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„The Masked Singer“ – Darum ist die Show so einzigartig


Bei RTL dürfte man sich heute immer noch ärgern. Seinerzeit schnappte Konkurrent ProSieben aus dem beschaulichen Unterföhring dem Kölner Sender die Rechte an „The Masked Singer“ vor der medialen Nase weg, wie DWDL berichtet. Für ProSieben ein Glücksfall, denn die Zahlen der Show, gerade die Marktanteile in der so wichtigen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen, waren seit dem Start im Juni 2019 fast durchgängig herausragend – das Finale der zweiten Staffel etwa erreichte die höchste jemals gemessene Zuschauerquote einer ProSieben-Show.

Kaum verwunderlich also, dass RTL jüngst versuchte, den Erfolg von „The Masked Singer“ mit einem ähnlichen Konzept – dezent verspätet – zu kopieren. Ebenso wenig verwunderlich war auch, dass „Big Performance“ seinem Titelversprechen eher weniger gerecht wurde und als mauer, müder Abklatsch deutlich hinter den Zahlen des Originals zurück blieb. Aber warum lieben die Zuschauer „The Masked Singer“ eigentlich so sehr? Nun, das hat freilich so seine Gründe…

Zunächst einmal: Wir Menschen lieben Unterhaltung. Und noch mehr lieben wir Menschen Überraschungen. Zumindest die positiven. Deshalb steht das Kolosseum in Rom, deshalb gibt es Überraschungseier seit bald fünfzig Jahren, deshalb verpackt man Geschenke und deshalb freut man sich eben auch, wenn sich irgendwann die Kandidatinnen und Kandidaten bei „The Masked Singer“ ihre Masken vom Kopf ziehen und man selbst endlich Gewissheit hat, ob der eigene Tipp richtig war – oder ob man eben (s)eine Überraschung erlebt. Kein Wunder also, dass die Show, welche 2015 als „King of Mask Singer“ in Südkorea startete (und unter anderem gar Hollywood-Mime Ryan Reynolds als trällerndes Einhorn aufbot) und nach weiteren Ablegern in Asien und in den US of A im vergangenen Jahr ihr deutsches Debüt feierte, schnell zum internationalen Mattscheibenrenner entwickelte (in diesem Jahr zogen denn auch die Nachbarn aus Österreich nach).

Da stört es eigentlich nur die ganz Eifrigen, wenn die Jury teilweise ein bisschen sehr bemüht versucht, die Spannung aufrecht zu halten, obwohl sie eigentlich schon relativ sicher ist, wer denn nun unter einer der Masken steckt. Vielleicht wäre hier tatsächlich ein bisschen weniger Ehrgeiz spannender für den Zuschauer, aber so oder so bleibt eine Überraschung nicht ausgeschlossen, denn so ganz sicher kann man eben nie sein, solange der singende Furry-Fetisch noch die vornehmlich plüschige Kopfbedeckung über dem Antlitz trägt.

Aber auch, jawollja: die Kostüme! Denn die sind zweifellos das Markenzeichen der Show – und gleichzeitig einer der wichtigsten Erfolgsgründe. Die tollen, individuell gestalteten Fantasie-Verkleidungen sind nicht nur verdammt aufwendig, sondern bedienen auch so ziemlich jeden Geschmack. Sei es das drollige Monsterchen, der imposante Engel, der agile Grashüpfer oder das sympathische Faultier (unter dem in Staffel zwei Tom Beck gewann) – hier kann sich jeder Zuschauer, jede Zuschauerin recht schnell mit seinem oder ihrem Favoriten identifizieren. Auch in der morgen startenden dritten Staffel sind wieder absurd-witzige Kostüme dabei: ein Ballerina-Flusspferd, ein Baywatch-Frosch, eine fesche Biene oder ein Influencer-Alpaka.

Besondere Hingucker in diesem Jahr dürften aber das gruselig-faszinierende Skelett und der beeindruckende Anubis sein. Dass die Kostüme so einzigartig und originell sind, hat jedoch in wahrsten Sinne seinen Preis. Zwischen 15.000 und 20.000 Euro kostet eines der Kostüme. Hergestellt werden sie im bayerischen Altötting von einem Team um Theaterschneiderin Alexandra Brandner. Ganze ein bis zwei Wochen und zwölf Personen braucht es, um allein ein einziges Kostüm in Handarbeit herzustellen.

Und man vergesse nicht das unterhaltsame Mitraten! Denn egal, ob Quizshow, Escape-Room oder Krimi: Menschen lieben es, mitzuraten. Wie lautet die Antwort, wie geht es aus dem Zimmer, wer ist der Täter – und eben: Wer zur Hölle steckt denn nun unter der Maske? Die vielen versteckten Hinweise mögen manchmal (bewusst) in die Irre führen, bieten aber schlussendlich einen zusätzlichen Reiz, sind sie doch so etwas wie eine kleine abendliche Schatzsuche.

Diese Interaktivität ist auch das große Plus, das die Show von der (Kopisten-)Konkurrenz abhebt. Bei ähnlichen Gesangswettbewerben wie „The Voice of Germany“ und Co. fehlt dieses Mitraten freilich völlig – dort ist klar, wer singt, es zählt (fast) nur der Gesang. Damit gibt es bei „The Masked Singer“ wieder diese typischen oldschooligen Kaffeeküchen-Gespräche, bei denen man sich im Büro – oder über die sozialen Medien – trefflich über die eigenen Vermutungen austauschen kann.

Wir stellen also fest: die Kostüme, der Überraschungseffekt, das Mitraten – „The Masked Singer“ hat im Vergleich zu anderen Shows so etliche Elemente, die das Format so spannend, so unterhaltsam, so einzigartig machen. Sieht man jedoch genauer hin, gibt es aber doch Einiges, das – mal Butter bei die Fische – so ganz und gar nicht einzigartig ist. Denn Kern der Show sind Gesangsacts, die im Anschluss von einer Jury, in diesem Fall dem Publikum, bewertet und nach und nach hinausgewählt werden bis ein Sieger übrig bleibt.

Das gibt es in vielen anderen Shows auch, genauso wie den Umstand, dass auch „The Masked Singer“ nicht ohne die obligatorischen Promis auskommt. Das ergibt hier aber tatsächlich auch einen Sinn, schließlich müssen unter den Masken Menschen stecken, die einem breiteren Publikum bekannt sind (und deren Identität bis zur Demaskierung strengster Geheimhaltung unterliegt). Mit Max Mustermann und Lieschen Müller würde die Show einfach nicht funktionieren.

Dass „The Masked Singer“ aber in vielen Bereichen gar nicht so einzigartig ist, wie man vielleicht denkt, ist gar nicht negativ – im Gegenteil. Eine Show mit einem völlig einzigartigen Konzept hat zwar immer den Reiz des Neuen und des Unbekannten, birgt aber auch immer das Risiko der Überforderung.  Wir Menschen brauchen Vertrautes, selbst in so Banalem wie einer allwöchentlichen abendlichen Fernsehshow. Der Show-Friedhof der TV-Geschichte ist jedenfalls voll mit gescheiterten Sendungen, die zu viel vom Zuschauer verlangt haben. „The Masked Singer“ mit Moderator Matthias Opdenhövel hat ganz offenbar die richtige Mischung aus Neuem und Vertrautem erwischt.

Und: Aufwendige Masken hin oder her – „The Masked Singer“ wäre lediglich eine Show mit viel Tamtam (und noch mehr Werbeunterbrechungen, die vor allem in der vergangenen Staffel so einiges vom Spannungsbogen wegfraßen – aber irgendwie muss ProSieben ja die Kohle, die für Promi-Gagen und Kostüme rausgeschmissen wurden, wieder reinholen), gäbe es keine Auftritte, die, in welcher Weise auch immer, die Herzen der Zuschauer berühren. Seien es die Bülent-Ceylan-Versionen verschiedener Schlager- und Metal-Titel oder die Auftritte von Gil Ofarims Grashüpfer und von Max Mutzkes Sieger-Astronauten, bei denen schon in Staffel eins so manches Jury- und Zuschauer-Auge vor Rührung ganz feucht wurde: Wenn die Kandidaten Vollgas geben, dann würde man sich die Auftritte wohl auch ansehen, wenn Ceylan (der konsequenterweise dieses Mal neben Sonja „Dschungelcamp“ Zietlow, die in der letzten Staffel im „Hasen“ steckte, auf dem Ratestuhl Platz nehmen wird), Mutzke und Co. nur in Jogginghosen auf der Bühne stünden…

Rock and Roll.

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Zitat des Tages


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/gefunden bei Facebook)

 

(Bernhard-Viktor Christoph-Carl „Vicco“ von Bülow, bekannt als Loriot, 1923-2011, einer der vielseitigsten deutschen Humoristen)

 

— EDITH (31.05.2020) — Der Ehrlichkeit und Korrektheit halber hier eine kleine Korrektur: Wie ich soeben las, stammt obiges Zitat wohl tatsächlich NICHT von Loriot, wie wiederum der Wiener Philosoph Gerald Krieghofer für seinen Blog „Falschzitate“ recherchiert hat, sondern kommt wohl mutmaßlich aus dem spanischen Sprachraum. Mea culpa. Andererseits ändert diese Petitesse herzlich wenig daran, wie treffend es Manches auf den Punkt bringt…

 

Rock and Roll.

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Zitat des Tages


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(gefunden bei Facebook)

 

An Zitaten wie diesen merkt man wieder, wie sehr die klugen, humorvoll-kritischen Kommentare von Roger Willemsen fehlen…

 

Rock and Roll.

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Der Simpsons-„Couch Gag“ als IKEA-Bauanleitung


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Die Simpsons? Klar, kennt jeder. Und wer in seinem TV-Leben auch nur zwei der bislang 596 Folgen der gelben Cartoon-Familie aus Springfield gesehen hat, der wird wissen, dass sich die Macher bereits beim Vorspann Einiges einfallen lassen. So hat etwa jede Folge ihren eigenen „Couch Gag“ und Homer, Marge, Bart, Lisa und Maggie passiert jedes Mal etwas anderes, wenn sie versuchen, ihren Allerwertesten auf der heimischen Couch und vor dem Fernseher zu platzieren…

Fans allen Alters hat die US-amerikanische TV-Serie von Erfinder Matt Groening in den 27 Jahren, in denen sie nun schon läuft, freilich genug gefunden. Einer von ihnen scheint der polnische Künstler Michael Socha zu sein. Dieser hat sich den bekannten „Couch Gag“ vorgenommen und perfekt in IKEA-Manier umkrempelt. (Und: Hey, ist das schwedische Einrichtungshaus nicht ebenfalls mehrheitlich gelb und ebenfalls altersfrei weltweit erfolgreich?)

 

(via Dressed Like Machines)

 

Und für alle jene, die sie nicht (alle) kennen sollten, hier mal zwei Zusammenstellungen der „Couch Gags“ der Simpsons-Staffeln 1 bis 20…

 

Rock and Roll.

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Böhmermann’s back! – #verafake und der Sand im Getriebe der Bloßstellerindustrie


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Mensch, Böhmermann! Der Bremer Jung‘ entwickelt sich so langsam aber sicher zu einem der verdientesten Kandidaten der „Person des Jahres“ (freilich im positiven Sinn)…

Und eigentlich hatte ich vor einigen Tagen vorgehabt, ein, zwei Worte zu dieser – mindestens unterhaltsamen – „Novo Magazin Khasan“ betitelten, liebevoll nachgeahmten Hommage, die sich da ein medienaffiner Fanboy ausgedacht hat, zu verlieren, während Jan Böhmermann und sein „Neo Magazin Royale“ eine selbstverordnete mehrwöchige (Zwangs)Pause eingelegt haben – Sie erinnern sich wohl: „Schmähkritik„, Böhmi vs. Recep Tayyip Erdoğan, Anzeige aus der Türkei, eine scheinbar überforderte Bundeskanzlerin und eine drohende, an Lächerlichkeit kaum zu überbietende Staatskrise, ausgelöst von einem forschen Moderator einer immer besser werdenden Show auf einem öffentlich-rechtlichen Spartensender… Kam ich zeitlich nicht dazu, kann ich hiermit auch vergessen (den Link zur einmaligen Episode von „Novo Magazin Khasan“ lasse ich trotzdem da), denn Böhmermann und seine „Neo Magazin Royale“-Mannschaft haben sich am vergangenen Donnerstag mit einem medialen Paukenschlag zurückgemeldet. Klar, einfach so konnte er – einem veritablen Gast wie Gregor Gysi zum Trotz – nach all dem „Ziegenficker“-Bohei irgendwie nicht weitermachen. Aber mit seiner neusten Aktion hat Böhmi wohl sogar sich selbst noch einmal überboten…

Denn unter dem Hashtag #verafake hat Jan Böhmermann nun die nächste subversive Aktion ausgeheckt, im Geheimen geplant und erfolgreich durchgeführt. Um die an Menschenverachtung grenzende Bloßstellung von *hust* Individuen mit überschaubarem Intellekt in der RTL-Sendung „Schwiegertochter gesucht“ aufzuzeigen, hat das Team von „Neo Magazin Royale“ zwei Schauspieler engagiert, die als debile Vater-Sohn-Kombi für die voyeuristische Verkupplungsshow angemeldet wurden. Das Casting-Team von „Schwiegertochter gesucht“ schien vom 21-jährigen Duisburger Robin und seinem Alk vernichtenden Vater begeistert gewesen zu sein und holte die beiden in die Sendung. Und siehe da: Obendrein wurden Simon Steinhorst alias „Robin, der einsame Eisenbahnfreund“ und Andreas Schneiders alias René Schulte sogar (temporär) zum beliebtesten Heiratsanwärter-Team der aktuellen Staffel.

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Dass der Kölner Privatsender mit den drei Buchstaben nie für Qualitätsfernsehen mit intellektuellem Mehrwert stand, dürfte für niemanden neu sein. Dass RTL – spätestens seit den Neunzigern – offensiv seinen Teil zur kollektiven Volksverdummung beiträgt und all jene nur allzu gern verarscht, die ebendas bereitwillig mit sich tun lassen, auch nicht. Und irgendwie schlagen Böhmermann, dessen Hass auf Privatfernsehen und dessen Mechanismen hinlänglich bekannt sein dürfte, und sein Team den Privatsender mit seinen eigenen Waffen, denn war es nicht unlängst RTL, dass den 73-jährigen Enthüllungsmann Günter Wallraff zu sich ins Boot holte, um unter dem Titel „Team Wallraff – Reporter undercover“  Missstände in Burgerbratereien oder Krankenhäusern aufzudecken? Also drehen Böhmi und Co. den Spieß um, betreiben den unglaublichen Aufwand, in Duisburg eine Wohnung anzumieten, diese komplett spleenig mit Sammelobjekten von „Schildkrötenfan Robin“ und allerlei leeren Bierflaschen von Vater Schulte einzurichten und die beiden fiktiv-übertriebenen Charaktere dann bei „Schwiegertochter gesucht“ anzumelden. Dass das Team von Moderatorin Vera Int-Veen dem von „Neo Magazin Royale“ – die sich hier, in Anlehnung an Wallraff, schelmisch augenzwinkernd „Team Royaleraff“ nennen – auf den Leim geht, ist irgendwie bezeichnend, geht es RTL doch um nichts anderes, als Menschen für möglichst kleines Geld und maximale Profite bloß zu stellen. Bloßsteller stellen Bloßsteller bloß – genial. Dass all die ad-hoc-Reaktionen seitens RTL lediglich halbherzig ausfielen, ist nur umso bezeichnender.

Jan Böhmermann und sein „Neo Magazin Royale“ werden mit dieser geradezu unglaublich guten Enthüllungsaktion, mit der die Show eine Rückkehr mit Ausrufezeichen feiert, freilich kaum die Welt verändern. Aber sie zeigen immer und immer wieder – ob nun mit früheren Aktionen wie dem „Be deutsch!„-Rammstein-Karaoke oder jüngst der Erdogan-„Schmähkritik“ – auf, in welch perverse Richtung sich diese Welt – auch abseits der Medien – entwickelt. Nein, dadurch werden keine Kriege gestoppt, Hungersnöte in Luft aufgelöst oder Blinde wieder sehend gemacht. Aber überraschende Aktion wie diese sollten jeden zum Nachdenken anregen – und sei es nur über die eigenen Fernsehgewohnheiten. Oder, im besten Fall auch: mit Niveau unterhalten. Und das kann aktuell niemand besser als Jan Böhmermann. Basta.

 

Mit #verafake wird klar, wie sehr Böhmermann und sein „Neo Magazin Royale“ in den letzten Wochen gefehlt haben, aber jetzt sind sie ja glücklicherweise wieder zurück – hier könnt ihr die Aktion sehen:

 

Rock and Roll.

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