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Das Album der Woche


Phoebe Bridgers – Punisher (2020)

0656605150024-erschienen bei Dead Oceans/Cargo-

Klingen hier nun Traumschlossgebilde an – oder sind’s eher Albtraumnachtmähre? So ganz deutlich wird auf Anhieb nicht, in welchen Sphären sich Phoebe Bridgers eigentlich bewegt. Für eine klassische Singer/Songwriterin ist ihr Sound zu ungewöhnlich, für gängigen Pop sind ihre Songs zu tiefsinnig. „Indie“ mag das, was sie macht, gewiss auf seine Weise sein, dabei aber auch sanft und zugänglich. Und „emo“ ist ihre Haltung ganz bestimmt, aber nicht auf die übliche „ach-wie-schwer-ist-das-Leben-doch“ Art. Denn Phoebe Bridgers jammert nicht, sie säuselt, haucht und klagt, liebkost und umarmt einen dabei. Und lässt dann plötzlich wieder den ihr eigenen, gerne auch mal düsteren-geekigen Humor aufblitzen.

Schwer zu glauben, dass die vielerorts – zurecht – hochgelobte „Queen of Indie-Emo“ gerade einmal 26 Jahre jung ist. Als sie vor drei Jahren ihr weit beachtetes Debütalbum „Stranger In The Alps“ veröffentlichte, durfte sie erfahren wie die Industrie versucht, hinter dem Erfolg (und vor allem der unleugbaren kreativen Qualität) einer jungen Künstlerin einen Mann auszumachen, der die eigentlichen Fäden in der Hand hält – chauvinistische Gestrigkeit, ick hör‘ dir trapsen! Anfang 2019 gehörte sie zu einer Reihe von Musikerinnen, die in einem Artikel in der „New York Times“ Alt.Country-Rocker Ryan Adams körperlichen und psychischen Missbrauch vorwarfen. Als „Stranger In The Alps“ erschien, hatte sie sich aus der toxischen Beziehung zu ihrem einstigen Mentor bereits befreit, ihre Erfahrung verarbeitete sie unter anderem in dem Song „Motion Sickness“, der sie einem breiterem Publikum zugänglich machte.

Wer genauer hinschaut, der erkennt schnell: Phoebe Bridgers liebt zwar den kreativen Austausch, braucht jedoch keinen männlichen Strippenzieher im Hintergrund, sie hat ihr Leben und ihre außerordentliche Kreativität höchstselbst in der Hand. Nicht ganz grundlos gehört sie, die einst in einem iPhone-Werbespot in Erscheinung trat (und daraufhin ihre erste Band Sloppy Jane ad acta legte), zu den aktivsten Indie-Künstlerinnen der letzten Jahre, gründete gemeinsam mit Lucy Dacus und Julien Baker – ihres Zeichens zwei weitere, ähnliche talentierte, ähnlich von Feuilleton und Publikum umjubelte Jung-Künstlerinnen – die Supergroup boygenius, veröffentlichte gemeinsam mit Conor Oberst im vergangenen Jahr ein formidables Album unter dem Projektnamen Better Oblivion Community Center, nahm einen gemeinsamen Song mit The National-Grantler Matt Berninger auf, sorgte auf dem jüngsten Werk von The 1975 für etwas Folk-Sensibilität, produzierte das zweite Album des aufstrebenden Singer/Songwriters Christian Lee Hutson (der passenderweise auch in ihrer Begleitband spielt). Und trotzdem bleibt immer noch Raum für mehr – mehr Entwicklung, mehr Kreativität, mehr Freiheit. Ihr neues Album „Punisher“ klingt nun wie der nächste logische Schritt. Aber auch: nach sehr viel Eigensinn, Verweigerung und irgendwie nach einem formvollendeten Befreiungsschlag.

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„What if I told you
I feel like I know you?
But we never met
It’s for the best…“

Dass man sich dem Charme ihrer Songs nur schwer entziehen kann, liegt an Bridgers‘ Ehrlichkeit, dem Mut zur Verletzlichkeit und dem bei ihr wenig vorhandenen Bestreben, sowohl als Frau als auch als Künstlerin in irgendeiner Weise „glatt“ zu sein. Ihre Songs handeln von Liebe, vermitteln aber kein romantisiertes Weltbild. Auch bleibt stets Raum für Widersprüchlichkeit. In „Kyoto“ etwa erzählt sie von dem Gefühl, sich an einem eigentlich perfekten Ort trotzdem falsch zu fühlen. Im zerbrechlichen „Garden Song“ erinnert sich Bridgers kulminierend an ihre Kindheit, die Erlebnisse, die ihr Leben prägten – eine Art Comig-of-Age-Song und traumartiger Dialog mit ihrem vergangenen Ich, quasi: „The doctor put her hands over my liver / She told me my resentment’s getting smaller„, singt sie. Der Groll mag noch lange nicht verheilt sein, aber sie erahnt nun, im Rückspiegel, den Weg zur Ausgeglichenheit. Das wahnsinnig große, für minutenlange Gänsehaut sorgende Titelstück wiederum behandelt Phoebe Bridgers‘ beinahe schon beängstigende Liebe zum Schaffen des 2003 verstorbenen Singer/Songwriters Elliott Smith (so ist ein „Punisher“ jemand, der seinem Idol nachstellt). In „ICU“, welches, ähnlich wie auch „Halloween„, von einer vergangenen Beziehung berichtet, findet sie das vielleicht schönste Bild für das Gefühl, jemandem zu nahe zu stehen: „If you’re a work of art / I am standing too close / I can feel the brush strokes“. Und setzt hinterher: „I hate your mom / I hate it when she opens her mouth / It’s amazing to me / How much you can say / When you don’t know what you’re talking about“ – mal eben Hände hoch, wer sich noch nie ähnlich gefühlt hat.

Bridgers umrundet die stärksten Emotionen, ohne mit einem Dartpfeil auf das das Bulls Eye zielen zu müssen. Mitten ins Schwarze trifft sie dabei trotzdem verdammt oft. Wachstumsschmerz war nie schöner, Hoffnungen nie wehmütiger. Kein Festlegen, kein in Stein meißeln, nur das Leben in einem einzigen somnambulen Moment. Phoebe Bridgers fängt damit – ungewollt und unbewußt, schließlich entstanden die Songs bereits zwischen 2018 und 2019 – unwillkürlich auch die kollektive Gemütslage der vergangenen Monate ein, die durch Selbstisolation und beunruhigenden Eilmeldungspushnachrichten dirigiert wurden und eine unvermeidliche Eigenreflexion mit sich brachten. Klar fragt man sich da: Würde sich „Punisher“ ohne all das etwa anders anfühlen? Die Musik anders berühren, die vielen tollen Songzeilen weniger aufwühlen? Oder ist eine weltweite Pandemie nur eine weitere Karte in der Ausredenkartei, um das eigene Gefühlschaos zu legitimieren?

Musikalisch pendelt „Punisher“ dabei beständig zwischen Zurückhaltung, Verspieltheit und sanftem Bombast. „DVD Menu“ ist das einminütige Intro und gemäß des Titels das, was vergessen wird abzustellen, wenn man nach einem ergreifend tiefgründigen Film paralysiert und apathisch auf der Couch klebt und die Wiederholungen des Menüs nur widerwillig durchdringen (und wer genau hinhört, der wird merken, dass hier das letzte Stück ihres Vorgängeralbums, “You Missed My Heart”, gesammelt wird). Andererseits ist das den Abschluss bildende „I Know The End“ vielleicht das größte Stück Musik, das Phoebe Bridgers bisher geschrieben hat – immer hymnischer schraubt sich der Musik gewordene Nachtmahr-Koloss im Laufe seiner fast sechs Minuten in die Höhe, bis nur noch Furor und ihre nackte Stimme bleiben. Das Grundtempo des Albums jedoch ist ein sanftes, der fast schon energetische Uptempo-Song „Kyoto“ (mit Jenny Lee Lindberg von Warpaint am Bass, während sich Bright Eyes‘ Nathaniel Walcott für Bläser-Arrangements verantwortlich zeichnete) bildet da eher eine an Juliana Hatfield und Spätneunziger-Collegerock gemahnende Ausnahme. Gleichzeitig lässt sie sich stilistisch wenig festlegen, was zum Beispiel der fiebrige MDMA-Traum „Graceland Too“ beweist, der mit Banjo, Fiddle, Country-Anleihen und der freundlichen Unterstützung ihrer boygenius-Kolleginnen Lucy Dacus und Julien Baker überrascht. Anderswo, im tollen „Halloween“, schaut auch Kreativ-Buddy Conor Oberst zur stimmlichen Veredelung vorbei. Umso witziger, dass ausgerechnet das Gesamtbild des Albumsounds mehr an die melancholisch-nachtträgen Großtaten eines Elliott Smith als an die troubadour’schen Hansdampf-Launen ihres Better Oblivion Community Center-Kollegen Oberst erinnert.

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In Gänze besticht „Punisher“, bei dem aufgrund des tollen, in der kalifornischen Wüste aufgenommenen Coverartworks und dem liebevoll gestalteten Booklet jedem explizit die großformatige Vinyl-Ausgabe ans Herz gelegt sei, durch Phoebe Bridgers‘ beeindruckendes Songwriting, das irgendwo zwischen knallharten Wahrheiten, ungewöhnlichen Metaphern und ihrem geschätzten Hintersinnhumor pendelt – sinnbildlich etwa jene Zeile aus „Moon Song“ („We hate ‚Tears In Heaven‘ / But it’s sad that his baby died“), in der sie Eric Clapton eben nicht nur seine ihrer Einschätzung nach „extrem durchschnittliche Musik“ ankreidet, sondern auch seine rassistische Vergangenheit. Mehr noch als auf dem Vorgänger „Stranger In The Alps“ gibt sich Bridgers auf den zehneinhalb Stücken einem permanenten, ungebrochenen Empfindsamkeitsgestus hin. Sie singt darüber, was sie fühlt – mal nichts, mal irgendwas, mal das gesamte Spektrum in einem einzigen Moment. Aber sie fühlt immer. Die daraus resultierenden Songs sind bei genauer Betrachtung wahre Füllhörner popkultureller Bezüge von „Harry Potter“ bis hin zu Carmen Maria Machado („In The Dream House“), von Phoebe Waller-Bridge („Fleabag“) bis hin zur Zerstreuung durch irgendwelche YouTube-Tutorials (über die Inspirationen kann man hier sowie hier mehr lesen) – da passt es doch nur zu gut ins dunkel schimmernde Kaleidoskop, dass die Musikerin offen über das Thema Mental Health spricht, für ein Interview mit dem US-„Playboy“ kurzerhand blank zog oder während der Corona-bedingten Ausgangssperre mal eben eine „Welttournee“ in den eigenen vier Wänden spielte. Wer mag, den nimmt Phoebe Bridgers gern mit auf diesem Kopfhörersoundtrack gewordenen nächtlichen Spaziergang durch Echo Park, jenen Stadtteil von Los Angeles, in dem Elliott Smith einst starb und die Singer/Songwriterin nun zu Hause ist. Wäre all das ein Film, so hätte wohl Sofia Coppola Regie geführt (und Bill Murray mindestens einen Gastauftritt gehabt). Berührender als mit diesen Traumschlössern aus Albträumen wird’s in diesem eigenartigen Musikjahr wohl nimmermehr. *hach*

 

Hier findet man die Musikvideos zu „Garden Song“…

 

…“Kyoto“…

 

…“I Seee You“…

 

…und „I Know The End“…

 

…sowie Live-Versionen von „ICU“ und „Halloween“, welche im März vor kleinem Publikumskreis im Los Angeles Memorial Coliseum aufgenommen wurden:

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Phoebe Bridgers – „Garden Song“


Eigentlich – und aller Umtriebigkeit zum Trotz – längst überfällig, hat Phoebe Bridgers nun ihre neue Single „Garden Song“ veröffentlicht. Zu Beginn des dazugehörigen Lo-Fi-Musikvideos nimmt die eigentlich drogenabstinente, nichtrauchende US-amerikanische Indie-Singer/Songwriterin einen Zug aus einer Bong. Prompt tauchen im Dunst seltsam-skurrile Gestalten auf…

Trotz fehlender Ankündigung ist der zurückhaltende Song aller Wahrscheinlichkeit nach der erste Vorbote von Phoebe Bridgers‘ zweitem Soloalbum, das seit dem vergangenen Herbst in der kreativen Pipeline steckt – und tatsächlich ihre erste Eigenkomposition seit dem erfolgreichen 2017er Debütwerk „Stranger In The Alps“.

doc200.dig1_-1582654468-640x640In einem Radiointerview erzählte Bridgers zum Stück, das sie schon seit etwa einem Jahr live spielt, dass sie beim Schreiben an ihre Heimatstadt Los Angeles und an wiederkehrende Albträume gedacht habe. Im Refrain begleite sie ihr Tourmanager, ein Niederländer namens Jeroen. „Mir wurde klar, dass er die Stimme eines Engels hatte, als er mit mir im Van einen Mitski-Song sang“, so Bridgers. „Er war zwei Oktaven unter mir, und ich sagte: ‚Du klingst wie ein niederländischer Matt Berninger.'“ (Apropos Matt Berninger: Mit dem The National-Frontmann nahm Bridgers nicht nur unlängst das Duett „Walking On A String“ auf, sondern kündigte noch vor der neuerlichen Songpremiere eine große Tour im Vorprogramm von The National und The 1975 an.)

Für die kreative Umsetzung des DIY-Videos zu „Garden Song“ zeichnet sich Bridgers‘ Bruder Jackson verantwortlich. Post-inhalativ betreten seltsam Kostümierte das kleine Schlafzimmer, darunter ihr Schlagzeuger und Co-Songschreiber Marshall Vore, die Humoristin Tig Notaro und Kumpel Christian Lee Hutson (über den auch bereits auf ANEWFRIEND zu lesen war), der auch die Gitarre einspielte. Der Song ist eine Reflexion über das Erwachsenwerden, die Realisation, wohin einen die eigenen Träume geführt haben, und darüber, dass sich Dinge auch dann verändern, wenn man eigentlich viel zu beschäftigt ist, um es zunächst zu bemerken. Stilistisch schließt der Vierminüter nahtlos an das Solodebüt der Musikerin an und vereint Melancholie und Zerbrechlichkeit im Folk-Song-Format.

Apropos Debüt: Obwohl „Stranger In The Alps“ bereits fast drei Jahre alt ist, war es – regelmäßige Blog-Besucher dürften ohnehin bestens informiert sein – danach doch alles andere als ruhig um die 25-jährige kalifornische Songwriterin. Nicht nur bildete sie mit Conor „Bright Eyes“ Oberst unlängst das Duo Better Oblivion Community Center (deren selbstbetiteltes Debüt im vergangenen Musikjahr in ANEWFRIENDs Top 3 spielte) und mit ihren Songwriter-Freundinnen Lucy Dacus und Julien Baker das Trio Boygenius und veröffentlichte mit beiden Projekten gefeierte Platten, immer wieder trat sie auch als Gastsängerin in Erscheinung. Unter anderem auf Mercury Revs Tribute-Album „Bobbie Gentry’s ‚The Delta Sweete‘ Revisited“ oder in den Duetten „The Night We Met“ mit Lord Huron, gemeinsam mit Noah Gundersen und „7 O’Clock News/Silent Night„, einem Simon & Garfunkel-Cover mit – da isser wieder! – The-National-Frontmann Berninger und Fiona Apple.

Da gingen die (weiteren) Solo-Coversongs der jüngsten Vergangenheit fast unter. 2017 „The House That Heaven Built“ von Japandroids und der Judy-Garland-Klassiker „Have Yourself A Merry Little Christmas„, 2018 eine ganze Reihe: McCarthy Trenchings „Christmas Song„, The Cures „Friday I’m In Love„, (Sandy) Alex Gs „Powerful Man“ und Tom Pettys „It’ll All Work Out„. 2019 dann das Tom Waits-Cover „Georgia Lee„.

Zuletzt hatte Bridgers außerdem ihren Sinn fürs Selbstironisch-komödiantische unter Beweis gestellt und mit Conor Oberst in einer Mini-Mockumentary für die Late-Night-Talk-Sendung von Conan O’Brien mitgespielt. Stillstand? Geht wohl anders. Trotzdem: lääääängst überfällig, die neue eigene Platte…

 

 

„Someday I’m gonna live
In your house up on the hill
And when your skinhead neighbor goes missing
I’ll plant a garden in the yard then
They’re gluing roses on a flatbed
You should see it, I mean thousands
I grew up here till it all went up in flames
Except the notches in the doorframe

I don’t know when you got taller
See our reflection in the water
Off a bridge at the Huntington
I hopped the fence when I was seventeen
Then I knew what I wanted

And when I grow up, I’m gonna look up
From my phone and see my life
And it’s gonna be just like my recurring dream
I’m at the movies
I don’t remember what I’m seeing
The screen turns into a tidal wave
Then it’s a dorm room, like a hedge maze
And when I find you
You touch my leg and I insist
But I wake up before we do it

I don’t know how, but I’m taller
It must be something in the water
Everything’s growing in our garden
You don’t have to know that it’s haunted
The doctor put her hands over my liver
She told me my resentment’s getting smaller
No, I’m not afraid of hard work
I get everything I want
I have everything I wanted“

 

Rock and Roll.

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