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Song des Tages: Brimheim – „hey amanda“


Als geneigter Sportsfreund nimmt man die Färöer im Grunde lediglich dann hin und wieder wahr, wenn ihre Fußball-Nationalmannschaft, die derzeit einen stattlichen 125. Platz der FIFA-Weltrangliste belegt, alle paar Jahre eine ordentliche Klatsche von einer der großen Ballsportnationen bekommt. Im krassen Kontrast zu diesen hypermaskulinen Duellen, in denen sich 22 Männer wie in einem modernen David-gegen-Goliath-Gladiatorenkampf begegnen, steht mit Teitur Lassen das bislang wohl bekannteste Kind der Inseln, wenngleich der 45-jährige Musiker, der seinen Nachnamen der Einfachheit halber gleich zu Karrierebeginn unter den Singer/Songrwriter-Schemel fallen ließ, mit seiner sanften Stimme eher pazifistische Engel über den Vulkanstein denn Bälle per Seitfallzieher ins Tor hüpfen lässt. Und dann ist da neuerdings auch Helena Heinesen Rebensdorff aka. Brimheim, die zwar eine ebenso zauberhafte Stimme hat, aber für ein Musikvideo zu ihrem im Januar erschienenen Debütalbum „can’t hate myself into a different shape“ in eine Ritterrüstung schlüpft und gewalttätig ihre martialischen Herr-der-Ringe-Fantasien auslebt. Keine Frage: Jene Dame dürfte aktuell die beste Neuigkeit sein, die es von der Inselgruppe mit ihren gerade einmal knapp 54.000 Einwohnern zu hören gibt.

Denn die verschleierten Indie-Stücke der dänisch-färöischen Sängerin, deren Mutter auf den Färöern ebenfalls keine Unbekannte zu sein scheint, tönen von der ersten Sekunde an recht interessant, in ihren besten Momenten gar beeindruckend. Zur Eröffnung offenbart uns die Protagonistin dezent unumwunden „heaven help me i’ve gone crazy“ – nicht, dass sie uns am Ende nicht gewarnt hätte. Dabei präsentieren sich die elf Stücke inhaltlich alles andere als als kryptische Schriftrollen, die erst übersetzt werden müssen. Ganz im Gegenteil sind Rebensdorffs Texte meist nahbar und direkt, sodass man sich oft genug bestens in sie hineinversetzen kann. Verrückt ist sie sich wahrscheinlich selbst vorgekommen, denn der beeindruckende Spagat aus schmerzhaftem Reflektieren und kraftvoller Ermächtigung mag durchaus zur Tour de Force geraten. „can’t hate myself into a different shape“ schildert in dezidiert therapeutisch angelegten Selbstfindungs-Skizzen die Auseinandersetzung mit der eigenen Queerness, der Liebe in einer Gesellschaft, die sie auch im Jahr 2022 leider noch nicht immer und überall ermöglicht wird, und der mentalen Gesundheit, die schlussendlich von all den Widerständen in die Knie gezwungen werden kann. Ja, diesem Album hört man die Resilienz an, die nötig war, damit es entstehen konnte.

Mit Zeilen wie „I’ve never tried harder not to be myself“ beschreibt sie das ungesunde Versteckspiel ihrer selbst schon im herausragenden Titelsong. Während „hey amanda“ die platonische Liebe zur titelgebenden Jugendfreundin feiert und „favorite day of the week“ ordentlich Ohrwurm-Potential besitzt, verzweifelt sie in „baleen feeder“: „I wish I didn’t care what you think of me“. Und während andere nicht zu sehen scheinen, wie hart sie an sich arbeitet, schafft sie es sich immer noch selbst zu versichern: „I am not a burden“. Der Kampf ist allgegenwärtig – auch in der Musik. Denn die Klagerufe geben sich im ersten Moment gerne zart, bauen sich behutsam auf, um dann mit einem Hieb der Zurückhaltung hinterrücks den Kopf abzuschlagen. Gitarren treffen auf Synthieflächen, das Schlagzeug biegt mit fast schon frechem Pomp ums Eck, der Bass weiß gar nicht, wo er sich zuerst anschmiegen soll. „can’t hate myself into a different shape“ tönt wie das wie das uneheliche Kind von Florence Welch und PJ Harvey, ist zu gleichen Teilen aufrichtig und verletzlich und voller toller Ideen, was nicht verwunderlich ist, liest man doch aus Interviews mit Helena Heinesen Rebensdorff oft genug bereits ein ordentliches Nerdtum in Bezug auf Produktion raus.

Der Indie Rock von Brimheim, was passenderweise übrigens ungefähr so viel heißt wie „Heimat der brechenden Wellen“, weckt mit seiner Dringlichkeit und Energie außerdem Assoziationen zu Kolleginnen wie Torres, zu Hurray For The Riff Raff, zu Emma Ruth Rundle, zu Sharon van Etten – und somit zu Musik, mit und in der etwas gesagt wird. Kraft und Zerbrechlichkeit, Nachdenklichkeit und Eingängigkeit sind auf diesem Album nicht zwangsläufig Widersprüche. „hurting me for fun“ will es zum Abschluss noch mal so richtig wissen, setzt nach sanfter Introspektive auf pochende Beats und stampft mit verzerrtem Schlagzeug von dannen – aber sicher nur, um sich nach dieser Herkulesaufgabe von einem Langspieler eine wohlverdiente Auszeit in Brimheims Wohnort Kopenhagen zu gönnen. In der Zwischenzeit könnte sie dann auch einfach der neue Exportschlager der Färoer werden – verdient wäre es allemal.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Teitur – „Home“


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Foto: Martin Dam Kristen

Wo ist zuhause, Mama? – Eine ebenso gute wie berechtigte Frage, die ein gewisser Johnny Cash bereits 1959, als dieser eine deutschsprachige Version seines Songs „Five Feet High And Rising“ aufnahm, stellte.

Where Is Home? – Diese Frage stellte sich Bloc-Party-Frontmann Kele Okereke 2007 anklagend und gar nicht mal so sicher, ob dieses latent nationalistisch, latent homophob geprägte England farbigen, obendrein homosexuellen Menschen wie ihm überhaupt ein sicheres Zuhause bieten könne: „We all read what they did to the black boy / In every headline we are reminded that this is not home for us“.

Was bitteschön ist eigentlich diese „Heimat“, die so viele von Geltungssucht und Hass getriebene, populistische Politikerpatrioten von Le Pen über Wilders und Höcke, die so viele dumpf-nationale Musikspacken (Frei.wild, Onkelz etc. pp.) für sich reklamieren? Ist es ein Stück Land, das von Zäunen oder einer imaginären Grenze umgeben ist? Sind es die Menschen, die in diesem Land wohnen? Die Bevölkerungsgruppe, deren Sprache man spricht, deren Werte und Gewohnheiten man teilt, zu der man sich selbst zählt? Sind es die eigenen vier Wände, in denen man sich „heimisch“ fühlt? Kann man diese „Heimat“ anfassen, gar sehen, schmecken, fühlen? Beginnt diese „Heimat“ im Außen oder erst tief im Inneren? So viele Fragen, so viele mögliche Antworten… Gibt es viele schlaue Sätze, gibt es viele Studien drüber. Und am Ende muss doch jeder für sich selbst wissen, wo genau dieses „Zuhause“, diese „Heimat“ denn ist.

0YsrzDP1Seine ganz eigenen Definitionen vom Gefühl der Heimat und des Sich-zu-Hause-Fühlens hat auch Teitur Lassen, seines Zeichens einer der berühmtesten Söhne der Färöer, dieser autonomen, zur dänischen Krone gehörende Inselgruppe im Nordatlantik zwischen den Britischen Inseln, Norwegen und Island. Dass den 40-jährigen Singer/Songwriter hierzulande trotz mehrerer toller Indiefolk-Alben (etwa „Poetry & Aeroplanes“ von 2003 oder „The Singer“ von 2008) und mehrerer Auszeichnungen (so erhielt Teitur bereits zwei Mal – jeweils 2007 und 2009 – den „Danish Music Award“, welcher in etwa als der „dänische Grammy“ gilt) nur Eingeweihte zu kennen scheinen, könnte auch daran liegen, dass Teitur aus einem kleinen, beschaulichen Land, dessen Schafzahl ohne Zweifel über der seiner Einwohner (knapp 50.000) liegt, stammt. Am ehesten dürfte sich der multiinstrumentale musikalische Tausendsassa jüngst als Kooperationspartner von Ex-Wir-sind-Helden-Frontdame Judith Holofernes in Erinnerung gerufen haben, denn immerhin war er es, der vielen Stücken ihres neuen Albums „Ich bin das Chaos“ auf die Beine half.

Wenn Teitur nicht gerade deutschen Musikerinnen beim Schreiben und Musizieren hilft (nebst Engagements für internationale Größen wie Seal, Corinne Bailey Rae, Emile Simon oder Ane Brun), mit Kumpels wie Nico Muhly groß angelegte Orchesterwerke ins Leben ruft oder mit seinem Hund durch die idyllische Einsamkeit der heimischen Färöischen Landschaft wandert, schreibt er selbst ganz wunderbare, einfach gehaltene Songs wie „Home“, die es einem gar nicht schwer machen, sich dreieinhalb Minuten zuhause zu fühlen.

 

 

Das Stück war auch Teil von Teitur Lassens Auftritt beim „TED Talk“ im März 2015, welcher im kanadischen Vancouver, BC stattfand:

 

„Home is the sound of birds early in the morning
Home is the song I always remembered
Home is the memory of my first day in school
Home is the books that I carry around
Home is a alley in a faraway town
Home is the places I’ve been and where I’d like to go

Home
Always gonna feel at home
No matter where I may roam
Always gonna find my way home
No matter how far I’m gone
I’m always gonna feel this longing
No matter where I might stay

Home is a feather curling in the air
Home is flowers in the window sill
Home is all the things she said to me
Home is the photo I never threw away
Home is the smile on my face when I died
Home is the taste of the apple pie

I’ve met a woman, she’s always lived in the same place
She said home is where you’re born and raised
I’ve met a man, he said looking out to the sea
He said home is where you wanna be
I’ve met a girl in some downtown bar
She said I’ll have whatever you’re having
And I asked her how come we never met before?
She said all my life I’ve been trying to get a place of my own

I’m always gonna feel at home
No matter where I may roam
Always gonna find my way back home
No matter how far I’m gone
Always gonna feel this longing
No matter where I might stay“

 

Rock and Roll.

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