Schlagwort-Archive: deutsche Band

Zu kurz gekommen – Teil 14


…But Alive – Nicht zynisch werden?! (1995)

-erschienen bei Weird System-

Wir haben uns entschieden / So wie die meisten / Fürs Rattenrennen / Und fürs Eigenheim leisten / Du blickst herab / Mit diesem Wissen was los ist...“ Liedermacher Niels Frevert sitzt 2008 im von Rotwein getränkten, überaus selbstreflexiven Kettcar-Song „Am Tisch“ in einer stylish-schicken Altbauwohnung und schaut zu seinem Freund Marcus Wiebusch hinüber, dem kauzig-arroganten grumpy old leftie, der seit jeher wohl alles immerzu besser wusste. Doch jener Wiebusch hadert Sekunden später selbst mit sich: „Ein Toast / Auf das Leben / Das Glück / Nur ich, ich komm‘ nicht mehr mit / Mit dem Leben / Dem Glück…“ Die Klarheit der Jugend, hinfortgerissen im Taumel der immergleichen Tagesroutinen. Nicht nur Niels, auch Marcus ist jetzt Teil jener Kraft, die stets Gutes will, aber oft gar nichts schafft: den Linksliberalen.

Dreizehn Jahre vor dem „Tisch“ sind die Fronten wesentlich klarer: „Die Feigheit hat einen Namen, linksliberal„, rotzt der Hamburger Wiebusch, damals vergleichsweise juvenile 26 Jahre jung, mit seiner ersten echten Band ..But Alive auf „Natalie“ vom zweiten Album „Nicht zynisch werden?!“ seine Wut in die Welt – und er hat in den Neunzigern eine Menge davon. Bereits beim Opener „Nennt es wie ihr wollt“ widmet sich der stets latent sprechsingende Frontmann dem Ausverkauf der eigenen (Punk-)Szene. Einem Ausverkauf, der eben im Alter – zumindest für die Glücklichen, die Sesshaften, die Spießigen – doch zum Eigenheim führt. Als Fundament dient ihm der wie aus einem Guss gespielte Mix aus melodischen Punk-Rock-Refrains und tempiwechselnden Metal-Attacken, der …But Alive während ihrer acht Bandjahre so unverkennbar machte.

Ähnlich wild fliegt „Aus und vorbei“ vorbei: Loriot-Zitat, Ska-Off-Beats, brutale Riffs und das nötige Pathos im Refrain – „Ein Hype, ein Star, ein Schuss – und dann C&A und Schluss“ – reichen Wiebusch für seine Abrechnung mit dem Generation X-Framing durch die Mehrheitsgesellschaft. Wie ein Chirurg zerlegt er den aufgedrückten Brand in der ersten Strophe: „Zuerst war alles nur ein Buch / Und jeder wusste, wer wir sind / Nur wir leider nicht…“ Das erwähnte „Buch“? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wohl „Generation X“ von Douglas Coupland, welches den sogenannten „Baby-Boomern“ zwar ein einprägsames Label aufdrückte, dafür jedoch recht wenig Lebenshinweise mit auf den Weg gab. Wiebusch steht damit im Geiste der Boxhamsters, die sich vier Jahre zuvor auf „Zu klein“ ebenfalls gegen die Ausweglosigkeit wehren: „Wir hatten nie ‚No Future‘ und glaubten an die Zeit...“

Überhaupt hadert der Kopf von …But Alive in jenen jungen Jahren – im Gegensatz zur späteren Weinprobe im gediegenen Eigenheim – weniger mit sich, sondern nimmt es mit der Szene, der Gesellschaft, mit alten Freunden wie neuen Feinden zeitgleich auf. Stets mit Schaum vorm Mund, und immer in der Überzeugung, zu wissen, was los ist. Auf dem 1993er Debüt „Für uns nicht“ schlägt er lyrisch noch ungestüm – und deutlich wilder – um sich. Der obligatorische Anti-Nazi-Song „Nur Idioten brauchen Führer“ sorgt im Kampf der Neunziger gegen die rechten Glatzen für Zusammenhalt bei bedrohten Konzerten, „Für immer 16“ interpretiert Peter Maffays „Ich möchte nie erwachsen sein“ und Alphavilles „Forever Young“ auf Punkig-Hanseatisch, in „Ohnmacht“ sprengt er 1991 als Terrorist Bayer und Hoechst in die Luft.

Schaut man sich heute, etwa drei Dekaden später, den Text von „Ohnmacht“ noch einmal genauer an, wandert man schnell in Gedanken über die Brücke ins Camp der Letzten Generation und fragt sich, warum die Generationskolleg*innen der „Generation X“ seinerzeit nicht mehr getan haben: „Oh, seht uns an, wir stehen vor den Trümmern dieser Zivilisation / Ein paar clevere Affen erfanden das Rad / Hier kommt die letzte Generation / Die noch ein bisschen menschenwürdig leben kann / Die Gräber stehen bereit„, und später: „Erzählt mir nichts von Recht und Ordnung / Wenn irgendeiner hier Amok läuft / Wenn morgen Regionen zu Wüsten werden und halb Indien ersäuft.“ Die Weitsicht, die Aktualität dieser Zeilen ist erstaunlich, sollte jedoch vor allem zu denken geben.

Andererseits sieht Wiebusch jedoch selbst die Machtlosigkeit solcher, stets vor allem von Parolen getriebener Musik und distanziert sich bereits zu …But Alive-Zeiten von jener naiv-zornigen Anfangsphase: „Ich habe Musik mit 16, 17, 18 tatsächlich als Waffe gesehen (…) Wenn ich singe: ‚Ohnmacht, ich spreng‘ euch alle weg!‘, dann ist das meine Meinung, und ich will, dass das alle anderen auch so sehen (…) Einen Song wie ‚Ohnmacht‘ wird es von mir nie wieder geben.“ Ebenso kontrovers dürfte Wiebusch rückblickend den Song „Ich möchte Ilona Christen die Brille von der Nase schlagen„, der 1997 zunächst auf der Split-7″ mit der kanadischen Hardcore-Band I Spy und später auf dem dritten Album „Bis jetzt ging alles gut…“ erschien, sehen, schließlich wird dort TV-Moderatorin Margarethe Schreinemakers in einer Textzeile als „Quotenhure“ bezeichnet. Das brachte der Band bereits damals – lange vor Internet-Shitstorms, #MeToo und Co. – den Vorwurf des Sexismus ein – die Kritik mag, Punkszene hin oder her – berechtigt gewesen sein, der Vorwurf könnte bei einem wie Wiebusch, der sich später bei jeder sich bietenden Gelegenheit für Homosexuelle, für Flüchtlinge oder Frauen- wie Tierrechte stark machte, jedoch falscher kaum sein.

Musikalisch jedoch überzeugen die 1991 gegründeten Hamburger von …But Alive von Anfang an und fanden schnell eine komplett eigene Szenennische zwischen Hafenstraße und Hamburger Schule. Hardcore Punk, Rap, Ska, Metal und Indie Rock …forming like Voltron. Hagen van de Viven zelebriert an der Leadgitarre, Marcus Wiebusch sorgt als Nachwuchs-James Hetfield an der zweiten Klampfe für eine Punk-untypische, mächtige Soundwand. Schlagzeuger Frank Tirado-Rosales (der Wiebusch später zu Kettcar folgen und selbigen bis 2010 treu bleiben wird) baut immer wieder Breaks und Grooves ein, die den biertrunkenen Kopf zwischen Headbangen, Nicken und Schütteln ganz wuschig werden lassen. Nur am Bass wechseln sich, ebenfalls verdammt Metallica-like, die Bandkollegen häufig ab. Es gibt und gab keine andere Punk-Rock-Band, die so klang wie …But Alive, und kein zweites deutschsprachiges Album fasst das Leben der Neunziger wohlmöglich so prägnant und nachhaltig in Worte wie „Nicht zynisch werden?!“ Steile Thesen? Genau. Aber, vor allem was letzteren Punkt betrifft, eine begründete, denn in den 15 Songs (zählt man den feinen Akustikgitarren-Hidden Track „Betroffen aufessen“ mit) kanalisiert Marcus Wiebusch seinen angestaunten Hunger, der Welt zu erzählen, was zur Hölle los ist, ohne ihr jedoch von oben herab zu predigen, was sie tun soll. Und: Er findet hier erstmals wirklich zu seinem noch später bei Kettcar so unnachahmlichen Stil aus Punchlines und Poesie, aus Parole und Meta-Ebene. In den Zwei-bis-drei-Minuten-Punk-Tiraden verdichtet er seine Gedanken so stark, dass ihm meist nur eine Zeile genügt, um eine ganze Generation – dieses Mal würdig – zu beschreiben.

Wer gebraucht wird, ist nicht frei / Wer braucht, wird niemals frei sein“ und „Ganz egal, welchen Weg wir wählen / Nur die Momente sind es, die zählen.“ Für die Außenwirkung mag da ein baumlanger angepisster Punk am Mikro stehen, im Herzen jedoch sitzt hier ein Rapper, so sehr und hervorragend wie etwa bei „Weißt nur was du nicht willst“ kluge Punchlines mit diversen Schichten und Ebenen mit den melodischen Leads und dicken Midtempo-Grooves harmonieren. Weitere Beispiele gefällig? „Und zwischen den Verträgen / Sucht jeder das Leben“ („Überall„) oder „Nichts ist brutaler als Moral / Die nur sich selbst genügt“ („Lasst es ihre Entscheidung sein„). Wiebusch verkopft hier (noch) nicht, textet nicht zur reinen Selbstgefälligkeit, sondern bleibt mit beiden Füßen auf der dreckigen Straße.

Für die Kleinkinder der Achtziger, die nur allzu gern und aus lauter Trägheit vom Gartenzaun aus die Welt verändern wollen, sind Bands wie …But Alive Mitte der Neunziger die Stimme der Vernunft und Menschlichkeit. Eine Stimme, der im AJZ alle folgen konnten, die den ganzen rechtskonservativen, heute verdammt AfD-nahen CDU-Dreck der Neunziger genauso ablehnten wie den dogmatischen DDR-Schwachsinn der KPD-Deppen und die abgrenzenden Political Correctness-Pamphlete der Autonomen. Denn „nichts ist schwarz-weiß“ und wenn du vergisst, wo du herkommst, wirst du dich selbst verlieren. Wiebusch wusste das und setzt seine Kraft auf die Liebe: „Es kommt nur auf dich und mich an / Und dann ist der Rest der Welt dran“ („1 + 1= 3„) und ganz besonders im wohl schönsten Refrain des Albums: „Mich interessiert nicht, was du weißt / Sondern nur, woran du glaubst / Mich interessiert nicht, was du hast / Sondern nur, was du brauchst“ („Keine Gegensätze„).

„Nicht zynisch werden?!“ mag zwar kein allumfassender Meilenstein sein, ist jedoch mit seiner Kompaktheit und dem zwischen den Rumpel-Rhythmen sorgsam versteckten Pop-Appeal eines der lyrisch größten deutschsprachigen Alben der Neunziger, stetig vibrierend zwischen dem naiven Hunger der Jugend und der wachsenden Selbsterkenntnis eines Dichters und Denkers. In jenen Zeiten profitieren neben …But Alive auch die Ska-Kollegen von Rantanplan und Slime für ihr Opus Magnum „Schweineherbst“ von Wiebuschs Einfluss.

Dennoch ist die Weiterentwicklung – oder besser: das Erwachsenwerden – freilich weder lyrisch noch musikalisch aufzuhalten. Bereits beim dritten, zwei Jahre darauf erscheinenden …But Alive-Album „Bis jetzt ging alles gut…“ schleichen sich Indie-Rock-Anleihen zwischen Wiebuschs immer kryptischere und verschnörkeltere Zeilen und bilden beim vierten und finalen 1999er Werk „Hallo Endophin“ bereits des Rudels Kern. Ein Jahrtausend endet, und mit ihm auch …But Alive und deren Traum vom Kampf für Punk-Rock-Ideale. Der Weg für Kettcar, der Weg in die Linksliberalität, die Altbauwohnung und ins vermeintliche Glück war frei. Dass Marcus Wiebusch für die Veröffentlichung des Kettcar-Debüts „Du und wieviel von deinen Freunden„, welches damals keinen Vertrieb fand, gemeinsam mit Kettcar-Bassist Reimer Bustorff und dem damaligen Tomte-Frontmann Thees Uhlmann mit Grand Hotel Van Cleef ein eigenes Label aus der Taufe hebt, das auch heute, dreißig Jahre später, noch bestens floriert? Ist eine andere Geschichte (die jedoch vor allem beweist, dass man den Punker im Herzen nie so ganz gehen lassen sollte)…

Wenn es noch so bitter ist: Was bleibt, ist die Erkenntnis / Im Falschen nichts richtig, ob im Nehmen oder Geben / Dass wir alle nur eine Lüge leben / Und es muss mehr als das hier geben…“ („Natalie„)

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song(s) des Tages: PALE – „Bigger Than Life“ / „Man Of 20 Lives“


Das kam unerwartet: PALE, 2009 aufgelöst und zuletzt 2012 noch einmal für eine Abschiedsrevue auf der Bühne, werden Ende 2022 unverhofft ein letztes Album veröffentlichen. „The Night, The Dawn And What Remains“ ist dabei nicht nur der überraschende Nachfolger zum 2006 erschienenen „Brother.Sister.Bores!„, sondern wurde buchstäblich vom Leben geschrieben. Und wie wir wissen, sind die Geschichten, die das Leben schreibt, meist die schönsten. Aber eben oft genug auch die traurigsten…

Der 25. November 2019 ist der Tag, an dem sich alles ändert. Bei Gitarrist und Sänger Christian Dang-Anh wird ein Hirntumor entdeckt. Am selben Tag erhält Stephan Kochs, Schlagzeuger der Band und Bruder von Sänger Holger, ebenfalls eine Diagnose, die ihn dazu zwingt, sein komplettes Leben umzukrempeln, wenn er leben möchte.

Trotz aller Fassungslosigkeit und Sorge in dieser Zeit führen die zwei so eng beieinander liegenden Schicksalseinschläge dazu, dass die verschiedenen Bandmitglieder, die zwischen 1993 und 2009 bei PALE spielten, wieder den Kontakt zueinander suchen. Schnell entsteht die Idee, noch einmal gemeinsam Musik zu machen. Nicht, damit sie jemand jemals hört, sondern um gemeinsam nochmal die Zeit aufleben zu lassen, in der man gemeinsam so lebendig und endlos war. Nur Stephan Kochs muss aus gesundheitlichen Gründen bereits früh entscheiden, seinen Platz am Schlagzeug nicht mehr einzunehmen.

Trotz der intensiven Krebstherapien schreibt, spielt und singt Christian Dang-Anh auf neuen Songs, die gemeinsam mit nie da gewesener Leichtigkeit entstehen. Vielleicht würde man ja sogar noch mal einen Song gemeinsam veröffentlichen können, vielleicht noch einmal zusammen auf Tour gehen? Doch die Endlichkeit wird schmerzhaft bewusst, als Dang-Anh im Mai 2021 mit nur 45 Jahren den Kampf gegen die Krankheit verliert.

Die verbliebenen PALE-Mitglieder Holger Kochs, Jonas Gervink, Philipp Breuer und Jürgen Hilgers entscheiden sich dazu, die noch gemeinsam begonnenen Aufnahmen abzuschließen. Insgesamt stecken über zwei Jahre Arbeit und Liebe in den Songs, welche bereits in dem Bewusstsein entstanden, dass es die letzten sind, die sie jemals zusammen schreiben werden. Am 25. November 2022 – wie der (freilich nicht existierende) Zufall es will auf den Tag genau drei Jahre nach den beiden Diagnosen – wird das fünfte offizielle – und definitiv letzte – Album der Aachener Band erscheinen: „The Night, The Dawn And What Remains“, welches ab sofort über Grand Hotel van Cleef auf Vinyl, CD sowie als Bundle vorbestellt werden kann, ist eine Feier des Lebens und dessen, was war.

„Bigger Than Life“ und „Man Of 20 Lives“, die ersten beiden Vorgeschmäcker daraus, sind Christian Dang-Anh und Stephan Kochs gewidmet. Das soul-poppige „Bigger Than Life“ ist als berührender Abschied an Dang-Anh zu verstehen und gleichzeitig ein „Versprechen, seine Erinnerung für immer zu wahren“. Keine traurige Ballade, sondern ein vor Gitarren, Klavieren und Bläsern pulsierender kleiner Hit. Mit klassischem Indie Rock in „Man Of 20 Lives“ wendet sich Texter und Sänger Holger Kochs an seinen älteren Bruder: Es ist ein „Danke an den, der immer voran geht, mit dem man aneinandergerät und trotzdem immer liebt. Für den, der überlebt hat.“ Es sind zwei Musik gewordene Denkmäler, für Freundschaft und Liebe. Und obwohl die verbliebenen Bandmitglieder in Aussicht stellen, dass man für „Anfang 2023“ sogar noch ein (allerallerletztes?) Konzert plane, stellt der Pressetext als formvollendetes Schlussstatement noch einmal klar: „Das ist keine Reunion, das ist die verdiente Ehrenrunde.“

Hier gibt’s das Video zu den ersten beiden Songs des PALE’schen Abschiedsalbums. Es empfiehlt sich, selbige mit Kopfhörern, Vollbild und sieben Minuten Zeit zu genießen.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Muff Potter – Bei aller Liebe (2022)

-erschienen bei Huck’s Plattenkiste/Indigo- 

Auch wenn diese Zeilen schon zu Beginn schamlos erste Kalauer verbraten: Wenn sich Herzensbands wie Muff Potter nach (viel zu) langer Abwesenheit zurückmelden, ist das neben freudigem inneren Sackhüpfen auch ein Tanz auf der Rasierklinge, schließlich betrieb der 1993 gegründete Vierer aus Rheine im Münsterland bereits im Jahr 2000 mit den „Bordsteinkantengeschichten“ höchstes rumpelig-emotionales Lattenmessen, während „Heute wird gewonnen, bitte“ oder „Von wegen“ auch heutzutage noch absolute Referenzwerke für viele Bands der aktuellen deutschen Punk-Rock-Szene darstellen. Doch Pläne und Lebenswege jenseits von Konzertbühnen und Studiotüren harmonierten bereits bei den darauf veröffentlichten Platten „Steady Fremdkörper“ und „Gute Aussicht“ immer weniger gut, sodass die 2009 erfolgte Trennung nahezu unvermeidlich erschien – und mit ihr viel zu viele Lenze ohne potterschen Fahrtwind durch die bundesdeutsche Musikszene rauschen ließ. Immerhin gab es während dieser Zeit so einigen inspirierenden Lesestoff von Sänger Nagel, der fortan als gleichsam vom Feuilleton gelobter wie kommerziell erfolgreicher Buchautor Thorsten Nagelschmidt unterwegs war. Und schließlich, 2018 und 2019, dann wieder Konzerte – auf einmal! Und bei den seligen Anwesenden dies- wie jenseits der Bühne eine übergroße Portion Gänsehaut, denn gefühlt schien alles wie früher – und dann doch nicht: Gitarrist und Co-Vokalist Dennis Schneider („Wir sitzen so vorm Molotow„, „Bis zum Mond„) stieg kurz nach jener Reunion aus, Felix Gebhard (Home Of The Lame, Hansen Band, Einstürzende Neubauten) heißt der neue kreative Mann an den Saiten. Dementsprechend dürften zittrige Hände und ein aufgeregt hüpfendes Hörerherz bei nicht wenigen die ersten Begleiter beim Lauschen von diesem nun tatsächlich realen, achten (oder wahlweise neunten) Album namens „Bei aller Liebe“ sein.

Vorab: Muff Potter 2022 sind freilich nicht (mehr) Muff Potter 2009, denn 13 Jahre sind nicht nur im Lebensalltag, sondern auch – und vor allem – im immer schnelllebigeren Pop eine schiere Ewigkeit. Die gute Nachricht dürfte sein, dass diese neuen zehn Songs, welche die 2020 veröffentlichte Comeback-Single „Was willst du“ außen vor lassen, das Quartett vielleicht relevanter denn je machen. Und das liegt wohl zunächst einmal an der Zeit, in der wir leben: Kriege, rasant wachsende soziale Ungerechtigkeiten, Völkerrechtsbrüche an den EU-Grenzen, das Schlittern von der Corona-Ohnmacht in die weltpolitische Krise, allerlei psychische Belastungen und Zukunftsängste. Und an der Fähigkeit der Band, jene Themen intelligent zu spiegeln. An den lyrischen Knallkörpern, die Nagelschmidt unter nahezu jeden Song legt. Hier und da mag die Zündschnur bewusst verschütt gehen, doch wehe die Hirnsynapsen funken wie etwa in „Flitter & Tand“, wenn Nagelschmidt – inklusive feinem Fugazi-Zitat – die Abhängigkeiten der Social-Media-Selbstvermarkter und das rückgratlose „Weiter, immer weiter!“ auf der Karriereleiter zynisch auf den Punkt bringt: „Warum tun wir uns das an? / Wir sind die freisten Menschen / Die freisten Menschen, die wir kennen“. Zu gut ebenso die m Blumfeld-Stil vorgetragene Müßiggang-Fantasie „Ein gestohlener Tag“. Das Stück beginnt inmitten zelebrierter Prokrastination als beinahe poetischer Gegenentwurf zum „Höher, schneller, weiter!“-Wahn da draußen. Der Refrain hebt die Faust mitsamt feierlichem Chor und Bläser-Fanfare, welche überleitet zum ausladenden, berstenden Post-Punk-Soundsturm-Finale. Nach fast acht Minuten bleibt nur noch das an LSD-Pabst Timothy Leary angelehnte Mantra im Ohr: „Turn on! / Tune in! / Drop out! / Sign out! / FUCK OFF!“. Und wohl nicht wenige Münder offen.

An vielerlei Stellen mag sich die Potter’sche Bandpause hörbar bemerkbar machen, keinesfalls jedoch ein Bruch. Das hier sind Muff Potter, nur reifer und freier aufspielend. „Angry Pop Music“ von Ex-Dorfpunks, nur eben irgendwo im dichten Spannungsfeld zwischen Punk Rock, Post Punk, Power Pop, Indie Rock, Spoken Word und Bläsern und somit ohne irgendwelche gottverdammten Zwänge. Auch, weil die veritable Schriftsteller-Karriere von Sänger und Gitarrist Thorsten Nagelschmidt mit (s)einer Handvoll Romanen in der Vita logischerweise stärker in die Band hineinwirkt. So beginnt etwa der Opener „Killer“ zur Gitarre von Bushs „Glycerine“ literarischer denn je mit Großstadt-Beobachtungen, am Ende verbinden sich die Fragmente zu einem gesellschaftlichen Wir, für das ein Chor die große Frage stellt: Wie wollen wir leben? Darin steckt der gleiche soziale Sprengstoff wie in Nagelschmidts 2020er Roman „Arbeit„, an den „Bei aller Liebe“ nun als bislang politischste Muff-Potter-Platte anschließt.

Mit ganz ähnlicher Eckzahnstellung wie „Ein gestohlener Tag“ beißt der tolle Postpunker „Hammerschläge, Hinterköpfe“ fest zu und reiht zu Dominic Laurenz‘ pulsierendem Bass und wuchtigen Stoner-Gitarren, welche Kristof Hahn von Swans beisteuerte, aus Freude am Surrealen gleich ein dutzend neoliberale Schlaumeie… äh, …lindnereien aneinander: „Wenn jeder an sich selbst denkt / Ist an alle gedacht“. Nein, Muff Potter 2022 klingen – im besten aller Sinne – nicht wie jene Muff Potter bis 2009. Wer denn unbedingt eine Referenz haben mag, der darf gern an Thees Uhlmanns jüngsten Output denken (und nicht zufällig ist der Ex-Tomte-Frontmann vor einiger Zeit ebenfalls unter die Schriftsteller gegangen). Was Punk irgendwann einmal war (oder noch ist), spielt fürs Klangliche von „Bei aller Liebe“ kaum eine Rolle. Kein Re-Start nach Schema „F“, welches dieser Band ohnehin meist fremd war. Die Kompositionen sind manchmal verspielt, manchmal straight, immer wieder auch mit fein getakteten Hakenschlägen versehen, die beides kombinieren. Der Sound ist durchaus vielschichtig, wie etwa die bereits erwähnte Auskopplung „Flitter & Tand“ beweist: das leicht entrückte, energische Stampf-Schlagzeug, nach wie vor bedient von Grüdnungsmitglied Torsten „Brami“ Brameier, ein markantes Gitarrenriff, ein nachhakender Refrain. Wenn dieses Werk wirkt, dann eines nicht: verkopft. Es geht durchaus auch leichtfüßig zu wie im leichtfüßigen „Ich will nicht mehr mein Sklave sein“, im tollen „Wie Kamelle raus“ oder der kleinen Indie-Hymne „Der einzige Grund aus dem Haus zu gehen“, den selbst der „Smalltown boy“ ab und zu findet. Frei aus der Hüfte auch der innerhalb von 72 Sekunden zackig ausgespiene Diss jener Marktliberalen in „Privat“, die sich jeden Tag alles krallen, was geht, weil sie es eben kaufen können – und weil unsolidarisch sein im Land des Nudel- und Klopapierhamsterns eher Tugend denn Makel ist.

Der hymnische Schlusspunkt „Schöne Tage“ vereint in sechs Minuten und vierzig Sekunden eigentlich alles, was Muff Potter immer ausmachte. Und auch etwas anderes scheint noch ganz wie früher: Nagelschmidt nennt die Dinge beim Namen, wie man es sollte (und wohlmöglich sogar noch etwas weniger kryptisch als damals). Er packt seine Beobachtungen in vordergründig simple aber vielsagende Worte, die man genau so auch wählen würde, wenn man denn könnte. Formvollendet im prosaischen „Nottbeck City Limits“, diesem epischen Neun-Minuten-Manifest, welches „Die Internationale“, Paul McCartney oder Bertolt Brecht zitiert und das die Ausbeutung und Ausgrenzung osteuropäischer Arbeiter*innen in der westdeutschen Billigfleisch-Produktion in ihrer boden- wie skrupellosen Selbstverständlichkeit fesselnd und en detail beschreibt. Und das diesen beschämenden Zustand, der jegliche Moral mit Füßen tritt, versucht zusammenzubringen mit dem im Außerblick machmal wohl etwas selbstverständlich erscheinenden, privilegierten Leben von Künstler*innen und allen, die eben nicht fernab der Heimat ihre paar mickrigen Kröten mit einem Kilo Presswurst verdienen müssen. Wenn diese beiden Welten durch dieselben Augen versuchen übereinzukommen, dabei die brutale Hackordnung unserer Gesellschaft offenlegen, von Gewinnern des Kapitalismus und den viel zu vielen Verlierern, ist das in der schonungslosen Konfrontation vor allem eines: verstörend. Und bewegend bis zum Anschlag. Den Kalauer zum Schluss? Gibt’s sicher woanders.

Vereinzelung, Massentierhaltung, Wut, billige Populismus-Parolen, Konformität, globalkapitalistische Verwerfungen – aus alten Fragestellungen und neuen Antworten haben Muff Potter die vielleicht aufregendste, vielstimmigste Musik ihrer Karriere destilliert, die recht wenig auf das Aufwärmen alter Gefühle oder den nostalgischen Blick zurück gibt. Mit ihrem auf dem bandeigenen Label Huck’s Plattenkiste erscheinenden Langspieler „Bei aller Liebe“, welcher zu großen Teilen live im Studio Nord Bremen entstand (und damit genau an jenem Ort, wo in einer anderen Zeit in einem anderen Leben das allererste Muff-Potter-Album gemastert worden war), hat das Quartett einen neuen, alten Raum für sich und andere gefunden. Ein Raum, in dem die Möglichkeiten von nun an schier unendlich erscheinen. Jenseits von jedem und offen für alle. Ein wohlig-kantiges Brett in einer langsam zerfließenden Welt, voller Energie und Zorn und klugen Alltagsbeobachtungen. They never come back? Von wegen!

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Blaufuchs – „Mauern“


So tönt es wohl, das durchaus gelungene Beispiel dafür, wie eine Band ihren Unmut der letzten Jahre, die ja vor allem durch eine beschissene Pandemie und eine damit verbundene – gefühlt elendig lange – auftrittsfreie Zeit geprägt waren, in kämpferische und mitreißende Klänge verwandeln kann: „Daran wird es nicht scheitern“, erschienen auf Aggressive Punk Produktionen (ein Fakt, den man nicht wirklich zur klanglichen Einordnung nutzen sollte), das Debütalbum der Hildesheimer Punkband Blaufuchs, die hier zwar ein ums andere Mal gekonnt über Genregrenzen springt, jedoch politisch ganz genau weiß, wo sie steht.

“Die Pandemie hat uns natürlich zurückgeworfen, aber wir sind wahnsinnig froh endlich wieder auf Tour zu gehen und das Album mit der Welt teilen zu können. Das ist es, wofür wir diese Band gegründet, haben: ein Ausbruch aus dem Alltag.“ (Johannes König)

Zudem scheuen sich Frontmann Johannes König und seine Bandmates nicht davor, persönlichere Töne anzuschlagen. Fast schon beruhigend wirken die ehrlichen Worte: Es ist ok, noch auf dem Weg nach irgendwohin zu sein, sich noch nicht angekommen zu fühlen und natürlich auch, ab und an mal zu scheitern. In seinen besten Momenten reißt das Album mit und ermutigt dazu, nicht zu kapitulieren, sondern zu kämpfen – und zwar zusammen! So wirken etwa bei „Keine Angst“ Joshi von ZSK und Rodi von 100 Kilo Herz mit und erinnern daran, dass wir nicht allein sind mit unserer Wut auf den ganzen rechtspopulistischen und reaktionären Bullshit (pardon my French), der zwar mit jedem Tag verrückter scheinen mag, jedoch einfach nicht in irgendeinem gottverdammten bodenlosen Loch verschwindet. Diese klare Kante, welche sich durch alle zehn Stücke zieht, unterstreichen bereits die ersten Sekunden des Intros, das mit einem Drehen am Radio-Empfänger daherkommt und verschiedene Satzfetzen zwischen Nachrichtenmeldungen über rechte Anschläge und Greta Thunbergs populäres „How dare you?“ zum Besten gibt. Da scheint fast schon absehbar, dass sich das krachende „Schöner Tag“ selbst Lügen strafen wird, bevor „Unterwegs“ hymnisch übernimmt und „Scheitern“, bei dem mit Cosmo Thunder anderer langjähriger Freund und Wegbegleiter mit von der Partie ist, zunächst ruhigere Töne anschlägt. Direkt darauf macht „Verpasst“ wieder ordentlich Tempo und räumt mit dem Irrglauben auf, dass „Ich liebe dich“ die drei wichtigsten Worte im Leben seien, sondern vielmehr „Wir müssen reden“. Da ist was dran? Da ist was dran. Akustische Gitarren erwarten alle geneigten Hörer*innen dann beim ruhigen „Dilemma“, wohingegen das selbstreflektierende „Fischer“ erneut in die Vollen geht. Derweil leihen die Hannoveraner Ska-Punks von Wisecräcker dem druckvollen „Angekommen“ eine Trompete, ehe das finale „Mauern“ mit viel kämpferischem Schmackes (und einer Geige!) gegen Fremdenhass und Krieg anspielt – aktueller geht’s leider kaum.

Freilich darf man sich alles in allem durchaus daran reiben, dass die Blaufuchs’schen Songs oftmals im einfach gestrickten, eingängigen Emopunk-Gewand daher tönen, andererseits ist ebenjenes aber so effektiv, dass man sich ihm kaum entziehen kann, während der Gesang rüberkommt wie ein Kreuz aus Farin Urlaub und Thees Uhlmann und die Band dahinter munter ballert und drückt wie Matula oder Captain Planet. Auf ihrem Label Aggressive Punk Produktionen nehmen Blaufuchs als klangliche Schnittstelle zwischen Punk Rock und Indie Pop zwar eine musikalische Sonderstellung ein, passen aber durch ihr antifaschistisches Engagement dennoch bestens zwischen Kapellen wie Alarmsignal, Fahnenflucht oder Missstand. Neben politischen und gesellschaftlichen Themen machen persönliche Geschichten und Songs, die sich gern mal den kleineren Aspekten des Lebens zuwenden, das Album aus. „Daran wird es nicht scheitern“ ist – wie der Titel ja schon andeutet – ein ebenso lautstarkes wie von optimistischen Hoffnungsschimmern durchzogenes, durchaus abwechslungsreiches Album, das jedoch nichts schönredet – und aus vielerlei Gründen nun auf den Konzertbühnen des Landes gehört werden sollte.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Husten – Aus allen Nähten (2022)

-erschienen bei Kapitän Platte/Cargo-

Mal Butter bei die Kiementiere: Kaum einer Band kann man – mal abgesehen von einem italienischen Eurodance-Act, der in den Neunzigern mit Liedern wie „The Rhythm Of The Night“ oder „Baby Baby“ recht erfolgreich war, da aber logischerweise noch nicht ahnen konnte, dass sein Name einige Jahre später einmal mit einer weltweiten Pandemie in Verbindung kommen könnte – marketingtechnisch weniger Gespür für potentielles Assoziationstum attestieren als Husten, denn der Bandname mutet, zumal in Corona-Zeiten, nicht besonders einladend an. Mainstream-Durchbruch? Druff jeschissen, Keule!

Andererseits war es auch eine durchaus spezielle Reise, die das Trio bis hierhin hingelegt hat, denn eine „Band“ im eigentlichen Sinne – mit Alben, Konzerten, sonstigen Verpflichtungen und allem PiPaPo – war so nie angedacht. Stattdessen schmissen die drei – Liedermacher Gisbert zu Knyphausen, Studiobesitzer und Produzent Moses Schneider (u.a. Beatsteaks, Tocotronic, Turbostaat oder Olli Schulz) und Tobias „Der dünne Mann“ Friedrich (ehemals Sänger von Viktoriapark) – anno 2017 eine erste, selbstbetitelte EP ins Rund und versprachen, dass es bei soviel Freude am ungezwungenen Musizieren fortan einfach nur eine EP pro Jahr geben sollte. Das hielt das Dreiergespann zunächst – für drei Jahre und ebenso viele Kleinformate – ein, doch irgendwann (also: jetzt) musste es dann wohl doch ein vollwertiges Album sein… Eine durchaus bemerkenswerte Entwicklung für eine Combo, die zunächst nur ganz nebenbei und ohne jegliche planerische Zwänge für andere Projekte ungenutzte Songideen verwerten wollte. Und wer den Werdegang von Husten in den vergangenen fünf Jahren mit aufmerksamen Ohren verfolgt hat (etwa via ANEWFRIEND), den dürfte kaum wundern, dass das Trio, dessen vielseitige Indie-Poppe-di-Rock-Melange sich nicht nur alphabetisch, sondern auch klanglich wie wirkungstechnisch bestens neben Kombos wie Die Höchste Eisenbahn ins Plattenregal sortieren ließe, seinem nun erschienenen Langspiel-Debüt „Aus allen Nähten“ nicht nur ein überaus farbenfrohes Cover-Artwork, sondern auch einen ebenso fantasievollen Pressetext voranstellt:

„Eigenartige, schmutzige Geschichten über Unglück. Ohne lange zu überlegen, griff Fushigi nach dem Album, dessen buntes Cover aus der Wand mit den Zeitschriften, Büchern und Schallplatten herausragte. Neben den japanischen Schriftzeichen konnte sie auf der Hülle auch die deutschen Worte Husten und ‚Aus allen Nähten‘ erkennen. Fushigi bezahlte und machte sich zuhause daran, die auf Vinyl versammelten Lieder zu erforschen.

Obwohl sie nur Bruchstücke der fremden Sprache verstand, träumte sie in der Nacht von der in einem Song beschriebenen Nahtoderfahrung, von dem Mann, der sich in einem anderen Lied in eine Vaterschaft hinein illusioniert, schreckte um Viertel vor drei hoch, weil sie sich sicher war, dass – wie auf Platte – eine Krankenschwester um diese Zeit anrufen würde. Später sah sie im Schlaf das gelbe Haus der Ausgestiegenen und durchlebte die in szenischen Miniaturen geschilderte tragische Lebensliebesgeschichte eines anonymen Paares. Hörte noch im morgendlichen Halbschlaf neben dem deutschen Sänger die Schweizerin Sophie Hunger nachhallen. Sofort nach dem Frühstück recherchierte Fushigi und fand heraus, dass ‚Aus allen Nähten‘ nach vier EPs das erste Husten-Album war.

Warum es ein unglücklicher Zufall in dieser an Zufällen und glücklichen Unglücken so reichen Band-Geschichte war, dass deren Mitglieder Moses Schneider, Gisbert zu Knyphausen und der dünne Mann sich 2019 entschlossen hatten, ihre Tour 500 Tage im Voraus anzukündigen und die Pandemie daraus über 1.200 Tage zwischen Mitteilung und Konzertbeginn machte. Sie erfuhr von der anfänglichen fluxusartigen Liederresteverwertung der Musiker, die inzwischen einer live aufnehmenden Band gewichen war. Doch kreidebleich wurde Fushigi erst, als sie las, dass jemand sie selbst ausschließlich für das Info der Band erfunden hatte.“

Etwas spinnert, aber durchaus mit jeder Menge Herz, Hirn und Hintersinn, das Ganze, oder? Und dennoch nicht für alle und jede(n) gemacht, denn bei aller Sympathie darf man guten Gewissens mutmaßen, dass Husten-Songs nie im Nachmittagsprogramm irgendeines Formatradios stattfinden werden. Schlimm? Isset nich‘, Keule. Vielmehr machen Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen (nur echt mit eigenem Familienlandsitz in Eltville-Erbach im hessischen Rheingau!), Moses Schneider und Tobias „Der dünne Mann“ Friedrich mit wuseliger Vielschichtigkeit und kreativer Eleganz auch 2022 ganz ihr eigenes Ding.

Selbige – die Vielschichtigkeit, die Eleganz – legt schon der bereits im April 2021 veröffentlichte Opener „Weit leuchten die Felder“ mit seinem hypnotischen Streicher-Arrangement und dem gedehnten, leicht heiseren, vertrauten Gesang an den Tag, und berichtet dramatisch von einer Nahtoderfahrung. Rhythmus ist zunächst der pochende Herzschlag, die benannten Streicher setzen ein, zarte Elektronica übernimmt hintenraus. All das sprengt die Aufmerksamkeitsspanne der meisten Außer-Takt-Klatscher hierzulande längst. Kaum verwunderlich dürfte außerdem sein, dass bei „Aus allen Nähten“, welches nun einige bisher veröffentlichte Husten-Singles vereint (wie das benannte „Weit leuchten die Felder“, aber auch „Der hier wird weh tun„, „Maria„, „Manchmal träum‘ ich von Träumen“ und „Dasein„), hin und wieder ein wenig was von zu Knyphausens letztem Solo-Werk „Das Licht dieser Welt“ mitschwingt. Beim Abschluss „Am Ende der Stadt steht ein gelbes Haus“ zum Beispiel, von dessen warmer Strömung man sich gern tragen lässt und den detaillierten Beobachtungen lauscht, die am Ende aber doch abseitiger, faszinierender daherkommt als viele Songs des dritten, 2017 erschienenen Knyphausen-Albums.

Und auch die ruhigeren Momente legen nur scheinbar eine Fährte, denn „Aus allen Nähten“ ist definitiv ein Band-Album geworden. So darf der schöne Indiepopper „Wind in den Antennen“ rund um seinen Refrain durchaus etwas Dampf machen, welchen die Uptempo-Nummer „Maria“ dann komplett aufnimmt und auf diversen E-Gitarren-Soli davon rauscht. So viel Hingabe zum Rock’n’Roll, auch zu hören im geschickt inszenierten „Der hier wird weh tun“ oder beim beinah noisigen kleinen, so herrlich zerrissenen Hit „Manchmal träum‘ ich von Träumen“, hatte Knyphausens Songwriting seit Kid Kopphausen, seinem ähnlich feinen Projekt mit dem leider 2012 viel zu früh verstorbenen Hamburger Musikerkumpel Nils Koppruch, sowie seinem tollen 2008er Debütalbum nicht mehr.

„Wenn ich gefragt werde, was für Musik ich mache, sage ich, dass ich deutschsprachige Lieder schreibe, die mal ganz sanft und mal ganz krachig klingen. Zwar gibt es darin auch viele positive Gefühle wie Freundschaft, Liebe und Lust am Leben, aber ich habe schon einen Hang zu traurigen Liedern. Ich mag diese melancholische Atmosphäre in Songs.“ (Gisbert zu Knyphausen im Interview mit „RBB“ im Jahr 2021)

Dass man das Gerüst vieler Kompositionen dem gebürtigen Rheingauer Winzersohn zuordnet, der seit eh und je als einer der besten bundesdeutschen Troubadoure gilt, jedoch selbst nie allzu viel Aufhebens um das eigene Talent macht (und sich vielmehr gern kopfüber ins kreative Freispiel wirft – nachzuhören etwa auf „Lass irre Hunde heulen„, seiner im vergangenen Jahr veröffentlichten Werkschau von Franz Schubert-Stücken mit Pianist Kai Schumacher, oder dem Gastbeitrag zum jüngst erschienenen – und ähnlich superben – Nullmillimeter-Debüt „Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd„), ist natürlich kein Problem, sondern zugleich Wohlgefühl und gute Seele dieses Albums. Doch „Aus allen Nähten“ liefert nicht nur intime Momente und erzählt detailversessene Geschichten, es punktet auch immer wieder mit soundtechnischen Überraschungen. Dazu gehört weniger das zart besaitete Titelstück, das allein auf Stimme und Keyboard setzt und mit Zeilen wie „Hier ist jemand, dessen Liebe für dich platzt aus allen Nähten“ die immer greifbare Melancholie besonders gut verkörpert, aber ganz sicher der Hüftschwung, den „Ja im Sinne von Nein“ entfacht. Das Pfeifen aus dem Walde rauscht mit dem warmen Föhnwind herbei, bevor der Song als zweiminütige Anti-Hymne zu einem privat wie beruflich vorzeigbaren Instagram-Leben den süffisanten Tanz-Pogo zündet: „Wie sagt man nochmal ‚Ich kündige!‘ / Statt bloß ‚Ja‘ im Sinne von ‚Nein‘ / Ich möchte einfach wieder endlich einmal sein / Und zwar allein.“ – „Sag alles ab“ hätten die Hamburger-Schule-Rocker von Tocotronic hier vermutlich kommentiert, womit wir beim zwischen bewegend und berührend changierenden „Dasein“ mit der – ähnlich wie bei Knyphausen – eh dauertollen Sophie Hunger wären, gemeinsam mit Tocotronics „Ich tauche auf“ das wohlmöglich schönste Duett der jüngeren deutschsprachigen Musikgeschichte. Laut dem Label sei es „die in szenischen Miniaturen geschilderte tragische Lebensliebesgeschichte eines anonymen Paares“, zu welchem die Band zu berichten weiß: „Als sie am Tag der Aufnahme, einem hellen Wintervormittag, die Straße entlang gewippt kam, bester Laune, sang Sophie bereits die ersten Zeilen und grinste uns an: ‚Das wird künftig bestimmt viel auf Beerdigungen gespielt.'“ Traurigschön. Von alledem wird die tumbe Forster-meets-Giesinger-Formatradio-Zielgruppe jedoch kaum etwas mitbekommen…

Apropos „traurigschön“: Gisbert zu Knyphausens Ziel beim Songschreiben sei es – und hier wird eine Parallele zu seinem erklärten US-Vorbild Conor Oberst (Bright Eyes) deutlich -, „den eigenen Weltschmerz in kunstvolle Worte zu packen und in intensive Songs zu gießen“. Beides ist dem umtriebigen Musiker mit seinen beiden Husten-Buddies auch auf 45-minütiger Albumlänge dezent herausragend gelungen, wenngleich dem Bandnamen ein besseres Timing gewünscht gewesen wäre. Nichtsdestotrotz macht „Aus allen Nähten“, diese auf wundersamen (Um)Wegen entstandene Platte, traurig und glücklich zugleich – muss man auch erstmal hinbekommen.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: How I Left – „Continental“


Inmitten der süddeutschen Provinz, dort wo kleine Trauben zu köstlichen Wein werden, lassen How I Left ihren ganz eigenen und wohltuenden Sound for Lovers entstehen – diesen How I Left-Sound, der ganz besonders in den Bäuchen von Freunden der Songs der Weakerthans, von Wilco oder Ben Kweller ein wohltuendes Gefühl auslösen dürfte… 

Wer’s knapp mag, der könnte es gut und gern so zusammenfassen: leicht verpennter Slacker Folk trifft auf eingängigen Indie Pop. Gemütlich rumpeln Schlagzeug und Bass, darüber lockere Gitarren, ein altes Klavier und die Philicorda-Heimorgel vom Sperrmüll. Sobald der Gesang einsetzt, fragt sich das geschulte Ohr, wann bitteschön denn hier in trauter Beschaulichkeit die Stimmfusion von Paul Simon, Neil Young und Conor Oberst stattgefunden hat. Die Texte erinnern an American Short Stories – Alltagssituationen, kuriose Schlagzeilen und zwischenmenschliche Begegnungen verschmelzen zu literarischen Miniaturen. Eigensinnig? Sicherlich, doch dafür auch mit einer Prise Esprit.

An der Oberfläche verfügt „Birds In The City„, das Debüt von Julian Bätz und Michy Muuf, zudem über eine in sich ruhende Leichtigkeit: Bätz schlägt die Saiten seiner Akustikgitarre genauso behutsam an, wie er seine an die im oberen Absatz genannten Herren erinnernde Stimme einsetzt; Muufs am Jazz geschultes Schlagzeugspiel verliert seine Sanftmut auch dann nicht, wenn er, wie in „Master Of Arts“, das Tempo anzieht. Ihre Gelassenheit bedeutet jedoch längst nicht, dass es der Band an Emotionalität fehlt – die E-Gitarren von „On / Off“ klingen mindestens so stimmungsvoll wie bei The Clientele, während der Raumklang mit hörbar surrenden Mikros für eine intime Atmosphäre sorgt. Details wie diese mischen die ansonsten homogene Platte deutlich auf. So wie die summenden Bassläufe wandern hier und da subtile Klänge und Geräusche in den Vordergrund. In „Apples“ sind es etwa Schichten aus flimmernden Gitarren und leisen Tönen, die im ersten Moment nicht alle mit einem Instrument zusammenzubringen sind. Oder die Orgelakkorde in „Kids“, zu denen manchmal – fast wie zufällig – ein paar geklimperte Klaviertöne dazukommen. Der vermeintlich beste Part der Klangkulisse: die Trompeteneinsätze, welche entweder so klassisch warm wie bei den großen Neutral Milk Hotel klingen oder sich auf „Tools“ dissonant überlagern. Unter der ruhigen Oberfläche dieses Albums herrscht also unterm Strich deutlich mehr Chaos als es zunächst scheint. Mächtig was los in der süddeutschen Provinz…

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: