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Der Jahresrückblick 2015 – Teil 3


Ein zwar nicht durch und durch hochkarätiges, jedoch ebenso wenig an tollen Veröffentlichungen armes Musikjahr 2015 neigt sich unausweichlich seinem Ende zu. Zeit also, ANEWFRIENDs “Alben des Jahres” zu küren und damit, nach der Rückschau aufs Film- und Serienjahr, auch die Königsdisziplin ad acta zu legen! Dem regelmäßigen Leser dieses Blogs werden sich wohl wenige Überraschungen offenbaren, schließlich wurde ein guter Teil der Alben meiner persönlichen Top 15 im Laufe des Jahres – insofern es die Zeit zuließ – bereits besprochen. Bleibt nur zu hoffen, dass auch 2016 ein ähnlich gutes Niveau an neuen Platten und Neuentdeckungen bieten wird… Ich freue mich schon jetzt drauf.

 

 

adam angst1.  Adam Angst – Adam Angst

Wenn ich ehrlich bin, dann war die Pole Position meiner Lieblingsalben dieses Jahres bereits im Februar vergeben. Und dass an ein Album, dessen Protagonist ein „arroganter Drecksack“ (Pressetext) ist, der dem Hörer elf Kapitel lang seine eigenen Verfehlungen, seine Makel und Achillesfersen vor Augen und Ohren führt. Muss man sich ein derart gerüttelt Maß an Antipathie wirklich anhören? Man muss! Vor allem wenn sie von Felix Schönfuss und seiner neuen Band Adam Angst stammt. Denn den großmäuligen Versprechungen, die da bereits im Vorfeld um das neuste musikalische Baby des Ex-Frau-Potz- und Escapado-Frontmanns gemacht wurden, liefern Schönfuss und Co. Songs nach, die einen schlichtweg umhauen – sei es durch zackigen, verquer melodieverliebten Rock, der weder den Punk von Frau Potz noch den Hardcore von Escapado noch in sich trägt, oder – vor allem – durch die durch und durch brillanten Texte. Denn in denen bekommen wirklich alle ihr Fett weg – die Schweinepriester und Heiden („Jesus Christus“), die mehr oder minder latenten Rassisten („Professoren“), das tumbe Wochenend-Partyvolk („Wochenende. Saufen. Geil.“), die digital süchtigen Klickzahlenjunkies („Wunderbar“), die sinnentleerten Workaholics („Flieh von hier“), die dysfunktional-zerstrittenen Pärchen („Ja, ja, ich weiß“)… Da muss man schon sehr weit ab von allem sein, um sich an der ein oder anderen Stelle nicht selbst ertappt zu fühlen. „Adam Angst“ mag vielleicht kein Album für die nächsten zehn Jahre sein, mehr Aktualität, Zeitgeist und tolle Songs hatte 2015 jedoch kein anderes an Bord. Obendrein liefern Schönfuss und Band mit „Splitter von Granaten“ noch den definitiv wichtigsten Song des Jahres…

 

 

Benjamin Clementine2.  Benjamin Clementine – At Least For Now

Benjamin Clementines Geschichte liest sich fast wie eine moderne, musikalische Cinderella-Story: Mittelloser Junge aus *hust* „schwierigen Umständen“, der sich bereits seit Kindestagen – und das nicht nur seiner Hautfarbe wegen – als beflissener, belesener Außenseiter fühlt, flieht erst – von verheißungsvollen Versprechungen und vom Fernweh getrieben – aus dem Zig-Millionen-Einwohner-Molloch der englischen Hauptstadt und nach Paris, von dem er einst so viel las, sich so viel versprach. Dort führt er ein Vagabunden-, ein Herumtreiberdasein, schläft unter Brücken und dem freien Himmel, spielt seine Lieder in Metrostationen und wird dann und dort – endlich – von einem findigen Musikmanager erhört, der ihn alsgleich mit einem Plattenvertrag ausstattet. Und so klingen auch die pianolastigen Stücke auf dem vollkommen zu recht mit dem renommierten Mercury Prize ausgezeichneten Debütalbum „At Least For Now“: aus der Zeit gefallen, ebenso modern wie von gestern, schwelgerisch, energisch, klagend, zentnerschwer ausufernd und melancholisch in sich gekehrt. Dazu vorgetragen von einer Stimme, die zu den besondersten seit Antony Hegarty, vielleicht sogar seit Jeff Buckley und Nina Simone (welch‘ Dimensionen!) zählen darf. Man kann, man will dieses Werk gar nicht beschreiben – man sollte es hören! Meine Entdeckung des Jahres.

 

 

love a3.  Love A – Jagd und Hund

Wie schrieb ich doch in meiner Rezension zur Jahresmitte? „Eines steht fest: Frontmann Jörkk Mechenbier und seine drei Bandkumpane von Love A sind angepisst. Aus Gründen.“ Das hat sich freilich auch im Dezember noch nicht geändert, die zwölf runtergekühlten Post-Punk-Stücke des dritten Love-A-Albums haben allerdings nichts von ihrer überhitzt angewiderten Aura verloren. Wer „Adam Angst“ 2015 etwa abgewinnen konnte, der sollte auf „Jagd und Hund“ gern mal ein Ohr riskieren, schlagen die polternden Trierer Punker doch in eine ganz ähnliche Kerbe – vor allem textlich. Die Überdrehtheit der Vorgänger mag „Jagd und Hund“ nicht mit an Bord haben, doch die poppigen Ansätze und neue Introvertiertheit (beides natürlich sehr relativ zu sehen!) stehen Love A ganz ausgezeichnet.

 

 

pusicfer4.  Puscifer – Money Shot

Für Tool-Fans dürfte 2015 eigentlich als ein (weiteres) enttäuschendes Jahr in die Musikgeschichte eingehen, wurde man doch erneut wieder und wieder vertröstet in seinem Warten auf das erste neue Album seit dem 2006er Werk „10,000 Days“ (was umgerechnet gut 27 Jahren entspräche und somit der gefühlten Wartezeit näher und näher kommt). Auch für Freunde von A Perfect Circle sieht es da eigentlich kaum besser aus – trotz der Tatsache, dass vor etwa zwei Jahren mit „Stone And Echo“ ein üppiges Live-Dokument erschien. Eigentlich. Wäre da nicht das dritte, im Oktober erschiene Puscifer-Album „Money Shot“. Denn das Projekt, welches Tool- und A-Perfect-Circle-Stimme und -Fronter Maynard James Keenan vor einigen Jahren zur Auslegung verquerer (elektronischer) Ideen ins Leben gerufen hatte, hat sich über die Jahre zur veritablen Band gemausert. Und hat 2015 erstmals auch albumfüllend großartige Songs auf Lager, die fast ausnahmslos mit den bisherigen Stammbands des passionierten Winzers mithalten können (mit mehr Schlagseite zu A Perfect Circle, freilich). Den Stücken kommt vor allem zugute, dass ihnen die britische Musikerin Carina Round, die erfreulicherweise Jahr für Jahr immer tiefer mit Puscifer verwächst, eine zweite, weibliche Ebene liefert. Für Freunde von Tool und A Perfect Circle ist „Money Shot“ also Segen und Fluch zugleich – zum einen tröstet das Album fulminant über die länger werdende Wartezeit auf neue Songs hinweg, zum anderen wird es für Maynard James Keenan – mit derart feinen Songs im Puscifer-Gepäck – jedoch kaum attraktiver, zu den anderen Bands zurück zu kehren…

 

 

tobias jesso jr.5.  Tobias Jesso Jr. – Goon

Ähnlich wie bei Benjamin Clementine dürfte man beim Lebenslauf von Tobias Jesso Jr. an eine modern-männlich-musikalische Aschenputtel-Variante gedacht haben, die es dem 30-jährigen Eins-Neunzig-Schlacks dieses Jahr sogar ermöglichte, eines seiner (unveröffentlichten) Stücke auf dem Alles-Abräumer-Album „25“ von – jawoll! – Adele zu platzieren (nämlich die Single „When We Were Young„). Dass die Grande Madame des Konsenspop beim Hören von Jesso Jr.s Debüt „Goon“ sein Talent für feine, kleine Popsongs aufgefallen sein dürfte, ist allerdings nur allzu verständlich, denn immerhin ist das Album voll davon. Oder wie ich bereits im März schrieb: „Wer es schafft, bereits das eigene Debüt nach John Lennon, Paul McCartney, Harry Nilsson, Randy Newman, Billy Joel, Elton John, Todd Rundgren, Nick Drake oder Ron Sexsmith klingen zu lassen (und das, obwohl Jesso Jr. laut eigener Aussage einen Großteil dieser Künstler erst während der Arbeit an seinem Album kennen lernte), während man sich darüber hinaus noch eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt, dem gebührt jeder einzelne Applaus“. Genauso sieht’s aus.

 

 

sufjan stevens6.  Sufjan Stevens – Carrie & Lowell

Dass Sufjan Stevens großartige, zu Herzen gehende Singer/Songwriter-Kunst abliefern kann, hat der 40-Jährige in den vergangenen 15 Jahren bereits hinlänglich bewiesen. Nur wollen wollte Stevens in den zehn Jahren, die seit „ILLINOIS“ ins Land gegangenen sind, immer weniger, veröffentlichte stattdessen Verqueres wie „The Age Of Adz“ oder gar Soundtracks über Schnellstraßen-Dokus. Von daher ist die größte Überraschung, dass Sufjan Stevens tatsächlich noch einmal mit einem Werk wie „Carrie & Lowell“ ums Eck kommt. Und dass es ein derartiges Meisterwerk des bittersüßen Songwritings werden würde. Denn das wiederum hat ganz persönliche Gründe: Stevens setzt sich auf „Carrie & Lowell“ mit dem Tod seiner Mutter und seines Stiefvaters auseinander und schreibt herzzerreißende Songs über das Leben, das Sterben und alles, was danach kommen mag. Klingt nach Tränendrückern? Die gibt es zwar („Fourth Of July“), aber das Album als Ganzes stellt dabei keinen musikalischen Trauermarsch dar, vielmehr feiert Sufjan Stevens das Leben als Kreislauf – in ruhigen Tönen, wie es nur er es kann. Toll.

 

 

Ryan Adams7.  Ryan Adams – 1989

Ryan Adams covert Taylor Swift – im Studio, ein ganzes Album, und dann auch noch den Millionenseller „1989„. Was sich lesen mag wie ein – wahlweise – verfrühter oder verspäteter musikalischer Aprilscherz, war keiner. Denn der 41-Jährige mit dem ohnehin breit aufgestellten Musikgeschmack, der bereits in der Vergangenheit hinlänglich bewiesen hat, dass es im Zweifelsfall jedes Genre von Doom Metal bis HipHop (mehr oder weniger ernsthaft) für sich besetzen kann, beweist mit seinen Interpretationen von Radiohits von „Shake It Off“ bis „Bad Blood“ seine Fertigkeiten. Freilich klingen die dreizehn Stücke nun gänzlich nach Ryan Adams, doch auch er kann sich den feinen Melodien der Ausgangskompositionen nicht gänzlich entziehen. Warum auch? Im Plattenladen oder auf Spotify mögen die Fanlager von Swift und Adams ganze Universen trennen. Hier kommt zusammen, was noch vor Monaten unmöglich schien. Da war auf Twitter selbst die Ursprungsinterpretin der Schnappatmung nahe…

 

 

Florence and the Machine8.  Florence and the Machine – How Big, How Blue, How Beautiful

Gerade im Vergleich zum großartigen, fünf Jahre jungen Debüt „Lungs“ war „Ceremonials„, 2011 erschienen, eine kleine Enttäuschung, setzten sich darauf doch deutlich weniger Songs zwischen den Ohrmuscheln fest. „How Big, How Blue, How Beautiful“ nun ist wieder ein durchweg tolles Album, getrieben durch imposante Orchesterinszenierungen und erzählt von der variablen Stimme von Florence Welch. Ein spannendes Werk mit elf Geschichten, die durch ihre Musikvideos noch mitreißender werden und erneut so universelle Themen zwischen Liebe, Wut, Tod und Angst behandeln. Ein Album, das am besten als Ganzes funktioniert und ausgestattet mit einem dramatischen Sog, Songs mit Gefühlen zwischen bunter Leichtigkeit („Queen Of Peace“) und erdrückendem Drama – alle mit einer immensen Wucht, und sogar mit Saxofon! Kaum verwunderlich, aber umso erfreulicher, dass der Britin und ihrer Band damit ihre erste US-Nummer-eins gelungen ist. Florence and the Machine sind 2015 ganz oben, da wo sie hingehören.

 

 

frank turner9.  Frank Turner – Positive Songs For Negative People

Frank Turner ist einer von den Guten. Plattitüde? Logisch. Aber besser kann und will man’s gar nicht ausdrücken. Und wenn der britische Punkrocker by heart dann noch mit so guten Songs wie denen seines sechsten Solowerks „Positive Songs For Negative People“ aus dem Studio kommt, dann kann der kommende schweißnasse Festivalsommer kein ganz Schlechter werden. Und wer beim abschließenden „Song For Josh“ nicht mindestens einen Sturzbach Tränen verdrücken muss, der ist aus Stein. Oder hört Techno. Beides wäre schade um ein Paar Ohren…

 

 

noah gundersen10. Noah Gundersen – Carry The Ghost

Top 3 im Vorjahr, Top 10 in diesem – kein ganz schlechtes Ergebnis für einen 26-Jährigen, für den sich außerhalb der heimatlichen USA kaum ein Schwein (geschweige denn Hörer) zu interessieren scheint. Was schade ist, denn Noah Gundersens Songs sind nicht erst seit dem fulminanten 2014er Debüt „Ledges“ eine Wucht, die mich gar zu Vergleichen mit Damien Rice, Ryan Adams oder dem Dylan-Bob hinrissen. Und dem steht „Carry The Ghost“ (fast) in nichts nach. Freilich merkt man dem zweiten Werk des Musikers aus Seattle (!) an, dass das Leichte des Erstlings einer schweren Reife Platz machen musste, doch ist es gerade dieses Geschlossene, in welches man sich mit jedem Hördurchgang immer tiefer hinein gräbt, das „Carry The Ghost“ erneut so ergreifend macht. Freunde von Ryan Adams‘ „Love Is Hell“ sollten reinhören, wer tolle Songs für ruhige Momente sucht, natürlich auch.

 

 

…und auf den weiteren Plätzen:

Foxing – Dealer

Desaparecidos – Payola

Roger Waters – The Wall (LIVE)

Kante – In der Zuckerfabrik: Theatermusik

William Fitzsimmons – Pittsburgh

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Reuben and the Dark


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Er kommt halt nie aus der Mode: Der minnesingende Schmerzensmann. Der, der spätabends einsam-allein und von allen guten Geistern verlassen mit seiner Akustischen im Arm und einem Zauselbart im Gesicht, der die magische Drei-Tage-Grenze längst überschritten hat, auf der spärlich beleuchteten Veranda sitzt und vergeblich auf die Angebetete wartet. Der, der in einer lauen Sommernacht am Lagerfeuer hockt und zu reduzierter Gitarrenbegleitung Geschichten von seinem wilden Leben erzählt, während eine wilde Brise vom Meer heraufzieht und die Blicke aller Mädchen an seinen Lippen haften. Machen wir uns nichts vor: Typen wie diese sind – Klischee hin, Klischee her – wahre Frauenmagneten. Nicht erst seit den vor gut 15 Jahren auf die Bühne getretenen Dashboard Confessional und ihrem wohl eher unfreiwillig denn freiwillig zur Masturbationsvorlage aller US-Emo-Teengirls gewordenen Frontmann Chris Carrabba (der damals bei allem Bohei durchaus gute Songs zustande brachte). Nicht erst seit dem „ewigen Wunderkind“ Conor Oberst, der mit seinen mittlerweile 34 Lenzen durchaus zufrieden auf gut zwei (!) Jahrzehnte im Musikgeschäft und das Zutun in einer gut und gern zweistelligen Anzahl von Bands und Formationen zurückblicken kann (trotzdem hören ihm nicht wenige auch heute noch am liebsten zu, wenn Oberst solo und rein akustisch-unverstärkt seine Lieder mit zittriger Stimme vorträgt). Nicht erst seit dem ebenso großen wie abgrundtief traurigen Kloß Elliott Smith, dem legendär (zu) früh verstorbenen Jeff Buckley, der heulenden Nervensäge James Blunt, den aktuell wohl schönsten Leisetretern Bon Iver und William Fitzsimmons, dem hellen Organ eines Cat Stevens, dem engelsgleichen Duo Simon & Garfunkel, den US-Traditionalisten Bob Dylan und Woody Guthrie (wer mag, darf die Liste gern bis ins Mittelalter  – oder gar darüber hinaus – ausführen). Girls like guitars. Jüngstes Beispiel, etwa: Mumford & Sons. Sicherlich besitzen Marcus Mumford und seine drei Mitstreiter so einige (musikalische) Qualitäten, die den Erfolg auf den weltweit größten Bühnen schon früh erahnen ließen. Dazu dieses Gespür für zarte Melancholien, welche in den Strophen sanft anschwellen, um in den Refrains mit großem Hymnus und abschließenden Chorgesängen konterkariert zu werden – darauf konnten sich vorm Player wie bei Konzerten so ziemlich alle einigen, von der drögen Bankangestellten über stylische Großstadtpärchen und Punkrocker bis hin zu in Würde ergraute Rentnerpaare. Und wäre das noch nicht genug, ist es den vier englischen Musikern ein Leichtes, den Gegenüber – auch ganz ohne Musik und nur durch ihre natürliche Bodenständigkeit und Unaufgeregtheit – innerhalb von Minuten von sich zu überzeugen. Trotzdem: Auch beim schönsten Genuss setzt irgendwann einmal die gute alte Übersättigung ein. Braucht die Welt also – trotz der aktuellen Pause von Mumford & Sons – wirklich einen Lückenbüßer? Zumal da auch noch Bands wie Dry The River wären…

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All das dürfte Reuben and the Dark wohl wenig stören. In Zeiten, in denen es Musikschaffende von Jahr zu Jahr schwerer haben, ihre Kunst an den Konsumenten zu bringen (wobei die „schöne neue Digitalität“ Teufel und Weihwasser gleichzeitig darstellen dürfte), nimmt man jede positiv konnotierte Referenz natürlich gern an. Zudem liest sich der Werdegang von Frontmann Reuben Bullock quasi wie das Non-Plus-Ultra des traumjagenden Barden von Welt: Als einer der Söhne eines kanadischen Wanderpredigers aufgewachsen, verbrachte er seine Kindheit und Jugend sprichwörtlich „auf den Straßen“ Nordamerikas – und träumte mit seinen Brüdern trotzdem von der großen, von einer wilderen Welt. Die Musik bot ihm dabei schon früh einen Fluchthafen vor dem Zuviel an Spiritualität. Bullock begann zu schreiben – Gedichte, eine Gitarre rührte er laut eigenen Aussagen nicht vor dem 21. Lebensjahr an. „Pulling Up Arrows“, sein erstes von bislang zwei Soloalben, nahm er der Legende nach in einer einsamen Holzhütte im Nirgendwo Kanadas auf und reiste mit seinen Songs und der Akustischen durch die Welt. Als Christopher Hayden, seines Zeichens Schlagzeuger bei den ebenso wenig um Pathos und Größe verlegenen Florence and the Machine (auf eine wenig andere Machart), Bullocks Soloalbum zufällig in einem Shop hörte, nahm er Kontakt zu dem Sänger auf und lud ihn zuerst zu sich auf die Bühne und wenig später ins ferne London ein, um gemeinsam an Demoaufnahmen zu arbeiten. Reuben Bullock nahm diesen Karriereschritt zum Anlass, um sich eine Band aus nicht minder talentierten Freunden und Verwandten (etwa seinem jüngeren Bruder) zusammenzustellen – Reuben and the Dark waren geboren. An ihrem kürzlich beim kanadischen Indie Label Arts & Crafts erschienenen Debütalbum (noch nicht hierzulande, dafür bereits in der nordamerikanischen Heimat) arbeiteten sie, neben Hayden, mit Produzentengrößen wie Stephen Kozmeniuk (u.a. Madonna, Nicki Minaj) zusammen, während sich Jim Abbiss (u.a. Adele, Björk, DJ Shadow, Editors) für den finalen Mix verantwortlich zeichnete. „Funeral Sky„, dem elf Songs starken Ergebnis, merkt man schon an, dass es Reuben and the Dark gar nicht erst darauf anlegen, für lange Zeit als „Geheimtipp“ in kleinen Kellerclubs zu versauern. Bullocks markdurchdringendes Gesangsorgan, das zuweilen an jenes von Villagers-Frontmann Conor O’Brien denken lässt, erzählt zu oft spärlicher Gitarren- oder Pianoinstrumentierung Geschichten vom Fern- wie Heimweh, während seine Band für den reichlich sakralen Unterbau sorgt. Wie bei oben genannten Referenzbands auch wird so eine Stimmung erzeugt, die gleichzeitig alt-hergebracht wie absolut zeitgeistig wirkt. Über „Devil’s Time“, einen der zentralen auf „Funeral Sky“, weiß der Frontmann etwa stellvertretend zu berichten: „‚Devil’s Time‘ is one the oldest tunes on this record, written years ago and almost forgotten. It comes from a place of comfortable despair, of being hopeless and free… a theme that has become very present throughout the songs on ‚Funeral Sky‘.“. Wenn Reuben and the Dark auf ihrem Debüt radiofreundliche Uptemponummern vom Stapel lassen, dann auch mit ein wenig Weltschmerz der Marke Dry The River und mit den Handclaps sowie dem Hymnus von Mumford & Sons im Gepäck. Und trotz der Tatsache, dass einem kaum etwas ferner läge, als den Jungs den Vorwurf des Plagiats beziehungsweise Trittbrettfahrertums zur Last zu legen, darf freilich jeder auf die Frage, ob sich diese Band wirklich auf Dauer einen festen Platz in den persönlichen Playlists erspielen kann, seine eigene Antwort finden. Fest steht: Reuben and the Dark setzen zum Sprung an – auf leisen Sohlen von Calgary in die wilde, weite Welt. Tough guys, warm heart – It’s good to be a bard…

AC091-homepage

 

 

Hier gibt’s die Musikvideos zu den Auskopplungen „Black Water“…

…“Rolling Stone“…

…und „Bow And Arrow / A Memory’s Lament“ (übrigens ein Song, den Reuben Bullock zuvor bereits solo aufnahm)…

 

…sowie eine zehnminütige Acoustic Session in passender Landschaftskulisse anschauen…

 

…und sich hier mit „Devil’s Time“ eines der Highlights von „Funeral Sky“ anhören:

 

Rock and Roll.

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