffter Image-Schiffbruch denn gut dotiertes, bestens entlohntes Ankerwerfen und er Schweiz…

Welche absurden Formen das Helfen als Marketingmasche inzwischen angenommen hat, zeigt nun einmal mehr der Fall Kliemann. Die Maskenproduktion, an der er offenbar beteiligt war, sollte damals nicht nur dringend benötigte Produkte zu einem fairen Preis herstellen – nope, in so einer Erzählung steckt offenbar noch zu viel Kapitalismus drin. Es sollten dabei mindestens noch europäische Arbeitsplätze und Geflüchtete gerettet werden. Dass die fehlerhaften, von Billiglöhnern unterhalb des Mindestlohns in der Dritten Welt hergestellten Masken, also Müll, am Ende mit reichlich gönnerisch-pompöser Geste an Geflüchtete gespendet wurden, kehrt das überaus ehrbare Prinzip des Helfens auf perfide Art ins verachtenswerte Gegenteil um.

Für seine Arbeit erhielt Kliemann bereits zahlreiche Preise, wurde etwa 2020 von der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis (DNP) ausgezeichnet – diese Ehrung wurde ihm nun wieder aberkannt. Zudem nahm auch der Online-Bekleidungshändler „About You“ Kliemanns Masken aus dem Sortiment, der FC St. Pauli, bislang ein weiterer Kooperationspartner, stoppte die Zusammenarbeit. Der Wunsch, an das Gute zu glauben (und dabei wohlmöglich auch selbst etwas vom hellen Image-Heilgenschein anzubekommen), war vielleicht größer als die Notwendigkeit kritischer Nachfragen. Und Fynn Kliemann? Der übernahm zwar in einem Statement „eine Verantwortung“, weist ansonsten die Vorwürfe – zumindest teilweise – zurück. Das „Kliemannsland“, dieses Wolkenkuckucksheim gewordene feuchte Traum für urbane Fair-Trade-Ökotouristen, mag zwar (noch) nicht abgebrannt sein, lodert nach Jan Böhmermanns Recherche-Bombe aber doch gewaltig. Gutmenschentum und Kohlescheffeln gehen selten brav Hand in Hand – da braucht man für Nachfragen nicht erst bei Bezos oder Musk klingeln. Scheiße ist’s trotzdem.

lmaafk.de

Rock and Roll.

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Song des Tages: Get Jealous – „Working Title“


Eine Uniform hat viele Aspekte: sie kann praktisch sein, kann einerseits für gleiche Verhältnisse sorgen, andererseits einem Menschen aber auch Macht und ein gewisses Selbstbewusstsein verleihen. So vielseitig wie die Argumente dafür und dagegen sind auch die Formen, in denen uns Uniformen tagtäglich begegnen. Der Anzug ist eine davon – und die niederländisch-deutsche Band Get Jealous hat diesem ein Anti-Lied geschrieben. „Working Title“ heißt der Song und ist kein wörtlich übersetzter Arbeitstitel, sondern nimmt vielmehr Bezug auf den Anzug als Symbolbild für den Geschäftsmann. 

„She gives you all you need / And she sees what you don’t see / She’s your rock / Your partner in crime” singt „Frontbitch“ (Zitat der Band) Lotta Rasva zu Beginn des Songs, welcher in der Hook schlagartig umschlägt, als der Protagonist seinen blauen Anzug inklusive aller damit einhergehender Statussymbole an hat. Damit wird ein sehr traditionelles Mann-Frau-Weltbild aufgezeigt, welches das Trio in bester „Riot Grrrl“-Manier kritisiert. „Working Title“ ist also auch ein Song über das „Die-Hosen-Anhaben“ in einer Beziehung, also über ausgelebte Machtverhältnisse. 

Doch bei aller Gesellschaftskritik möchte die Band aus Enschede das alles glücklicherweise nicht allzu bierernst rüberbringen. Im Gegenteil: Get Jealous sind unter ihren Fans bereits bekannt für ihre durchaus kreativen DIY-Videoideen, wie beispielsweise „Lipstick“ oder „Holidays“ anno 2020 bereits eindeutig unter Beweis stellten. Auch im Musikvideo zu „Working Title“ setzen die drei auf Reduktion. Dabei wird Lotta von ihren Bandmates Marike Winkelmann (Bass) und Marek Schnieders (Schlagzeug) von den Seilen bereit, mit denen sie an einen Stuhl gefesselt ist. Freiheit ist somit eines der Themen der im April 2021 veröffentlichten Single-Sammlung „Easily Worried“, nachdem ein Song wie „Aah“ Depressionen behandelte oder das bereits erwähnte „Lipstick“ die Lächerlichkeit, Menschen in Formen pressen zu wollen, die kaum weniger zu ihnen passen könnten. Dazu fährt die Band eine durchaus erfrischende Mischung aus Garage Rock und Punk Rock auf, bei welcher ihre eigene Bezeichnung „Riot Pop“ der Melodieseligkeit wegen passt. Sympathisch, mit mächtig Skate-Punk-Ethos und DIY an Bord. Das Dreiergespann könnte man sich bestens im Vorprogramm von The Baboon Show, Laura Jane Grace oder Mobina Gallore vorstellen…

„Everyone has an opinion about Get Jealous. Wether you think they’re pop, punk, sweet, harsh, wild, happy or way too serious: Get Jealous makes sure you’re listening. Even when you think you don’t like punk.“

Dass die Band nicht nur die laut polternden, sondern auch die ruhigen Töne recht gut beherrscht, zeigt übrigens der nachdenkliche Song „Gabriele„, welchen Get Jealous der im vergangenen Jahr unter tragischen Umständen verstorbenen Mutter von Schlagzeuger Marek widmen:

Rock and Roll.

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Song des Tages: Erdmöbel – „Wir sind nicht das Volk (Lass sie rein)“


Foto: Promo / Matthias Sandmann

Im Herbst 2019 veröffentlichte der Deutschrock-Liedermacher Stefan Stoppok in Kooperation mit „Sea-Watch„, der Seenotrettungsorganisation für Geflüchtete, ein berührendes Video zu seinem Song „Lass sie rein“. „Die vertriebenen Seelen, lass sie rein / Die auf uns’re Liebe zählen, lass sie rein / Die Vielen, die nicht mehr wissen wohin / Ohne Heimat / Lass sie alle rein“, singt er da zu Bildern von einer „Sea-Watch“-Rettungsaktion.  Wie zu erwarten, erntete der Clip einen ziemlichen Shitstorm eines ohnehin maximal bemitleidenswerten Packs aus Verschwörungstheoretikern, Nationalisten und Rassisten, sodass sogar die Kommentarfunktion unter dem Video deaktiviert werden musste. „Es gibt genug Hass auf der Welt und mit Hass werden wir unsere Probleme niemals lösen, das hat noch nie funktioniert“, heißt es seitdem in einem Statement unter dem Song. 

Ein paar Monate später, kurz bevor im griechischen Moria das Flüchtlingslager brannte, hatten einige Musiker*innen die Idee, in einer Solidaritätsaktion eigene Songs gleichen Titels – „Lass sie rein“ – aufzunehmen. Doch dann begann die leidige Corona-Pandemie, und das Projekt lag wie so vieles erst einmal auf Eis – bis jetzt. Denn nun hat die 1993 in Münster ins Leben gerufene und mittlerweile in Köln ansässige Indie-Pop-Band Erdmöbel ihren Beitrag veröffentlicht, der den Titel „Wir sind nicht das Volk (Lass sie rein)“ trägt und bereits der vierte Vorab-Track ihres neuen Albums „Guten Morgen, Ragazzi“ ist, welches wiederum am 20. Mai erscheinen wird.  

Obwohl in einer anderen Zeit geschrieben, sei dieser Song „leider immer noch und wieder ganz erschreckend neu aktuell“, schreibt die Band zu dieser „Hymne gegen Nationalismus“. „Nachdem mit dem Krieg gegen die Ukraine Nationalismus und Chauvinismus in Russland wieder offen die Häupter erhoben haben“, heißt es weiter, „kann man es nicht oft genug sagen: Ob in Russland oder anderswo – ihr seid nicht ,das Volk‘! Niemand ist das Volk.“ Der Song sei „eine universelle Friedensbotschaft“, die zugleich Solidarität mit allen Menschen einfordere, die zurzeit auf der Flucht sind – ganz gleich welcher Nationalität oder Hautfarbe.

Und es wäre doch toll, wenn unter dem sehr klug montierten Musikvideo zu diesem sich aus der typischen Erdmöbel-Melancholie speisenden Song nicht wieder jede Menge Hasskommentare von intoleranten, unbelehrbaren Trolls zu lesen wären. Dabei kann man denn selbst ein klein wenig helfen: Geht einfach auf die dazugehörige YouTube-Seite und hinterlasst in der Kommentarfunktion unter dem Clip die Botschaft: Lass sie rein! ❤️

Rock and Roll.

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Moment! Aufnahme.


Illustration: Fabien Barrau

Von wem stammt dieses Artwork? Und was steckt dahinter? Mehr Infos findet man etwa hier

💙 💛

Peace.

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Song des Tages: Billy Bragg – „The Wolf Covers Its Tracks“


Von Stephen William „Billy“ Bragg gäbe es sicherlich massig passende Songs, die das Zeitgeschehen der letzten vier Jahrzehnte mit klugem Blick und einem großen, manchmal wohlmöglich auch zu idealistischen Herzen fürs wortwörtlich menschliche Miteinander vertont haben – das hat der 64-jährige Musiker, welchen ich an anderer Stelle bereits als Englands „gute intellektuelle Seele des nationalen Liedermachertums“ gelobt habe, jüngst auf seinem im vergangenen Jahr erschienenen, einmal mehr verdammt hörenswerten Album „The Million Things That Never Happened“ eindrucksvoll unter Beweis gestellt. (Nicht, dass er auch nur irgendjemandem – außer sich selbst vielleicht – noch etwas beweisen müsste, aber: er hat’s getan.)

Dass Billy Braggs Stücke auch einen gewissen zeitlosen Charakter besitzen, wissen Freunde seiner Musik natürlich längst. Und im Fall von „The Wolf Covers Its Tracks“ sollte man ein „leider“ hinzufügen. Der Song erschien anno 2003 auf der „War Child“-Charity-Compilation „HOPE„, um Spenden für die Opfer des Irak-Kriegs zu sammeln – und hat auch beinahe zwanzig Jahre später – sowie im Angesicht eines erneuten großen Krieges vor unserer Haustür – leider recht wenig von seiner resignativen Aktualität und bissigen Botschaft eingebüßt. Man darf sich denken, dass wohl auch Bragg selbst nichts lieber wäre, als wenn man hier vom Gegenteil schreiben könnte. Die Menschheitsgeschichte, im Grunde ein einziges Trauerspiel…

„My name it ain’t nothing, my age it means less
I’m far from my home, flying o’er the Midwest
And as I look down on some far city lights
I ask God to watch over my family tonight

I’m tired of hearing that God’s on the side
Of suicide bombers and jet planes that fly
To drop bombs on civilians to even the score
Where’s the god of the children in the rubble that forms?

I believe the self-martyrs at least have a choice
And the vengeful warmongers have the loudest voice
But the innocent victims have no place to hide
When death comes without warning with God on its side

The butcher bird sings, an eye for an eye
And echoes the words the wolf howls to the sky
When they call on their god to justify their attacks
The butcher bird smiles; the wolf covers its tracks“

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Proper. – „The Great American Novel“


Foto: Promo / Milla Belanich

Schwarz und queer in einer überwiegend cis-männlichen, heterosexuellen Szene zu sein, ist – gelinde gesagt – auch im Jahr 2022 alles andere als einfach. Proper. (von denen bereits 2019 auf ANEWFRIEND die Schreibe war) machen trotz alledem das Beste aus den gegebenen Umständen und packen ihre Erfahrungen in kleine, große Songperlen zwischen Sturm, Drang und Sinnsuche. Setzte sich der Album-Vorgänger „I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better“ vor knapp drei Jahren noch mit dem Ausbruch aus der Erwartungskulisse des eigenen Umfelds auseinander, will das Trio aus Brooklyn, New York nun gleich ein komplettes Buch vertonen. Jeder Song auf „The Great American Novel“, das seinen Titel einem im US-amerikanischen Literaturdiskurs häufig verwendeten Schlagwort entlehnt, welches das Ideal eines Romans bezeichnet, der exemplarisch das Wesen der USA abbilden soll, also den „besten amerikanischen Roman“, der je geschrieben wurde (oder geschrieben werden kann), versteht sich als Kapitel eines Twentysomething-Protagonisten, der in den 2010er Jahren aufwächst und sich mit der missbräulichen Beziehung seiner Herkunft und seiner Identität auseinandersetzt.

Sänger und Gitarrist Erik Garlington nennt seinen Hauptdarsteller einen queeren, schwarzen Holden Caulfield, der seine Zwanziger er- und durchlebt. Die Texte, welche er für den neusten Langspieler seiner Band verfasst hat, tun weh, sind in ihrem introvertierten Tagebuch-Charakter herzzerreißend ehrlich und gehören doch – oder gerade deshalb – allesamt mit Farbe an die Wände oder mit Edding auf Unterarme. „There’s nothing I’d love less than to work myself to death“, mosert Garlington in „Shuck & Jive“. Kennen wir alle? Kennen wir alle. Im Fokus stehen soll aber das Aufwachsen als nicht weißer, nicht heterosexueller junger Mensch im Bible Belt, dem evangelikalen Süden der Vereinigten Staaten, das Proper. hier zum Konzept auserkoren haben. „My parents wonder why I won’t have children“ – man will Garlington nicht nur hier in den Arm nehmen. Er und seine Mitmusiker Elijah ‚Eli‘ Watson (Schlagzeug) und Natasha Johnson (Bass) verstehen sich als Sprachrohr der Betroffenen und wollen mindestens in ihrer musikalischen Nische für Awareness und gegen Othering und Rassismus eintreten. Politischer und konkreter auf eine spezielle Problematik zugeschnitten war emorockig Tönendes in letzter Zeit selten. Und auch in Sachen Melodie und Dringlichkeit kämpfen sich Proper. mit den neuen Stücken an die Spitze ihrer Szene.

Der angedeutete Stream of Consciousness von „In The Van Somewhere Outside Of Birmingham“ schielt lethargisch kurz in Richtung Sorority Noise, zerbricht dann aber auch in einem angefressen-wütenden Finale. Die leeren Seiten des Schwulendaseins mit tausend Grindr-Sexdates, aber wenig echtem menschlichen Kontakt thematisiert „The Routine“, während es in „Red, White, & Blue“ darum geht, was es heißt, „Amerikaner zu sein“, wie kompliziert und verletzend diese Beziehung ist, und wieso man von dieser eigentlich nie so ganz loskommen kann. Im brillanten „Huerta“ wiederum setzt Garlington sich mit seiner Familienbiographie und deren multikulturellem Erbe auseinander: „I could have been a farmer in the grasslands“, auch wenn das Spanisch des US-Musikers mit mexikanischen Wurzeln ausbaufähig ist – Hauptsache, irgendetwas sein außer nur „another dull American“. Dazu serviert die Band einiges an Stop’n’Go sowie schroffe Einschläge und bratende Gitarrenwände neben Stakkato-Riffing. „McConnell“ mixt gar Sprechgesang, progressive Gesangslinien und eine Idee von Black Metal zu einer im Grunde ziemlich abgedrehten Melange. „How does it even feel to know that people would cheer if you go?“ – Proper. lassen absolut nichts anbrennen, vor allem nicht, sobald sägende Bläser und weibliche Gaststimme ein wunderschönes Stück wie „Milk & Honey“ veredeln. Hier sind Könner am Werk, die ihr tragisches, bitteres Meisterwerk vorlegen, welches in seinen besten Momenten Scharfkantiges, Furioses, fast schon Schäumendes neben Augenblicke der unvermittelten Ruhe stellt. Allein wie sich „Americana“ aufbäumt und von der zarten, fast schon folkigen Idee zum drastischen Manifest mit Nachdruck, mit Biss, mit ungeschönten Worten und der Hoffnung auf ein besseres Morgen, das sich letztlich doch zu verbergen weiß, erwächst, geht unter die Haut. Aber: Ja, selbst inmitten dieser Hölle gibt es eben immer noch einen Funken Hoffnung: „My body might actually belong to me, and not some palm oil monopoly.“

Braucht’s bei alledem noch Referenzen? Nun, mehr denn je drängen sich bei „The Great American Novel“ so einige Vergleiche zu den Besten des emotional aufgeladenen Indie’n’Alternative Rocks der Nuller-Jahre auf: gleich am Album-Anfang etwa zu den Brand New der seligen „Deja Entendu“-Tage, etwas später zu Tim Kashers wütend polternder Kapelle Cursive oder den wilden Stilritt-Eskapaden von Foxing, ansonsten auch zu Conor Oberst beziehungsweise den Desaparecidos im Stile des Vortrags, des Stilbruchs und der Konsequenz dahinter. Dabei sollte jedoch keinesfalls unter den tönenden Tisch fallen, dass Proper. ein eigenes, gekonnt von Stil zu Stil hüpfendes Biest sind, dass Garlington ein grandioser Geschichtenerzähler ist, dass die ganze Band hier verdammt eindrucksvoll abliefert. „The Great American Novel“ hört sich tatsächlich wie ein großes Buch. Gerne lässt man sich fallen, wachrütteln, weint sich in den Schlaf, will rebellieren, kämpft mit Resignation und hofft auf die große, majestätische Auflösung. Allein der Bandname wird ironisch gebrochen, liest man Proper. als „angemessen“ – den Erwartungshaltungen entsprechend – oder gar „angepasst“. Erik Garlington und seine Bandmates jedoch sezieren ihr Land mit dem Fleischermesser und setzen sich an die Speerspitze einer kulturellen Revolution, die nichts Gutes an alteingesessenem, gottesfürchtigem und kanonenschwingendem Amerikanersein findet. Nicht nur auf die Südstaaten begrenzt, stehen Proper. damit im Sinne, Worte zu ihren Waffen zu machen, tatsächlich in der Tradition der großen Schriftsteller, die sie sich zum Vorbild genommen haben. „I’m the God of silent rage, I bite my tongue and cut my breath“: William Faulkner, Truman Capote, John Steinbeck, J. D. Salinger – und jetzt auch Proper.

Rock and Roll.

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