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Sunday Listen: Bedroom Eyes – „Sisyphus Rock“


Bedroom Eyes nennt sich das Projekt von Jonas Jonsson aus der kleinen schwedischen Stadt Föllinge. Einst als Solo-Outlet von Jonsson (Gesang, Songwriting) gestartet, hat sich die schwedische Kombo mittlerweile zum Quintett gemausert, zu welchem noch Markus Eriksson (Gitarren, Keyboards), Kim Fastesson (Gitarren), Mattias Andersson (Bass) und Emil Fritzson-Lindquist (Schlagzeug) gehören. Newcomer im klassischen Sinne sind Bedroom Eyes jedoch keineswegs, denn schon mit dem 2010er Debüt „The Long Wait Champion“ und seiner Mischung aus viel Humor, Romantik und fein abgestufter Instrumentierung konnte man Ibrahimović’esk den ein oder anderen Punktgewinn einfahren. Auch das zweite Album „Greetings From Northern Sweden“ lässt sich, wenn auch nicht als Millionenseller, durchaus als Erfolg verbuchen – und das, obwohl die 2017 veröffentlichte Platte, welche manches Hörer*innen-Ohr an die Decemberists denken ließ, von den eher trostlosesten Orten Nordschwedens inspiriert wurde. Verwunderlich? Nope. In der Einöde liegt ja oft auch eine gewisse Romantik, die sehr inspirierend sein kann. Und ohne noch ein weiteres Klischee bedienen zu wollen: Schwedische Melodien haben im besten Fall ohnehin eine ganz besondere Note, parken den geräumigen Volvo stets gekonnt irgendwo zwischen Sentimentalität und Fröhlichkeit – man denke nur an Bands wie Tiger Lou, die Shout Out Louds oder eben ABBA.

Apropos „Einöde“: In selbiger – genauer: in einem recht rustikalen Studio in den Wäldern von Rissna, Jämtland – entstand auch der dieser Tage erschienene dritte Langspieler „Sisyphus Rock“ – und deutet bereits im Titel an, dass dieses Mal der Indie Pop – zumindest in Teilen – dem Indie Rock weichen durfte…

Mit so unterschiedlichen Einflüssen wie Achtziger-Komödien, klassischer Literatur und düsterem Neunziger-Punk gehen die acht neuen, vornehmlich live eingespielten Songs in eine lautere und rauere Richtung als seine Vorgänger, welche vom „Spiegel“ noch als recht fluffige „Begegnung von Belle and Sebastian und Jens Lekman“ beschrieben wurden (während das „Vice Magazine“ hingegen Jonas Jonsson schlicht als „a beautiful artist“ bezeichnete). Dennoch will sich Jonsson auch hier nie so ganz festlegen, lässt innere Krisen auf kulturelle Referenzen treffen, stellt emotionale Selbstoffenbarungen neben Seinfeld’eske Popkultur-Zitate. Wer da nicht den Überblick verliert, der könnte schnell meinen, Teil seiner inneren Welt zu sein.

Überhaupt: die Texte. Jene geraten nicht selten ähnlich eigenbrötlerisch wie die von Paul Westerberg, einem von Jonssons erklärten Idolen, dem er auf „Sisyphus Rock“ zudem – wenn auch nur als Wortspiel – einen Songtitel widmet. Wer jedoch nun auch einen klanglichen Verweis vermutet, der wird schnell enttäuscht sein, denn obwohl die neue Platte durchaus gitarrenzentriert ausfällt, hat sie eher wenig mit der meist rauen Unmittelbarkeit des Sounds der Replacements zu tun. Und so dunkel Jonsson seine Angstzustände etwa in „The Dark Between The Stars“ auch ausmalt, verfügen seine Songs durch die seichte Distortion der Indie Rock-Riffs und Jangle Pop-Einlagen doch über eine dazu konträre Leichtigkeit, zu welcher auch Jonas Jonssons leicht zuckrig tönende Stimme beiträgt, die an nicht wenigen Stellen der von Ben Gibbard (Death Cab For Cutie, The Postal Service) ähnelt. Easy Listening also? Könnte man so sehen – und bei so viel Wohlklang vorschnell überhören, wie Jonsson inhaltlich mit Camus und Beckett über die Natur des Menschen philosophiert: „Make the best of what you’ve got / We are here until we’re not“, wie er es im zweiten Song „Sisyfuzz“ recht pragmatisch zusammenfasst. Dass es in den Strophen mitunter treibend indierockig, mitunter gar dezent post-punkig zugeht, steht bei diesem einerseits bunten, andererseits auch irgendwie sphärisch-poppigen, geradlinigen Treiben keineswegs im Widerspruch.

In manchen Momenten tönen die fünf Schweden sogar etwas märchenhaft: “The Dark Between The Stars” reichern sie plötzlich ganz anders an, drehen den Song nahezu komplett, um ihn am Ende wieder konventionell einzuordnen. Starr ist hier nichts, die Dynamik von “Sisyphus Rock” ist auf internationalem IKEA-Parkett entworfen, obwohl Jonsson und Co. ganz behutsam komponieren. Mit dem bereits erwähnten “Paul Westerberg” verschenken Bedroom Eyes dann keine Sekunde, stehen unangemeldet mit einem poppigen Song im Türrahmen und werfen mit Ohrwurmpassagen um sich, die im gut sortieren Radio sofort zünden würden, ohne irgendwie unangenehm aufzufallen. Anderswo, in „Kim“, ist die Rhythmusfraktion um Schlagzeuger Emil Fritzson-Lindquist und Bassist Mattias Andersson eindeutig als treibende Kraft spürbar, aber trotz allem stets angenehm den Rest stützend und nicht aufdringlich. Etwas aus dem Rahmen fällt “Store blå” (großes Blau): der Song wurde in Jämska gesungen, einem nur selten gesprochenen Dialekt in Nordschweden, der dem Norwegischen recht nahe steht. Und im finalen “Here Comes Godot” wird’s noch einmal philosophisch, während Jonsson den inneren Motivationstrainer anwirft, schließlich bezieht sich der Song auf das aussichtslose Warten und den damit verbundenen Stillstand. Also lieber nicht warten, selbst machen!

Der neue Bedroom Eyes’sche Wurf “Sisyphus Rock” drängt sich zwar keineswegs auf, empfiehlt sich dafür jedoch umso mehr für kommende Roadtrips, für laue Sommernächte – und, anders als die Vorgänger, weniger fürs unproduktive Fläzen im Bett. Trotz der etwas eindimensionalen Produktion ist dem Schweden-Fünfer ein schönes, angenehm zeitlos indierockendes Powerpop-Album gelungen, das eher mit einem positiven Grundrauschen arbeitet und wenig auf Knalleffekte oder Hit-Momente setzt. Da wundert es kaum, dass die Band auch außerhalb ihrer Heimat bereits prominente Fans hat – den auch selbst ab und an musizierenden Comedian Fred Armisen („Portlandia“, „Saturday Night Live“) etwa, der das Album als einer der ersten außerhalb des inneren Kreises hören durfte und mit den Worten „Großartiger Sound, großartige Energie und wunderbare Songs“ beschrieb. Där lyssna!

Rock and Roll.

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