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Song des Tages: Enno Bunger – „Kein Mensch startet einen Krieg“


Foto: oh.sweebe

Der Hamburger Singer/Songwriter Enno Bunger lässt mal wieder etwas von sich hören und veröffentlicht mit „Kein Mensch startet einen Krieg“ den ersten neuen Song seit dem Herbst des vergangenen Jahres.

„Wenn jede Hand ’ne andere hält

Macht keine, dass ’ne Bombe fällt

Und kein Mensch startet einen Krieg…“

Anhand von Refrainzeilen wie diesen, aber im Grunde bereits angesichts des Titels ist das Thema klar: Hey, ihr Soldaten, und auch ihr Mächtigen, ihr Machtgeilen, ihr vor Paranoia schon ganz aufgedunsenen Staatschefs – lasst das mit euren Schwanzvergleichskriegen, die sind scheiße, führen zu nichts Gutem und töten man Ende vor allem die Falschen, die Schutzlosen: die Zivilisten! Ein wenig zu viel Kindersprech? Passt schon, denn durch deren Augen singt der 35-jährige Liedermacher das knapp dreiminütige Stück – und erinnert damit ein wenig an Udo Lindenbergs 1981 erschienene Anti-Kriegs-Hmyne „Wozu sind Kriege da„. Diese mag zwar bereits vier Jahrzehnte auch dem Buckel haben, dafür jedoch – leider, leider – einmal mehr aktueller denn je sein. Und zum Glück deckt Bunger, der aktuell am Nachfolger zum 2019 erschienenen Album „Was berührt, das bleibt.“ arbeitet, sein Stück nicht mit pathetischen Streichern zu, sondern lässt seine erfrischend emphatischen Zeilen zu simpler Klavierbegleitung wirken. Ein leiser Song in einer lauten Welt, bei dem es lohnt, genau hinzuhören…

Es fällt ihm schwer zu glauben

Die Bilder nicht vor Augen

Denn solche Filme darf er noch nicht sehen

Er wartet auf die Pause

Und sie will nur nach Hause

Noch einmal so, als wäre nichts geschehen…“

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Wolfgang Müller – Die Nacht ist vorbei (2021)

-erschienen bei Fressmann/Indigo-

Dieses eine Album noch, danach ist Schluss… Wirklich. Mit diesem und ganz ähnlichen Gedankengängen plagt sich der Liedermacher (was in diesem Fall deutlich passender erscheint als das neuzeitliche „Singer/Songwriter“) Wolfgang Müller in seiner Wahlheimat Hamburg immer wieder herum, von Jahr zu Jahr, von Veröffentlichung zu Veröffentlichung. “Konzerte sind für ihn der Horror, Stichwort Sozialstress, und er ist ungefähr so gefallsüchtig wie eine Buche im Wald, also nicht so sehr”, berichtet etwa der Pressetext. Glaubt man also den Informationen, die aus dem Hause des bescheidenen Musikers nach außen dringen, so ist jedes Album eine Anstrengung, ein ungeheurer Haufen Arbeit, ein wahrer Koloss an Selbstüberwindung. Sicher, kaum einem kunstschaffenden Menschen, der heutzutage noch Wert auf Anspruch, Aussagen und Tiefgang legt, fällt das Endergebnis locker-flockig aus Hand, Herz und Hirn. Was dennoch ausgesprochen verblüffend ist: Auch „Die Nacht ist vorbei„, seines Zeichens bereits Müllers sechstes Album, trägt nun keinesfalls die Last des kreativen Prozesses mit sich herum, sondern kommt mit faszinierender Leichtigkeit daher. Im Grunde also alles wie gehabt: Eine Reihe durchaus starker Alben erfährt (s)eine souveräne Fortsetzung.

Wolfgang Müller – so unspektakulär und alltäglich und nichtssagend sein Name, so außergewöhnlich und anrührend ist seine Musik. Wohl auch aufgrund der Tatsache, dass er nie großes Bohei um seine Songs macht, ist der 46-jährige Wahl-Hanseat (der übrigens keineswegs mit diesem Künstler selben Allerweltsnamens verwechselt werden sollte) noch immer irgendwie der große Unbekannte unter den besten deutschen Künstlern in diesem musikalischen Segment. Dennoch durfte er sich selbst vom „Stern“ schon ein feines, verdientes Lob abholen: „Solche Texte – klug, versonnen, konzentriert – sind ganz, ganz selten in Deutschland zu hören.“

Große Richtungswechsel braucht man auch auf „Die Nacht ist vorbei“ nicht erwarten, während sich Müller auf seinem neuesten Werk mit gewohnt warmer Stimme und charakteristischer Manier einmal mehr auf intime kleine Momente und (Zwischen)Töne fokussiert. Mit absolut zurückgenommener Instrumentierung aus Akustikgitarre, Klavier und ein wenig Beat-Rhythmus setzt er seine tiefsinnigen Texte in Szene und strickt eine „nur“ halbstündige Ode an die musikalische Schönheit („leider“ möchte man nachsetzen, denn diese zehn Stücke sind so schön, dass man gern noch den ein oder anderen Nachschlag genommen hätte). Wolfgang Müller ist damit ein Liedermacher im besten Sinne, in bester Tradition von Reinhard Mey, Gisbert zu Knyphausen, Moritz Krämer und Co.: Seine Stimme ist über jeden Zweifel erhaben, seine Songs mögen sich zwar nicht aufdrängen, überzeugen jedoch in Sachen Komposition ebenso wie im Hinblick auf die feinsinnige Lyrik. Müller geht es um die große Unsicherheit, die in Zeilen wie „Ich werde wissen, was ich will / Sobald ich weiß, worum es geht“ zum Ausdruck kommt, um das Erkunden der eigenen Rolle in der Welt, was in „Ein Teil von mir lebt in der stillen Hoffnung / Auf ein Leben ohne Selbstbeteiligung“ durchscheint, oder um den Umgang mit Tugenden: „Ein neues Wort für Hoffnung / Wär‘ vielleicht Geduld“. Geduld, die in unseren gleichsam rast- wie ratlosen Zeiten im Grunde immer weniger angesagt ist… En vouge? Ist hier mal nix – ist das scheint auch ganz gut so. Dennoch ist gerade diese Zeile so aktuell und wichtig wie nie.

Ein paar ungewohnte Sachen gibt’s trotzdem zu hören. In “Verschwinden” versucht Wolfgang Müller es dann mit Sprechgesang und baut in seine Texte gar das “Kaugummisilberpapier” ein – geistreich und sympathisch. “Da ist ein See mitten im Wald, den keiner kennt außer uns beiden”, heißt es im Anschlussstück herrlich verschwörerisch, bevor das Hauptthema von “Die Nacht ist vorbei” vor allem im ebenso tollen wie mit nicht einmal zwei Minuten recht kurzen Titelsong vorbei zieht: Die Hoffnung (oder wie auch immer sie gerade genannt werden mag), die in jeder Rührung spürbar gerät. In “Wolken” geht es um die Hamburger Heimat, “Sag Ja” ist eine wunderschöne Liebeserklärung und “Blauwasser” setzt noch einmal zu einem Metaphern-Feuerwerk an, bevor sich das Album seinem Ende nähert.

Mit „Die Nacht ist vorbei“ hat Wolfgang Müller, der in der Vergangenheit unter anderem auch als Initiator der wunderbaren Kinderlieder-Alben-Reihe „Unter meinem Bett“ in Erscheinung trat und sich auf seiner Facebook-Seite regelmäßig und mit Verve zu gesellschaftlichen Themen äußert, 14 Jahre nach dem Debüt-Langspieler „In der Zwischenzeit“ ein neues liebevolles Stück Musik in die Welt gesetzt. Eine halbe Stunde voller Poesie, voller Leidenschaft für das, was er am besten kann: sehr gute Songs schreiben. Es ist ein Album, das man jedem Liebhaber handgemachter Tonkunst unter den Weihnachtsbaum legen oder einfach zwischendurch mal schenken möchte, ja: sollte. Denn eine größere Zuhörerschaft hätte der gebürtige Limburger, der an der Elbe Album um Album an der Perfektion feilt, allemal verdient. Ein Großer ist er, nur eben auch weiterhin – zu unrecht – ein großer Unbekannter.

Die gute Nachricht zum Schluss: Nach diesem Album hat Wolfgang Müller explizit betont, dass mindestens ein weiteres folgen soll. Auch wenn man freilich ahnt, wie viel Arbeit, Schweiß und Zweifel er dafür wieder aufwenden wird und auch wenn jedem Freund seiner Musik klar ist, dass er dann erneut allerlei Künstlerqualen leiden, ganz viel verwerfen, neu beginnen und schließlich bis an die Grenze zum eigenen Wahnsinn hinab steigen wird: einfach machen, Wolfgang Müller – wir hören gern weiter zu. Solche Musik braucht’s in ebensolchen oft genug tristen Wintertagen wie die warme Jacke und die dampfende Tasse Tee.

Rock and Roll.

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Zu kurz gekommen… – Teil 4


Kettcar-Sänger und Grand Hotel Van Cleef-Co-Labelchef Marcus Wiebusch schrieb kürzlich (genauer: im aktuellen Rolling Stone) über nachfolgenden Künstler: „Ich hatte es nicht oft in den letzten Jahren, dass mich die Texte eines Künstlers von der ersten Sekunde an umhauen. Moritz Krämer bildet da die absolute Ausnahme“ und ist „leider noch hoffnungslos unterbewertet“. Treffender könnte ich es nicht formulieren, möchte jedoch gern noch selbst ein paar Worte über meine No. 2 des Jahres 2011 verlieren… 

Moritz Krämer – Wir können nix dafür (2011)

„Er wird dir Rom zeigen / Brauchst keine Filmsprüche mehr an den Badspiegel schreiben / Wollt dir nur sagen: deine Katze, die ist tot / wir haben elegant landen vom Balkon geprobt / Und wenn du ankommst, dann ruf‘ kurz an / Ich wollt‘ nur sagen, dass du mich kreuzweise kannst.“
Was sich liest wie die letzten Worte des gehörnten Ex-Freundes sind die ersten Zeilen aus „Nichts getan“ von Moritz Krämers (offiziellem) Debütalbum „Wir können nix dafür“, und steht sinnbildlich für die mal direkt-präzise, mal chiffrierende Art und den ironischen Wortwitz des 31-jährigen Musikers. Da wird der Ex-Freundin alles erdenklich Schlechte an den Hals gewünscht, oder, wie in „Hinterher“, über die eigene Beerdigung und die dazugehörigen Trauergäste nachgedacht. Es kommen deprimierte Spatzen vor („Der kleine Spatz“), die wissbegierige, kindlich-naive kleine Nichte („Wir können nix dafür“), die Mitbewohnerin eines Freundes („Mitbewohnerin“) oder das verliebte Pärchen vom Balkon gegenüber („Nachbarn“). Die 12 Songs sind, trotz ernster Themen wie dem Sinn des Lebens, Tod, Vaterschaft oder der großen Liebe, zu keinem Zeitpunkt verkopft oder in Richtung Trauerveranstaltung unterwegs. Krämer verpackt seine Texte, bei denen man nie so ganz weiß, ob er nun von sich erzählt oder nur die Zuschauerrolle inne hat, in feinsten Liedermacher-Indiepop mit eigener Note. Was die Songs so besonders macht, ist die Gabe des Wahl-Berliners, selbst gefühlte Nichtigkeiten, wie die tropfende Nase des vor sich hin plappernden kleinen Mädchens kurz vor dem Zu-Bett-gehen, mit Sätzen wie „Keiner soll dich nerven, damit wär‘ schon viel getan / Da ist Rotz in deiner Nase / Gelb, kindlich und warm“ zu bedenken und auch sonst dem Zuhörer anhand der kleinen Dinge die Welt ein Stück weit zu erklären. Wenn man dann noch weiß, dass Moritz Krämer neben der Musik auch fürs Theater (u.a. in Halle) arbeitet, wundert das kaum… Viele der Melodien bekommt man nach dem Hören tagelang nicht aus den Kopf, viele der während der gut 45 Minuten erzählten Geschichten gehen eben wegen ihrer gelungenen Mischung aus Leichtigkeit und tiefgründiger Bedeutung zu Herzen.

Sähe man in Gisbert zu Knyphausen (der übrigens durch seine Live-Coverversion von „Mitbewohnerin“ seinem Kumpel Moritz Krämer zu ein wenig mehr Bekanntheit verholfen hat) einen Freund mit ernstem Verständnis, breiter Schulter zum Anlehnen und lakonischer Schnauze, dann wäre Moritz Krämer derjenige, der einen selbst in trüben, miesen Tagen noch auf die kleinen, positiven Nebensächlichkeiten hinweist und so die Welt ein kleines bisschen besser macht. Und mal ganz ehrlich: wie viel mehr will man von Musik denn verlangen?

Wer mehr von Moritz Krämer hören möchte, der kann hier „Fallsucht“, Krämers inoffizielles Debüt aus dem Jahr 2008, welches einige Songs aus „Wir können nix dafür“ in alternativen Versionen enthält, in Gänze hören…
…sich das Video zu „Winkel“ anschauen…
…oder das Video zu „90 Minuten“:

Rock and Roll.
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