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Sunday Listen: VAR – „The Never-Ending Year“


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VAR (nicht zu verwechseln mit einer dänischen, fast identisch lautenden Punk-Band) begann 2013 als Soloprojekt von Júlíus Óttar Björgvinsson (Gesang, Gitarre, Klavier), doch bald darauf erkannte der Isländer, dass seine Vision für VAR als vielschichtige Post-Rock-Band ohne zusätzliche Bandmitglieder nicht vollständig verwirklicht werden konnte – und fragte sich deshalb in seinem Bekanntenkreis herum. Bald schlossen sich seine Frau Myrra Rós (Synthesizer, Gesang) und sein Bruder Egill Björgvinsson (Bass) gemeinsam mit den Freunden Arnór Jónasson (Gitarre) und Andri Freyr Þorgeirsson (Schlagzeug) Júlíus Óttars Idee an. In dieser Besetzung schrieben und nahmen VAR die 2017 erschienene EP „Vetur“ auf und traten mehrere Jahre lang – und das vor allem im heimischen Reykjavík (außerhalb der 130.000-Einwohner-Stadt gibt’s ja auf Island auch kaum Möglichkeiten) – auf, um sich alsbald eine zwar kleine, aber dennoch recht treue Fangemeinde zu erspielen. Aufgrund Zeitmangels und konkurrierenden Verantwortlichkeiten sagte Myrra Rós der Band jedoch bald Sjáumst! und auch Schlagzeuger Andri Freyr wurde von Sigurður Ingi Einarsson ersetzt, um die aktuelle (und wesentlich konzentriertere) Besetzung der Band zu festigen. Eventuell war es ja ebenjener neue Funke des Übergangs, der als Katalysator für die Neujustierung des „VAR-Sounds“ diente – und schlussendlich „The Never-Ending Year“ zum Leben erweckte…

VAR-The-Never-Ending-YearVon der Sekunde an, in der sich das Debütalbum der vierköpfigen Newcomer-Band öffnet, stürmt „Moments“ ohne Umschweife durch die tönende Tür – und bestenfalls mitten ins Hörerherz. Denn wenn man VAR eines schnell zugute halten kann, dann ist das dieser unmittelbare Überschwang an Emotionen. Jedes Element – seien es elegant perlende Piano-Noten oder Gitarren-Riffs post-rockiger Güte – bildet seinen Teil im VAR’schen Soundbild, das sich mal stante pede, mal langsam aufbaut, jedoch beinahe immer den Gesang von Júlíus Óttar Björgvinsson in den Mittelpunkt stellt. Und hier kommt wohl unweigerlich Islands musikalisches Band-Heiligtum Sigur Rós ins Spiel, denn ähnlich wie bei deren Frontmann Jón Þór „Jónsi“ Birgisson besitzt auch Björgvinssons Stimme eine Weichheit, die wahlweise über jegliche Klangkulissen hinweg fegt oder in Zen-artiger Weise tief in sich zu ruhen scheint. Dieses Ausgewogen-Ruhige bleibt auch in den in bester Alternative-Rock-Manier weiter vorwärts preschenderen Songs wie „Run“ und „Where To Find You“ erhalten, ist jedoch ein hervorragendes Beispiel dafür, dass eine Stimme nicht zwangsläufig auf theatralisch-überzogene Effekthascherei setzen muss, um gehört zu werden.

„Man könnte sagen, dass ‚Run“ eine Rückkehr zu unseren Wurzeln ist. Wir haben es geschrieben, als wir gerade wieder angefangen hatten in der Garage meines Vaters zu proben, so wie ich und Egill es getan haben, als wir jung waren. Dies hatte wohl einen gewissen Einfluss auf unser Songwriting. Wir spielten schneller und lauter. Wir waren uns nicht sicher, wie es zu anderen Songs auf dem Album passen würde, da wir der Meinung waren, dass es eine andere Stimmung hatte, mehr Pop als die anderen Songs, aber unser Produzent Eiður sagte, wir sollten den Track auf jeden Fall behalten. In dem Song geht es darum, für deine Freunde da zu sein. In schwierigen Zeiten bei ihnen zu bleiben, diesen Weg für sie zu gehen, zu rennen, wenn sie rennen.“ (Júlíus Óttar Björgvinsson)

Selbiges gilt für die musikalischen Elemente von „The Never-Ending Year“. „Drowning“ etwa ist ein fast schon atemberaubendes Musikstück, das zwar lediglich wenig mehr als zwei Minuten kurz sein und auf eine einfache Klaviermelodie und subtile Klänge im Hintergrund aufbauen mag, dabei jedoch eine Klanglandschaft erschafft, die seinem Titel alle Ehre macht. Es benötigt merklich wenig Dramatisierung, um etwas zu vermitteln, und beweist dabei, dass weniger manchmal tatsächlich mehr sein kann.

Das soll jedoch keineswegs heißen, dass VAR beim Werkeln an ihrem Klang durchgängig einfache Ansätze gewählt haben, denn jeder Song scheint sorgfältig durchdacht, und lässt seine recht eigene Komplexität in vielen Fällen erst beim zweiten, dritten oder vierten Durchgang durchblitzen. „By The Ocean“ etwa setzt auf repetitive Überlagerungen, aber dadurch, dass jedes seiner Teile behutsam hinzugefügt wird, zeigt sich, dass auch durch die Verwendung dieser Technik etwas Experimentelles und wiederum Komplexes herauskommen kann. Und tatsächlich ist die Art und Weise, wie VAR alles einem Puzzle gleich zusammenzufügen, wirklich faszinierend.

Eines der wichtigsten Dinge, welches man bei „The Never-Ending Year“ nie aus den Augen (und den Ohren) verlieren sollte, ist, dass es ein überaus emotionales, ja geradezu emotionalisierendes Album ist – eines, das man sich anhört, wenn man „in der richtigen Stimmung“ dafür ist. Dadurch, dass nahezu jeder Song in den nächsten übergeht, bewegt sich der geneigte Hörer schnell auf einer gut halbstündigen Straße ohne Auswege, man ist von Null auf mittendrin, und ganz gleich, wie tief man sich fallen lassen mag, man will so schnell keine Ausfahrt mehr nehmen. Dabei zeigt sich „Highlands“ – neben dem Closer „Still I Miss You“ – kurz vor Schluss definitiv als eines der kraftvollsten, mächtigsten Highlights des Albums, wenn es darum geht, jenes Gefühl hervorzurufen – die Art und Weise, wie ersteres wie Rauch in einer Bergbrise in das letztere hinein schwebt, lässt auch wahrlich wenig Raum für Kritik auf höchstem Niveau.

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Und wie es für so viele isländische Bands typisch ist, ist „The Never-Ending Year“ ein Werk voller Kontraste. Es gibt sanfte und schwere, langsame und schnellere, simple und komplexe Momente – aber vor allem: helle und dunkle. Die erwähnten Emotionen mögen manchmal herzzerreißend erscheinen, andererseits gibt es Augenblicke, in denen sich alles so leicht, so nach Frieden und Hoffnung anfühlt. Ohne die VAR’sche Kunst nach diesem durchweg gelungenen Debüt vorschnell überhöhen zu wollen, darf man neidlos feststellen, dass Júlíus Óttar Björgvinsson und Co. mit „The Never-Ending Year“ ein Album gelungen ist, dass sich seinen juvenilen Eifer bei We Were Promised Jetpacks ausleiht und seine Herz gewordene Indie-Rock-Intelligenz bei den großen Frightened Rabbit. Eines, dessen Wirkung in seinen magischsten Momenten übers Musikalische hinaus gehen mag (gleiches kann man ja auch oft genug von Sigur Rós behaupten). Es ist ein Kunstwerk, das auf vielerlei Hinsicht interpretiert werden kann – und das ist schließlich das wirklich Schöne am Shoegaze- und Post-Rock-Genre.

Island schickt seit Björk oder Sigur Rós, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass wir es hier mit einer recht winzigen Insel, auf der gerade einmal 3,5 Einwohner pro km² wohnen, zu tun haben, eine (gefühlt) große Menge an Talenten in die Musikwelt hinaus. Es spielt kaum eine Rolle, in welchem Genre diese Künstler gerade ihre kreativen Tänze aufführen (Sigur Rós-Jónsi etwa wagt sich abseits seiner Hauptband viel weiter in elektronischere Gefilde), aber irgendwie scheint es seit Menschengedenken so zu sein, dass dort niemand, der neue Musik (er)schafft, auch nur einen Zeh unterhalb der qualitativ hoch liegenden Messlatte setzen kann. Und VAR? Die sind bereits mit ihrem Debüt-Langspieler dort oben angekommen, und wenn sie mit Veröffentlichungen à la „Vetur“ oder „The Never-Ending Year“ weitermachen, wird das Quartett wohl bald – völlig zurecht und auch außerhalb ihrer Heimat – in einer ähnlichen Liga spielen wie diese anderen isländischen Post-Rock-Götter….

 

Via Bandcamp gibt’s „The Never-Ending Year“ in Gänze im Stream:

 

 

Rock and Roll.

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Ein Comic zum 10. Geburtstag von Frightened Rabbits „The Winter Of Mixed Drinks“…


 

Zwar habe ich das zehnte – und damit erste runde – Veröffentlichungsjubiläum des dritten Frightened Rabbit-Studioalbums „The Winter Of Mixed Drinks“ um ein paar Tage verpasst (schließlich war das bereits am 1. März, und ist im Grunde auch wenig verwunderlich, schließlich rangiert das Werk trotz so einiger Favoriten wie „Swim Until You Can’t See Land“, „Living In Colour“ oder „Nothing Like You“ nicht unbedingt unter meinen Top-3), glücklicherweise haben jedoch andere Termine wie ebenjenen deutlich besser auf ihrem Schirm als ich. Etwa „Marge Makes Comics„, eine tolle, mehr oder minder regelmäßig auf „arts at michigan“ erscheinende Comic-Strip-Reihe, die dem vor knapp zwei Jahren (zu früh!) verstorbenen Scott Hutchison und seinen Indierock-Schotten und benanntem Album mit einer wunderbar illustrierten Comic-Geschichte die Ehre erweist… Me likes!

 

Rock and Roll.

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Moment! Aufnahme.


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(gefunden bei Facebook)

 

„There is light but there’s a tunnel to crawl through
There is love but its misery loves you
There’s still hope so I think we’ll be fine
In these disastrous times, disastrous times…“

(„Oil Slick“ von Frightened Rabbit)

 

Rock and Roll.

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„Tiny Changes“ – eine Dokumentation zum Frightened Rabbit-Tribute-Sampler


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Recht oft war und en letzten Wochen von „Tiny Changes: A Celebration of Frightened Rabbit’s ‚The Midnight Organ Fight‘“, dem feinen Tribute-Sampler zu Ehren des zehnten Geburtstages des zweiten Frightened Rabbit-Albums „The Midnight Organ Fight“ (welcher ja, genau genommen, allerdings bereits im April 2008 war), auf ANEWFRIEND die Schreibe.

Nun haben die verbliebenen Bandmitglieder der „Angsthasen“ (Frontmann Scott Hutchison verstarb im vergangenen Mai bekanntermaßen viel zu früh) eine 24-minütige Mini-Dokumentation zur Tribute-Compilation, auf der zahlreiche befreundete Künstler und Bands wie The Twilight Sad, Manchester Orchestra, Julien Baker, Biffy Clyro, Josh Ritter, Craig Finn (The Hold Steady), Benjamin Gibbard (Death Cab For Cutie), Aaron Dessner (The National), Daughter oder Wintersleep die Songs des Albums, mit welchem der schottischen Indierock-Band damals der Durchbruch hin zu einem größeren Publikum gelang, neu interpretieren, veröffentlicht. Diese zeichnet den Werdegang des Albums vom Konzept über die Songauswahl bis hin zu den Aufnahmen nach und lässt auch die teilnehmenden Künstler selbst zu Wort kommen.

Wer also weiter in die persönlichen wie kreativen Geschichten rund um „Tiny Changes: A Celebration of Frightened Rabbit’s ‚The Midnight Organ Fight‘“, deren Einnahmen an die von Scott Hutchisons Familie ins Leben gerufenen Organisation „Tiny Changes“ gehen, hinein horchen mag, der nehme sich das knappe halbe Stündchen Zeit…

 

 

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Rock and Roll.

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Moment! Aufnahme.


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(gefunden bei Facebook)

 

Dieser Tage im Londoner „Rough Trade East„. Nicht nur ein kleiner versteckter Hinweis auf das vergangene Woche erschienene Frightened-Rabbit-Cover-Album „Tiny Changes: A Celebration of Frightened Rabbit’s ‚The Midnight Organ Fight‘“, sondern auch ein sympathischer Knicks vor dem verstorbenen Frontmann selbiger Schotten-Indierock-Kapelle. Und: ein feines Motto, welches jede(r) sehr gern durch den (All)Tag tragen darf…

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Daughter – „Poke“


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Wie bereits kürzlich erwähnt erschien am vergangenen Freitag mit „Tiny Changes: A Celebration of Frightened Rabbit’s ‚The Midnight Organ Fight‘“ ein Tribute-Sampler zu Ehren des zehnten Geburtstages des zweiten Frightened Rabbit-Albums „The Midnight Organ Fight“ (welcher, genau genommen, allerdings bereits im April 2008 war), mit welchem der schottischen Indierock-Band damals der Durchbruch hin zu einem größeren Publikum gelang. Und obwohl diese Veröffentlichung wohl unweigerlich unter dem Schatten des Todes von Frontmann Scott Hutchison im vergangenen Mai steht, ist das Cover-Werk keineswegs ein Tribute an ihn selbst, schließlich war Hutchison bis zu seinem Tod noch fest in die Entstehung und Organisation involviert und bat viele der Bands und Künstler, welche mal freundschaftlich, mal durch gemeinsame Tourneen mit den Angsthasen aus Glasgow verbunden sind und sich nun in der illustren Tracklist wiederfinden, noch selbst um einen Beitrag.

177082Neben The Twilight Sad, Manchester Orchestra, Julien Baker, Biffy Clyro, Josh Ritter, Craig Finn (The Hold Steady), Benjamin Gibbard (Death Cab For Cutie), Aaron Dessner (The National) oder Wintersleep haben sich auch Daughter die Zeit genommen, ein Stück von „The Midnight Organ Fight“ neu zu interpretieren. Und wie beim Großteil der anderen Coverbeiträge, denen man deutlich anmerkt, dass sich die jeweiligen Künstler viele Gedanken gemacht haben, um „ihren“ Song würdig einzuspielen (und diesem oft noch völlig neue Facetten hinzufügen), ist auch Daughters Version von „Poke“ großartig geraten. Mehr noch: Das Stück scheint dem britischen Trio um Frontfrau Elena Tonra wie auch den Leib geschneidert und könnte sich mit dem ohnehin herzzerreißenden Text und all den Instrumentalschichten, welche Tonra, Igor Haefeli und Remi Aguilella behutsam zusammenschustern, auch nahtlos in den eigenen Songkatalog einfügen. Scott wäre stolz gewesen… 💔

 

 

Rock and Roll.

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