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Das Album der Woche


Julien Baker – Sprained Ankle (2015)

M0011901997--897742-erschienen bei 6131 Records-

„This very gentle young woman stepped up and started playing these songs, and it was one of these moments in life that genuinely felt golden, when you see something that is so special, and so fragile, that is just on the precipice of taking off.“

(Morgan Jon Fox, Filmemacher aus Memphis)

Kennt ihr noch dieses Gefühl, das wohl die meisten von uns hatten, als sie Anfang zwanzig waren? Dieses große Loch in der Brust, dass einen dazu brachte, sich einerseits jung und frei und lebendig und hungrig nach Abenteuern und dem Unbekannten zu fühlen, andererseits jedoch auch unsicher und bang ob der Zukunft und was nun mit einem werden soll? Klar, manch eine(r) mag schon im Kindergartenalter völlig sicher gewesen sein, welcher Weg bis zum Rentenalter einzuschlagen ist, aber für nicht wenige sind mindestens die Twen-Jahre eine Zeit des Suchens, des Sich-Ausprobierens, und bestenfalls: des Findens.

Solche Gedanken schießen einem (oder besser: mir) durch den Kopf, wenn ich „Sprained Ankle„, das Debütalbum von Julien Baker, höre. Denn obwohl – oder gerade weil – die US-Musikerin erst zwanzig Jahre jung ist, spricht aus den neun Stücken des Albums an allen Ecken und Enden die Sinnsuche. Doch dass nun tatsächlich so viele Menschen Notiz von Bakers Songs nehmen, war eigentlich so nie beabsichtigt…

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„For me personally, it’s like I’ve listened to a song of hers 200 times and on the 200th time I am just in my car weeping. She has that ability.“

(Sean Roher, Labelinhaber 6131 Records)

Ursprünglich stammt Julien Rose Baker aus den Suburbs von Memphis, Tennessee im Süden der USA. Dort wuchs sie auf, dort sammelte sie bereits in jungen Jahren Erfahrungen in Musikprojekten ihrer Kirchengemeinde (was ja gerade im südlichen Teil der USA um Einiges alltäglicher ist als etwa in religiösen Dingen doch zurückhaltenderen Deutschland) sowie später in der lokalen DIY-Punkszene, wo sie 2010 mit Gleichgesinnten ihre erste Band, The Star Killers (welche sich fünf Jahre später in Forrister umbenennen), gründet. Nebenjobs während der Highschool, in der Freizeit in Skaterparks abhängen, Zigaretten rauchen, ab und an törichte Dinge tun, der Kirchengemeinde angehören, bald die elektrische Gitarre des Vaters für sich entdecken – Julien Bakers Jugend war kaum anders, kaum wilder und kaum wenig widersprüchlich als die tausender US-Teenager ihres Alters.

Und doch spricht bei genauerem Hinhören aus ihren Songs so viel Erfahrung, Verletzlichkeit – ja: Verletztheit -, die man von einer jungen Frau ihres Alters, deren fast kindliches Gesicht obendrein nicht dem einer Anfangszwanzigerin entspricht, kaum erwarten würde. Und wie alles hat auch das Gründe, mit denen Baker erstaunlich offen umgeht. Dass Julien Baker homosexuell ist und daraus auch nie eine Hehl gemacht hat, braucht im Jahr 2016 (glücklicherweise!) keinen mehr zu wundern. Dass sie bereits ihre Erfahrungen mit legalen wie illegalen Drogen gemacht hat – und zum Klarkommen wohl wahre Dämonenkämpfe ausfechten musste -, sprechen ihre Stücke ebenfalls an. Dass sie, nachdem sie Freunde und Band in Memphis zurückließ, um an der Middle Tennessee State University (MTSU) in Murfreesboro zu studieren, viel und oft mit ihrer Einsamkeit zu kämpfen hatte, ebenfalls. Man hört den neun Songs klar an, dass sie eng beieinander liegend entstanden sind, denn sie wirken wie Bakers Tagebucheinträge, und ein ums andere Mal kommt die Musikerin einem fast ungemütlich nahe, denn „Wohlfühlatmosphäre“ wäre wohl das Letzte, was die Stücke von „Blacktop“ bis „Go Home“ verbreiten würden.

Und in der Tat sind diese Songs Julien Bakers erste abseits ihrer (alten) Band Forrister. Durch einen Freund an der MTSU, Michael Hegner, nahm sie erst einige Demos im universitätseigenen Studio auf. Nachdem beide feststellten, dass zwischen ihnen die Chemie stimmte, unternahmen sie einen gemeinsamen Trip nach Richmond, Virginia, um den Demo-Aufnahmen in den dortigen „Spacebomb Studios“, wo auch schon die letzten Alben von Matthew E. White oder Natalie Prass entstanden, noch einmal einen professionelleren Anstrich zu verpassen. Und trotzdem beabsichtigte Julien Baker zunächst nicht, ihre Stücke an die sprichwörtliche „große Glocke“ zu hängen und stellte das, was gemeinsam mit Hegner entstand, im Winter 2014 zuerst als EP auf ihre Bandcamp-Seite – nach dem Motto: Macht damit, was ihr wollt. Erst als ein weiterer Freund Sean Rhorer, Labelchef von 6131 Records, auf Bakers Musik aufmerksam machte, und dieser die junge Musikerin darum bat, die Stücke wieder offline zu stellen, damit sie noch einmal professionell gemastered (also ein wenig nachbearbeitet) und danach auf seinem Label veröffentlicht werden können, kam Bewegung in die Sache. Und so erschien Julien Bakers Debütwerk „Sprained Ankle“ noch einmal höchst offiziell im Oktober letzten Jahres bei 6131 Records.

Soweit, so Drumherum.

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Fotos: Promo / Jake Cunningham

Allerdings sollte man um eben jenes Drumherum wissen, um die Songs von „Sprained Ankle“ in ihrer Tiefe tatsächlich zu verstehen. Denn sie selbst – die Songs – betteln nicht gerade um Aufmerksamkeit. Im Gegenteil: während der 33 Minuten gibt es wenig mehr zu hören als Julien Baker und ihre Gitarre, nur höchst selten kommt kurzzeitig ein Schlagzeug dazu (etwa in „Brittle Boned“) oder, wie im Abschluss „Go Home“, ein Piano. Fast könnte man vermuten, dass Baker daran gedacht hat, diese (Demo-)Stücke eines Tages noch einmal als Full-Band-Versionen neu aufzunehmen. So jedoch erlangen die Songs noch mehr an Intensität, denn es steht höchst wenig zwischen der Musikerin und dem Hörer.

something-singleWas wohl auch an den Texten liegt. So singt Baker bereits im eröffnenden „Blacktop“ vom Verlorensein, einer unglücklichen Liebe, einem Autounfall und davon, sich nichts sehnlicher zu wünschen als ein vertrautes Gesicht („Come visit me / In the back of an ambulance“). Das recht kurze Titelstück bringt mit seiner Episode vom schüchternen Verliebtsein auch ein schönes sprachliches Bild mit („A sprinter learning to wait / A marathon runner / My ankles are sprained“) – verstauchte Knie vom Leben, der Liebe, der eigenen Courage, die einen davon abhalten, den nötigen Schritt weiter und vorwärts zu gehen. Ja, Julien Baker geht, wie bereits erwähnt, in ihren Songs recht offen mit ihren Problemen um – was zu Geständnissen („I’m so good at hurting myself“ – „Brittle Boned“) und der ein oder anderen pessimistischen Vorahnung („I know myself better than anybody else / You’re gonna run when you find out who I am / You’re gonna run, it’s alright, everybody does“ – „Everybody Does“) führt, während man doch die ganze verdammte Zeit versucht, alles irgendwie richtig und es allen irgendwie recht zu machen („I know I shouldn’t make my friends all worry / When I go out at night“ – „Good News“). Besonders großartig sind etwa das simpel gehaltene – ja: traurige – Liebeslied „Something“ geraten („I know you left hours ago / I still haven’t moved yet / I knew you were gone months ago / But I can’t think of anyone else / I should have said something, something, something / But I couldn’t find something to say / So I just said nothing, nothing, nothing / Sat and watched you drive away“) oder „Rejoice“, in welchem sie Gott mit sich beinahe überschlagender Stimme fragt, wo Hilfe ist, wenn man sie am nötigsten braucht („But I think there’s a god and he hears either way when I rejoice and complain / Lift my voice that I was made / And somebody’s listening at night with the ghosts of my friends when I pray / Asking ‚Why did you let them leave and then make me stay?‘ / Know my name and all of my hideous mistakes“). Ihren wohl bewegendsten Song bringt Julien Baker mit „Go Home“ ganz zum Schluss – eine am Piano vorgetragene Nummer, in der sie vom eigenen desolaten Zustand erzählt und doch nur einen Wunsch hat: nach Hause zu kommen – wo immer das auch sein möge… (fun fact am Rande: Als Baker gegen Ende von „Go Home“ selbstvergessen das christliche Stück „In Christ Alone“, welches sie noch aus ihrer Kirchengemeinde kennt, anspielt, fängt der mitlaufende Aufnahmeverstärker ausgerechnet Radiowellen eines Kirchenradiosenders ein, auf dem gerade die Ansprache eines Predigers übertragen wird. Zufall? Wohl kaum. Spooky? Auf jeden Fall. Die Musikerin ließ diese unbeabsichtigte Aufnahme trotzdem – oder gerade deshalb – auf dem Album.)

„I’ve been walking again.
I go out and forget to tell any of my friends where I’m going.
I’m drunk on the side of a road in a ditch when you find me.
I wanna go home. I’m sick.
There’s there’s more whiskey than blood in my veins,
More tar than air in my lungs.
The strung out call I make
Burned out at the edge of the highway.
I’m sorry for asking, but please come take me home.

I quit talking again.
I know you’re still listening.
I see you fell asleep.
It pierced my skin;
Needles to the worn out wrecks.
The folds in my arms are sticking in blood,
And I haven’t been taking my meds.
Lock all the cabinets, send me to bed,
Because I know you’re still worried I’m gonna get scared.
Because I’m alone again, and I don’t like the things I see.

And I haven’t been taking my meds,
So lock all the cabinets, send me to bed,
Because I know you’re still worried
I’m gonna get scared again.
And make my insides clean with the kitchen bleach;
I’ve kissed enough bathroom sinks
To make up for the lovers that never loved me.
And I know that my body is just dirty clothes.
I’m tired of washing my hands, God I wanna go home.“

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Ja, die neun Songs von „Sprained Ankle“ gehen – insofern man es zulässt – an die sprichwörtlichen Nieren. Was wohl auch daran liegt, dass Julien Baker eine talentierte Songwriterin ist, deren Stücke oft nach den frühen, reduzierten Tegan and Sara klingen, bevor sich diese dem Discopop verschrieben haben (eine andere Parallele zu den kanadischen Zwillingsschwestern mag sein, dass auch diese offensiv mit ihrer Homosexualität umgehen), mal nach der ebenfalls nicht um Frohsinn bemühten Torres, freilich nach dem großen Elliott Smith (zu passend, dass sie für die demnächst erscheinende Tribute-Compilation „Say Yes!“ Smiths „Ballad Of Big Nothing“ neu interpretierte) oder Sharon Van Etten. Andere mögen durch das in vielen Coffee-Shop-Konzerten geschulte Gitarrenspiel Jeff Buckley heraus hören. Einmal, in „Vessels“, klingt gar eine Ahnung von Lana Del Reys „Video Games“ an, das schöne „Something“ hätte unter der Ägide von Adele wohl das Zeug zum Hit (was den einfachen Grund hätte, dass Adele von Grund auf mehr Aufmerksamkeit zuteil werden würde). Julien Baker, die selbst Ben Gibbard (Death Cab For Cutie), David Bazar oder Aaron Weiss (mewithoutYou) zu ihren Vorbildern zählt und unlängst bereits mit Touché Amoré, EL VY oder Wye Oak touren durfte, stellt auf „Sprained Ankle“ viele Fragen – dem Leben, den Freunden, der Liebe, Gott und vor allem sich selbst -, findet jedoch nur selten Antworten. Was an sich auch völlig in Ordnung ist. Denn sie ist ja noch jung, und manchmal, ja manchmal ist auch der Weg das Ziel und die Suche nach Antworten eine Aufgabe, für die nicht wenige ein Leben lang brauchen. „Sprained Ankle“ liefert ein klein wenig den Soundtrack dazu – an einem Freitagabend, über die Kopfhörer direkt ins Herz.

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Wer mehr über Julien Baker erfahren möchte, der findet auf memphisflyer.com ein interessantes Porträt.

Auf Julien Bakers Bandcamp-Seite kann man das komplette Album hören…

 

…auf Soundcloud Julien Bakers bereits erwähnte Neuinterpretation den Elliott-Smith-Stücks „Ballad Of Big Nothing“, welche im Oktober auf dem Tribute-Sampler „Say Yes! – A Tribute To Elliott Smith“ erscheinen wird…

 

…und sich auf Youtube das Musikvideo zum Titelstück von „Sprained Ankle“…

 

…sowie Bakers Audiotree Live Session…

 

…und die OurVinyl Session ansehen:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: EL VY – „Return To The Moon“


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Da denkt man sich nix Böses, nimmt sich nach dem vor gut zwei Jahren erschienenen letzten The-National-Album „Trouble Will Find Me„, das sich, wie seine fünf Vorgänger auch schon, mit jedem Durchgang tiefer und tiefer in die Gehörgänge und ins Herz gefräst hat, vor, sich und einer der ewigen Herzensbands ein wenig Abstand zu gönnen (was beim Überhören passieren kann, hat man ja vor einigen Jahren mit Tool selbst erlebt), und – zack! – kommt deren umtriebiger Frontmann mit einem neuen Projekt ums Eck…

EL VY haben The-National-Sänger Matt Berninger und Brent Knopf (ehemals Gesang und Gitarre bei den frickeligen Portland-Indierockern von Menomena) ihr neues gemeinsames Bandbaby getauft. Ende Oktober erscheint mit „Return To The Moon“ auch schon das elf Songs starke Debütalbum, den Titelsong lassen die beiden bereits jetzt hören.

Dabei präsentiert sich „Return To The Moon“, das den mysteriösen Untertitel „Political Song For Didi Bloome To Sing, With Crescendo“ trägt, überraschend funky und leichtfüßig. Freunde sind Matt Berninger und Brent Knopf, der Menomena 2011 verließ, um sich danach voll auf seine bisherige Zweitband Ramona Falls zu konzentrieren, seit einer gemeinsamen Tour von The National und Menomena. Und ebenda entstand auch Berningers Idee, gemeinsam mit Knopf einige Songideen zu verwirklichen, die er bis dahin unter dem Projektnamen „The Moon“ gesammelt hatte.

„Diese Platte ist autobiographischer als alles, was ich bislang geschrieben und veröffentlicht habe“, lässt Berninger wissen, „Auf dem Album treten einige Figuren auf, die Eigenschaften von mir, meiner Frau und allen anderen vereinen, an die ich beim Schreiben gedacht habe.“ – Worte, die auf (erneut) tolle Songs des 44-jährigen Sängers schließen lassen, zumal Projekt-Partner Brent Knopf in der Vergangenheit ebenso für den ein oder anderen feinen Songmoment verantwortlich war. Und auch mit dem Text des ersten EL VY-Songs hat mich Matt Berninger bereits jetzt wieder um den kleinen Finger gewickelt – spielend.

Return To The Moon“ erscheint am 30. Oktober bei 4AD, dem gleichen Label, auf dem auch The National veröffentlichen.

 

(alternativ gibt’s das Lyric-Video zu „Return To The Moon“ auch auf muzu.tv….)

 

„Scratched a ticket
With a leg of a cricket
And I got triple Jesus
Cashed it in
For a Siamese twin
At the family firing range
Went to bed
And woke up inside another man’s head
Nobody noticed
I’m so excited
The senator’s a fighter
Don’t tell me nothings changed
 
Return to the moon
I’m dying
Return to the moon
Please
 
Bought a saltwater fish
From a colorblind witch cause
She said she loved it
Couldn’t tell her the part
That would break her heart
But it loved me
She said, ‚I think you’re
Getting too far from your
Family’s house to find it
You should know if you’re
Running away and I touch you
You freeze‘
 
Return to the moon
I’m dying
Return to the moon
Please
 
Don’t make me wait for you
At the corner of Eden Park
Don’t make me wait for you
At the Serpentine Wall
 
Wish I could have been there
When you were driving away
For California
If you’ve got to go somewhere
Then you better go somewhere
Far
Did you really think I could
Ever go on without you?
I’m not a genius
I imagine myself being cool
In the backseat
Of your car
 
Return to the moon
I’m dying
Return to the moon
Please
 
Don’t make me wait for you
At the corner of Eden Park
Don’t make me wait for you
At the Serpentine Wall…“

 

Rock and Roll.

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