Schlagwort-Archive: Folk

Song des Tages: Sarah Jarosz – „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“


Die Songs von U2 zeichnen sich, vor allem ab den mittleren Achtzigern, durch ihre Wall of Sound aus, mit ihren unverblümt auf die großen Stadien und Arenen abzielenden, alles und jede(n) umarmenden Melodien und den zahlreichen Gitarrenspuren von The Edge, die dem Ganzen am Ende eine geradezu unverwechselbare Signatur verleihen. Für das 1987 erschienene, verdientermaßen hochgelobte Album „The Joshua Tree“ fügte die irische Rockband dieser Mixtur eine großzügige Kelle voll US-amerikanischer Roots-Musik hinzu. „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“ fängt diese Fusion wohl so gut ein wie kein anderer Song, den U2 zu dieser Zeit geschrieben haben – mit The Edges akustischer Visitenkarte, der klingelnden, dengelnden Gitarre, Bonos fast schon pastoralem, vom Gospel inspiriertem Gesang und dem Hintergrundgesang, der passenderweise einen Kirchenchor imitiert. Eine Slide-Gitarre am Ende verleiht dem irischen Vierergespann einen unverkennbar amerikanischen Sound. Larger than life.

Für ihre Variante des Evergreens entschied sich US-Folk-Sängerin Sarah Jarosz dazu, „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“ als Folksong zu behandeln. Sicher, auch ihr Gitarrenspiel mag an den primären Rhythmusgitarrenpart von The Edge erinnern – manchmal tönt es gar wie eine Mandoline – aber da enden die Ähnlichkeiten im Arrangement wohl bereits. Es gibt nur Jarosz und ihre Gitarre, sonst nichts. Ihr Gesang ist weniger erhaben, schon gar nicht pastoral, ein bisschen gedämpfter als Bonos Originalvorlage. Es gibt keinen Backing-Chor und keine Overdubs. Jarosz‘ Stimme ist rein und ihr Gitarrenspiel klingt fast knöchern, nackt und – ja – simpel, obwohl es dem von The Edge sehr ähnlich ist.

Das Ergebnis ist ein Song, der sich anfühlt wie ein altes amerikanisches Traditional oder ein Gospelsong ohne Chor. Und da sollte man auch mal eine kleine Lanze für Bono, The Edge, Adam Clayton und Larry Mullen jr. brechen: Bei allem, was bei ihnen manches Mal leicht gestelzt tönen mag, bei aller plötzlichen Besessenheit von Americana und dem übergroßen US-Sound-Outfit, wendete die Band vorab viel Zeit dafür auf, die Musik zu verstehen, bevor sie sie in ihren eigenen Sound integrierte. Das Solo-Akustik-Cover der dreifachen Grammy-Preisträgerin Jarosz von „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“ unterstreicht nun lediglich, wie gut U2 damals, vor über dreißig Jahren, ihre Arbeit tatsächlich gemacht haben. Ohne das ganze Getöse der Originalaufnahme klingt der Song unter den Händen von Sarah Jarosz, als sei er so alt wie die US of A selbst, vielleicht sogar noch älter. Eine schöne, auf geradezu liebevolle Art und Weise großartige Hommage an einen großartigen, immergrünen Song. Simple as life.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Evangeline Gentle – „Ordinary People“ (Live Session)


Foto: Promo / Samantha Moss

Wer hier beim Hören des Debütalbums von Evangeline Gentle an Nashville denkt, könnte freilich mit Leichtigkeit goldrichtig liegen – tut’s jedoch nicht, denn die junge Frau hat ihre Hausschuhe in Peterborough, Ontario, gut 1.350 Kilometer weiter nördlich vom traditionellen Country-Mekka in Tennessee, stehen…

Obendrein stammt die Familie der in Schottland geborenen Singer/Songwriterin von der anderen Seite des Atlantiks und zog nach Kanada, als Gentle elf Jahre jung war. Und irgendwas – waren’s kreative Vitamine? – muss sie recht früh in ihr Müsli bekommen haben, schließlich entdeckte sie schnell ihr Faible fürs Musikalische, gewann bereits im zarten Alter von 18 Jahren die ein oder andere Auszeichnung. Und lieferte im vergangenen September ihren selbstbetitelten Debütlangspieler, welcher der im Mai 2020 veröffentlichten Acapella-EP „You And I“ die passenden Töne hinzufügt. Was verwundert: Die zehn von Jim Bryson produzierten Stücke, an denen Gentle ganze drei Jahre feilte, klingen so gar nicht nach einem Debüt, tönen ebenso sicher wie ausgereift, sind durchdrungen von der Art lyrischer Klarheit und Songwriting-Fertigkeit, der nicht wenige Künstler*innen eine ganze lebenslange Karriere lang hinterher jagen.

Schon der Opener „Drop My Name“ wird gesteuert von Evangeline Gentles durchdringendem, vibrato-lästigem Gesang, mit einer gefühligen Lebensweisheit, die Nina Persson von den Cardigans wohl nicht unähnlich ist. Noch eine Referenz? Na gern doch: Das darauf folgende, noch emotionalere „Ordinary People“ mag manch eine(n) schnell an Größen wie Patty Griffin (in ihren besten Momenten) erinnern. Abgesehen davon, dass das Stück mit einer der mutmaßlich besten Banjo-Lines des vergangenen Musikjahres aufwartet, wirft es mit zwei bestimmten Zeilen Licht auf Gentles zwar realistische, aber dennoch positive philosophische Einstellung zum Leben: „It’s brave to be hopeful in this world / It’s brave to be kind“. Mehr sogar – ebenjene Worte leiten das ein, was das Hauptthema dieses Albums zu sein scheint: die Liebe als Zufluchtsort vor dem manches Mal harten Alltag, das zwischenmenschliche Gefühlshoch als Erlösung. Klar, das könnten nicht wenige mit einem dezenten Rosamunde-Pilcher-Trauma leicht als naiven Idealismus abtun, aber diesen Songs – und den Texten im Besonderen – wohnt einfach eine entwaffnende Einfachheit inne, die zwar das ein oder andere Detail schnell überhören lässt, andererseits aber auch jede größere Krittelei überflüssig macht. Und je weiter man in diese kissenweiche Platte eintaucht, desto vergeblicher ist der Widerstand gegen dieses recht altmodische, aber irgendwie auch zeitlose romantische Gefühlsanzug dieser 23 Jahre jungen Künstlerin, die bereits als mit ihrer offen queeren, gender-fluiden Lebenseinstellung bereits mancherorts als „neue Szene-Galionsfigur“ gefeiert wird.

Apropos: Die berauschende Unbekümmertheit einer Liebesaffäre, deren Schmetterlinge just flattern gelernt haben, wird in „Sundays“ schlicht und ergreifend wunderbar skizziert (während das feine Musikvideo bewusst queere Fußnoten setzt), tadellos arrangiert um Gentles besondere Stimme, die es sich inmitten eines sacht pumpenden E-Basses, zurückhaltenden Gitarren und eines gekonnt verzerrten Keyboard-Sounds gemütlich macht. Eine weitere tolle Zeile: „Lust is almost always never love“ – zu hören im Zeigefinger-Märchen „Even If„, das massig Retro-Soul-Gefühl ausstrahlt (man denke an Duffy mit etwas weniger Drama), bevor der Hörer in der Albummitte und beim durch einen ganz ähnlichen Vintage-Touch gekennzeichneten „So It Goes“ ankommt – und vor dem inneren Auge Carole King am Lagerfeuer ausmacht.

Das Klassisch-Balladeske erreicht seinen Höhepunkt mit „The Strongest People Have Tender Hearts„, welches wiederum Gentles flammendstes Plädoyer für spirituelles Wachstum gegenüber oberflächlichem Momentum ist: „We’re searching in change-room stalls of fast fashion stores and malls / Just to pay the wage of a billionaire, somewhere”. Die grüblerische Poppigkeit von „Long Time Love“ und der flotte Anschlag von „Neither Of Us“ verblassen da freilich etwas im Schatten dieses Stücks, bevor das bedauernde „Digging My Grave“ die Dinge wieder in die richtige Bahn lenkt. Der spärlich ausstaffierte, klagende Schlusssong „Good And Guided“ destilliert das Motiv des Strebens nach Gnade und Frieden – Johnny Cash, can you hear me? – weiter, ohne dass es groß wie eine Wiederholung der Wiederholung klingt.

Obwohl Evangeline Gentles Debütalbum ganz und gar keine großen, allzu lauten Töne spuckt (und deshalb auch – im besten Sinne – als Hintergrundmusik herhalten kann), steckt das Werk voller Leben. Und wird von einer Stimme geleitet, die wohl auch das sturste, zynischste Herz zu rühren vermag. Wenn man denn unbedingt an etwas herumkritteln mag, so eventuell daran, dass sich die zwischen Indie Folk, Alt.Country und Americana pendelnde Singer/Songwriterin stilistisch nie so ganz festlegen mag. Natürlich wäre es nur allzu einfach gewesen, diese Songs in ein handgesteiftes, kommerziell aufgemotztes Americana-Kleid zu stecken oder sie fürs Formatradio mit modernen Beats zu überziehen – der bewusste Widerstand gegen strikte Genres lässt Gentle manchmal etwas ziellos, etwas unentschlossen tönen. Das mag künstlerisch befreiend wirken, schränkt jedoch – ja, so kann man’s sehen – den Grundcharakter dieser ansonsten recht überzeugenden Songsammlung ein. Natürlich könnte man nun argumentieren, dass Evangeline Gentles einzigartige Stimme bereits genug Charakter besitzt – und am Ende hätte man wahrscheinlich recht. Unterm Strich ist das hier ein formidabler Start in eine Musikkarriere, die eventuell noch den ein oberen anderen Ton gewordenen Herzenswärmer bereit hält…

„I’ve been, I’ve been running on empty
Headline after headline draining me
Oh the ugly things ordinary people
Do for more money

It’s brave to be hopeful in this world
It’s brave to be kind

Just when I think I’ve had enough
Your love is a little bit of sweetness
Life softens at your touch
Life softens when we touch

I’ve been feeling afraid and lonely
But I don’t ever want fear to own me
I want an open heart
Capable of loving fearlessly

It’s brave to be hopeful in this world
It’s brave to be kind

Just when I think I’ve had enough
Your love is a little bit of sweetness
Life softens at your touch
Life softens when we touch

When life gets us low
Our love softens each blow and I know
You see who I am at the core
In ways few have before and even though

It’s brave to be hopeful in this world
It’s brave to be kind

Just when I think I’ve had enough
Your love is a little bit of sweetness
Life softens at your touch
Life softens when we touch“

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Raye Zaragoza – Woman In Color (2020)

-erschienen bei Rebel River Records-

Raye Zaragoza weiß ziemlich genau, wie es ist, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die außerhalb des amerikanischen Mainstreams existiert. Ihr Vater hat indianische Wurzeln, ihre Mutter ist japanischer Abstammung. Zaragoza selbst wuchs in der Enge eines kleinen New Yorker Apartments auf. In einem sehr realen Sinne brachte ihr ihre Erziehung also eine Verbindung zu anderen, die sich ausgegrenzt, diskriminiert und an den Rand der modernen Gesellschaft gedrängt fühlen – da scheint der Fakt, dass ihr Vater in ihrer Kindheit den Sioux-Häuptling Sitting Bull im Broadway-Stück „Annie Get Your Gun“ gab, nur allzu gut ins nicht eben klischeefreie Bild zu passen. Wenig verwunderlich also, dass die 27-jährige Folk-Musikerin, die bereits seit einiger Zeit im sonnigen Kalifornien lebt, diese Erlebnisse, Erfahrungen und Gedanken in ihre Songs einfließen lässt.

Ebenso wenig verwunderlich ist es, dass auch ihr aktuelles, recht programmatisch „Woman In Color“ betiteltes Album vom aktuellen Kampf für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung all jener inspiriert wurde, die in den US of A der Gegenwart auf so viele verschiedene Weisen ausgegrenzt, verleumdet und generell gemieden werden – ein Thema, auf das Zaragoza im Laufe des Albums immer wieder zurückkommt, vor allem in Songs wie „They Say„, „Fight Like A Girl„, The It Girl“ oder „Warrior“, die sich, jeder für sich, bei genauerem Hinhören zu essentiellen kleinen Hymnen erheben, die erhaben sind und doch in sich ruhen, während sie andererseits vor Leidenschaft und Zielstrebigkeit nur so strotzen. Dennoch wählt Raye Zaragoza nie die Lautstärke als Mittel zum Kampf, ihre im Americana-Folk angesiedelten Melodien bleiben meist zurückhaltend und verführerisch tänzelnd, in jeder Sekunde durchdrungen von einer geradezu hypnotischen Aura, die den Hörer in ihren Bann zu ziehen vermag, ohne die Botschaften außer Acht zu lassen. Neben den oben genannten umschmeicheln besonders zwei Stücke, „Ghosts Of Houston Street“ und dem ihrer Mutter gewidmeten „Change Your Name“, in diesem Sinne den Hörer und hinterlassen so einen nachhaltigen Eindruck.

(Foto: Promo / Cultivate Consulting)

„Meine Erziehung und meine ethnische Identität waren immer eine treibende Kraft für meinen Wunsch, eine Geschichtenerzählerin sein zu wollen“, betont Zaragoza. „Farbige Frauen werden so oft aus der amerikanischen Erzählung ausgeklammert, und das möchte ich mit meiner Musik ändern. Bei dieser Platte geht es vor allem darum, wie wichtig es ist, diejenigen Geschichten zu erzählen, die so oft übersehen werden – vermisste und ermordete indigene Frauen, die Darstellung in den Medien, Gentrifizierung, Immigration und so weiter. Ich hoffe, dass meine neue Platte die Wichtigkeit des Erzählens verschiedener Geschichten hervorhebt.“

Raye Zaragoza, die als frühe musikalische Einflüsse Harry Chapin, Jewel, Selena oder Avril Lavigne nennt, sagt, sie sei auf einem mehr oder weniger großen Umweg zu der Entscheidung gekommen, Musik zu machen. „Ich habe in der Dienstleistungsbranche als Kellnerin, Barkeeperin und Hostess gearbeitet“, erinnert sie sich. „Dabei ging es darum, das Publikum, welches in diesem Fall am Tisch saß, glücklich zu machen und dafür ein Trinkgeld zu bekommen. In dieser Zeit wurde mir klar, dass ich das Gleiche als Musikerin tun konnte, indem ich einfach in einem anderen Teil des Raumes stehe und eine Gitarre in den Händen halte. Von da an spielte ich fünf bis sechs Tage pro Woche in Restaurants, Weingütern, Brauereien und auf Bauernmärkten. Das war meine erste Erkenntnis: dass ich, wenn ich hart arbeite, so viel verdienen kann, wie ich in einem Restaurant als Kellnerin verdiene, indem ich stattdessen für die Menschen Musik mache. Ich spiele keine Restaurant-Gigs mehr, aber es war eine erstaunliche Brücke, die mich dahin gebracht hat, wo ich jetzt bin.“

Produziert von Tucker Martine, einem Grammy-nominierten musikalischen Tausendsassa, der unter anderem bereits für Bands und Künstler wie die Decemberists, R.E.M., My Morning Jacket, Neko Case, Modest Mouse, First Aid Kit oder Sufjan Stevens hinter den Reglern saß, ist das im vergangenen Oktober erschienene Album typisch für Zaragozas entschlossene Haltung: Sie gräbt mit beiden Händen tief im Erbe des US-Folk, lässt politischen Aktivismus sowie ihre eigenen Erfahrungen mit einfließen und fördert so solide ausgefeilte Americana-Songs mit dezenten Indie-Rock-Noten zutage, die oft von funkelnden E-Gitarren, lebendigem Bass und beherzt zupackenden Perkussion-Instrumenten flankiert und manchmal gar von sparsamen Bläser-Arrangements und anschwellenden Streichern untermalt werden. Zaragozas eindringliche, wunderbar dunkel schimmernde Stimme bahnt sich ihren Weg durch starke, nicht selten feministisch geprägte Hymnen und zärtelnde Balladen, die in ihrem Unterboden Biografisches ebenso wie Historisches zu tragen scheinen, der Melancholie jedoch auch ausreichend Luft und Raum zum Tagtraum bieten. Politisch und persönlich, mutig und aufrichtig – Raye Zaragozas unerschütterlich ermutigende Story-Songs stellen sich allen Ungerechtigkeiten mit sorgenvoller Gewissheit und festem Glauben. Alles fürwahr keineswegs neu, dennoch schafft sie es im Herzen ihrer Songs, sowohl ihrem Stil als auch ihren Mantren treu zu bleiben.

(Fotos: Promo / Ursula Vari)

„Ich habe das Gefühl, dass meine früheren Veröffentlichungen das Sprungbrett zu ‚Woman In Color‘ waren“, reflektiert die Folk-Musikerin, welche hierzulande immer noch als Geheimtipp zählen darf. „Mit [dem 2017 veröffentlichten Vorgängeralbum] Fight For You‚ war ich immer noch dabei herauszufinden, wer ich bin und wie ich meine Geschichte erzählen will. Es war ein gutes Album, um meine Stimme zu finden. ‚Woman In Color‘ fühlt sich wie eine Fortsetzung dieser Platte an, aber auch wie ein Abschluss mit allem, was ich in den Jahren, in denen ich ‚Fight For You‘ schrieb, zu finden versuchte. Ich habe mein eigenes Plattenlabel Rebel River Records auf Patreon gegründet, um dieses Album zu verwirklichen, und ich bin allen so dankbar, die diese Platte unterstützt haben und sich mit mir für diese zwar indie’eske, jedoch wichtige Veröffentlichung zusammengetan haben.“

Letztendlich ist Raye Zaragozas Engagement offensichtlich, und das ist auch die Botschaft, die bei jedem einzelnen Song des Albums mitschwingt. Die Musikerin möchte einen, anstatt, wie es etwa der – zum Glück! – scheidende 45. US-Präsident in den vergangenen vier Jahren seiner Amtszeit getan hat, zu spalten. Sie sucht nach Unterstützung für eine gemeinsame Sache und für all jene Gruppen, welche darum kämpfen, in der aktuell so vielfältigen US-amerikanischen Malaise gehört anstatt mit tumbem Nonsens übertönt zu werden.

„Ich denke, jede Bewegung, die für Gerechtigkeit und Gleichheit kämpft, hilft sich gegenseitig“, so Zaragoza. „Die ‚Black Lives Matter‘-Bewegung hilft der ‚Indigenous Rights‘-Bewegung und so weiter. Wir alle kämpfen darum, gehört und gesehen zu werden, und der Sieg für einen von uns ist ein Sieg für uns alle. Ich habe absolut das Gefühl, dass wir alle ein Teil einer größeren Gemeinschaft sind, die Gerechtigkeit fordert.“ Außerdem sie ihre Hoffnung, dass die Menschen aufhören ihr Leben von Habgier bestimmen zu lassen, denn „Habgier verblendet und verleitet Menschen dazu, schreckliche Dinge zu tun. Habgier wird unseren Planeten zerstören. Wir müssen dankbar für unsere Mutter Erde sein und ihr mit Respekt begegnen.“ Raye Zaragozas Songs leisten in jedem Fall ihren kleinen Beitrag zum großen Ganzen.

Via Bandcamp gibt’s „Woman In Color“ im Stream…

…und hier Musikvideos zu „They Say“…

…“Rebel Soul“…

…“Fight Like A Girl“…

…“The It Girl“…

…“Warrior“…

…oder „Run With The Wolves“:

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Zitat des Tages


(gefunden bei Facebook)

Heute feiert US-Folk-Ikone Joan Baez ihren 80. Geburtstag – und kann auf ein durchaus ereignisreiches Leben zurückblicken… Happy Birthday, Mrs. Baez!

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: J.E. Sunde – „Sunset Strip“


Alle paar Jahre wirkt es, als tauche ein – zumindest für die größere Masse – neues Gesicht auf dem musikalischen Radar auf, das irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein scheint – und das mal eben die Musiklandschaft ein bisschen umpflügt. Oder von dem man genau das zumindest annehmen würde. Immer wieder spannend zu sehen, wie sich ein gewisser Name an einer Stelle plötzlich als Samenkorn einnistet, das nach und nach an allen möglichen Stellen Früchte trägt. Tobias Jesso Jr. wäre so einer, der da schnell aufploppen könnte im Töne sammelnden Erinnerungszentrum des Gehirns: Dessen Debütalbum „Goon“ sorgte anno 2015 bei der Kritik für nahezu einhellig-aufgeregtes Freudengezwitscher und landete schließlich auch bei ANEWFRIENDs Jahresendabrechnung völlig verdient in den Top 10. Das lag einerseits sicher an seinem nicht von der Hand zu weisenden Talent, doch noch mehr irgendwie daran, dass der damals 29-Jährige Musik machte, die klang, als sei er gerade ein paar Tage vorher vierzig Jahre durch die Zeit gereist. Jesso Jr. wurde der Rummel um seine Person jedoch schnell zu viel – aus dem einstigen „Next Big Thing“ wurde aber immerhin ein verlässlicher Songwriter und Produzent für Kollegen wie Haim, Florence and the Machine oder auch Emma Louise.

Und nun? Nun steht mit J.E. Sunde der nächste potentielle Zeitreisende in den Startlöchern. Der Unterschied? Während bei Tobias Jesso Jr. stets das kleine Holzhämmerchen mitzuschwingen schien, das darauf hinwies, dass es sich hier doch bitteschön um einen ernstzunehmenden Musiker™ handelt, ist die ganze Angelegenheit bei Sunde durchaus humoriger. Lustig wirkt er, der Mann aus Minneapolis. Zwar mag der Brillenträger mit seinem Äußeren zunächst nach akademischem Spießer aussehen und daher in etwa so viel Rock’n’Roll-Glamour ausstrahlen wie Omas olle Klohäkelrollen, dennoch scheint er sympathisch. Lachen sollte man über das Gründungsmitglied des Folk-Trios The Daredevil Christopher Wright trotzdem nicht. Ihm jedoch mit einem verschmitzt-wohligen Lächeln zu begegnen, dürfte angesichts seines neuen, dritten Albums „9 Songs About Love“ wohl gar nicht mal so schwer sein. Gemeinsam mit seinem Kumpel und Produzenten Brian Joseph, der in der Vergangenheit bereits mit solchen Größen wie Bon Iver, Sufjan Stevens oder Paul Simon zusammengearbeitet hat, nahm er die Platte in den Eau-Claire-Studios auf und dürfte nun sogar bei all jenen das Herz erweichen, die sich längst von der doofen alten Liebe abgewandt haben wollten…

“I wrestled with this real sense that I’m not worthy, that I had done something to screw up my chance to find a partner or happiness. It could be embarrassing and confusing.

I’ve started to realize more and more that, if I’m feeling this way, lots of people are I’m not so unique that these thoughts are new to me. And that’s the service of art: When you hear that lyric that hits a bell inside you, you say, ‘Oh, that’s me.’ Everybody is strange and confused and waiting by the phone, waiting to be invited by the party. I hope these songs pick up the phone and extend the invitation to help.” (J.E. Sunde)

Ein bisschen folkig, ein bisschen poppig, sehr Westcoast-Sound- und Sixties-lastig, stets warm und bei sich selbst: „9 Songs About Love“ ist, obwohl es ja ursprünglich aus einer waschechten Schaffens- und Existenzkrise entstand, die den Musiker kurz nach Überschreiten der ominösen Dreißig befiel, ein Album voller kleiner Umarmungen, Muntermacher und Trösterchen. Schon der wunderbar samtige Opener „Sunset Strip„, der bereits in den ersten Sekunden auf einen harmonischen „Uuuuh“-Chor setzt, weiß zu überzeugen: Hier schwingt weder ein anderer Holzhammer, noch winkt einer mit dem Zaunpfahl, stattdessen gibt es eine Song gewordene warme Einladung zum entspannten Zusammensein. Ungleich ausgelassener wird es in „Love Gone To Seed„, dessen Titel sicher die schnell einsetzende Verzückung hinsichtlich dieses Künstlers beschreibt, während „I Don’t Care To Dance“ derart nach Paul Simon klingt, dass Art Garfunkel wahrscheinlich gerade irgendwo auf der Welt mit Schaum vorm Mund ins nächste Krankenhaus tigert, um sich vorsorglich gegen Tollwut impfen zu lassen.

All das ist aber nichts gegen das wirklich hervorzuhebende beeindruckende letzte Drittel dieses Albums, denn: Die Dreierspitze zum Schluss hat es in sich. Gar nicht so sehr unbedingt, weil diese jetzt auf besonders viele Überraschungsmomente setzen würde (das tut sie nicht) oder weil es plötzlich einen Stimmungsumbruch gäbe (den braucht es nicht). Sondern etwa, weil „Your Love Leaves A Mark On Me“ mit seiner absolut glaubhaften Naturverbundenheit und dem sanften Bläsereinsatz zeigt, dass J.E. Sunde gar keine Special Effects braucht, um vollkommen zu überzeugen. Oder auch, weil die Lagerfeuer-Kuschel-Nummer „I Love You, You’re My Friend“ schon im Titel genau das ausspricht, was man nach dieser reichlichen halben Stunde voll heiterer Gelassenheit, nachdenklicher Noten und verspielter Leichtigkeit zu dem Künstler sagen möchte. Vor allem aber auch, weil „Risk“ wohl locker zu den besten Songs gehört, die das Genre in diesem Jahr hervorgebracht hat. Glaubt ihr nicht? Ja denn, liebe Freunde von distinguierten Songschreibern wie Randy Newman, Jonathan Richman, Jackson Browne oder Harry Nilsson: Hören, bitte. It’s worth the risk, versprochen!

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Kristofer Åströms „Hard Times“ – eine Hommage an den Alltag, eine Hommage an den Herzschmerz


Schwedens seit Jahr und Tag bestem, tollstem und (zumindest in meinem Hörerherzen) größtem Singer/Songwriter Kristofer Åström kann man nach beinahe drei Jahrzehnten als Musiker freilich nichts mehr vormachen, schließlich hat der ehemalige Fireside-Frontmann mit Album-Großtaten wie „Northern Blues„, „Leaving Songs„, „Loupita“ oder „So Much For Staying Alive“ den melancholischen Lonesome-Scandinavian-Cowboy-Folk mit all seinen herrlichen Schlenkern in Richtung Americana und Alt.Country längst und bis ins blutende Herzensmark für sich durchdekliniert. Und wenn der 46-jährige nordische Troubadour aus dem nordschwedischen Luleå seinen zehnten Solo-Langspieler „Hard Times“ nennt, geht es natürlich nicht um die verrückte Welt da draußen (schließlich entstanden die acht Stücke vor Corona), sondern einmal mehr um das Hadern mit der ollen Liebe.

Denn egal ob im Pop oder Folk – mit dem Liebeskummer ist es so eine Sache. Unzählige Male schon wurde in emotional-melancholischen Songs gelitten, getrauert, geschimpft. Aber genauso wie es weiterhin Liebeskummer geben wird, werden auch weiterhin Lieder darüber geschrieben – selten allerdings so überzeugend wie vom schwedischen Musiker mit dem markant zartdunklen Schmelz in der Stimme. Er wolle nicht der Notnagel sein, der einfach nur bis zur nächsten richtigen Beziehung gut genug ist, singt Åström schon im herausragenden Opener „Inbetweener„. Vor allem das Schlagzeug verleiht dem Stück dabei den nötigen Nachdruck. Und in „In The Daylight“ erinnert er sich an den 16-jährigen Kristofer, der am verabredeten Ort vergeblich auf sein Date wartet: „I hope that you can live with the scar that you gave me“. Ja, in unseren derzeitigen „Hard Times“ ist es natürlich ein willkommener Luxus, die Realitätsflucht in den Liebeskummer anzutreten zu können…

Nachdem Åström zuletzt – das jüngste Werk „The Story Of A Heart’s Decay“ erschien vor fünf Jahren – meist allein mit seiner Akustischen zu hören war, holte er sich für einige Songs von „Hard Times“ wieder seine vertraute Band ins Studio irgendwo im schwedischen Niemandsland, in den Wäldern von Värmland. So wechseln sich hier rein akustische und bandbegleitete Songs ab. Das Ergebnis ist auch ein klein wenig eine Reise zurück zu Åströms musikalischen (Solo-)Anfängen, weiß jedoch trotz der unterschiedlichen Dynamik immer zu berühren.

„Though the music on ‚Hard Time’s is not Country, it certainly has the feeling of it…“ (Kristofer Åström)


Er fand, die Songs bräuchten eine Band, wie der Singer/Songwriter in einem Interview erzählt. Diese Band habe er mit ein paar Freunden zusammengestellt, seitdem tourten und spielten sie zusammen. „Wir haben auch das vorherige Album ‚The Story Of A Heart’s Decay‘ zusammen aufgenommen. Deshalb wollte ich unbedingt, dass die ganze Band auch diesmal dabei ist. Aber es gibt ein paar Songs auf dem Album nur mit mir und einer Akustikgitarre.“

Unterstützung holte sich Kristofer Åström für dieses Album jedoch nicht nur von seinen Band-Buddies, sondern einmal mehr auch von Britta Persson, ihres Zeichens eine der besten und bekanntesten Indie-Folk-Musikerinnen Schwedens, die bereits vor etwa 15 Jahren im famosen „The Wild“ (vom Album „Loupita“) stimmlich aushalf. Dieses Mal singen die beiden im feinen „Another Love“ von der Hilflosigkeit, in die man verfällt, wenn sich der Partner in jemand anderen verliebt. “The sun don’t shine on me and the night won’t leave me be…” – Den Schmerz in ihren Stimmen kann man dabei fast spüren. (Sorgen muss man sich um den Musiker trotzdem nicht machen, wie etwa „Michelle“, welches zunächst lediglich auf einer dem Album beiliegenden limitierten Bonus-Vinyl erscheint, beweist. Dieser Song trägt den Namen seiner Frau, Åström spielte ihn bei ihrer Trauung.)

Während in den gut vierzig Minuten, wie im knapp achtminütigen, dezent an Neil Young gemahnenden Psychedelic-Abschluss „Night Owl„, ein ums andere Mal Verweise auf frühe Solo-Großtaten anklingen (da kann der Singer/Songwriter noch so oft dementieren, mit dem Album nicht wie früher klingen zu wollen), scheint der Albumtitel „Hard Times“ wie gemacht für eine Kurzzusammenfassung der vergangenen neun Monate. Doch Kristofer Åström versichert, dass der Titel bereits weit vor Corona feststand. Vielmehr habe er sich von dem amerikanischen Folksong-Klassiker „Hard Times Come Again No More“ inspirieren lassen: „Zuerst wollte ich das Album ‚Hard Times Come Again No More‘ nennen – als eine Art Anspielung auf den tagtäglichen Kampf, den jeder von uns durchmacht“, so Åström. „Und wenn ich mich umsehe und mit Freunden und auch anderen Menschen spreche, die ich treffe, merke ich: Jeder kämpft jeden Tag. Dieses Album ist also eine Art Hommage an den Alltag.“

Fakt ist: die Zeit gerade – und vor allem im nasskalt-trüben Herbst und Winter – ist an vielen Tagen für nicht wenige von uns verdammt beschissen, und für die meisten echt hart. Und deshalb sind Alben wie „Hard Times“ wie eine unverhoffte Begegnung mit einem lieb gewonnen Freund, den man zu lange aus den Augen verloren hat: eine nur allzu willkommene Fluchtmöglichkeit.

Hier kann man das Album in Gänze streamen:

…und eine Demo-Version des Openers „Inbetweener“ hören:

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: