Schlagwort-Archive: deutsche Musik

Zu kurz gekommen… – Teil 4


Kettcar-Sänger und Grand Hotel Van Cleef-Co-Labelchef Marcus Wiebusch schrieb kürzlich (genauer: im aktuellen Rolling Stone) über nachfolgenden Künstler: „Ich hatte es nicht oft in den letzten Jahren, dass mich die Texte eines Künstlers von der ersten Sekunde an umhauen. Moritz Krämer bildet da die absolute Ausnahme“ und ist „leider noch hoffnungslos unterbewertet“. Treffender könnte ich es nicht formulieren, möchte jedoch gern noch selbst ein paar Worte über meine No. 2 des Jahres 2011 verlieren… 

Moritz Krämer – Wir können nix dafür (2011)

„Er wird dir Rom zeigen / Brauchst keine Filmsprüche mehr an den Badspiegel schreiben / Wollt dir nur sagen: deine Katze, die ist tot / wir haben elegant landen vom Balkon geprobt / Und wenn du ankommst, dann ruf‘ kurz an / Ich wollt‘ nur sagen, dass du mich kreuzweise kannst.“
Was sich liest wie die letzten Worte des gehörnten Ex-Freundes sind die ersten Zeilen aus „Nichts getan“ von Moritz Krämers (offiziellem) Debütalbum „Wir können nix dafür“, und steht sinnbildlich für die mal direkt-präzise, mal chiffrierende Art und den ironischen Wortwitz des 31-jährigen Musikers. Da wird der Ex-Freundin alles erdenklich Schlechte an den Hals gewünscht, oder, wie in „Hinterher“, über die eigene Beerdigung und die dazugehörigen Trauergäste nachgedacht. Es kommen deprimierte Spatzen vor („Der kleine Spatz“), die wissbegierige, kindlich-naive kleine Nichte („Wir können nix dafür“), die Mitbewohnerin eines Freundes („Mitbewohnerin“) oder das verliebte Pärchen vom Balkon gegenüber („Nachbarn“). Die 12 Songs sind, trotz ernster Themen wie dem Sinn des Lebens, Tod, Vaterschaft oder der großen Liebe, zu keinem Zeitpunkt verkopft oder in Richtung Trauerveranstaltung unterwegs. Krämer verpackt seine Texte, bei denen man nie so ganz weiß, ob er nun von sich erzählt oder nur die Zuschauerrolle inne hat, in feinsten Liedermacher-Indiepop mit eigener Note. Was die Songs so besonders macht, ist die Gabe des Wahl-Berliners, selbst gefühlte Nichtigkeiten, wie die tropfende Nase des vor sich hin plappernden kleinen Mädchens kurz vor dem Zu-Bett-gehen, mit Sätzen wie „Keiner soll dich nerven, damit wär‘ schon viel getan / Da ist Rotz in deiner Nase / Gelb, kindlich und warm“ zu bedenken und auch sonst dem Zuhörer anhand der kleinen Dinge die Welt ein Stück weit zu erklären. Wenn man dann noch weiß, dass Moritz Krämer neben der Musik auch fürs Theater (u.a. in Halle) arbeitet, wundert das kaum… Viele der Melodien bekommt man nach dem Hören tagelang nicht aus den Kopf, viele der während der gut 45 Minuten erzählten Geschichten gehen eben wegen ihrer gelungenen Mischung aus Leichtigkeit und tiefgründiger Bedeutung zu Herzen.

Sähe man in Gisbert zu Knyphausen (der übrigens durch seine Live-Coverversion von „Mitbewohnerin“ seinem Kumpel Moritz Krämer zu ein wenig mehr Bekanntheit verholfen hat) einen Freund mit ernstem Verständnis, breiter Schulter zum Anlehnen und lakonischer Schnauze, dann wäre Moritz Krämer derjenige, der einen selbst in trüben, miesen Tagen noch auf die kleinen, positiven Nebensächlichkeiten hinweist und so die Welt ein kleines bisschen besser macht. Und mal ganz ehrlich: wie viel mehr will man von Musik denn verlangen?

Wer mehr von Moritz Krämer hören möchte, der kann hier „Fallsucht“, Krämers inoffizielles Debüt aus dem Jahr 2008, welches einige Songs aus „Wir können nix dafür“ in alternativen Versionen enthält, in Gänze hören…
…sich das Video zu „Winkel“ anschauen…
…oder das Video zu „90 Minuten“:

Rock and Roll.
Getaggt mit , , , , , , , , , , , ,