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„Bad Reputation“ – Die Dokumentation über Punkrockerin Joan Jett


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Joan Jett? Fair enough, denn natürlich kommt sicherlich jeder und jedem zuerst ihr 1981er Nummer-eins-Hit „I Love Rock’n’Roll“ in den Sinn. Aber: Joan Jett ist so viel mehr als ebenjene Nummer, die derb-feministische Lederjacken-Attitüde mit beinahe zuckersüßem Bubblegum-Pop vereint (und später noch einmal von einer gewissen Britney Spears hervor gekramt wurde). Die heute 61-Jährige war in den wilden Siebzigern  erst federführende Gitarristin, dann Stimme und Rückgrat der All-Female-Hard-Rock-Band The Runaways (hier sei allen das sehenswerte 2010er Biopic „The Runaways“ empfohlen), nach deren Auflösung Anfang der Achtziger einflussreiche Solo-Heroin, die mit Songs und Gestus einen großen Anteil an einer ganzen Reihe von Musikstilen und Bewegungen von den „Riot Grrrls“ bis hin zum Grunge hat. Gemeinsam mit Partner und Produzent Kenny Laguna startete Jett einst ihr eigenes Label aus ihrem Kofferraum heraus, wurde von ganzen 23 Labels abgewiesen – und ging trotzdem unbeirrt ihren Weg getreu des Mottos „No bullshit, man!“. Heute gilt die engagierte und überzeugte Feministin, Menschen- und Tierrechtlerin und Punkrockerin by heart, die 2015 mit ihrer Begleitband The Blackhearts verdientermaßen in die „Rock and Roll Hall of Fame“ aufgenommen wurde, als Vorbild für ganze Generationen von Kollegen und Musiker und Musikerinnen!), von Kathleen Hanna (Bikini Kill, Le Tigre) über Laura Jane Grace (Against Me!) bis hin zu Iggy Pop, Debbie Harry (Blondie), Billie Joe Armstrong (Green Day), Pat Smear (Foo Fighters, Ex-Germs) oder Miley Cyrus. Unvergessen auch ihr Gastspiel als Kurt-Cobain-Ersatz bei „Smells Like Teen Spirit“ anlässlich Nirvanas Aufnahme in die „Rock and Roll Hall of Fame“ im Jahr 2014:

MV5BMjUwNTIzMDY5OF5BMl5BanBnXkFtZTgwMTMzMjg5NTM@._V1_SY1000_CR0,0,674,1000_AL_Die 2018 erschienene Musik-Dokumentation „Bad Reputation“ nimmt den interessierten Zuschauer mit auf einen wilden Ritt entlang des steinigen Weges, den Joan Marie „Jett“ Larkin zuerst mit den Runaways in den Siebzigern, in einem Los Angeles zwischen Disco und wilder, aufkeimender Punk-Szene, nehmen musste, dann mitten hinein in ihren Kampf um Akzeptanz und Relevanz in den Achtzigern und Neunzigern. Zusätzlich zu Interviews mit Wegbegleitern und prominenten Fans sammelte Regisseur Kevin Kerslake für die kurzweiligen 90 Minuten allerhand großartiges Archiv-Material aus Jetts Karriere zusammen. Der Tenor ist klar: Obwohl die (meist männlichen) Leute versuchten, Joan Jett nach ihrem Gusto zu formen und zu definieren, hat sie selbst kaum Kompromisse gemacht. Joan Jett ist Punkrock. Joan Jett ist das Role Model aller weiblichen Rockstars. Joan Jett ist eine der ganz Großen der Musikhistorie. Und nicht ohne Grund meint selbst Blondie-Grand-Dame Debbie Harry: „Rock n Roll Animal – I mean, if there’s ever anyone that fit that description, it’s Joan – through and through.“

 

 

Rock and Roll.

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„Girls to the front!“ – Die Dokumentation „The Punk Singer“ über „Riot Grrrl“-Sprachrohr Kathleen Hanna


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Sie gilt als „Rebel Girl“ und „Punk Feminist“. Als die Symbolfigur der Riot Grrrl-Bewegung Anfang der Neunzigerjahre und vereint feministische „Pro Choice!“-Revolution mit lautstarkem Punk Rock: Kathleen Hanna. Die 2013 erschienene Dokumentation „The Punk Singer“ zeichnet ein gleichsam persönliches wie einzigartiges Bild der Frontfrau von Bikini Kill, Le Tigre und The Julie Ruin.

 

„I’ve always thought that ‚punk‘ wasn’t really a genre. My band started in Olympia where K Records was and K Records put out music that didn’t sound super loud and aggressive. And yet they were punk because they were creating culture in their own community instead of taking their cue from MTV about what was real music and what was cool. It wasn’t about a certain fashion. It was about your ideology, it was about creating a community and doing it on your own and not having to rely on, kinda, ‚The Man‘ to brand you and say that you were okay.“

(Kathleen Hanna)

 

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Zwanzig Jahre Filmmaterial visualisieren mit collagenhaften Rückblenden sowie zahlreichen Interviews und Konzertausschnitten den Kampf für Frauenrechte und weibliche Selbstbestimmung sowie gegen Gewalt, Sexismus und männlichen Machismus. Die via Kickerstarter finanzierte Dokumentation von Regisseurin Sini Anderson taucht noch einmal ein in den DIY-Zeitgeist der frühen Neunziger und in eine ebenso wilde wie kreative Keimzelle, welche während dieser Zeit im US-amerikanischen Nordwesten um Portland, Olympia und Seattle herum entstand, und aus der eben nicht nur Bands wie Pearl Jam, Soundgarden oder Nirvana hervorgingen, sondern eben auch Bikini Kill. (Übrigens: Der Legende nach hätte es Nirvanas Grunge-Evergreen „Smells Like Teen Spirit“ ohne Kathleen Hannas Zutun so nie gegeben, schließlich entstand der Songtitel, als Hanna, die damals gut mit Frontmann Kurt Cobain befreundet war, den Satz „Kurt Smells Like Teen Spirit“ – auf deutsch: „Kurt riecht nach Teen Spirit“ – an eine Wand in dessen Wohnung schrieb, da Cobain nach dem Deodorant namens „Teen Spirit“ roch, welches seine damalige Freundin Tobi Vail benutzte. Cobain gefiel die Implikation des Satzes, also verwendete er ihn schließlich als Songtitel. Der Rest? Ist allseits bekannte Musikgeschichte.) Und obwohl gerade Bikini Kill zwar einflussreich, bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1997 jedoch lediglich leidlich kommerziell erfolgreich waren, machte gerade ihr Wirken Bands wie Pussy Riot (gerade bei den radikalen russischen Aktivistinnen ist der Einfluss unverkennbar), Gossip, Petrol Girls, War On Women oder Screaming Females erst möglich, während auch bei mit Lust die Grenzen der Konventionen sprengenden Künstlerinnen wie Amanda Palmer, Kate Nash und Miley Cyrus Hanna’sche Einflüsse deutlich erkennbar sind…

MV5BMjEzNzQxNzUxNF5BMl5BanBnXkFtZTgwMDY5MTY1MDE@._V1_UY1200_CR90,0,630,1200_AL_.jpgNeben Hanna selbst lässt Regisseurin Sini Anderson in ihrer 80-minütigen Dokumentation auch Freunde und Wegbegleiter wie Kim Gordon (Sonic Youth), Joan Jett (The Runways, Joan Jett & the Blackhearts), Carrie Brownstein und Corin Tucker (Sleater-Kinney), Johanna Fateman (Le Tigre) oder Ehemann Adam Horovitz (Beastie Boys) zu Wort kommen. Kathleen Hanna selbst nutzte vor einigen Jahren den Film, um ihr langjähriges Schweigen zu beenden und den tatsächlichen Grund ihres Rückzugs aus dem Rampenlicht im Jahr 2005, als sich ihre neue Electropunk-Band Le Tigre anschickte, größere Erfolge zu feiern und als neues Sprachrohr der LGBTQ-Bewegung zu etablieren, zu erklären. Denn obwohl es um das einstige Gesicht der Riot Grrrls still geworden sein mag (ihr letztes kreatives Lebenszeichen war 2016 das The Julie Ruin-Album „Hit Reset„), macht „The Punk Singer“ eines deutlich: heute wie damals nimmt die mittlerweile 50-jährige Ex-Bikini Kill-Frontfrau (politisch) kein Blatt vor den Mund. All girls to the front!

(Übrigens: Für all diejenigen, denen der Name Kathleen Hanna bislang rein gar nichts sagte, haben die Kollegen des ByteFM Blog eine musikalische Übersicht von „Kathleen Hanna in fünf Songs“ zusammengestellt. Feine Sache, das. Allen anderen sei so oder so der Soundtrack zu „The Punk Singer“ empfohlen.)

 

Hier gibt’s den Trailer…

 

…und hier „The Punk Singer“ komplett im Stream:

 

 

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Foto: Allison Michael Orenstein

 

Rock and Roll.

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Flimmerstunde – Teil 35


The Dead Don’t Die“ (2019)

1219346.jpg-r_1280_720-f_jpg-q_x-xxyxxPolkappen werden gefrackt und so die Untoten aufgeweckt: In Jim Jarmuschs neustem Film „The Dead Don’t Die“ macht Punkrock-Godfather Iggy Pop als Zombie Jagd auf Fleisch und Filterkaffee. Die Horrorparodie ist stellenweise so überdreht, dass sie glatt wie eine Satire auf die Klimadebatte wirkt…

Dass die beiden Dinerdamen zu den ersten Opfern gehören werden, ist gleich zu ahnen. Spätestens als die eine nicht weiß, wer Zelda Fitzgerald war, und die andere ihr empört erklärt: na, das sei doch die Frau vom Großen Gatsby! Und wer das nun wieder sein solle? So viel Unwissenheit muss wohl betraft werden… Zudem wird ihnen zum Verhängnis, dass die lokale Zombie-Variante des (fiktiven) Provinz-Städtchens Centerville scheinbar nicht nur auf frisches Blut, sondern auch auf abgestandenen Filterkaffee steht.

Bildung schützt jedoch kaum weniger vor dem Untergang, selbst filmisch-literarische nicht. Der schüchterne Horror-Nerd und Kioskbetreiber Bobby (Caleb Landry Jones) weiß sofort, mit welcher Sorte von Gegnern man es in der endzeitlichen Schlacht zu tun hat und wie man sie besiegt, doch das aus Genreklassikern bezogene Wissen um die sofortige Enthauptung der Untoten nützt ihm nicht allzu viel, als er sich mit Sägen, Messern und Heckenscheren im Baumarkt verbarrikadiert – Zombies finden schließlich immer ein Hintertürchen…

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Jim Jarmuschs neuer Streifen „The Dead Don’t Die“ ist eine Zombiefilmparodie voller kleiner Hintertüren, doppelter Böden und augenzwinkernder Metaebenen. Das fängt schon bei der prallen Starbesetzung an, für die Independent-Kult-Regisseur Jarmusch („Night On Earth“, „Coffee And Cigarettes“, „Dead Man“, „Ghost Dog“) wohl nur kurz seine Kontaktliste bemühen musste: bereits erwähnter Iggy Pop als kaffeesüchtiger Untoter, Tilda Swinton als japanophil-schottische, elfengleiche Bestattungsunternehmerin, Tom Waits als Wald-und-Wiesen-Hobo, Bill Murray, Adam Driver und Chloë Sevigny als lakonisches Polizisten-Trio, Steve Buscemi als Trump-konformer rassistischer Farmer, Wu-Tang-Clan-Rapper RZA als „WU-PS“(sic!)-Paketbote… Ebenjener Cast sorgt für jede Menge selbstironischer Witze, und hört bei den Dialogen nicht auf, denen man anmerkt, dass Jarmusch einst in einer streberhaften Epoche namens Postmoderne sozialisiert wurde.

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„Woher kenne ich diesen Song?“, fragt der superbräsige Polizeichef Cliff (Bill Murray) seinen Radio hörenden Kollegen Ronnie (Adam Driver) im Streifenwagen. Darauf der: „Na, das ist der Titelsong!“ (übrigens nur eine von etlichen Film-im-Film-Anspielungen zwischen den beiden).  „The Dead Don’t Die“, ein Song von Country-Sänger Sturgill Simpson, welchen dieser eigens für den Film aufnahm, wird so oft gespielt und sogar als CD-Cover platziert, dass der Film ebenso gut als ein überlanger Promotion-Clip durchgehen würde. Auffälliges Product Placement und Namedropping wird auch sonst eifrig betrieben, etwa für einschlägige Werke der Filmgeschichte von „Nosferatu“ über die „Nacht der lebenden Toten“ bis zu „Star Wars“, oder für Automarken. Kleiner Tipp für Neukäufer: Ein Smart eignet sich – im Fall der Fälle – prima zur Zombiejagd.

Jarmusch hat in „The Dead Don’t Die“, der in diesem Jahr die Filmfestspiele in Cannes eröffnete, einen derart hohes Melange-Level an Scherz, Satire und Ironie erreicht, dass nicht mehr unterschieden werden kann, wo tiefere Bedeutung, womöglich ernsthafte Gesellschaftskritik an Trumps US-Amerika vorliegt, und wo schlicht pure, nerdige Albernheit. Da reicht glatt die knappe Nachrichtenmeldung, dass die Ursache für die weltweite Zombie-Apokalypse in der durch rücksichtsloses Polkappenfracking ausgelösten Verschiebung des irdischen Magnetfeldes zu finden ist, schließlich ist sich der halbe Cast bereits sicher, dass man es hier nun mit untoten Wiedergängern zu tun habe.

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Macht sich Jarmusch also über die Endzeitszenarien der Klimaschützer lustig? Oder etwa über den von Serien wie „The Walking Dead“ ausgelösten Zombie-Hype? Da würde man dem Film wohl zu viel Tiefe beimessen. Der Running Gag von Officer Ronnie lautet, dass alles böse enden wird. Als der Chief ihn kurz vor dem Showdown fragt, woher er das denn gewusst habe, ist die Antwort, er habe halt vorher das Drehbuch gelesen. Albern? Wohl eher. Weiter gedacht? Ach was!

Zwar unterhaltsam, jedoch andererseits auch wenig originell ist Jarmuschs an Allzeit-Klassiker wie George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ oder Peter Jacksons Splatter’n’Gore-Festival „Braindead“ angelehnte Interpretation des Zombie-Motivs, das uns alle zu untoten Sklaven unsere Süchte und Begierden macht. Der Kampfruf lautet „Chardonnay!“, den Weinfreunden und Kaffeejunkies folgen noch die Drogen-, Süßstoff- und Handysüchtigen (und den Begriff „Smombie“ gab’s schließlich bereits vor Jarmusch Film). Die implementierte Kulturkritik wirkt schlichtweg zu überzogen, als dass sie ernst gemeint sein könnte.

Gleiches gilt für den hier verfilmten Hass auf Hipster: Drei durchreisende Großstädter (einen davon mimt Pop-Sternchen Selena Gomez, ein anderer sieht glatt ihrem Ex Justin Bieber ähnlich) werden erst von den Zombies blutig vernascht, bevor Ronnie mit der Machete noch einmal auf Nummer sicher geht. Spätestens wenn er triumphierend den Kopf von Träller-Star Gomez schwenkt, ahnt man, dass hier die misanthropen (und misogynen) Gäule mit Jarmusch durchgegangen sind.

Schlussendlich „The Dead Don’t Die“ ist ein zwar unterhaltsames, jedoch mäßig lustiges, mittelprächtiges Alterswerk (zumindest, wenn man es mit dem Rest der Jarmusch’schen Filmografie in Vergleich bringt), dem man den Ehrgeiz, alsbald Kultfilm zu werden, leider in fast jeder Einstellung anmerkt (während der 66-jährige US-Regisseur dafür Handlung und Drehbuch leider etwas außer Acht ließ) – da war etwa die derb gewitzte Komödie „Zombieland„, in der – nebst Woody Harrelson, Jesse Eisenberg, Emma Stone und Abigail Breslin – Bill Murray ebenfalls eine (kleinere) Rolle innehatte, doch etwas gelungener. Die galgenhumorige Botschaft des Films fasst Waldschrat Tom Waits am Schluss so zusammen: „Die Welt ist gefickt“. Wenn für die Menschheit wirklich alles längst zu spät ist, dann sollte uns doch wenigstens die Zelluloid-Kunst überdauern können…

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Beatsteaks vs. Dirk von Lowtzow – „French Disko“


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Wenn sich die Berliner Beatbuletten und Dirk von Lowtzow, hauptberuflich und bekanntlich Frontmann von der Hamburger Band Tocotronic, zusammentun, dann wohl nur aus gutem Grund. Nun, derer gibt es wohl gleich mehrere.

No. 1: Sowohl die seit jeher nie um Eingängigkeit und Festivaltauglichkeit verlegene Punkrock-Institution aus der Hauptstadt als auch von Lowtzow, dessen Band in den Neunzigern mal als heißestes Eisen der „Hamburger Schule“ (übrigens ein Musikrichtungslabel, das ebenso viel- wie nichtssagend ist wie etwa „Grunge“) verschrieen war, in den letzten Jahren und von Album zu Album (zuletzt erschien 2015 das selbstbetitelte „Rote Album“) jedoch qualitativ mehr und mehr abgebaut hat und heutzutage mehr Feuilleton- denn Publikumsliebling ist, sind Fans des 2010 erschienenen Romans „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf. Nie gehört? Nun, in dem Bestseller, welcher sich bislang mehr als zwei Millionen Mal verkaufte, schildert der 2013 verstorbene Autor die Erlebnisse zweier 14-Jähriger aus Berlin, die mit einem gestohlenen Lada durch die ostdeutsche Provinz fahren. Die Handlung spielt in den Sommerferien und wird aus der Perspektive von Maik Klingenberg, einem der beiden Protagonisten, erzählt.

No. 2: Fatih Akin. 43-jähriger  Filmregisseur, Drehbuchautor, Darsteller und Produzent in Personalunion und spätestens seit den Nuller-Jahren und Filme wie „Gegen die Wand“, „Solino“, „Chiko“, „Soul Kitchen“ oder „Blutzbrüdaz“ einer der besten und angesagtesten Filmemacher, die das deutsche Kino zu bieten hat. Genau dieser Fatih Akin, gebürtiger Hamburger türkischer Abstammung, hat sich nun eben – da er selbst ebenfalls zu den Bewunderern des verstorbenen Autors, welcher wie er aus Hamburg stammte, zählt – „Tschick“ vorgenommen und den Herrndorf-Jugendroman für die große Leinwand umgesetzt. Und da beim bekennenden Musikfan Akin seit jeher die Soundtracks seiner Filme einen gewichtigen Teil zum Gesamtkunstwerk beitragen, hat sich dieser – neben Songs von K.I.Z., den Beginnern, Courtney Barnett, Richard Clayderman, Bilderbuch, Seeed oder Royal Blood (allein diese Mischung verrät schon Vieles) – auch die Beatsteaks und Dirk von Lowtzow ins Boot geholt. Eigenartige Mischung? In der Tat. Aber wer kann einer arschcoolen hanseatischen Socke wie Akin schon eine Bitte abschlagen? Eben.

tschick-ost-misc_gallery_big_retinaNo. 3: „French Disko“. Die Idee, ein Coverversion des 1993 erschienenen Stücks der britischen Indie-Band Stereolab aufzunehmen, kam aus Berlin (also von den Beatsteaks). Mag sein, dass sich Frontmann Arnim Teutoburg-Weiß und Co. bei ihrer Wahl ein klein wenig von den Editors inspirieren ließen, die den Song bereits vor zehn Jahren fulminant (seinerzeit als B-Seite) gecovert haben. Dass man sich ausgerechnet mit dem nicht unbedingt naheliegenden von Lowtzow zusammentat, der daraufhin den Text – freilich – auf Deutsch umschrieb, ist jedoch mehr als mutig. Besser noch: das Experiment geht vollends auf. Der erste neue Beatsteaks-Song seit zwei Jahren klingt im besten Sinne durchgerockt und treibend, und so gut und zupackend hat man Dirk von Lowtzow, der mit den Tocos – seien wir ehrlich – immer mehr ins Egale abdriftet, schon lang nicht mehr gehört. Da wünscht man sich sich doch, dass es nicht bei der einmaligen Soundtrack-Zusammenarbeit bleiben wird (zumal ich mir speziell von den Beatsteaks mehr in deutscher Sprache gesungene Songs erhoffen würde).

No. 4: Auch das Musikvideo zur Neuinterpretation des Stereolab-Klassikers, in welchem Teutoburg-Weiß und von Lowtzow zwei suffköpfige Automechaniker spielen, die von einem der beiden jungen Film-Hauptdarsteller erst betrunken, dann um ein halb schrottreifes Auto ärmer gemacht werden, ist absolut sehenswert und macht schonmal Lust auf Akins neusten Kinofilm.

 

 

Hier gibt’s den Trailer zur Fatih-Akin-Verfilmung von „Schick“, welche ab dem 15. September – bestenfalls – im Kino Ihres Vertrauens zu sehen sein wird:

 

Rock and Roll.

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Philosophieren mit „Gremlins“


Humor + philosophisches Gedankenspiel + einer meiner absoluten Lieblingsfilme = genau mein Ding.

Und wer’s nicht auf Anhieb versteht, der darf gern ein, zwei Momente länger drüber sinnieren und/oder sich den ersten sowie zweiten Teil von „Gremlins“ (von 1984 beziehungsweise 1990 – beide gibt’s hier auf Blu-ray für kleines Geld) geben. Immer noch klasse Filme, wenn ihr mich fragt…

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(gefunden bei Facebook)

 

 

Rock and Roll.

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„The Pursuit of iHappiness“ – Steve Jobs‘ letzte Worte… oder etwa doch nicht?


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Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Bei jeglicher Information, die man so im weltweiten Netz findet, ist erst einmal ein gesundes Maß an Skeptizismus angebracht. Heißt also: erst einmal hinterfragen und das, was man liest, nicht gleich einhundertprozentig für bare Münze nehmen. Denn auch da gibt sich das Internet janusköpfig – man findet für so ziemlich jeden Fetzen (Fehl)Information eine zweite, die dem gerade Gelesenen nicht selten komplett widerspricht. Was soll man da nur glauben?

Neustes populäres Beispiel hier: ein sogenanntes „deathbed essay“ (also etwas, was eine Person seinen Vertrauten am Totenbett diktiert haben könnte, um der Nachwelt eine Botschaft zu hinterlassen) des 2011 verstorbenen Apple-Kopfes Steve Jobs, welches irgendwann im November 2015 plötzlich in den digitalen Sphären auftauchte. Damit ihr euch – bevor ich mit weiteren Fakten zur potentiellen Echtheit rausrücke – selbst eine Meinung bilden könnt, gibt’s hier zunächst den kompletten Text:

 

“I reached the pinnacle of success in the business world. In others’ eyes, my life is an epitome of success.

However, aside from work, I have little joy. In the end, wealth is only a fact of life that I am accustomed to.

At this moment, lying on the sick bed and recalling my whole life, I realize that all the recognition and wealth that I took so much pride in, have paled and become meaningless in the face of impending death.

In the darkness, I look at the green lights from the life supporting machines and hear the humming mechanical sounds, I can feel the breath of god of death drawing closer …

Now I know, when we have accumulated sufficient wealth to last our lifetime, we should pursue other matters that are unrelated to wealth…

Should be something that is more important:

Perhaps relationships, perhaps art, perhaps a dream from younger days.

Non-stop pursuing of wealth will only turn a person into a twisted being, just like me.

God gave us the senses to let us feel the love in everyones heart, not the illusions brought about by wealth.

The wealth I have won in my life I cannot bring with me. What I can bring is only the memories precipitated by love.

That’s the true riches which will follow you, accompany you, giving you strength and light to go on.

Love can travel a thousand miles. Life has no limit. Go where you want to go. Reach the height you want to reach. It is all in your heart and in your hands.

What is the most expensive bed in the world?

Sick bed …

You can employ someone to drive the car for you, make money for you but you cannot have someone to bear the sickness for you.

Material things lost can be found. But there is one thing that can never be found when it is lost — Life.

When a person goes into the operating room, he will realize that there is one book that he has yet to finish reading — Book of Healthy Life.

Whichever stage in life we are at right now, with time, we will face the day when the curtain comes down.

Treasure Love for your family, love for your spouse, love for your friends.

Treat yourself well. Cherish others.”

 

newsweek2Liest sich gut, oder? Könnte so von dem visionären Apfel-Mann stammen, der mit (s)einer Produktreihe vom iPod über MacBook, iMac, AppleTV und freilich iPhone die digitale Welt und damit unser aller Leben – in welcher mehr oder minder direkten Weise auch immer – auf ewig verändert hat, oder? Schließlich war Steve Jobs zeitlebens (nicht nur) der Öffentlichkeit ein wandelndes Mysterium voller Widersprüche: als Sohn eines syrischen Politikstudenten und einer deutschstämmigen US-Amerikanerin zur Adoption freigegeben, als Jugendlicher eher ein technikaffiner Nerd denn ein Draufgänger, schon jung an Spiritualität interessiert, aber dennoch eiskalt, wenn es um Innovation und Erfolg ging – auch und gerade zu den engsten Menschen in seinem Umfeld. Und irgendwie liest sich dieses „deathbed essay“ ein wenig wie Jobs‘ bereits zu Lebzeiten legendäre, stets sehnlichst erwartete Produktpräsentationen, bei denen selbst Kritiker unumwunden zugeben, dass der kalifornische Unternehmer es wie kein Zweiter verstand, teure technische Spielereinen zum Must-have der Saison zu machen, oder?

Nun, falls ihr all diesem angeblichen Glanz auf den Leim gegangen seid (was auch keineswegs verwerflich ist – wäre mir auch beinahe passiert), so muss ich euch wohl nach eigener Recherche enttäuschen, denn dieses „deathbed essay“ ist – so gut und täuschend echt es sich beim Lesen nach Steve Jobs‘ inspirierendem Stil anfühlen mag – mutmaßlich eben nicht echt.

Warum? Das fasst etwa diese Seite gut zusammen, dröselt die einzelnen Stellen des „deathbed essay“ auf und widerlegt dabei gnadenlos seine Echtheit. Hier sind noch einmal die wichtigsten Hinweise, welche all jenen offensichtlich sein dürften, die sich – ob nun mehr oder weniger detailliert – mit Jobs‘ Biografie beschäftigt haben:

  • Wieso sollte eine – auch für Jobs‘ selbst – vermeintlich so wichtige Botschaft an die Nachwelt und all die Millionen Apple-Fanboys und -girls erst längere Zeit – also ganze vier Jahre – nach Steve Jobs‘ Tod plötzlich und so mir nichts, dir nichts im Internet auftauchen?
  • Dieses Essay findet in keiner der offiziellen oder inoffiziellen Biografien über den Apfel-Mann (für erstere wäre wohl Walter Isaacsons „Steve Jobs: Die autorisierte Biografie des Apple-Gründers“ erwähnenswert, fürs Inoffizielle empfehle ich die kürzlich erschienene, überaus kritische Dokumentation „Steve Jobs: The Man In The Machine„) Erwähnung. Eigenartig? Sehr. Vergessen? Wohl kaum.
  • Durch die Veröffentlichung der Trauerrede von Jobs‘ Schwester Mona Simpson, welche im Oktober 2011 in der „New York Times“ erschien, wissen wir um die tatsächlichen letzten Worte des legendären asketisch lebenden Rollkragenpulli-und-Nickelbrillenträgers: „OH WOW. OH WOW. OH WOW.“ In Großbuchstaben. Zwei Worte, zwei mal wiederholt – ebenso enigmatisch wie die Entwicklerbüros in Cupertino. Doch auch hier haben sich journalistische Fachkräfte – sogar vom renommierten „Wall Street Journal“ – Gedanken gemacht…
  • Steve Jobs starb am 5. Oktober 2011 keineswegs in einem Krankenhaus, sondern zu Hause in Palo Alto, Kalifornien an den Folgen (s)einer langjährigen, immer wieder auftretenden Krebserkrankung.
  • So sehr Jobs und seine Familie auch um die Wahrung ihrer Privatsphäre besorgt waren (was sich bei einer so öffentlich wahrgenommenen Person wie Steven Paul Jobs freilich zeitweilig schwierig gestaltet), so wissen wir doch, dass der damals 56-Jährige weder zum Zeitpunkt seines Todes noch kurz bevor an lebenserhaltende Instrumente angeschlossen war. Und: Wie hätte er dann dieses Essay diktieren können?
  • Jobs glaubte keineswegs an Gott – er war – spätestens nachdem er in den Siebzigern Indien bereiste und sich dort tiefer mit dem Hinduismus und Buddhismus beschäftigte – praktizierender Zen-Buddhist (auch wenn er von seinen Adoptiveltern im christlichen Glauben erzogen wurde).
  • Steve Jobs hatte keineswegs Angst vor dem Tod. Vielmehr machte er sich das Lebensende selbst zunutze und befand, wie er in einer Rede an der Stanford University im Jahr 2005 sagte: „Death is very likely the single best invention of life“. Außerdem dürfte den meisten von Jobs‘ Inspirierten folgendes Zitat nicht fremd vorkommen: „Your time is limited, so don’t waste it living someone else’s life. Don’t be trapped by dogma — which is living with the results of other people’s thinking. Don’t let the noise of others’ opinions drown out your own inner voice. And most important, have the courage to follow your heart and intuition. They somehow already know what you truly want to become. Everything else is secondary.“ Oder auch:quotes-on-innovation-and-creativity-4
  • Obwohl Jobs zweifelsohne nach Erfolg strebte (und für diesen auch nicht vor unfeinen Mitteln nicht zurückschreckte) und Apple von der Garagen-Schnappsidee dreier kalifornischer Techniknerds (neben ihm waren bei der Gründung von Apple am 1. April 1976 noch Steve Wozniak und Ronald Wayne beteiligt) durch seinen Zwang zur stetigen Neuerung zeitweise zur teuersten Marke machte, ging es ihm persönlich – der Annehmlichkeit eines geschätzten 8,3-Milliarden-US-Dollar-Reichtums (laut Forbes Magazine, März 2011) zum Trotz – kaum um monetären Erfolg. So beschloss Jobs 1997, als er nach zwölfjähriger Abstinenz zu seiner mittlerweile kriselnden Herzensangelegenheit Apple zurückkehrte, sich ein Jahressalär von *hust* 1 – in Worten: einem – US-Dollar zu zahlen – auch das konnte er sich freilich nur leisten, nachdem er in seiner Post-Apple-Zeit Firmen wie „NeXT“ oder „Pixar“ (also die Animationsfilmschmiede, welche für Großartiges wie „Toy Story“ oder „Findet Nemo“ verantwortlich ist) erst groß machte, um sie dann äußerst gewinnbringend weiterzuverkaufen (an Canon beziehungsweise Disney). Auch Bonuszahlungen gingen zeitlebens nie (offiziell) auf seinem Bankkonto ein. Ihm ging es beim Kassenschlagern wie dem iPod oder iPhone stets nur um seine viel gerühmte Vision. Mission accomplished? Mehr als das.

Mit diesen Hinweisen liest sich das vermeintlich von Steve Jobs stammende „deathbed essay„, welches seit November 2015 immer wieder in den sozialen Netzwerken oder anderen Teilen des weltweiten Netzes auftaucht und in seiner „Lebe dein Leben in vollen Zügen und mit gutem Gewissen“-Manier vorschnell dem ebenso spirituellen wie inspirierenden Apfel-Mann zugeschrieben wird, gleich ganz anders. Und sollte ein mahnendes Beispiel dafür sein, nicht allen zu Buchstaben oder bewegten Bildern zusammengesetzten Nullen und Einsen im Internet bedingungslos Glauben zu schenken…

 

 

Wer nicht lesen und es eher visuell mag, dem sei – wie bereits weiter oben erwähnt – die 2015 erschienene, Jobs-und-Apple-kritische Dokumentation „Steve Jobs: The Man In The Machine“ des Oscar-prämierten Regisseurs Alex Gibney („Going Clear: Scientology and the Prison of Belief“) ans Herz gelegt…

(*Zwinker* Man kann ja mal nach einem Stream suchen… *Zwinker*)

…und auch die beiden, 2013 und 2015 erschienenen Biopic-Kinofilme „Jobs“ und „Steve Jobs„, in denen Ashton Kutcher beziehungsweise Michael Fassbinder die Rolle des charismatischen Apfel-Mannes übernahmen, sind durchaus sehenswert:

 

Rock and Roll.

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