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Song des Tages: Enno Bunger – „Wo bleiben die Beschwerden?“ (live am Klavier)


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Fremdenhass, brennende Flüchtlingsheime und mal offen gelebter, mal latent schwelender Rassismus – eigentlich keine allzu typischen Themen für deutsche Pop- oder Rock-Songs. Well… Eigentlich. Nebst Bands wie den Ärzten, den Toten Hosen, Adam Angst oder den Donots hat auch Enno Bunger 2015 einen Song über Fremdenfeindlichkeit geschrieben, welcher verdammt nochmal gehört gehört…

In dem Stück „Wo bleiben die Beschwerden?“ fragt der Hamburger Liedermacher, ob „unser Mitgefühl etwa in einem Flüchtlingsheim verbrannt“ ist und sendet eine klare Botschaft: „Es gibt nur einen Weg: Widerlegen, widersetzen, widerstehen“.

51DC9rdhBFL._SY355_Der Musiker, 1986 im ostfriesischen Leer geboren, veröffentlichte 2015 sein aktuelles Album „Flüssiges Glück“, welches dem drei Jahre zurück erschienenen (und noch immer tollen) Trennungswerk „Wir sind vorbei“ nachfolgte, und sendete vor allem mit ebenjenem Song ein starkes musikalisches, jedoch auch bewusst politisches Statement. „Wer etwas verändern will, muss bei sich selbst anfangen“, schrieb Bunger auf seiner Facebook-Seite zu dem Stück und dem dazugehörigen Musikvideo. Musikalisch ist der Titel – wie der ein oder andere Song des dritten Albums auch – stark von elektronischen Klängen geprägt. Textlich setzt er sich mit Themen wie PEGIDA, dem NSU-Prozess, Oury Jalloh, mit Fällen rechter und rassistischer Gewalt in Deutschland oder der gezielten bundesdeutschen Verblödung auseinander. Harter Stoff für seine ruhige und poppige Indiemusik, die in Bungers Fall allerdings schon immer nachdenklich und mit vielen melancholischen Untertönen versehen war. Warum er das macht? Weil Deutschland in seinen Augen ein Rassismusproblem hat. An dem traurigen Fakt, dass Dummheit keinerlei Verfallsdatum besitzt, hat sich seit 1993, als Die Ärzte mit „Schrei nach Liebe“ einen lautstarken „Arschloch!“-Aufschrei durch das damals erst unlängst wiedervereinte Deutschland hallen ließen, auch heute herzlich wenig geändert. Bunger selbst habe nie gedacht, dass er einmal so politisch werde, aber er konnte einfach nicht anders. „Obwohl ich kein Hemdenträger bin, ist mir der Kragen geplatzt“, so der heute 31-Jährige. Also prangert er in „Wo bleiben die Beschwerden?“ deutlich das passives Verhalten und die Ignoranz im Zusammenhang mit Fremdenfeindlichkeit an. Im Refrain heißt es: „Wo bleiben die Beschwerden? Warum lassen wir das zu? Wir können was dafür, wenn wir nichts dagegen tun.“

Und Enno Bunger ging mit gutem Bespiel voran: Die Einnahmen aus diesem Song spendet(e) er an die Organisationen „Amadeu Antonio Stiftung“ und „Pro Asyl„. Zur Nachahmung empfohlen, Denken strengstens erlaubt…

 

 

Noch eindringlicher als die Albumversion gerät die Piano-Variante des Stücks, welche 2016 Teil der (digital veröffentlichten) Akustik-EP „Herzen auf links“ war:

 

„Feuerwerksraketen, Steine, Splitter, Fensterglas
Drinnen hat man Todesangst, draußen hat man Spaß
Schieben alle Schuld auf die, die sowieso schon nichts mehr haben
Außer den Bildern aus der Hölle und den nie heilenden Narben
Oury Jalloh war ein Zauberer – laut Polizeibericht
Vollführte im Verborgenen sein größtes Meisterstück
Hat mit Händen und mit Füßen, fixiert an Grund und Wand
Sich auf feuerfester Matte in Schutzhaft selbst verbrannt
Wie man von Einzelfällen sprechen kann? Ich werd‘ es nie verstehen
Es gibt Menschen, die das wollen, die das alles gerne sehen
Tief in ihren Herzen heben sie die rechte Hand
Zünden Krisenherde, hoffen auf den Flächenbrand

Wo bleiben die Beschwerden? Warum lassen wir das zu?
Wir können was dafür, wenn wir nichts dagegen tun
Wo bleiben die Beschwerden? Wo führt das alles hin?
Warum tun wir so, als wären wir blind?
Wir schweigen ins Verderben, wenn wir tun, als ob nichts wär‘
Wir können was dafür, wenn wir uns nicht dagegen wehren
Wo bleiben die Beschwerden? Es gibt nur einen Weg:
Widerlegen, widersetzen, widerstehen

Die Tochter eine Gauners, eines Hehlers, eines Dealers
Sie konnte es kaum glauben – nach seinem Tod war sie so vieles
Doch nur weil er nicht von hier war, zahlte er mit seinem Leben
Hingerichtet mit neun Schüssen, nur einer ging daneben
Staatsbeamte schreddern Akten, die Wahrheit schön verborgen
So bitter der Geschmack, wenn man dann liest von ‚Dönermorden‘
Jedes Opfer wird entwürdigt, jeder Mord wird eine Farce
Wo man nicht sucht, will man nichts finden, bringt Familien um den Schlaf
Nur in Nebensätzen liest man dann vom großen Zeugensterben
Was sind hier jetzt Fakten und was haarsträubende Märchen?

Unter Druckerschwärze, Heuchelei und dreisten Falschaussagen
Wird die Würde unterdrückt, abgeschrieben und begraben

Wo bleiben die Beschwerden? Warum lassen wir das zu?
Wir können was dafür, wenn wir nichts dagegen tun
Wo bleiben die Beschwerden? Wo führt das alles hin?
Warum tun wir so, als wären wir blind?
Wir schweigen ins Verderben, wenn wir tun, als ob nichts wär‘
Wir können was dafür, wenn wir uns nicht dagegen wehren
Wo bleiben die Beschwerden? Es gibt nur einen Weg:
Widerlegen, widersetzen, widerstehen

Und irgendwo hinter der Glotze endet unser Tellerrand
Und wir richten ohne Glatze ähnlich großen Schaden an
Nein, es sind nicht die paar Nazis, es ist unsere Ignoranz
Lieber BILD, GNTM und Dschungelcamp am Bratwurststand
Als wär‘ es nicht in unserer Mitte, sondern nur am rechten Rand
Machen wir weiter unsere Witze über Gutmenschen im Land
Vergessene Geschichte wiederholt sich irgendwann
Ist unser Mitgefühl etwa in einem Flüchtlingsheim verbrannt?

Wo bleiben die Beschwerden? Warum lassen wir das zu?
Wir können was dafür, wenn wir nichts dagegen tun
Wo bleiben die Beschwerden? Wo führt das alles hin?
Warum tun wir so, als wären wir blind?
Wir schweigen ins Verderben, wenn wir tun, als ob nichts wär‘
Wir können was dafür, wenn wir uns nicht dagegen wehren
Wo bleiben die Beschwerden? Es gibt nur einen Weg:
Widerlegen, widersetzen, widerstehen…“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Schreng Schreng & La La – „Ekel & Abscheu“


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Dinge, über die ich mich selbst wundere, Teil 1034: dass ich im vergangenen Jahr nie das noch immer tolle „Ekel & Abscheu“ zum „Song des Tages“ gemacht habe.

54646e09-SSLL_FRONT_PROMOZwar ist das Stück nur eines von vielen richtig guten auf „Echtholzstandby„, dem im April 2016 erschienenen zweiten Album von Schreng Schreng & La La, seines Zeichens wiederum das Nebenprojektbaby von Jörkk Mechenbier, und doch passt „Ekel & Abscheu“ mit seiner expliziten Wortwahl auch 2017 noch zur unterschwellig latent aggressiven Stimmung, welche aktuell sowohl in Deutschland als auch anderswo in der Welt herrscht: „Männer küssen Männer im Bus / Und irgendein Depp meint, dass er was sagen muss / Weil er, weil er – ich weiß es nicht / Vielleicht einfach ein Arschloch ist“, heißt es schon zu Beginn. Auch im Folgenden charakterisiert Mechenbier jene gerade beim „Besorgte Bürger“-Klientel von AfD bis Pegida oft angetroffenen Leute treffend, die „ignorant aus Tradition“ ihren Mitmenschen gegenübertreten: „Mir ist immer alles scheißegal, aber diese Menschen hass‘ ich wohl“, blickt Mechenbier den Homophobikern und Kulturskeptikern am Ende des Refrains in den Kopf.

Im dazugehörigen Musikvideo unterstützen zahlreiche Freunde und Kollegen Schreng Schreng & La La: Diverse Personen halten Zettel mit Anti-Homophobie-Sprüchen in die Kamera, darunter auch Jupiter Jones, Adam-Angst-Vorsteher Felix Schönfuss, Tilman Benning (tigeryouth) und Donots-Frontmann Ingo Knollmann.

Apropos Jörkk Mechenbier: die meist akustisch-reduzierten Töne, die er mit Schreng-Schreng-Kompagnion Lasse Paulus anstimmt, kennt man zwar von seiner Hauptband Love A nicht (die machen ja eher so Punkrock mit ordentlich Wumms in den Saiten und Becken), aber auch da gibt der Mann textlich ordentlich Breitseite, dass es sich gewaschen hat – und das ist gut und wichtig. Nachzuhören etwa auf dem vor wenigen Tagen erschienenen vierten Love A-Album „Nichts ist neu„, dass ich, wie auch schon seine Vorgänger, nur wärmstens empfehlen kann.

 

  

„Frauen küssen Frauen im Fernsehen
Und wenn das Radio dann darüber spricht
Rufen sie an und sagen ihre Meinung
Und ich merk‘, die merk‘ ich mir lieber nicht!

Männer küssen Männer im Bus
Und irgendein Depp meint, dass er was sagen muss
Weil er, weil er – ich weiss es nicht
Vielleicht einfach ein Arschloch ist

Die Leitung lange und die Zündschnur zu kurz
Und ignorant aus Tradition
Mir ist immer alles scheißegal
Aber diese Menschen hasse ich wohl
Immer jede Menge Meinung dabei
Fallen sie gerne mit der Tür ins Haus
Ohne zu wissen, wer eigentlich da wohnt

Freunde sind nur Freunde, wenn sie sich kennen
So wie du und ich
Das Geheimnis ist das Kennenlernen
Aber lernen wollen viele nicht
Fremde bleiben Fremde, wenn für dich
Nur die Angst und der Zweifel spricht
Weil du selbst nicht weißt, was du sagen sollst
Sagst du jetzt besser nichts

Die Leitung lange und die Zündschnur zu kurz
Und ignorant aus Tradition
Mir ist immer alles scheißegal
Aber diese Menschen hasse ich wohl
Immer jede Menge Meinung dabei
Fallen sie gerne mit der Tür ins Haus
Ohne zu wissen, wer eigentlich da wohnt“

  

Rock and Roll.

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