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Song des Tages: John Allen – „Raise Your Voice“


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John Allen. Allein schon seines Namens wegen würde man den Herrn irgendwo in englischsprachigen Musikgefilden verorten. Noch dazu wurde er, wie auch die Biografie seiner Homepage erwähnt, vor einigen Jahren durch den auf ewig grundsympathischen Kumpel-Pubrocker Frank Turner „entdeckt“, während in den Songs seiner bisherigen vier Alben (zuletzt erschien 2016 „Ghosts„) so ziemlich alle Querverweise auf düstere Storyteller von Bruce Springsteen über Tom Waits oder Nick Cave bis hin zu deren Wiedergängern wie The Gaslight Anthem, Counting Crows oder eben Frank Turner legitim erscheinen. So weit, so positiv tönend wie unspektakulär. John Allen kommt jedoch nicht aus Nashville, New York, Dublin oder London, sondern: Hamburg. Soll da mal einer behaupten, die Hansestadt-Nordlichter könnten keinen international konkurrenzfähigen heartfelt Roots-Rock

Das beweist auch „Raise Your Voice“, der musikalische Vorbote von Allens im November erscheinenden neustem Album „Friends & Other Strangers“. Erster Eindruck: rockt vier Minuten stabil mit Botschaft und Hintergedanken nach vorn. Viel wichtiger als der Song selbst sind jedoch – in diesem speziellen Fall und in der heutigen Zeit – die eindringlichen Worte, welche John Allen dem Stück nun via Facebook mit auf den Weg gibt. Und trotz der Ausführlichkeit seiner Song-Linernotes sollte man sich die Zeit nehmen, den Text zu lesen, ihn wirken zu lassen. Denn er ist wichtig und kommt von Herzen. Danke auch von mir hierfür. ♥

 

18425005_1561008163932900_2042472147620164515_n„Eigentlich mag ich es nicht, wenn Künstler zu viel Hintergrundinformationen zu ihren Songs preisgeben. ‚In dem Song geht es um das Gefühl, das man hat, …‘ bla bla bla. Vollkommen uninteressant. Warum ich so denke? Zum einen, weil ich die Vorstellung nicht mag, zum Deuter meines eigenen Werkes zu werden, zum anderen aber, was noch schwerer wiegt, weil ich es unverzeihlich fände, meinem Song die Mystik zu rauben und dem Hörer damit die Möglichkeit zu nehmen, sich selbst seine eigene Interpretation und Geschichte um den Song zu bauen. Zu spannend sind die Gespräche, in denen mir Menschen nach Shows erzählen, was ihnen die Songs bedeuten und wie sie diese verstehen. Manchmal decken sich ihre Ideen mit meinen, manches Mal entdecke ich eine neue Blickrichtung auf mein eigenes Lied.
All dies ändert sich hier und jetzt. Warum? Weil ‚Raise Your Voice‘ anders ist und eine andere Absicht verfolgt, aber dazu später mehr.

Lasst mich anders anfangen.

Wir sind an einem Punkt in der Geschichte angekommen, an dem Profitgier Menschen dazu veranlasst, auch den letzten Rest eines mehr als hundert Jahre alten Forstes zu roden, um auch noch das letzte Fünkchen Profit aus dem sterbenden Industriezweig Braunkohle herauszuschlagen. An dem die Politik sich selbst immer wieder eifrig Klimaziele setzt, dabei bedeutungsschwanger in Kameras lächelt, wohlwissend, dass der Klimawandel hinter dem Kapitalismus eben nur die zweite Geige spielt. Mit Natur lässt sich eben kein Geld verdienen.

Wir sind an einem Punkt in der Geschichte angekommen, an dem ein US Präsident Nazis als tolle Kerle bezeichnet, Afrika als ‚Scheißländer‘ tituliert, Frauen begrapscht und damit prahlt, und sich täglich neue Peinlichkeiten leistet. An dem eine Lüge nur dadurch zur Wahrheit wird, dass man sie scheinbar oft genug wiederholt. An dem alles zu Fake News wird, was nicht ins eigene Narrativ passt. Und an dem er dennoch den Rückhalt von beinahe der Hälfte seines Landes erhält.

Wir sind an einem Punkt in der Geschichte angekommen, an dem wir es als Gesellschaft zulassen, dass ein rechter Mob in Chemnitz Menschen jagt, Bürgerwehren gründet und ein Chef des Verfassungsschutzes, der diese Zustände leugnet, statt entlassen zu werden neuer Staatssekretär für innere Sicherheit wird.

Wir sind an einem Punkt in der Geschichte angekommen, an dem in ganz Europa rechtes Gedankengut langsam aber sicher wächst und Einzug in die Parlamente erhält. An einem Punkt, an dem mehr und mehr Menschen dies für gar keine so schlechte Idee halten. An einem Punkt, an dem selbst in Deutschland, keine 80 Jahre nach dem Holocaust, wieder offen fremdenfeindliche Politik gemacht werden darf und man von uns verlangt, dies im Namen der Demokratie zu tolerieren.

Wir sind an einem Punkt in der Geschichte angekommen, an dem wir allen ernstes öffentlich darüber diskutieren, ob man Menschen, die ertrinkenden Flüchtlingen im Mittelmeer das Leben retten den Prozeß machen sollte.

Wir sind an einem Punkt in der Geschichte angekommen, an dem für viele die Definition von Protest ist, einen Hashtag zu tweeten oder sein Profilbild zu ändern. Ein Punkt, an dem noch immer viel zu viele von uns zu faul oder zu degeneriert sind, zu Wahlen zu gehen, still hoffend, es werde sich schon alles von alleine regeln. Ein Punkt, an dem die Motivation sich politisch zu engagieren für viele genau dort endet, wo RTL und Pro7 beginnen. Ein Punkt, an dem die neue Folge vom Bachelor oder dem Dschungelcamp mit mehr Elan debattiert wird, als das Schicksal von tausenden Kriegsflüchtlingen. Ein Punkt, an dem wir nicht mehr erkennen wollen, dass Probleme nur mit Kommunikation zu lösen sind und wir uns nicht eingestehen können, schon lange verlernt zu haben, was es bedeutet offen und ehrlich zu kommunizieren. Ein Punkt an dem alle Konversation führen, einzig um uns bestätigt zu fühlen, nicht aber um die Gegenseite wirklich zu hören und zu verstehen, in der absoluten Sicherheit, die moralische Überlegenheit auf seiner Seite zu haben, auch weil alles, was nicht ins eigene Weltbild passt nicht stimmen darf. Wir sind angekommen an einem Punkt passiv-aggressiven Phlegmas, am Anbeginn des Endes der Demokratie.

Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem jeder Demokrat, Jeder, der ein Interesse am Fortbestehen von Humanität und ihren Werten hat, nicht mehr den Mund halten darf; an dem ’sich-seinen-Teil-denken‘ nicht mehr gut genug ist. An dem Jeder, der noch halbwegs bei Verstand ist, aufhören muss, immer einfachere Lösungen zu immer komplexeren Problemen zu suchen. Ein Punkt, an dem wir begreifen müssen, dass ein langer harter Weg vor uns liegt, ein Weg den wir gemeinsam beschreiten müssen, ohne zu vergessen, dass gemeinsam bedeutet, dass es nicht mehr gut genug ist, darauf zu hoffen, Andere mögen ihn beschreiten.

‚Raise Your Voice‘ ist ein Appell. Macht euren Mund auf. Schreit, tobt, zürnt. Mischt euch ein, macht Politik. Geht auf die Straße. Lest, lernt. Informiert euch. Steht denen zur Seite, die auf Hilfe angewiesen sind. Diskutiert mit allen, mit Rechten und Linken, mit Grünen, mit Kapitalisten und Kommunisten, mit Liberalen und Konservativen, mit Moslems und Christen, mit Juden und Buddhisten und allen die ich gerade vergessen habe zu erwähnen.

‚Raise Your Voice‘ ist mein Signal an die Welt, dass ich glaube, dass wir die Kurve noch bekommen können, wenn wir es schaffen unser Phlegma zu beenden und uns zu erheben; dass ich nicht irgendwann meinen Enkeln auf die Frage ‚Wo warst du als die Demokratie ihre Unschuld verlor?‘ mit ‚Ich war zu beschäftigt mit Facebook‘ antworten muss; dass ich nicht bereit bin aufzugeben. Für mehr Menschlichkeit, für mehr Liebe und für die Demokratie.

Edmund Burke, ein englischer Staatsmann und Philosoph hat einmal gesagt: ‚Nichts anderes braucht es zum Triumph des Bösen, als dass gute Menschen gar nichts tun.‘

An alle, die bis hierhin gelesen haben: Ihr macht mir Hoffnung! Danke für eure Zeit! 
Raise your Voice, Freunde. Raise your voice… or be forever still.

x
John Allen“

 

 

Rock and Roll.

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„Tausend Jahre sind ein Tag…“ – ANEWFRIENDs Top 10 der Jahreszahl-Songs


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Kürzlich kam mir beim Hören von Frank Turners neustem Album „Be More Kind“ (welches kein schlechtes, jedoch bei weitem nicht sein bestes ist) ein spontaner Gedanke: Wie wäre es mit einer Top 10 der – spontan, freilich! – persönlich liebsten und tollstbesten Songs mit einer Jahreszahl im Titel?

Gedacht? Getan! Natürlich (ich schrob „spontan“, Ladies und Gentlemänner!) ohne Gewähr auf Vollständigkeit, jedoch feinstsäuberlich-deutsch chronologisch geordnet: hier ist meine eigene Liste…

(Falls euch noch das ein oder andere Stück in den Sinn kommen sollte: lasst es ANEWFRIEND und die internetze Welt da draußen in den Kommentaren wissen!)

 

 

The Gaslight Anthem – „1930“ (vom Album „Sink Or Swim“, 2007)

 

„And I see you like you were there

And I know just how you’d smile

Mary, you looked just like it was 1930 that night…“

 

 

 

Frank Turner – „1933“ (vom Album „Be More Kind“, 2018)

 

„The first time it was a tragedy

The second time is a farce

Outside it’s 1933 so I’m hitting the bar…“

 

 

 

Neutral Milk Hotel – „Holland, 1945“ (vom Album „In The Aeroplane Over The Sea“, 1998)

 

„The only girl I’ve ever loved

Was born with roses in her eyes

But then they buried her alive

One evening 1945

With just her sister at her side

And only weeks before the guns

All came and rained on everyone

Now she’s a little boy in Spain

Playing pianos filled with flames

On empty rings around the sun

All sing to say my dream has come…“

 

 

 

The Stooges – „1969“ (vom Album „The Stooges“, 1969)

 

„Well, it’s 1969 – OK all across the USA

It’s another year for me and you

Another year with nothing to do…“

 

 

 

The Smashing Pumpkins – „1979“ (vom Album „Mellon Collie And The Infinite Sadness“, 1995)

 

„Shakedown 1979, cool kids never have the time

On a live wire right up off the street

You and I should meet…“

 

 

 

Sophie Hunger – „1983“ (vom Album „1983“, 2010)

 

„Guten Morgen, 1983

Wo sind deine Kinder?

Ich bin zu Dir zurückgekehrt

Nur kurz, noch nicht für immer

1983, zeig mir deine Finger

Und frag nach deinem Abdruck…“

 

 

Prince – „1999“ (vom Album „1999“, 1982)

 

„Say, say two thousand zero zero party over, oops, out of time

So tonight I’m gonna party like it’s nineteen ninety-nine…“

 

 

 

Silverchair – „Anthem For The Year 2000“ (vom Album „Neon Ballroom“, 1999)

 

„We’ll make it up to you

In the year 2000

Build it up for you

In the year 2000

Make it up to you

In the year 2000

Build it up for you

In the year 2000 with you…“

 

 

 

Pearl Jam – „4/20/02“ (vom Album „Lost Dogs (Rarities & B-Sides)“, 2003)

 

„So all you fools

Who sing just like him

Feel free to do so now

‚Cause he’s dead…“

 

 

 

The World is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die – „January 10th, 2014“ (vom Album „Harmlessness“, 2015)

 

„But don’t you quiver

I am an instrument

I am revenge

I am several women…“

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Will Varley – „Is Anyone Out There?“


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In freudiger Erwartung von „Kingsdown Sundown„, dem am 4. November erscheinenden vierten Album von Brit-Folker Will Varley, habe ich dieser Tage mal wieder die ersten drei Alben – allen voran freilich den noch immer großartigen Vorgänger „Postcards From Ursa Minor“ – auf heftiger Dauerschleife laufen. I’m still hooked.

Wer den Mann, der sich stilistisch irgendwo zwischen seinem Buddy Frank Turner und der durchaus politischen Zeitgeist-Kritik eines Billy Bragg bewegt (und, ganz nebenbei, auch noch ein ebenso toller Geschichtenerzähler wie Josh Ritter ist), also noch nicht für sich entdeckt haben sollte, dem sei Will Varley noch einmal wärmstens ans Hörerherz gelegt. Außerdem gibt es mit „To Build A Wall“ bereits einen ersten Song vom neuen Album zu hören.

„Is Anyone Out There?“ ist freilich nur eines von vielen, vielen Stücken von „Postcards From Ursa Minor“, die man, wenn man sie einmal gehört hat, oft tagelang nicht aus den Gehörgängen bekommen wird (zumindest war’s bei mir so, und damit wird das bereits vor fast einem Jahr erschienene Werk auch einen festen Platz in der Liste meiner liebsten Alben dieses Jahres bekommen). Wer jedoch auf den Text achtet, der wird schnell merken, dass Singer/Songwriter wie Will Varley gerade in den heutigen schnelllebigen Zeiten voller politischer wie gesellschaftlicher Unruhen und Umbrüche, voller sinnentleertem Plastikpop ohne Aussage und Gehalt nicht mit Gold aufzuwiegen sind…

 

 

„Is anyone out there?
If anyone’s out there
Please make yourself known
‚Cos we’re drifting through space
And we’re loosing our faith
And we never felt so alone

This is the human race
Calling from the Milky Way
We’re highly evolved fish
From near Alpha Centuri
We crawled out of the mud
Waited for our brains and blood
And we’re only just opening our eyes

Our technology is immaculate
We use the internet a lot
To send videos of cats to eachother
But we’re not doing so well
Regarding not killing ourselves
With our guns, and our tanks, and our bombers

So, is anyone out there?
If anyone’s out there
Please make yourself known
‚Cos we’re drifting through space
And we’re loosing our faith
And we never felt so alone

We’re still dreaming fairytales
Sometimes we still soil ourselves
But apart from that we’re really quite advanced
So come and find us if you please
We wanna join your community
And find out all about this universe

Though our leaders are all insane
We’d let you disect their brains
Before you introduce us to our designers
This little fish will wait for you
What we need to see us through
Is some postcards from Ursa Minor

Is anyone out there?
If anyone’s out there
Please make yourself known
‚Cos we’re drifting through space
And we’re loosing our faith
And we’ve never felt so alone

Is anyone out there?
If anyone’s out there
Please make yourself known
‚Cos we’re drifting through space
And we’re destroying this place
And we’ve never felt so alone“

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Will Varley – Postcards From Ursa Minor (2015)

1nDhdWog4B9cQgDkv4_GJuvfviPfY0_8E0AprNJBC9w-erschienen bei Xtra Mile Recordings/Indigo-

Es gibt ja den bekannten Spruch „Wer mit zwanzig kein Sozialist ist, hat kein Herz – wer es mit vierzig immer noch ist, hat keinen Verstand.“ (mal wird er dem ehemaligen britischen Premierminister Sir Winston Churchill zugeschrieben, mal anderen). Und irgendwie passt dieser Satz auch zu Will Varley

Nun ist der 28-jährige Londoner kein Billy Bragg, schreibt nicht wie der seine politische Gesinnung jedem Zuhörer lauthals um die Ohren und versucht, einen – wenn auch, wie in Braggs Fall, durchaus sympathisch – sprichwörtlich auf links zu drehen. (Des Weiteren ist es gerade in Großbritannien viel typischer als etwas im moderat verknacksten Deutschland, dass ein Musiker seine Klassenzugehörigkeit etwas mehr raushängen lässt.) Nein, Varley ist – so lässt sich vermuten – vielmehr ein talentierter Leisetreter, der irgendwie aus der Zeit gefallen wirkt. Einer, der schon mal einen für die heutige Zeit höchst ungewöhnlichen Fortbewegungsweg von Auftrittsort zu Auftrittsort wählt: er läuft. Und obwohl man anhand dieses Fakts einen Alt-Sechziger-San-Francisco-Hippie im Körper eines Endzwanzigers vermuten könnte, hat Will Varley seine Ohren und seine Augen durchaus am Puls der Zeit. Das verrieten bereits augenzwinkernd zeitgeistige Stücke wie „I Got This Email“ (von zweiten, 2013 erschienenen Album „As The Crow Flies„), bei denen man einfach nur schmunzeln muss und die schon einige von Varleys Trademarks verraten: der Mann nimmt sich selbst nie zu ernst, schreibt jedoch tolle Songs, die nicht selten zu Herzen gehen und so ziemlich jedem mit einem selbigen aus der Seele sprechen können. Das war schon auf dem bereits erwähnten 2013er Werk „As The Crow Flies“ so, oft genug auch auf dem 2011 veröffentlichten Debüt „Advert Soundtracks“ (ganz groß: „King For A King„). Und mit seinem neusten Streich, dem im vergangenen Oktober erschienenen dritten Album „Postcards From Ursa Minor„, stellt Varley sein Können wiederum auf eine neue Stufe.

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Aber warum eigentlich? Denn im Grunde ist das, was der 28-Jährige tut, ja nichts Besonderes, ist er doch Folk-Singer/Songwriter. Und die gibt es ja – spätestens seit Hank Williams oder Bob Dylan – wie den sprichwörtlichen Sand am Meer. Jene nicht selten von schummrigen Kellerspelunken ausgebleichten (mehr oder minder) jungen Männer, die viel zu früh viel zu schnell alt geworden zu sein scheinen und einem nun etwas vom prallen, einsamen Leben „on the road“ und vom Herumtrieben in der weiten Welt erzählen wollen. Beispiele findet wohl jeder genug, mir etwa fallen spontan Frank Turner (mit dem sich Will Varley passenderweise gerade auf Tour befindet), The Tallest Man On Earth, Rocky Votolato, Scandinavian Cowboys wie Kristofer Åström oder Christian Kjellvander, Damien Rice, Josh Ritter oder Marcus Mumford (bevor der sich entschloss, mit seinen Sons die Stadien zu bespielen und jeglichen Charme ad acta zu legen) ein. Da gehört in einem Genre wie diesem schon einiges dazu, um herauszustechen. Und wer auf „Postcards From Ursa Minor“ genau zuhört, der wird schnell merken, dass Will Varley genau das tut…

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Dabei kommt es viel weniger auf das Was an – die Zutaten sind mit einer Akustischen und Varley dezent rauem Gesangsorgan oft überschaubar -, sondern vielmehr auf das Wie. Und der Einstieg „As For My Soul“ gerät in splelunkiger Pub-Manier schon einmal recht kumpelhaft, wenn Varley einem Zeilen wie „Light a fire / Drink a beer / Sing a song“ entgegen schleudert. Doch schon das darauf folgende „The Man Who Fell To Earth“ (Cineasten werden merken, dass der Songtitel einem Film von 1976 entliehen ist, in welchem ein gewisser David Bowie die Hauptrolle spielte) ist wiederum ganz anders. In eindringlichen, wunderschönen Worten und Melodien schildert Varley das Erwachen der Welt um London herum, und seiner melancholischen Bildersprache kann man sich fünf Minuten lang kaum entziehen. Ähnlich groß auch „Seize The Night“, die wortgewaltige Erzählung „Outside Over There“, welche beinahe an ein englisches Traditional gemahnt, oder das zu Tränen rührende, leicht sentimentale „This House“, das Erinnerungen wie in einem Fotoalbum vorbeiziehen lässt und die bittere Schwere der thematisierten Vergänglichkeit in wärmenden Trost verwandelt. Anderswo, wie etwa bei „From Halcyon“, merkt man, dass Varley seinen Dylan gut und innig studiert hat, oder dass in dem Briten durchaus ein Romantiker steckt („Dark Days Away“). Vortrefflich zeitgeistig wiederum gerät „Talking Cat Blues“ (halb Dylan, halb Johnny Cash), in dem Will Varley den Bogen von Slackertum über Youtube-Videos von Kanye West imitierenden Katzen hin zum dritten Weltkrieg spannt. Klingt irre? Ist es irgendwie auch, und dazu bekommt auch der britische Premierminister David Cameron sein Fett ab (wie übrigens verdammt oft in Varleys Songs). Muss man gehört haben… So augenzwinkernd sind die Stücke gegen Ende des
Albums dann aber kaum. So ist „Send My Love To The System“ mit Zeilen wie „Maybe I 4dfa325b05fc9b813942f587cd09250fgot older maybe I can’t see / Or maybe I just realised that I want to be free“ ein Abgesang an die harte Ellenbogengesellschaft, „Concept Of Freedom“ ein Protestsong, der beinahe die Güteklasse eines Dylan-Stücks wie „Masters Of War“ besitzt (wobei Varley mit „We Don’t Believe You“ da unlängst einen ähnlich tollen Song abgeliefert hat). In eine identische Kerbe schlägt auch „Is Anyone Out There?“, das sich fragt, ob der Mensch in und von seiner Geschichte überhaupt etwas gelernt hat, bevor „The Question Of Passing Time“ Varleys drittes Werk nach etwa 50 Minuten beinahe meditativ zum Abschluss bringt.

Warum also sollte man diese Platte, die nur dem Titel nach zu den Sternen greift („Ursa Minor“ ist der lateinische Name des Sternbildes des Kleinen Bären), sich während der Spieldauer jedoch zutiefst erdverbunden zeigt, hören? Weil Will Varley ein brillanter Beobachter ist, der es versteht, alles Gute wie Schlechte in Stücke umzumünzen, die sowohl in Wort wie in Ton zu überzeugen wissen? Weil diese Stücke wiederum ebenso britisch wie universell klingen (und man nicht selten gar den nächtlichen Fahrtwind eines einsamen US-Highways zu spüren meint)? Weil sich hinter jedem der dreizehn nachdenklichen Songs Botschaften zum Nachdenken, zum Lachen, Weinen, zum wütend, fröhlich oder einfach tatträumerisch sein, verstecken? Weil Varley wie ein sympathisches Hippie-Relikt mit absolutem Gespür für Zeitgeist erscheint? Weil ihm mit „Postcards From Ursa Minor“ eines der besten Folk-Singer/Songwriter-Werke des vergangenen Jahres gelungen ist, für das es auch 2016 noch nicht zu spät ist (denn es ist nie zu spät für tolle Musik)? Alles richtige Argumente, und wer „Postcards From Ursa Minor“ nicht gehört hat kann nun nicht mehr sagen, ich hätte ihm (slash: ihr) das Album nicht ans Hörerherz gelegt…

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Hier gibt es die Musikvideos zu „The Man Who Fell To Earth“, „Seize The Night“ und „Talking cat Blues“, welche alle von Will Varleys aktuellem Album stammen…

 

 

Rock and Roll.

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Der Jahresrückblick 2015 – Teil 3


Ein zwar nicht durch und durch hochkarätiges, jedoch ebenso wenig an tollen Veröffentlichungen armes Musikjahr 2015 neigt sich unausweichlich seinem Ende zu. Zeit also, ANEWFRIENDs “Alben des Jahres” zu küren und damit, nach der Rückschau aufs Film- und Serienjahr, auch die Königsdisziplin ad acta zu legen! Dem regelmäßigen Leser dieses Blogs werden sich wohl wenige Überraschungen offenbaren, schließlich wurde ein guter Teil der Alben meiner persönlichen Top 15 im Laufe des Jahres – insofern es die Zeit zuließ – bereits besprochen. Bleibt nur zu hoffen, dass auch 2016 ein ähnlich gutes Niveau an neuen Platten und Neuentdeckungen bieten wird… Ich freue mich schon jetzt drauf.

 

 

adam angst1.  Adam Angst – Adam Angst

Wenn ich ehrlich bin, dann war die Pole Position meiner Lieblingsalben dieses Jahres bereits im Februar vergeben. Und dass an ein Album, dessen Protagonist ein „arroganter Drecksack“ (Pressetext) ist, der dem Hörer elf Kapitel lang seine eigenen Verfehlungen, seine Makel und Achillesfersen vor Augen und Ohren führt. Muss man sich ein derart gerüttelt Maß an Antipathie wirklich anhören? Man muss! Vor allem wenn sie von Felix Schönfuss und seiner neuen Band Adam Angst stammt. Denn den großmäuligen Versprechungen, die da bereits im Vorfeld um das neuste musikalische Baby des Ex-Frau-Potz- und Escapado-Frontmanns gemacht wurden, liefern Schönfuss und Co. Songs nach, die einen schlichtweg umhauen – sei es durch zackigen, verquer melodieverliebten Rock, der weder den Punk von Frau Potz noch den Hardcore von Escapado noch in sich trägt, oder – vor allem – durch die durch und durch brillanten Texte. Denn in denen bekommen wirklich alle ihr Fett weg – die Schweinepriester und Heiden („Jesus Christus“), die mehr oder minder latenten Rassisten („Professoren“), das tumbe Wochenend-Partyvolk („Wochenende. Saufen. Geil.“), die digital süchtigen Klickzahlenjunkies („Wunderbar“), die sinnentleerten Workaholics („Flieh von hier“), die dysfunktional-zerstrittenen Pärchen („Ja, ja, ich weiß“)… Da muss man schon sehr weit ab von allem sein, um sich an der ein oder anderen Stelle nicht selbst ertappt zu fühlen. „Adam Angst“ mag vielleicht kein Album für die nächsten zehn Jahre sein, mehr Aktualität, Zeitgeist und tolle Songs hatte 2015 jedoch kein anderes an Bord. Obendrein liefern Schönfuss und Band mit „Splitter von Granaten“ noch den definitiv wichtigsten Song des Jahres…

 

 

Benjamin Clementine2.  Benjamin Clementine – At Least For Now

Benjamin Clementines Geschichte liest sich fast wie eine moderne, musikalische Cinderella-Story: Mittelloser Junge aus *hust* „schwierigen Umständen“, der sich bereits seit Kindestagen – und das nicht nur seiner Hautfarbe wegen – als beflissener, belesener Außenseiter fühlt, flieht erst – von verheißungsvollen Versprechungen und vom Fernweh getrieben – aus dem Zig-Millionen-Einwohner-Molloch der englischen Hauptstadt und nach Paris, von dem er einst so viel las, sich so viel versprach. Dort führt er ein Vagabunden-, ein Herumtreiberdasein, schläft unter Brücken und dem freien Himmel, spielt seine Lieder in Metrostationen und wird dann und dort – endlich – von einem findigen Musikmanager erhört, der ihn alsgleich mit einem Plattenvertrag ausstattet. Und so klingen auch die pianolastigen Stücke auf dem vollkommen zu recht mit dem renommierten Mercury Prize ausgezeichneten Debütalbum „At Least For Now“: aus der Zeit gefallen, ebenso modern wie von gestern, schwelgerisch, energisch, klagend, zentnerschwer ausufernd und melancholisch in sich gekehrt. Dazu vorgetragen von einer Stimme, die zu den besondersten seit Antony Hegarty, vielleicht sogar seit Jeff Buckley und Nina Simone (welch‘ Dimensionen!) zählen darf. Man kann, man will dieses Werk gar nicht beschreiben – man sollte es hören! Meine Entdeckung des Jahres.

 

 

love a3.  Love A – Jagd und Hund

Wie schrieb ich doch in meiner Rezension zur Jahresmitte? „Eines steht fest: Frontmann Jörkk Mechenbier und seine drei Bandkumpane von Love A sind angepisst. Aus Gründen.“ Das hat sich freilich auch im Dezember noch nicht geändert, die zwölf runtergekühlten Post-Punk-Stücke des dritten Love-A-Albums haben allerdings nichts von ihrer überhitzt angewiderten Aura verloren. Wer „Adam Angst“ 2015 etwa abgewinnen konnte, der sollte auf „Jagd und Hund“ gern mal ein Ohr riskieren, schlagen die polternden Trierer Punker doch in eine ganz ähnliche Kerbe – vor allem textlich. Die Überdrehtheit der Vorgänger mag „Jagd und Hund“ nicht mit an Bord haben, doch die poppigen Ansätze und neue Introvertiertheit (beides natürlich sehr relativ zu sehen!) stehen Love A ganz ausgezeichnet.

 

 

pusicfer4.  Puscifer – Money Shot

Für Tool-Fans dürfte 2015 eigentlich als ein (weiteres) enttäuschendes Jahr in die Musikgeschichte eingehen, wurde man doch erneut wieder und wieder vertröstet in seinem Warten auf das erste neue Album seit dem 2006er Werk „10,000 Days“ (was umgerechnet gut 27 Jahren entspräche und somit der gefühlten Wartezeit näher und näher kommt). Auch für Freunde von A Perfect Circle sieht es da eigentlich kaum besser aus – trotz der Tatsache, dass vor etwa zwei Jahren mit „Stone And Echo“ ein üppiges Live-Dokument erschien. Eigentlich. Wäre da nicht das dritte, im Oktober erschiene Puscifer-Album „Money Shot“. Denn das Projekt, welches Tool- und A-Perfect-Circle-Stimme und -Fronter Maynard James Keenan vor einigen Jahren zur Auslegung verquerer (elektronischer) Ideen ins Leben gerufen hatte, hat sich über die Jahre zur veritablen Band gemausert. Und hat 2015 erstmals auch albumfüllend großartige Songs auf Lager, die fast ausnahmslos mit den bisherigen Stammbands des passionierten Winzers mithalten können (mit mehr Schlagseite zu A Perfect Circle, freilich). Den Stücken kommt vor allem zugute, dass ihnen die britische Musikerin Carina Round, die erfreulicherweise Jahr für Jahr immer tiefer mit Puscifer verwächst, eine zweite, weibliche Ebene liefert. Für Freunde von Tool und A Perfect Circle ist „Money Shot“ also Segen und Fluch zugleich – zum einen tröstet das Album fulminant über die länger werdende Wartezeit auf neue Songs hinweg, zum anderen wird es für Maynard James Keenan – mit derart feinen Songs im Puscifer-Gepäck – jedoch kaum attraktiver, zu den anderen Bands zurück zu kehren…

 

 

tobias jesso jr.5.  Tobias Jesso Jr. – Goon

Ähnlich wie bei Benjamin Clementine dürfte man beim Lebenslauf von Tobias Jesso Jr. an eine modern-männlich-musikalische Aschenputtel-Variante gedacht haben, die es dem 30-jährigen Eins-Neunzig-Schlacks dieses Jahr sogar ermöglichte, eines seiner (unveröffentlichten) Stücke auf dem Alles-Abräumer-Album „25“ von – jawoll! – Adele zu platzieren (nämlich die Single „When We Were Young„). Dass die Grande Madame des Konsenspop beim Hören von Jesso Jr.s Debüt „Goon“ sein Talent für feine, kleine Popsongs aufgefallen sein dürfte, ist allerdings nur allzu verständlich, denn immerhin ist das Album voll davon. Oder wie ich bereits im März schrieb: „Wer es schafft, bereits das eigene Debüt nach John Lennon, Paul McCartney, Harry Nilsson, Randy Newman, Billy Joel, Elton John, Todd Rundgren, Nick Drake oder Ron Sexsmith klingen zu lassen (und das, obwohl Jesso Jr. laut eigener Aussage einen Großteil dieser Künstler erst während der Arbeit an seinem Album kennen lernte), während man sich darüber hinaus noch eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt, dem gebührt jeder einzelne Applaus“. Genauso sieht’s aus.

 

 

sufjan stevens6.  Sufjan Stevens – Carrie & Lowell

Dass Sufjan Stevens großartige, zu Herzen gehende Singer/Songwriter-Kunst abliefern kann, hat der 40-Jährige in den vergangenen 15 Jahren bereits hinlänglich bewiesen. Nur wollen wollte Stevens in den zehn Jahren, die seit „ILLINOIS“ ins Land gegangenen sind, immer weniger, veröffentlichte stattdessen Verqueres wie „The Age Of Adz“ oder gar Soundtracks über Schnellstraßen-Dokus. Von daher ist die größte Überraschung, dass Sufjan Stevens tatsächlich noch einmal mit einem Werk wie „Carrie & Lowell“ ums Eck kommt. Und dass es ein derartiges Meisterwerk des bittersüßen Songwritings werden würde. Denn das wiederum hat ganz persönliche Gründe: Stevens setzt sich auf „Carrie & Lowell“ mit dem Tod seiner Mutter und seines Stiefvaters auseinander und schreibt herzzerreißende Songs über das Leben, das Sterben und alles, was danach kommen mag. Klingt nach Tränendrückern? Die gibt es zwar („Fourth Of July“), aber das Album als Ganzes stellt dabei keinen musikalischen Trauermarsch dar, vielmehr feiert Sufjan Stevens das Leben als Kreislauf – in ruhigen Tönen, wie es nur er es kann. Toll.

 

 

Ryan Adams7.  Ryan Adams – 1989

Ryan Adams covert Taylor Swift – im Studio, ein ganzes Album, und dann auch noch den Millionenseller „1989„. Was sich lesen mag wie ein – wahlweise – verfrühter oder verspäteter musikalischer Aprilscherz, war keiner. Denn der 41-Jährige mit dem ohnehin breit aufgestellten Musikgeschmack, der bereits in der Vergangenheit hinlänglich bewiesen hat, dass es im Zweifelsfall jedes Genre von Doom Metal bis HipHop (mehr oder weniger ernsthaft) für sich besetzen kann, beweist mit seinen Interpretationen von Radiohits von „Shake It Off“ bis „Bad Blood“ seine Fertigkeiten. Freilich klingen die dreizehn Stücke nun gänzlich nach Ryan Adams, doch auch er kann sich den feinen Melodien der Ausgangskompositionen nicht gänzlich entziehen. Warum auch? Im Plattenladen oder auf Spotify mögen die Fanlager von Swift und Adams ganze Universen trennen. Hier kommt zusammen, was noch vor Monaten unmöglich schien. Da war auf Twitter selbst die Ursprungsinterpretin der Schnappatmung nahe…

 

 

Florence and the Machine8.  Florence and the Machine – How Big, How Blue, How Beautiful

Gerade im Vergleich zum großartigen, fünf Jahre jungen Debüt „Lungs“ war „Ceremonials„, 2011 erschienen, eine kleine Enttäuschung, setzten sich darauf doch deutlich weniger Songs zwischen den Ohrmuscheln fest. „How Big, How Blue, How Beautiful“ nun ist wieder ein durchweg tolles Album, getrieben durch imposante Orchesterinszenierungen und erzählt von der variablen Stimme von Florence Welch. Ein spannendes Werk mit elf Geschichten, die durch ihre Musikvideos noch mitreißender werden und erneut so universelle Themen zwischen Liebe, Wut, Tod und Angst behandeln. Ein Album, das am besten als Ganzes funktioniert und ausgestattet mit einem dramatischen Sog, Songs mit Gefühlen zwischen bunter Leichtigkeit („Queen Of Peace“) und erdrückendem Drama – alle mit einer immensen Wucht, und sogar mit Saxofon! Kaum verwunderlich, aber umso erfreulicher, dass der Britin und ihrer Band damit ihre erste US-Nummer-eins gelungen ist. Florence and the Machine sind 2015 ganz oben, da wo sie hingehören.

 

 

frank turner9.  Frank Turner – Positive Songs For Negative People

Frank Turner ist einer von den Guten. Plattitüde? Logisch. Aber besser kann und will man’s gar nicht ausdrücken. Und wenn der britische Punkrocker by heart dann noch mit so guten Songs wie denen seines sechsten Solowerks „Positive Songs For Negative People“ aus dem Studio kommt, dann kann der kommende schweißnasse Festivalsommer kein ganz Schlechter werden. Und wer beim abschließenden „Song For Josh“ nicht mindestens einen Sturzbach Tränen verdrücken muss, der ist aus Stein. Oder hört Techno. Beides wäre schade um ein Paar Ohren…

 

 

noah gundersen10. Noah Gundersen – Carry The Ghost

Top 3 im Vorjahr, Top 10 in diesem – kein ganz schlechtes Ergebnis für einen 26-Jährigen, für den sich außerhalb der heimatlichen USA kaum ein Schwein (geschweige denn Hörer) zu interessieren scheint. Was schade ist, denn Noah Gundersens Songs sind nicht erst seit dem fulminanten 2014er Debüt „Ledges“ eine Wucht, die mich gar zu Vergleichen mit Damien Rice, Ryan Adams oder dem Dylan-Bob hinrissen. Und dem steht „Carry The Ghost“ (fast) in nichts nach. Freilich merkt man dem zweiten Werk des Musikers aus Seattle (!) an, dass das Leichte des Erstlings einer schweren Reife Platz machen musste, doch ist es gerade dieses Geschlossene, in welches man sich mit jedem Hördurchgang immer tiefer hinein gräbt, das „Carry The Ghost“ erneut so ergreifend macht. Freunde von Ryan Adams‘ „Love Is Hell“ sollten reinhören, wer tolle Songs für ruhige Momente sucht, natürlich auch.

 

 

…und auf den weiteren Plätzen:

Foxing – Dealer

Desaparecidos – Payola

Roger Waters – The Wall (LIVE)

Kante – In der Zuckerfabrik: Theatermusik

William Fitzsimmons – Pittsburgh

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Frank Turner – Positive Songs For Negative People (2015)

positive-frank-erschienen bei Vertigo/Universal-

Frank Turner – jedem Freund bierseligen Pub-Punksrocks mit akustischer Schlagseite (und nicht nur denen!) dürfte längst klar sein, wofür der mittlerweile 33-jährige Musiker seit Jahr und Tag steht: Authentizität, Bodenständigkeit, Herzlichkeit, britische Working-Class-Consciousness – und, ja, neben all diesen für Lau verschleuderten Schimpfwörtern (das Augenzwinkern denkt ihr euch bitte) auch ein wenig sympathische Naivität. Denn wie sonst kann man es sich erklären, dass ein Mensch diesseits der Vierzig all seine Energie in ein Leben von, mit und für die Musik steckt?

Und Turner tut dies freilich nicht erst seit Gestern. Immerhin ist der Mann, 1981 in Bahrain zur Welt gekommen, im sehr indie-lastigen englischen Hardcore gewachsen – ob nun in ferner zurück liegender (Million Dead) oder jüngerer Vergangenheit (Möngöl Hörde). Trotzdem wird der Turner-Frank den meisten mehr als Solo-Künstler ein Begriff sein, sei es nun durch seine zwischen 2007 und 2013 auf den Markt geworfenen fünf Alben, oder vielmehr durch seine fast durchgängig überzeugenden Liveshows. Der Mann war in den letzten Jahren derart emsig am Aufnehmen oder Touren, dass man sich als Freund gitarrenlastiger Festivals beinahe wundern durfte, wenn der Mann mal nicht auf einem Dreitagesakt in der prallen Mittagssonne zu sehen war… Und da Turner das offenbar noch nicht genügte, ging er auch noch unter die Autoren und veröffentlichte in diesem März seine Quasi-Autobiografie „The Road Beneath My Feet“ (zu der er sich übrigens vor allem durch Henry Rollins‘ 1994 erschienene Black-Flag-Memoiren „Get In The Van“ inspirieren ließ). Ein nimmermüder Tausendsassa mit ordentlich Arbeitsethos unterm Hintern? Aber hallo!

FRANK TURNER 2015 PROMO IMAGE HANDOUT ...

Freilich mag sich Frank Turner längst einen Namen als hervorragender (Live)Musiker gemacht haben. Allerdings war der Weg dahin ein steiniger. So war der britische Songwriter seit seinem 19. Lebensjahr mehr oder minder pausenlos on the road irgendwo in kleinen bis mittelgroßen Kaschemmen zwischen London und Tokio, führte ein unstetes Nomadenleben, lebte sprichwörtlich von der Hand in den Mund und schlief nicht selten gar auf den Couches von Freunden und Bekannten. Seit dem 2007 veröffentlichten Solo-Debüt „Sleep Is For The Week“ (welch‘ programmatischer Titel!) war der Musiker auf Ochsentour zwischen Bühne, Studio und immer mehr Bühnen. Der lange Lohn: im Rahmen der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele 2012 in London durften er und seine Begleitband The Sleeping Souls vor mehr als 80.000 Zuschauern auftreten (ganz zu schweigen von den Millionen Fernsehzuschauern) und Songs wie den Gassenhauer „I Still Believe“ performen. Und: Mittlerweile kann sich der Mann im Londoner Stadtteil Holloway eine kleine aber feine zweigeschossige Eigentumswohnung leisten – selbst, wenn er da auch in Zukunft kaum sein sollte (Festivals, Studio, die Bühnen, die Ochsentouren – Sie verstehen).

Trotzdem ist in Turners Leben längst nicht alles eitel Sonnenschein. Gerade im Rückspiegel wirkt sein vor zwei Jahren erschienenes fünftes Album „Tape Deck Heart“ wie das musikalisch verarbeitete Scherbenauflesen einer zu Bruch gegangenen Beziehung – ein Breakup-Album von britischer Couleur (wer mag, darf beispielsweise gern in den noch immer tollen Song „Tell Tale Signs“ hinein horchen). Doch wer Frankies Werdegang verfolgt, der weiß, dass der Engländer ein durchaus positives Stehaufmännchen ist. Von daher war auch (und gerade) für das neue, sechste Werk eine direkte Antwort zu erwarten…

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Trotzdem weist „Angel Islington“, die gut zweiminütige Eröffnung von „Positive Songs For Negative People„, ein wenig auf die falsche Fährte: zu sanftem Aktmusik-Gezupfe gibt Frank Turner noch einmal den Melancholischen, den Geschundenen und Geläuterten: „By the waters of the Thames / I resolve to start again / To wash my feet and cleanse my sins / To lose my cobwebs on the wind / To fix the parts of me I broke / To speak out loud the things I know / I haven’t been myself“. Schon „Get Better“, bei dem seine Begleiter der Sleeping Souls dazu stoßen, macht mit kaum mehr Laufzeit ungleich mehr Dampf unterm Kessel. Zu kraftvollem GitarreSchlagzeugBass schlägt Turner flugs neue Kapitel auf und wischt mir nichts, dir nichts allen Trübsal beiseite: „So try and get better and don’t ever accept less / Take a plain black marker and write this on your chest / Draw a line underneath all of this unhappiness / Come on now, let’s fix this mess / We could get better / Because we’re not dead yet“ – fast klar, dass solche Zeilen in Gangshouts münden müssen. Und ähnlich positiv und uptempo geht es weiter: „The Next Storm“ ist der reine musikalische Frühling (der dann in „The Opening Act Of Spring“ schon im Titel vor der Tür wartet), das toughe „Out Of Breath“, welches Punkrock mit Cabaret Rock kreuzt, trägt seinen Namen vollkommen zu recht („When you meet death / Be out of breath / And say you’re pleased to see him ‚cos you’re tired“), „Demons“ trägt nicht nur die ein oder andere weitere tolle Tattoo-Idee in sich („If life gives you demons, make demands“), sondern entleiht sich gleich mehrere Hooks bei den Foo Fighters und in „Love Forty Down“ macht Turner noch einmal klar, dass er gerade jetzt so viel zu gewinnen und so wenig zu verlieren hat: „I’m battered and I’m bruised / And I can’t afford to lose“. Die Highlights stechen jedoch auf diesem an Enttäuschungen armen Album (einzig „Josephine“ klingt mit seinen Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Zeilen und den E-Street-Gedächtnisriffs mehr nach B-Seiten-Material) trotzdem besonders hervor: „Glorious You“ feiert gut drei Minuten zu nahezu perfekten Melodien die Unvollkommenheit („Be glorious you, glorious you, glorios you / With your mixed-up metaphors, your messed-up makeup / Glorious you / With your tongue-tied tragedy, your too-small t-shirt / Glorious you“), „Mittens“ zeigt als großer Popsong dem Herzscherz den Mittelfinger, „Silent Key“, zu welchem die US-amerikanische Folksängerin Esmé Patterson ein paar Gesanglinien beisteuert, berichtet vom tragischen Unglück des Space Shuttles „Challenger“ im Jahr 1986, bei dem auch die im Song erwähnte gelernte Lehrerin Christa McAuliffe ums Leben kam. Und es darf wohl als programmatisch für „Positive Songs…“ stehen, dass Turner selbst dieser Tragik noch eine Sonnenseite abgewinnen kann: „I see this as a positive song, in the sense that it’s about appreciating the luck of even having lived, or been an astronaut…“. Nur einmal, beim letzten Stück „Song For Josh“, muss wohl jeder, der ein Herz und zwei Ohren hat, ganz tief schlucken. Frank Turner trägt diesen Tearjerker, der einem Freund, dem ehemaligen Clubmanager Josh Burdette, der sich im September 2013 das Leben nahm, allein zur Akustischen vor. Noch besser: das Stück wurde im Juni 2014 live im renommierten „9:30 Club“ in Washington D.C. mitgeschnitten – eben jenem Konzertvenue, dessen Manager besagter Josh noch wenige Monate zuvor war. „Why didn’t you call? / My phone’s always on / Why didn’t you call? / Before you got gone“ – jede Zeile ist Gänsehaut, danach kann, soll, darf nichts mehr kommen! Bewegender wird wohl in diesem Jahr kein Album zu Ende gebracht.

Auch wenn es komisch klingen mag, liefern Frank Turner und seine Sleeping Souls mit dem gemeinsam mit Produzent Butch Walker (u.a. Taylor Swift, Pete Yorn, Pink, Weezer) innerhalb weniger Wochen im US-amerikanischen Nashville aufgenommenen „Positive Songs For Negative People“ das gleichzeitig vielseitigste und geschlossenste Werk in der Diskographie des 33-jährigen Musikers ab, vereint es doch so ziemliche alle Beispiele und Namen, die sich derzeit auf mittelgroßen bis riesigen Konzertbühnen die Finger an Saiten und Tasten wund spielen können: Foo Fighters (zu hören an vielen Ecken und Enden, etwa „Demons“), Mumford & Sons (der Banjo-Anschlag bei „The Opening Act Of Spring“), Bruce Springsteen und seine E Street Band („Josephine“), die Dresden Dolls (die völlig atemlose Punk-Cabaret-Nummer „Out Of Breath“), Biffy Clyro (das chorale Finale von „Demons“), The Hold Steady etc. pp. Das Gute dabei ist, dass Frank Turner, der von Album zu Album mehr und mehr von der „Punkrock-Lagerfeuervarinate eines Billy Bragg“ zum „britischen Dave Grohl“ mutiert (im besten Sinne, natürlich!), dabei ganz sich selbst treu bleibt. Toll auch, dass der Deluxe Edition des 40 Minuten kurzen Albums zehn der zwölf Stücke (minus dem ersten und letzten Song) als Solo-Akustik-Versionen beiliegen (und hierbei vor allem „Glorious You“ und „Mittens“ als Gewinner in reduziertem Gewand vom Feld gehen). So (in Band-Version) oder so (als allein vorgetragene Akustik-Varianten) ist Frank Turner mit „Positive Songs…“ ein feines Album gelungen – und das bislang positivste seiner Karriere sowieso. Oder wie unlängst in einem Forum zu lesen war: „Es ist Sommer und das ist passende Musik hierfür.“ Jawollja!

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WasFrank Turner selbst über sein neustes Werk denkt? Das seht und hört ihr hier:

 

Freilich darf man via Youtube auch einige Songs hören. Hier kann sich das Musikvideo zu „The Next Storm“, Lyric-Videos zu „Get Better“ und „Mittens“ sowie einen Live-Mitschnitt des großen, bewegend ehrlichen „Song For Josh“ ansehen:

 

Und zum Schluss noch ein kleiner aber feiner Download-Tipp: Auf „Niko Records“ kann man sich Frank Turners gut einstündigen Akustik-Auftritt beim österreichischen „Acoustic Lakeside Festival“ vom Juli 2014 kostenlos und unverbindlich aufs heimische Abspielgerät laden – in bester Soundboard-Qualität, selbstverständlich. Zugreifen, bitte!

 

Rock and Roll.

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