Schlagwort-Archive: Experimental Rock

Song des Tages: Radiohead – „If You Say The Word“


Foto: Promo / Tom Sheehan

Die Jahrtausendwende war die Zeit von Begriffen wie Glitch, Clicks ’n‘ Cuts und Gefrickel, ehemals hartgesottene Rocker hörten plötzlich Autechre und Aphex Twin, Radiohead­-Bassist Colin Greenwood lobte das Berliner Indietronic-Label Morr Music als bahnbrechend. Ebenjene Radiohead würden jedoch die einzige Band sein, die mit diesem so urban, so fashionesk, so hipsteresk „Indietronic“ getauften Sound einen Welterfolg erzielen sollten: „Kid A“ schaffte es im Jahr 2000 auf die Eins der „Billboard“-Charts, obwohl Gitarren erst 15 Minuten nach Albumbeginn zu hören waren – im vierten Song. Es er­zählt vom überforderten Ich in der unkontrollierten Netzsphäre, der Angst vor dem drohenden Kollaps hinsichtlich des Millenniums, dem Wunsch nach Ordnung im Seelenle­ben („Everything In Its Right Place“) und dem Gedanken, sich für jetzt und alle Zeit aufzulösen („How To Disappear Completely“). Die Überraschung über die elektronische Plat­te einer Rockband war – zumindest für all jene, die beim drei Jahre zuvor erschienenen Album-Meilenstein „OK Computer“ nicht genau(er) zugehört hatten – der­art groß, dass nachhingehend schnell die Floskel „to do a Kid A“ kursierte – gültig für jede Künstlerseele, die vermeintliche Grenzen sprengt.

Und: Radiohead legten ungewöhnlich schnell nach. „Amnesiac“ erschien nur acht Monate später, im Mai 2001, und erlebte (s)eine fraglos gespenstischste Aufführung beim Berlin-­Konzert am 11. September (die Band war zudem eine der ganz wenigen, die entschieden, ihr für diesen schicksalhaften Tag geplantes Konzert nicht abzusagen). Überhaupt kappte 9/11 – zumindest mental – beinahe alle Verbindungen zwischen den Zwillingsalben. Im Rückspiegel lässt sich behaupten: „Amnesiac“ ist keineswegs gelungener als „Kid A“, aber mutiger. Es hört sich an wie eine Singles-­Sammlung verquerer Kunststudenten – inklusive experimenteller B­-Seiten – und bleibt wohl auf Imme rund ewig mit den Terroranschlägen sowie der jener Tage immanent brodelnden Angst vor einem Dritten Weltkrieg verbunden. Das Cover ziert ein weinender Minotaurus. Thom Yorke attackiert sei­ne Lieblingsfeinde George W. Bush und Tony Blair in „You And Whose Army?“, das Lied beschreibt eine Politik, in der das Öl die sogenannten Präventionskriege bestimmt – mit Ausbruch des Dritten Golfkriegs 2003 erhielt es einen Ehrenplatz in den Konzert-Setlists, wurde oft im Zugabenblock gespielt. Das Instrumental „Hunting Bears“ klingt ebenso meditativ wie verstörend, die Gitarre zieht ihre Bahnen wie eine Klin­ge, die langsam aber sicher die immer dünner werdende Luft zerschneidet. Als Radiohead „Hunting Bears“ gleich als zweites Stück bei ihrem 9/11­-Gig aufführten, war das ein Showstopper, der sämtlichen Setlist­-Gesetzen (die an diesem Tag ja ohnehin ausgesetzt waren) widersprach – und gerade deshalb den Irrsinn widerspiegelte, wie er in der Welt von da an herrschte.

Keine Frage: spätestens „Amnesiac“ zementierte das „Kid A“­-Konzept, nach dem Radiohead nur noch dann Rockmusik machen wür­den, wenn sonst keine andere Studio­-Idee zündete. Es stieg in den USA auf Platz 2 ein, einen hinter „Kid A“, verkaufte sich aber noch besser als der Vorgän­ger. Gewagt? Gewonnen. Der Band war das wohl völlig gleich, fortan jedoch mussten Ra­diohead sich an diesem Album-Doppelschlag messen lassen.

Beide Platten sind auch heute noch über jeglichen Zweifel erhaben und zählen ebenso zweifellos zu ihren besten, aber die nun erschienene, „KID A MNESIA“ betitelte Doppel-­Edition enttäuscht nun doch etwas durch spärliche Extras – gerade, wenn man sie mit den bereits 2009 veröffentlichten „Collector’s Editions“ jener Alben vergleicht, die bereits einiges an Bonusmaterial aufgefahren hatten. Über Jahre kokettierten Ra­diohead etwa mit einer unveröf­fentlichten Zehn-­Minuten-Fassung von „Treefingers“ (welche im vergangenen Jahr als knapp fünfminütige „Extended Version“ veröffentlicht wurde), stattdessen liefern sie nun zwölf Outtakes, die kaum Einblick in ihre wohl aufregends­te Studiozeit bieten. So mag „Knives Out“ als Musterbeispiel für ihren Perfektionismus gelten, die Band sagte, es existieren hundert Fassungen dieser Smiths­-Hommage – leider findet sich nicht eine davon hier wieder. Stattdessen Ein­-Minuten-Snippets mit Atmosphären­klängen sowie die nicht mehr rückwärts abgespiel­te, sondern korrekt ablaufende Fassung von „Like Spinning Plates“, die aus dem enigmatischen Experiment eine im Grunde recht zah­me Klavierballade macht. Einzig die isoliert präsentierten Streicher von „How To Disappear Completely“ dokumentieren die Akribie, mit der sich das britische Quintett verändern wollte – final weg vom trauerklößernen Alternative Rock, hinein in artrockige Electronica-Sphären. Gitarrist Jonny Greenwood arrangierte jene Avantgarde­-Klassik, die aus ihm wenig später einen gefragten, Oscar-­nominierten Soundtrack­-Komponisten machte. Das größte Versäumnis: ein Konzert­video. Radiohead zeichneten vieles auf und stellten es später auch auf YouTube, ihre Live­-Versuche mit Loops sind ebenso legendär wie die zu Nachfolgealben wie „In Rainbows“ oder „The King Of Limbs“ entstandenen „From The Basement“-Sessions (die man hier und hier findet). Trotz der 35 Minuten an Zugaben bleibt „KID A MNESIA“ vor allem eine verpasste Chance, allen Fans eine definitive Edition zweier zwar vollumfänglich zeitgeistiger, jedoch kaum gealterter Meilenstein-Werke zu bieten.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Lakes – „Must’ve Run All Day“


Bereits im vergangenen Jahr haben Lakes eine wunderbar schimmernde, atmosphärische Lo-Fi-Pop-Coverversion von Glassjaws „Worship And Tribute„-Klassiker „Must’ve Run All Dayveröffentlicht. Dabei übernimmt die sechsköpfige Band aus dem britischen Watford so einige Elemente des 18 Jahre alten Songs aus der Feder der legendären New Yorker Post-Hardcore-Expermental-Rocker um Daryl Palumbo, während an anderer Stelle ebenjene Mid-Western-Emo-, Alternative-Rock- und Indie-Pop-Trademarks durchschimmern, welche auch Lakes‘ 2019 erschienenes Album „The Constance LP“ zu einem durchaus feinen Hörvergnügen für alle Freunde dieser Genres macht… Well done, lads.

„If it makes you
It takes you
I don’t want to
If it makes you scared
In the bare, anyway
If it makes you, I don’t want to
See your face when you feel not alive

You’re lying in bed with the pride of a lion
You are there, you are there
If you’re shrewd enough to be underlined, then
You are there, you are there

A world premiere

If it makes you
It takes you
I don’t want to
If it makes you stare
In the bare, anyway
If it’s the last thing you do
If it’s the last thing you do
If it’s the last thing you do, plagiarize

You’re lying in bed with the pride of a lion
You are there, you are there
If you’re shrewd enough to be underlined, then
You are there, you are there

Where is my‘, I said, ‚where’s my Sandinista?‘
And he walked
A world premiere

You’re lying in bed with the pride of a lion
Are you there? Are you there?
If you’re shrewd enough to be underlined, then
You are there, you are there

My boss said to me
‚Take my advice, please‘
Instead, for one second, up off your knees
We are not the competition
When we strive, we strive
To be number one“

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Man Man – „Cloud Nein“


Man-Man-photo-by-Dan-Monick

Foro: Promo / Dan Monick

Honus Honus (alias Ryan Kattner) hat seine Künstler-Karriere seit eh und je der Erforschung der Ungewissheit zwischen den Extremen des Lebens, Schönheit und Hässlichkeit, Ordnung und Chaos verschrieben. Die Songs auf „Dream Hunting In The Valley Of The In-Between„, dem ersten Album von Man Man seit über sechs Jahren sowie dem Debüt der aus Philadelphia, Pennsylvania stammenden Experimental-Rock-Band auf dem renommierten US-Indie-Label Sub Pop, fallen ebenso intim, gefühlvoll und zeitlos wie kühn, einfallsreich und wagemutig aus…

0098787135022Ende 2015 legten Man Man eine unerwartete Pause ein, wenn auch nicht gänzlich grundlos, schließlich befand sich Bandleader Honus Honus zu diesem Zeitpunkt mitten in einer Periode der kreativen Neuerfindung: Er arbeitete als Music Supervisor und schrieb an etlichen Film- und Serien-Scores („The Exorcist“, „Superdeluxe“, „Do You Want To See A Dead Body?“) mit. Außerdem übernahm er einige kleine Schauspielrollen (etwa in dem Indie-Film „Woe“: „Ich spielte einen Park-Ranger – ein netter Kerl in einem traurigen Film.“) und spielte die Hauptrolle in der preisgekrönten Tournee-Dokumentation „Use Your Delusion„. Außerdem entwickelte er eine Zeichentrickserie, schrieb Drehbücher, Graphic Novels, einen Neo-Noir-Fernsehpilotfilm und tippte kurzzeitig eine Musikkolumne für The Talkhouse, während er weiterhin an allerlei neuer – und nicht selten ebenso abseitiger wie gegensätzlicher – Musik von Kindermusikplatten bis hin zu konzeptueller Lärmkunst arbeitete. Inmitten dieses surrealen Kreativexils von Man Man begann Honus mit der Arbeit an ersten Konzepten zu „Dream Hunting In The Valley Of The In-Between“. Er rekrutierte seinen langjährigen Kreativmitarbeiter Cyrus Ghahremani, um ihm bei der Produktion zu helfen. Honus schrieb die Songs im „Gästehaus“ eines Freundes in Los Angeles, das mit „einem alten Klavier, einer Sparlampe und sonst nichts“ eigentlich vielmehr „ein Schuppen als etwas Schickes“ war. Und wer jetzt einen entspannten, Martinis am Pool schlürfenden Bohème vorm inneren Auge sieht, liegt wohl komplett falsch. Vielmehr war die Entstehung des Albums ein mühsamer, dreieinhalbjähriger Prozess: „Ich hatte Akkordfolgen, die wie wildes Krickelkrakel aussahen, und Texte auf Zetteln, welche überall an den Wänden klebten. Es sah so aus, als ob ich gerade dabei wäre, den großen Fall zu knacken, den Mörder zu fassen“, sagt er und lacht. „Es gab eine Menge Selbstzweifel, und ich war drauf und dran, das Handtuch zu werfen. Es hat keinen Spaß gemacht, aber es hat mich definitiv zum besten Album meiner Karriere geführt. Manchmal muss man einfach alles niederreißen, um die Dinge wieder richtig aufzubauen. Vertraue dem Prozess“.

Schließlich wurde das immerhin siebzehn Stücke starke Erdergebnis von S. Husky Höskulds (Norah Jones, Tom Waits, Mike Patton, Solomon Burke, Bettye LaVette) gemischt und von Dave Cooley (Blood Orange, M83, DIIV, Paramore, Snail Mail) gemastert. Als Gastsängerinnen auf „Dream Hunting…“ wirken etwa Steady Holiday’s Dre Babinski bei „Future Peg“ und „If Only“ sowie Rebecca Black (ihr wisst schon: Sängerin des viralen Peinlich-Pop-Hits „Friday“) bei „On The Mend“ und „Lonely Beuys“ mit.

 

Selbst für all jene, die bisher (noch) nicht mit der mittlerweile ebenso in Los Angeles beheimateten Experimental-Rock-Band vertraut sein sollten, setzt die erste Single aus dem im Mai erscheinenden sechste Studioalbum ein dickes Ohrwurm-Ausrufezeichen: „Cloud Nein“ vermischt eingängigen, orchestralen Indiepop mit trockenem Zynismus. So singt Honus an einer Stelle: „All your dreams crash and burn and fall to the ground / When they’re made of sweet nothings ’cause nothing sticks around.” Ryan „Honus“ Kattner, der auch das dazugehörige Musikvideo, in dem ein älterer Mann locker-flockig durch sonnenbeschienene Straßen tanzt, erklärt: „Ich schrieb den Song über jemand anderen, aber in gewisser Weise auch über mich selbst. Man muss sich ständig verändern, sich weiterentwickeln, um zu überleben. Man muss schätzen, was man hat, solange man es hat, denn es gibt keine Garantien dafür, dass es für immer bleibt. So ist das Leben.“ – „Life is short. Dance, be merry!“

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: