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Das Album der Woche


Sperling – Zweifel (2021)

-erscheint bei Uncle M Music/Cargo-

„Ich mag eigentlich keinen Rap, aber euch finde ich cool!“ – Wie oft durften Bands diesen Satz schon hören, wenn sie sich daran gewagt haben, einmal Soundwelten zu verbinden, die aus Sicht der Konsumierenden eigentlich nicht zusammenpassen? Die nahezu nahtlos ineinander übergehende Melange aus Sprechgesang und Rock wurde für den Mainstream vermutlich erstmals mit Aerosmiths Kollabo mit den New Yorker Hip-Hoppern von Run DMC im 1986 veröffentlichten Evergreen „Walk This Way„, später durch Bands wie Linkin Park wirklich salonfähig gemacht, verschwand dann ein wenig in der Versenkung und erlebte knapp zehn Jahre später dank Caspers „XOXO“ auf indierockenden Indie-Beats einen zweiten bundesdeutschen Frühling (ein Wahnsinn übrigens, dass auch dieses Werk in diesem Jahr eine Dekade alt wird). Nun spielt sich die Hunsrücker Formation Sperling ins Rampenlicht und füllt diese Soundsymbiose genau zehn Jahre nach besagtem Deutschrap-meets-Indierock-Meilenstein erneut mit Leben und einer Menge frischer junger Energie. Wer diese Review jetzt schon auslassen möchte, weil man partout nichts mit Benjamin „Casper“ Griffey anfangen kann, kann an dieser Stelle beruhigt aufatmen, denn bis auf die grobe Kategorisierung haben Sperling und der ostwestfälische Emo-Rapper – zumindest im ersten Moment – nicht allzu viel gemeinsam – außer vielleicht die Herkunft aus Orten, die in keinem Touristenführer Erwähnung finden dürften. Und: einer Menge Mut.

Denn mutig, das sind Sperling, von denen bereits im vergangenen Jahr auf ANEWFRIEND die Schreibe war, ohne Zweifel. Schließlich kommt da ein Quintett aus der weltbekannten Region Vorderhunsrück daher, das sich nach dem „Vogel des Jahres 2002“ benannt hat, unter dem Arm gerade mal ein paar EPs sowie ein erstes Album mit dem Namen „Zweifel“ – und zieht direkt im Opener gleich mal eben die gesamte formatradiotaugliche Pippe-di-Poplandschaft des Landes unter heftigen Prügelattacken erbarmungslos durch den Schmutz: „Zum tausendsten Mal produziert und doch wieder verkauft / Immer noch die selben Kriecher / Kriegen viel zu viel Applaus / Also: Peace out, Bitches – wir sind raus!“. Subtil ist das keineswegs, aber locker gut für eine dicke Jungspundlippe: „Bitte nicht weiterentwickeln / Immer das Gleiche mit Gleichem verbinden“. Falsch höchstwahrscheinlich also ebenso wenig. Und musikalisch mit einiger Verve dargeboten. Da haben die findigen Talentscout-Leute von Uncle M mit Casper, Fjørt und Heisskalt gleich die passenden Referenzen für ihre neue Entdeckung parat.

Foto: Promo / Simon von der Gathen

Das meint in Kurzform: Auf „Zweifel“ treffen indie’esque Rap-Parts auf bisweilen opulent austaffierte Post-Hardcore-Songarchitektur, viel, viel Melodie – und ein oft genug prominent musizierendes Cello. Die im Opener „Eintagsfliege“ geprügelten Hunde mögen jetzt aufheulen und mit Nachdruck darauf verweisen, dass Sperling selbst ziemlich weit davon entfernt sein mögen, irgendwelche Innovationspreise einzuheimsen. Diese Flucht nach vorn endet allerdings jäh in einer Sackgasse. Warum? Weil die Newcomer-Band solchen altvorderen Vorwürfen einen so großartigen Song wie „Baumhaus“ entgegensetzen kann. Sänger Johannes „Jojo“ Gauch, der mit seinem rauen Sprechgesangsorgan klanglich durchaus an den bereits erwähnten Casper erinnert, während sich sein Flow Anleihen von Kraftklub-Frontmann Felix Kummer nimmt, navigiert sich da kursorisch durch eine völlig normale Biografie, durch Hoffnungen und Rückschläge und vertont mitsamt der gesamten Band, zu der noch Gitarrist Malte Pink, Bassist Max Berres, Schlagzeuger Josh Heitzer und Cellist Luca Gilles gehören, die Entwicklungen mit traum- und lautmalerischer Sicherheit. Man lässt sich gern anstecken von der fiebrigen Grundstimmung dieses Debüt-Langspielers, man legt sich in die in sich ruhenden Momente und nimmt jeden Ausbruch mit Leib, Herz und Seele an. Da darf es zum Finale auch das ganz große Drama sein, da funktionieren sogar im Grunde recht platte Phrasen wie „Wir bauen etwas Neues aus dem Nichts auf“. Nicht weniger beeindruckend gerät „Bleib“, das zu aufwühlender Melodieführung wenig überraschend das Thema Trennung verhandelt und seinem Gegenüber ein glaubhaft verzweifeltes „Nichts wartet da draußen“ mit auf den Weg in die kalte Welt vor der Haustür gibt.

Obwohl sich die Band ab und an im Generischen zu verlieren droht, ist auch der Einfallsreichtum beeindruckend, den es an allen Ecken und Enden von „Zweifel“ zu bestaunen gibt. Selbst in den eingängsten Momenten wie etwa im erwähnten „Bleib“ bringen Sperling nuancierte Details unter. Immer wieder stolpert man über dynamische, wohlplatzierte Instrumentalparts, die verhindern, dass das ganze Werk an der Halbwertszeit schlapp macht. Immer wieder schluckt man auch ob der oft im melancholischen Moll badenden textlichen Ausgestaltung, wie etwa im Titelstück, welches das Thema Suizid schmerzhaft anschaulich ausgestaltet. Und ganz am Ende, wenn Sperling im „Schlaflied“ die Akustikgitarre auspacken, ist das nicht etwa kalkuliert und kitschig, sondern einfach nur ergreifend (denn immerhin verarbeitet Jojo seine eigenen Erfahrungen in der Altenpflege): Dort scheidet jemand nach langem Leiden aus dem Leben, begleitet mit den Worten „Ich kann vorausgehen, wenn du gehst / Ich bleibe wach, solang‘ du schläfst“ und von Beray Habip angenehm unterproduzierten Akkorden. Kein Blatt Papier passt da noch zwischen Musik und Gefühle. Mutig eben. Dass das Artwork von „Zweifel“ eine gewisse Ähnlichkeit zu Jonas Lüschers Buch „Kraft“ aufweist, das sich inhaltlich ebenso mit Selbstzweifeln und Ich-Findungen beschäftigt, mag vermutlich Zufall sein – dann allerdings ein verdammt passender. Mit ihrem sorgsam austarierten Gesamtkonzept tönen Sperling als vermeintlicher Newcomer (denn immerhin gibt’s das Indie-Quintett bereits seit etwa 2015) wie eine Band, die lange an ihrer Soundkulisse gefeilt und sich zu nahezu allen Aspekten ihrer Musik und deren „Verpackung“ so ihre Gedanken gemacht hat. Dabei mögen (noch) nicht alle Handgriffe perfekt sitzen, was in Anbetracht der hohen Qualität von „Zweifel“ allerdings mehr als verschmerzbar ist. Wenn man diese Songs, diesen leicht kratzigen, an Fabian Römer geschulten Sprechgesang, das Cello und die vermutlich aus dem juvenilen Post Hardcore der Güteklasse La Dispute und Pianos Become The Teeth stammende Wut und emotionale Vielfalt hört, dann weiß man, warum man die Flinte noch nicht ins sprichwörtliche Korn geworfen hat, wenn es um neuen, jungen Herzeleid-Krach aus Deutschland geht. Das akustische Glas, es ist halbvoll – mindestens.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


 Casper – XoXo (2011)

Auch auf die Gefahr hin, dass einige jetzt gelangweilt abwinken oder in die endlosen Weiten der weltweiten Netzes entschwirren werden, möchte ich noch einmal einige Worte über „XoXo“, ANEWFRIENDs Platte der Woche, und überhaupt: mein Album des Jahres 2011, verlieren.

Warum dieses Album? Nun, im letzten Jahr wurden wohl nur wenige andere Platten mit ähnlicher Spannung erwartet, bei wenigen anderen (wie Adeles „21“) war auch der Hype im Vorfeld größer. Ehre, wem Ehre gebührt. Der 28-jährige Benjamin Griffey erfindet zwar mit seinem (regulären) Zweitwerk – der Vorgänger „Hin zur Sonne“ erschien 2008 – das Rad nicht neu, hebt aber den deutschen HipHop auf eine neue Stufe. Sein Konzept, auch Studioalben im Bandsound einzuspielen, kennt man zwar schon von (unter anderem) Dendemanns „Vom Vintage verweht“, doch geht Casper persönlicher zu Werke als der auf Sprachwitz getrimmte ehemalige EinsZwo-Wortakrobat.

Angefangen bei „Der Druck steigt“, eine Anspielung auf den gleichnamigen Song seines Kumpels Prinz Pi, der den Bandsound übrigens nun auch für sich entdeckt hat, gelingt es Griffey, den Hörer über die kompletten 49 Minuten für sich einzunehmen. Die Texte sind durchgängig persönlich, die sonst für den HipHop klischeehaft-üblichen Disstracks findet man eher auf den Album-B-Seiten wie „Wilson Gonzales“ wieder. Dabei gelingt Casper das große Kunststück, zwar von seinem Leben und Erleben zu erzählen, jedoch gerade persönlich genug zu werden, um dem Hörer noch ausreichend Freiraum zu lassen, sich auch selbst in seinen Texten wiederzufinden. Und egal, ob er nun von der übergangenen Jugend („Der Druck steigt (Die Vergessenen Pt. 1)“ / „Blut sehen (Die Vergessenen Pt. 2)“), dem Ausbrechen aus gewohnten Bahnen, gesellschaftlichen Konventionen und alten Zwängen („Auf und davon“), dem Gefühl nach dem Freischwimmen vom Trott („XoXo“, inklusive Gastbeitrag von Thees Uhlmann) oder der bitteren Erinnerung an ein One-Night-Stand („230409“) rappt – das Niveau bleibt hoch. Besonders bewegende Songs sind „Michael X“, die Hommage an einen zu früh verstorbenen Freund, bei dem die Backing Band einen Post-Rock-artigen Sound à la Explosions In The Sky kreiert, „Das Grizzley Lied“, in dem Griffey von seiner von Umzügen zwischen den USA (der Heimat seines Vaters, einem US-Soldaten) und Deutschland geprägten Kindheit erzählt, oder „Kontrolle/Schlaf“, welches von den Schattenseiten des Gefühlslebens handelt und von einem kurzen, sehr persönlichen Spoken Word-Intro (mit einem Erinnerungs-O-Ton von Arlen Griffey, Caspers Vater) eingeleitet wird. Auf „XoXo“ wird im Kleinen von sich selbst angefangen und nach und nach alle, die sich in irgendeiner Weise angesprochen fühlen, mit an Bord geholt. Casper, der Seelentröster. Ist das noch HipHop? Oder schon, wie, mehr im Scherz als im Ernst, im Vorfeld von Casper selbst betitelt „DoomHop“ oder „RapGaze“? Scheißegal, „XoXo“ ist so rund und gelungen wie nur wenige Alben 2011.

Dass solch ein Album in der HipHop-Szene und der deutschen Musiklandschaft auf geteiltes Echo stößt, ist natürlich logisch. Als „zu pop-affin“ wurde es betitelt, Casper als „Emo-Rapper“ abgestempelt und der Ausverkauf an die breite Masse vorgeworfen. Doch was ist schlimm daran, mit einem Werk und ehrlich gemeinten, intelligenten Texten eine möglichst große Hörergruppe ansprechen zu wollen? Man merkt, dass hier lange an (Band)Sound und Texten gearbeitet und gefeilt wurde. Und wer einmal ein Konzert von Casper besucht hat, wird wissen, dass der aus Bielefeld stammende und jetzt in Berlin (wo sonst?) lebende Rapper nicht aufs schnelle Geld aus ist und ihm der Erfolg seines Nummer-Eins-Albums lediglich Recht gibt. Und auch die zahlreichen Bestenlistenplätze in den Jahrescharts von Online- und Printmedien sprechen eine deutliche Sprache: Casper ist alles andere als Everybody’s Darling der Stunde, alles andere als eine Eintagsfliege oder Konsensrapper. Casper ist gekommen um zu bleiben.

Ich habe lange kein so kurzweiliges Album mehr gehört, dass mich auch nach vielen, vielen Durchläufen – und trotz Pop-Faktor! – noch bei der Stange hält und die Repeat-Taste drücken lässt. Hier spricht das Herz, wo bei anderen nur die dicke Hose spricht. Ich höre gern zu.

An dieser Stelle sei auch Caspers „Auf den Dächern“-Session aus der gleichnamigen Reihe des Online-Musikvideosenders tape.tv empfohlen. Lohnt sich.

 

Rock and Roll.

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