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Song des Tages: Charles Bradley – „Lonely As You Are“


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Foto: Facebook / Isaac Sterling (Live at the Apollo)

Im September 2017 verstarb Charles Bradley. Mit ihm verstummte nicht nur eine der größten, viel zu spät entdeckten Stimmen des Soul’n’Funk, sondern auch einer der wohl warmherzigsten Menschen des Musikgeschäfts. (Und nun lasse ich die Superlative und verweise einmal mehr auf die großartige Dokumentation „Charles Bradley: Soul Of America“, welche auf ANEWFRIEND bereits hier vorgestellt und wasweißichwieoft angepriesen wurde – wer mag, findet sie etwa hier in Gänze auf YouTube).

Als Bradleys im Herbst 2016 diagnostizierte Magenkrebserkrankung, die ihn zwang, seine anstehende US-Tournee zu seinem dritten Album „Changes“ abzusagen, bereits fortgeschritten war, raffte sich der Soulmusiker by heart trotz schwacher Gesundheit noch einmal auf, um in einem Studio im heimischen Queens, New York gemeinsam mit Produzent James Levy, Multi-Instrumentalist Paul Defiglia sowie Seth Avett und Mike Marsh (Avett Brothers) an Akustikgitarre und Schlagzeug einige Songs aufzunehmen – seine wohl letzten…

Heraus kamen „Lonely As You Are“ und „Lucifer“. Ersterer, welcher nun als Single veröffentlicht wurde, ist eine schlichtweg herzzerreißende Ballade, die noch einmal alle Stärken Charley Bradleys offen demonstriert: seine zwar merklich angegriffene, jedoch noch immer markerschütternde Powerhouse-Stimme, sein Gefühl für den Soul, dazu der typische, am Country kitzelnde Soul-Groove. “No one can chain me, if it call for me to die,” ruft Bradley aus. “I’m so lonely, lonely as hell.” Der Song schließt mit einer ergreifenden Botschaft des erst vom Schicksal gebeutelten, dann belohnten, doch zeitlebens positiven US-Musikers an seine Mutter, Großmutter und andere Nahestehende: “One day, when God says well done, please be at the gate, waiting for me.”

“Charles knew ‘Lonely as You Are’ could comfort people and help them find a way to deal with their own loneliness,” so Bradley’s ehemaliger Co-Manager, Morton Lorge. “He was always looking for ways to make people feel better, even when he was confronting his own pain and suffering. He asked that ‘Lonely’ be played at his funeral; he wanted to share it with the world.”

Gut vier Minuten, die einem, ebenso wie Teile seines vierten, im vergangenen Jahr postum erschienenen Albums „Black Velvet„, wieder einmal vor allem eines ins Gedächtnis rufen: einen wie Charles Bradley, den „Screaming Eagle of Soul“, wird es nie wieder geben. Ein Unikum. Ein Großer. Er wird vermisst.

 

 

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Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Rag’n’Bone Man


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Mal ein kleines Experiment: Schaut euch den Herrn auf dem Bild an. Welchem musikalischen Genre würdet ihr ihn ganz spontan und per erstem optischen Eindruck zuordnen? HipHop vielleicht? Elektronische Gefilde gar? Bildet euch eure eigene Meinung… Und dann schaut euch das Musikvideo zur aktuellen Single „Human“ an (welches ihr auch weiter unten findet) – und seid wohlmöglich ebenso überrascht wie ich…

 

Ganz klar: Das Optische mag bei Rory Graham aka Rag‘n’Bone Man trügen. Die Stimme keinesfalls. Denn mit seinem herrlich rauen Gesangsorgan und einem umwerfenden Gespür für den richtigen Groove changiert der aus dem englischen Brighton stammende Newcomer scheinbar mühelos zwischen Blues, Soul, HipHop oder Funk hin und her.

Überhaupt: das Phänomen Blues. Entstanden in der afroamerikanischen Gesellschaft der USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts und in den folgenden Jahrzehnten von jeder Musikergeneration immer wieder neu interpretiert, verändert, wiederbelegt, modernisiert, aufgehübscht, recycled und wieder auf seine wesentlichen Bestandteile reduziert (u.a. wären da Gun Club, die White Stripes, die Black Keys, Kanye West oder Kendrick Lamar zu nennen), ist die amerikanische Ur-Musik, aus der einst Soul, Jazz, Rock’n’Roll, Jazz oder HipHop erwuchsen und immer mehr mit dem popkulturellen Massengeschmack verschmolzen, auch 2016 lebendig wie eh und je. Immer wieder widmen sich junge Musiker auf der ganzen Welt der Aufgabe, das musikalische Erbe der Muddy Waters, John Lee Hookers, Bo Diddelys, Howlin‘ Wolfs, Son House oder Big Bill Broonzys in der Gegenwart fortzuführen und dem Genre neue Wege in die Zukunft weisen. Einer der großen Hoffnungsträger und Erneuerer diesseits des Atlantiks trägt – ganz stilecht bluesig – den Namen Rag’n’Bone Man (deutsch: Lumpensammler).

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Zu seinem Künstlernamen ließ sich Graham von der britischen TV-Serie „Steptoe & Son“ inspirieren, welche in Großbritannien in den Sechzigern und Siebzigern gezeigt wurde. An diese Zeit erinnern auch seine vielen Tätowierungen, die man auch im bereits erwähnten Musikvideo zu „Human“ bestauen kann (auf den Knöcheln seiner Hände sind übrigens die Worte „Soul“ und „Funk“ unter die Haut gebracht). Der Song, welcher mit einem schleppenden Beat und Südstaaten-Blues-Samples startet, ist der erste Vorgeschmack aus dem Major-Debütalbum, das in Kürze erscheint (mit „Wolves“ erschien 2014 bereits sein Indie-Einstand, welchem 2015 die „Disfigured EP“ folgte). Dass der Mann Einiges an in die Wiege gelegtem Talent (die Mutter ist selbst Sängerin, der Vater Gitarrist), Charisma und Live-Präsenz mitbringt, welche sich kaum auf ein Genre beschränken mag, war ebenso beim Hamburger „Reeperbahn Festival“ im vergangenen Jahr zu sehen wie im kürzlich stattgefundenen „Montreux Jazz Festival„.

Ganz klar: Menschlichkeit hat viele Gesichter. Das von Rory „Rag’n’Bone Man“ Graham lehrt uns, einen Menschen nicht gleich auf dem ersten Eindruck fest und ad acta zu legen, während seine Stimme hoffentlich dafür sorgen wird, dass man ihn so schnell nicht wieder vergisst.

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Hier gibt’s das Musikvideo zur aktuellen Single „Human“…

 

…zum ebenfalls tollen Song „Bitter End“…

(alternativ hier ein Vimeo-Link)

 

…sowie selbiges Stück noch einmal in einer Live-Session-Varinate, mitgeschnitten während dem letztjährigen „Reeperbahn Festival“:

 

Rock and Roll.

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Die Woche in Bild und Ton…


Damit ihr nicht vollkommen den Überblick über alle hörens- und sehenswerten Neuerscheinungen der letzten Woche(n) verliert, hat ANEWFRIEND hier wieder einige der Video- und Songneuerscheinungen der letzten Tage für euch aufgelesen…

 

There Will Be Fireworks – River & In Excelsis Deo (live at Old Mill Studios)

TWBF Old Mill Studios

Da hat die schottische Band um Frontmann und Sänger Nicky McManus kurz vor Ende des vergangenen Musikjahres mit „The Dark, Dark Bright“ in der Tat ein Zweitwerk nach Maß in die Regale gestellt, mit dem wohl nur jene rechnen durften, die schon das 2009 erschienene und bis heute – völlig zu unrecht – sträflichst missachtete selbstbetitelte Debüt nicht mehr aus ihren Ohren und Playlists bekamen. Alle anderen – Medienschaffende wie Otto-Normal-Hörer mit Hang für gitarrenrockistisches Pathos – reagierten freilich euphorisch bis positiv erstaunt auf die zwölf neuen Stücke des schottischen Fünfers, und auch in 2014 dürften There Will Be Fireworks (allein der Name ist noch immer Weltklasse, oder?) noch so einige neue Fans mehr einsammeln, was wohl – hoffentlich, denn Tourneeankündigungen gestalten sich, solang‘ die Musik nur ein schönes Hobby bleibt, natürlich schwierig  – auch an ihren intensiven Livevorträgen liegt. Überzeugen davon könnt ihr euch nichtsdestotrotz anhand des neuen Songs „River“ sowie der TWBF-Version des Weihnachtsstücks „In Excelsis Deo“, welche die Band kürzlich in den heimatlichen Old Mil Studios in Strathaven, einer kleinen Stadt südlich von Glasgow, einspielte…

 

 

 

Charles Bradley – Changes 

Charles Bradey

Erinnert ihr sch noch an die beiden ganz hervorragenden abendfüllenden Musikdokumentationen „Searching For Sugar Man“ und „A Band Called DEATH„, die ANEWFRIEND euch im vergangenen Jahr vorgestellt hat? In die gleiche Kerbe schlägt auch der 2012 erschienene Dokufilm „Charles Bradley – Soul Of America„, die den heute 65-jährigen Afroamerikaner Charles Bradley beim Erleben seines größten Traums begleitet: einem eigenen Album. Davor lebte der Mann jahrelang auf der Straße oder schlug sich, mehr schlecht als recht, mit Gelegenheitsjobs am unteren Ende des Existenzminimums durch. Erst während einem seiner raren Auftritte als James Brown-Imitator wurde Gabriel Roth, einer der Köpfe des funk- und soullastigen Daptone Records-Labels, auf ihn aufmerksam und stattete Bradley mit einem Plattenvertrag aus. Klar: wer nun Songs wie die kürzlich veröffentlichte Coverversion des Black Sabbath-Klassikers „Changes“ hört, der fragt sich wohl völlig zu recht, wieso die Musikwelt eine Stimme wie die von Bradley so lange außer Acht lassen konnte. Aber das sind sie nun einmal, die Geschichten, die das Leben so schreibt…

 

 

 

José González – Stay Alive

Stay Alive

Natürlich lässt es sich jedes Mal aufs Neue vorzüglich über Ben Stiller und sein schauspielerisches Können streiten. Auch sein neuster Film „The Secret Life Of Walter Mitty„, das als Neuverfilmung einer Verfilmung (von 1947) einer Kurzgeschichte (von 1939) vom Seelenleben und des Existenzängsten eines Fotoarchivars erzählt, dürfte wohl daran nichts ändern. Ganz anders verhält es sich dafür mit dem dazugehörigen Soundtrack, der neben dem ein oder anderen größeren Namen (David Bowie, Jack Johnson) vor allem Songs mit Songs von José González, dem schwedischen Musiker mit dem spanischen Namen und der so besonderen Stimme, sowie seiner Zweitband Junip aufwartet. Für das Musikvideo zum neuen Stück „Stay Alive“, das aus der Feder von keinem Geringeren als Ryan Adams stammt, schlüpft González selbst in die Haut der Ben Stiller-Figur Walter Mitty. Und für den Soundtrack wagte sich der Musiker sogar an die Neuinterpretation des John Lennon-Klassikers „#9 Dream“…

 

 

 

Slut – Séance Session (No. 20)

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Das bajuwarische Indierock-Quintett von Slut hat mit „Alienation“ zweifellos eines der ebenso gelungensten wie fordernsten und klügsten deutschen Alben des vergangenen Musikjahres veröffentlicht. Ihre Live-Premiere feierte ein Großteil der neuen Stücke dabei jedoch nicht etwa in der bayrischen Landeshauptstadt, sondern im cosmopolitsch großen Berlin im Rahmen der „Séance“-Sessions-Konzertreihe, in deren Rahmen auch schon Bands wie Listener oder Dark Dark Dark vor Kameras und Publikum auftraten. Den gut einstündigen Auftritt von Slut gibt es nun zum Lümmeln und Rocken auf der heimischen Couch…

 

 

 

Elle Aura – Flashes Of A Pretty Face

ElleAura

„Elle Aura is from Potsdam/Germany and lives everywhere. She writes songs, plays guitar and sings. She grew up with Indie, dances to Hip Hop, likes Pop, has a weak spot for Country, and two big brothers who can do everything. She likes to make people do stuff at her concerts like buy each other drinks and dance together. In 2013 she released her first solo-album ‚Flashes Of A Pretty Face‘.“ – soweit die Selbstauskunft der deutschen Singer/Songwriterin (oder müsste es in diesem Fall „Liedermacherin“ heißen?) Elle Aura (aka. Laura), die – sie erwähnte es ja bereits – im vergangenen Dezember ihr Debütalbum „Flashes Of A Pretty Face“ ins digitale Rund geworfen hat. Die 14 darauf enthaltenen Songs der Weltenbummlerin, die auch schon einige Zeit in Ghana oder Polen verbracht hat, klingen dem Erscheinungsmonat entsprechend mal fein melancholisch, mal dezent ausgelassen und poppig – es dürfte also für jeden etwas dabei sein. Und da es das Album auf Elle Auras Bandcamp-Seite derzeit sowohl komplett im Stream als auch zum Download nach der „Pay what you want“-Variante gibt (auch wenn die Musikerin allen potentiellen Geizhälsen mit dieser Rechnung ihren Teil der Kosten aufzeigt), sollte man der Dame mit eigenem Youtube-Kanal doch wenigstens das ein oder andere Ohr leihen…

 

 

Keaton Henson – Birthdays: A Fragment (Noisetrade EP)

K. Henson

A propos „Pay what you want“: Keaton Henson, seit einigen Jahren wohl einer der faszinierendsten Trauerbarden und Leisetreter des Musikgeschäfts, bietet derzeit via Noisetrade mit „Birthdays: A Fragment“ fünf Songs seines im vergangenen Jahr veröffentlichten zweiten Albums „Birthdays“ zum kostenlosen Download an – für all jene, denen das komplette Album vor einigen Monaten durch die akustischen Lappen gegangen sein sollte…

Auf dieser EP befindet sich auch der Song „You“, der ebenso im audiovisuellen Original…

 

…als auch in der Sprechgesangsvariante, bei welcher der Schauspieler Derek Jacobi zu den Zeilen des Henson-Songs eine lebensweise Bilanz zieht, noch immer mächtig Eindruck hinterlässt:

 

 

Mikky Ekko – Song To The Siren

Mikky Ekko

„Song For The Siren“ ist selbst im nicht eben an anspruchsvollen Kompositionen armen Backkatalog des 1975 bereits im Alter von 28 Jahren so jung verstorbenen Singer/Songwriters Tim Buckley – richtig, der Vater des ebenfalls legendenumrankten Jeff Buckley – ein Song, an den man sich nicht ohne Weiteres und den passenden Voraussetzungen herantrauen sollte. John Frusciante etwa nahm sich das Stück 2009 für dein letztes gelungenes Album „The Empyrean“ vor und vereinnahmte es zwar für sich, blieb jedoch auch nah an der Schwanengesangshaftigkeit des von 1967 stammenden Originals.

In einen ähnliche Kerbe schlägt nun auch der 29-jährige Musiker und Produzent Mikky Ekko (aka. John Stephen Sudduth) aus Louisiana, der den Buckley-Song ihm Rahmen der „Yours Truly Sessions“ für die im US-amerikanischen San Francisco beheimatete Musikwebsite gleichen Namens neu interpretierte. Wie es „Indie Shuffle“ so treffend umschrieb: „Naked, exposed, and pure, this live cover of Tim Buckley’s ‚Song To The Siren‘ by Mikky Ekko is a real ’stop, stand still, and pay attention‘ kind of track.“ Ganz genau.

 

 

Rock and Roll.

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Flimmerstunde – Teil 25


„A Band Called DEATH“ (2012)

A BAND CALLED DEATH (Plakat)Detroit, Anfang der Siebziger. Die US-amerikanische Stadt direkt an der kanadischen Grenze boomt. „Motor City“ sorgt in den Fabriken des als „Big Three“ bekannten US-Autobauerdreigestirns aus General Motors, Ford und Chrysler (noch) für massig Arbeitsplätze (wobei sich der Abstieg alsbald erahnen ließ), und auch der nationale wie internationale Musikmarkt wird durch freshe neue Klänge direkt aus den Hitfabriken von „The D“ aufgemischt: „Motown„, diese zeitlos großen Soulpopwunderwerke von Diana Ross, Marvin Gaye, Stevie Wonder bis hin zu den Jackson 5, und die aufkeimenden, zeitgemäßen Dikokugeltanzflächenschubser sind die Musiktrends der Stunde. Und auch David, Bobby und Dannis Hackney, drei halberwachsene Teenager aus gutgläubigem, einfachem, aber rechtschaffenem Pastorenhause, wollen eine Band gründen. Und nur vom Äußeren her wäre die Sache eigentlich klar: schwarze Hautfarbe, Schlaghosen, amtliche Afros. Was soll’s sein? Soul? Funk? Disco? Tja: eigentlich! Denn die drei Brüder hegen gänzlich andere musikalische Vorlieben, seit sie in den Sechzigern den Auftritt einer weltberühmten Pilzkopf-Kombo in der Ed Sullivan Show sahen. Laut und aufrüttelnd wie Alice Cooper sollte ihr Bandsound sein, melodiös wie der der Beatles, energetisch wie die Bühnenpräsenz von The Who. Und auch die Rollen sind schnell verteilt: David übernimmt die Gitarre und prügelt sich wie ein Berserker in jeder freien Minute Riffs und Techniken von Jimi Hendrix, Queen oder MC5 in die geschundenen Finger, Bobby übernimmt den Bass und Gesang, während sich Dannis hinters Schlagzeug setzt. Zudem haben die Geschwister das Glück, aus einem eh schon musikalisch offenen Elternhaus zu stammen, und von ihren Eltern dazu noch jegliche Unterstützung zu erfahren (die Instrumente bekommen sie etwa von der Musiker „gesponsert“, nachdem diese nach einem Unfall einen verhältnismäßig größeren Geldbetrag von der Versicherung erhielt). Dazu liefert der feingeistige David noch ein Bandkonzept, inklusive Haltung, Design und einem so verqueren wie stigmatisierendem Bandnamen: DEATH (mit Dreieck anstelle des „A’s“!). Also, noch einmal: drei schwarze Afro-Teenager aus Detroit, denen zu Zeiten von „Motown“ der Sinn nach schneller, lauter Gitarrenmusik steht? No way, José… Das denken sich zumindest alle Plattenfirmen, bei denen DEATH mit ihrer ersten, 1975 aufgenommenen Seven Inch-Single „Politicians In My Eyes“ alsbald hausieren gehen. Keiner will sich mit dieser höchst ungewöhnlichen, auch textlich grüblerischen Band die Finger am florierenden Musikmarkt verbrennen. Und als Columbia Records, das wenigstens die Aufnahmesessions zum potentiellen Debütalbum finanziert, dem Trio nahelegt, den Bandnamen in etwas „Positiveres“ zu ändern, schiebt Bandkopf David Hackney dem Ganzen einen Vetoriegel vor. Enttäuscht, und ohne einen Plattenvertrag in der Tasche, werfen DEATH zwei Jahre später das Handtuch. Die Masterbänder des Debüts wandern auf den Dachboden, die drei ziehen nach Burlington, Vermont, gründen Familien, nehmen erst gemeinsam als „The 4th Movement“ zwei Gospelrockalben auf, bevor es David nach Detroit zurück zieht und Bobby und Dannis, die verbliebenen zwei Hackneys, sich mit konventionellen Tagesjobs und als Köpfe der Reggaeband „Lambsbread“ über Wasser halten…

A band called DEATH

Und keiner hätte wohl je von DEATH erfahren, wäre da nicht die einzige, in geringer Stückzahl erschienene Single der Band gewesen. Diese fällt fort einigen Jahren einem findigen, musikbegeisterten Plattensammler in die Hände, der darüber im Internet schreibt und „Politicians In My Eyes“ sowie dessen B-Seite „Keep On Knocking“ als mp3’s bereitstellt. Flux verbreiten sich die Stücke per Foren und Tastatur-zu-Tastatur-Propaganda im weltweiten Netz, mehr und mehr Leute interessieren sich für die Hintergründe und die wenigen Originale der Seven Inch gehen für hohe Summen bei Ebay über den digitalen Ladentisch. 2009 erscheint schließlich das Debütalbum „…For The Whole World To See“ beim US-amerikanischen Indielabel Drag City, während DEATH wenig später auf umjubelte Tournee gehen.

A Band Called DEATH (Documentary)

A Band Called DEATH“ erzählt in 98 äußerst kurzweiligen Minuten die Geschichte einer Band, die von Vornherein erst einmal zu unglaublich klingt, um wahr zu sein. Dabei steht die Dokumentation von Mark Christopher Covino und Jeff Howlett ganz in der Tradition der ähnlich gelagerten musikalischen Zelluloiderzählungen „Anvil – Die Geschichte einer Freundschaft“ oder „Searching For Sugar Man„. Auch die Geschichte der Afroprotopunks von DEATH ist ein Rührstück, das von viel Liebe, Haltung und Hingabe erzählt, und dabei (beinahe) gänzlich ohne Sentimentalitäten auskommt. Und: „A Band Called DEATH“ ist vor allem der Tribut von Bobby und Dannis an David, der 2000 an Lungenkrebs verstarb und so den späten Ruhm seiner Herzensband nie mitbekam. Dabei war er es, der seinen Brüdern noch kurz vor seinem Tod die Masterbänder des Debütalbums in der festen Überzeugung in die Hände drückte, dass „irgendwann“ die Zeit reif sei für diese Art von Musik – wie recht er hatte… DEATH waren Punk, bevor dieser mit Bands wie den Ramones oder Sex Pistols salonfähig wurde. DEATH waren ihrer Zeit weit voraus – leider im absolut brutalsten Wortsinn… Heute zählen die altersweisen Rastafari-Protopunks Größen wie Jack White (The White Stripes), Henry Rollins, Kid Rock, Questlove (The Roots) oder Elijah „Frodo“ Wood zu ihren Bewunderern. Und die standen angesichts der Sounds, die DEATH bereits Mitte der Siebziger aufnahmen, ebenso verständnislos kopfschüttelnd da wie manch anderer. DEATH, die mittlerweile stolz das Zepter an Bobby Hackneys ebenfalls punklastig musizierende Söhne Julian, Urian und Bobby Jr. (aka. Rough Francis) weitergegeben haben, beweisen mit ihrer Geschichte: Alles hat und findet seine Zeit… Keep on knockin‘, keep on knockin‘ on the door.
DEATH (Logo)

 

 

Hier gibt’s den Trailer…

 

…eine kurze Filmvorstellung…

 

…und die beiden ersten, mehr als dreißig (!) Jahre alten Singles der Band, „Keep On Knocking“…

 

und „Politicians In My Eyes“, in Liveversionen:

 

Und jetzt: Kinnlade hoch, anschauen!

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Jessie Ware


Jessie WareIm Pop ist längst nichts mehr neu, alles scheint bereits da gewesen zu sein. Jeder Gitarrenakkord folgte in der Vergangenheit schon einem anderen, Schlagzeugrhythmen ähneln sich frappierend, Pianoklänge und Gesangsharmonien evozieren Erinnerungen an irgendwann einmal gehörte Stücke. Ja, selbst Geigenbögen wurden schon zum Malträtieren von Gitarrensaiten „missbraucht“!

Da ist es nur all zu verständlich, dass eine „Retro-Welle“ die nächste jagt. Dass talentierte junge Musiker sich auf Kollegen berufen, deren Blütezeit nicht selten weit, weit vor der eigenen Geburt liegt. Klar, Künstler wie die Beatles, die Rolling Stones, die Beach Boys, Bob Dylan oder Springsteen tauchen, zumindest was den gitarrenorientierten Rock-Bereich betrifft, immer wieder in den Vita unter dem Punkt „größte Inspirationsquelle“ auf. Jessie Ware, eines der aktuell gepriesensten Talente des britischen Feuilletons, zählt eher Whitney Houston, Chaka Khan, Sade oder Annie Lennox zu ihren Vorbildern und gibt an, in ihrem tendenziell zur englischen Mittelklasse gehörenden Elternhaus – der Vater ist BBC-Reporter, die Mutter Sozialarbeiterin – bereits frühzeitig mit Dusty Springfield, Stevie Wonder oder Jazz-Standards wie George Gershwin und Cole Porter beschallt worden zu sein. Dass so etwas unweigerlich prägt, steht außer Frage. Glücklicherweise bringt die 28-Jährige ausreichend Talent mit auf den Weg, um in naher Zukunft eventuell selbst als Inspirationsquelle in den Facebook-Profilen junger Mädchen aufzutauchen…

Doch der Erfolg der aus dem Süden von London stammenden Britin ist – abgesehen von ihrem durchaus angenehmen Äußeren – auch das Ergebnis einiger fruchtbarer musikalischer Zusammenarbeiten: 2010 bekommt Ware einen Anruf von Jack Peñate, seines Zeichens ebenfalls Südlondoner und mit ihr schon seit der gemeinsamen Schulzeit befreundet (was übrigens auch für eine gewisse Florence Welch von Florence and the Machine gilt), der sie gern als Backgroundsängerin für seine anstehenden Studiosessions und Tourneen engagieren möchte. Natürlich sagt Jessie Ware, die nach der Schule erst einmal – den Eltern zuliebe? – brav englische Literatur an der Sussex Univerity studierte, um Journalistin zu werden, zu und ergattert im darauf folgenden Jahr bereits den nächsten wegweisenden Nachbarschaftskontakt: sie arbeitet mit dem Dubstep-Produzenten SBTRKT zusammen und verfeinert auf dessen 2011 erscheinendem selbstbetiteltem Debütalbum zwei Tracks mit ihrer Stimme. Von da an hatte sie wohl ausreichend Selbstvertrauen im eigenen Leib – und nützliche Kontakte im Smartphone -, um karrieretechnisch auf eigenen Beinen zu stehen…

Jessie Ware

Nach einigen Vorab-Singles erschien Wares Debütalbum „Devotion“ im August 2012 und ist, insofern man um die eben genannten biografischen Eckdaten und Einflüsse weiß, ein mehr als logisches musikalisches Amalgam. Munter und geschmackssicher bedient sie sich im Soul, R’n’B und Funk, lässt aber auch Hip Hop-Roots (der Song „110%“ etwa enthält eine Hommage an den 2000 verstorbenen Rapper Big Pun) und den für den UK-Clubsound unverzichtbaren Dubstep mit einfliessen und schafft einen gelungen tanzbaren Spagat zwischen Achtziger-Jahre-Guilty-Pleasures und Radiotauglichkeit – mit gefühlt langer Halbwertzeit und dem gesunden Selbstbewusstsein einer Diva.

Ihre kraftvolle, tatsächlich nicht selten an Sade erinnernde Stimme, ihr Talent und ihr musikalisches Gespür brachten ihr bereits Nominierungen für den prestigeträchtigen Mercury Prize sowie in zwei Brit Award-Kategorien (beste brit. Künstlerin, bester brit. Newcomer) ein, ihr Album kletterte bis auf Platz 5 der UK-Charts. Ob es Jessie Ware trotz allem gelingen wird, außerhalb der britischen Inseln erfolgreich und dauerhaft Fuss zu fassen, bleibt abzuwarten, denn auch ähnlich zu Werke gehenden jungen Künstlern wie Michael Kiwanuka oder Lianne La Havas versprach die britische (Musik)Presse eine rosige internationale Zukunft – und sie befinden sich noch immer im Wartestand. Andererseits: aus einem ehemals unscheinbaren südenglischen Entlein namens Adele ist auch eine konsensfähige „Cash Cow“ für Jedermann – und nun sogar eine Oscar-Anwärterin – geworden…
(By the way, für die eigene Innovations-To-Do-Liste: mit dem Geigenbogen scratchen lernen!)

 

Hier die Videos zu den Songs „Running“…

 

…zum sommerlich leichten „110%“…

 

…zu „Night Light“…

 

…zu „Wildest Moments“…

 

…und „Devotion“ – in dieser „Rehearsal Rooms Session“-Version mein persönlicher Favorit:

 

Rock and Roll.

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