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Das Album der Woche


Everyone Everywhere – Everyone Everywhere (2012)

Everyone Everywhere 2012 (Cover)-erschienen bei Big Scary Monsters-

Wer heutzutage mit seiner Musik mehr als tiefrote Zahlen schreiben möchte, der muss sich schon etwas einfallen lassen und zumindest die Grundfesten des viralen Marketings – sprich: Facebook, Bandcamp, Web 2.0 – für sich zu nutzen wissen. Wenn man dazu noch einige einfallsreiche Gimmicks „on top“ zu setzen weiß, ist einem zumindest eine kurze digitale Aufmerksamkeit sicher…

Auch die aus Philadelphia, PA stammende Band Everyone Everywhere weiß die ihnen zur Verfügung stehenden multimedialen Kanäle gewinnbringend für sich zu nutzen. Im Zuge der Veröffentlichung ihres – erneut – unbetitelten/selbstbetitelten zweiten Albums im Herbst dieses Jahres bot das Vierergespann die Vinylversion plus einer DVD mit Musikvideos für die besonders Schnellen unter ihren Hörern via Bandcamp komplett „for free“ (!) an – die Aktion musste nach etwa 20 Minuten gestoppt werden, da der verfügbare Bestand an LPs bereits vergriffen war. Mehr noch: Gitarrist Tommy Manson, der sich hauptberuflich um die wirtschaftlichen Belange von größeren Hollywood-Produktionen kümmert (aktuell etwa M. Night Shyamalans neustes Projekt „After Earth“) und zur Abwicklung der Bandcamp-Verkäufe bisher seine Arbeits-Email-Adresse nutze, konnte sich vor weiteren Anfragen kaum retten, denn auch die digitalen Vorbestellungen des Albums preiste die Band mit unsagbar fanfreundlichen 50 Dollar-Cent aus. Und da Everyone Everywhere im vergangenen Jahr – nach eigenen Angaben – lediglich 43 Platten über die eigenen digitalen Vertriebswege absetzen konnten und bereits mit dem 2010 erschienen Vorgänger das von Künstlern wie Radiohead populär gemachte „Pay-What-You-Want“-Prinzip testeten, hatten zwar alle auf ein positives Feedback zum neusten Werk gehofft, jedoch nicht mit einem derartigen Ansturm gerechnet, welcher ihnen sogar eine Erwähnung auf der Internetausgabe des Forbes-Magazins einbrachte. Zusätzlich bot man das aktuelle Album bei Erscheinen im August 2012 auf höchst ungewöhnliche Weise als Stream an: die Band ließ das komplette, knapp 40 Minuten lange Album im Youtube-Video durchlaufen, während die Vier zu den eigenen Klängen auf zwei ausziehbaren Couches ein Nickerchen hielten.

Everyone Everywhere (PressPhoto)

Doch werden die neun neuen Songs all dem „Tam-Tam“ im Vorfeld gerecht? Nun – ohne es böse zu meinen: ohne all die innovative Selbstvermarktung hätten garantiert weniger Leute Wind von der Musik der Band bekommen, denn wie der ebenfalls unbetitelte/selbstbetitelte Vorgänger steckt auch das aktuelle Album von Everyone Everywhere knietief im DIY-Indierock der Neunziger, in einer Zeit, in der Jimmy Eat World noch nicht um ihr popgerechtes Stück vom Stadionrockkuchen baten und Sunny Day Real Estate traurigen Teenagern und Twentysomethings noch aus der Seele schrieen. Zwar kommt ein nicht unbeträchtlicher Teil der Songs hier auf wunderbar harmonisch-leichten Gitarrenfüßen daher („The Future“), doch der – im positiven Sinn – rückwärtsgewandte, ja fast traditionelle Indierock quillt den meisten Stücken aus jeder Klangpore. Die Schnelligkeit kratzt am Punk und gönnt sich eine angenehme Prise Pop, ebenso wie ein abwechslungsreiches Schlagzeugspiel à la Bloc Party und versponnene Gitarrenlinien, die sich auch schon mal ins dissonante Minisolo hineinwagen („Turn & Go & Turn“). Besonders toll gelingen die Spannungsbögen im Opener „I Feel Exhausted“: bedächtige Gitarren, in die sich nach und nach mehre Schlagzeug- und Feedbacklinien drängen und wickeln, um dann zum vollwertigen Indierocker auszuwachsen. Toll auch, dass vereinzelt die gewohnte „Gitarre-Bass-Schlagzeug-Gesang“-Mixtur durch Saxofon und Bläser („Queen Mary II“) oder ein Banjo (am Ende von „Fervor & Indifference In The Bicameral Brain“) aufgelockert wird.

Everyone Everywhere (PressPhoto 2)

Auch in den von Sänger/Frontmann Brendan McHugh vorgetragenen Texten bilden sich melancholische Einheiten: mal singt er von Wut und dem Hier und Jetzt („I’ve called off the search / I know exactly where you are / I’ll give you the time / If you at least call / … / I want to smash things / I want a coffee / I want to punch myself repeatedly / Let’s watch a movie / Expend no energy / And just be / Can we just be?“ – „I Feel Exhausted“), vom Wegdriften aus dem tristen Alltag („Queen Mary II“), vom Älterwerden („Big Hat“), von Zukunftsängsten („We’ve been right about things like evolution / But if the planet’s burning up and no one knows?“ – „Fervor & Indifference In The Bicameral Brain“), den Träumen vom Berühmtsein und von der erfüllenden Unbeschwertheit des „amerikanischen Traums“ („$1,000,000,000“), vom Sich-treiben-lassen („We can move around / Do nothing / Feel nothing / We can go around / See nothing / Say nothing / We can rewrite / Something“ – „No Future“) oder einfachen Alltagsgedanken („Wild Life“).

Everyone Everywhere erfinden während der 40 Minuten ihres zweiten Albums das Indierock-Rad keinesfalls neu, liefern jedoch eine gelungene potentielle Grundlage als musikalische Kopfhörer-Untermalung für den nächsten Herbst- oder Winterspaziergang, wenn die Tage und Wochen grau, düster und kaugummiellenlang erscheinen und man für einen Moment nicht an morgen denken, sondern einfach den eigenen Gedanken hinterher hängen möchte. Das 2012er Album der US-Indierocker besitzt Tiefe, setzt dem Hörer jedoch nicht mit übermäßiger Schwere zu. Freunde von Pale, Jimmy Eat World, Death Cab For Cutie oder den Weakerthans dürfen hier gern einmal mehr als ein Ohr riskieren…

Aktuell bieten Everyone Everywhere die digitale Albumversion über ihre Bandcamp-Seite für den Minimalbetrag gerade einmal einem (!) Dollar an, den Vorgänger von 2010 sowie die Debüt-EP „A Lot Of Weird People Standing Around“ haut das Quartett wahlweise sogar „für lau“ raus. – DIY mit Neunziger-Ethos, mit den Mitteln von heute. Aufgepasst: hier denkt eine Band mit!

 

Hier kann man sich das komplette Album anhören…

…und hier die Videos zum ungewöhnlichen Albumstream…

 

…sowie zu „Queen Mary II“, bei welchem die Band mit minimalen Mitteln und maximaler Selbstironie Bilder von hohem Unterhaltungswert schaffen, begutachten:

 

Rock and Roll.

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