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Sunday Listen: Linhay – „On How To Disappear“


Totgesagte und Abgeschriebene leben länger – die allseits bekannte Redewendung passt auch zum meist recht verächtlich als „Emo“ etikettierten Musikstil wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Mitte der Neunziger präsentierte sich dieses Genre mit prägenden Bands wie Mineral, The Promise Ring, Sunny Day Real Estate, Capt’n Jazz, American Football, Jimmy Eat World oder den Get Up Kids in vollster Blüte. Im neuen Jahrtausend jedoch wurde es Jahr um Jahr stiller im Emo-Lager. Zwar gab es hier und da, ab und zu noch ein paar Releases der (nicht selten würdevoll graumelierten) stilprägenden Größen, doch frische und neue Impulse blieben größtenteils aus und wurden fortan vielmehr in artverwandten Stilrichtungen wie dem Post-Hardcore gesetzt, während Emo-Epigonen wie My Chemical Romance, Panic! At The Disco oder Fall Out Boy die „Indie-Werte“ mal (ungewollt) persiflierten, mal stadionrockend ins Format-Pop-Radio und die größeren Anonym-Hallen führten. Er ruhe in Frieden, der Emo… Bis jetzt, denn man dürfte meinen, dass das Genre momentan ein kleinwenig in neuem Glanz erstrahlt. Mit Elm Tree CircleRemo Drive oder Memoriez haben junge Bands ebenso hierzulande wie jenseits des Atlantiks in jüngerer Zeit neue Alben auf den Markt geschmissen, welche der Szene tatsächlich eine wohltuende Frischzellenkur einimpfen konnten. Und dieser Riege aufregender Newcomer-Truppen lassen sich definitiv auch Linhay zuordnen.

Obwohl: Newcomer? Tatsächlich kommt das vielwebs noch immer als Geheimtipp gehandelte Quartett aus Kiel und besteht bereits seit Ende 2016 – wüsste man’s nicht besser, man könnte beim Hören ihrer Songs denken, man wäre unangekündigt in die Neunziger und in den Mittleren Westen der US of A zurück katapultiert worden. Außerdem dürfte der norddeutschen Band eine gewisse Aufmerksamkeit der Szene durch die Tatsache vergönnt sein, dass sich in ihren Reihen mit Bassist Gunnar Vosgröne ein Ex-Bandmitglied der zwar bereits seit 2011 aufgelösten, aber auch heute noch fast kultisch verehrten Kieler Hardcore-Punker Escapado wiederfindet (darüber hinaus unterstützte Vosgröne Tomte einige Zeit als Live-Cellist). So sorgten Linhay in den letzten Jahren mit der Demo „You & I“ (2017), einer passend „&“ betitelten Split-EP mit den Kumpels von East (2019) sowie einer Soli-Single für „SeaWatch“ für nicht wenige aufgestellte Ohren.

Auf dem im September veröffentlichtem Langspieldebüt „On How To Disappear“ reichert das Vierergespann um Sänger und Gitarrist Jörn Borowski den klassischen Gitarrensound des Midwest-Emo mit shoegazigen Flächen und Post-Rock-Meditationen an und schafft so eine kohärente, jedoch keinesfalls eintönige Soundkulisse, die sich zwar klar an ihren US-Vorbildern orientiert, sie aber nicht schnöde imitiert, sondern eine eigene authentische Handschrift trägt. Der Raumklang, die verspielten Gitarren und der sphärisch hallende Gesang mit seinen akzentuierten Höhen greifen nahtlos ineinander.

Pure Phrasenmäherei? Keineswegs, denn die elf Stücke kommen mit einer durchaus an Bands wie The Hotelier oder Foxing heranreichenden Detailverliebtheit daher, während die fantastische Produktion von Martin Trompf auch kleinste Feinheiten in den Vordergrund kehrt und dem Album eine breite Klangwelt verleiht, die wunderbar mit der ästhetischen und lyrisch-eskapatischen Atmosphäre harmoniert. Straight funkelnde Emo-Gitarren und treibende Drums wie in „The Distance Between Two Moons“ lösen sich in verspielte Melodien auf, komplexe Songstrukturen wie in „In Sunshine And In Shadows“ brechen nach hinten heraus in einen wunderschönen Breakdown-Chorus aus, während die Band mit „Interlude / A Slightly Disorientated Butterfly“ noch ein mit growlender Bissigkeit überzeugendes derbes Monster in der Hinterhand hat. Wer einen Anspieltipp haben mag: „Water„, die erste Single des Albums, macht es Szene-Freunden mit minimal angezerrten Picking-Gitarren, rhythmischen Mustern und Borowskis sanftem Gesang recht einfach, sich schnell in den Linhay’schen Output zu verlieben.

Ein Schäufelchen Metaebene gefällig? Gern doch! Durch die gesamte Platte ziehen sich emotionale und ästhetische Naturreferenzen: das Wasser, der Mond, Bienen und Vögel werden Eckpunkte für die emotionale Welt von „On How To Disappear“. So liegt die wohl größte Stärke des Albums in dieser Gegenüberstellung von existenziellen Fragen und nahbarer, greifbarer Symbolik. Jede Beobachtung über den eigenen emotionalen Zustand verpacken Linhay in eine lyrische Entsprechung der Natur und erinnern dabei unweigerlich an das 2000er The Appleseed Cast-Genre-Meisterstück „Mare Vitalis„.

Alles in allem ist „On How To Disappear“ ein feines Debütwerk, dass sich mit all seinen Versatzstücken aus Post- bis Indie-Rock (und einer Messerspitze Post-Hardcore) ohne Frage im Midwest-Emo-Kanon einreihen könnte, ohne dass seine zeitliche wie geographische Distanz zum Genre groß auffallen würde. Die fast schon unverkennbar norddeutschen Einflüsse in den vor Fragezeichen nur so überquellenden Texten und der melancholischen Ästhetik sind es jedoch, die das Album als potentielles kleines Gesamtkunstwerk exponieren, das das Schöne mit dem Zweifel vereint.

Rock and Roll.

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Song des Tages #1: DONOTS – „Merry Christmas (I Don’t Want To Fight Tonight)“


Die fünf Ibbenbürer Punkrocker von den DONOTS haben zur Weihnachtszeit „Merry Christmas (I Don’t Wanna Fight Tonight)“ von den Ramones gecovert. Und das nicht allein: CJ Ramone, zwischen 1989 und bis zur deren Auflösung im Jahr 1996 Mitglied der New Yorker Punk-Legenden, unterstützt sie auf dem Song, genau wie Cecilia Boström, Sängerin von The Baboon Show.

„Wir sind wahnsinnig happy, dass eine weitere Donots-Schnapsidee den direkten Weg an die Theke getorkelt ist… und dass wir einen Ramones-Song mit einem Ramone und einer Baboon zusammen aufnehmen durften, einfach weil es uns allen Spaß gemacht hat“, freuen sich Ingo Donot und Band im dazugehörigen Statement. Der Song ist ab sofort überall digital erhältlich. Erst in der vergangenen Woche hatte die deutsche Punkrock-Band, die bereits seit Mitte der Neunziger die Bühnen hierzulande unsicher macht, ihr erstes richtiges Livealbum „Birthday Slams (Live)“ veröffentlicht, dessen Erlöse ihrer Live-Crew zugute kommen sollen.

„‚Das erste DONOTS Weihnachtslied?’… oder: Spontane Ideen sind doch immer irgendwie die besten. Neulich im Proberaum ist uns aufgefallen, dass ‚Merry Christmas (I Don’t Want To Fight Tonight)‘ von den legendären Ramones wohl eines der einzigen Weihnachtslieder ist, die man auf Lautstärke 100 anschmeißen darf, ohne dabei rot zu werden.

Vielleicht war’s danach ein Glühwein zu viel, aber im nächsten Moment hatten wir schon die Instrumente in der Hand und einen Heidenspaß daran, genau diesen tollen Song zusammen zu spielen. Und einen weiteren Punsch on top haben wir rumgesponnen, dass es doch noch großartiger wäre, den Hit gemeinsam mit unserem Kumpel CJ von den Ramones (VON den Ramones!!!) aufzunehmen und dem Ganzen mit einer der wunderbar dreckigsten Frauenstimmen Schwedens, nämlich Cecilia von der famosen Baboon Show, die Xmas-Rotze-Krone aufzusetzen.

Tja, was sollen wir sagen? Dieses Weihnachtsgeschenk haben wir uns UND Euch gemacht und jetzt liegt’s hier wirklich frisch aus dem Studio unter der Blinketanne – mit beiden Gästen an den Mikrofonen covern wir DONOTS ‚Merry Christmas (I Don’t Want To Fight Tonight)‘ von den ehrwürdigen Ramones – und ihr könnt euch das ab genau jetzt überall anhören.

Wir sind wahnsinnig happy, dass eine weitere DONOTS Schnapsidee den direkten Weg an die Theke getorkelt ist… und dass wir einen Ramones Song mit einem Ramone und einer Baboon zusammen aufnehmen durften, einfach weil es uns allen Spaß gemacht hat.

Hört doch mal rein! Auf Lautstärke 100.

Happy Holidays und Ho Ho Ho Hu Ha!

Eure DONOTS“

(Allen, die abseits der gängigen „Ihr Kinderlein kommet“- und „O Tannenbaum“-Pfade nach etwas weihnachtlichem Gefühl suchen, sei übrigens diese simpel „50 alternative Weihnachtslieder um das Fest zu überleben“ betitelte Liste von testspiel.de ans Hörerherz gelegt… Eventuell ist ja der ein oder andere Song nach eurem Gusto dabei.)

Rock and Roll.

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Song des Tages: komparse – „Ey Tim“


Müsste man die Musik von komparse in ein, zwei Worten beschreiben, dann würde es „himmelhohes Schluchzen“ wohlmöglich am besten treffen. Das liegt vornehmlich am Gesang von Bodo von Zitzewitz, der fast immer so klingt, als sei er gerade erst verlassen worden. Jemand, der versucht, all seinen Frust, all seine Wut in galgenhumorige Worte zu packen und dabei irgendwann mit leicht brüchiger Stimme in Tiraden verfällt, den Tränen nahe und irgendwie aus dem letzten Liedermacherloch pfeifend. Kombiniert mit verzerrten Gitarren und scheppernden Drums würde hier gewiss astreiner Emopunk herauskommen, doch der Kölner Musiker wählt eine ganz andere, deutlich dezentere musikalische Verpackung: Das rhythmische Fundament besteht aus reduzierten elektronischen Beats und knarzigen Bässen, den warmen Kontrast dazu bilden repetitive Akustikgitarrenpickings, aufgelöste E-Gitarrenakkorde, Harmonium-, Bläser- oder Synthieflächen sowie Glockenspielklänge, welche im Gros allesamt für eine wohlig-melancholische Atmosphäre sorgen. Das Ergebnis ist ein Singer/Songwriter-Indietronic-Sound par excellence.

„Minimalistische Hymnen. Dem Alltag entrissen und gewidmet. Sie kommen und gehen, diese Songs, aus dem Nichts, wie die Momente, die sie vertonen.“ (Christoph Schrag – Radio Fritz)

Und obwohl nur die wenigsten bereits Wind von diesen gar nicht mal so üblen Songs bekommen haben dürften, existiert komparse schon seit geraumer Zeit: seit 2010 zunächst als Solo-Projekt, dann als Trio in der Besetzung Bodo von Zitzewitz (Gitarre, Gesang), Christoph Ohrem (Harmonium, Synthie) und Andy Hafner (Beats, Glockenspiel), und nun, nachdem von Zitzewitz nach einer Reihe von EPs seine beiden Mitstreiter abtrünnig wurden, irgendwie wieder als notgedrungene One-Man-Show. Freilich gibt es vor allem in puncto Gesang gleich ein paar Namen, die sich als Referenzen geradezu aufdrängen: ClickClickDecker, Gisbert zu Knyphausen, Niels Frevert oder Moritz Krämer (und seine Höchste Eisenbahn) etwa. Ein Umstand, den Bodo von Zitzewitz auch gar nicht von der Hand weisen möchte: „Mich freut der Vergleich, aber in der deutschsprachigen Musik gibt es oft einen gewissen Sprachduktus. Die Wörter sind lang und ab einer bestimmten Anzahl entsteht etwas Sprechgesanghaftes. In der englischen Sprache ist es hingegen viel getragener.“

Und obwohl die Musik wie gemacht scheint für missmutige Hände-in-den-Taschen-Spaziergänge durchs nasskalte Dezemberwetter, möchte der Indie-Liedermacher seine Texte gar nicht allzu negativ verstanden wissen: „Vieles ist einfach ein Ventil für Sachen, die einen schlicht nerven, oder Sachen im Kopf, die ein bisschen Ordnung brauchen – ein menschliches Grundbedürfnis.“ Wobei es ihm wichtig ist, weg von den Befindlichkeiten, hin zu den Geschichten zu kommen: „Am Ende ist das Spannende, was jemand anderes aus dem Text macht und wie er ihn versteht.“ Das kann man nun auch auf dem unlängst erschienenen neuen Album „Der Letzte seiner Art„, dessen Titel eine Hommage an den Science-Fiction-Roman des deutschen Autors Andreas Eschbach in sich trägt, nachhören. Und Bodo von Zitzewitz wünschen, dass aus komparse und all diesen feinen Hadern-mit-der-grauen-Welt-Songs nun endlich und baldigst mehr wird als einer der jahrelang bestgehütetsten deutschsprachigen Geheimtipps…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Gisbert zu Knyphausen – „Straße“


2020 wäre wohlmöglich sein Jahr geworden: Rio Reiser hätte im Januar seinen 70. Geburtstag gefeiert und Ton Steine Scherben ihr 50. Jubiläum. Man hätte ihn – freilich stets social-distancing-konform – hofiert, gewürdigt und sich vom „Junimond“ bis rauf ins nordfriesische Fresenhagen tief vor dem „König von Deutschland“ verneigt. Und dabei wäre sicherlich noch einmal klar geworden, wie stark und nachhaltig gerade er den linken, nimmermüde protestierenden Rock’n’Roll in Deutschland geprägt hat…

Doch Ralph Christian „Rio Reiser“ Möbius starb 1996 imi Alter von 46 Jahren. Und mit ihm ging etwas verloren, das sich in keiner anderen Musikerpersönlichkeit hierzulande – da kann sich Selig-Frontmann Jan Plewka mit seinem ehrführchtig-launigen Rio-Tribut-Programm noch so große Mühe geben – seither so intensiv gezeigt hat: Reiser war Romantiker und Kämpfer, Aufklärer und Utopist, Hippie und Punker, strahlendes Rebellenidol und verhasste linke Pop-Zecke. Streitbar? Ja! Polarisierend? Klar! Charismatisch? Jawollo! Gemeinsam mit seinen Agitrock-Jungs von den „Scherben“ konnte er aus Worten Waffen formen und aus Emotionen Tatsachen. Wohl auch deshalb ist die Strahlkraft des deutschen Pendants zu einem wie John Lennon bis heute ungebrochen. Das zeigt auch die nun erschienene Compilation „Wir müssen hier raus – Eine Hommage an Ton Steine Scherben & Rio Reiser“, auf der unter anderem Die Sterne, Bosse, Jan Delay, Fettes Brot, Fehlfarben, Die Höchste Eisenbahn, Wir sind Helden, Beatsteaks, Slime oder Gisbert zu Knyphausen vertreten sind. Die Beiträge sind nicht alle neu, sondern stammen teilweise aus bekannten Veröffentlichungen. Jan Delays „Für immer und dich“ zum Beispiel ist bereits seit „Mercedes Dance“-Tagen bekannt, und auch die Helden-Version des Scherben-Gassenhauers „Halt dich an deiner Liebe fest“ hat bereits stolze 15 Lenze auf dem musikalischen Buckel.

Wie bei einer Beitragscouleur von Künstler*innen und Bands aus Genres wie Indie, Punk, Singer/Songwriter oder Pop nicht anders zu erwarten, fallen die hier versammelten Interpretation von Scherben- und Rio-Songs denn auch recht unterschiedlich aus. Die Sterne etwa widmen sich „Wenn die Nacht am tiefsten“ und geben ihm trotz aller Bissigkeit eine Portion verquerem Pop-Appeal, welche dem Stück durchaus gut zu Gesicht steht. Positiv heraus stechen auch „Jenseits von Eden“ der Hamburger Newcomer Erregung Öffentlicher Erregung, deren Synth-Rock-Version den Druck und die Freshness des Originals ins Hier und Heute überträgt, sowie die Schrottgrenze-Variante von „Menschenfresser„, schließlich sind auch heute Themen wie Ungerechtigkeit, Krieg, Unterdrückung, Frustration oder Hass aktuell wie anno 1986 (eventuell – leider – sogar aktueller). Gelungen sind auch Neufundlands „Halt dich an deiner Liebe fest“ (ja, der Song ist gleich zwei Mal vertreten, im Jahr 2016 veröffentlichte die Kölner Band diesen bereits inklusive eines Gebärdenvideos), das druckvolle „S.N.A.F.T.“ der Beatsteaks sowie Slimes ungemein energetisch hingerotzter Punk-Brocken „Ich will nicht werden“. Wenig verwunderlich auch, dass Gisbert zu Knyphausen und Band ihre Sache mit dem exklusiv aufgenommenen „Straße“ ebenfalls routiniert auf hohem Niveau erledigen. Natürlich kommt auch er, seit gefühlten Ewigkeiten selbst einer der zweifellos besten deutschen Liedermacher, mit seiner gleichsam rotzigen wie nachdenklichen Imitation keineswegs an den „großen Rio“ heran, aber auch bei ihm hört man die Lust an der Imitation. Und ganz nebenbei dürfte Lina Malys mit Akustikgitarre und Kontrabass eingespielte Darbietung von „Zauberland“ für nicht wenige der heimliche kleine Star dieser Platte sein…

Bei sage und schreibe 19 Beiträgen, die von dem titelgebenden Scherben-Original sowie einem Rio-Piano-Song eingerahmt werden, überzeugt natürlich nicht alles auf ähnlich hohem Niveau. Axel „Aki“ Bosses Version von „Warum geht es mir so dreckig?“ etwa streckt sich zwar redlich gen Rock, mag in Gänze jedoch irgendwie nicht zünden. Auch „Schritt für Schritt ins Paradies“ von Die Höchste Eisenbahn ist im neuen Indiepop-Arrangement recht geschmeidig, verfehlt aber die Absicht des Originals. Doch um Wettbewerb geht es hier ja nicht. Es geht um die Würdigung eines Helden, dessen Musik bis heute zwar etwas Revoluzzer-Patina angesetzt haben mag (kein Wunder, immerhin ist etwa der Album-Meilenstein „Keine Macht für Niemand“ bereits amtliche 48 Jahre jung!), jedoch kein bißchen gealtert ist, dessen Relevanz in Ton wie Wort eher zu- denn abnimmt. Recht passend also, Rio Reiser selbst das Tribut-Album mit einer gänsehäutenen Piano-Version von „Der Krieg“ beschließen zu lassen. Was sollte danach auch noch kommen?

Rock and Roll.

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Song des Tages: KARLSSON – „Hundeleben“


Jaja, die schnöde Tapete – ob historisch abgetragen, raufaserig vermodert, frisch mit Alpina Weiß überstrichen, ob zugekleistert mit romantischen Sonnenuntergangs-Postkartenerinnerungen, mit Konzerttickets aus früheren Tagen, mit Fussball- und Metal-Postern oder mit schick gerahmter Urban-Fotografie stylisch-geschmackvoll geschmückt: Nichts ist dem Bundesspießbürger – gerade in Quarantäneverordnungzeiten – so nah wie die eigenen vier Wände, jener Rückzugsort im „Rauhfaseridyll„, wie KARLSSON aus Köln ihn umschreiben. Sinnbildlich steht die stumme Wandverkleidung hier, wie bei schon etlichen Vertretern des Punkrock-Genres zuvor (man denke etwa an Jupiter Jones‘ „Entweder geht diese scheußliche Tapete – oder ich.„), für den gefühlten Stillstand – aber auch für all die Umwälzungen psychischer und sozialer Natur, denen man im drögen Alltagsgrau ausgesetzt ist, und die man am Ende doch meist ähnlich stoisch hinnimmt. Wahrlich eigenständig oder bahnbrechend neu mag diese Metapher im Kontext sozialkritischer wie befindlichkeitsorientierter Themen keineswegs sein, aber das 2013 gegründete Vierergespann aus Kilian (Gesang, Bass), Tobi (Gitarre, Gesang), Marius (Gitarre) und Lukas (Schlagzeug) kommt wohl recht gut damit klar, einfach „nur“ eine weitere Band zu sein, die einem fein durchdachten deutschsprachigen Indie-Punk mit schwerem Herzen, pochendem Hirn und ordentlich Wut im Bauch um die Ohren bläst.

Nachdem KARLSSON 2016 zunächst mit ihrer „Autohauseröffnung EP„, welche wiederum eine feine Coverversion des Schreng Schreng & La La-Songs „Plastik Fressen“ enthielt (für das die Band obendrein sogar deren Frontmann Jörkk Mechenbier am Gast-Mikro gewinnen konnten), für ein kleines Szene-Ausrufezeichen sorgen konnten, hört man ebenjene Unaufgeregtheit ihrem bereits im Februar 2019 erschienenem Debütalbum auch an – im positivsten Sinne. Der eingängige Opener „Südafrika“ etwa hüpft innerhalb von dreieinhalb Minuten gleichsam hektisch wie aufgewühlt von wachsendem Hass und Bitterkeit im Land hin zur Persönlichkeitskrise, und dann mal eben um die Welt – auch eine Art Rückzug aus der vor lauter Zweifel und Unverständnis überquellenden heimischen Komfortblase. Die Gitarren rau wie der vertrocknete Acker und das Szenario nochmal ein Stück destruktiver, beobachten KARLSSON im kräftigen Midtempo-Rocker „Schwule Könige“ Menschen auf irgendeinem gottverdammten westfälischen Schützenfest, die stolz ihrer Tradition nachgehen: „Das Gewehr an der Schulter / Symbol für ihren Frieden / Alles auf Anfang.“ Dabei verurteilt die Band nicht per se (freilich mit Ausnahme der offen nationalistischen und homophoben Aura solcher tumb-bierseligen Festivitäten), sondern hinterfragen vielmehr, wie Menschen sich ihr individuelles Selbstbild konstruieren, und dieses in der heute deftig aufgeladenen sozialen Atmosphäre nicht selten bis aufs Messer verteidigen.

Ebenso traditionell wie des Deutschen Bier und Bratwurst sind kleine, aber feine Punkrock-Hymnen wie „Der alte Boxer“ die eigenen musikalischen Happen der vier Rheinländer. Songs, zu denen es sich wunderbar alleine gegen die dämliche Raufasertapete, aber auch mit Freunden bei einem bis acht Bier in die Welt hinaus schreien lässt. Doch KARLSSON können nicht nur polternd-punkiges Schema F, sondern lassen immer mal Luft an ihr Songwriting. Dabei schrecken sie nicht vor sehnsuchtsvoll nach vorn preschenden Alternative-Rock- oder Post-Hardcore-Anleihen à la Taking Back Sunday oder Thursday sowie ruhigen, in sich gekehrten Momenten zurück, wie „Hundeleben“ oder „Deine letzten Jahre“ als dramaturgisch fein gestrickte, an alte Jupiter Jones erinnernde melancholische Stücke zeigen. „Hey Belane“ greift dann nicht nicht nur den Bordstein als Bild auf, sondern fügt sich auch soundtechnisch ziemlich nah an die von Muff Potter um die Jahrtausendwende verlegten Pflastersteine. Und dürfte man nur einen einzigen Satz zum Wesen dieser Platte stricken, landet man vielleicht wieder bei Thorsten „Nagel“ Nagelschmidt und Co. sowie der altbekannten Frage, die auch die aktuelle Generation Emopunk irgendwo zwischen Captain Planet oder Matula wohl kaum ganz auflösen wird: „Ist das hier, was man Leben nennt / Oder nur die Gegend, die man kennt?“ Und das darf nun wirklich und ausdrücklich als Lob verstanden werden.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Kind Kaputt – „Gründe“


„Es tut mir leid…“ – Die neue Single von Kind Kaputt ist eine Entschuldigung an die Boomer-Generation.

Die vierköpfige Alternative-Rock- und Post-Hardcore-Band, deren Mitglieder aus Leipzig, Eschwege, Nürnberg und Berlin stammen, hat den diesjährigen „Sommer ohne Festivals“ notgedrungen im Studio verbracht und zusammen mit Mathias Bloech (Sänger der Band Heisskalt) an neuen Songs gearbeitet. Der erste davon trägt den vielsagenden Titel „Gründe“.

Rastlos treibt es die Band darin gut drei Minuten lang vorbei an überholten Werten und konservativen Idealen. Johannes Prautzsch (Gesang, Gitarre), Konstantin Cajkin (Gitarre) und Mathis Kerscher (Schlagzeug) – das vierte Bandmitglied, Fabian Willi Simon, zeichnet sich etwas weiter im Hintergrund für die visuelle Arbeit in Form von Videos, Artworks sowie Fotos verantwortlich (und hat sich diesmal ein paar schicke Lego-Animationen einfallen lassen) – arbeitet sich ab an einer Generation, die ihre Kinder viel zu oft als Taugenichtse und Faulenzer verklärt – und bittet im selben Atemzug doch ganz kleinlaut um Verzeihung.

Energischer als zuvor und durchaus tanzbar wirkt das erste musikalische Lebenszeichen seit dem im vergangenen Jahr erschienenen Debütalbum „Zerfall„, das das unbedarft-theatralisch weltschmerzende Post-Harcore-Geschrei des Erstlings gegen ein gut knirschendes Alternative-Rock-Pfund eintauscht, um im Vers erst stampfend mit pointierten Noise-Ausflügen und Gitarren-Feedbacks an die Türen Heisskalts (war ja klar!) zu klopfen und im Chorus mit einer wohltuend indie-esquen Melodie aufzuwarten, die schonmal eine galante Bewerbung für alle – hoffentlich! – im kommenden Jahr stattfindenden Festivals, zu denen auch Kapellen wie eben Heisskalt, aber auch Marathonmann, 8kids oder Fjørt geladen werden, abgibt.

Offen bleibt, wie ernst die Entschuldigung in diesem Song gemeint ist. Aber das wird man Kind Kaputt wohl verzeihen…

Rock and Roll.

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