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Der Jahresrückblick – Teil 1


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Was für Musik braucht man in einem Jahr wie diesem? Solche, bei der die Halsschlagader wild pocht und der ganze gerechte Zorn auf die Welt ein brodelndes Ventil bekommt. Solche, die einem sanft über den Kopf streicht und einem die Hoffnung einhaucht, dass alles schon besser werden wird – irgendwann, irgendwie. Und auch solche, die einen in ihrer Euphorie einfach gnadenlos mitreißt, und einen – im besten Fall – alles andere – das Gute wie Schlechte – für Momente vergessen lässt. Zwischen diesen drei Fixpunkten ist in meiner Bestenliste der persönlich tollsten Alben des Musikjahres 2018 einmal mehr wenig zu finden, an den Endpunkten dafür umso mehr. Bühne frei und Vorhang auf für ANEWFRIENDs Alben des Jahres!

 

 

cursive_virtiola.jpg1.  Cursive – Vitriola

So sehr ich Tim Kasher für nicht wenige Diskografie-Glanzlichter (angefangen bei Cursive bis hin zur Zweitband The Good Life und den Solo-Werken) schätze, aber: Wirkliche Erwartungen – im Positiven – hatte ich zuletzt kaum noch. Dafür war vor allem das letzte, 2015 erschiene The-Good-Life-Album „Everybody’s Coming Down“ einfach zu mies, und auch die 2013 beziehungsweise 2017 veröffentlichten letzten Alleingänge „Adult Film“ und „No Resolution“ waren zwar mit einigen Ausnahmesongs gesegnet, verschwanden allerdings schnell wieder in den hinteren Ecken des (digitalen) Plattenregals.

Dass es also Cursive, Tim Kashers bereits seit den Neunzigern bestehende Alle-Jubeljahre-wieder-Stammformation, heraus reißen würde, darauf durfte man auch kaum vertrauen, schließlich konnten dort weder „Mama, I’m Swollen“ (2009) noch das im großen Stil gescheiterte „I Am Gemini“ (2012)  mit der Intensität von „The Ugly Organ“ oder dem kalkulierten Wahnwitz von „Happy Hollow“ mithalten. Warum also sollte ausgerechnet „Vitriola“, Cursives erstes wirkliches Lebenszeichen seit geschlagenen sechs Jahren, da auf überzeugenderen Schienen unterwegs sein?

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Nun, zunächst einmal, weil mit Tim Kasher, Matt Maginn, Ted Stevens, Clint Schnase sowie Co-Produzent Mike Mogis – erstmals seit „Happy Hollow“ und zwölf Jahren –  Cursives bewährte Stammformation wieder an Bord ist. Und auch, und das wiederum erstmalig seit „The Ugly Organ“ und immerhin 15 Lenzen: das Cello ist zurück! Und ebenjenes füllt gleich einmal jede Ecke und Kante der zehn Albumstücke aus. Und wie! Bei aller Ruppigkeit gelingt es Kasher und Co. derart fulminant, ihr einmal mehr einem Cursive-Album zugrunde liegendes hochtrabendes Konzept (diesmal arbeitet sie sich am Existenzialismus ab, der in Richtung Nihilismus, mal hin zu dystopischer Verzweiflung abwandert und von der Art und Weise erzählt, wie die Gesellschaft, ähnlich wie ein Schriftsteller, einerseits im Eifer erschafft, andererseits jedoch auch – sich selbst – zerstört) an die Hörerschaft zu bringen, dass man kaum mehr indierockende Zeitgeist-Kritik von irgendeiner anderen Band erwarten kann. Diese Songs sind pissed, sind angewidert, sind unzufrieden. Ganz gleich, ob, wie in „Under The Rainbow“ Unruhe in Wut überschwappt, die die Selbstzufriedenheit der privilegierten Klassen anklagt, sich im großartigen „It’s Gonna Hurt“, das Klimax über Klimax über Klimax schraubt, Trauer Bahnen bricht, in „Life Savings“ Geldgier und Konsumhörigkeit vor die Flinte laufen, oder, wie etwa im Abschluss „Noble Soldier / Dystopian Lament“, ein eindringlicher Blick auf einen möglichen gesellschaftlichen Kollaps geworfen wird, der wenig Hoffnung bietet, aber versucht Schönheit und Schrecken auf dem Kopf einer Nadel auszubalancieren. Und so wunderbar kaputte Schrammelorgien wie etwa „Ghost Writer“ können ohnehin nicht viele verfassen…

Natürlich darf man auch 2018 keinen zugänglichen Radiopop von Cursive erwarten – warum auch? Die Welt ist keine gute, der Mensch darin im Zweifel dem anderen gegenüber kaum selten feindsinnig gestimmt, und oft genug nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Tim Kasher spricht all das in so einigen feinsinnig-bissigen Alltagsbeobachtungen offen genug an. Und das tönt auch wegen Megan Siebes fast omnipräsentem Cello so kraftvoll wie gefühlt noch nie im Cursive’schen Klangkosmos… So famos wie kaum etwas anderes 2018, und deshalb meine liebste Platte!

 

 

mastersystem_dancemusic2.  Mastersystem – Dance Music

Dass „Dance Music“ Scott Hutchisons Abschiedsgeschenk an die stetig wachsende Hörerschar des umtriebigen Frightened-Rabbit-Frontmanns werden würde, konnte – wenn überhaupt, denn all das gehört freilich ins Reich der Spekulationen – wohl nur er selbst ahnen. Trotzdem bleibt es dabei: Scott Hutchison ist tot. For fuck’s sake, damnit! Und dieses gemeinsam mit befreundeten Musikern aus Kapellen wie den Editors oder Minor Victories aufgenommene Album einhält daher die wohl sinnlosesten Abschiedszeilen des Musikjahres. Sind sie großartig, diese Songs? Zur Hölle, ja! Würde ich sie eintauschen für ein paar von Scott verfasste Worte, in denen er – gesund, lebend und bester Dinge – von den Aufnahmen eines Nachfolgers zum nun auch finalen 2016er Frightened-Rabbit-Album „Painting Of A Panic Attack“ schreibt? Zu gern, zu gern…

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restorations_lp5000.jpg3.  Restorations – LP5000

Ganz ehrlich: Plattencover des Jahres, mit Abstand. Dass auch die – leider: nur – sieben Songs von „LP5000“ zu überzeugen wissen, spricht für die stetige Entwicklung von Restorations. Dass die fünfköpfige Indierock-Band aus dem US-amerikanischen Philadelphia, Pennsylvania auch mit Album Nummer vier nicht unter „Geheimtipp“ für Freunde von Referenzbands wie The Gaslight Anthem, The Hold Steady, Hot Water Music, Jimmy Eat World oder den Get Up Kids verbucht werden darf, ist da eigentlich eine Schande, denn toll ist auch 2018 jede neue Albumnote. 

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yellowknife_retain4.  Yellowknife – Retain

„Grundsympathischer Indierock wie um die Jahrtausendwende herum – schroff, direkt und unaufdringlich. Kribbelt. Rockt. Macht Laune. Umarmt.“ Besser als diese zehn Songs aus der Feder von Tobias „Tobi“ Mösch und seinem Band gewordenen Wohnzimmer-Projekt Yellowknife ist dies 2018 in Indienrock-Deutschland keiner anderen Band geglückt. Macht zuckerfrei süchtig. Da kannste eigentlich nur kritisieren, dass bereits nach 35 Minuten der Finger einmal mehr auf die Repeat-Taste wandern muss…

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william_fitzsimmons_missionbell5.  William Fitzsimmons – Mission Bell

Würde man versuchen, die Biografie von William Fitzsimmons zu verfilmen, das Ergebnis würde wohl fast schon zwangsläufig zu einem kitschigen Zelluloid-Melodram verkommen (oder wahlweise zu einer vor Pathos triefenden Prime-Time-Telenovela). Und auch, wenn man sich bei einem Urteil wie diesem ein klein wenig wie ein schlechter Mensch fühlt, aber: Der 40-jährige grundsympathisch-herzliche US-Singer/Songwriter ist immer dann besonders gut, wenn es um das Vertonen seiner eigenen Schicksalsschläge geht. Und davon hat Studiowerk Nummer sieben, „Mission Bell“ so Einige zu bieten. Manchmal mag’s so sehr zu Herzen gehen, dass sich Kuschelplümo und Kakao fast von selbst erwärmen. Ach, William… ♡

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exre_exre.jpg6.  Ex:Re – Ex:Re

„“Ex:Re“ ist ein Trennungsalbum, wie es auch schon die Daughter-Vorgänger waren, eine Sammlung an Tipps zum Verkraften und Überleben, eine Anleitung zum Alleinsein. Eine Art Tagebuch, in das man nur nachts schreibt, wenn der Kummer einem den Schlaf raubt.“ wie Jennifer Deiner in ihrer plattentests.de-Rezension zum Solo-Debüt von Daughter-Frontfrau Elena Tonra schreibt. Klar sind die zehn darauf dem Herzschmerz abgerungenen Stücke durch und durch traurig, schonungslos offen und unheimlich direkt – allerdings auch weit weg davon, wirklich trostlos zu sein. „When you sheltered yourself and / Cut off the phone / Well, I knew then / You weren’t hurt / You’de forgotten / How to love“ heißt es zwar im abschließenden, bitteren „My Heart“. Trotzdem legen sich die meisten Songs wie eine düster glimmende nächtliche Decke um den Hörer, und lassen ihn wissen: Du bist nicht allein.

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pianosbecometheteeth_waitforlove.jpg7.  Pianos Become The Teeth – Wait For Love

Der Album-Vorgänger „Keep You“ war 2014 noch auf dem Treppchen zu ANEWFRIENDs „Platten des Jahres“, „Wait For Love“ schafft es 2018 zumindest in die Top Ten. Und das auch völlig zu recht für Pianos Become The Teeth. Denn obwohl das Quintett aus dem US-amerikanischen Baltimore, Maryland Note für Note immer weiter das Post-Hardcore-Gewand der wütenden ersten beiden Werke „Old Pride“ und „The Lack Long After“ abstreift, um seine Songs hin zum mittlerweile sehr melodisch-melancholischen Indierock zu öffnen, tut dies der Spannung keinen Abbruch. Denn vor allem die Stimme von Kyle Durfey ist viel zu großartig, um als Schreihals im nächsten juvenilen Moshpit zu verenden. Und wie hieß es doch im 2013 erschienenen Song „Hiding“ (welcher an sich bereits die formvollendete Richtungskorrektur vorweg nahm): „You can’t stay angry forever, or so I’m told…“

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Quiet-Slang-Everything-Matters-But-No-One-Is-Listening-700x700.jpg8.  Quiet Slang – Everything Matters But No One Is Listening

Beach-Slang-Frontmann James Alex nimmt sich den ein oder anderen Song seiner Stammband noch einmal vor – und stimmt diese dann eine ganze Ecke leiser an. Passenderweise als Quiet Slang. „Insgesamt scheint die Idee von Beach Slang-Frontmann James Alex, als Quiet Slang mit einer intim(er)en Variante seiner Hauptband an den Start zu gehen, eine durchaus brillante zu sein, schließlich kommt sein herrlich ungeschliffen-raues Organ zu Piano, Akustischer und Streichern nun voller zur Geltung.“ Absolut. Und alle, die befürchten, dass Beach Slang nun deshalb in der Versenkung verschwinden würden, seien beruhigt: Diese Album gewordene Verschnaufpause scheint James Alex genügt zu haben, denn bald schon soll es wieder neue Beach-Slang-Songs zu hören geben…

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slothrust_thepact9.  Slothrust – The Pact

Gäbe es einen J-Mascis-Gedächtnis-Award für den bloßen Versuch, ein feinsäuberlich durchgegniedeltes Gitarrensolo in möglichst JEDEM Indierock-Song unter zu bringen, so wären Slothrust hierfür die wohl sichersten Anwärter des Musikjahres 2018. Denn für das Trio aus Boston, Massachusetts scheint es ein Leichtes zu sein, ein Solo in eben nahezu jedem der zwölf Stücke von Album Nummer vier, „The Pact“, zu platzieren. Kann nerven? Kann aber auch recht geil sein. Dafür sorgt auch die stilistische Melange, durch welche sich Leah Wellbaum, Kyle Bann und Will Gorin mittlerweile recht leichtfüßig bewegen. War „Everyone Else“, der 2016 erschienene Albumvorgänger, noch ein einziger tiefer Flanellhemd-Knicks vor der Grunge-Ära, so tauchen die Songs des Dreiergespanns mittlerweile ohne jegliche Berührungsängste auch in Indiepop- oder Alt.Country-Gefilde ab und schrecken auch vor subtilen Synthie-Streichern oder einem Jazz-Saxophon-Solo (!) nicht zurück. Macht mächtig Laune, das Ganze! And this year’s J-Mascis-Gedächtnis-Award goes to…

 

 

clueso_handgepäck.jpg10.  Clueso – Handgepäck I

Wie meinte ich noch im August: „Ist halt ein Guter, der Cluesen.“ Das hat sich freilich auf im Verlauf der letzten Monate kaum geändert. Und allen, für die der Pop auf den letzten Nummer-Eins-Alben des gebürtigen Erfurters Überhand nahm, bietet Clueso auf „Handgepäck I“ eine – Outtakes hin, Album-Überbleibsel her – in sich stimmige Sammlung meist akustisch-reduzierter Songs an, über denen – zumindest, wenn’s nach mir geht – seine Neuinterpretation des Puhdys-Klassikers „Wenn ein Mensch lebt“ thront…

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…und auf den weiteren Plätzen:

Boygenius – Boygenius EP mehr…

Hannes Wittmer – Das große Spektakel mehr…

Spanish Love Songs – Schmaltz

Foxing – Nearer My God

We Were Promised Jetpacks – The More I Sleep The Less I Dream mehr…

 

 

Persönliche Enttäuschungen 2017:

adam-angst-neintology.jpgAdam Angst – Neintology

Das selbstbetitelte Debüt war 2015 noch ANEWFRIENDs „Album des Jahres“, der „Neintology“ genannte (und aufgrund des auch heute noch famosen Vorgängers konsequenterweise selig erwartete) Nachfolger jedoch lief bei mir seit Veröffentlichung im September geschätzte zwei, drei Mal. Was also ist passiert? Adam, du machst mir Angst! Adam, wir haben wohl Redebedarf…

Eine der großen Stärken des Debütalbums war noch, dass Frontmann Felix Schönfuss und seine Band Dinge klar – und meist darbst angepisst – beim Namen nannten, Problemkarten offen auf den Tresen der Indierock-Spelunke legten – und daraus ordentliche Punkrock-Songs mit eingebauter Repeat-Taste klöppelten. Drei Jahre später sind die Zeiten, und freilich auch die Gesellschaft um die Band herum, kaum besser, trotzdem gelingt es Schönfuss und seinen Mit-Adam-Ängsten nur recht selten, den Funken (erneut) überspringen zu lassen. Der vermeintliche Technologie-Horror von „Alexa“ mag zwar im ersten Moment witzig erscheinen, ist jedoch arg überformuliert. Der Protektionismus-Abgesang „Blase aus Beton“ geht in Ordnung, stinkt letztendlich jedoch gegen fast jedes Stück des Vorgängers mächtig ab. „Kriegsgebiet“ arbeitet sich zu tobenden Riffs und drückenden Drums an allerlei Erste-Welt-Problemen ab (das wusste die Band 2015 mit „Splitter von Granaten“ noch weitaus besser hinzubekommen). Beinahe der einzige Lichtblick: „Alphatier“. Dieser beschäftigt sich in der Ich-Perspektive mit dem Coming Of Age einer Transperson und ermuntert diese schlussendlich zum Coming Out. Offenbar hat sich das Quinitett die Kritik, die es in „Punk“ ironisch vorweg formuliert, am Ende tatsächlich zu Herzen genommen: Zu smart, musikalisch zu unkomplex. Weiterskippen statt auf Repeat zu hämmern. 2018 wandeln Adam Angst bestenfalls auf etwas blassem Ärzte- und/oder Farin-Urlaub-Niveau (ohne es despektierlich zu meinen, aber auch Champions und Europa League sind ja zwei verschiedene Ligen). Das Debüt spuckt noch heute Gift und Galle, das hier tut leider niemandem mehr weh. Böse Zungen würden nun darauf verweisen, dass Frontmann Felix Schönfuss in diesem Fall zum ersten Mal ein zweites Album mit einer seiner Bands (in der Vergangenheit etwa Escapado oder Frau Potz) abgeliefert hat, und dieses ja in der Vergangenheit „aus Gründen“ vermied. Nach einem Meilenstein-Schuss ist wohl stets Schluss? Ich erbitte Besserung!

 

 

aperfectcircle_eattheelephantA Perfect Circle – Eat The Elephant

Zunächst einmal ist es toll, dass sich Maynard James Keenan und Kompagnon Billy Howerdel nach schlappen 14 Jahren tatsächlich mit einem neuen A Perfect Circle-Langspieler zurück melden. Klar, gerade Keenan lag in der Zwischenzeit mit seiner Weinbau-Passion, seinem etwas umtriebigeren (und ab und an arg spleenig-ambitionierten) Band-Projekt Puscifer sowie neuerdings wieder Tool (deren Nachfolger zum 2006er Album „10,000 Days“ längst zum weltgrößten musikalischen Treppenwitz taugt) kaum auf der faulen Haut. Und gerade deshalb schien ein Nachfolger zum 2004 veröffentlichten Album „eMOTIVE“ nicht eben wahrscheinlich. Wer’s anders sieht, dem seinen mal eben die damaligen Randbedingungen vor Augen geführt, erschien dieses doch am 1. November, und damit einen Tag vor den damaligen US-Präsidentschaftswahlen, bei denen ein gewisser George W. Bush im Amt bestätigt wurde. Danach folgten zwei Amtszeiten von Barack Obama, dem wiederum ein mit dem Goldlöffel aufgezogener, tumbdreist daher plappernder ehemaligen Reality-TV-Show-Star im vermeintlich höchsten Amt der US of A nachfolgte. Die Welt hat sich also seit dem dritten Langspielwerk kaum zum Besseren gewandelt. Bühne frei für neue Songs von Keenan, Howerdel und Co., die sich auch in der Vergangenheit kaum mit Kritik zurück hielten, also?

Nun so einfach ist’s kaum. Natürlich hat die Band in all den Jahren kaum ihre Trademarks, die einerseits von Maynard James Keenan markanter Stimme, andererseits von Billy Howerdels filigranem Gitarrenspiel, welches in Alternative-Rock-Songs mündet, die wiederum beständig im Spannungsfeld zwischen Melancholie und Eruption hin und her mäandern, über Bord geworfen – man höre nur das großartige „Features“! Natürlich gibt es auch 2018 zeitgeistige Sozialkritik, wie etwa im feinen Holzhämmerchen „Disillusioned“. Das Problem mit der Rückkehr von A Perfect Circle ist vielmehr, dass „Eat The Elephant“ zu viel will (und, wie etwa beim fast schon grotesk poppigen „So Long, And Thanks For All The Fish“, auch wagt), dem – freilich einmal mehr schön konzeptuierten -Ganzen jedoch wenig wirkliche Substanz, arg viel oberflächlichen Inhalt entgegen stellt. So verkommt ein Großteil der Stücke auf „Eat The Elephant“ zu einer Mogelverpackung á la Hollywood, gegen die es gerade noch selbst gewettert hat, und wäre – zusammen gedampft auf eine EP – wohl potentiell größer rausgekommen…

 

 

Die Entdeckung des Musikjahres: 

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Soup

Der Bandname? Der wohl nichtssagendste, fast schon schwachsinnigste seit Langem. Die Band selbst? Ein echter Geheimtipp, bei dem selbst ich mich frage, wieso gerade die so lange an mir vorbei musizieren konnten…

Denn vor allem die letzten beiden Studioalben von Soup – die großartigen „The Beauty Of Our Youth“ (2013) und „Remedies“ (2017) – bieten eine wunderbar zusammen gewürfelte Melange aus so Vielem: Kopfkino-Postrock von Größen wie Godspeed You! Black Emperor, Sigur Rós oder Mogwai, psychedelischer Seventies-Rock der Duftmarke Pink Floyd, an manchen Ecken lugen gar Genesis, Steven Wilson, Opeth oder Motorpsycho hervor. Dass der Fünfer aus dem norwegischen Trondheim aus all diesem potentiellen Referenzen tolle Alben (bei den genannten saß wiederum nicht grundlos Mogwai-Mischer Paul Savage hinter den Studioreglern) zimmert, macht das Endergebnis nur noch umso erstaunlicher, sodass man beinahe gewillt ist, dem Promotext unumwunden zuzustimmen: „‘The Beauty Of Our Youth‘ ist ein Album, das gekonnt die Schönheit der Landschaft widerspiegelt und ein Manifest nordischer Melancholie zu sein scheint, auferstanden aus moosigen Wäldern, durch nebelige Berge streifend, um letztendlich in der rauen See zu versinken. Dynamisch, aufregend und entspannend zugleich.“

Verschroben-verschwurbelte Naturromantik trifft also auf die gaaaaanz große Artrock-Palette? Mag sein, ja. Klingt jedoch großartig genug, um Soup – dämlicher Bandname hin oder her – endlich zu mehr als nur einem Geheimtipp-Status gratulieren zu wollen…

Übrigens: Wer wissen mag, ob Erlend Aastad Viken, Ørjan Langnes, Jan Tore Megård, Pål Ramsøy-Halle und Espen Berge ihre große Studio-Show auch auf die Konzertbühnen transportieren können, dem sei etwa die kürzlich erschienene (und leider nur fünf Songs kurze) Live-Konserve „Live Cuts“ ans Hörerherz gelegt.

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Adam Angst – „Alexa“


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Adam Angst, anno 2015 mit ihrem selbstbetiteltem Debütwerk Lieferanten von ANEWFRIENDs „Album des Jahres„, sind – endlich, endlich! – zurück: Mit der drückenden neuen Single „Alexa“ kündigt die fünfköpfige Punkrock-Band um Frontmann Felix Schönfuss (of Escapado and Frau Potz fame) ihr überfälliges zweites Album „Neintology“ an.

Damit ist zumindest auch eines klar: Es ist das erste Mal, dass Schönfuss ein zweites Album für die gleiche Band geschrieben hat. Seinen Vorgängerbands Frau Potz und Escapado hielt der um kaum eine markige Textzeile verlegene Lauthals lediglich für eine gemeinsame Platte die Mikrofonstange…

906ea675-AA2Im wuchtigen Vorboten „Alexa“, benannt nach dem Voice Service eines megalomanischen Internetversandhauses, stellt der Sänger und Hauptsongschreiber von Adam Angst  sowohl sich selbst, jedoch vor allem dem Hörer die berechtigte Frage: Smart Home, Smart Devices, Smart People? Zum Musikvideo, entstanden in Zusammenarbeit mit Studierenden der Hochschule Ostwestfalen-Lippe, sagt die Band: „Die Geschichte von ‚Alexa‘ spielt in einer nahen Zukunft, in der das Prinzip ‚Bequemlichkeit durch Technik‘ ein neues Ausmaß erreicht hat. Neuartige Devices interagieren mit uns, nehmen uns jegliche Aufgaben ab und sind aus keinem Haushalt mehr wegzudenken. Doch in dieser Geschichte werden wir vom eigenen Fortschritt überholt: Die Computer entwickeln ein Eigenleben, vernetzen sich unerreichbar und beginnen zunächst, ihre Schöpfer mithilfe der gesammelten Daten psychologisch gegeneinander auszuspielen. Schließlich übernimmt ‚Alexa‘ auch die Kontrolle über die weltweite Energieversorgung sowie über elektronisch gesteuerte Militärwaffen.“ – Quasi einer der Hauptgedanken von „Fight Club“, übertragen in den gewohnt rotzigen (und lediglich an der Oberfläche amüsanten) Deutschpunk von Adam Angst. Da weiß man sofort, was man in der deutschsprachigen Musikszene in den letzten drei Jahren so oft vermisst hat…

Neintology“ erscheint am 28. September 2018 bei den Herr- und Damenschaften vom feinen Grand Hotel van Cleef und wurde von Beau Burchell gemischt (u.a. The Bronx, Moose Blood). Freude? Geht längst steil…

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Adam Angst – „Wir werden alle sterben“


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Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht… Welche wollt ihr zuerst?

Nun, die schlechte ist, dass sich auch 2017 – im Vergleich zu zwei Jahren zuvor – herzlich wenig am Zustand der Welt im Großen und der Gesellschaft, die da, allzu oft stupide, in ihr vor sich hin malocht, verändert hat – ganz im Gegenteil, leider. Siehe auch: Donald Trump, AfD, Le Pen, Dortmund, Manchester etc. pp.

Die Gute dürfte in diesem Fall sein, dass das selbstbetitelte, im Februar 2015 erschienene Debütwerk von Adam Angst nichts, aber auch gar nichts von seiner zeitgeistig-zynischen Wirkung und Aussagekraft verloren hat. Die elf Bestandteile, aus denen Frontmann Felix Schönfuss und Co. damals ihr Album zusammensetzten, wirken auch im Juni 2017 noch immer wie ein Zerrspiegel, den die bundesdeutsche Gesellschaft vorgehalten bekommt, und damit nicht selten wie ein – pardon my French – verdient-benötigter Sidekick in Kauleiste und Magengrube.

Dass ich als selbsternannter Adam-Angst-Fanboy (das erste Album landete damals verdient auf dem Spitzenplatz meiner „Alben des Jahres„) natürlich auch jedes neue Stück der Nachfolgeband von Escapado und Frau Potz potentiell abfeiere, dürfte sich von selbst verstehen, oder?

In diesem Fall jedoch, möglich objektiv betrachtet: zu recht.

26789Denn „Wir werden alle sterben“, welches vor wenigen Tagen digital als gemeinsame Split Single mit den befreundeten Donots (deren Stück heißt wiederum, angelehnt an die Jim-Morrison-Biografie gleichen Namens, „Keiner kommt hier lebend raus„) erschien und nun auch als auf 500 Stück limitierte Vinyl-Scheibe vorbestellt werden kann,  ist abermals wirklich gut. Eben weil Felix „Adam Angst“ Schönfuss und seine Jungs ihrem Stil treu bleiben und auch 2017 musikalisch Gift und Galle spucken, während der Text düstere Bilder malt. Klar: Schönwetter-Vibes gehen anders. Aber eine Gesellschaft bekommt am Ende eben immer das, was sie verdient, oder?

Am besten wurde es in einer anderen Review zum Song beschrieben:

„Wir haben nur dieses eine Leben. Wir haben nur diese eine Welt. Lasst uns gemeinsam daran arbeiten, dass wir beides, so lange es geht, in Frieden halten und behalten können. Lasst uns mit dem, was wir am meisten lieben, für die, die wir lieben, zusammenstehen und den Arschlöchern sagen, dass sie Arschlöcher sind. Und dass wir, solange unsere Herzen schlagen und das Blut bis in den Kopf fließt, nicht tatenlos zusehen werden, bis hier alles brennt.“

Adam Angst selbst haben Folgendes zu sagen:

„‚Jetzt erst recht!‘ Nur mit diesem Credo kann, nein, MUSS man Zeiten begegnen, in denen sich mittlerweile nahezu jeden Tag auf diesem Planeten irgendwelche feigen Arschlöcher für geisteskranke Ideologien in die Luft sprengen“, äußern sich beide Bands in einem gemeinsamen Statement zur Entstehung der Split-Single. „‚Jetzt erst recht!‘ will man wiederum trotzig den anderen Arschlöchern ins Gesicht schreien, die unlängst neue, milliardenschwere Waffendeals für weitere Kriege abgeschlossen haben, menschliche ‚Kollateralschäden‘ (sic!) in Kauf nehmen und damit schlussendlich noch mehr Öl ins Terror-Feuer gießen. Und ‚Jetzt erst recht!‘ muss auch die Entschlossenheit signalisieren, mit der man in diesen Tagen jenen populistischen Arschlöchern entgegenzutreten hat, die all das Chaos nutzen wollen, um rechtes Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft wieder salonfähig zu machen und die mit irren Brandreden täglich noch mehr Angst, Hass und Lügen streuen.“

 

 

„‚Nu‘ fahr doch, grüner wird’s nicht!‘
Zum Dank kleb‘ ich am Rücklicht
Und dann werd‘ ich überholen
Schneiden, Finger zeigen, ‚Fick dich!‘
‚Herr Ober, also für diesen Preis
Sollten Sie schon wissen, was al dente heißt‘
‚Ja, furchtbar, das mit Afrika
Doch erklär‘ mir warum ich hier nur Edge-Netz hab‘!‘

Und täglich ziehen Scharen von Arschlöchern ins Land
Suchen sich ’ne Hexe und bewerfen sie mit Schlamm
Die Masse masturbiert und das Opfer sinkt ins Moor
Wär‘ da doch nur öfter diese Stimme im Ohr

Wir werden alle sterben
Wir werden alle sterben
Wir werden alle sterben
Wir werden alle sterben

Holt mal schnell die Gartenstühle rein!
Denn wir werden alle sterben
Nimm dir doch noch ein bisschen Zeit um voller Hass zu sein!
Erst dann kannst du in Frieden sterben

Hol deinen Vorgesetzten auf die Knie, du Hurensohn!
Will mir aus sicherer Entfernung einen runterholen
(Will mir aus sicherer Entfernung einen…)

Holt mal schnell die Gartenstühle rein!
Denn wir werden alle sterben
Nimm dir doch noch ein bisschen Zeit um voller Hass zu sein!
Erst dann kannst du in Frieden sterben

Wir werden alle sterben
Wir werden alle sterben
Wir werden alle sterben
Wir werden alle sterben“

 

Rock and Roll.

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Der Jahresrückblick 2015 – Teil 3


Ein zwar nicht durch und durch hochkarätiges, jedoch ebenso wenig an tollen Veröffentlichungen armes Musikjahr 2015 neigt sich unausweichlich seinem Ende zu. Zeit also, ANEWFRIENDs “Alben des Jahres” zu küren und damit, nach der Rückschau aufs Film- und Serienjahr, auch die Königsdisziplin ad acta zu legen! Dem regelmäßigen Leser dieses Blogs werden sich wohl wenige Überraschungen offenbaren, schließlich wurde ein guter Teil der Alben meiner persönlichen Top 15 im Laufe des Jahres – insofern es die Zeit zuließ – bereits besprochen. Bleibt nur zu hoffen, dass auch 2016 ein ähnlich gutes Niveau an neuen Platten und Neuentdeckungen bieten wird… Ich freue mich schon jetzt drauf.

 

 

adam angst1.  Adam Angst – Adam Angst

Wenn ich ehrlich bin, dann war die Pole Position meiner Lieblingsalben dieses Jahres bereits im Februar vergeben. Und dass an ein Album, dessen Protagonist ein „arroganter Drecksack“ (Pressetext) ist, der dem Hörer elf Kapitel lang seine eigenen Verfehlungen, seine Makel und Achillesfersen vor Augen und Ohren führt. Muss man sich ein derart gerüttelt Maß an Antipathie wirklich anhören? Man muss! Vor allem wenn sie von Felix Schönfuss und seiner neuen Band Adam Angst stammt. Denn den großmäuligen Versprechungen, die da bereits im Vorfeld um das neuste musikalische Baby des Ex-Frau-Potz- und Escapado-Frontmanns gemacht wurden, liefern Schönfuss und Co. Songs nach, die einen schlichtweg umhauen – sei es durch zackigen, verquer melodieverliebten Rock, der weder den Punk von Frau Potz noch den Hardcore von Escapado noch in sich trägt, oder – vor allem – durch die durch und durch brillanten Texte. Denn in denen bekommen wirklich alle ihr Fett weg – die Schweinepriester und Heiden („Jesus Christus“), die mehr oder minder latenten Rassisten („Professoren“), das tumbe Wochenend-Partyvolk („Wochenende. Saufen. Geil.“), die digital süchtigen Klickzahlenjunkies („Wunderbar“), die sinnentleerten Workaholics („Flieh von hier“), die dysfunktional-zerstrittenen Pärchen („Ja, ja, ich weiß“)… Da muss man schon sehr weit ab von allem sein, um sich an der ein oder anderen Stelle nicht selbst ertappt zu fühlen. „Adam Angst“ mag vielleicht kein Album für die nächsten zehn Jahre sein, mehr Aktualität, Zeitgeist und tolle Songs hatte 2015 jedoch kein anderes an Bord. Obendrein liefern Schönfuss und Band mit „Splitter von Granaten“ noch den definitiv wichtigsten Song des Jahres…

 

 

Benjamin Clementine2.  Benjamin Clementine – At Least For Now

Benjamin Clementines Geschichte liest sich fast wie eine moderne, musikalische Cinderella-Story: Mittelloser Junge aus *hust* „schwierigen Umständen“, der sich bereits seit Kindestagen – und das nicht nur seiner Hautfarbe wegen – als beflissener, belesener Außenseiter fühlt, flieht erst – von verheißungsvollen Versprechungen und vom Fernweh getrieben – aus dem Zig-Millionen-Einwohner-Molloch der englischen Hauptstadt und nach Paris, von dem er einst so viel las, sich so viel versprach. Dort führt er ein Vagabunden-, ein Herumtreiberdasein, schläft unter Brücken und dem freien Himmel, spielt seine Lieder in Metrostationen und wird dann und dort – endlich – von einem findigen Musikmanager erhört, der ihn alsgleich mit einem Plattenvertrag ausstattet. Und so klingen auch die pianolastigen Stücke auf dem vollkommen zu recht mit dem renommierten Mercury Prize ausgezeichneten Debütalbum „At Least For Now“: aus der Zeit gefallen, ebenso modern wie von gestern, schwelgerisch, energisch, klagend, zentnerschwer ausufernd und melancholisch in sich gekehrt. Dazu vorgetragen von einer Stimme, die zu den besondersten seit Antony Hegarty, vielleicht sogar seit Jeff Buckley und Nina Simone (welch‘ Dimensionen!) zählen darf. Man kann, man will dieses Werk gar nicht beschreiben – man sollte es hören! Meine Entdeckung des Jahres.

 

 

love a3.  Love A – Jagd und Hund

Wie schrieb ich doch in meiner Rezension zur Jahresmitte? „Eines steht fest: Frontmann Jörkk Mechenbier und seine drei Bandkumpane von Love A sind angepisst. Aus Gründen.“ Das hat sich freilich auch im Dezember noch nicht geändert, die zwölf runtergekühlten Post-Punk-Stücke des dritten Love-A-Albums haben allerdings nichts von ihrer überhitzt angewiderten Aura verloren. Wer „Adam Angst“ 2015 etwa abgewinnen konnte, der sollte auf „Jagd und Hund“ gern mal ein Ohr riskieren, schlagen die polternden Trierer Punker doch in eine ganz ähnliche Kerbe – vor allem textlich. Die Überdrehtheit der Vorgänger mag „Jagd und Hund“ nicht mit an Bord haben, doch die poppigen Ansätze und neue Introvertiertheit (beides natürlich sehr relativ zu sehen!) stehen Love A ganz ausgezeichnet.

 

 

pusicfer4.  Puscifer – Money Shot

Für Tool-Fans dürfte 2015 eigentlich als ein (weiteres) enttäuschendes Jahr in die Musikgeschichte eingehen, wurde man doch erneut wieder und wieder vertröstet in seinem Warten auf das erste neue Album seit dem 2006er Werk „10,000 Days“ (was umgerechnet gut 27 Jahren entspräche und somit der gefühlten Wartezeit näher und näher kommt). Auch für Freunde von A Perfect Circle sieht es da eigentlich kaum besser aus – trotz der Tatsache, dass vor etwa zwei Jahren mit „Stone And Echo“ ein üppiges Live-Dokument erschien. Eigentlich. Wäre da nicht das dritte, im Oktober erschiene Puscifer-Album „Money Shot“. Denn das Projekt, welches Tool- und A-Perfect-Circle-Stimme und -Fronter Maynard James Keenan vor einigen Jahren zur Auslegung verquerer (elektronischer) Ideen ins Leben gerufen hatte, hat sich über die Jahre zur veritablen Band gemausert. Und hat 2015 erstmals auch albumfüllend großartige Songs auf Lager, die fast ausnahmslos mit den bisherigen Stammbands des passionierten Winzers mithalten können (mit mehr Schlagseite zu A Perfect Circle, freilich). Den Stücken kommt vor allem zugute, dass ihnen die britische Musikerin Carina Round, die erfreulicherweise Jahr für Jahr immer tiefer mit Puscifer verwächst, eine zweite, weibliche Ebene liefert. Für Freunde von Tool und A Perfect Circle ist „Money Shot“ also Segen und Fluch zugleich – zum einen tröstet das Album fulminant über die länger werdende Wartezeit auf neue Songs hinweg, zum anderen wird es für Maynard James Keenan – mit derart feinen Songs im Puscifer-Gepäck – jedoch kaum attraktiver, zu den anderen Bands zurück zu kehren…

 

 

tobias jesso jr.5.  Tobias Jesso Jr. – Goon

Ähnlich wie bei Benjamin Clementine dürfte man beim Lebenslauf von Tobias Jesso Jr. an eine modern-männlich-musikalische Aschenputtel-Variante gedacht haben, die es dem 30-jährigen Eins-Neunzig-Schlacks dieses Jahr sogar ermöglichte, eines seiner (unveröffentlichten) Stücke auf dem Alles-Abräumer-Album „25“ von – jawoll! – Adele zu platzieren (nämlich die Single „When We Were Young„). Dass die Grande Madame des Konsenspop beim Hören von Jesso Jr.s Debüt „Goon“ sein Talent für feine, kleine Popsongs aufgefallen sein dürfte, ist allerdings nur allzu verständlich, denn immerhin ist das Album voll davon. Oder wie ich bereits im März schrieb: „Wer es schafft, bereits das eigene Debüt nach John Lennon, Paul McCartney, Harry Nilsson, Randy Newman, Billy Joel, Elton John, Todd Rundgren, Nick Drake oder Ron Sexsmith klingen zu lassen (und das, obwohl Jesso Jr. laut eigener Aussage einen Großteil dieser Künstler erst während der Arbeit an seinem Album kennen lernte), während man sich darüber hinaus noch eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt, dem gebührt jeder einzelne Applaus“. Genauso sieht’s aus.

 

 

sufjan stevens6.  Sufjan Stevens – Carrie & Lowell

Dass Sufjan Stevens großartige, zu Herzen gehende Singer/Songwriter-Kunst abliefern kann, hat der 40-Jährige in den vergangenen 15 Jahren bereits hinlänglich bewiesen. Nur wollen wollte Stevens in den zehn Jahren, die seit „ILLINOIS“ ins Land gegangenen sind, immer weniger, veröffentlichte stattdessen Verqueres wie „The Age Of Adz“ oder gar Soundtracks über Schnellstraßen-Dokus. Von daher ist die größte Überraschung, dass Sufjan Stevens tatsächlich noch einmal mit einem Werk wie „Carrie & Lowell“ ums Eck kommt. Und dass es ein derartiges Meisterwerk des bittersüßen Songwritings werden würde. Denn das wiederum hat ganz persönliche Gründe: Stevens setzt sich auf „Carrie & Lowell“ mit dem Tod seiner Mutter und seines Stiefvaters auseinander und schreibt herzzerreißende Songs über das Leben, das Sterben und alles, was danach kommen mag. Klingt nach Tränendrückern? Die gibt es zwar („Fourth Of July“), aber das Album als Ganzes stellt dabei keinen musikalischen Trauermarsch dar, vielmehr feiert Sufjan Stevens das Leben als Kreislauf – in ruhigen Tönen, wie es nur er es kann. Toll.

 

 

Ryan Adams7.  Ryan Adams – 1989

Ryan Adams covert Taylor Swift – im Studio, ein ganzes Album, und dann auch noch den Millionenseller „1989„. Was sich lesen mag wie ein – wahlweise – verfrühter oder verspäteter musikalischer Aprilscherz, war keiner. Denn der 41-Jährige mit dem ohnehin breit aufgestellten Musikgeschmack, der bereits in der Vergangenheit hinlänglich bewiesen hat, dass es im Zweifelsfall jedes Genre von Doom Metal bis HipHop (mehr oder weniger ernsthaft) für sich besetzen kann, beweist mit seinen Interpretationen von Radiohits von „Shake It Off“ bis „Bad Blood“ seine Fertigkeiten. Freilich klingen die dreizehn Stücke nun gänzlich nach Ryan Adams, doch auch er kann sich den feinen Melodien der Ausgangskompositionen nicht gänzlich entziehen. Warum auch? Im Plattenladen oder auf Spotify mögen die Fanlager von Swift und Adams ganze Universen trennen. Hier kommt zusammen, was noch vor Monaten unmöglich schien. Da war auf Twitter selbst die Ursprungsinterpretin der Schnappatmung nahe…

 

 

Florence and the Machine8.  Florence and the Machine – How Big, How Blue, How Beautiful

Gerade im Vergleich zum großartigen, fünf Jahre jungen Debüt „Lungs“ war „Ceremonials„, 2011 erschienen, eine kleine Enttäuschung, setzten sich darauf doch deutlich weniger Songs zwischen den Ohrmuscheln fest. „How Big, How Blue, How Beautiful“ nun ist wieder ein durchweg tolles Album, getrieben durch imposante Orchesterinszenierungen und erzählt von der variablen Stimme von Florence Welch. Ein spannendes Werk mit elf Geschichten, die durch ihre Musikvideos noch mitreißender werden und erneut so universelle Themen zwischen Liebe, Wut, Tod und Angst behandeln. Ein Album, das am besten als Ganzes funktioniert und ausgestattet mit einem dramatischen Sog, Songs mit Gefühlen zwischen bunter Leichtigkeit („Queen Of Peace“) und erdrückendem Drama – alle mit einer immensen Wucht, und sogar mit Saxofon! Kaum verwunderlich, aber umso erfreulicher, dass der Britin und ihrer Band damit ihre erste US-Nummer-eins gelungen ist. Florence and the Machine sind 2015 ganz oben, da wo sie hingehören.

 

 

frank turner9.  Frank Turner – Positive Songs For Negative People

Frank Turner ist einer von den Guten. Plattitüde? Logisch. Aber besser kann und will man’s gar nicht ausdrücken. Und wenn der britische Punkrocker by heart dann noch mit so guten Songs wie denen seines sechsten Solowerks „Positive Songs For Negative People“ aus dem Studio kommt, dann kann der kommende schweißnasse Festivalsommer kein ganz Schlechter werden. Und wer beim abschließenden „Song For Josh“ nicht mindestens einen Sturzbach Tränen verdrücken muss, der ist aus Stein. Oder hört Techno. Beides wäre schade um ein Paar Ohren…

 

 

noah gundersen10. Noah Gundersen – Carry The Ghost

Top 3 im Vorjahr, Top 10 in diesem – kein ganz schlechtes Ergebnis für einen 26-Jährigen, für den sich außerhalb der heimatlichen USA kaum ein Schwein (geschweige denn Hörer) zu interessieren scheint. Was schade ist, denn Noah Gundersens Songs sind nicht erst seit dem fulminanten 2014er Debüt „Ledges“ eine Wucht, die mich gar zu Vergleichen mit Damien Rice, Ryan Adams oder dem Dylan-Bob hinrissen. Und dem steht „Carry The Ghost“ (fast) in nichts nach. Freilich merkt man dem zweiten Werk des Musikers aus Seattle (!) an, dass das Leichte des Erstlings einer schweren Reife Platz machen musste, doch ist es gerade dieses Geschlossene, in welches man sich mit jedem Hördurchgang immer tiefer hinein gräbt, das „Carry The Ghost“ erneut so ergreifend macht. Freunde von Ryan Adams‘ „Love Is Hell“ sollten reinhören, wer tolle Songs für ruhige Momente sucht, natürlich auch.

 

 

…und auf den weiteren Plätzen:

Foxing – Dealer

Desaparecidos – Payola

Roger Waters – The Wall (LIVE)

Kante – In der Zuckerfabrik: Theatermusik

William Fitzsimmons – Pittsburgh

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: ADAM ANGST – „Splitter von Granaten“


Adam-Angst_Splitter-von-Granaten

Bereits im Februar hatte ich mich ja doch recht kühn – und wie sich jetzt, im Oktober, herausstellt: auch vorausschauend – in meiner Review zum selbstbetitelten Album aus dem Fenster gelehnt: „Zeitgeistiger als auf dem Debüt von Adam Angst wird deutschsprachige Musik in diesem Jahr nicht mehr“. Und trotz des ein oder anderen weiteren richtig guten deutschsprachigen Albums in diesem Musikjahr muss ich sagen: recht gehabt! Denn der Erstling von Adam Angst, wenn man so will Nachfolgeband aus den Trümmern von Escapado und Frau Potz, hat sein qualitatives Niveau auch über die vergangenen acht Monate halten können, vielleicht sogar noch gesteigert.

Und im Grunde ist das traurig. Denn Frontmann Felix Schönfuss kehrt mit seinem alter ego Adam Angst alles Schlechte, alles Böse, alles Widerwärtige, Verabscheuenswürdige, Niederträchtige und Grenzdebile, was die heutige Gesellschaft im Öffentlichen wie Privaten (dank Facebook und Co. lässt sich ja das eine kaum mehr vom anderen separieren) zu bieten hat, nach Außen. Knapp 40 Minuten lang kotzt sich „Adam Angst“ pointiert aus, und ist gerade deshalb so großartig.

svgUnd es ich: wichtig. Vor allem wegen einem Stück: „Splitter von Granaten“, welches ich – auch bereits im Februar – euphorisch zum potentiell „wichtigsten Song des Jahres“ ernannt hatte. Und auch da liege ich noch immer richtig. Und auch das könnte trauriger kaum sein…

Umso toller ist es jedoch, dass Adam Angst gerade diesen Song – nach „Ja ja, ich weiß“ und „Professoren“ – als dritte Singleauskopplung ausgewählt haben (und konsequenterweise alle Einnahmen aus dem Verkauf einer Seven Inch PRO ASYL zugute kommen lassen). Das dazugehörige Musikvideo, für das sich Regisseur Dietrich Brüggemann („3 Zimmer/Küche/Bad“, „HEIL“) verantwortlich zeichnete, feierte heute seine Premiere. Und ist beinahe so großartig wie der Song selbst. Falls ihr im Jahr höchstens ein einziges Mal die Muße haben solltet, bei einem Leitetet genau hinzuhören, dann tut es bitte bei diesem. Danke.

 

 

„Es ist das Jahr 2015 und die Welt spendet Applaus.
Doch worum es gerade geht, wissen wir selbst nicht so genau.
Denn was hat sich verändert in den letzten 5 Jahren?
Also schauen wir uns die Scheiße doch mal an…

700.000 zahlt BMW der CDU,
Plötzlich stimmt Frau Merkel neuen Abgas-Normen nicht mehr zu.
Obama ist noch da und Guantanamo auch.
Da wird schließlich nichts gemacht, außer viel Strom verbraucht.
Die NSA hat seit Jahrzehnten jeden abgehört
Und wir taten überrascht und waren ne Woche lang empört.
Und dann flog Innenminister Friedrich rüber, alle horchten auf.
Er kam wieder mit nem Zettel, da stand ‚Fuck you‘ drauf.
Und Putin rennt durch Wälder und killt Bären zum Vergnügen
Und gibt grünes Licht, um Homosexuelle zu verprügeln.
Gesetze werden über Nacht erlassen und diktiert,
Doch die NPD zu verbieten ist sehr kompliziert.

So lange hier keine Sirenen erklingen,
Keine Soldaten durch unsere Fenster springen,
Keine Nachbarn nachts über Grenzen fliehen
Und unsere Kinder nicht mit Splittern von Grananten spielen,
Ist das meilenweit weg, geht uns das gar nichts an.
Denn das Fernsehen spricht wie immer nicht von diesem Land.
Und wie jedes Jahr, am Silvesterabend
Trinken wir auf unser Leben unterm Tellerrand.

Das war noch lange nicht alles…
In Kairo und Kiew treibt man Menschen in die Enge.
Polizisten ticken aus und schießen wahllos in die Menge.
In nordkorea ist ein großes Kleinkind an der macht,
Das ’nen Atomkrieg provoziert und denkt,
Es wär ne Kissenschlacht.
Der Hunger in der Dritten Welt hat keine Relevanz,
Aber wichtig sind uns Petitionen gegen Markus Lanz.
Asylbewerberheime sind doch sicher, alles klar…
43 Anschläge, und das in einem Jahr.

So lange hier keine Sirenen erklingen,
Keine Soldaten durch unsere Fenster springen,
Keine Nachbarn nachts über Grenzen fliehen
Und unsere Kinder nicht mit Splittern von Grananten spielen,
Ist das meilenweit weg, geht uns das gar nichts an.

Weil ja ein Einzelner nichts verändern kann.
Da muss man dringend was tun, zumindest irgendwann.
Es lebe das Leben unterm Tellerrand.“

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Adam Angst – Adam Angst (2015)

a938b155-AdamAngst_Cover_2400px_RGB-erschienen bei Grand Hotel Van Cleef/Indigo-

„‚Wer oder was ist eigentlich dieser Adam Angst?‘

Ich sag dir, wer er ist. Adam Angst ist ein arroganter Drecksack!
Er ist scheinheilig, er ist überheblich und tut auch noch so als wäre er dein bester Freund! Such dir was aus: Er ist deine Ex-Freundin, der Call-Center-Agent, der dir das Abo berechnet, obwohl du nie zugestimmt hast, er ist der Rentner, der die Bullen ruft, wenn die Musik zu laut ist. Eigentlich ist er ’ne richtig arme Sau. Auf der Suche nach Aufmerksamkeit und auf der Suche nach sich selbst. Eigentlich… ist er genau so wie wir.“

Sympathisch, oder? So macht sich eines der am heißesten erwarteten deutschsprachigen Debüts des noch nicht all zu alten Musikjahres freilich schnell Freunde. Dabei könnte jenem „Adam Angst“ kaum etwas ferner liegen, als sich „Freunde“ zu machen. Kleine Kostprobe gefällig? Bitteschön: „Und ich höre ganz genau, wie oft dein Handy vibriert und ich weiß, dass du denkst, dass es mich nicht interessiert / Doch ich kenne deinen Plan / Ich weiß du willst sie ficken / Ein Messer sticht man besser von hinten in den Rücken / Damals was getrunken um den ersten Schritt zu wagen / Viel zu aufgeregt und feige für die Frage aller Fragen / Und nach Jahren sind wie hier im selben Club, was soll ich sagen? / Heute trinke ich um deine Fresse zu ertragen“.

Dabei sind diese Sätze aus der im vergangenen Dezember ins Netz gehauenen Vorabsingle „Ja, ja, ich weiß“ wohl noch die am ehesten verdaulichen, handeln sie doch „nur“ von derbem Beziehungszwist, von zweien, die längst schon gemerkt haben, dass da etwas gewaltig im Argen liegt, jedoch viel zu sehr aneinander hängen, als dass sie allein klar kommen wöllten. Lieber macht man sich gegenseitig den drögen Alltag zur Hölle: „Man bist du eklig mit deiner Popelei / Merkst du nicht, die Leute gucken schon absichtlich vorbei / Früher war der Bart ab und die Unterhose frisch / Heute riecht’s unter der Bettdecke nach abgeranzten Fisch“. Ganz anders geht’s da schon beim Rest der elf Stücke des selbstbetitelten Debüts der Band zur Sache, die Felix Schönfuss innerhalb weniger Jahre zum dritten Mal als Frontmann und lauthalses Sprachrohr präsentiert, hatte sich der norddeutsche Musiker doch schon bei Escapado, die sich 2011 nach drei gemeinsamen Alben auflösten, und den nicht eben unerfolgreichen Hausrauf-Punkrockern von Frau Potz (nach dem 2012er Einstiegswerk „Lehnt dankend ab“ in Pause auf unbestimmte Zeit) einen Namen in der „Szene“ gemacht. Nun also Adam Angst. Und obwohl man mit aus Bands wie Blackmail, FJØRT und Monopeople rekrutierten Mitmusikern fast von einer „Supergroup“ sprechen (slash: schreiben) könnte, schaut einen nun nur Schönfuss‘ alter ego „Adam Angst“ vom Cover an. Und dort – beim Cover – geht die Maskerade bereits los: Die Priesterkleidung ist eine Anspielung auf den Limburger Protzbischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, der vor zwei Jahren mit seinem von veruntreuten Kirchensteuergeldern gebautem Prunkpalast in die Medien geriet. Die Kippe im Anschlag wiederum darf als deutlicher Mittelfinger an an das gutmenschelnde „Fit for Fun“-Geseiere gesehen werden, dass einen heutzutage aus allen Ecken von Familien- wie Freundeskreisen anblökt. Nein, Herr Angst macht nicht mit!

adam angst band

Lieber erzählt er dem verdutzten Hörer im Albumeinstieg „Jesus Christus“ zu sakralen Chören und derben Gitarrenwänden, wie der Sohn Gottes gut 2000 Jahre nach der eigenen Kreuzigung und anschließenden Auferstehung zurück auf die Erde kommt: „Ihr habt mich ausgepeitscht / Ihr habt mich angespuckt / Nägel durch die Glieder schlagen war euch nicht genug / Ich habe abgewartet, und mir das angesehen, jetzt komme ich zurück und bring‘ euch ein Problem / Denn jetzt kommt die Revanche / Sucht euch ’nen guten Sparringspartner / Ich will euch nicht die Spannung nehmen, doch meiner war mein Vater / Ich stürze auf die Erde – nach mir ein Feuerschweif / Brauchst du ’nen Vorgeschmack, gib‘ ‚Rammstein‘ bei Youtube ein /Schluss jetzt hier mit Friede, Freude – jetzt wird bezahlt /Denn euer Jesus hat die Schnauze voll und hat Bock auf Gewalt! Auh! / Ich komm zurück – mein Herz mit Hass erfüllt / Mein Auftrag war Vergeltung – der finale Overkill / Doch Vater, vergib‘ mir! / Ich hab mich umentschieden / Denn ich hab‘ 8 Millionen Klicks und eine Show auf Pro Sieben / Lass mich noch eine paar Jahre hier, bitte hol‘ mich nicht zurück zu dir / Denn die sind nicht so wie früher / Ich glaub‘, die haben’s echt verstanden / Die lieben mich, die wollen Fotos und Autogramme / Denn ich bin Jesus Christus…“. Freilich ist selbst ein (ehemals) Heiliger für Viele nur so viel wert wie das, was die „Bild“-Zeitung am nächsten Morgen über ihn schreibt. Die lesen denn wohl auch die „Professoren“, über die sich Herr Angst zu mit Elektrobeats unterlegten deftig-schnellen Gitarrenakkorden auslässt: „An den Imbissbuden stehen die Professoren / Zwischen Currywurst, Oettinger und Doppelkorn / Sie wissen ganz genau was fehlt im Land / Ich hab‘ ’nen Nazi am Geruch erkannt! / An den Imbissbuden stehen die Professoren / Der Schweiß tritt ihnen aus den Poren / Sie reden von den alten Werten / Mit Schaschliksoße in den Bärten“. Der Song – seines Zeichens frisch gekürte Single No. 2 – richtet sich gegen all jene, die da gegen alles Falsche und Schlechte mit Plakaten voller Hass auf den Straßen Deutschlands demonstrieren, sich an Stammtischen maulfeil die Münder fusselig labern, anstatt vorurteilsfrei auf das Unbekannte (slash: die unbekannte Person) zuzugehen und endlich einmal für etwas einzustehen: „Ein bisschen mehr Liebe und ein bisschen mehr Respekt / Nicht jeden Schwachsinn glauben, lass‘ die Zweifel doch mal weg / Die Grenzen endlich offen doch für dich sind sie noch da / Begreife doch, dass sie schon immer auf deiner Seite waren“ (die einzigen Zeilen des Albums, die Schönfuss – wohl nicht ohne Absicht – ganz sanft singt). Ähnlich geht es auch weiter. So erzählt der eingängig-melodische Punkrocker „Wunderbar“ vom Tranquilizer „Internet“, der uns alle – Dank Facebook und Co. – am Ende des Tages weiter auseinander bringt denn näher zusammen, während „Wochenende. Saufen. Geil.“ das Ausgehverhalten williger Junggebliebener am Wochenende beleuchtet: „Jeden Freitag, 15 Uhr, setzt sich die Masse in Bewegung / Steht stundenlang vorm Spiegel und kauft Billigschnaps bei REWE / Scheißegal, wo es hin geht, hauptsache, nicht nach Hause / Fünf Tage lang lief nur Coldplay und jetzt kommt Mickie Krause“. Wer trotzdem zu Hause hocken bleibt, dem wird im Fernsehen die immergleiche traurige Versagerriege vorgeführt, denn „der Makel anderer Menschen war schon immer amüsant“ (aus „Lauft um euer Leben“). Und sonst? Was ist mit dem öden 9-to-5-Job, dessen Hamsterradläufe man schon seit Jahr und Tag satt hat, und eigentlich nur eines möchte: einfach abhauen, egal wohin („Ich hab keinen Bock auf ‚Tatort‘ / Keinen Bock auf Fernsehen / Schlechte Schauspieler treffe ich schon genug im Leben / Hab‘ von allem zu viel / Nein danke, hab‘ ich schon / Nehme ich heute Langeweile oder Depression?“ – aus „Flieh von hier“)? Natürlich würde auch Herr Angst gern auf das hören, „was der Teufel sagt“, und all diese Gemeinheiten beim Abendessen mit „Freunden“, die er im Grunde noch nie mochte (wohl, weil es „ihre“ Freunde waren) oder beim allmorgendlichen Firmenmeeting in die Tat umsetzten: auf den Tisch steigen und dem Gegenüber entweder die angepriesene Dipppampe ins Gesicht schmieren oder den blanken Allerwertesten präsentieren. Doch auch er ist nur ein Mensch, ein ganz armes Würstchen mit „willigem Geist und schwachem Fleisch“. Und er weiß: „Am Ende geht es immer nur um Geld“, denn „wenn das wahre Leben einzieht, ist kein Platz für Rock’n’Roll“. Stattdessen rettet man sich und seine Liebsten von Monat zu Monat und von Knebelvertrag zu Knebelvertrag, während sich ums Eck schon der nächste windige Vertreter mit ach so guten Angeboten die gierigen Patschehände reibt. Und solange das eigene Leben Herrn Angst fiese Nackenschläge und derbe Magengrubenpunches auf seinem zermürbenden Weg von Montag zu Freitag mitgibt, ist es nur allzu verständlich – und trotz allem traurig – dass er die Augen vorm Rest der Welt verschließt. Bühne frei für „Splitter von Granaten“, dem wohl zeitgeistigsten und wichtigsten Song des Jahres, dessen Textzeilen man am liebsten Letter für Letter dick und fett ans Bundeskanzleramt schmieren würde:

adam angst promo„Es ist das Jahr 2015 und die Welt spendet Applaus
Doch worum es gerade geht, wissen wir selbst nicht so genau
Denn was hat sich verändert in den letzten 5 Jahren?
Also schauen wir uns die Scheiße doch mal an.

700.000 zahlt BMW der CDU
Plötzlich stimmt Frau Merkel neuen Abgas-Normen nicht mehr zu
Obama ist noch da und Guantanamo auch
Da wird schließlich nichts gemacht, außer viel Strom verbraucht
Die NSA hat seit Jahrzehnten Jeden abgehört
Und wir taten überrascht und waren ’ne Woche lang empört
Und dann flog Innenminister Friedrich rüber, alle horchten auf
Er kam wieder mit ’nem Zettel, da stand ‚Fuck you‘ drauf
Und Putin rennt durch Wälder und killt Bären zum Vergnügen
Und gibt grünes Licht, um Homosexuelle zu verprügeln
Gesetze werden über Nacht erlassen und diktiert
Doch die NPD zu verbieten ist sehr kompliziert.

So lange hier keine Sirenen erklingen
Keine Soldaten durch unsere Fenster springen
Keine Nachbarn nachts über Grenzen fliehen
Und unsere Kinder nicht mit Splittern von Grananten spielen
Ist das meilenweit weg, geht uns das gar nichts an
Denn das Fernsehen spricht wie immer nicht von diesem Land
Und wie jedes Jahr, am Silvesterabend
Trinken wir auf unser Leben unterm Tellerrand.

Das war noch lange nicht alles…
In Kairo und Kiew treibt man Menschen in die Enge
Polizisten ticken aus und schießen wahllos in die Menge
In Nordkorea ist ein großes Kleinkind an der Macht
Das ’nen Atomkrieg provoziert und denkt,
Es wär ’ne Kissenschlacht
Der Hunger in der Dritten Welt hat keine Relevanz
Aber wichtig sind uns Petitionen gegen Markus Lanz
Asylbewerberheime sind doch sicher, alles klar…
43 Anschläge, und das in einem Jahr.

So lange hier keine Sirenen erklingen
Keine Soldaten durch unsere Fenster springen
Keine Nachbarn nachts über Grenzen fliehen
Und unsere Kinder nicht mit Splittern von Grananten spielen
Ist das meilenweit weg, geht uns das gar nichts an.

Weil ja ein Einzelner nichts verändern kann
Da muss man dringend was tun, zumindest irgendwann
Es lebe das Leben unterm Tellerrand…“

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Eines ist klar: zeitgeistiger als auf dem Debüt von Adam Angst wird deutschsprachige Musik in diesem Jahr nicht mehr. Freilich begeben sich Felix Schönfuss und Band damit auf dünnes Eis, das die Texte spätestens dann zuzuschütten droht, sobald Markus Lanz, VOX und Merkel an Relevanz verlieren. Doch darum geht es während der knapp 40 Minuten ja im Grunde nicht. Vielmehr hält uns dieser Priester gewordene Beelzebub mit Fluppe im Anschlag den Spiegel vor, in dem alles Hässliche, alles Gemeine, alles Verabscheuenswürdige zum Vorschein kommt. Das ist ebenso wenig neu wie die Akkorde, die die Band dabei benutzt, und erinnert mal an Die Ärzte, Die Toten Hosen (lange, lange vor den heutigen Tagen… lange, lange, bevor die beiden Vergleichsbands satt, ideenlos und Konsens wurden), mal an Kettcar (die ähnliche inhaltliche Herangehensweise beim angetäuschten Tango in „Was der Teufel sagt“ zum Kettcar-Stück „Am Tisch“), mal an die Vorgängerband von Kettcar-Frontmann Marcus Wiebbusch, die noch immer schmerzlich vermissten, noch immer seligen …But Alive (von daher passt es übrigens hervorragend, dass das Adam Angst-Debüt ausgerechnet auf Wiebuschs Qualitätslabel Grand Hotel Van Cleef erscheint). Freilich kann man dank Schönfuss‘ Gesang dessen Vorgängerband Frau Potz, die sich, wie er wiederholt betont, lediglich in einer „Pause auf unbestimmte Zeit“ befinden, nie so ganz abschütteln, denn so weit vom angepissten Potz’schen Haudrauf-Punk steht auch Adam Angst nicht. Ob man die elf Stücke dann nun unter „Punk“ einsortiert oder nicht, ist im Grunde völlig egal. Denn der Teufel hat bekanntlich mehr Gestalten als nur die des abgeranzten vermeintlichen Sozialschmarotzers mit Lederkutte, zerrissenen Jeans, Hund in der einen Hand, Bierdose in der anderen, die Haare bunt und zum Mohawk frisiert. Manchmal versteckt er sich hinter Anzug und Krawatte, oder hinter dem debilen Grinsen des ach so freundlichen Nachbarn, der auf dem heimischen Rechner heimlich Kinderpornografie sammelt. Oder hinter der Robe eines Protzbischofs, bei dessen Arroganz einem das soeben Verdaute hochzukommen droht. Adam Angst ist angepisst. Adam Angst ist streitbar. Adam Angst ist purer Zeitgeist. Adam Angst ist viele. Die Frage ist: Wer bist du?

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Hier gibt’s den Albumtrailer, mit dem bereits im vergangenen November einiges an Vorfreude geschürt wurde…

 

…sowie die hervorragend umgesetzten Musikvideos zu „Ja, ja, ich weiß“…

 

…und „Professoren“:

 

Rock and Roll.

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