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Auf dem Radar: isolate + Interview mit Bassist Paul Riemer


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Ich gebe es gern zu: Wenn’s um gute Musik aus meiner sächsischen Heimat geht, dann bin ich von vollstem Hörerherzen und nur allzu gern Lokalpatriot. Klar kennt man mittlerweile die Chemnitzer Buben von Kraftklub längst über die Grenzen des Freistaates hinaus (während Indie-Connaisseure auf Playfellow schwören). Natürlich entwickelt sich in Leipzig so langsam aber sicher eine florierende Indie-Szene, die unlängst auch die Flensburger Punkrock-Größen von Turbostaat dazu veranlasste, ihr neustes (und erstes) Live-Album „Nachtbrot“ ausgerechnet im renommiert-speckigen, in jedem Falle grundsympathischen Conne Island aufzunehmen.

Und auch Dresden hat mittlerweile weitaus mehr zu bieten als die am Anfang interessant aus dem Boden geschossenen, gen Ende (bis zur Auflösung vor etwa sechs Jahren) mit einem guten Teil Fremdscham „Allein, allein“ daher trällernden Polarkreis 18. isolate etwa.

Das zwar noch junge, aber bereits seit 2014 gemeinsam in den Proberäumen in der (und rund um die) sächsische(n) Landeshauptstadt gemeinsam an neuen Sounds tüftelnde Trio hat vor Kurzem, im vergangenen Dezember, ihre schlicht „A“ betitelte Debüt-EP via Bandcamp ins weltweite Netz gestellt, deren sechs Songs experimentellen Indiepop ebenso streifen wie ProgRock – Radiohead meets Sigur Rós meets Agent Fresco meets Interpol meets… Oder, wie’s die Band selbst tituliert: „Progressive Pop“. Sehr jung, sehr frisch, sehr interessant – sollte man in Auge und Ohr behalten, diese drei von isolate!

 

Hier kann man die Debüt-EP „A“ in Gänze hören…

 

…und sich gleich noch das – im Übrigen (und gerade für eine „kleine Band“) äußerst professionell gelungene – Musikvideo zum Song „Asleep“ anschauen (zu dessen Entstehungsprozess ihr weiter unten mehr Informationen bekommt):

 

Und da es immer gut ist, mehr über die Hintergrunde einer noch unbekannten, jungen Band zu erfahren, hat ANEWFRIEND dem Bassisten und Tastenmeister von isolate, Paul Riemer, einige Fragen zukommen lassen:

Hallo Paul. Damit die Leser von ANEWFRIEND euch näher kennen lernen: Bitte stelle dich und deine aktuelle Band isolate doch einmal kurz näher vor…

Hallo! Wir sind eine dreiköpfige Band aus Dresden, die es seit Ende 2014 gibt. Wir bezeichnen unser Genre als „Progressive Pop“ aber wir weichen genauso gern auch der Frage nach dem Genre aus. Niklas spielt Drums, Johan spielt Gitarre und singt und ich spiele die Synthies, das Klavier und den Bass.

Lass uns über den Entstehungs- und Aufnahmeprozess eurer im vergangenen Dezember veröffentlichten Debüt-EP „A“ sprechen (oder, in diesem Fall wohl eher: schreiben). Wie, wann und wo entstanden die Songs dazu?

Die Songs von „A“ entstanden innerhalb der letzten zweieinhalb Jahre. Unser Songwriting ist dadurch geprägt, dass wir zwar gern miteinander spielen, uns aber nur schlecht Songs beim gemeinsamen Jammen ausdenken können. Daher haben wir die Tracks Stück für Stück am Computer vorproduziert und so lange daran rumgebastelt, bis wir zufrieden waren. Das war vor allem bei den „Maintracks“ (Asleep, Adri!, Aglow) so. Das Intro und Outro (Anew, Alight) haben wir uns dann gezielt überlegt, um den anderen Songs einen sinnigen Kontext zu geben. “Afar” ist eine große Ausnahme gegenüber den Anderen: die Wahrheit ist, dass ich mir letztes Jahr einen neuen Synthesizer gegönnt habe und ich dann beim Rumklimpern und Kennenlernen des Instruments diesen Track nebenbei mitgeschnitten habe. Die beiden anderen haben den Mitschnitt dann auf unserem Computer gefunden und fanden ihn so passend, dass er es schlussendlich auch auf die Platte geschafft hat.

Wir haben die EP überwiegend bei uns im Proberaum aufgenommen. Die Gitarre hat Johan bei unserem Audio-Good-Guy Philip (Ex-Copy Of A Golden Sketch) aufgenommen. Mit ihm haben wir auch die Drums eingespielt und er war es auch, der die EP dann gemischt und gemastert hat (übelst geiler Typ). Um jeweils den Sound zu erzielen, den wir uns vorgestellt hatten, haben wir ganze vier verschiedene Klaviere aufgenommen. Einmal unser Stage-Piano im Proberaum, mein akustisches Piano zuhause, sowie einen Flügel und ein DDR-Klavier in einer Musikschule in der Nähe von Dresden. Im Outro “Alight” stellen wir auch mal zwei der Klaviere im Song direkt gegenüber. Ein weiterer wichtiger Bestandteil unserer Produktion ist die Verwendung von selbst aufgenommenen Samples. Wir haben mit unseren Handys viele einzelne Geräusche aufgenommen und bearbeitet, zum Beispiel Klänge aus einem Antiquariat. Am Ende von “Adri!” ist ein Juni-Käfer zu hören, dessen Brummen wir am Computer stark verfremdet haben.

Wo wir gerade bei „Entstehungsprozessen“ sind: Wie – und mit wem – ist das (im Übrigen sehr sehenswerte) Musikvideo zum Song „Asleep“ entstanden?

Danke! Das Video entstand in Zusammenarbeit mit Javier Sobremazas, einem spanischen Filmemacher, der in Dresden lebt und hier bereits für einige lokale Bands ein paar fantastische Musikvideos gedreht hat. Wir haben mit ihm Kontakt aufgebaut und gemeinsam das Video geplant. Die Story, Locations und Darstellenden haben wir dann gemeinsam gesucht. Schauspieler haben wir glücklicherweise in unserem Freundeskreis gefunden und so war unser kleines Filmteam schon komplett. Javier hat einen tollen Sinn für Bilder und Atmosphäre. Er hat ohne jedes künstliche Licht gefilmt und dadurch eine starke, natürliche Stimmung erzeugt. Oft hat er an den Orten, an denen wir gefilmt haben, auch einfach kleine „zufällige“ Details gefilmt und mit in das Video geschnitten. Das hat das Ganze zusätzlich abgerundet.

Wo findet ihr eure musikalischen Inspirationen? Habt ihr bestimmte Vorbilder, was das Klangbild eurer Songs sowie die Herangehensweise ans Komponieren betrifft?

Das ist wohl schwer zu definieren. Ich denke, da hat jeder von uns einen anderen Weg. Ich kann nur für mich sprechen und sagen, dass ich am liebsten einfach am Klavier sitze und drauf los spiele – teilweise stundenlang. Immer dann, wenn ich in dieser Situation einen für mich interessanten, am liebsten ungewohnten Schnipsel entwickle, versuche ich mir diesen zu merken und Stück für Stück weiter zu verfolgen.

Unsere Vorbilder im Klangbild sind auch sehr verschieden. Wir mögen die Härte und Präzision von Bands wie Agent Fresco und Arcane Roots. Aber ebenso die zerbrechlichen, ruhigen Momente, die Nils Frahm und Ólafur Arnalds erzeugen. Wir alle haben einen sehr breiten Musikgeschmack. Eben alles, was gut gemacht ist und was interessant und schön zu hören ist. Das reicht dann von Jazz und Funk über experimentelle Musik und Ambientkram bis hin zu Progressive Metal – aber auch cooler Popmusik. Unsere gemeinsamen Wurzeln liegen schlussendlich aber bei Postrockbands wie Sigur Rós und pg.lost, zu welchen wir auch von Zeit zu Zeit zurückkehren – denn unter dieser Flagge haben wir gemeinsam begonnen Musik zu machen.
Der wohl wichtigste Punkt in unserem Songwriting-Prozess ist wohl, dass wir nur sehr schwer zufrieden zu stellen sind. Immer wieder werden Stellen, teilweise ganze Songs, in Frage gestellt. Immer wieder fragen wir uns, ob alle Songs zueinander passen, ob wir die Spannung über die Dauer eines Konzertes halten können und so weiter. Entsprechend sind unsere Vorbilder dahingehend eben Künstler, bei denen einfach alles zueinander passt, wie etwa bei Sigur Rós, Agent Fresco oder The Contortionist. Solche, stellenweise schon konzeptionellen, Herangehensweisen interessieren uns, weil man so noch mehr Tiefe zwischen den Songs erreichen kann und es als Hörer noch mehr zu entdecken gibt.

Wie siehst du selbst als musikschaffender Indie-Künstler die derzeitige Lage der Musikindustrie? Kann man, insofern man Wert auf Integrität legt und nicht nur auf den „schnellen Euro“ anhand von ein, zwei „Hits“ schielt, aktuell überhaupt noch von seiner Musik leben?

Ich denke, man kann schon von seiner Musik leben, ohne seine Seele zu verkaufen. Man muss eben ein bisschen wissen, wie der Markt tickt. Und damit meine ich nicht, welches Genre angesagt ist, sondern dahingehend, dass man sich in gewisser Weise schon verkaufen können muss. Aber das muss ja nichts Schlechtes sein, im Gegenteil. Networking, sowohl „offline“ als auch online, macht Spaß und wenn man sich Mühe gibt und Feedback von Leuten bekommt, die einen nicht aus dem direkten Freundeskreis kennen, kann das sehr motivierend sein!

Gleichzeitig sollte man immer das machen, auf was man Bock hat. Bock, Ausdauer, Pausen, viel Kaffee und eine Priese Kreativität, dann wird’s auch gut. Wenn man sich verstellt um erfolgreich zu sein, geht das schon irgendwie, aber man verliert seine Identität und es macht garantiert nach einiger Zeit nicht mehr so viel Spaß. Und Spaß ist das Wichtigste.
Man hat heutzutage die Freiheit, alles im Internet zu veröffentlichen. Diese Chance muss man nutzen und sein Glück selbst in die Hand nehmen. Zum Beispiel Labels und Veranstalter auf sich aufmerksam machen. Nur muss man sich auch bewusst darüber sein, dass man darin natürlich nicht der Einzige ist. Entsprechend braucht es ein Alleinstellungsmerkmal, etwas Originelles, das einen zwischen all den anderen Musikern sichtbar macht.

Was sind deine/eure nächsten Pläne mit isolate? Wird es in absehbarer Zeit ein erstes Album geben?

Ein Album ist vorerst nur sehr vage in weiterer Zukunft geplant. Wir wollen jetzt erstmal neue Songs schreiben um dann im Sommer und Herbst viel live zu spielen und unsere Musik präsentieren. Vor allem außerhalb von Dresden und im näheren Ausland. Wenn es dann genug neue Sachen gibt und diese auch live gut funktionieren, dann machen wir bestimmt ein Album.

Zum Abschluss noch ein paar allgemeinere Fragen…

Was sind deine frühesten musikalischen Erinnerungen?

Es gibt VHS-Kassetten, auf denen ich die Titelmelodie zur Trickfilmserie „Heidi“ zum Besten gebe. Ansonsten habe ich schon ab der 1. Klasse Instrumentalunterricht erhalten, Johan bekam seine erste Gitarre mit vier Jahren und hat damit versucht, die ABBA-Platten seiner Eltern zu ergänzen und Niklas hat schon in frühester Kindheit auf Töpfen rum getrommelt und Luftschlagzeug zu den Lieblingsbands seiner Eltern gespielt.

Welches sind deine – insofern es die gibt – größten „musikalischen Helden“?

Ich glaube konkrete, dauerhafte musikalische Helden habe ich gar nicht. Wir hören immer wieder neue Musik und entsprechend kommt auch immer mal wieder jemand dazu, während andere in Vergessenheit geraten (bzw. ihren Heldenstatus aberkannt bekommen :D).

Wenn du (oder ihr) die Möglichkeit hätte(s)t, mit einem bestimmten Musiker auf Tour oder ins Studio gehen zu können – welcher wäre das?

Ich denke ich spreche für uns alle, wenn ich sage, das ‘ne Tour mit Agent Fresco der Hammer wäre.

Was wären deine 5 Platten als Soundtrack für die Großstadt…

Ich glaube nicht, dass wir uns auf 5 einigen könnten, daher meine persönlichen:

Delta Sleep – Ghost City

Interpol – Turn On The Bright Lights

Erik Truffaz – Bending New Corners

Agent Fresco – A Long Time Listening

Golden Kanine – We Were Wrong, Right?

…und deine 5 Platten für die einsame Insel?

Totorro – Home Alone

Kings of Convenience – Riot On An Empty Street

Sigur Rós – Með suð í eyrum við spilum endalaust

Marker Starling – Anchors and Ampersands

Enemies – Embark, Embrace

Vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview mit ANEWFRIEND genommen hast!

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: The Slow Show


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„Es gab wohl noch nie eine Band aus Manchester, die sich mit The Slow Show vergleichen lässt. Ihre minimalistischen und dann doch epischen Songs schwingen sich von behutsamen Americana zu tosenden Hooks und Refrains mit Streichern und Trompeten auf. Schwer persönlich sind diese Songs über Liebe und Tod, die es immer wieder schaffen, ihr Publikum zu bedächtigem Schweigen, sogar zu Tränen zu rühren.“

So weit, so Pressetext. Für Schnellklicker ließe sich die fünfköpfige, seit 2010 bestehende Band sogar noch schneller einordnen: benannt nach einem Song der großen Pathetiker The National, das Album im selben Studio wie Elbow aufgenommen. Damit wären die Pole bereits abgesteckt…

TSS_white_water_480pxUnd obwohl der Pressetext einen Glauben lassen mag, dass es „wohl noch nie“ eine vergleichbare Band aus Manchester, jener 500.000-Einwohner-Stadt im Nordwesten Englands, gab, und The Slow Shows Sänger Rob Goodwin gar eine stimmliche Nähe zu Johnny Cash nahe legt, könnte beides falscher kaum sein. Denn zum einen eint The Slow Show und Elbow weitaus mehr als die Aufnahmen in den in einem der typischen Backsteingebäude von Manchester gelegenen Blueprint Studios (nämlich die gleiche detailversessene Herangehensweise an ihr melancholisches Liedgut, sodass es kaum verwunderlich ist dass Elbow die fellow Mancunians bereits in ihr Vorprogramm holten). Zum anderen dürfte Goodwins tiefes, Dark Wave-taugliches Bariton näher bei Lambchop-Frontmann Kurt Wagner stehen als beim großen Countryman Cash (hier und da ist auch eine Grabesstimme wie die von Nick Cave nur einen Spalt weit entfernt). Bewegt man sich jedoch nur ein kleines Stückweit weg von der Bodenständigkeit Manchesters – die Stadt wirft ja nicht erst seit Oasis, Elbow oder I Am Kloot hin und wieder tolle Bands in die Musikwelt (man denke auch an die Happy Mondays, The Stone Roses oder die Inspiral Carpets) -, so öffnen sich im deutlich mehr von US-Vorbildern gefärbten Klangbild von The Slow Show größere Weiten. Freilich mögen auch hier The National mehr als einmal Pate gestanden haben (etwa beim Song „Bloodline“, das mit seinem bedächtigen Aufbau, seiner Steigerung, seinen Fanfare dem The National-Evergreen „Fake Empire“ näher ist, als einem lieb sein mag), wer jedoch The Slow Show bloßen Ideenklau vorwirft, tut der Band unrecht. Vielmehr entwerfen Rob Goodwin und Co. kleine große Americana-Kleinode von spröder Schönheit, deren Kopf im Americana steckt, während das Herz den Northern Soul stolz in der Brust voran trägt. Da darf auch schonmal, wie in „Dresden“, dem Eröffnungsstück des dieser Tage erscheinenden Debütalbums „White Water„, ein sakraler Chor den Song eröffnen, während anderswo Streicher schwelgen, Pianoakkorde bedächtig vor sich her klimpern und die Band Goodwins weihevolle Stimme nie überfrachtet, sondern immer nur dienlichst unterstützt. Klar waten nahezu alle elf Albumsongs knietief im Moll, klar bewegen sich The Slow Show damit konsequent auf einem schmalen Grat zwischen Kitsch und Melancholie, während die Texte kleine Trauerweiden übers Leben, Lieben, Touren und Loslassen malen. „Herbstmusik“ würden wohl die Meisten dick mit Edding aufs Cover kritzeln – Musik, die im Sommer so fremd wirken würde wie ein Schneemann an der Copacabana. Freunde rotweingeschwängerten, melancholischen Liedguts dürften aber an der Band, deren Debütalbum in Deutschland bei „Haldern Pop„, dem Label des exquisiten nordrhein-westfälischen Festivals, zu dessen Rooster Bands und Künstler wie Friska Viljor, Dry The River oder William Fitzsimmons zählen, Gefallen finden…

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Hier gibt’s die Musikvideos zu „Bloodline“…

 

…und „Dresden“…

 

…sowie selbigen Song noch einmal in einer Liveversion vom letztjährigen „Haldern Pop Festival“, bei dem die Band einen Chor zu sich auf die Bühne holte…

 

…und das bewegende „Brother“ in einer Live-Session-Variation:

 

THE SLOW SHOW LIVE:

21.05.15 – Köln (DE) / Luxor
22.05.15 – Haldern (DE) / Haldern Pop Bar
23.05.15 – Dortmund (DE) / Way Back When Festival
24.05.15 – Beverungen (DE) / Orange Blossom Festival
25.05.15 – Hamburg (DE) / Prinzenbar
26.05.15 – Berlin (DE) / Privatclub
27.05.15 – Dresden (DE) / Beatpol
28.05.15 – Wien (AT) / Chelsea
29.05.15 – München (DE) / Strom
31.05.15 – Zürich (CH) / Papiersaal

 

Rock and Roll.

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Moment! Aufnahme.


Foto: twitter/Debbie_Anna

Foto: twitter/Debbie_Anna

Um eines klarzustellen: Es gibt durchaus tausendundeinen Grund, gegen PEGIDA als solches, deren Aussagen und Außenwirkung zu sein. Mein Gott, man darf ja auch gegen die nicht abschätzbare Eigendynamik von Massendemonstrationen sein, gegen Angst vor Fremdem, gegen die Angst vor der Angst, gegen wasauchimmer – jedem seine, jeder ihre Meinung, verdammt. Wir alle sind frei, zu denken, was wir wollen – und wir (oder zumindest etwa jene Menschen in Dresden oder Leipzig) können all denen dankbar sein, die Ende der Achtziger die Traute hatten, dort auf die Straße zu gehen und ihren Unmut gegenüber einem offensichtlichen Unrechtssystem zu äußern (womit ich eben nicht sagen möchte, dass die PEGIDA- und LEGIDA-Schwachmatenanführer – siehe Ex-PEGIDA-Fronter Lutz Bachmann, der sich wirklich, nebst all seinen dümmlichen Aussagen, allen Ernstes einst als Hitler-Doppelgänger fotografieren ließ – auch nur das Geringste mit diesen mutigen Menschen gemein haben). Demonstrationen sind ja was Gutes – aber, liebe demowütige Leserschaft: Seid doch bitte ein Mal für und nicht gegen etwas! Und: Angst und Hass hat noch nie zu etwas Gutem geführt – und genau das strahlen eure Massenmärsche nach Außen, nichts anderes (glaubt es einem, der die Meinungen zu PEGIDA & Co. im Ausland direkt mitbekommt).

Und wie jede(r) andere auch hat auch die ehemalige Piraten-Politikerin Mercedes Reichstein ganz offensichtlich ihre ganz eigene Meinung zu PEGIDA. Diese macht sie mit einem deftigen Spruch, gekrakelt über ihren barbusigen Leib, deutlich: „Bomber Harris do it again! #NOPEGIDA“ (mehr Infos gibt’s hier). Freilich geht es bei diesem Foto-Post der 23-jährigen „Antifa“-Aktivistin vor allem und ausschließlich darum, Aufmerksamkeit zu erregen, zu provozieren. Und: genau das hat sie auch erreicht. Kommentare auf Facebook (etwa hier), dem letzten ungefilterten Sammelbecken der Meinungsäußerung, reichen von „Als Würzburger, eine Stadt die von dieser Bomberstaffel zerstört wurde, möchte ich nur noch kotzen. Ich kann meine Wut über so einen Beitrag kaum in Worte fassen…“ über „Noch nichts für Deutschland geleistet, nur in der sozialen Hängematte gelegen! Aber pisst einen dicken Strahl als hätte sie sich schon 100 Jahre für Deutschland aufgeopfert! Man man man, die Krönung ist noch das die auch noch Politik studiert!“ bis hin zu „Ich werde Anzeige bei der Staatsanwaltschaft wegen Aufforderung zum Angriffskrieg und Massenmord gegen sie stellen. Ist laut StGB keine Straftat sondern ein Verbrechen, und das dementsprechende Urteil ist daher nicht zur Bewährung auszusprechen!“. Fakt ist, dass die Studentin – ganz gleich, wie ernst gemeint ihre „Aufforderung“ denn sein mag – offen zur Gewalt aufruft und mit ihrem Foto-Post ebenso direkt wie gedankenlos jene 25.000 Menschen verhöht, die 1945 bei der vom englischen Luftwaffen-General Arthur „Bomber“ Harris befohlenen Bombardierung Dresdens ihr Leben verloren. Damit stellt sie sich auf eine Stufe mit eben jenen Lutz Bachmanns, die sie wohl am liebsten verhindert und vergessen wissen möchte. Ganz zu schweigen davon, dass Reichstein mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch nie in ihrem so unbeschwert kriegsfreien Leben etwas von „Pietät“ gehört hat. Oder von Respekt. Leben – und leben lassen. Oder, um’s frank und frei zu sagen: Scheiße gehört noch immer ins spülbare Porzellan, auf beiden Seiten.

Gott ist jedenfalls not amused vom jetzigen Zustand der Welt – zumindest laut diesem herrlichen „SPAM“-Satire-Beitrag auf spiegel.de, mit dem ich diesen Post augenzwinkernd beenden möchte…

 

Peace out, and…

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Copy of a Golden Sketch


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Foto: Facebook / Kerstin Brandau

Dass Dresden deutlich mehr zu bieten hat als mannstarke PEGIDA-Demonstrationen und die zwangsläufig damit einher gehende muffige braune Vorteilssuppe, weiß wohl jeder, der einmal einen Sommer in der sächsischen Landeshauptstadt – zwischen dem lebhaften Zentrum, der Frauenkirche oder der Semperoper, der nach dem Krieg restaurierten Altstadt und der hippen Neustadt – verbracht hat. Dass jedoch auch namenhafte deutsche Musikacts ihre Anfänge und ersten Gehversuche im „Elbflorenz“ unternommen haben, sollte all jenen geläufig sein, denen die Nennung des Bandnamens Polarkreis 18 ein Glöckchen zum Klingeln bringt (ihr wisst schon – die seltsam androgyn in Weiß schillernde Popgruppe, die spätestens 2008 mit ihrer Hitsingle „Allein, Allein“ einen Moment lang in aller Munde war, aber auch hinlänglich unerträglich wurde).

Doch auch 2015 hat die Dresdner Neustadt, seit jeher das wuselige alternative Viertel der über 800 Jahre jungen Stadt, einiges an neuen Bands zu bieten, die dort, zwischen zahlreichen Bars, standhaften Plattenläden und bewusst ökologisch lebenden Familien, ihre Proberaumzelte aufgeschlagen haben. So etwa die vierköpfige Band Copy of a Golden Sketch, die sich mit folgenden Worten einmal selbst vorstellt:

copy... logo„Anfang 2014 lernten sich Alessandro (Gesang, Keys), Florien (Bass), Philip (Gitarre) und Simon (Drums) kennen. Seither verbindet die vier Dresdner nicht nur eine innige Freundschaft, sondern allem voran die Liebe zur Musik. Auch wenn die Band im Sommer vergangenen Jahres ihren ersten gemeinsamen Live-Gig spielte, so verfügen dennoch alle Bandmitglieder über langjährige Musikerfahrung. Dies schlägt sich auch im Stil der vier Musiker nieder.
Unter der Überschrift ‚Alternative & Progressive Rock‘ kreieren Copy of a Golden Sketch einen unverkennbaren Sound, welcher sich munter zwischen sphärischen und mächtig groovenden Klangwelten hin und her bewegt. Noch vor Weihnachten 2014 hat die Band die ersten 2 Songs veröffentlicht, welche einen kleinen Vorgeschmack auf anstehende Konzerte geben sollen. So dürfen sich Interessierte unter anderem auch auf die Konzerte im Rahmen des Emergenza-Wettbewerbes freuen.“

Jene zwei erwähnten ersten Songs, „Drawn Infinities“ und „Shine“, sind via Bandcamp im Stream (sowie als Download nach dem „Name your price“-Prinzip) verfügbar. Und wer auf Facebook die Einflüsse der Band – Zitat: „Incubus, Grizzly Bear, Half Moon Run, A Perfect Circle, Tool, Motorpsycho, Radiohead, Vessels, We Were Promised Jetpacks“ – liest und dort irgendwo dazwischen seine eigenen musikalischen Vorlieben wiederfindet, der sollte Copy of a Golden Sketch für wenige Minuten sein Ohr leihen – und gespannt sein, was das noch recht junge Dresdner Indie-Quartett als nächstes hören lässt…

 

 

 

Rock and Roll.

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Sigur Rós live in der Jungen Garde, 19. Juni 2013: Vom Unbekannten, von ungeahnten Möglichkeiten


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An was liegt es bloß? Obwohl dieser Blog unlängst versuchte, der Band und ihrer fortwährenden Faszination Herr zu werden, geben Sigur Rós immer aufs Neue kleine Rätsel auf…

Denn wie bitte ist es zu erklären, dass sich gut 4.600 Besucher an einem lauen – oder eher: schwülheißen? – Mittwochabend in der Dresdner „Jungen Garde“ zusammenfanden, um Musik zu lauschen, deren Texte wohl für mindestens 99,9 Prozent der Anwesenden auch vertonte Ikea-Aufbauanleitungen oder Kochrezepte darstellen könnten – denn schließlich war kaum einer des Isländischen oder – abstruser noch – der bandinternen Fantasiesprache „Hopeländisch“ mächtig. Ist es also dieser unbedingte Wille zur Emotionalität, zur Neuerung, den das Trio aus Sänger und Gitarrist Jónsi Birgisson, Bassist Georg Hólm und Schlagzeuger Orri Páll Dýrason seit ihrer Gründung vor beinahe zwanzig Jahren ausstrahlt? Gar die Faszination des so Fremden – denn immerhin liegen zwischen der sächsischen Landeshauptstadt und Reykjavík, seit jeher Sigur Rós‘ Homebase, gut 2.500 Kilometer Luftlinie? Oder vielleicht die Naturverbundenheit, welche sich anhand von übersetzten Songtiteln wie „Sturm“ („Stomur“), „Schwefel“ („Brennisteinn“), „Saphir“ („Andvari“), „Heuhaufen“ („Heysátan“) oder „Samen“ („Illgresi“) leidlich erahnen lässt? Am Ende muss sich jeder seine eigenen, meist tief empfundenen Gründe suchen, um sich – bestenfalls – hoffnungslos in eines oder mehrere der bislang acht Studioalben der Band zu verlieben. Am gestrigen 19. Juni kamen zumindest über 4.000 (frisch) Verliebte zusammen…

Obwohl: genauer betrachtet dürften es sogar noch Unzählige mehr gewesen sein, denn die Isländer boten zur Feier der Veröffentlichung ihres neuen Albums „Kveikur“ das Konzert, welches den Restart ihrer Welttournee darstellte, als besonderes „Geschenk“ zum Livestream über ihre Homepage an. Und selbst dieser war nicht von schlechten Eltern: Wer es schaffte, dass Browser und Kapazität einmal mitspielten, konnte zwischen vier an verschiedenen Stellen der Bühne angebrachten Kameras und einem jeweiligen 360-Grad-Winkel (!) wählen – ein wahrer Rausch und optischen und akustischen Eindrücken! Und so durfte auch ich, obwohl ich seit einiger Zeit etwa 700 Kilometer entfernt von Dresden und meiner sächsischen Heimat lebe, im weltweiten Netz – und übertragen auf (m)eine Beamer-Leinwand und Surround-Anlage-, bei einem eiskalten Bier und ebenfalls schwülen Abendtemperaturen, dem Open Air-Konzert beiwohnen.

Sigur Ros -  360 Flyer

Die Voraussetzungen – toller Veranstaltungsort, beinahe ideales Wetter, ausverkaufte Ränge, erwartungsfrohes Publikum – hätten also kaum besser sein können. Und Birgisson, Hólm und Dýrason trugen, unterstützt von ihrem aktuellen kleinen Begleitorchester „The Okkr Ensemble“, ihren Teil dazu bei. Ganz ehrlich: eine Umschreibung – gar: eine Beurteilung – fällt hier schwer. Denn wo bereits bei den Studioalben der Isländer gefühlte 90 Prozent aller gewählten Worte der zu hörenden Musik kaum gerecht werden, schlägt dies bei den Konzerten von Jónsi & Co. meist komplett fehl. Deshalb nur soviel: Die 14 Songs starke Setlist enthielt – natürlich – das ein oder andere All Time Favorite von Form von „Olsen Olsen“, „Svefn-g-englar“ (vom zweiten Album „Ágætis Byrjun“), „Vaka“ (von „( )“), „Sæglópur“, „Hoppípolla“, „Með Blóðnasir“ (vom Erfolgsalbum „Takk…“) oder „Festival“ (vom verhältnismäßig poppigen „Með suð í eyrum við spilum endalaust“). Doch ebenso natürlich feierten – mit dem Eröffnungssongquartett aus „Hrafntinna“, „Ísjaki“, „Kveikur“ und dem Brecher „Brennisteinn“ – vier Stücke aus dem neuen Album „Kveikur“ ihre deutsche Live-Premiere unter dem Dresdner Abendhimmel. Trotz des ein oder anderen kleinen Soundproblems zeigten sich alle auf der Bühne Anwesenden von ihrer spielfreudigsten Seite, und während Frontmann Jónsi wie immer mit in alle Höhenlagen durchbrechender Falsettstimme und dem seine Gitarre bearbeitenden Geigenbogen (Jimmy Page lässt schön grüßen!) zwangsläufig im Mittelpunkt stand, hielt sich der Rest der Musiker auch dieses Mal effektiv zurück. Ansagen, Erzählungen, lange Reden? Braucht diese Musik nicht, hat sie noch nie gebraucht! Ein wenig Beleuchtung der Bühne für den Kontrast zur am Horizont entschwindenden Sonne, ein paar wunderschöne Visualisierungen im Hintergrund – der Rest gehörte den Songs, die sich wie die Ebbe zu stillen Ruhepolen zusammenzogen, nur um darauf wie gewaltige Sturmfluten aufs Publikum zuzurasen und dieses ohne Vorwarnung in den Bann zu ziehen – die alte Mär von Klimax und Antiklimax…

Und (beinahe) ganz gleich, ob man sich nun im Halbrund der über 4.000 vor Ort Anwesenden in der Dresdner „Jungen Garde“ oder – per Webcast – an irgendeinem anderen Ort auf diesem Planeten befand – am Ende des knapp 1,5-stündigen Konzertabends – und nach dem grandios kakophonischen Abschluss von „Popplagið“ (seit jeher eines meiner persönlichen Lieblingsstücke von Sigur Rós) – gab es wohl keinen, der nicht mit warmem Herzen und erwärmter Haut Tag und Band, die zum ersten Mal seit ihrem Auftritt im „Alten Schlachthof“ vor fünf Jahren wieder eine Dresdner Bühne betrat, verabschiedete…

 

Die Setlist vom Dresdner Konzert in der Jungen Garde (19. Juni 2013):

  1. Sigur Rós 2013Hrafntinna
  2. Ísjaki
  3. Kveikur
  4. Brennisteinn
  5. Vaka
  6. Sæglópur
  7. Svefn-g-englar
  8. Varúð
  9. Hoppípolla
  10. Með Blóðnasir
  11. Olsen Olsen
  12. Festival
  13. Glósóli (Zugabe)
  14. Popplagið (Zugabe)

 

Für alle, die aus welchem Grund auch immer, dem Konzert in Dresden nicht (digital) beiwohnen konnten, hat ein findiger Fan übrigens die knapp 85-minütige Show mitgeschnitten und – Kamerawechsel und Bildausfälle inklusive – via Youtube ins weltweite Netz gestellt. Also: anschauen und genießen, solange es online steht!

 

Rock and Roll.

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Kristofer Åström live im Beatpol, Dresden, 28. März 2012: vom Gefühl, Abschied zu nehmen…


Mit dem Gastspiel des für mich derzeitig besten Songwriters Schwedens fand am 28. März 2012 auch mein vorerst letztes Konzert im geschätzten Beatpol zu Dresden statt. Und ein besseren Abschied (auf Zeit?) hätte man mir kaum bereiten können. Kristofer Åström und seine Band waren, all der wehmütigen Songs aus der Feder des 38-Jährigen zum Trotz, in bester Spiellaune und präsentierten einen melancholisch-wilden Ritt durch die Solo-Karriere des ehemaligen Frontmanns von Fireside, mit logischer Schlagseite zum aktuellen Album „From Eagle To Sparrow“ (welches vor nicht all zu langer Zeit das „Album der Woche“ auf ANEWFRIEND war).

Hier einige Bilder vom Konzert:

(alle Fotos: ANEWFRIEND)

 

Danke noch einmal an Johnny und Mr. Hed für die hervorragende Begleitung. Es war mir eine Ehre.

Rock and Roll.

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