Schlagwort-Archive: Fela Kuti

Pionier des Afrobeat – Tony Allen ist tot.


tony-allen-drummer

Schlagzeuger-Legende Tony Allen ist tot. Der nigerianische Musiker, Mitbegründer des Afrobeat, ist am gestrigen 30. April im Alter von 79 Jahren im französischen Paris gestorben, wie sein Manager Eric Trosset der Nachrichtenagentur AFP mitteilte.

Die Todesursache sei bislang unklar. Allen sei jedoch nicht an einer Infektion mit dem Coronavirus gestorben, so Trosset. Bei National Public Radio wird sein Manager hingegen mit den Worten zitiert, Allen sei an einem Herzinfarkt gestorben, anderswo ist von „einem Baucharterienaneurysma“ die Schreibe.

„Er war völlig gesund, das kam ganz plötzlich“, sagte Trosset der AFP. Er habe am Mittag noch mit Allen gesprochen, zwei Stunden später habe der Musiker sich unwohl gefühlt und sei ins Krankenhaus Pompidou gebracht worden. Dort sei er gestorben. Allen lebte in Courbevoie bei Paris.

Mit einem Facebook-Post verabschiedete sich Eric Trosset von Allen. „Leb wohl, Tony! Deine Augen sahen, was die meisten nicht sehen konnten“, schrieb sein Manager. „Du bist der coolste Mensch auf Erden! Wie du zu sagen pflegtest: ‚Es gibt kein Ende.'“

TA

Tony Oladipo Allen, der 1940 im nigerianischen Lagos zur Welt kam, war in den Sechziger- und Siebzigerjahren Schlagzeuger und musikalischer Direktor seines Landsmannes Fela Kuti, mit dem er den Afrobeat entwickelte. Dieser verbindet Genres wie Jazz, Funk und traditionelle nigerianische Trommelrhythmen und wurde zu einer der wichtigsten Strömungen afrikanischer Musik im 20. Jahrhundert. Allen brachte sich das Schlagzeugspielen mit 18 Jahren selbst bei und ließ sich von Jazzgrößen wie Dizzy Gillespie, Charlie Parker, Max Roach, Bebop-Drummer Art Blakey sowie zeitgenössischer afrikanischer Musik inspirieren. 

Mit Fela Kuti und der Gruppe Africa ’70 nahm Tony Allen rund 40 Musikalben auf, bevor sich die Wege der beiden nach 26-jähriger Zusammenarbeit im Dissens trennten und der Schlagzeuger erst nach London sowie ein paar Jahre darauf dann nach Paris emigrierte. Allens Schlagzeugspiel war so intensiv, dass Fela vier Drummer benötigte, um Allen zu ersetzen. Und dass er etwa vom britischen Musiker und Produzenten Brian Eno einst als „der vielleicht größte Schlagzeuger, der je gelebt hat“ bezeichnet wurde, wird ebenso kaum von ungefähr kommen. Untätig war der Mann seit den Achtzigern kaum, setzte sich mal hier, mal in nahezu unnachahmlicher Art hinters Drumkit. Und: In den ersten Dekaden des 21. Jahrhunderts spielte Tony Allen unter anderem Schlagzeug bei gleich zwei „Supergroup“-Projekten von Damon Albarn, dem On/Off-Bandleader von Blur: The Good, The Bad & The Queen sowie Rocket Juice & The Moon. Seine letzte Veröffentlichung liegt ebenfalls erst wenige Wochen zurück: Im März erschien das Album „Rejoice“, eine Zusammenarbeit mit dem südafrikanischen Trompeter Hugh Masekela, der im Januar 2018 gestorben war.

Danke für den Beat, Mr. Allen. 🥁 Mach’s gut!

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

„Beware of Mr. Baker!“ – Ginger Baker feiert acht Jahrzehnte mies gelaunte Schlagzeug-Urgewalt


ginger.jpg

Led Zeppelins wildes „Animal“ John Bonham, The Whos Schlagwerkderwisch Keith Moon – beide ebenso jung wie tragisch verstorben, beide auf ewig Musiklegenden (da bedingt – bei allem Talent – wohl einmal mehr das eine das andere). Und hätten sich die Naturgesetze der Musikgeschichte auch nur für einen Moment ihren Regeln gebeugt, so hätte auch Ginger Baker längst lautstark den Sensenmann begrüßen dürfen. Stattdessen scheint der Mann, der in den Sechzigern gemeinsam mit Gitarrengott Eric Clapton und Bassist Jack Bruce die (leider recht kurzlebige) „Superband“ Cream gründete, das Schlagzeugspiel quasi zigfach neu erfand, erst Millionen verdiente und dann wieder verlor sowie bis heute für sein aufbrausendes Temperament berüchtigt ist, mit den unverwüstlichen Genen eines Keith Richards oder Mick Jagger gesegnet zu sein. Und feiert heute seinen achtzigsten Geburtstag…

Ginger Baker gilt als einer der besten Schlagzeuger der Welt. Seine wilde Energie, seine innovativen, vertrackten Rhythmen, gepaart mit afrikanischen und Jazz-Einflüssen, haben ihn längst zu einer lebenden Legende gemacht. Geboren wurde der Rotschopf – daher der naheliegende Spitzname „Ginger“ – 1939 als Peter Edward Baker in Südlondon. Sein Vater starb im Zweiten Weltkrieg, als der junge Peter vier Jahre jung war. Baker trainierte als Teenager, um Profi-Radrennfahrer zu werden – erst ein Unfall brachte ihn zufällig zum Schlagzeug. Und siehe da: Er war ein Naturtalent.

Der einflussreiche britische Jazz-Schlagzeuger Phil Seamen nahm ihn unter seine Fittiche: „Er war Gott“, sagte Baker der Zeitschrift „Forbes“ später. „Er hörte mich eines Nachts spielen und sagte danach: ‚Setz dich, ich möchte mit dir reden. Du bist der einzige Schlagzeuger, den ich kenne, der es drauf hat.’“

Und lange Zeit – wohl viel länger als einige seiner Kollegen, die scheinbar mit weitaus weniger fähigen Schutzengeln gesegnet waren – war der auch abseits des Schlagwerks unberechenbare Charakterkopf auch drauf (sprich: er frönte – wie ein nicht eben kleiner Teil seiner Berufsgenossen zu jener Zeit – ausschweifend dem Drogenkonsum). Erst 1981 schaffte Baker es, vom Heroin loszukommen, wie er in einem Interview zugab. Er hatte ein Vermögen in Nigeria verloren, sein Schlagzeug stand ungenutzt in der Scheune, und er selbst baute inzwischen in Italien Olivenbäume an: „Es war wahrscheinlich das Beste, was mir je passiert ist. Ich habe die Drogenwelt komplett hinter mir gelassen.“

quoteDa lagen auch seine größten Erfolge bereits einige Jahre zurück: 1966 gründete er mit Gitarrenlegende Eric Clapton und dem 2014 verstorbene Jack Bruce das Trio Cream. Bis zu ihrer Auflösung 1968 hatte die damalige britische All-Star-Band Rock-Klassiker wie „Sunshine Of Your Love“, „White Room“ oder „Crossroads“ herausgebracht und millionenfach verkauft. Dass Claptons Gitarre bei diesem Dreiergespann meist nicht das größte Spektakel war, sagte wohl Einiges – an Bakers polyrhythmischen Soli, seinen neu entwickelten Rhythmen und Techniken, die den Songs einen einzigartigen Groove verliehen, messen sich Schlagzeuger bis heute.

Ginger Baker erinnerte sich in „Forbes“ an das Ende der Kultband 1968: „Eric [Clapton] kam zu mir und sagte: ‚Ich habe es satt.’ Und ich sagte: ‚Ich auch.’ Und das war’s.“ Am meisten fehlte ihm die Herausforderung: Das Publikum jubelte, noch bevor die Musiker ihre ersten Noten gespielt hatten. Baker musste acht oder neun Drinks in sich hineinschütten, „um ins Studio gehen zu können und niemanden zu schlagen. So sauer war ich geworden.“

Keinesfalls zuträglich war dabei, dass er mit Jack Bruce, mit dem auch vorher auch bereits bei der The Graham Bond Organization zusammen spielte, immer wieder im Jähzorn auf der Bühne aneinander geriet – einer der Gründe für die schnelle Trennung. Selbst als Cream 2005 in Originalbesetzung nach 37 Jahren wieder in London und New York auftrat, stritten sich Baker und Bruce. Zu einer weiteren Wiedervereinigung kam es nicht mehr.

Nach dem Ende von Cream gründete Baker mit Eric Clapton die – erneut, wen wundert’s – kurzlebige Superband Blind Faith sowie das Jazz-Rock-Kollektiv Ginger Baker’s Air Force. In dem afrikanischen Superstar Fela Kuti fand er eine verwandte musikalische Seele, baute (schlussendlich erfolglos) ein Aufnahmestudio im nigerianischen Lagos auf oder steckte sein Geld in den Pferde- und Polosport – kein Wunder also, dass der schnöde Mammon ihn bei so vielen Hobbys auch im hohen Alter noch auf die Bühne zieht…

Der frühere Weltstar ist mittlerweile zum vierten Mal verheiratet und hat drei Kinder – darunter Sohn Kofi Baker, der ebenfalls Schlagzeug spielt. Im „Rolling Stone“ (der ihn übrigens unlängst auf dem Bronzeplatz der „besten Schlagzeuger aller Zeiten“ sah) erinnerte sich Kofi nur ungern an die Lehrstunden mit seinem Vater: „Wenn ich nicht sofort etwas richtig machte, schrie er mich an, beschimpfte mich und haute mir eine runter.“ Bakers Temperament ist mit den Jahren nicht besser geworden – er ist auch heute noch bekannt für seine chronisch schlechte Laune und Wutausbrüche. Ein 2012 veröffentlichter – und im Übrigen sehr sehenswerter – Dokumentarfilm über sein Leben trägt den Titel „Beware Of Mr. Baker“ (und kann hier gestreamt werden).

Ginger Baker lebt inzwischen im englischen Canterbury und hat – Geldsorgen hin oder her – nach gesundheitlichen Problemen in den vergangenen Jahren nur noch wenige Konzerte gegeben. Anlässlich eines Auftritts in Brighton nahm die Schlagzeuglegende eine Videomessage auf: „Wir werden eine gute Show auf die Beine stellen, nur um es zu beweisen. Denn es gibt Leute, die sagen, dass ich nicht mehr spielen kann. Ich kann noch! Und ich werde spielen.“

Alles Gute zum 80. Geburtstag, Mr. Ginger Baker.

 

 

Recht sehenswert, vor allem für jene, denen Ginger Baker bislang weniger ein Begriff war: „5 Momente des zornigsten Drummers„, veröffentlicht bei den „Stuttgarter Nachrichten“…

Auch zu empfehlen: Ein aktueller Audio-Beitrag des WDR, welcher Ginger Bakers bewegte Biografie innerhalb einer Viertelstunde auf den Punkt bringt…

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: