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Sunday Listen: Proper. – „The Great American Novel“


Foto: Promo / Milla Belanich

Schwarz und queer in einer überwiegend cis-männlichen, heterosexuellen Szene zu sein, ist – gelinde gesagt – auch im Jahr 2022 alles andere als einfach. Proper. (von denen bereits 2019 auf ANEWFRIEND die Schreibe war) machen trotz alledem das Beste aus den gegebenen Umständen und packen ihre Erfahrungen in kleine, große Songperlen zwischen Sturm, Drang und Sinnsuche. Setzte sich der Album-Vorgänger „I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better“ vor knapp drei Jahren noch mit dem Ausbruch aus der Erwartungskulisse des eigenen Umfelds auseinander, will das Trio aus Brooklyn, New York nun gleich ein komplettes Buch vertonen. Jeder Song auf „The Great American Novel“, das seinen Titel einem im US-amerikanischen Literaturdiskurs häufig verwendeten Schlagwort entlehnt, welches das Ideal eines Romans bezeichnet, der exemplarisch das Wesen der USA abbilden soll, also den „besten amerikanischen Roman“, der je geschrieben wurde (oder geschrieben werden kann), versteht sich als Kapitel eines Twentysomething-Protagonisten, der in den 2010er Jahren aufwächst und sich mit der missbräulichen Beziehung seiner Herkunft und seiner Identität auseinandersetzt.

Sänger und Gitarrist Erik Garlington nennt seinen Hauptdarsteller einen queeren, schwarzen Holden Caulfield, der seine Zwanziger er- und durchlebt. Die Texte, welche er für den neusten Langspieler seiner Band verfasst hat, tun weh, sind in ihrem introvertierten Tagebuch-Charakter herzzerreißend ehrlich und gehören doch – oder gerade deshalb – allesamt mit Farbe an die Wände oder mit Edding auf Unterarme. „There’s nothing I’d love less than to work myself to death“, mosert Garlington in „Shuck & Jive“. Kennen wir alle? Kennen wir alle. Im Fokus stehen soll aber das Aufwachsen als nicht weißer, nicht heterosexueller junger Mensch im Bible Belt, dem evangelikalen Süden der Vereinigten Staaten, das Proper. hier zum Konzept auserkoren haben. „My parents wonder why I won’t have children“ – man will Garlington nicht nur hier in den Arm nehmen. Er und seine Mitmusiker Elijah ‚Eli‘ Watson (Schlagzeug) und Natasha Johnson (Bass) verstehen sich als Sprachrohr der Betroffenen und wollen mindestens in ihrer musikalischen Nische für Awareness und gegen Othering und Rassismus eintreten. Politischer und konkreter auf eine spezielle Problematik zugeschnitten war emorockig Tönendes in letzter Zeit selten. Und auch in Sachen Melodie und Dringlichkeit kämpfen sich Proper. mit den neuen Stücken an die Spitze ihrer Szene.

Der angedeutete Stream of Consciousness von „In The Van Somewhere Outside Of Birmingham“ schielt lethargisch kurz in Richtung Sorority Noise, zerbricht dann aber auch in einem angefressen-wütenden Finale. Die leeren Seiten des Schwulendaseins mit tausend Grindr-Sexdates, aber wenig echtem menschlichen Kontakt thematisiert „The Routine“, während es in „Red, White, & Blue“ darum geht, was es heißt, „Amerikaner zu sein“, wie kompliziert und verletzend diese Beziehung ist, und wieso man von dieser eigentlich nie so ganz loskommen kann. Im brillanten „Huerta“ wiederum setzt Garlington sich mit seiner Familienbiographie und deren multikulturellem Erbe auseinander: „I could have been a farmer in the grasslands“, auch wenn das Spanisch des US-Musikers mit mexikanischen Wurzeln ausbaufähig ist – Hauptsache, irgendetwas sein außer nur „another dull American“. Dazu serviert die Band einiges an Stop’n’Go sowie schroffe Einschläge und bratende Gitarrenwände neben Stakkato-Riffing. „McConnell“ mixt gar Sprechgesang, progressive Gesangslinien und eine Idee von Black Metal zu einer im Grunde ziemlich abgedrehten Melange. „How does it even feel to know that people would cheer if you go?“ – Proper. lassen absolut nichts anbrennen, vor allem nicht, sobald sägende Bläser und weibliche Gaststimme ein wunderschönes Stück wie „Milk & Honey“ veredeln. Hier sind Könner am Werk, die ihr tragisches, bitteres Meisterwerk vorlegen, welches in seinen besten Momenten Scharfkantiges, Furioses, fast schon Schäumendes neben Augenblicke der unvermittelten Ruhe stellt. Allein wie sich „Americana“ aufbäumt und von der zarten, fast schon folkigen Idee zum drastischen Manifest mit Nachdruck, mit Biss, mit ungeschönten Worten und der Hoffnung auf ein besseres Morgen, das sich letztlich doch zu verbergen weiß, erwächst, geht unter die Haut. Aber: Ja, selbst inmitten dieser Hölle gibt es eben immer noch einen Funken Hoffnung: „My body might actually belong to me, and not some palm oil monopoly.“

Braucht’s bei alledem noch Referenzen? Nun, mehr denn je drängen sich bei „The Great American Novel“ so einige Vergleiche zu den Besten des emotional aufgeladenen Indie’n’Alternative Rocks der Nuller-Jahre auf: gleich am Album-Anfang etwa zu den Brand New der seligen „Deja Entendu“-Tage, etwas später zu Tim Kashers wütend polternder Kapelle Cursive oder den wilden Stilritt-Eskapaden von Foxing, ansonsten auch zu Conor Oberst beziehungsweise den Desaparecidos im Stile des Vortrags, des Stilbruchs und der Konsequenz dahinter. Dabei sollte jedoch keinesfalls unter den tönenden Tisch fallen, dass Proper. ein eigenes, gekonnt von Stil zu Stil hüpfendes Biest sind, dass Garlington ein grandioser Geschichtenerzähler ist, dass die ganze Band hier verdammt eindrucksvoll abliefert. „The Great American Novel“ hört sich tatsächlich wie ein großes Buch. Gerne lässt man sich fallen, wachrütteln, weint sich in den Schlaf, will rebellieren, kämpft mit Resignation und hofft auf die große, majestätische Auflösung. Allein der Bandname wird ironisch gebrochen, liest man Proper. als „angemessen“ – den Erwartungshaltungen entsprechend – oder gar „angepasst“. Erik Garlington und seine Bandmates jedoch sezieren ihr Land mit dem Fleischermesser und setzen sich an die Speerspitze einer kulturellen Revolution, die nichts Gutes an alteingesessenem, gottesfürchtigem und kanonenschwingendem Amerikanersein findet. Nicht nur auf die Südstaaten begrenzt, stehen Proper. damit im Sinne, Worte zu ihren Waffen zu machen, tatsächlich in der Tradition der großen Schriftsteller, die sie sich zum Vorbild genommen haben. „I’m the God of silent rage, I bite my tongue and cut my breath“: William Faulkner, Truman Capote, John Steinbeck, J. D. Salinger – und jetzt auch Proper.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Proper. – „Bragging Rights“ (feat. Willow Hawks)


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Wahrscheinlich fällt eine spontane Namensänderung leichter, wenn einen sowieso kaum ein Schein kennt, denn aus Great Wight, die 2017 mit ihrem Debütalbum „The Suburbs Have Ruined My Life“ in kleinerem Rahmen auf sich aufmerksam machten, wurden unlängst Proper. Und den neuen Bandnamen nutzt Frontmann Erik Garlington bereits als ersten ebenso bissigen wie wertvollen Seitenhieb auf befremdliche Äußerungen, wie schön (engl. „proper“) er doch spräche: „You talk real proper.“ – so als würde seine Hautfarbe zwangsläufig Handeln oder Reden auf irgendeine Weise beeinflussen.

Und so spielen Herkunft und Hautfarbe entsprechend wichtige Rollen im Sound des Trios aus Brooklyn, zu dem neben Garlington noch seine Mitstreiter Elijah ‚Eli‘ Watson (Schlagzeug) und Natasha Johnson (Bass) zählen, ebenso Familie, Perspektivlosigkeiten und sexuelle Identität. Garlingtons Ausbruch aus dem engstirnigen US-Bible Belt mitten hinein ins vielfältige Leben im großen New York City als junger Erwachsener, von der Kreativität eines Kanye West oder Max Bemis (Say Anything) inspiriert, bilden das Rückgrat für den Proper.-Albumneustart „I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better“.

a3578554858_16Zu den wichtigsten Stücken des im Juli erschienenen Longplayers zählt „Fucking Disgusting“. Garlington vermisste ein pansexuelles, inkludierendes Liebeslied und beschloss daher, selbst eins zu schreiben. Das herrlich unruhige Arrangement mit brodelnden Indie-Gitarren, geradezu vorwitzigen Afropunk-Vibes und ein paar Zeilen aus ABBAs „Dancing Queen“ bringt den schrägen Wahnsinn der Band denn ähnlich schnell auf den Punkt wie etwa „A$AP Rocky Type Beat“, das gar mit wilden Hardcore-Punk-Schlaggzeugsalven endet. Grungig-schroffer Uptempo-Rock, punkige Referenzen, Noise-Pop der Duftmarke Dinosaur Jr, kleinere Breaks und wütende Pogo-Tändeleien treffen auf die wortreichen (Selbst)Zweifel eines urbanen Twentysomethings. Mag sich zunächst seltsam lesen, brennt sich jedoch mit dem ein oder anderen wilden Haken als Umweg im Kleinhirn ein – so man denn offen in die Songs hinein lauscht.

Ohnehin scheinen Erwartungshaltungen für Proper. hörbar überbewertet, und so steuert das Trio nicht selten ebenso bewusst wie erfolgreich gegen diese an. „Toby“, einer Figur aus „The Office“ gewidmet, gibt sich herrlich launisch mit einem Hauch von emo’eskem Post-Hardcore und einer Salsa-Note in der Bridge, während die Breaks abermals herrlich tanzbar ausfallen und – mit etwas Fantasie freilich – an die Isländer von Retro Stefson erinnern. Die frontale Hymne „Curtain’s Down! Throw In The Towel“ liefert ein Mission Statement zu schrammeligem Rock, während das semi-balladeske „Trill Recognize Trill“ zu reduzierten Klängen die sexuelle Identität des jungen Sängers unter die Lupe nimmt, und wenig später in „Dekalb Ave“ gelungen fortgesetzt. Auch die Energieleistung „IDFWA (Art School)“ und der Instant-Ohrwurm „Bragging Right“, bei dem Garlington stimmliche Unterstützung von Willow Hawks (The Sonder Bombs) erhält, sollten nicht unerwähnt bleiben.

properNarrativ und musikalisch höchst unorthodox, häuten sich Proper. auf „I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better“, dessen Titel von einem Wonder Years-Song inspiriert wurde, gleich mehrfach. Im Prinzip wirkt die gesamte Platte wie ein einziger Stream of Consciousness, der (s)eine Dreiviertelstunde weder ein festes Thema noch die eine vorgeprägte stilistische Schiene kennt. Erik Garlington, der stimmlich glatt aus jüngerer Bruder von Bloc Party-Frontmann Kele Okereke durchgehen könnte, wechselt dabei nahezu fließend zwischen Vergangenheit und Gegenwart, nimmt durchzechte Nächte ebenso mit wie sozialkritische Abhandlungen oder einen ungeschönten Blick auf seine Rolle in einem ihm nicht immer freundlich gesinnten Land. Hochgradig spannende Auswüchse, angenehm schroffe und verquere Präsentation und ein steter Hauch des Unerwarteten um die Nase – proper amazeballs, Neustart gelungen.

 

 

„I worked way too hard for this
Told  myself I was outgoing, ‚til I believed it
Asked  friends to be my biggest critics
For the motivation I needed not to quit

I don’t want to watch the bees die or smash my hips on tables
But  I always act so frantic and it just comes off as unstable
What’s  the difference? Lack of reference If I pour it all out at once
But it’s the difference in the distance
Yeah  yeah, you can just put it in the trunk (worked too hard for)
Put it in the trunk (worked too hard for)

Won’t take my shirt off for you, but don’t tell anybody
I’m about to break the rules, but don’t tell anybody
Rockstar? – N o, I’m a modern fool, but don’t tell anybody
Wanna take off the shoes?

I always knew school wasn’t for me
Sorry mom and dad, I don’t need to take a year off to think
I’m already a fuck up, so what’s one more thing?
I just can’t spend my life wondering what I could’ve been
I have to work twice as hard to get half of what my white counterparts get – so I’ll apply it to what I want
Can’t do a 9-5 or join the military industrial complex
Because for every guy that tried to fuck me and put my dreams down, and the bands in it for themselves and a free round
There’s could be someone that looks just like me
That needs to hear they’re not alone, or at least they don’t have to be
It might takes years, it might not happen at all
Could end with a mid-life crisis in a bathroom stall
You can save every reason, it’s too big a risk
I’ve already heard it and I know that it’s worth it

I’m no longer confused, but don’t tell anybody
I’m about to break the rules, but don’t tell anybody
I got something better than school, but don’t tell anybody
They want me to get a safe job, just like everybody
They ain’t walked in my shoes, I’m just not everybody

If I put it into words would you hear me out? (worked too hard for)
If I put it into words would you hear me out?
If I put it into words would you hear me out? (worked too hard for)
Hear me out, oh-oh“

 

Rock and Roll.

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