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Song des Tages: Cable Ties – „Sandcastles“


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Foto: Lisa Businovski

Systemkritik kann – zumindest in weiten Teilen der (westlichen) Welt – gerade heutzutage auf die unterschiedlichsten Arten ausgelebt werden. Stichwort #MeToo, Stichwort „Fridays for Future„.  Im Musikalischen kann sie im Falle von populären Künstlerinnen wie Lizzo oder Janelle Monáe mit empowernden Tänzen den oftmals sexistischen, mit allerlei Machismen überladenen R’n’B revolutionieren, sie kann wie bei den britischen Post-Punkern IDLES lautstark auf den positiven Umgang miteinander pochen, sie kann aber auch stinksauer herausgebrüllt werden (nicht, dass das vor allem letztgenanntere ab und an nicht täten). Freilich, ein absolutes Novum ist all das kaum, da weiß der Musikkundige etwa die Punk-Urväter von Iggy Pop und seinen Stooges in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern oder die kantig den Sozialismus predigenden Crossover-Größen Rage Against The Machine (welche ihre jüngsten Reunions ganz janusköpfig vom schnöden Mammon abhängig machen) und deren jüngste Nachkommen Fever 333 oder Nova Twins aufzuzählen, kurz bevor der Monolog in den „klassischen Punk“ und dessen Riot-Grrrl-Abzweig weiterfährt. Dass sich bei systematischer Benachteiligung ganze Berge von Aggressionen auftürmen, zweifelt wohl niemand an. All diese Emotionen nun herauszulassen, wird aber erneut nur den ohnehin schon Priviligiertesten der Gesellschaft vergönnt sein – wer tagein, tagaus buckeln muss, hat weder Energie noch Muße fürs Kreative… Marginalisierte Gruppen sollten sich hingegen bestmöglich im Zaum halten, damit sie im Optimalfall irgendeine gottverdammte Quote erfüllen können. Cable Ties lassen sich davon erst gar nicht beirren und poltern voller Inbrunst gegen Patriarchat, Kolonialismus und sexuelle Gewalt an. Die größte Kraft des Trios aus dem australischen Melbourne liegt jedoch woanders: Wilde Aggression und tagmüde Depression laufen in den Songs von Jenny McKechnie (Gesang, Gitarre), Shauna Boyle (Schlagzeug) und Nick Brown (Bass) im Zickzack, nehmen selten den direkten Weg. Pop? Ginge irgendwie anders… Ein Statement, das man erst einmal abkönnen muss.

art-8997_cable-ties-far-enoughAber keine Angst vor zerdachter Musik: Die acht Songs von „Far Enough“, dem in dieser Woche erscheinenden zweiten Album der drei Aussie-Post-Punk-Rock’n’Roller, setzt durchaus auf prägnante, eindringliche Riffs, die unaufhaltsam vorantreiben. Auf der Suche nach Transzendenz durch hypnotische Wiederholung entwickelt das Album dabei eine unermüdliche Intensität. Die feurig-coole Hymne „Tell Them Where To Go“ erlangte bereits vor zwei Jahren Popularität, auch da sie in einer Episode der Netflix-Serie „13 Reasons Why“ zu hören war und vom Guardian daraufhin als „an irresistible call to arms“ beschrieben wurde.

Apropos „Ruf zu den Waffen“: Während des gesamten Albums wird rechtschaffener Zorn mit Verwirrung und Selbstzensur gespickt. Songs wie „Self-Made Man“, „Anger’s Not Enough“ oder der sich langsam entfaltende Opener „Hope“ untersuchen den Berührungspunkt zwischen Aktivismus und Fatalismus, Aufschwung und Aussichtslosigkeit, entscheiden sich jedoch letztlich für die Hoffnung. Dabei halten Cable Ties während der gesamten knappen Dreiviertelstunde die Waage zwischen Kampf und Spannungsbogen – gar nicht mal so selbstverständlich, wenn die Band dreiminütige Punk-Brenner zu glühend-hypnotischen Feminismus-Hymnen, die im Geiste der Buzzcocks nicht selten an der Sieben-Minuten-Marke kratzen (auf dem 2017er Debüt waren’s sogar ab und an neun Minuten), ausdehnt. Dabei mischen Cable Ties rhythmisch pulsierenden, knorrigen Post Punk der Güteklasse The Fall oder Wire mit tightem Garage Rock. Jenny McKechnie bündelt ihre Probleme in Songs, die nicht selten tief nachhallen und oft zurückgehaltenen Gefühlen eine Stimme geben. Shauna Boyle und Nick Brown liefern den Rhythmus, der im Primitivismus der Stooges verankert scheint und den Grundstein für McKechnies Gitarren-Feuerwerke und Gesangseinlagen legt. Durch ihre Musik verwandeln die drei Band-Buddies ihre Ängste in Schlachtrufe, welche – ganz ähnlich wie anno dazumal Riot-Grrrl-Genre-Heldinnen wie die Slits oder Le Tigre – auch schonmal die Hörmuscheln strapazieren dürfen. Gut also, dass das Trio im Zweifel noch so knackige Indie-Hits wie den Riot-Grrrl-meets-Post-Punk-Brecher “Sandcastles” oder das wummernde “Tell Them Where To Go” in petto hat.

Und zum eingangs angeschnittenen Thema „Systemkritik ausleben“: Die Band setzt sich folgerichtig seit ihrer Gründung im Jahr 2015 für eine integrative feministische und politische Sichtweise ein und nutzt, wie bereits erwähnt, ihre Songs, um geschlechtsspezifische Gewalt, Kolonialismus und sexuelle Übergriffe zu thematisieren. Die Bandmitglieder veranstalten Benefizshows, DIY-Festivals, riefen unlängst zum Spenden für die Bekämpfung der australischen Buschbrände auf und engagieren sich ehrenamtlich bei Girls Rock!, einer Non-Profit-Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, weibliche, transsexuelle und non-binäre Jugendliche in der Musik zu stärken. 🤘

 

„Hope is a really important theme on the album. In the past, I thought I could change things. I thought I pointed out how messed up everything is, then people would see a clear path to fixing these problems. By the time I started writing this album, I had lost this hope. But it’s about the importance of getting hope back, even when you can see no logical reason to have it. Without hope, anger becomes despair or bitterness.“ (Jenny McKechnie)

 

 

Rock and Roll.

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„Be A Lady They Said“ – Ein diskussionswürdiges Video über Sexismus geht viral


c74c7ab87901feca481b1de25169f02d„Sei nicht zu dick! Sei nicht zu dünn! Mach‘ eine Diät! Iss deinen Teller auf! Sei gesund! Sieh‘ bitte nicht krank aus! Tu was gegen deine Falten! Push deine Brüste!“

All diese Forderungen rattert die Schauspielerin und Politikerin Cynthia Nixon („Sex And The City“) im Video „Be A Lady They Said“ herunter. Sie rezitiert das gleichnamige Gedicht von Camille Rainville. Was Nixon mit den bereits 2017 veröffentlichten Worten der 22-jährigen US-Bloggerin deutlich machen will: An Frauen werden auch im Jahr 2020 die unterschiedlichsten Anforderungen gestellt, die sich oft widersprechen und daher nicht alle erfüllbar sind. Dennoch hat das weibliche Geschlecht irrationalerweise das Gefühl, diese erfüllen zu müssen.

Das knapp dreiminütige Video wurde wenige Tage nach Veröffentlichung bereits millionenfach geklickt, tausendfach geteilt und kommentiert, weltweit gefeiert – obwohl es doch eigentlich keinerlei Neuigkeiten enthält. Fast alle Frauen dürften zumindest manch einen dieser Sätze im Laufe ihres Lebens schon gehört und gelesen haben. Sie hören sie von Männern, lesen sie in Magazinen, bekommen sie vielleicht auch von anderen Frauen gesagt, kriegen sie in der Werbung, in Filmen oder Serien nur allzu deutlich vor Augen geführt… Das Video ist daher vor allem eines: frustrierend wahr.

Der Clip, produziert – ausgerechnet? – als Werbevideo vom High-Fashion-Magazin „Girls Girls Girls“, welches sich sonst vor allem mit teurer Mode und passenden Accessoires beschäftigt, wird nun – im Zuge von #MeToo und wenige Stunden nach dem US-Urteil gegen den ehemaligen Hollywood-Mogul Harvey Weinstein – als feministisches Statement gefeiert. „Sei eine Lady, haben sie gesagt“ – dieser Satz fällt im Video immer wieder. Cynthia Nixon spricht ihn in die Kamera. Sie sieht dabei verdammt ernst aus. Und wird im Laufe der drei Minuten zunehmend wütend. „Sei top gepflegt! Sei sexy! Zieh‘ High Heels an! Hab‘ manikürte Fingernägel! Hab‘ bloß keine grauen Haare – ABER FÄRB‘ DIE HAARE DOCH NICHT BLAU! Sei natürlich!“ – Dass Frauen einfach ganz natürlich wunderschön sein sollen, ist doch wirklich nicht zu viel verlangt, das implizieren all diese Forderungen…

Ist es eben doch. An dem Ideal, das Frauen vermittelt wird, hat die Body-Positivity-Bewegung zwar gekratzt. Wirklich etwas geändert hat sich – auch dank Heidi Klum und ihrer Selbstvermarktungsjungfrauenfleischbeschau „Germany’s Next Topmodel“ – dadurch leider nicht. Dass so viele sich in dem Video wiederfinden, beweist, dass immer mehr Frauen die Ansprüche, die die Gesellschaft an ihr Äußeres stellt, zunehmend hinterfragen und kritisieren. Sie wissen eigentlich tief in sich drin, dass sie diese Ansprüche nicht erfüllen müssen. Und schaffen es oft doch nicht, sich von den Erwartungen zu lösen.

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Doch in dem Video geht es nicht nur ums bloße Aussehen: „Bitte sei nicht zu streng… Aber auch nicht zu soft! Durchsetzungsfähig! Aber nicht zickig! Nicht zu laut! Aber auch nicht ganz still…“ Thematisiert wird auch die weibliche Sexualität: „Sei nicht prüde! Nicht zu willig! Lächle mehr! Hab‘ Erfahrung im Bett! Sei unschuldig… MÄNNER WOLLEN DAS, WAS SIE NICHT HABEN KÖNNEN. Also halt dich dran! Werd‘ nicht vergewaltigt! Pass halt ein bisschen auf… Trink nicht zu viel! Sag‘ nicht ja! Sag nicht nein! Vertraue niemandem!“

Das Video ist – ganz Fashion-Industrie (gegen die es im Grunde ja auch wettert, welch‘ Janusköpfigkeit!) – professionell produziert, es ist stark, es zieht einen mit allerhand schnellen Schnitten in sich und seine audiovisuellen Aussagen hinein – es funktioniert (was ja auch dessen viraler Erfolg belegt). Ein bisschen schmerzt es beim Zusehen dennoch, dass fast alle gezeigten Frauen aussehen wie Topmodels und all die Forderungen verkörpern, die Cynthia Nixons Stimme doch anprangert: schlank, perfekt geschminkt und wunderschön. Makel? Keiner. Nirgends.

Dennoch ist der Clip von Regisseur Paul McLean wichtig, das zeigt allein die Resonanz, die er bereits innerhalb kürzester Zeit hervorruft. Eine Resonanz, die gleichzeitig nachdenklich machen sollte: Es ist frustrierend, dass sich auch heute noch so viele Frauen jeglichen Alters in diesem Video wiedererkennen, dass sie das Gefühl haben, sich selbst und der Gesellschaft nicht gerecht werden zu können. Dass sie zerbrechen zwischen allem, was sie tun, was sie sein sollen. Feministinnen prangern die genannten Missstände bekanntermaßen schon lange an. Geändert hat sich offenbar immer noch viel zu wenig. Auch, weil jede (und jeder!) bei sich selbst anfangen muss. Wie hieß es damals, Anfang des 20. Jahrhunderts, eine der Losungen der Frauenrechtlerinnen: „Nicht Worte zählen, sondern Taten.“

 

(oder via Vimeo)

 

Rock and Roll.

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„Girls to the front!“ – Die Dokumentation „The Punk Singer“ über „Riot Grrrl“-Sprachrohr Kathleen Hanna


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Sie gilt als „Rebel Girl“ und „Punk Feminist“. Als die Symbolfigur der Riot Grrrl-Bewegung Anfang der Neunzigerjahre und vereint feministische „Pro Choice!“-Revolution mit lautstarkem Punk Rock: Kathleen Hanna. Die 2013 erschienene Dokumentation „The Punk Singer“ zeichnet ein gleichsam persönliches wie einzigartiges Bild der Frontfrau von Bikini Kill, Le Tigre und The Julie Ruin.

 

„I’ve always thought that ‚punk‘ wasn’t really a genre. My band started in Olympia where K Records was and K Records put out music that didn’t sound super loud and aggressive. And yet they were punk because they were creating culture in their own community instead of taking their cue from MTV about what was real music and what was cool. It wasn’t about a certain fashion. It was about your ideology, it was about creating a community and doing it on your own and not having to rely on, kinda, ‚The Man‘ to brand you and say that you were okay.“

(Kathleen Hanna)

 

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Zwanzig Jahre Filmmaterial visualisieren mit collagenhaften Rückblenden sowie zahlreichen Interviews und Konzertausschnitten den Kampf für Frauenrechte und weibliche Selbstbestimmung sowie gegen Gewalt, Sexismus und männlichen Machismus. Die via Kickerstarter finanzierte Dokumentation von Regisseurin Sini Anderson taucht noch einmal ein in den DIY-Zeitgeist der frühen Neunziger und in eine ebenso wilde wie kreative Keimzelle, welche während dieser Zeit im US-amerikanischen Nordwesten um Portland, Olympia und Seattle herum entstand, und aus der eben nicht nur Bands wie Pearl Jam, Soundgarden oder Nirvana hervorgingen, sondern eben auch Bikini Kill. (Übrigens: Der Legende nach hätte es Nirvanas Grunge-Evergreen „Smells Like Teen Spirit“ ohne Kathleen Hannas Zutun so nie gegeben, schließlich entstand der Songtitel, als Hanna, die damals gut mit Frontmann Kurt Cobain befreundet war, den Satz „Kurt Smells Like Teen Spirit“ – auf deutsch: „Kurt riecht nach Teen Spirit“ – an eine Wand in dessen Wohnung schrieb, da Cobain nach dem Deodorant namens „Teen Spirit“ roch, welches seine damalige Freundin Tobi Vail benutzte. Cobain gefiel die Implikation des Satzes, also verwendete er ihn schließlich als Songtitel. Der Rest? Ist allseits bekannte Musikgeschichte.) Und obwohl gerade Bikini Kill zwar einflussreich, bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1997 jedoch lediglich leidlich kommerziell erfolgreich waren, machte gerade ihr Wirken Bands wie Pussy Riot (gerade bei den radikalen russischen Aktivistinnen ist der Einfluss unverkennbar), Gossip, Petrol Girls, War On Women oder Screaming Females erst möglich, während auch bei mit Lust die Grenzen der Konventionen sprengenden Künstlerinnen wie Amanda Palmer, Kate Nash und Miley Cyrus Hanna’sche Einflüsse deutlich erkennbar sind…

MV5BMjEzNzQxNzUxNF5BMl5BanBnXkFtZTgwMDY5MTY1MDE@._V1_UY1200_CR90,0,630,1200_AL_.jpgNeben Hanna selbst lässt Regisseurin Sini Anderson in ihrer 80-minütigen Dokumentation auch Freunde und Wegbegleiter wie Kim Gordon (Sonic Youth), Joan Jett (The Runways, Joan Jett & the Blackhearts), Carrie Brownstein und Corin Tucker (Sleater-Kinney), Johanna Fateman (Le Tigre) oder Ehemann Adam Horovitz (Beastie Boys) zu Wort kommen. Kathleen Hanna selbst nutzte vor einigen Jahren den Film, um ihr langjähriges Schweigen zu beenden und den tatsächlichen Grund ihres Rückzugs aus dem Rampenlicht im Jahr 2005, als sich ihre neue Electropunk-Band Le Tigre anschickte, größere Erfolge zu feiern und als neues Sprachrohr der LGBTQ-Bewegung zu etablieren, zu erklären. Denn obwohl es um das einstige Gesicht der Riot Grrrls still geworden sein mag (ihr letztes kreatives Lebenszeichen war 2016 das The Julie Ruin-Album „Hit Reset„), macht „The Punk Singer“ eines deutlich: heute wie damals nimmt die mittlerweile 50-jährige Ex-Bikini Kill-Frontfrau (politisch) kein Blatt vor den Mund. All girls to the front!

(Übrigens: Für all diejenigen, denen der Name Kathleen Hanna bislang rein gar nichts sagte, haben die Kollegen des ByteFM Blog eine musikalische Übersicht von „Kathleen Hanna in fünf Songs“ zusammengestellt. Feine Sache, das. Allen anderen sei so oder so der Soundtrack zu „The Punk Singer“ empfohlen.)

 

Hier gibt’s den Trailer…

 

…und hier „The Punk Singer“ komplett im Stream:

 

 

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Foto: Allison Michael Orenstein

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Frank Turner – „Eye Of The Day“ (live at Earth Hackney, London)


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Ich zitiere mich mal eben selbst:

Frank Turner – jedem Freund bierseligen Pub-Punksrocks mit akustischer Schlagseite (und nicht nur denen!) dürfte längst klar sein, wofür der mittlerweile 33-jährige Musiker seit Jahr und Tag steht: Authentizität, Bodenständigkeit, Herzlichkeit, britische Working-Class-Consciousness – und, ja, neben all diesen für Lau verschleuderten Schimpfwörtern (das Augenzwinkern denkt ihr euch bitte) auch ein wenig sympathische Naivität. Denn wie sonst kann man es sich erklären, dass ein Mensch diesseits der Vierzig all seine Energie in ein Leben von, mit und für die Musik steckt?“

Diese Zeilen – verfasst vor ziemlich genau vier Jahren anlässlich Turners sechstem Langspieler „Positive Songs For Negative People“ – mögen zwar bereits einige Monde zurück liegen, großartig anders könnte ich es allerdings auch heute nicht formulieren. Jedoch muss auch ich zugeben: Leicht hatte es einem „Be More Kind„, der „Positive Songs“-Nachfolger aus dem vergangenen Jahr, tatsächlich nicht gemacht. Zwar waren die heheren Absichten des mittlerweile 37-jährigen nimmermüden Kreativlings, der in letzter Zeit – nebst Platten, Tourneen sowie einer Quasi-Autobiografie auch die Familiengründung anging, angesichts der zusehends verrohenden, hasserfüllten politischen Debatte für mehr Respekt in der Kommunikation, für Menschlichkeit und Miteinander zu werben, aller Ehren wert – das Ergebnis, bei dem der englische Musiker ein ums andere Mal ungewohnt direkt mit dem Pop flirtete, wusste jedoch meist weniger zu überzeugen, sodass sich vor allem langjährige Fans des „Pub-Punk-Darlings“ die berechtigte Frage stellten: Quo vadis, Frank Turner?

nomansland.jpgNun, eine mögliche Antwort lässt sich in und zwischen den Zeilen des neuen, achten Albums „No Man’s Land“ finden – und doch auch wieder nicht. Denn Frank Turners frisch(st)e Stücke tanzen – wenn schon nicht vom Ton her, dann wenigstens aufgrund ihres Hintergrundes – ein klein wenig aus der Reihe. Warum? Weil „Englands sympathischste Antwortmöglichkeit auf Dave Grohl“ einmal nicht Wort gehalten hat und 2019 tatsächlich ein Konzeptwerk in die Plattenregale stellt…

Auf „No Man’s Land“ erzählt Turner, seines Zeichens bekennender Geschichts-Nerd, der  einen Bachelor in Europäischer Geschichte sein Eigen nennt, sowie (zwangsläufig) einer der Vertreter des vermeintlich „starken Geschlechts“ inmitten einer – zumindest in den wichtigsten Positionen – noch immer von Männern dominierten Musikszene und der (ebenfalls) von Männern dominierten Weltgeschichte mal ergreifende, mal skurrile, mal tragische, jedoch durchweg erstaunliche Geschichten über größtenteils weniger bekannte, jedoch umso faszinierendere Frauen. Dreizehn Stücke, dreizehn Damen – und die entstammen höchst unterschiedlichen sozialen, geografischen und historischen Kontexten.

Da wäre etwa die byzantinische Prinzessin Kassiani („The Hymn Of Kassiani“). Die aus Ägypten stammende feministische Aktivistin Hudā Schaʿrāwī, welche als erste Frau ihres Landes den Schleier ablegte („The Lioness“) Die Imperiumserbin Nica Rothschild, die in der Free-French-Bewegung während des Zweiten Weltkriegs kämpfte und in den 1950ern und 60ern als geradezu besessene Jazz-Mäzenin galt („Nica“). Dora Hand, Mitte des 20. Jahrhunderts eine singende Vaudeville-Sensation in den Bars der Wild-West-Stadt Dodge City. Sie war nicht nur eine außergewöhnliche Sängerin, sie war ebenso berühmt für ihre Großzügigkeit – bis eines Tages ein rüpelhafter Kleinstadt-Ganove den Bürgermeister der Stadt erschießen wollte, versehentlich aber Dora Hand traf und tötete („The Death Of Dora Hand„). Eine um 1900 in der Pariser Seine ertrunkene namenlose Jungfrau, deren heutzutage als „Resusci-Anne“ aus jedem Erste-Hilfe-Kurs bestens bekanntes Gesicht später als Modell für medizinische Reanimationsübungspuppen auf der ganzen Welt genutzt wurde („Rescue Annie“). Sister Rosetta Tharpe, eine 1915 geborene US-Amerikanerin, die auch als „Godmother Of Rock’n’Roll“ bekannt ist und als eine der ersten E-Gitarristinnen der Welt schon sehr früh großzügig Gebrauch von Verzerrer-Effekten machte – ihre 1944er Aufnahme des Spirituals „Strange Things Happening Every Day“ gilt als wichtiger Wegbereiter für die Rockmusik und beeinflusste eine ganze Heerschar heutiger Legenden von Elvis Presley bis Johnny Cash („Sister Rosetta„). Nannie Doss, eine Serienmörderin aus den tiefen Südstaaten der USA, die ihre Opfer über Kontaktanzeigen in der Zeitung suchte („A Perfect Wife“). Die sagenumwobene exotische Tänzerin Mata Hari, die im Ersten Weltkrieg als Spionin für den deutschen Geheimdienst aktiv war und 1917 wegen Doppelspionage und Hochverrats in Vincennes bei Paris hingerichtet wurde („Eye Of The Day„). Catherine Blake, eine Zeit ihres Lebens verkannte Ehefrau, die schlussendlich wohl die wahre Triebfeder hinter dem Erfolg des dichtenden Ehemanns war („Believed You, William Blake„). Die Wahrsagerin Jinny Bingham, welche einst in einem Verschlag auf dem Grund des heutigen Underworld-Clubs in Camden Town lebte und den Londoner Club angeblich immer noch heimsucht („Jinny Bingham’s Ghost„). Die Lehrerin Christa McAuliffe, welche 1986 an Bord des Space-Shuttles Challenger war, das kurz nach dem Start in Cape Canaveral, Florida zerbrach („Silent Key“). Und zum Schluss wird Frank Turner noch einmal persönlich, als er mit „Rosemary Jane“ einen Song der eigenen Mutter sowie deren Mut widmet, sich gegen den emotionalen Missbrauch durch ihren Mann und Turners Vater zu wehren.

Was ’ne Liste, oder? Wobei: So ganz neu ist das Thema der „unbekannten Frauen mit spannenden Geschichten“ im Werk des emsigen Musikers, der 1981 in Bahrain geboren wurde, nicht, denn immerhin erschien etwa „Silent Key“ – wenn auch als alternative Version – bereits 2015 auf seinem Album „Positive Songs For Negative People“. Und auch Frank Turners Hang dazu, sich für soziale Belange einzusetzen und gegen Ungerechtigkeiten jedweder Art stark zu machen, dürfe Fans hinlänglich bekannt sein. Trotzdem wagt der britische Barde auf „No Man’s Land“ konsequent Neues, denn schließlich wirkten – bis auf ihn – sonst nur Frauen an dem Werk mit: Produzentin Catherine Marks (Manchester Orchestra, Foals, The Killers, The Wombats) an den Reglern, eine ausschließlich aus Damen bestehende Backing Band an den Instrumenten. Zusätzlich bringt der Turner-Frank auch noch einen eigenen Podcast an den Start, bei welcher er sich vertiefest und ausführlichst zu jedem der Songs äußert. Herausgekommen ist – im Windschatten von #metoo, „Mansplaining“ und all den Gender-Diskussionen – eine geballte Faust in Richtung Feminismus. Dass diese ausgerechnet von Sympath Frank Turner kommt, der mit dem stilistisch an das tolle „Postcards From Ursa Minor“ seines Buddies Will Varley erinnernden „No Man’s Land“ eine zumeist auf mit Akustikgitarre vorgetragenem Folk sowie mit Streicher-Arrangements und Jazz-Elementen angereicherte Rückbesinnung an ältere Großtaten wagt (einzig beim tollen „The Lioness“ darf hymnisch gerockt werden) und das gelungenste Album seit – mindestens – „Tape Deck Heart“ abliefert, ist umso erfreulicher. So machen Geschichtsstunden Spaß.

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Petrol Girls – „Touch Me Again“


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Sleater-Kinney, Peaches, Le Tigre, Beth Ditto, Pussy Riot, Amanda Palmer, PJ Harvey, Tori Amos, mit ein paar Abstrichen gar Courtney Love oder Madonna (um nur mal die zu nennen, die mir gerade spontan in den Sinn kommen) – Feminismus hat längst ein festes Standbein in der Popkultur. Und das muss freilich längst nicht mehr – Klischees hin, Rollenmodelle her – im Stöckelschuh stecken, sondern gern auch in Springerstiefeln oder Chucks (während der ein oder andere männliche Artgenosse – ganz metrosexuell – längst Beauty Tutorials auf YouTube und Co. für sich entdeckt hat – so viel zu Geschlechterrollen). Da können Nicki Minaj, Beyoncé, Rihanna und Konsorten noch so kunstvoll ihre wackelnden Ärsche durchs aktuelle Musikvideo tragen – das, was Anfang der Neunziger unter dem Banner der „Riot Grrrls“ in der US-amerikanischen Hardcore-Punk-Szene und mit Vorreiter-Bands wie L7, Babes In Toyland oder Bikini Kill (deren Frontfrau Kathleen Hanna war wiederum später bei der bereits erwähnten Electropunkband Le Tigre aktiv) seine Anfänge nahm, ist längst nicht mehr ein reines „Szene-Ding“ für ein paar voran denkende, verschrobene Außenseiter oder Öko-Futzis.

Ein Thema, das jedoch auch heute noch – sowohl in der westlichen wie im Rest der Welt – meist unter die Teppiche des betretenen Stillschweigens gekehrt wird, ist das der häuslichen Gewalt. Und: Ja, genau wie Feminismus und Emanzipation – dem geläufigen Wortsinn zum Trotz – keine explizit weiblichen Themen sind, betrifft auch das der Gewalt in den eigenen vier Wänden oder dem privaten wie beruflichen Umfeld nicht nur Frauen. Nichtsdestotrotz fängt der sich energisch nach vorn prügelnde Signature-Song „Touch Me Again“ der feministisch geprägten Post-Hardcore-Formation Petrol Girls, zu dem die vierköpfige Band aus Großbritannien nun ein Lyric-Video veröffentlicht hat, welches zu großen Teilen aus von Fans eingesandtem Videomaterial besteht, das Thema sexuelle Gewalt mit rohen Worten ein: „Touch me again and I’ll fucking kill you!“.

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Doch woher stammt eigentlich die Inspiration zum Bandnamen? Nun, der Legende nach waren die „Pétroleuses“ Frauen aus der Arbeiterklasse, die während der Zeit der Pariser Kommune, als sich 1871 Arm gegen Reich erhob, Häuser der Reichen mit einer Art Molotowcocktail in Brand steckten. Und obwohl Liepa Kuraitė (Bass, Gesang), Ren Aldridge (Gitarre, Gesang), Joe York (Gitarre, Gesang) und Zock (Schlagzeug) heutzutage freilich nur noch die Moshpits vor ihnen zum Brennen bringen, nimmt der Bandname Petrol Girls darauf Bezug, und die Selbstbeschreibung „raging feminist post hardcore from South East London“ erklärt ebenso die Namenswahl von Band wie den Plattentitel ihres im vergangenen November erschienenen Debüts „Talk Of Violence“ oder auch einen Songtitel wie „Phallocentric„.

0641243281384Im Musikvideo zu „Touch Me Again“ schneiden Petrol Girls Aufnahmen von Fans, die Zeilen des selbstermächtigenden Songtextes auf Straßen, Zettel oder ihre Körper geschrieben haben oder mitsingen, zwischen Szenen von Straßenprotesten gegen sexuelle Gewalt. Am Ende kulminieren Song und Video in der kämpferischen Zeile „Touch me again and I’ll fucking kill you“ – deren letzte Verse Petrol-Girls-Frontfrau Ren Aldridge, die auch selbst bereits sexuelle Gewalt erfahren musste, a capella herausbrüllt.

Die Sängerin bedankte sich in einer persönlichen Botschaft bei allen Fans, die sich nach einem Aufruf mit Material an dem Video beteiligt hatten. „Der Song ist aus meinen eigenen Erfahrungen mit sexueller Gewalt erwachsen, die ich innerhalb und außerhalb der Punk-Community erlebt habe“, schrieb Aldridge. „Wir hoffen, dass dieses Videoprojekt eine Plattform für mehr Leute geschaffen hat, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, und dass dieses gemeinschaftliche Projekt eine ermächtigende Wirkung hatte! Der Protestruf ‚My body, my choice‘ wird immer relevanter, da Angriffe auf Frauen und andere marginalisierte Körper zunehmen. Hoffentlich kann dieses Video zumindest ein kleiner Weg sein, uns daran zu erinnern, dass wir viele sind, und dass wir gemeinsam Macht haben.“

Kein schönes Thema, dafür ein umso wichtigeres – eingefangen in direkten Bildern, untermalt von markigen Worten. Wer auch immer damals, in den seligen frühen Neunzigern, zuerst dieses „Riot Grrrl“ auf (s)ein Banner geschrieben hat, wäre wohl gerade sehr, sehr stolz auf Ren Aldridge und Co. Musik mit Botschaft gefällig? Bitteschön.

 

 

„My domain, my temple and my territory, my pleasure
Cut, cut, cut it out
My desire, my right to choose or to refuse this encounter
Cut, cut, cut it out
My agency that non consensual contact tries to take from me
Cut, cut, cut it out
My fucking mind, you undermine my sense of self, you pressurize
Cut, cut, cut it out
It’s my body and my choice
It’s my body
My fucking choice

My power, my psyche and my energy, my decision
Cut, cut, cut it out
My passion could never be ignited by such aggression
Cut, cut, cut it out
My liberty, my body as the base of my autonomy
Cut, cut, cut it out
I need to see us make progress towards accountability
Cut, cut, cut it out
It’s my body and my choice
It’s my body
My fucking choice
My lips, my thighs, my wrists, my mind
My lips, my thighs, my wrists, my spine
My hips, my neck, my tongue, my mind
Touch me again and I’ll fucking kill you
Touch me again and I’ll fucking kill you
Touch me again and I’ll fucking kill you
Touch me again and I will fucking kill you“

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Kate Nash – Girl Talk (2013)

Girl Talk (Cover)-erschienen bei Fontana/Universal-

Erinnert sich noch jemand an Lena Meyer-Landrut, dieses 18-jährige Fräuleinwunder, welches 2010 mit „Satellite“ erst in Deutschland, dann gar beim Eurovision Song Contest die „Lenamania“ auszulöste? Klar, diesem verflixt fies durchgepopten Stück konnte man vor drei Jahren nirgendwo entkommen, genau wie jenem Persönchen, das schon damals mit einer Mischung aus Chuzpe und Blasiertheit mehr spaltete als einte. Doch vor alledem beeindruckte sie die Jury der „Unser Star für Oslo“-Castingshow mit enormem Bühnentalent und eben jenem falsch aufgelegten Cockney-Slang, in welchem sie Stücke wie „Foundations“ oder „Mouthwash“ für sich vereinnahmte. Was wohl Kate Nash darüber dachte? Immerhin waren es eben jene Stücke, mit denen sie sich selbst – und ihr Debütalbum „Made Of Bricks“ – 2007 ins Licht der Öffentlichkeit spielte und so einen der charmantesten Ohrwürmer des Jahres („Foundations“) ablieferte. Und, klar: auch Nash selbst galt – drei Jahre vor Lena – in Großbritannien als Fräuleinwunder, als eine, die zwar im Blümchenkleid niedlich wirken mochte, der jedoch – Sommersprossen und Charme zum Trotz – jederzeit auch schnell mal ein „Fuck“ oder Rülpsen entfleuchen konnte.

KATE NASH

Doch bereits drei Jahre darauf schraubte Nash beträchtlich an ihrem Image und stellte mit dem Nachfolger „My Best Friend Is You“ klar, dass sie keinesfalls gewillt war, auf ewig das Fräuleinwunder-Blumenkind zu sein, das zu einfacher Piano- oder Gitarrenbegleitung amüsante Geschichten vom Erwachsenwerden erzählt. Die Arrangements wurden mal komplexer, mal rabiater, griffen vor und zurück in der Musikhistorie, bedienten sich in den Neunziger, Achtzigern, Siebzigern wie Sechzigern, entlehnten unter der Ägide von Ex-Suede-Mann Bernhard Butler ebenso bei den Shangri-Las wie bei den Pixies.

Und wer bereits damals den Verlust der gefühlt formatpopigen Mädchenfantasien beschrie, der wird auf dem dritten Album „Girl Talk“ sein punkledernes Wunder erleben. Denn wie bereits der im vergangenen Jahr kostenlos veröffentlichte Vorabsong „Under-Estimate The Girl“ mit dröhnend scharfen Gitarren, Feedback und höchst unladylikem Geplärre andeutete, mag sich Kate Nash anno 2013 so gar nicht irgendwelchen Erwartungshaltungen ergeben. Und so stellen denn auch die fünfzehn neuen Stücke einen weiteren Umbruch in der noch jungen Karriere der 25-jährigen Londonerin dar. Bereits der Opener „Part Heart“ deutet Nashs kämpferische Punk-Attitude mehr als an. Zum anfänglichen Bass-und-Schlagzeug-Duo gesellen sich Synthesizer und wütende Gitarren, während das ehemals brave Gör immer wieder mantraartig und selbstbestätigend „I still feel the same“ herunterbetet. Und überhaupt: der von Nash höchstselbst bediente Bass bildet in den meisten Stücken die Basis, darf mal vordergründig wummern („Death Proof“), mal solo ins Stück einsteigen („Sister“). Drum herum hangeln sich etwa Surf-Gitarren unselig ins Jenseits und hin zu den „Rock’N’Roll Highschool“-Ramones („Death Proof“), oder Sturm-und-Drang-Rhythmen à la Ash („Cherry Pickin'“). Das grundnervöse „All Talk“ hätte auch Nirvana gut zu Gesicht gestanden, „Rap For Rejection“ ist eben genau das und Nashs Versuch, Doo-wop, Punk und HipHop miteinander zu vereinen, „Cherry Pickin'“ außerdem eine Art überdrehte weibliche Sex Pistols-Annäherung, nur mit ‚Woohoo‘-Zuckerguss. Doch nach Zucker ist Kate Nash auf ihrem dritten Album beinahe nie zumute, eher nach Krawall, Barrikade und Rebellion. Und so überschlägt sich ihre Stimme während der 53 Minuten forsch ein ums andere Mal, in „Sister“ gerät die Musikerin gar ins Keifen. Doch keine Angst: auch auf „Girl Talk“ gibt es sie wieder, die Songs, in denen Nash beinahe herzallerliebst singt und die somit reichlich Trademarks besitzen, wie „Are You There Sweetheart?“ oder „OMYGOD!“ (nur den ihr eigenen Cockney-Akzent hat sie sich scheinbar fast vollkommen abgewöhnt). Dazu serviert sie mal Girl-Misses-Boy-Texte („OMYGOD!“), mal Girl-Tries-To-Forget-That-One-Boy-Lyrik („Unconventional Girl“), stellt jedoch auch mit gefühlt hoch erhobenem Mittelfinger klar: „You’ve a problem with me / ‘Cause I’m a girl / I’m a feminist / And if that offends you / Then fuck you /…/ Words are only in my mouth / The only thing that means anything now / Is action, action“ („All Talk“). Nee, auch 2013 macht das ehemalige Fräuleinwunder was es mag, und lässt sich weder in die eine, noch in die andere Richtung verbiegen! Und trotzdem schwört sie ihrem bisherigen Schaffen nicht gänzlich ab, denn ein zackiges Stück wie „3AM“ wäre, mit eingängigem Refrain und ‚Ooh Ooh Ooh‘-Begleitung, auch auf dem Debüt „Made Of Bricks“ nicht unangenehm aus der Reihe getanzt, und auch auf dem aktuellen Album finden sich massig Nash-typische Gesangslinien, bei denen schon immer etwas unbedarft schöne Melancholie mitschwang. In all der ungezügelten Energie bietet ein Song wie „Labyrinth“ Entschleunigung, und bei „You’re So Cool, I’m So Freaky“ kommt die bei Frau Nash aktuell höchst selten genutzte Akustkgitarre doch tatsächlich noch einmal zum Einsatz, lädt alle im Hintergrund Beteiligten zum Mitsingen ein und übt sich selbst im Außenseitertum: „You’re so cool / And I’m a waste of space / You’re so cool / And I don’t understand it / You’re so cool / And I have never been cool / You’re so cool / And I’m a freaky, freaky, freaky, freaky girl“ – nur das bisher gewohnt routinierte Piano hat aktuell Sendepause. „Lullaby For An Insomniac“ beginnt als A Capella-Einlage und mit düsteren Nachtgedanken („Another day goes by / And I don’t wash my hair / Another night is spent / Wishing you were here / My skin it looks so pale / What’s that over there?“), besinnt sich jedoch schnell auf’s Wesentliche („And I think I’m falling down again / So I think about all my good friends / And I wish them the best / I take comfort in / Knowing I have them“) und geleitet den Hörer höchst klassisch – und, zumindest auf einem Album wie diesem, höchst unerwartet – per Orchester vor die Tür. Warum? Weil sie’s kann.

Kate Nash 2013

„Girl Talk“ ist, wie bisher bei Kate Nash gewohnt, vieles: lyrischer Rundumschlag, kluge Neuausrichtung, selbstbewusste Selbstbehauptung, emanzipiertes Statement. Und so finden sich hier ebenso Anklänge an die Buzzcocks, Nirvana, frühe Bangles, Hole, Ash, Sex Pistols oder Ramones wie an PJ Harvey, die Distillers oder die Breeders. Und trotz allem tragen die fünfzehn Songs erneut ganz klar Kate Nashs Handschrift. Doch wo Landsfrauen wie Lily Allen sich unlängst zu stark von Produzenten und Plattenfirmen in gewisse Schablonen pressen liessen, gibt Nash auch auf Album Nummer drei einen Scheiß darauf, ob sie hier soeben ihren eigenen Karriere-Overkill in die Bänder schrammelt und spuckt. „Girl Talk“ ist gleichsam ein Bekenntnis zu Feminismus wie zu Verletzlichkeit. Und wo jemand wie Fräulein Meyer-Landrut zuletzt nur halbgares Hipster-Popmodetrendwerk zustande brachte (und wohl – zum Glück? – bald wieder in der Versenkung verschwunden sein dürfte), bleibt Kate Nash mutig und spannend. Und trotz allem ist „Girl Talk“ Pop. Nur muss man aktuell wohl fürchten, bei Widerworten eins mit dem Mikroständer übergebraten zu bekommen. No more Misses Nice Girl.

feminism

 

Hier gibt’s die Videos zum bewusst unschönen Vorabsong „Under-Estimate The Girl“…

 

sowie zu „3AM“…

 

…“Death Proof“…

 

…und „Fri-end?“ zu sehen:

 

 

Und da’s ein so wundervoll krasser Gegensatz ist, hier noch einmal die bereits erwähnten Stücke „Foundations“…

 

…“Mouthwash“…

 

…sowie das noch immer simpel tolle „Nicest Thing“ in Videoform zum direkten Vergleich:

(Okay, die Stücke vom 2007er Debütalbum „Made Of Bricks“ sind immer noch klasse!)

 

Rock and Roll.

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