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Sunday Listen: Beachheads – „Beachheads II“


Es lässt sich ja irgendwie einfach nicht vermeiden, erst einmal mit „der anderen Band“ einzusteigen, denn eigentlich spielen Marvin Nygaard (Bass) und Vidar Landa (Gitarre) schließlich bei den norwegischen Raudaubrüdern Kvelertak. Mit ihrem Merchandiser Børild Haughom am Gesang und dem Schlagzeuger Espen Kvaløy sind sie allerdings Beachheads. Und wenn man nun denkt, man könne der Einfachheit halber ein „file under Kvelertak“ setzen, hat man sich ziemlich geschnitten, denn es ist eher ein deutliches „don’t file under Kvelertak“. Denn: Das schwere Metall bleibt auch auf dem zweiten, passenderweise einfach „Beachheads II“ betitelten Album außen vor, vielmehr zimmert das Quartett aus Oslo zehn Songs irgendwo im weiten Spannungsrund zwischen Power Pop, Garage Rock und Post Punk zurecht, die mit jeder Menge flottem Wind ebenso zeitgenössisch wie dezent retro klingen, sodass einem die Kvelertak-Verbindung nur dann bewusst wird, wenn es einem jemand unters Näschen reibt. Da ertappt man selbst harte Metalheads an mancher Stelle beim entspannten Fußwippen…

Eine reine Spaßveranstaltung also? Mitnichten! Man lausche nur den Texten. „I feel nothing / Nothing at all“, singt Børild Haughom etwa in „Nothing“. Hoppla? Hoppla! Der Kontrast zwischen diesen Zeilen, die er zum schiebenden Schlagzeug von Espen Kvaløy und dem treibenden Riff von Vidar Landa mit seiner angenehm unangestrengten Stimme singt, er könnte größer kaum sein. Vielleicht nimmt man ja diese Art von immanenter Schwermut einfach mit dem norwegischen Trinkwasser zu sich? Beachheads sind auch auf ihrem zweiten Album die potentiell traurigste Gute-Laune-Band der Welt. Oder eben die fröhlichsten Melancholiker Norwegens? Nichts Genaues darf man höchstens vermuten.

Betrauerte Haughom auf dem 2017er Vorgänger noch den Tod seines Vaters (etwa im majestätischen „Procession„), setzt er sich nun, wie eben im benannten „Nothing“, mit seinen Depressionen auseinander: „This kind of sadness tears me apart / I’ve never felt like this before in my life / I will be swinging back / It’s hard to cope with and figure out / I see a darkness, I realize.“ Es ist daher vor allem der Widerspruch zwischen musikalischer Leichtigkeit und inhaltlicher Schwermut, der „Beachheads II“ erneut so strahlen lässt. Während Haughom scheinbar nichts mehr fühlt, fühlt man selbst in den besten Momenten dieses Albums so einiges, verliebt sich Hals über Kopf mit jedem neuen Durchlauf in einen anderen Song. Mal in „Down South“, dieses sonnige Roadmovie, mal in die gedoppelten Stimmen von „Jupiter“, mal ins straighte „Break It Off“, in welchem Haughom mit der Tür ins Holzhaus fällt: „I don’t like you being here / I’ve never liked your style / You really can’t come back again / Let’s break it off this time“, um am Ende seinem verhassten Gegenüber zu gestehen, dass er leider high sei. Dann wieder überrumpelt einen das an R.E.M. erinnernde „Change“, in dem Beachheads ebenso wie in der im besten Sinne Smiths-würdigen Single „Death Of A Nation“ Stellung beziehen. Oder das zupackend-zackige „10.000 Hurts“, welches mit einem der eingängigsten Refrains einer Platte aufwartet, auf der nahezu jeder Song das Zeug zum Hit hat.

Dass Beachheads sich teilweise nicht einmal die Mühe gemacht haben, ihre Demos für das Album neu einzuspielen, zeigt wieviel Selbstvertrauen die Norweger in petto haben (oder eben einfach einen mittleren Scheiß auf perfekten Studiohochglanz geben). Und wo sie es doch tun, vertrauen sie darauf, gemeinsam und live mehr Herzblut einzufangen, als es mit zig Overdubs je möglich wäre. Womit wir bei dem wären, was Beachheads bislang schuldig bleiben: Wann kann – ja: darf – man diese Band endlich live erleben? Am besten auf der nächsten Tour von Kvelertak, da hätte man schon drei Viertel der Band zusammen, schließlich reicht einem dort die Beachheads’sche Stimme Platten und Shirts mit derben Metal-Designs, während 50 Prozent der Band zeitgleich mit ihrer Haupt-Kombo auf der Bühne für Krawall sorgen. Zudem ist es kaum vorstellbar, dass ihnen nicht auch die Fans von Kvelertak ruckzuck aus der Hand fressen würden – spätestens beim – ja, ja – dezent balladesken „Live And Let Live“, wenn sich Haughom mit seiner eigenen Angst vor dem Tod auseinandersetzt. Zum Heulen schön tönt er, dieser Band gewordene Widerspruch – und auch dank dieser halben Stunde Musik weiterhin viel zu gut, um weiter nur als schnödes Kvelertak-Seitenprojekt betrachtet zu werden.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Pom Pom Squad – „Popular“ (feat. Matthew Caws)


Manchmal werden eher scherzhafte Corona-Zwangspausenideen ja Wirklichkeit. Die von Mia Berrin etwa. Im März 2021 twitterte die Frontfrau der New Yorker Garage-Indierocker Pom Pom Squad vollmundig “I’m gonna recreate the video for ‚Popular‘ by Nada Surf but I’m gonna play every character”. Feine, kleine Schnapsidee, klar. Doch siehe da: Neun Monate später machte die Band tatsächlich Nägel mit Köpfen!

Und auch der Fakt, dass zwischen Tweet und Umsetzung eine komplette Schwangerschaft hätte vergehen können, hat einen recht simplen Grund, denn die Newcomerband aus Brooklyn durfte Nada Surf im Anschluss an die fixe Twitter-Idee tatsächlich bei einigen Shows als Vorband unterstützen. Mia Berrin ist rückblickend voll des Lobes: „Die Zusammenarbeit mit Nada Surf war ein Traum. Sie sind eine unglaubliche Gruppe von Individuen und waren während unserer gemeinsamen Tournee so nett zu allen von Pom Pom Squad. Es ist schwer, sich nicht von ihrer Karriere inspirieren zu lassen, und so ist es etwas ganz Besonderes, ihrem Vermächtnis auch nur ein wenig nahe zu kommen.“

Berrin nahm die positiven Tour-Erfahrungen und wählte für ihr Remake des Musikvideos des 1996er Indie-Hits von Nada Surf (seinerzeit erschienen auf dem Debütalbum „High/Low“ und kürzlich von der Band neu aufgenommen) sogar den damaligen Drehort des Musikvideo-Originals, die Bayonne High School in New Jersey. Zudem ist das Pom Pom Squad’sche Musikvideo, in welchem Mia Berrin tatsächlich nahezu alle Hauptrollen übernimmt, voller kleiner Easter Eggs, von Fotos von Nada Surf-Frontmann Matthew Caws und Berrin über echte Schüler jener High School, welche hier Statistenrollen übernehmen, bis hin zu einem Auftritt von Matthew Caws höchstselbst, der als Teil der musizierenden Band zu sehen (und hören) ist.

Überhaupt ist die Idee von Pom Pom Squad, sich ausgerechnet „Popular“ zum Covern vorzunehmen, nur allzu folgerichtig, schlägt der Song doch auch thematisch mit Spoken-Word-Zeilen wie “Being attractive is the most important thing there is” oder “If you wanna catch the biggest fish in your pond, you have to be as attractive as possible” ganz ähnliche Töne an wie die Stücke des im vergangenen Mai erschienenen PPS-Albums „Death Of A Cheerleader„, auf welchem Mia Berrin und ihre Band Geschichten übers herzschmerzende Erwachsenwerden mit einer beinahe filmreifen Ästhetik irgendwo zwischen „The Virgin Suicides“, „Eis am Stiel“, Bubblegum-Pop und Bikini Kill verbinden. Und dass die Zeilen des gut 25 Lenze jungen Nada Surf-Klassikers nun aus dem Mund einer offen queer lebenden farbigen jungen Frau anstatt aus dem eines weißen Hetero-Cis-Mannes kommen, könnte doch irgendwie toller und zeitgemäßer und 2022er kaum sein… 👍

„I think the video is amazing! I love how it feels like a shot-for-shot recreation at the start but quickly takes on its own totally new character. The original was shot in 1996, looking back at previous decades, while this one feels set in the present day, looking inwards and towards the future… another really cool aspect of the video is that the cheerleader character feels more and more sincere and human as the story develops. By the end, she’s much more than a player in a high school creation, she’s a person in the world and the singer of the song. To me there’s a ‚closed film‘ sense about Pom Pom Squad. Meaning that even if you could trace influences in their music, it feels as if they’ve invented it all themselves. They are their own world. That’s a trait I’ve felt in all my favorite bands: they’ve created their own reality.“ (Matthew Caws)

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Bots – „Girl Problems“


Foto: Promo / Camille Bagnani

„Girl Problems“ zeigt, was für eine musikalische wie persönliche Entwicklung The Bots aus Los Angeles (nicht zu verwechseln mit einer niederländischen Agit-Prop-Band selben Namens) in den letzten sieben Jahren durchlebt haben. Waren die bisher veröffentlichten Alben stark vom schepperndem Garage Rock mit Punk-Schlagseite geprägt, zeigen Mikaiah Lei und Alex Vincent hier vor allem ihre neu gewonnene Pop- und Melodie-Sensibilität – Talking Heads, Cocteau Twins und Best Coast statt Minor Threat, Black Flag und Bad Brains, quasi.

Da wirkt es umso erstaunlicher, dass die Songs des im September erschienenen Albums „2 Seater“ allesamt schon etwas älter sind. Sie stammen aus den Jahren 2012 bis 2015, als The Bots der Szene im heimischen Orange County entwuchsen und schnell bei großen Festivals wie Coachella und Bonnaroo spielten. Von Blur über Refused bis hin zu Tenacious D waren selbst gestandene Profimusiker hellauf begeistert und prophezeiten dem Brüderpaar Mikaiah und Anaiah Lei, die The Bots schon als kaum zehnjährige Dreikäsehochs gründeten, eine strahlende Rockmusik-Zukunft. Doch das Leben hatte – zunächst zumindest – andere Pläne. Schlagzeuger Anaiah zog es in Richtung Hardcore, Mikaiah nahm als Eskimo Kisses unzählige Solo-Songs auf, die er bewaffnet mit Music-Pad und Effekt-Boards auch gerne mal vom heimischen Badezimmer aus über Soundcloud oder Instagram jagte. Bis ihn schlussendlich die alte Liebe wieder überkam: Aus dem Nachfolger des 2014 erschienenen The Bots-Zweitlings „Pink Palms“ war nie etwas geworden, aber die Ideen von damals konnten nicht länger ungenutzt herumliegen. Mit neuen Erfahrungen ausgestattet, überarbeitete Mikaiah Lei nun, als Endzwanziger, jene nie zu Ende gebrachten/gedachten Songs, um auszudrücken, was ihm damals noch schwer fiel. Etwa die Höhen und Tiefen junger Liebe, die Notwendigkeit, Freundschaften zu pflegen, oder die eigene Gefühlsarbeit.

Einer der besten Songs von „2 Seater„, welches von Adrian Quesada, einer Hälfte der Grammy-prämierten Psych-Soul-Senkrechtstarter Black Pumas, produziert wurde, ist zweifellos das eingangs erwähnte „Girl Problems“, eine powerpoppige Ewiger-Sommer-Fuzz-Hymne gegen Rollenerwartungen und für Selbstbestimmung, welche auch beim hundertsten Durchgang nicht schlechter wird. „‚Girl Problems‘ wurde durch Geschichten inspiriert, die mir Freundinnen erzählt haben“, so Lei. „Es ist im Wesentlichen die Geschichte von ‚gemeinen Mädchen‘ und den Problemen, durch die junge Frauen durch müssen: gehässiges Verhalten, hinter dem Rücken reden und so weiter. Es bleibt alles an der Oberfläche, aber es ist etwas, das alle erleben oder auf sich beziehen können.“

Den rundum gelungenen Teenie-Sommer-Vibe von „Girl Problems“ um warme Nullerjahre-Indie-Gitarren und harmonischen Gesang fängt auch das dazugehörige Musikvideo ein. Zwischen Teenager-Zimmer, Swimming Pool, magischem 8-Ball, Tagebuch und Katzen folgen das Video und das Duo aus Lei und Vincent als Backing-Band den amüsanten Versuchen der Protagonistin, einfach nur sie selbst zu sein. Mit solchen Tönen im Gehörgang meldet sich der Sommer selbst im tiefsten Dezember für etwa vier Minuten zurück…

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Nobody’s Cult


Foto: Promo / Gabbie Burns

Dafür, dass sich die Truppe um die bemerkenswerte Sängerin Lena Woods bereits 2015 gegründet hat, haben es Nobody’s Cult in Sachen Studiobesuche bisher erstaunlich ruhig angehen lassen. 2017 ließ das Vierergespann aus dem französischen Rouen mit „Echoes From The Temple“ mal mit einer EP aufhorchen, zwischendurch gab’s hin und wieder eine Single, um die Hörerschaft bei Laune zu halten. Mit einem vollwertigen Album haben Nobody’s Cult aber bisher auf sich warten lassen. Umso schöner, dass im Juni endlich ihr Debüt-Langspieler „Mood Disorders“ das Licht der Musikwelt erblicken durfte…

Auf diesem zeigt sich die Band noch ein wenig auf der Suche. Der Opener „The Finish Line“ lockt zunächst mit stampfendem Garage Rock, der an The Dead Weather erinnert. „Everyone is someone else’s fool / Everyone is someone else’s freaking tool“, klagt Frontfrau Lena Woods auf einer Basis aus pulsierendem Bass, bevor ein schwerfälliges Schlagzeug den Rhythmus an sich reißt. Das folgende „Radio“ nimmt Tempo auf und hinterlässt eher einen zarten Hauch Queens Of The Stone Age, als an die angenehme Schwere der Eröffnungsnummer anzuschließen. „Freak Out“ setzt mit punkigem Gemüt und leicht überdrehtem Gesang auf Riot-Grrrl-Vibe, „Swan Song“ zerfließt in langsamem, düster-verruchtem Tempo, „Feel Blue“ sowie dessen an der Étretat-Küste in der Normandie auf 16mm-Flim gedrehtes Musikvideo versprühen bittersüße Nostalgie. „Nothing On Me“ könnte in einem anderen Kosmos auch ein Blues Pills-Song sein und sticht mit seinem walzenden Gitarrenriff und dem kraftvollen Gesang noch am ehesten aus der Masse an verschiedensten Stilistiken heraus. „Goodbye Honey“ und die Single „Hangover“ sind schließlich zackige Indie-Disco-Hits, die dem zuvor etablierten Blues- und Heavy Rock entgegenstehen. Zweiteres beginnt mit einem langsamen und zugleich lautstark pochenden Intro wie der typische Morgen nach einer durchzechten Partynacht, in der viel, eventuell gar zu viel Alkohol floss. “One hundred million shots blow up my brain / Each and every morning I reset the game” singt Lena Woods energisch im kraftvollen Refrain, bevor kurz darauf die nächste Strophe das Tempo wieder herunterfährt, ohne dabei jedoch an Lautstärke zu verlieren. Ganz im Sinne eines Hangovers bildet der Song so musikalisch geschickt zwischen Fuzz- und Heavy Rock die Stimmungsschwankungen am verhängnisvollen Morgen danach ab – perfekt eingefangen im dazugehörigen Musikvideo. Leider drückt sich das Quartett auf seinem Debütalbum geschickt um eine Antwort auf die Frage, wer sie denn nun sein wollen, denn alles in allem beweisen Nobody’s Cult mit „Mood Disorders“ zwar, dass sie verschiedenste Spielarten des Rock sicher und aus dem Effeff beherrschen, ihre eigene musikalische Identität hat bei dieser Vorführung technischen Könnens jedoch kaum eine echte Chance, in den Vordergrund zu treten.

Ein wenig erstaunt dass schon, denn Newcomer im klassischen Sinn sind die vier Franzosen keineswegs, immerhin fangen sie bereits seit nunmehr sechs Jahren in ihrer Musik eine Welt ein, die manchmal freundlich, manchmal aggressiv und jederzeit unberechenbar erscheint. In dieser Zeit haben Lena Woods, Vincent Fabert (Gitarre), Matteo Casati (Bass) und Grégory Jacques (Schlagzeug) gelernt, ihre Musik zu zähmen und im Dialog mit dem Publikum Abend für Abend neu zu entdecken. Denn erst auf der Bühne erwachen die Songs wirklich zum Leben, entwickeln sich im Laufe der Konzerte und finden schließlich ihre eigene Energie (wovon man sich aktuell anhand einiger Live Sessions auf YouTube überzeugen kann). Für die ganz besondere Note sorgt nicht nur der Gesang, sondern auch die oftmals eingesetzten verzerrten Harfenklänge der Frontfrau – ein besonderes Element, welches ja eventuell in Zukunft für etwas mehr Individualität in den Songs von Nobody’s Cult sorgen wird…

Rock and Roll.

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Klassiker des Tages: Caesars – „Jerk It Out“


Wer um die Jahrtausendwende jung und wild und frei war und – ganz egal, ob in der Groß- oder Kleinstadt – mal hier, mal da die ein oder andere Indie-Dissen-Tanzwelle geritten hat, der kam an so manchem Gitarrenakkord gewordenen Beinzucker kaum vorbei. „Bohemien Like You“ von den Dandy Warhols etwa. „Mr. Brightside“ von den Killers, natürlich. „Last Nite“ von den Strokes, selbstverständlich. „Are You Gonna Be My Girl“ von Jet, klar. Die „Seven Nation Army“ marschierte, während man dem schönen, scheuen Mädchen auf der anderen Seite des Raums zuflüstern wollte: „I Bet You Look Good On The Dancefloor„. Kinners, das waren Zeiten… Und ein wenig schälen sie sich zurück ins Halbdunkel der eigenen Erinnerung – jedes Mal, wenn heute das in diesen Jahren recht unvermeidliche „Jerk It Out“ so selbstsicher wie anno dazumal seine Ohrwurm-Qualitäten ausspielt…

Im Zuge des damaligen Garagenrock-Hypes um die Nullerjahre herum, der mit den Hives, Mando Diao oder der (International) Noise Conspiracy nicht eben unwesentlich schwedisch geprägt wurde, war es eigentlich kaum zu glauben, dass eine Band wie die Caesars bereits seit 1998 dort, in der Heimat von Wasa-Knäckebrot, Pippi Langstrumpf, Abba und Zlatan Ibrahimovic, unter Ausschluss der internationalen Öffentlichkeit Platten veröffentlichte.

Und die Bandgeschichte des Quartetts aus Stockholm begann irgendwie sogar noch viel, viel früher, schließlich kannte Bandgründer César Vidal seinen Gitarristen Joakim „Jocke“ Åhlund, seit er zwei Jahre alt war. 1995 beschließen die beiden Sandkastenfreunde, eine Band zu gründen und benennen sich nach dem berühmten Groß-Casino in Las Vegas, Caesars Palace (obwohl man die ersten musikalischen Gehversuche noch als Twelve Caesars unternimmt). Beeinflusst vom britischen Rock der Sixties, von den Rolling Stones über die Kinks bis David Bowie, beginnen die beiden, zwei andere Bandmitglieder zu rekrutieren: am Bass wird David Lindquist eingestellt, fürs Schlagzeug zunächst Jens Örjenheim, ab 2000 dann Nino Keller.

Über das Indie-Label Dolores Recordings veröffentlichen Caesars Palace noch im selben Jahr ihre erste 3-Track-EP, wenige Monate später folgt ein Mini-Album, dessen Songs mit dem dreckigen Sixties-Garagen-Rock der späteren Werke damals jedoch noch recht wenig zu tun hatten. Doch während der Aufnahmen zum ersten, 1998 erscheinenden Album „Youth Is Wasted On The Young“ kauft sich Gitarrist Jocke Åhlund eine alte Farfisa-Orgel, die den Bandsound ebenso hörbar wie nachhaltig verändert. Caesars Palace beginnen daraufhin an ihren einprägsamen Orgel-Hooklines zu arbeiten (welche wiederum Dennis Lyxzén und seine International Noise Conspiracy ins Gedächtnis rufen) und sorgen bereits mit dem ersten Album für so einige Begeisterungsstürme in ihrem Heimatland.

2000 veröffentlicht die Band den Langspieler „Cherry Kicks“, zwei Jahre darauf folgt „Love For The Streets“. Am Sound verändert sich auf diesen nicht viel – jede Menge jugendlicher Rumpelkammer-Schmackes, gute alte Fuzz-Gitarren und eine munter drauflos schlackernde Farfisa-Orgel. Neu mag hier nichts sein, aber es kracht. Es donnert. Und es rockt. Sturm und Drang für das 21. Jahrhundert. Selbst wenn Caesars Palace darauf pochen, angeblich auch vom Reggae inspiriert worden zu sein, blitzt dieser Einfluss (glücklicherweise) kaum durch. Warum sollte er auch, wenn beide Alben in Schweden vergoldet werden und ihr powerpoppender Indie Rock immer größere Hallen füllt? Trotzdem geht’s wohl noch nicht gänzlich ohne Zubrot. Jocke Åhlund etwa verdient sich selbiges in dieser Zeit als Video-Clip-Regisseur. So gehen zum Beispiel „New Noise“ von Refused und „Reproduction Of Death“ der (International) Noise Conspiracy auf seine K(l)appe.

Als das kleine Label Dolores Recordings, auf dem Caesars Palace bisher ihren kompletten Output vertreiben, vom Major-Riesen Virgin geschluckt wird, entpuppt sich das alsbald als Glücksgriff für das Vierergespann. Zuerst geht ihr Material noch, wie von so ziemlich vielen, im Veröffentlichungswust des Majorlabels unter und ihr Name ist bei Virgin keinem ein Begriff. Als die Band dann aber einen findigen Manager engagiert und dieser im Virgin-Büro die Caesars-Platten vorspielt, ist man dort schnell hellauf begeistert von den Schweden – und muss darüber hinaus etwas peinlich berührt hören, dass sich diese Band mit einigem an Potential bereits in ihrem Rooster befindet.

Also schickt das Label – freilich unter tatkräftiger Unterstützung des gerade wütenden Gragenrock-Retro-Wahns – Caesars Palace mit The Soundtrack of Our Lives über den großen Teich und auf US-Tournee. Und auch dort können sich César Vidal und Co. gut behaupten, was Virgin wiederum dazu veranlasst, im Jahr 2003 weltweit „39 Minutes Of Bliss (In An Otherwise Meaningless World)„, eine Art Best Of aus ihren ersten drei Alben, zu veröffentlichen (welche übrigens just heute ihren runden 18. Geburtstag feiert). Darauf zu hören: Rock’n’Roll aus fünf Jahrzehnten, kurz aufgekocht und mit geradezu ansteckender Spielfreude lässig auf CD gerotzt. Da die Platte dieses Mal auch in den US of A erscheint, bewegt ihr Plattenlabel die vier Schweden jedoch dazu, vorher ihren Namen kürzen, um einem möglichen Rechtsstreit mit dem Casino-Konzern in der Glücksspielstadt aus dem Weg zu gehen. Fortan kennt man die Band nur noch als Caesars.

Doch auch unter (beinahe) neuer Flagge geht der Siegeszug der Skandinavier auch danach recht munter weiter. Bands wie Placebo outen sich als begeisterte Fans und nehmen sie als Support mit auf ihre Deutschland-Tournee. Das dürfte wohl nicht nur, aber vor allem an einem bestimmten Song liegen: der erstmals 2002 erschienenen Single „Jerk It Out“. Diese schummelt sich nach ihrer erneuten Veröffentlichung in die Rotationen vieler internationaler Radiostationen, verschafft der Band einen Top-10-Hit in Großbritannien sowie den Einstieg in die US-Billboard-Charts und wird wenig später in zig Werbespots, Filmen und TV-Serien verwendet. Mehr noch: Der fluffig-flotte Dreiminüter, dessen Text mutmaßlich eine recht juvenile Laisser-faire-Attitüde aus Lecko-mio, Loslassen, Amphetaminen und Selbstbefriedigung beschreibt, wird zum ohrwurmenen Trademark der Caesars – und wohl auch deshalb ein weiteres Mal auf die 2005 folgende Platte „Paper Tigers“ drauf gepackt.

Und obwohl diese, ebenso wenig übrigens wie der 2008er Nachfolger „Strawberry Weed„, mit einer Top-20-Platzierung in der schwedischen Heimat und einer Top-50-Landung im UK der Band, nicht die ganz großen Erfolge einbringt, hatten die Caesars einfach zu viele Qualitäten, zu viele kleine, versteckte Mini-Hits in petto, um im Rückblick als garagenrockende Eintagsfliege zu gelten. Trotzdem ist es schade, dass das Quartett alsbald wieder in der Versenkung des musikalischen Niemandslands verschwindet – abgesehen von ein, zwei einmaligen Comeback-Shows 2017 sowie 2018 beim Stockholmer „Popaganda Festival“ liegen die Caesars seit über einer Dekade auf Eis. Und kann sich’s wohl auch leisten, wenn ihnen dieser eine Song dank zig Werbeeinnahmen ein klein wenig die gelb-blauen Hintern saniert hat…

„Wind me up, put me down
Start me off and watch me go
I’ll be runnin‘ circles around you sooner than you know
A little off center and I’m out of tune

Just kickin‘ this can along the avenue, but I’m alright
Cause it’s easy once you know how it’s done
You can’t stop now, it’s already begun

You feel it runnin‘ through your bones
And you jerk it out, and you jerk it out
Shut up, hush your mouth
Can’t you hear you talk too loud?

No can’t hear nothin‘ ‚cause I got my head up in the clouds
I bite off anything that I can chew
I’m chasing cars up and down the avenue, but that’s ok

Cause it’s easy once you know how it’s done
You can’t stop now, it’s already begun
You feel it runnin‘ through your bones

And you jerk it out

Cause it’s easy once you know how it’s done
You can’t stop now, it’s already begun
You feel it runnin‘ through your bones
And you jerk it out, and you jerk it out
And you jerk it out, and you jerk it out
Oh baby don’t you know you really gotta jerk it out
When you jerk it out
Oh baby don’t you know you really gotta jerk it out
When you jerk it out
Oh baby don’t you know you really gotta jerk it out“

Rock and Roll.

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Song des Tages: Die Aeronauten – „Irgendwann wird alles gut“


Man hätte eigentlich recht früh ahnen können, dass sich das Jahr 2020 zu so einer vollumfänglichen Katastrophe entwickeln würde, schließlich begann es mit dem Tod von Oliver Maurmann aka Olifr M. Guz (oder auch nur Guz). Am 19. Januar starb der Schweizer Musiker und Schauspieler an Herzversagen, nachdem er vier Monate lang in einem Züricher Krankenhaus auf ein Spenderorgan gewartet hatte. Die Kunstwelt verlor mit Guz einen sympathischen, enorm kreativen, im besten Sinne lustigen, guten Menschen, der nicht lange vor seinem Tod noch mitten im Leben stand. Er wurde nur 52 Jahre alt.

Auch wenn gefühlte 99,99 Prozent der „Ich-hör‘-alles-was-im-Radio-läuft“-Zielgruppe nun unbekannterweise mit den Schultern zucken werden, war dieser 19. Januar 2020 ein trauriger, ein wahrlich schwarzer Tag für die deutschsprachige Popmusik, immerhin hatte Guz diese abseits der Beliebigkeitspfade seit fast drei Jahrzehnten mit vielen Songs bereichert. Erst mit eigens auf MC veröffentlichten Solowerken, dann als Anführer von Die Aeronauten und mit zahlreichen anderen Projekten: einer Gruppe mit Bernadette La Hengst und Knarf Rellöm namens Die Zukunft, dem Electro-Blues-Duo Naked In English Class mit Taranja Wu, außerdem mit den Bands Die Zorros, Zero Tornado… – kurzum: viel zu viele, um sie hier alle aufzuzählen. 

Die Aeronauten jedoch waren von Anfang bis Ende der Ankerpunkt seiner Karriere. 1991 im schweizerischen Schaffhausen gegründet, veröffentlichte die sechsköpfige Band neun LPs. Und jede von ihnen war stilistisch unberechenbar: Das Guz’sche Aeronauten-Universum konnte schunkelige Americana, schroffen Post Punk, tänzelnden 2-Tone, feinen Indie Pop, derben Garage Rock oder knarzende Soul-Grooves enthalten. Man wusste schlichtweg nie genau, was die nächste Aeronauten-Platte bereithalten würde. Wen wundert’s, dass das auch auf den im November erschienenen letzten Langspieler dieser Band zutrifft… Was kann man von „Neun Extraleben“ erwarten, einem Album, das zehn Monate nach dem Tod des Bandleaders folgte? 

Nun… wohl nur das Beste. Trompeter Roman „Motte“ Bergamin, Gitarrist Lukas Langenegger, Saxofonist Roger Greipl, Bassist Marc Zimmermann und Schlagzeuger Daniel d’Aujourd’hui haben Guz eine würdevolle Abschiedsbotschaft geschaffen, zusammengesetzt aus bereits fertigen, 2019 vor seinem Krankenhausaufenthalt aufgenommenen Aeronauten-Stücken und von seiner Band zu Ende gedachten Skizzen, Textfetzen und Einzelspuren. Wenn am Anfang des Albums Guzs kratziger Bariton von „diesem anstrengenden Leben“ singt, dann kommt das purer Magie recht nah. „Wenn Du fragst, ob ich Dich liebe, dann sage ich ‚ja klar!‘“, heißt es da. „Es ist gar nicht so schwierig, denn eigentlich stimmt‘s ja…“ Verdammt schwer, dabei nicht rührselig zu werden.

Insgesamt lässt sich feststellen: Für solch einen posthumen Schwanengesang ist „Neun Extraleben“ auf Albumlänge erstaunlich und angenehm unsentimental. Die „ewig unterschätzten Ehrenmitglieder der Hamburger Schule“, die jedoch nie so richtig über’s sympathische Außenseitertum hinaus gekommen sind, zeigen sich gewohnt schrammelig und gut gelaunt, wie in der fröhlich nach vorn ska-punkenden Single „Irgendwann wird alles gut“, im angriffslustigen Garagenrock von „Du kotzt mich an jetzt“ oder im Titelstück, das schwebt, kratzt und beißt, während die Band fast wie Broken Social Scene tönt. Einzig das getragene Instrumental „Lamento“ trägt die Melancholie hinein – das jedoch mehr im Stil eines New-Orleans-Jazz-Begräbnisses (was wohl ganz in Guz‘ Sinne gewesen wäre). Wahrlich – das ist kein zarter Nachruf, das ist eine letzte Party! Die aber nicht den Ernst der Lage im Hedonismus ertränkt, sondern ein letztes Mal zeigt, was Guz und Die Aeronauten am besten können. Die Stücke sprühen vor Energie, Lebensfreude, Lakonie und Weisheit („Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren / Doch irgendwann wird alles gut“) und gehören zu den besten ihrer fast dreißig Jahre währenden Karriere. In ihnen scheint aber auch durch, welche Kraft es Maurmann gekostet haben muss, weiter zu machen. „Hatemails“ etwa pumpt wie Northern Soul, sorgt jedoch mit Zeilen wie „Eines Tages werde ich aufstehen und nicht mehr so müde sein / Eines Tages werde ich nicht mehr alleine sein / Mir geht’s gut / Mir geht’s gut / Ich will nicht groß drüber reden“ für einen dicken, dicken Kloß im Hals. Mit „Never Be Dead“ beschließt eine letzte Punkrock-Proberaumaufnahme das finale Album von Die Aeronauten – doch in der Tat hat sich Maurmann mit Songs wie „Bettina“ oder „Freundin“ längst unsterblich gemacht. Er wird fehlen, genau wie diese Band.

„Ich war der witzigste Typ dem du je begegnet bist 
Deshalb verliebtest du dich dann in mich
Die ganze Pizzeria sah uns zu und lachte
Als ich auf den Knien balancierte und dir den Antrag machte
Und ich erinnere mich wie ich damals dachte
wie ich damals dachte

Irgendwann wird alles gut
Irgendwann wird alles gut
Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren
Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren
Doch irgendwann wird alles gut

Jetzt sitzt du neben mir und gewöhnst dich dran
In mir einen Trottel zu sehen der nichts hinkriegen kann
Vielleicht hast du ja Recht doch es ist nicht so schlimm
Die Geräusch des Sommers flirren im Abendwind
Und irgendwo probt eine Punkband
Und mir kommt in den Sinn
Und mir kommt in den Sinn

Irgendwann wird alles gut
Irgendwann wird alles gut
Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren
Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren
Doch irgendwann wird alles gut  

Irgendwann wird alles gut
Irgendwann wird alles gut
Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren
Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren
Doch irgendwann wird alles gut“

Rock and Roll.

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