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„Grouch“ – die gelungene „Joker“-Parodie von „Saturday Night Live“


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Todd Phillips‘ „Joker„-Comicverfilmung, in der Hauptdarsteller Joaquin Phoenix in der Rolle von Batmans Erzfeind eine One Man Show allerbester – und definitiv Oscar-reifer – Güte abliefert, liegt derzeit keineswegs unbegründet – und teilweise rekordverdächtig – an den Kino-Kassen sowie in der Kritiker-Gunst (ein Goldener Löwe für den „Besten Film“ bei den Filmfestspielen in Venedig in diesem Jahr, eine derzeitige Wertung von 8,9 bei imdb) vorn. Ich selbst habe mir den Film, über den sich Journalisten aktuell dies- wie jenseits des weltweiten Netzes die Finger wund tippen, gestern auf der großen Leinwand gegönnt und kann zugeben: ich hätte mir Joaquin Phoenix‘ grandios gradwandernde One Man Show auch noch gut und gern zwei weitere Stunden geben können. Im Prinzip handeln der Film – und hier liegt wohl bereits der größte Unterschied zu so großartigen „Joker“-Mimen wie Heath Ledger oder Jack Nicholson – von Arthur Fleck, einem leidlich komischen Clown-Darsteller und Möchtegern-Standup-Comedian, den seine Biografie und sein Umfeld immer weiter in eine depressive Psychose abgleiten lassen, bis um ihn herum alles in gewaltbereites Chaos abgleitet (und sich so schlussendlich das Äußere seinem Inneren anpasst). Die Bezüge auf das vorhandenen DC-Universum (inklusive der Batman-Story), die von Todd Phillips, der vorher eher auf derbe Klamauk-Komödien wie „Old School“ oder die „Hangover“-Trilogie abonniert war, nebenbei mehr oder minder eingebunden werden, sind da lediglich etwas bemühtes Beiwerk (und natürlich chronologisch absoluter Quatsch). Ergo: Wer einen (Anti-)Superhelden-Film mit derber Action oder eine zweite Joker-Darstellung á la Heath Ledger erwartet, der wird aus  „Joker“ derb enttäuscht rausgehen. In Summe für mich eine etwas andere, jedoch die bisher schlüssigste Joker-Darstellung bislang. Und so oder so einer der streitbarsten, aber – auch deshalb – besten Filme des Jahres.

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Dass bei all dem Medien-Hype Parodien nicht allzu lange auf sich warten lassen (und sogar, wie hier, recht spooky bis amüsant anmuten), beweist etwa NBC’s „Saturday Night Live„. Die ebenso beliebte wie bekannte US-Show entwickelt um Gast-SNL-Host und „Stranger Things“-Star David Harbour ihren ganz eigenen Plot, in dem Arthur Flecks Gotham City-Bronx mal eben an die Sesame Street verlegt wird, in der Graf Zahl Psychopillen zählt, Elmo als mexikanische Straßendirne in Polizeigewahrsam genommen wird, das Cookie-Monster um Gebäck bettelt, Bibo als Peep-Show-Tänzerin Männerfantasien anheizt, Ernie für sein geliebtes Quietscheentchen Leib und Leben riskiert – und Harbour als griesgrämiger Mülltonnen-Schubser „Grouch“ die Joker-eske Abwärtsspirale geradeaus in den Wahnsinn nimmt – nach dem Motto: “If everybody calls you trash, and everyone treats you like trash, why don’t you become trash?”. Gelungene Parodie. Düster. Saukomisch. Und: garantiert nicht kindgerecht.

 

 

Rock and Roll.

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„Bad Reputation“ – Die Dokumentation über Punkrockerin Joan Jett


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Joan Jett? Fair enough, denn natürlich kommt sicherlich jeder und jedem zuerst ihr 1981er Nummer-eins-Hit „I Love Rock’n’Roll“ in den Sinn. Aber: Joan Jett ist so viel mehr als ebenjene Nummer, die derb-feministische Lederjacken-Attitüde mit beinahe zuckersüßem Bubblegum-Pop vereint (und später noch einmal von einer gewissen Britney Spears hervor gekramt wurde). Die heute 61-Jährige war in den wilden Siebzigern  erst federführende Gitarristin, dann Stimme und Rückgrat der All-Female-Hard-Rock-Band The Runaways (hier sei allen das sehenswerte 2010er Biopic „The Runaways“ empfohlen), nach deren Auflösung Anfang der Achtziger einflussreiche Solo-Heroin, die mit Songs und Gestus einen großen Anteil an einer ganzen Reihe von Musikstilen und Bewegungen von den „Riot Grrrls“ bis hin zum Grunge hat. Gemeinsam mit Partner und Produzent Kenny Laguna startete Jett einst ihr eigenes Label aus ihrem Kofferraum heraus, wurde von ganzen 23 Labels abgewiesen – und ging trotzdem unbeirrt ihren Weg getreu des Mottos „No bullshit, man!“. Heute gilt die engagierte und überzeugte Feministin, Menschen- und Tierrechtlerin und Punkrockerin by heart, die 2015 mit ihrer Begleitband The Blackhearts verdientermaßen in die „Rock and Roll Hall of Fame“ aufgenommen wurde, als Vorbild für ganze Generationen von Kollegen und Musiker und Musikerinnen!), von Kathleen Hanna (Bikini Kill, Le Tigre) über Laura Jane Grace (Against Me!) bis hin zu Iggy Pop, Debbie Harry (Blondie), Billie Joe Armstrong (Green Day), Pat Smear (Foo Fighters, Ex-Germs) oder Miley Cyrus. Unvergessen auch ihr Gastspiel als Kurt-Cobain-Ersatz bei „Smells Like Teen Spirit“ anlässlich Nirvanas Aufnahme in die „Rock and Roll Hall of Fame“ im Jahr 2014:

MV5BMjUwNTIzMDY5OF5BMl5BanBnXkFtZTgwMTMzMjg5NTM@._V1_SY1000_CR0,0,674,1000_AL_Die 2018 erschienene Musik-Dokumentation „Bad Reputation“ nimmt den interessierten Zuschauer mit auf einen wilden Ritt entlang des steinigen Weges, den Joan Marie „Jett“ Larkin zuerst mit den Runaways in den Siebzigern, in einem Los Angeles zwischen Disco und wilder, aufkeimender Punk-Szene, nehmen musste, dann mitten hinein in ihren Kampf um Akzeptanz und Relevanz in den Achtzigern und Neunzigern. Zusätzlich zu Interviews mit Wegbegleitern und prominenten Fans sammelte Regisseur Kevin Kerslake für die kurzweiligen 90 Minuten allerhand großartiges Archiv-Material aus Jetts Karriere zusammen. Der Tenor ist klar: Obwohl die (meist männlichen) Leute versuchten, Joan Jett nach ihrem Gusto zu formen und zu definieren, hat sie selbst kaum Kompromisse gemacht. Joan Jett ist Punkrock. Joan Jett ist das Role Model aller weiblichen Rockstars. Joan Jett ist eine der ganz Großen der Musikhistorie. Und nicht ohne Grund meint selbst Blondie-Grand-Dame Debbie Harry: „Rock n Roll Animal – I mean, if there’s ever anyone that fit that description, it’s Joan – through and through.“

 

 

Rock and Roll.

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„Girls to the front!“ – Die Dokumentation „The Punk Singer“ über „Riot Grrrl“-Sprachrohr Kathleen Hanna


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Sie gilt als „Rebel Girl“ und „Punk Feminist“. Als die Symbolfigur der Riot Grrrl-Bewegung Anfang der Neunzigerjahre und vereint feministische „Pro Choice!“-Revolution mit lautstarkem Punk Rock: Kathleen Hanna. Die 2013 erschienene Dokumentation „The Punk Singer“ zeichnet ein gleichsam persönliches wie einzigartiges Bild der Frontfrau von Bikini Kill, Le Tigre und The Julie Ruin.

 

„I’ve always thought that ‚punk‘ wasn’t really a genre. My band started in Olympia where K Records was and K Records put out music that didn’t sound super loud and aggressive. And yet they were punk because they were creating culture in their own community instead of taking their cue from MTV about what was real music and what was cool. It wasn’t about a certain fashion. It was about your ideology, it was about creating a community and doing it on your own and not having to rely on, kinda, ‚The Man‘ to brand you and say that you were okay.“

(Kathleen Hanna)

 

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Zwanzig Jahre Filmmaterial visualisieren mit collagenhaften Rückblenden sowie zahlreichen Interviews und Konzertausschnitten den Kampf für Frauenrechte und weibliche Selbstbestimmung sowie gegen Gewalt, Sexismus und männlichen Machismus. Die via Kickerstarter finanzierte Dokumentation von Regisseurin Sini Anderson taucht noch einmal ein in den DIY-Zeitgeist der frühen Neunziger und in eine ebenso wilde wie kreative Keimzelle, welche während dieser Zeit im US-amerikanischen Nordwesten um Portland, Olympia und Seattle herum entstand, und aus der eben nicht nur Bands wie Pearl Jam, Soundgarden oder Nirvana hervorgingen, sondern eben auch Bikini Kill. (Übrigens: Der Legende nach hätte es Nirvanas Grunge-Evergreen „Smells Like Teen Spirit“ ohne Kathleen Hannas Zutun so nie gegeben, schließlich entstand der Songtitel, als Hanna, die damals gut mit Frontmann Kurt Cobain befreundet war, den Satz „Kurt Smells Like Teen Spirit“ – auf deutsch: „Kurt riecht nach Teen Spirit“ – an eine Wand in dessen Wohnung schrieb, da Cobain nach dem Deodorant namens „Teen Spirit“ roch, welches seine damalige Freundin Tobi Vail benutzte. Cobain gefiel die Implikation des Satzes, also verwendete er ihn schließlich als Songtitel. Der Rest? Ist allseits bekannte Musikgeschichte.) Und obwohl gerade Bikini Kill zwar einflussreich, bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1997 jedoch lediglich leidlich kommerziell erfolgreich waren, machte gerade ihr Wirken Bands wie Pussy Riot (gerade bei den radikalen russischen Aktivistinnen ist der Einfluss unverkennbar), Gossip, Petrol Girls, War On Women oder Screaming Females erst möglich, während auch bei mit Lust die Grenzen der Konventionen sprengenden Künstlerinnen wie Amanda Palmer, Kate Nash und Miley Cyrus Hanna’sche Einflüsse deutlich erkennbar sind…

MV5BMjEzNzQxNzUxNF5BMl5BanBnXkFtZTgwMDY5MTY1MDE@._V1_UY1200_CR90,0,630,1200_AL_.jpgNeben Hanna selbst lässt Regisseurin Sini Anderson in ihrer 80-minütigen Dokumentation auch Freunde und Wegbegleiter wie Kim Gordon (Sonic Youth), Joan Jett (The Runways, Joan Jett & the Blackhearts), Carrie Brownstein und Corin Tucker (Sleater-Kinney), Johanna Fateman (Le Tigre) oder Ehemann Adam Horovitz (Beastie Boys) zu Wort kommen. Kathleen Hanna selbst nutzte vor einigen Jahren den Film, um ihr langjähriges Schweigen zu beenden und den tatsächlichen Grund ihres Rückzugs aus dem Rampenlicht im Jahr 2005, als sich ihre neue Electropunk-Band Le Tigre anschickte, größere Erfolge zu feiern und als neues Sprachrohr der LGBTQ-Bewegung zu etablieren, zu erklären. Denn obwohl es um das einstige Gesicht der Riot Grrrls still geworden sein mag (ihr letztes kreatives Lebenszeichen war 2016 das The Julie Ruin-Album „Hit Reset„), macht „The Punk Singer“ eines deutlich: heute wie damals nimmt die mittlerweile 50-jährige Ex-Bikini Kill-Frontfrau (politisch) kein Blatt vor den Mund. All girls to the front!

(Übrigens: Für all diejenigen, denen der Name Kathleen Hanna bislang rein gar nichts sagte, haben die Kollegen des ByteFM Blog eine musikalische Übersicht von „Kathleen Hanna in fünf Songs“ zusammengestellt. Feine Sache, das. Allen anderen sei so oder so der Soundtrack zu „The Punk Singer“ empfohlen.)

 

Hier gibt’s den Trailer…

 

…und hier „The Punk Singer“ komplett im Stream:

 

 

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Foto: Allison Michael Orenstein

 

Rock and Roll.

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Flimmerstunde – Teil 35


The Dead Don’t Die“ (2019)

1219346.jpg-r_1280_720-f_jpg-q_x-xxyxxPolkappen werden gefrackt und so die Untoten aufgeweckt: In Jim Jarmuschs neustem Film „The Dead Don’t Die“ macht Punkrock-Godfather Iggy Pop als Zombie Jagd auf Fleisch und Filterkaffee. Die Horrorparodie ist stellenweise so überdreht, dass sie glatt wie eine Satire auf die Klimadebatte wirkt…

Dass die beiden Dinerdamen zu den ersten Opfern gehören werden, ist gleich zu ahnen. Spätestens als die eine nicht weiß, wer Zelda Fitzgerald war, und die andere ihr empört erklärt: na, das sei doch die Frau vom Großen Gatsby! Und wer das nun wieder sein solle? So viel Unwissenheit muss wohl betraft werden… Zudem wird ihnen zum Verhängnis, dass die lokale Zombie-Variante des (fiktiven) Provinz-Städtchens Centerville scheinbar nicht nur auf frisches Blut, sondern auch auf abgestandenen Filterkaffee steht.

Bildung schützt jedoch kaum weniger vor dem Untergang, selbst filmisch-literarische nicht. Der schüchterne Horror-Nerd und Kioskbetreiber Bobby (Caleb Landry Jones) weiß sofort, mit welcher Sorte von Gegnern man es in der endzeitlichen Schlacht zu tun hat und wie man sie besiegt, doch das aus Genreklassikern bezogene Wissen um die sofortige Enthauptung der Untoten nützt ihm nicht allzu viel, als er sich mit Sägen, Messern und Heckenscheren im Baumarkt verbarrikadiert – Zombies finden schließlich immer ein Hintertürchen…

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Jim Jarmuschs neuer Streifen „The Dead Don’t Die“ ist eine Zombiefilmparodie voller kleiner Hintertüren, doppelter Böden und augenzwinkernder Metaebenen. Das fängt schon bei der prallen Starbesetzung an, für die Independent-Kult-Regisseur Jarmusch („Night On Earth“, „Coffee And Cigarettes“, „Dead Man“, „Ghost Dog“) wohl nur kurz seine Kontaktliste bemühen musste: bereits erwähnter Iggy Pop als kaffeesüchtiger Untoter, Tilda Swinton als japanophil-schottische, elfengleiche Bestattungsunternehmerin, Tom Waits als Wald-und-Wiesen-Hobo, Bill Murray, Adam Driver und Chloë Sevigny als lakonisches Polizisten-Trio, Steve Buscemi als Trump-konformer rassistischer Farmer, Wu-Tang-Clan-Rapper RZA als „WU-PS“(sic!)-Paketbote… Ebenjener Cast sorgt für jede Menge selbstironischer Witze, und hört bei den Dialogen nicht auf, denen man anmerkt, dass Jarmusch einst in einer streberhaften Epoche namens Postmoderne sozialisiert wurde.

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„Woher kenne ich diesen Song?“, fragt der superbräsige Polizeichef Cliff (Bill Murray) seinen Radio hörenden Kollegen Ronnie (Adam Driver) im Streifenwagen. Darauf der: „Na, das ist der Titelsong!“ (übrigens nur eine von etlichen Film-im-Film-Anspielungen zwischen den beiden).  „The Dead Don’t Die“, ein Song von Country-Sänger Sturgill Simpson, welchen dieser eigens für den Film aufnahm, wird so oft gespielt und sogar als CD-Cover platziert, dass der Film ebenso gut als ein überlanger Promotion-Clip durchgehen würde. Auffälliges Product Placement und Namedropping wird auch sonst eifrig betrieben, etwa für einschlägige Werke der Filmgeschichte von „Nosferatu“ über die „Nacht der lebenden Toten“ bis zu „Star Wars“, oder für Automarken. Kleiner Tipp für Neukäufer: Ein Smart eignet sich – im Fall der Fälle – prima zur Zombiejagd.

Jarmusch hat in „The Dead Don’t Die“, der in diesem Jahr die Filmfestspiele in Cannes eröffnete, einen derart hohes Melange-Level an Scherz, Satire und Ironie erreicht, dass nicht mehr unterschieden werden kann, wo tiefere Bedeutung, womöglich ernsthafte Gesellschaftskritik an Trumps US-Amerika vorliegt, und wo schlicht pure, nerdige Albernheit. Da reicht glatt die knappe Nachrichtenmeldung, dass die Ursache für die weltweite Zombie-Apokalypse in der durch rücksichtsloses Polkappenfracking ausgelösten Verschiebung des irdischen Magnetfeldes zu finden ist, schließlich ist sich der halbe Cast bereits sicher, dass man es hier nun mit untoten Wiedergängern zu tun habe.

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Macht sich Jarmusch also über die Endzeitszenarien der Klimaschützer lustig? Oder etwa über den von Serien wie „The Walking Dead“ ausgelösten Zombie-Hype? Da würde man dem Film wohl zu viel Tiefe beimessen. Der Running Gag von Officer Ronnie lautet, dass alles böse enden wird. Als der Chief ihn kurz vor dem Showdown fragt, woher er das denn gewusst habe, ist die Antwort, er habe halt vorher das Drehbuch gelesen. Albern? Wohl eher. Weiter gedacht? Ach was!

Zwar unterhaltsam, jedoch andererseits auch wenig originell ist Jarmuschs an Allzeit-Klassiker wie George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ oder Peter Jacksons Splatter’n’Gore-Festival „Braindead“ angelehnte Interpretation des Zombie-Motivs, das uns alle zu untoten Sklaven unsere Süchte und Begierden macht. Der Kampfruf lautet „Chardonnay!“, den Weinfreunden und Kaffeejunkies folgen noch die Drogen-, Süßstoff- und Handysüchtigen (und den Begriff „Smombie“ gab’s schließlich bereits vor Jarmusch Film). Die implementierte Kulturkritik wirkt schlichtweg zu überzogen, als dass sie ernst gemeint sein könnte.

Gleiches gilt für den hier verfilmten Hass auf Hipster: Drei durchreisende Großstädter (einen davon mimt Pop-Sternchen Selena Gomez, ein anderer sieht glatt ihrem Ex Justin Bieber ähnlich) werden erst von den Zombies blutig vernascht, bevor Ronnie mit der Machete noch einmal auf Nummer sicher geht. Spätestens wenn er triumphierend den Kopf von Träller-Star Gomez schwenkt, ahnt man, dass hier die misanthropen (und misogynen) Gäule mit Jarmusch durchgegangen sind.

Schlussendlich „The Dead Don’t Die“ ist ein zwar unterhaltsames, jedoch mäßig lustiges, mittelprächtiges Alterswerk (zumindest, wenn man es mit dem Rest der Jarmusch’schen Filmografie in Vergleich bringt), dem man den Ehrgeiz, alsbald Kultfilm zu werden, leider in fast jeder Einstellung anmerkt (während der 66-jährige US-Regisseur dafür Handlung und Drehbuch leider etwas außer Acht ließ) – da war etwa die derb gewitzte Komödie „Zombieland„, in der – nebst Woody Harrelson, Jesse Eisenberg, Emma Stone und Abigail Breslin – Bill Murray ebenfalls eine (kleinere) Rolle innehatte, doch etwas gelungener. Die galgenhumorige Botschaft des Films fasst Waldschrat Tom Waits am Schluss so zusammen: „Die Welt ist gefickt“. Wenn für die Menschheit wirklich alles längst zu spät ist, dann sollte uns doch wenigstens die Zelluloid-Kunst überdauern können…

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Seafood – „Porchlight“


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Remember Seafood, anyone? Zwischen 1998 und 2006 veröffentlichte die englische Band um Sänger David Line fünf recht tolle Alben mit Songs, die mal nostalgietrunken knietief im Neunziger-Indierock der Duftmarken Sebadoh, Sonic Youth und Pavement wateten, mal britischen Landmännern wie The Electric Soft Parade, Idlewild oder (den frühen) Snow Patrol nacheiferten, mal zauberhaft melancholische Folk-Schlummertrünke servierten. 2009 – drei Jahre nach ihrem Schwanengesangswerk „Paper Crown King“ – zog die Band, welche zuletzt aus David Line (Gesang, Gitarre), Caroline Banks (Schlagzeug, Backgroundgesang) und Kevin Penney (Gitarre) bestand, die Reißleine, um sich fortan anderen Projekten zu widmen. Schade. Im Übrigen ebenso wie der Fakt, dass die Seafood’schen Langspieler, von denen euch etwa auch „Surviving The Quiet“ oder „As The Cry Flows“ (mit seinem Instant-Überhit „Good Reason„) ans Hörerherz gelegt seien, auch eine Dekade nach dem Band-Split Geheimtipps bleiben…

starfish-filmplakat2.jpgDass ich 2019 jedoch keineswegs der einzige bin, der sich selig an Seafood zurück erinnert, zeigt das US-Sci-Fi-Drama „Starfish„, bei dem Drehbuchautor/Regisseur A.T. White mit „Porchlight“ eines der früheren Stücke der Londoner Indierocker für dessen Soundtrack verwendete (nebst Stücken von Why?, Sparklehorse, Grandaddy, Jeniferever, 65daysofstatic oder Sigur Rós). Worum es in dem mit kleinem Budget wirkungsvoll in Szene gesetzten Film geht? Ich zitiere an dieser Stelle einmal kino-zeit.de: „Eigentlich hatte Aubrey gehofft, das kleine Städtchen, das sie einst verließ, nie wieder betreten zu müssen. Doch nun führt sie der Tod einer Freundin zurück  - und das just zu dem Zeitpunkt, als eine Apokalypse die Welt heimsucht. Aber gibt es vielleicht doch noch Hoffnung für die Welt? Dies suggeriert zumindest ein Mixtape, dass sie in der Wohnung von Grace findet. Und darauf steht: ‚This mixtape will save the world!‘ Alles nur Zufall?“

Zwar sollte in den knapp 100 Filmminuten nicht allzuviel Action erwarten (im Gegenteil – zu einem Großteil seiner Zeit stimmt der Streifen eher introspektiv-melancholische Töne an). Viel eher pendelt sich „Starfish“ – seinem recht ratlos-offenen Ende zum Trotz – irgendwo zwischen genreverwandten Indie-Erfolgen wie „A Quiet Place“, „Bird Box“, „The Signal“, “Annihilation” oder „Cloverfield“ ein, während auch der noch immer auf einer steten Hype-Welle surfende Netflix-Serien-Hit „Stranger Things“ ebenfalls ums mysteriös-monströse Eck lugt… Keinesfalls ein klarer Fall von Muss-man-sehen, aber vor allem Virginia Gardner, die den Film (zwangsläufig) beinahe als One-Woman-Show trägt, ist eine echte Entdeckung…

 

 

„There’s a house on the lake
There’s a house on the lake
Why don’t you come down‘
There’s a house on the lake
There’s a house on the lake
I hope you’ll come down
There’s a house on the lake
There’s a house on the lake
I hope you’ll come down
There’s a house on the lake
There’s a house on the lake

I could be the last true survivor
I’ll drive you out of town and I’ll show you
We’re both country bound
We’re both country bound
Nothing’s what it seems
We are confusion
Lost behind the scenes
As we hold on to what we almost had
I miss what we once had
There’s a house on the lake
There’s a house on the lake

Take the corner slow please be careful
The conversation slow as we check to
This hotel vacancy, a hotel vacancy
There’s a house on the lake
Where life is simple
There’s a house on the lake
Where we’ll have all the time
We’ll have so much time
The porchlight flickers
I hear you calling
If we could hold one
Would you hold on‘

‚cause I feel your breathing
We’re closely linked now
If we could turn back
Would you turn back‘
As we fall
We have time
So much time
As we lay broken down
I think of all the things to tell you
As we lay in frozen ground
A fallen chance for us to pull through
Let’s go
Let’s go
Let’s go
Let’s go home“

 

Rock and Roll.

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Der Vater des Bossa Nova – João Gilberto ist tot.


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Etwas Samba, etwas Jazz – aus diesen Bestandteilen schufen João Gilberto und Antônio Carlos Jobim Ende der 1950er-Jahre in Brasilien den legendären Bossa Nova. Ihr berühmtestes Lied: „The Girl From Ipanema“.

 

Seine leichte und doch melancholische Musik hat Brasiliens kulturelle Szene wie kaum eine zweite geprägt und wurde schließlich auf der ganzen Welt gespielt. Nun ist die brasilianische Bossa-Nova-Legende João Gilberto im Alter von 88 Jahren gestorben. Dies teilte sein in den USA lebender Sohn João Marcelo auf Facebook mit:

Der am 10. Juni 1931 in Juazeiro im Bundesstaat Bahia geborene João Gilberto Prado Pereira de Oliveira, dessen Markenzeichen sein nuancierter, ausgesprochen leiser Gesang war, musizierte unter anderem mit dem Saxofonisten Stan Getz und dem Sänger und Komponisten Antônio Carlos Jobim (nach welchem übrigens der internationale Flughafen von Rio de Janeiro benannt wurde). Mit den beiden nahm Gilberto mehrere Alben auf – eines der gemeinsamen Stücke ist das weltberühmte „The Girl From Ipanema“ (vom 1964er Werk „Getz/Gilberto“), zu dem seine damalige Frau Astrud Gilberto den Gesang beisteuerte. Bekannt wurde das Lied im Herbst 1964, als sie es bei einem Konzert in der renommierten New Yorker Carnegie Hall vortrug. Selbst US-Entertainer Frank Sinatra übernahm „The Girl From Ipanema“ – nebst vielen anderen Künstlern – drei Jahre später in sein Repertoire (allerdings natürlich erst, nachdem der portugiesische Text ins Englische übersetzt wurde).

Aber auch für andere Hits wie „Desafinado“ und „Chega de Saudade“ war João Gilberto verantwortlich. Der Mann, der mit 14 Jahren seine erste Gitarre bekommen hatte, sich anfangs noch mit Gelegenheitsjobs durchschlug und recht schnell ein eigenes Gitarrenspiel, das Rhythmen des Batucada und Samba kreuzte, entwickelte, nahm bis zuletzt Dutzende Alben auf. Für sein Werk wurde er mit zwei Grammy-Awards ausgezeichnet, sechsmal war er nominiert.

Fast zwanzig Jahre lebte Gilberto in den USA – mit einer zweijährigen Unterbrechung in Mexiko. Ende 1979 kehrte er in seine brasilianische Heimat, nach Rio de Janeiro, zurück. Zuletzt lebte der Musiker Medienberichten zufolge dort zurückgezogen sowie schwer krank und hoch verschuldet. Einen seiner letzten Auftritte hatte er 2008 in Salvador de Bahia – die Karten für die Tour zum 50. Geburtstag des von ihm in die weite Welt getragenen Bossa Nova waren in weniger als einer Stunde ausverkauft…

Mach’s gut, João Gilberto!

 

 

Interessierten sei übrigens der 2018 veröffentlichte Dokumentarfilm „Wo bist du, João Gilberto?“ ans Herz gelegt, in dem sich der Schweizer Georges Gachot, welcher wiederum durch das Buch „Hobalala: Auf der Suche nach João Gilberto“ des deutschen Autoren Marc Fischer von 2011 auf Gilbertos Leben aufmerksam gemacht wurde, auf die Spuren des legendär-mysteriösen Vaters des Bossa Novas in dessen brasilianische Heimat begibt…

(einen informativen Artikel zum Doku-Film findet man etwa auf welt.de…)

 

Rock and Roll.

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