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Sunday Listen: Mint Green – „All Girls Go To Heaven“


Das Cover von Mint Greens Debütalbum „All Girls Go To Heaven“ zeigt Porträts der Band, die – halb künstlerisch, halb dilettantisch – auf einen recht bunten Hintergrund gephotoshoppt wurden, und erinnert so an ein Artwork, dem man heutzutage ebenso in einer Kunstgalerie wie auf irgendeinem hipsterhippen Instagram-Account begegnen könnte. Aber klar, hier soll’s natürlich vielmehr um die Musik gehen… Und die kann sich durchaus hören lassen. Das aus Boston, Massachusetts, stammende Quartett, das seit 2016 bereits mit einigen EPs für das ein oder andere Hallo-wach-Erlebnis sorgte, hat es sich bei selbiger – der Musik – zur Aufgabe gemacht, mit jeder Menge juveniler Energie im Tank die Dinge einzufangen, die so ziemlich jede(r) fühlen, aber selten laut aussprechen mag – ob ihnen das gelingt?

Die zehn Songs des Debüt-Langspielers beginnen mit dem Opener „Against The Grain“, einer vergleichsweise sanften Akustik-Nummer, die manches Ohr an Indie-Darling Phoebe Bridgers erinnern mag. Zu offensichtlich? Dabei macht gerade dieser Querverweis durchaus Sinn, wenn man bedenkt, dass Mint Green im Jahr 2020 zwei ihrer Songs gecovert haben (und auch einen von Katy Perry). Also Indie Rock meets Indie Pop meets Indie Folk? Check, check, check. Dennoch sollte man Ronnica, Daniel Huang, Tiffany Sammy und Brandon Shaw keineswegs unterstellen, hier schnödes Fanboy/-girl-Kopistentum irgendwo zwischen der benannten Phoebe Bridgers, Tigers Jaw, Beach Bunny oder Soccer Mommy zu betreiben, denn der Boston-Vierer setzt genug eigene Duftmarken. Das beweist bereits „Body Language“, ein Stück, das den Zuhörer mit (s)einer sanften Gitarre lockt, bevor es die Kräfte bündelt und in einen ausgewachsenen Indie-Rock-Song explodiert. Ist übertrieben? Ja sicher, so richtig derb gehen Mint Green auf ihrem Erstling eher selten zu Werke (etwa gegen Ende von „Whatever Happens“), oft genug stehen sie dem Indie-Math-Pop der artverwandten Orchards näher als anderen Heavy-Rock-Kapellen, aber: schon hier klingt das Quartett, als hätte es dabei eine Menge Spaß – was definitiv keineswegs unwichtig ist, schließlich ist ein Album meist dann am besten, wenn eine Band loslässt und – eben! – Spaß hat.

Und auch das dürfte Gründe haben: Da „All Girls Go To Heaven“ von der Band selbst in Zusammenarbeit mit Collin Pastore (u.a. Lucy Dacus, Julien Baker, Animal Flag) produziert wurde, sollte klar sein, dass Mint Green – Newcomer hin, Newcomer her – durchaus einiges an Mitspracherecht hinsichtlich dessen hatten, wie sie ihren eigenen Sound gestalten wollen. Und der? Tönt in der Tat erfrischend – minzgrün eben. Und beweist obendrein, dass sich die vier mit ihrer Mischung aus Pop Punk, Indie Rock, dezent sommerlichen Dreampop-Vibes sowie Elementen aus Punk Rock, feinen Soul-Prisen (vor allem gesanglich) und einer ordentlichen Portion Emo-Katharsis, die den halluzinogenen Zustand mit ängstlichen Refrains umhüllt, nicht so leicht in eine Schublade stecken lassen möchten. All das eine recht mutige Melange für ein Debüt, das in weniger fähigen Händen durchaus ein halbgares Durcheinander aus überladenen Gitarren, Schlagzeug und Gesang hätte werden können, hier jedoch vielmehr knapp 36 Minuten akustische Kurzweil-Achterbahn zwischen Mid- und Uptempo bietet – man höre etwa „Golden“, dessen erste Hälfte düster und vergleichsweise langsam startet, bevor der Song plötzlich vor lauter Energie steil geht. Ja, das lässt sich verdammt gut hören, das Ganze. Mission accomplished, Mind Green!

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Dreamtigers


Was Musik und Wein gemeinsam haben? Nun, sieht man von den üblichen, stets lediglich auf irgendwelche gottverdammten Trendzüge aufspringenden Eintagsfliegen im Musikbusiness und der leidigen Gut-und-günstig-Tetrapack-Plörre aus dem Ums-Eck-Discounter des Vertrauens einmal ab und beschäftigt sich wirklich intensiv damit, kommt man wohl unweigerlich zu dem Ergebnis: recht viel. Denn mancher Wein entfaltet erst nach langer Lagerung im edlen Barrique-Fass seinen einzigartigen Geschmack. Gutes Zeug will Weile haben. Und gemäß dieser Losung verhält es sich eben auch mit so manchem Langspieler…

Recht formidable Beispiele hierfür dürften die beiden Platten von Dreamtigers sein. Dream…who? Eben. Denn obwohl es der US-Indie-Rock-Band weder an Vitamin B noch an Szene-Kredibilität zu mangeln scheint, ist die Kombo, welche sich nach einem Buch des argentinischen Autoren Jorge Luis Borges benannt hat, hierzulande noch immer sträflichst unbekannt. Mag’s daran liegen, dass Dreamtigers bislang den großen Medienrummel gescheut haben wie der Teufel das Weihwasser? Dass sie selbst um ihre Alben keinerlei vernehmbares Getöse gemacht haben, dass nicht einmal zum bloßen Marketing aufgeblähtes Namedropping betrieben wurde? In jedem Fall: sympathisch, dass die Band aus Massachusetts vielmehr ihre Musik für sich sprechen lässt. Und umso überraschender, denn den Kern der Truppe dürfte manch eine(r) durchaus kennen, schließlich treten Jake Woodruff und Joe Longobardi sonst bei den US-Melodic-Hardcore-Krawallmachern von Defeater an Gitarre und Schlagzeug in Erscheinung. Dazu gesellen sich neben Andrew Gary, der dritten festen Konstante, noch Mitglieder von – zumindest für Szene-Kundige – kaum weniger bekannten Bands wie Caspian, Polar Bear Club oder Balmorhea. Und nun mal Mic Drop beim Namedropping.

Wer jedoch erwartet, dass sich Woodruff, Longobardi und Co. auch bei Dreamtigers in eine ähnlich krawallige Richtung wie bei den jeweiligen Hauptbands bewegen, der irrt. Denn das, was bei der Band – nach einigen EPs und Split-Singles seit 2009 – schließlich in den beiden Langspielern „Wishing Well“ (2014) und „Ellapsis“ (unlängst im Februar 2022 erschienen) kumulierte, tönt ebenso vielfältig wie einnehmend, manchmal auch leise und bedacht. Das Dreamtigers’sche Klangkonstrukt mag es eher nachdenklich als wütend, hinterfragt zaghaft und zweifelnd, untermalt tendenziell eher mit zarterer Instrumentierung denn mit Pauken und Trompeten zum Barrikadensturm anzusetzen oder die Tür durch die Mauer hindurch einzutreten. Protest – so man dies hier als einen solchen bezeichnen mag – muss eben nicht immer laut und ausufernd sein, er muss sich noch nicht einmal neu erfinden, denn genau genommen ist dieses „Singer/Songwriter-Ding“, ebenso wie die bestens bekannte „Indie-Rock-Schiene“, halt auch schon ein paar Tage alt. Doch keine Angst, muffig abgehangen und altbacken klingt hier mal eben gar nichts. Vielmehr bietet die Band vor allem auf „Wishing Well“ eine feine Melange aus bodenständigem Indie Rock, von fern winkender Americana und melancholischem Folk, welche obendrein mit Versätzen aus Post Rock und dem guten alten Neunzigerjahre-Emo-Rock, mit sakraler Orgel und schwelgerischen Streichern garniert wird – und als buntes Potpourri aus Atmosphäre, Emotionen und großer Kunst so wohlbekömmlich gerät, dass man nur allzu gern einen Nachschlag nimmt.

Dennoch werden die Alben, bei denen sich das von Will Yip (La Dispute, Pianos Become The Teeth, Title Fight) produzierte „Ellapsis“ noch etwas mehr in Richtung Full Band beziehungsweise Post Rock entwickelt, vor allem all jenen mehr Appetit machen, die sie nicht nur mal eben so nebenbei hören oder verzweifelt auf der Suche nach unmittelbar erkennbaren Instant-Hits sind, denn sie möchten mehrmals genossen werden, wollen mit all ihren großen kleinen Songs die Chance bekommen, sich in Ruhe in den Gehörgängen und Hörerherzen einzunisten. Wer nur besoffen werden mag, darf weiter zum Fünf-Liter-Tetrapack aus dem Discounter greifen, möge aber bitte auch die Finger von diesen Perlen lassen. Und während die Kunstbanausen am Folgetag wohlmöglich über übles Kopfweh klagen werden, summen Connaisseure hier leise mit, während sie sich in so großartige Songs wie „Empty Roads, Pt. 2“ oder „I See The Future“ immer tiefer, jedes Mal aufs Neue verlieben. Sie werden genießen, schweigen und all den Kretins ums Verrecken nicht verraten, was Balsam für ihre armen Seelen sein könnte…

Hier findet man „Wishing Well„…

…und „Ellapsis“ im Stream:

Rock and Roll.

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Song des Tages: Spanish Love Songs – „Optimism (As A Radical Life Choice)“ (Etc Version)


Wie so viele andere auch hatten die Emo-Punk-Indierocker von Spanish Love Songs im nahezu konzertfreien Musikjahr 2021 ein deutliches Plus an Freizeit zu verzeichnen. Also wurde das Beste aus der ungewollten Lage gemacht und man ging zurück ins Studio.

Doch anstatt neue Songs zu schreiben, nahm die fünfköpfige Band sich der Stücke ihres formidablen, im Februar 2020 erschienenen dritten Albums „Brave Faces Everyone“ (welches damals einen völlig verdienten Silberplatz von ANEWFRIENDs „Alben des Jahres“ errang) ein zweites Mal an. Das Ergebnis: „Brave Faces Etc.„, welches die bekannten Nummern in neuem musikalischen Gewand präsentiert und im April erscheinen wird. Frontmann Dylan Slocum weiß Folgendes zu berichten:

„Kurz vor dem einjährigen Jubiläum des Albums haben wir beschlossen, die Songs auf die gleiche Art und Weise neu zu interpretieren, wie wir es mit unseren früheren Alben für unsere Patreon-Community getan haben. Ich weiß nicht, ob irgendjemand von uns jemals mit einem fertigen Album zufrieden war, das wir veröffentlicht haben, also war dies unsere Chance, einige Dinge auszuprobieren, die wir auf dem Original nicht machen konnten, sei es wegen des Budgets, aus Zeitmangel, etc. Gleichzeitig sahen wir es als Chance, uns musikalisch ein wenig herauszufordern und den Sound der Band zu erweitern, um besser widerzuspiegeln, wo wir alle in Sachen Songwriting und Produktion stehen.“

Bereits jetzt lässt die Band aus Los Angeles, Kalifornien zwei Kostproben hören: „Generation Loss„, welche sich in der Neuaufnahme als herzzerreißende Akustikballade präsentiert, sowie „Optimism (As A Radical Life Choice)“, das lediglich eine Akustikgitarre, Synthesizer und Dylan Slocums Stimme benötigt, um auch ein zweites Mal als Elektro-Emo-Slow-Burner zu überzeugen. Zu zweiterem meint Slocum:

„‚Optimism (As Radical Life Choice)‘ stach auf dem Originalalbum schon immer als ein Song mit einem etwas anderen Vibe hervor, und wir haben versucht, diese Energie auch in der überarbeiteten Version beizubehalten. Wir haben den schrillen Neunzigerjahre-Rock-Beat genommen und ihn in einen echten Downer von einem Dance-Song verwandelt, was bedeutete, dass wir mit all den Drum-Machines und Synthesizern spielen konnten, die wir schon immer benutzen wollen. Ich finde es toll, dass die Bridge hier irgendwie chaotischer ist als im Original und wirklich die Angst des Songs transportiert, während wir es irgendwie geschafft haben, den Dance-Vibe beizubehalten.“

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Church Girls – „Still Blooms“


Foto; Promo / Anthony DiCaro

Auf ihrem letzten, im vergangenen Jahr erschienenen Album „The Haunt“ vermählten Church Girls (von denen hier bereits die Schreibe war) Post Punk mit dezent nach Garage tönendem Indie Rock und wurden daher allen, denen Amyl And The Sniffers zu aufgedreht und Girlpool zu verträumt waren, wärmstens ans Hörerherz gelegt. Kritikpunkte gab’s da eigentlich recht wenige, nur den eigenen Stil ließ die Band aus Philadelphia bei diesem Musik gewordenen Tanz auf vielen Hochzeiten hier und da noch ein wenig vermissen. Ob sich das auf dem neuen, dritten Langspieler „Still Blooms“ ändert?

Nun, in gewisser Weise sind sich Church Girls treu geblieben. Zum einen schon mal in dem Vorhaben, jährlich ein Veröffentlichungslebenszeichen – ob nun als vollwertiges Album, EP oder Single – von sich zu geben, zum anderen in dem Punkt, dass Mariel Beaumont (Gesang, Gitarre und Songwriting) auch 2021 das einzig konstante Mitglied der US-Band-Kollektivs bleibt (was wiederum den nahezu permanenten Aufnahme-, Veröffentlichungs- und Tourplänen geschuldet sein dürfte). Somit ist „Still Blooms“ vor allem die logische musikalische Fortsetzung von „The Haunt“ – wenn auch mit einigen kleinen Unterschieden, vor allem was den Sound angeht. Dieser gerät bei den zehn neuen Stücken nicht mehr ganz so “wuchtig”. Bass sowie Kick und Floor Tom tönen nun weniger dominant, dafür rücken die flimmernden Gitarren mehr in den Vordergrund und der Mix der Songs gestaltet sich heller, mit mehr Fokus auf die Mitten und Höhen, was die Stücke klarer wirken lässt und auch der Stimme von Mariel Beaumont etwas mehr zugute kommt. Darf man trotzdem hier und da die Wucht, Kraft und den damit einhergehenden Kontrast, der „The Haunt“ in seinen besten Momenten so besonders machte, vermissen? Klar.

Dennoch tönen gleich die ersten Songs des neuen Albums, darunter auch die Single „Separated“, recht „typisch Church Girls“ und damit genau so, wie langjährige Freunde der vierköpfigen Band, deren Name sich aus dem Fakt speist, dass Beaumont früher eine kirchliche Mädchenschule besuchte und in ihrer Jugend Messdienerin war, es sich erhofft haben. Mit „Vacation“ folgt dann das erste Stück, welches etwas aus der Reihe tanzt – im positiven Sinne: Gerät der Beginn noch ungewohnt ruhig, setzt dann langsam aber stetig das Schlagzeug von Julien Varnier ein, wenngleich der Grundton eher ruhig – für Church Girls-Verhältnisse – bleibt. Dass sich im weiteren Verlauf des Songs ruhige Parts, die sich durch melodisches Gitarrenspiel mit dezenten Drums auszeichnen, gekonnt mit den voll instrumentalisierten Parts abwechseln, macht „Vacation“ zu einem der Highlights des Albums.

„Separated‘ ist eine Ode an meinen Zwillingsbruder. Es geht um die Erkenntnis, dass unser Zuhause nicht mehr das war, was wir dachten, als sich der Kampf eines Familienmitglieds mit dem Alkoholismus zuspitzte. Der Song ist in gewisser Weise immer noch hoffnungsvoll, denn wir wussten, dass wir im anderen immer ein Zuhause haben würden. Er ist immer noch mein bester Freund und die erste Person, die jeden Song hört, den ich schreibe.“ (Mariel Beaumont)

Und dann ist da wieder dieser eine Song, der einen noch ein kleines bisschen mehr fesselt als der Rest. Ging dieser Titel auf dem Vorgänger noch an „Regression“, darf sich nun wohl „Undone“ mitsamt seinem treibenden Schlagzeug und seiner markanten Bassline als würdiger Nachfolger fühlen – kaum verwunderlich, schließlich stammen hier auch die titelgebenden Zeilen des Albums her: „Unwind the clocks / Pull the blinds / And you’ll find the sky still blooms“. Auch „Dune“ sticht heraus und lässt in der zweiten Hälfte des Songs – und nach einem Instrumentalteil mit wunderschön gespielter Gitarre – dank eines kurzen, leicht sphärisch angehauchten Parts aufhorchen.

Im Gros bietet auch „Still Blooms“ im Grunde genau das, was man von dem Philly-Quartett, zu dem sich dieses Mal – nebst Beaumont und Varnier – noch Mitchell Layton (Gitarre) und Vince Vullo (Bass) gesellen, erwarten durfte: treibende Indie Rock-Songs, die sich mal knapp unter-, mal knapp oberhalb der Drei-Minuten-Marke ansiedeln und hier und da Einflüsse aus Post Punk, College und Emo Rock einfließen lassen. Bei so viel überschwänglicher Kurzweil stört’s im Grunde wenig, dass sich Church Girls auch 2021 ihren Tanz auf vielen Hochzeiten kaum vermieten lassen…

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Onslow


Zumindest in der australischen Musikszene sind sowohl Sean Harmanis als auch Scott Kay keine gänzlich unbeschriebenen Blätter. Der eine (Harmanis) als Stimme und Frontmann der Symphonic Deathcore-Band Make Them Suffer, während sich der andere (Kay) normalerweise für die sechs Saiten der Progressive Metal-Kapelle Voyager verantwortlich zeichnet. Und da die Banddichte im heimatlichen Perth wohl auch Grenzen haben dürfte, liefen sich die beiden in der Vergangenheit das ein oder andere Mal über den Weg und freundeten sich an – bis zu Onslow, ihrem gemeinsamen musikalischen Projekt, war es von da aus quasi nur noch ein Kängurusprung, aus welchem nun eine erste EP resultiert.

Und diese gerät durchaus bemerkenswert, weist sich doch eine erstaunliche musikalische Bandbreite auf, mit Songs, die innerhalb von Sekunden und meist inmitten eines einzigen Stückes von Jingle-jangle-Melodien zu vollkehligem Metal-Geschrei reichen. Das Ergebnis ist etwas ganz Außergewöhnliches – ein schwer zu definierender Genreritt, der sowohl hymnische Infrastrukturen als auch donnerndes Beiwerk aufweist.

Sean Harmanis, der sich auch bei Onslow vor allem für den Gesang verantwortlich zeichnet, erzählt Folgendes über den Entstehungsprozess der EP: „Nach den Gesangsaufnahmen zum letzten Make Them Suffer-Album spürte ich mehr Kreativität in mir sowie den Wunsch, diese zu kanalisieren und zu verfeinern. Nachdem ich zu Beginn von Covid ein paar Monate lang versucht hatte, Songs zu schreiben, beschloss ich, sie Scott zu zeigen, einem langjährigen Freund und Gitarristen, den ich immer bewundert und respektiert habe. Ich wollte ein ehrliches Feedback zu den Songs, Riffs und Ideen hören. Scott war von den Songs begeistert und hatte einige eigene Ideen, die er einbringen konnte. Von da an beschlossen wir, zu schauen, wohin uns das führen würde. Die Songs handeln größtenteils vom Leben im Allgemeinen, obwohl ich mir insgesamt sehr wenig Gedanken über die Texte selbst gemacht habe. Beim Schreiben der Texte ging es mehr darum, welche Worte sich natürlich ergeben oder gut klingen, als um die Bedeutung der Songs. Für mich ging es bei der Veröffentlichung eher darum, mir selbst zu beweisen, dass ich Songs schreiben kann, als zu versuchen, die Songs zu persönlich zu gestalten. Scott war mir während des gesamten Prozesses eine große Hilfe, da er nicht nur tolle Ideen einbrachte, sondern mir auch viel Selbstvertrauen in meine Gitarrenarbeit mitgab.“

Schon „Saving Face“, die Eröffnungsnummer der selbstbetitelten EP, kontrastiert Heavy-Metal-Riffs mit engelsgleichem Gesang und Melodien, die geradezu opernhaft, dramatisch und theatralisch tönen, bevor aus voller Kehle schreiender Gesang einsetzt – im besten Fall ja eine äußerst befriedigende Dichotomie. „Let Me Rust“ wiederum beginnt mit fast schon gen Firmament stürmenden Gitarrenwänden, bevor Harmanis‘ süßlicher Gesang über die gedämpfte, zurückhaltende Instrumentierung gleitet – beinahe im Falsett, fast schon engelsgleich. Umso explosiver und kathartisch geraten die attackierenden Gitarren und angefuzzten Basslinien. Deftones, anyone? Ähnlich geht auch „Gauze“ vor: mal atmosphärisch und treibend, mit zuckriger Melodie und Gesang, dann wieder kontrastiert von Passagen mit schwermetallischem Gebrüll – ein Kontrast, der wirklich gut funktioniert und mit seiner Art janusköpfiger Persönlichkeit die zwei Seiten eines Gefühls zum Ausdruck bringt. Zudem versetzt einen der Song mit seinen gewaltigen Riffs und seiner kolossalen Instrumentierung in die frühen 2000er zurück und lässt eine tiefe Verehrung für damals recht einflussreiche Bands wie Alkaline Trio oder Jimmy Eat World erkennen. Das gleichsam komplexe wie gefühlsbetonte „Limbs“ unterstreicht mit seiner sich ständig ändernden Taktart und einer erstaunlichen Synkopierung zwischen rhythmischen Instrumenten und aufsteigenden Gitarren die enormen Songwriting-Fähigkeiten des Duos Harmanis/Kay. Das abschließende „Freddie Mercury“ dürfte vor allem für alle Freunde von Bands wie Brand New ein besonderes Highlight darstellen, gemahnt es doch an Großtaten wie etwa deren Meisterwerk „The Devil And God Are Raging Inside Me“ – Vergleiche zu Stücken wie „Jesus Christ“ sind quasi unabdingbar. Das Stück beginnt zunächst balladesk-nachdenklich und entwickelt sich gen Ende zu einem geradezu stratosphärischen Shoegaze-Orkan, der Elemente aus Post Rock ebenso in sich vereint wie aus Alternative Rock und Post Hardcore. Sean Harmanis über den Song, der zwar nach dem legendären Queen-Frontmann benannt sein mag, am Ende aber wohl wenig mit selbigem zu tun hat: „‚Freddie Mercury‘ handelt davon, dass man an etwas festhält, von dem man tief im Inneren weiß, dass es nicht mehr da ist. Unsere Herangehensweise an das Songwriting rührt wahrscheinlich von unserer Wertschätzung für Post Rock her. Wir haben es beide schon immer geliebt, dass vor allem Bands aus diesem Genre in der Lage sind, aus dem Nichts heraus diese gigantischen Klangwände aufzubauen, und instrumental wollten wir wirklich etwas von diesem Einfluss in den Song einfließen lassen.“

Letztendlich bieten die fünf Stücke der „Onslow EP“ (zu welcher man hier Track-By-Track-Erläuterungen des Duos findet) eine erfrischende, gelungene Mischung mit tönenden Zutaten aus einigen sehr unterschiedlichen Genres: Progressive Metal, Post Hardcore, Alternative Rock, Post Rock, Post Grunge und Emo Rock, gar sachte Prisen aus Indie Pop lassen sich hier wiederfinden. Mächtig gewaltig geratene Songs aus Down Under, die sich in den Dienst von Dramatik und Katharsis stellen.

Rock and Roll.

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Song des Tages: We Bless This Mess – „Still Water“


Punkrock, der das Leben feiert: Das 2014 ins Leben gerufene Ein-Mann-Folk-Punk-Projekt des Portugiesen Nelson Graf Reis entwickelt sich auf dem dritten Album von We Bless This Mess zu vollem Bandsound. Karohemd und gereckte Faust inklusive.

Wer sich direkt im ersten Track (welcher passenderweise „Before You Play This Record, Listen To This“ tituliert ist) so aufrichtig für die Aufmerksamkeit bedankt und proklamiert, dass das Album als „an ode to life“ begriffen werden soll, der meint das wohl auch so. Der Tattookünstler Nelson Graf Reis hat seine Wurzeln in der DIY-Punkszene Portos und hat dort neben seinem eigenen Projekt auch noch das Label „Oh Lee Music“ gegründet. Man muss keine hellseherische Begabung besitzen um zu merken, dass der Mann offenbar ein außerordentlich hohes Level an Leidenschaft und Kreativität besitzt, woran auch ein zwischenzeitiger Umzug nach Großbritannien nichts geändert hat. Denn „Enlightened Fool“ ist der musikalische Sprung in die vorderen Reihen des melodischen Punk Rock.

Folgten die zwei Vorgängeralben „Volume 1“ und „Awareness Songs And Side Stories“ noch dem Anspruch, Punk in alter Frank-Turner-Manier möglichst reduziert und folkig zu halten, ist der Sound von We Bless This Mess nun voll elektrifiziert. Der zumeist stampfende Rhythmus und die sich immer wieder einschleichende Akustikgitarre halten die Verbindung zum troubadourenden Folk aber noch genügend aufrecht, um – neben dem Turner-Frank, freilich – an Kaliber wie (frühe) The Gaslight Anthem oder Cold Years zu erinnern. Beachtlich ist dabei der Umstand, dass Reis bis auf das Schlagzeug sämtliche Instrumente selbst eingespielt hat (kreativ, ich schrob’s ja).

Mit ihrem Anliegen halten Nelson Graf Reis und seine Band-Buddies keineswegs hinterm portugiesischen Berg: Bewusstsein schaffen sowie Licht und Liebe an die Mitmenschen verteilen. Was im ersten Moment hippiesk anmutet, ist tatsächlich das Konzept hinter „Enlightened Fool“. Menschen müssen viele Phasen durchleben, bis sie zu einem höheren Bewusstsein gelangen und verstehen, was es bedeutet, ein erleuchteter Dummkopf zu sein. Sokrates lässt grüßen. „Niemand hat die richtigen Antworten oder einen Zaubertrank, um dabei erfolgreich zu sein“, kommentiert die Band. „Aber glücklicherweise könnten diese Songs jemandem helfen, das Leben anders zu betrachten – sich friedlich zu fühlen und wahrzunehmen, dass wir am Leben sind.“

Zwei Dinge fallen außerdem direkt auf: Zum einen zeigt schon der Beginn von „Good That You’re Letting It Go“, dass Reis eine nicht nur für Genreverhältnisse grandiose Stimme sein Eigen nennt. Zum anderen strahlt einem die schon angesprochene Positivität so sehr aus sämtlichen Texten – und der eingangs erwähnten akustischen Dankesnote – entgegen, dass man entwaffnet allen Widerstand fallen lässt und mitgerissen wird. In Verbindung mit den hochmelodischen Gitarrenleads mögen gewieften Genre-Kennern hier etwa die Get Up Kids, Promise Ring oder die US-Punkrocker von Latterman in den Sinn kommen – Vergleiche, die durchaus funktionieren, wenn man beispielsweise das (fast) rein instrumentale „Humanity.Wake.Up“ hört. Apropos sehr gut funktionieren: das lässt sich ebenfalls über das fröhliche „Messy Hair: Red Lipstick”, welches wie Robert Smith mit selten-schöner Frühlingseuphorie tönt, oder den gnadenlosen Ohrwurm „Happy Monsters In My Closet“ behaupten. Der Großteil der mit acht „echten“ Songs recht kurzen Platte bewegt sich im beschwingten Midtempo, nur das augenzwinkernd betitelte „Almost Straight Edge“ drückt ziemlich aufs Gas und geht dank der Stop&Go-Parts und der Crewshouts gar als ziemlich gelungener Melodic Hardcore durch. „Still Water“ ist introspektiver 2000er-Emo par excellence, wie ihn etwa die Münsteraner Pop-Punks Idle Class früher zelebrierten. Weitere Highlights stellen der Mini-Hit „Solitude“ und „Find.Unfold.Accept“ dar, dessen Gänsehautklimax auch ein Chris Carrabba zu Dashboard Confessional-Hochzeiten nicht umwerfender hätte schreiben können. Mit dem stimmungsvollen Klavieroutro „Now And Today“ läuft „Enlightened Fool” nach einer guten halben Stunde im Ziel ein, ohne sich dabei einen wirklich schwachen Moment geleistet zu haben. Das Album nahm die in Norwich und Porto beheimate Band bereits 2019 im sonnigen Kalifornien auf, nur um im Anschluss, wie so viele aufstrebende Bands, von der Pandemie ausgebremst zu werden. Ohne Frage – We Bless This Mess sind spätestens jetzt Pflicht für alle Freunde von melodischem Karohemden-Punk Rock sowie mehrspurigem Heartland Rock mit dem unbeugsamen Willen zum himmelsstürmenden Refrainmelodie-Bogen und einer ausreichenden Menge an Melancholie im Tank. 

Klar mag man das ein oder andere schon tausendundein Mal gehört haben, aber wer diese abgrundtiefe Liebe zum Leben so gebündelt, so herzlich nicht ertragen mag, der muss hier – wie durch das Leben selbst – trotzdem durch. Das hier ist einfach zu gut, zu sympathisch, um es an die Zyniker und miesepetrigen Stinkstiefel zu verlieren. Danach überlegt man sich wohlmöglich Wörter mit vier Buchstaben, die man sich die Fingerknöchel tätowieren lassen könnte – eventuell ja von Nelson Graf Reis höchstselbst.

Rock and Roll.

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