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Song des Tages: Ida Maria – „Dirty Money“


Ida Maria mag Rock’n’Roll durch und durch sein, der richtig große internationale Durchbruch blieb der norwegischen Punkrockerin by heart trotz damaliger positiver Kritiken von „Pitchfork“ oder dem „Rolling Stone“ bislang verwehrt. Dabei könnten einem Mini-Hit-Singles aus ihrem 2008er Debütalbum „Fortress Round My Heart“ wie „Oh My God“ oder „I Like You So Much Better When You’re Naked“ durchaus bereits zu Ohren gekommen sein, immerhin waren diese seinerzeit in zahllosen TV-Serien wie „Grey’s Anatomy“, Gossip Girl“ oder „Big Mouth“ zu hören. Doch nach so einigen vielfältig desillusionierenden Erfahrungen im gleichsam wuseligen wie irgendwie anonymen Los Angeles und im Haifischbecken Major-Industrie kehrte Ida Maria Børli Sivertsen, der die Liebe zur Musik schon in die Wiege gelegt wurde (ihr Vater ist Ska- und Jazzmusiker, ihre Mutter singt bei festlichen Anlässen, beide sind Lehrer) nach der Veröffentlichung ihres zweiten, weithin (zu) wenig beachteten Langspielers „Katla“ im Jahr 2013 nach Norwegen zurück, wurde Mutter und veröffentlichte mit „Love Conquers All“ (2013) und „Scandalize My Name“ (2016) noch zwei weitere Alben, bei denen sie sich vermehrt in anderen musikalischen Spielarten versuchte (auf letzterem etwa knietief im Gospel und in Spirituals). Danach verschwand die mittlerweile 36-Jährige jedoch von der musikalischen Bildfläche – nur um sich nun mit der EP „Dirty Money“ zurückzumelden. Und um eines vorweg zu nehmen: Man kann durchaus das Gefühl entwickeln, dass Ida Maria noch nie so sehr nach sich selbst klang – ängstlich, energiegeladen und laut.

Noch vor der Veröffentlichung der kompletten EP veröffentlichte die Norwegerin Ende 2020 die erste Single „Sick Of You“ – nicht nur ein feines „Hallo zurück!“, sondern auch eine Art abschließender Mittelfinger an das chaotische zurückliegende Jahr und ihre eigenen persönlichen Fallstricke. Wie bei den anderen neuen Stücken auch könnte man bei „Sick Of You“ glatt vermuten, dass Maria für die Klangästhetik tief aus den Annalen des Garage-Rock-Revivals der 2000er Jahre geschürft hat (zu dem sie selbst ja auch ihren Teil beigetragen hat). Zu derben, bluesig-schweren Gitarren, die an Zeitgenossen wie The Black Keys oder The White Stripes erinnern, schmettert Maria immer und immer wieder „I’m so sick of you“ in dem für sie so typischen Heulen. Die im April erschienene zweite Single „I’m Busy„, die sie gemeinsam mit Mark Ronson produzierte und mit Oscar-Preisträger Anthony Rossomando, der unter anderem „Shallow“ auf Lady Gaga und Bradley Cooper maßschneiderte, schrieb, besitzt ein paar eingängige Hooklines, ist aber auch eines der mutigeren künstlerischen Statements in Marias bisheriger Karriere. Über glitzernde, verzerrte Gitarren-Licks und einem stetigen Schlagzeugbeat singt Maria über gedankenlosen Sexismus und Frauenfeindlichkeit.

Irgendwo aus diesem Spektrum ziehen die neuen Stücke auch ihre entschiedene thematische Energie: feministische Unabhängigkeit, Sex, Drogen und Rock’n’Roll. Bei Ida Maria jedoch kommt all das eher als echter Ausdruck denn als übertriebener, kunstvoll aufgesetzter Bombast daher, weil die Songs die sehr realen Emotionen, mit denen sie sich auseinandersetzt, mal unumwunden ansprechen, mal galant touchieren. Und: Die Songs erzählen nicht nur Geschichten über bedeutungslose Beziehungen oder dem Stinkefingerzeig an alle machistischen Idioten, sondern unternehmen auch den Versuch, die Objektivierung von Frauen in der Musikindustrie zu thematisieren und sich von den geschlechtsspezifischen Fesseln zu befreien, die in der (Musik)Welt, in der Maria (nun wieder) agiert, auch heute noch – und auch nach #MeToo – zum zwangsläufigen Gepäck gehören – eine Welt, von der sie in der Vergangenheit sehr öffentlich, sehr offensichtlich desillusioniert war.

Denn, wie bereits erwähnt, passte Ida Maria nie so richtig, nie so ganz ins leicht verdauliche, leicht zu formende Superstar-Schema F der Musikindustrie. Zwar brachte die Preisträgerin des prestigeträchtigen Spellemannprisen einiges an Talent und Soundoutfit mit, aber nichts von den gut bekömmlichen Persönlichkeitsvorstellungen, denen die an Profit und Prestige interessierten Anzugträger der Major-Plattenfirmen jedes Jahr bei den Preisverleihungen nur allzu gern die roten Teppiche ausrollen. „Ein Mädchen kann keine Musik auf einer großen Plattform herausbringen, ohne irgendein verdrehtes, verrücktes Schönheitsideal zu erfüllen – was wiederum nicht mit meinen eigenen Vorstellungen davon übereinstimmt, was eine Frau sein kann“, sagte Maria selbst dazu. „Eine Frau ist eine komplexe Kreatur. Und es gibt derzeit nicht genügend komplexe weibliche Vorbilder da draußen.“

Durchaus kritisch – und die fünf Songs der neuen EP, welche im Laufe der letzten zwei Jahre in diversen Studios zwischen Los Angeles und Norwegen entstanden, gehen in Punkto Kritik und Introspektivität noch ein paar Schritte weiter. Das Titelstück etwa, das mit „Dirty Money“ das Sujet im Namen quasi bereits selbsterklärend vorwegnimmt, relativiert Marias individuelle Existenz und ihr Verhältnis zur Klimakrise. Sie kritisiert sowohl die großen Plattenlabels, die auch in nicht eben umweltfreundlichen Geschäftsfeldern wie dem Ölmarkt Geld scheffeln, als auch sich selbst, weil sie als kleiner staubkorner Teil der Musikindustrie indirekt davon profitiert und dieses im wahrsten Sinne dreckige Geld mitverdient.

Die „Dirty Money EP“ gerät so vielschichtig und persönlich, dass der sonst so triviale Randnotenfakt, dass diese unabhängig von Altitude Music veröffentlicht wird, plötzlich relevant erscheint, weil in diesem noch einmal Ida Marias Verachtung der großen Labels deutlich wird. Dennoch können all die, die weniger an Tiefschürendem, Systemkritischem interessiert sind, die Songs auch ohne allzu große Hirnzermaterei genießen, derart getränkt wurden diese im dickwandigen Fass des Garage Rock, derart versetzt wurden diese mit euphorisierendem Shout-Sing-Gesang. Klares Ding: mit dem ersten vollwertigen Release nach mehrjähriger Pause meldet sich Ida Maria in absoluter Bestform zurück und präsentiert allen, die sie vermisst haben, eine perfekte Melange aus sommerlich-rock’n’roll’nem Spaß und bedeutungsvollen Botschaften.

(Bei Paste findet man zudem ein ausführliches Interview mit der norwegischen Indie-Musikerin…)

(via Vimeo)

„Pay me, all your dirty money
I’m your favorite monkey, watch me go (help, help, help)
Cocaine, shoulda seen the coke get
Lined up in the backstage at my show

Everybody wanna be full makeup and on TV
Talking ‚bout your jealousy
Mum, I know I look insane, but they all promised me champagne
Swear they want me for my brain

Pay me, all your dirty money
I’m your favorite monkey, watch me go
Cocaine, shoulda seen the coke get
Lined up in the backstage at my show

Girls in line wanna be a star, honey, you’re not getting far
Not with psychotherapy
Please, don’t put your parents through, naughty days in Malibu
Coming off your ecstasy

Pay me, all your dirty money
I’m your favorite monkey, watch me go
Cocaine, shoulda seen the coke get
Lined up in the backstage at my show

What’s it feel like? Devil emotion
Find my body, bottom of the ocean
What’s it feel like? Devil emotion
Find my body, bottom of the ocean

Pay me, all your dirty money
I’m your favorite monkey, watch me go
Cocaine, shoulda seen the coke get
Lined up in the backstage at my show

Pay me, all your dirty money (shoulda seen the coke get)
I’m your favorite monkey, watch me go

Cocaine, shoulda seen the coke get
Lined up in the backstage at my show

Pay me, all your dirty money
I’m your
favorite monkey, watch me go
I’m your favorite monkey, watch me go
Cocaine, shoulda seen the coke get
Lined up in the backstage at my show

Rock and Roll.

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