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Song des Tages: Petrol Girls – „Touch Me Again“


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Sleater-Kinney, Peaches, Le Tigre, Beth Ditto, Pussy Riot, Amanda Palmer, PJ Harvey, Tori Amos, mit ein paar Abstrichen gar Courtney Love oder Madonna (um nur mal die zu nennen, die mir gerade spontan in den Sinn kommen) – Feminismus hat längst ein festes Standbein in der Popkultur. Und das muss freilich längst nicht mehr – Klischees hin, Rollenmodelle her – im Stöckelschuh stecken, sondern gern auch in Springerstiefeln oder Chucks (während der ein oder andere männliche Artgenosse – ganz metrosexuell – längst Beauty Tutorials auf YouTube und Co. für sich entdeckt hat – so viel zu Geschlechterrollen). Da können Nicki Minaj, Beyoncé, Rihanna und Konsorten noch so kunstvoll ihre wackelnden Ärsche durchs aktuelle Musikvideo tragen – das, was Anfang der Neunziger unter dem Banner der „Riot Grrrls“ in der US-amerikanischen Hardcore-Punk-Szene und mit Vorreiter-Bands wie L7, Babes In Toyland oder Bikini Kill (deren Frontfrau Kathleen Hanna war wiederum später bei der bereits erwähnten Electropunkband Le Tigre aktiv) seine Anfänge nahm, ist längst nicht mehr ein reines „Szene-Ding“ für ein paar voran denkende, verschrobene Außenseiter oder Öko-Futzis.

Ein Thema, das jedoch auch heute noch – sowohl in der westlichen wie im Rest der Welt – meist unter die Teppiche des betretenen Stillschweigens gekehrt wird, ist das der häuslichen Gewalt. Und: Ja, genau wie Feminismus und Emanzipation – dem geläufigen Wortsinn zum Trotz – keine explizit weiblichen Themen sind, betrifft auch das der Gewalt in den eigenen vier Wänden oder dem privaten wie beruflichen Umfeld nicht nur Frauen. Nichtsdestotrotz fängt der sich energisch nach vorn prügelnde Signature-Song „Touch Me Again“ der feministisch geprägten Post-Hardcore-Formation Petrol Girls, zu dem die vierköpfige Band aus Großbritannien nun ein Lyric-Video veröffentlicht hat, welches zu großen Teilen aus von Fans eingesandtem Videomaterial besteht, das Thema sexuelle Gewalt mit rohen Worten ein: „Touch me again and I’ll fucking kill you!“.

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Doch woher stammt eigentlich die Inspiration zum Bandnamen? Nun, der Legende nach waren die „Pétroleuses“ Frauen aus der Arbeiterklasse, die während der Zeit der Pariser Kommune, als sich 1871 Arm gegen Reich erhob, Häuser der Reichen mit einer Art Molotowcocktail in Brand steckten. Und obwohl Liepa Kuraitė (Bass, Gesang), Ren Aldridge (Gitarre, Gesang), Joe York (Gitarre, Gesang) und Zock (Schlagzeug) heutzutage freilich nur noch die Moshpits vor ihnen zum Brennen bringen, nimmt der Bandname Petrol Girls darauf Bezug, und die Selbstbeschreibung „raging feminist post hardcore from South East London“ erklärt ebenso die Namenswahl von Band wie den Plattentitel ihres im vergangenen November erschienenen Debüts „Talk Of Violence“ oder auch einen Songtitel wie „Phallocentric„.

0641243281384Im Musikvideo zu „Touch Me Again“ schneiden Petrol Girls Aufnahmen von Fans, die Zeilen des selbstermächtigenden Songtextes auf Straßen, Zettel oder ihre Körper geschrieben haben oder mitsingen, zwischen Szenen von Straßenprotesten gegen sexuelle Gewalt. Am Ende kulminieren Song und Video in der kämpferischen Zeile „Touch me again and I’ll fucking kill you“ – deren letzte Verse Petrol-Girls-Frontfrau Ren Aldridge, die auch selbst bereits sexuelle Gewalt erfahren musste, a capella herausbrüllt.

Die Sängerin bedankte sich in einer persönlichen Botschaft bei allen Fans, die sich nach einem Aufruf mit Material an dem Video beteiligt hatten. „Der Song ist aus meinen eigenen Erfahrungen mit sexueller Gewalt erwachsen, die ich innerhalb und außerhalb der Punk-Community erlebt habe“, schrieb Aldridge. „Wir hoffen, dass dieses Videoprojekt eine Plattform für mehr Leute geschaffen hat, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, und dass dieses gemeinschaftliche Projekt eine ermächtigende Wirkung hatte! Der Protestruf ‚My body, my choice‘ wird immer relevanter, da Angriffe auf Frauen und andere marginalisierte Körper zunehmen. Hoffentlich kann dieses Video zumindest ein kleiner Weg sein, uns daran zu erinnern, dass wir viele sind, und dass wir gemeinsam Macht haben.“

Kein schönes Thema, dafür ein umso wichtigeres – eingefangen in direkten Bildern, untermalt von markigen Worten. Wer auch immer damals, in den seligen frühen Neunzigern, zuerst dieses „Riot Grrrl“ auf (s)ein Banner geschrieben hat, wäre wohl gerade sehr, sehr stolz auf Ren Aldridge und Co. Musik mit Botschaft gefällig? Bitteschön.

 

 

„My domain, my temple and my territory, my pleasure
Cut, cut, cut it out
My desire, my right to choose or to refuse this encounter
Cut, cut, cut it out
My agency that non consensual contact tries to take from me
Cut, cut, cut it out
My fucking mind, you undermine my sense of self, you pressurize
Cut, cut, cut it out
It’s my body and my choice
It’s my body
My fucking choice

My power, my psyche and my energy, my decision
Cut, cut, cut it out
My passion could never be ignited by such aggression
Cut, cut, cut it out
My liberty, my body as the base of my autonomy
Cut, cut, cut it out
I need to see us make progress towards accountability
Cut, cut, cut it out
It’s my body and my choice
It’s my body
My fucking choice
My lips, my thighs, my wrists, my mind
My lips, my thighs, my wrists, my spine
My hips, my neck, my tongue, my mind
Touch me again and I’ll fucking kill you
Touch me again and I’ll fucking kill you
Touch me again and I’ll fucking kill you
Touch me again and I will fucking kill you“

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Kate Nash – Girl Talk (2013)

Girl Talk (Cover)-erschienen bei Fontana/Universal-

Erinnert sich noch jemand an Lena Meyer-Landrut, dieses 18-jährige Fräuleinwunder, welches 2010 mit „Satellite“ erst in Deutschland, dann gar beim Eurovision Song Contest die „Lenamania“ auszulöste? Klar, diesem verflixt fies durchgepopten Stück konnte man vor drei Jahren nirgendwo entkommen, genau wie jenem Persönchen, das schon damals mit einer Mischung aus Chuzpe und Blasiertheit mehr spaltete als einte. Doch vor alledem beeindruckte sie die Jury der „Unser Star für Oslo“-Castingshow mit enormem Bühnentalent und eben jenem falsch aufgelegten Cockney-Slang, in welchem sie Stücke wie „Foundations“ oder „Mouthwash“ für sich vereinnahmte. Was wohl Kate Nash darüber dachte? Immerhin waren es eben jene Stücke, mit denen sie sich selbst – und ihr Debütalbum „Made Of Bricks“ – 2007 ins Licht der Öffentlichkeit spielte und so einen der charmantesten Ohrwürmer des Jahres („Foundations“) ablieferte. Und, klar: auch Nash selbst galt – drei Jahre vor Lena – in Großbritannien als Fräuleinwunder, als eine, die zwar im Blümchenkleid niedlich wirken mochte, der jedoch – Sommersprossen und Charme zum Trotz – jederzeit auch schnell mal ein „Fuck“ oder Rülpsen entfleuchen konnte.

KATE NASH

Doch bereits drei Jahre darauf schraubte Nash beträchtlich an ihrem Image und stellte mit dem Nachfolger „My Best Friend Is You“ klar, dass sie keinesfalls gewillt war, auf ewig das Fräuleinwunder-Blumenkind zu sein, das zu einfacher Piano- oder Gitarrenbegleitung amüsante Geschichten vom Erwachsenwerden erzählt. Die Arrangements wurden mal komplexer, mal rabiater, griffen vor und zurück in der Musikhistorie, bedienten sich in den Neunziger, Achtzigern, Siebzigern wie Sechzigern, entlehnten unter der Ägide von Ex-Suede-Mann Bernhard Butler ebenso bei den Shangri-Las wie bei den Pixies.

Und wer bereits damals den Verlust der gefühlt formatpopigen Mädchenfantasien beschrie, der wird auf dem dritten Album „Girl Talk“ sein punkledernes Wunder erleben. Denn wie bereits der im vergangenen Jahr kostenlos veröffentlichte Vorabsong „Under-Estimate The Girl“ mit dröhnend scharfen Gitarren, Feedback und höchst unladylikem Geplärre andeutete, mag sich Kate Nash anno 2013 so gar nicht irgendwelchen Erwartungshaltungen ergeben. Und so stellen denn auch die fünfzehn neuen Stücke einen weiteren Umbruch in der noch jungen Karriere der 25-jährigen Londonerin dar. Bereits der Opener „Part Heart“ deutet Nashs kämpferische Punk-Attitude mehr als an. Zum anfänglichen Bass-und-Schlagzeug-Duo gesellen sich Synthesizer und wütende Gitarren, während das ehemals brave Gör immer wieder mantraartig und selbstbestätigend „I still feel the same“ herunterbetet. Und überhaupt: der von Nash höchstselbst bediente Bass bildet in den meisten Stücken die Basis, darf mal vordergründig wummern („Death Proof“), mal solo ins Stück einsteigen („Sister“). Drum herum hangeln sich etwa Surf-Gitarren unselig ins Jenseits und hin zu den „Rock’N’Roll Highschool“-Ramones („Death Proof“), oder Sturm-und-Drang-Rhythmen à la Ash („Cherry Pickin'“). Das grundnervöse „All Talk“ hätte auch Nirvana gut zu Gesicht gestanden, „Rap For Rejection“ ist eben genau das und Nashs Versuch, Doo-wop, Punk und HipHop miteinander zu vereinen, „Cherry Pickin'“ außerdem eine Art überdrehte weibliche Sex Pistols-Annäherung, nur mit ‚Woohoo‘-Zuckerguss. Doch nach Zucker ist Kate Nash auf ihrem dritten Album beinahe nie zumute, eher nach Krawall, Barrikade und Rebellion. Und so überschlägt sich ihre Stimme während der 53 Minuten forsch ein ums andere Mal, in „Sister“ gerät die Musikerin gar ins Keifen. Doch keine Angst: auch auf „Girl Talk“ gibt es sie wieder, die Songs, in denen Nash beinahe herzallerliebst singt und die somit reichlich Trademarks besitzen, wie „Are You There Sweetheart?“ oder „OMYGOD!“ (nur den ihr eigenen Cockney-Akzent hat sie sich scheinbar fast vollkommen abgewöhnt). Dazu serviert sie mal Girl-Misses-Boy-Texte („OMYGOD!“), mal Girl-Tries-To-Forget-That-One-Boy-Lyrik („Unconventional Girl“), stellt jedoch auch mit gefühlt hoch erhobenem Mittelfinger klar: „You’ve a problem with me / ‘Cause I’m a girl / I’m a feminist / And if that offends you / Then fuck you /…/ Words are only in my mouth / The only thing that means anything now / Is action, action“ („All Talk“). Nee, auch 2013 macht das ehemalige Fräuleinwunder was es mag, und lässt sich weder in die eine, noch in die andere Richtung verbiegen! Und trotzdem schwört sie ihrem bisherigen Schaffen nicht gänzlich ab, denn ein zackiges Stück wie „3AM“ wäre, mit eingängigem Refrain und ‚Ooh Ooh Ooh‘-Begleitung, auch auf dem Debüt „Made Of Bricks“ nicht unangenehm aus der Reihe getanzt, und auch auf dem aktuellen Album finden sich massig Nash-typische Gesangslinien, bei denen schon immer etwas unbedarft schöne Melancholie mitschwang. In all der ungezügelten Energie bietet ein Song wie „Labyrinth“ Entschleunigung, und bei „You’re So Cool, I’m So Freaky“ kommt die bei Frau Nash aktuell höchst selten genutzte Akustkgitarre doch tatsächlich noch einmal zum Einsatz, lädt alle im Hintergrund Beteiligten zum Mitsingen ein und übt sich selbst im Außenseitertum: „You’re so cool / And I’m a waste of space / You’re so cool / And I don’t understand it / You’re so cool / And I have never been cool / You’re so cool / And I’m a freaky, freaky, freaky, freaky girl“ – nur das bisher gewohnt routinierte Piano hat aktuell Sendepause. „Lullaby For An Insomniac“ beginnt als A Capella-Einlage und mit düsteren Nachtgedanken („Another day goes by / And I don’t wash my hair / Another night is spent / Wishing you were here / My skin it looks so pale / What’s that over there?“), besinnt sich jedoch schnell auf’s Wesentliche („And I think I’m falling down again / So I think about all my good friends / And I wish them the best / I take comfort in / Knowing I have them“) und geleitet den Hörer höchst klassisch – und, zumindest auf einem Album wie diesem, höchst unerwartet – per Orchester vor die Tür. Warum? Weil sie’s kann.

Kate Nash 2013

„Girl Talk“ ist, wie bisher bei Kate Nash gewohnt, vieles: lyrischer Rundumschlag, kluge Neuausrichtung, selbstbewusste Selbstbehauptung, emanzipiertes Statement. Und so finden sich hier ebenso Anklänge an die Buzzcocks, Nirvana, frühe Bangles, Hole, Ash, Sex Pistols oder Ramones wie an PJ Harvey, die Distillers oder die Breeders. Und trotz allem tragen die fünfzehn Songs erneut ganz klar Kate Nashs Handschrift. Doch wo Landsfrauen wie Lily Allen sich unlängst zu stark von Produzenten und Plattenfirmen in gewisse Schablonen pressen liessen, gibt Nash auch auf Album Nummer drei einen Scheiß darauf, ob sie hier soeben ihren eigenen Karriere-Overkill in die Bänder schrammelt und spuckt. „Girl Talk“ ist gleichsam ein Bekenntnis zu Feminismus wie zu Verletzlichkeit. Und wo jemand wie Fräulein Meyer-Landrut zuletzt nur halbgares Hipster-Popmodetrendwerk zustande brachte (und wohl – zum Glück? – bald wieder in der Versenkung verschwunden sein dürfte), bleibt Kate Nash mutig und spannend. Und trotz allem ist „Girl Talk“ Pop. Nur muss man aktuell wohl fürchten, bei Widerworten eins mit dem Mikroständer übergebraten zu bekommen. No more Misses Nice Girl.

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Hier gibt’s die Videos zum bewusst unschönen Vorabsong „Under-Estimate The Girl“…

 

sowie zu „3AM“…

 

…“Death Proof“…

 

…und „Fri-end?“ zu sehen:

 

 

Und da’s ein so wundervoll krasser Gegensatz ist, hier noch einmal die bereits erwähnten Stücke „Foundations“…

 

…“Mouthwash“…

 

…sowie das noch immer simpel tolle „Nicest Thing“ in Videoform zum direkten Vergleich:

(Okay, die Stücke vom 2007er Debütalbum „Made Of Bricks“ sind immer noch klasse!)

 

Rock and Roll.

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