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Song des Tages: August August – „Wahnsinn“


„Glaubst du immer noch daran, dass ein Fallender sich selbst fangen kann?“

Zeilen wie diese und der Titel ihres für Februar 2022 angekündigten zweiten Albums „Liebe in Zeiten des Neoliberalismus“ lassen vermuten, dass in „Wahnsinn“, einer beatlastigen Hymne mit Sogwirkung und nach „Kaputt + Kein Hunger“ zugleich die zweite Auskopplung aus dem Nachfolger zum 2016er Debüt „Sag Du„, nicht zuletzt die Frage nach der mentalen Gesundheit in einem kranken System verhandelt wird. Eine gleichsam phantastische wie poetische Reise durch unsere Vorstellungen von Realität und Einbildung, Authentizität und Verstellung, Reflektion und Verzerrung, normal und verrückt, oben und unten, wahr oder falsch… Darauf angesprochen antworten August August mit einem Zitat von Albert Einstein: „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“

Aber auch philosophische Themen scheinen die Band, bestehend aus Kathrin Ost, die auch als Schauspielerin im Theater und TV arbeitet, und dem Berliner Gitarristen David Hirst, zu beschäftigen: Formen wir die Kategorien nach den Menschen oder die Menschen nach unseren Kategorien? Bist du am Ende der Mensch geworden, der du sein wolltest oder der, für den dich alle immer gehalten haben? Hat Wahnsinn einen Sinn? Was passiert, wenn die Fremdzuschreibung zuschnappt?

All diese Fragen kann man im Subtext der Liedzeilen heraushören – wenn man denn möchte. Denn was ihre Songs bedeuten sollen, diese Feststellung überlassen August August ihrem Publikum. „Wir geben keine Bedienungsanleitung zur Kunst“, verrät Sängerin Kathrin Ost. „Das finde ich auch einen ganz seltsamen Anspruch. Kommt das daher, dass wir gewohnt sind, alles einer Verwertungslogik zu unterziehen? Ich glaube, wir sollten auch mal aushalten, dass es nicht sofort oder nicht immer nur eine Antwort gibt. Es ist dann sicher oft komplizierter, aber auch aufregender und, wie wir finden, auch wahrhaftiger!“

Musikalisch entfaltet „Wahnsinn“ einen ähnlich epischen Drive, wie er beispielsweise bei den US-Rockern The War On Drugs oder den Wave-Göttern von The Cure zu erleben ist. Ein treibender Drum-Groove trifft auf trockenen E-Bass, der, ergänzt durch träumerisch anmutende Gitarren- und Synthie-Akkorde, eine sogartige Wirkung entfaltet. Hat man so ähnlich vor einiger Zeit auch schon von den leider sträflichst zu kurz gekommenen Karpatenhund gehört, klingt jedoch keineswegs wie eine bloße Kopie.

Für das Musikvideo zum Song haben August August – ganz indie’esk – erneut selbst Regie und Produktion in die Hand genommen. Herausgekommen ist ein psychedelischer 3-Minuten-und-45-Sekunden-Trip. Da wird in Lederjacke Bassgitarre gespielt und die Physik scheint außer Kraft gesetzt. Dinge fallen von unten nach oben, Personen und Ebenen verschwimmen miteinander, es stehen zeitweise gleich zwei Monde am Himmel und das Karussell dreht sich mit uns schier endlos weiter.

Das Indie-Pop-Duo aus Hamburg und Berlin legt mit diesem als auch weiteren Titeln ihres kommenden Albums „Liebe in Zeiten des Neoliberalismus“ einen durchaus international klingenden Indie-Sound vor, der in der deutschsprachigen Popwelt – noch dazu mit weiblichen Leadvocals – bislang eher selten zu finden ist und inhaltlich wie musikalisch nah am Puls der Zeit hantiert.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Baker Seats – „Pancake Sinatra“


Das Musikvideo katapultiert einen anhand allerlei optischer Impressionen zurück ins Jahr 1975, während die Musik selbst Erinnerungen an die seligen Indierock-Neunziger wachruft. Klares Ding, „Pancake Sinatra“ (dessen Titel wiederum wohlmöglich von diesem recht amüsanten Schnappschuss von Ol‘ Blue Eyes beim Schnabulat eines Bergs US-amerikanischer Plinsen inspiriert wurde) tönt verdammt gefällig!

Wer also steckt hinter der Band, die sich da Baker Seats nennt? Nun: Helge Jensen (Gesang), Jan Misdorf (Gitarre), Matthias Frank (Gitarre, Bass) und Timo Köhler (Schlagzeug) – vier Typen, die anscheinend zwar ihre Abneigung gegen Bandfotos und eine ausführliche Bandbio verbindet (zumindest hüllen sich Google und Co. vornehmlich in Schweigen), denen man in der Vergangenheit jedoch bereits in Bands wie Escapado, Grand Griffon oder The Creetins über den gen Punk Rock und Hardcore tönenden Weg laufen durfte. Und die nun eben unter dem Namen Baker Seats gemeinsame Sache machen. Let the music do the talking und so… Die beiden bisherigen EPs gibt’s – wie auch „Pancake Sinatra“ – via Bandcamp als „name your price“, für September ist mit „Pharisees“ ein erster Langspieler angekündigt. Und ist hiermit notiert. 🤘

Rock and Roll.

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Song des Tages: Thomas D & The KBCS – „Show“


Auch Thomas D machte aus der zwangsläufigen Corona-Konzertpause seiner Stammband, Die Fantastischen Vier, eine Tugend und erfüllte sich auf dem M.A.R.S. einen schon etwas länger gehegten Wunsch…

Und all jene, denen jetzt vorschnell die Wut zu Kopfe steigen mag ob eines weiteren Milliardärs mit zu prallem Bankkonto und zu viel Langeweile, der seine Kohle für einen Flug ins Weltall verprasst, dürfen beruhigt ausatmen – zum einen mag Thomas „D“ Dürr zwar gemeinsam mit seinen Bandkumpels Smudo, Michi Beck und And.Ypsilon seit der Gründung des Stuttgarter HipHop-Viergespanns Ende der Achtziger durchaus amtliche Erfolgswellen verursacht haben, sein Kontostand dürfte jedoch mit dem eines Jeff Bezos, Richard Branson oder Elon Musk trotzdem keineswegs mithalten können. Zum anderen handelt es sich beim M.A.R.S. um das Domizil des überzeugten Veganers und Tierschützers in der Eifel, dessen Lage am Fuße eines erloschenen Vulkans sich fast schon als „magisch“ umschreiben ließe (wer’s noch prosaischer mag, der könnte nun aufführen, dass dort anstatt von Lava nun eben die Kreativität fließt). Fast schon logisch, dass einer wie Thomas D sich an solch einem Rückzugsort auch ein eigenes Musikstudio einrichtet… einen musikalischen Mars, sozusagen. Und ebendort reifte in ihm der Wunsch, seinen Rap – abseits der großen Bühnen – mal wieder intim auf Platte zu bringen und in einer musikalisch veränderten Form – abseits der Fanta 4 – zu performen. Eine Rückbesinnung auf die Wurzeln seiner eigenen Musik, die zwischen 1997 und 2013 auf immerhin fünf Solo-Alben erschien, aufgrund des normalerweise recht gut gefüllten Fanta 4-Terminkalenders in den letzten Jahren jedoch immer öfter in den Hintergrund geriet. Weitere Inspiration erhielt er, als ihm 2019 eines Nachmittags eine Platte der Hamburger Band The KBCS in die Hände fiel. Völlig geflasht von ihrem fast schon hypnotischen Instrumental-Sound, von ihrer Energie und dem Willen, der eigenen Kunst einen frischen Anstrich zu verpassen, macht der 52-jährige Musiker die Band ausfindig und lädt das Quartett zu gemeinsamen Sessions auf seinem M.A.R.S. ein, bei denen schnell klar wird: das bundesdeutsche Hippe-di-Hopp-Urgestein und die hanseatische Soul-, Funk- und Jazzband funktionieren einwandfrei zusammen. Und da alles Schöne ja umso schöner wird, wenn man’s teilt, kann man das Ergebnis nun auf den „M.A.R.S Sessions“ nachhören.

Und tatsächlich entpuppt sich der Schulterschluss von Thomas D mit The KBCS als durchaus mitreißende Elefantenhochzeit, obwohl der wortgewaltige Rapper und die virtuos groovenden Instrumentalisten hier überwiegend leisere Töne anschlagen. Dies bedingen bereits die elf für „M.A.R.S Sessions“ ausgewählten Songs aus dem Repertoire des Frontmanns, der abseits seiner musikalische Pfade seit Juli 2013 etwa auch die Kurzinformationssendung „Wissen vor acht – Natur“ im Ersten moderiert. Und kleiner Schnitt ist bei dem gelernten Frisör (true story, that) nicht – textlich fährt Thomas D hier einige der eindringlichsten Messages seines Œuvres auf, andererseits geraten die lauten Momente, die es definitiv auch gibt, ebendeshalb umso intensiver.

Das Quintett schreitet mit meditativ-warmem Vintage-Sound lässig zwischen Resignation und Kampfgeist (man höre das melancholische „Show“, dessen Original anno 2013 Teil des bisher jüngsten D-Soloalbums „Aufstieg und Fall des Tommy Blank“ war), gedankenschwer philosphischen („Neophyta“ vom 2008er „Kennzeichen D“ mit leiser Reggae-Note) und schlicht gut gelaunten Momenten einher (der unbeschwerte D-Klassiker „Rückenwind“ vom 1997er Debüt „Solo“ steht den Fanta 4 dabei wohl am nächsten), die bestenfalls mal für Gänsehaut, mal für sanfte Nostalgie sorgen.

Schließlich ist es die direkte Live-Atmosphäre, die dieser famosen Combo einen unterhaltsamen Sieg auf nahezu allen Ebenen beschert – nachvollziehbar vor allem anhand des mit Hammondorgel rockenden „Uns trennt das Leben“ (vom 2001er Konzeptwerk „Lektionen in Demut„), im ähnlich gestalteten „Weitermachen“ (vom letzten Fanta-Dreher „Captain Fantastic„, 2018) mit smoother Leadgitarre und Percussion im Refrain sowie während „Flüchtig“, das mit fetten Bläsern auf die Tanzfläche bittet. „Millionen Legionen“, anno 1999 einer der Klassiker Fanta4-Hitalbums „4:99„, vermittelt nicht eben wenige jener Vibes, die man auch während der „MTV Unplugged“-Performance der Fantastischen Vier in der Balver Höhle erleben durfte. Die minimalistische Musik „Gebet an den Planet“ (von „Lektionen in Demut“) – kaum mehr als ein Obertönen gespicktes Bassmotiv zu sachtem Drumming und einzelnen Gitarren-Tupfern – wirkt wie ein Kontrast zum aufbauenden Text der Nummer und rückt damit einen der größten Vorzüge der Scheibe in den Vordergrund: ihr ergreifendes Spiel mit Licht und Schatten, wenn etwa auch das schummrige „An alle Hinterbliebenen“ (von „Kennzeichen D“) in seiner ökonomischen Form beinahe post-rockig anmutet.

Unter Strich ist Thomas D und The KBCS mit „M.A.R.S Sessions“ ein kongenialer Crossover aus unter die Haut gehendem Herz-und-Hirn-Sprechgesang und einer einfallsreichen Fusion aus Rock, Soul und etwas Jazz gelungen, der vor allem all jenen, denen die Solo-Aktivitäten des Fanta4-Haudegens mit ihrem durchaus vorhandenen Pathos sowie nicht wenigen gesellschaftskritischen Anklängen in der Vergangenheit ohnehin zugesagt haben, wärmstens empfohlen sei.

„Show, alles nur Show, wir tun alle nur so
Lehnt euch zurück, genießt die Show

Wie geht’s dir? Bescheiden? Mehr schlecht als recht?
Ich weiß, das Leben ist Leiden, doch langsam glaube ich echt
Es gibt hier keinen, der in diesen Zeiten noch vor Kraft strotzt
Nicht meckert nicht kotzt, nicht kleckert nur klotzt
Nicht lästert und lügt, der sich selbst genügt
Einer, der in sich ruht und sich selbst nicht betrügt
Seinem Schicksal gefügt, doch seines eigenen Glückes Schmied
Der aus Rückschlägen noch die richtigen Schlüsse zieht
Einer, der liebt nur um der Liebe willen, nicht um sein Verlangen zu stillen
Einer, der alles verzeiht, dessen Verstand nicht die ganze Zeit schreit
Der still ist und schweigt und sich im Innern so vom Leiden befreit
Einer, der mehr ist als nur ein Teil seiner Welt
Bei dem die Zeit steh’n bleibt, wenn er den Atem hält
Ja, wer das Zeug dazu hat, trete an, trete vor
Denn alles andere hier ist nur Show

Show, alles nur Show, wir tun alle nur so
Lehnt euch zurück, genießt die Show

Noch denkst du du wärst wer, doch machst du dich erst leer
Dann erkennst du mal, wie sehr all das Denken dich ablenkt
Nun erfährst du du bist wer, auch ohne Gedanken
Und bald fällt es dir nicht schwer, dich darin zu verankern
Erst beruhigt sich dein Atem, du folgst ihm nach innen
Lässt die Augenlider fallen und bist mit all deinen Sinnen
Im Innern und es reicht dir, einfach nur zu atmen
Was du dann entdeckst, ja soviel darf ich verraten
Ist mehr wert als irgendjemand jemals verlor
Ist nicht sehr schwer, nur 21 Gramm oder so
Keiner weiß mehr, wie kommt man durch das innere Tor
Doch die Bestimmung, sie dringt durch alle Schichten empor
Ja, die Befreiung von allem steht wohl uns allen bevor
Wenn nicht im Leben, dann auf jeden, wenn der Tod einen holt
Wenn auch von keinem gewollt, am Ende geht es jedem so
Und eben deshalb ist es besser ihr genießt die Show

Show, alles nur Show, wir tun alle nur so
Lehnt euch zurück, genießt die Show…“

Rock and Roll.

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Song des Tages: Marathonmann – „Flashback“ (Akustik)


Foto: Promo/Bernhard Schinn

Normalerweise hätte die Münchner Post-Hardcore-Combo Marathonmann im vergangenen Jahr ihr 2019er Album „Die Angst sitzt neben dir“ in etlichen Indie-Clubs und auf verschiedenen Festivals lautstark zum Besten gegeben. Ja, hätte… Doch dann kam Corona und den Jungs wurde – wie beinahe allen anderen Kunstschaffenden auch – sprichwörtlich der Stecker gezogen. Doch anstatt den Kopf in den Proberaumsand zu stecken, taten es Frontmann Michael „Michi“ Lettner, Jonathan Göres, Leo Heinz und Johannes Scheer dem Schicksal gleich: sie zogen die Stecker ihrer Instrumente und gingen, sobald es wieder möglich war, im Sommer 2020 gemeinsam mit ihren Gastmusikerinnen Saskia Götz (Geige) und Elisa von Wallis (Cello und Gesang) auf eine notgedrungen pandemiekonforme „Alles auf Null“-Akustik-Tour.

„Die Reaktionen waren ergreifend und haben wirklich gutgetan. Wir hatten einen Riesenspaß mit den Leuten, gleichzeitig war es aber auch so nah und emotional.“ (Michi Lettner)

Diese ungewöhnlichen Unplugged-Konzerte mit Abstand waren sowohl für das Publikum als auch für die Band ganz besondere Ereignisse, und weil Marathonmann nicht wollten, dass das Ganze (zu dem sich das Vierergespann hörbar von der „Skull And Bones“-Akustikshow der For Fighters inspirieren ließ) im Anschluss einfach wieder in Vergessenheit gerät, wurden sämtliche Shows mitgeschnitten. Zwölf der neu arrangierten Songs haben die Bajuwaren jetzt auf dem Akustik-Album „Alles auf Null“ verewigt und präsentieren sich nicht nur in ungewohntem Klanggewand, sondern auch auf besonders mitreißende Weise, schließlich hat die Punk-Kapelle nicht einfach nur – zumindest größtenteils – den Strom abgestellt, sondern ihren Songs ein ganz neues, bestenfalls zu Herzen gehendes Gewand verpasst. Einer der Favoriten dürfte ganz klar „Flashback“ vom bereits erwähnten Langspieler „Die Angst sitzt neben dir“ sein – die Nummer funktioniert einfach in jeder Darreichungsform. Und auch ein weiteres Stück ebenjener Langrille begeistert in Reduktion: „Die Bahn“ ist bereits in der Ursprungsversion ein leiserer Vertreter und verträgt es, noch ein wenig minimalistischer daherzukommen. Doch es gibt auch zwei Titel, die komplett neu mit auf diese ganz spezielle Konzertreise genommen wurden: „Hinter den Spiegeln“ und „Wo ein Versprechen noch was wert ist“ rücken ihre Textzeilen noch mehr in den Fokus und betonen die gefühlvolle Seite der Marathonmann-Lauthalse. „Rücklauf“ vom 2014er „…und wir vergessen was vor uns liegt“ zeigt sich beschwingt-rhythmusbetont, „Abschied“ (im Original von selbiger Platte) gerät zum berührenden Gänsehautmoment und „Wir sind immer noch hier“ vom Debüt „Holzschwert“ (2013) vermittelt dank der Streichinstrumente fast schon etwas Irish-Folk-Temperament. Einen gefühlvollen „Blick in die Zukunft“ wagt die Band mit dem Stück vom 2016er „Mein Leben gehört dir“, bevor „Am Ende nichts“ akustische Leidenschaft weckt und das finale „Die Stadt gehört den Besten“ nochmal bestens ins Bein geht.

Unterm Strich steht: Das Unplugged-Experiment, das Marathonmann im ersten Corona-Jahr mit ihrer „Alles auf Null“-Tour gestartet haben, darf zweifellos als geglückt bezeichnet werden und auch die Konservenkost, die sich daraus entwickelt hat (und deren Coverartwork übrigens die Urgroßmutter von Frontmann Michi zeigt), kann sich hören lassen, ist dieses Live-Album, das in einem Jahr entstand, in dem es eigentlich keine „normalen“ Konzerte geben konnte, doch ein kleiner Lichtblick in einer Zeit, in der wir alle jeden verdammten Hoffnungsschimmer gut gebrauchen können. Und wie meint Michi Lettner (mit dem hier unlängst ein Interview geführt wurde) so schön: „Benutzt euren Kopf und euer Herz!“ – dem ist im Grunde nichts mehr hinzuzufügen.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Milliarden – „Himmelblick“


Warum machen es manche einem so schwer? Was im Sozialen am komplexen Zusammen- oder Gegenwirken von Charakter-Eigenschaften liegt, ist aufs Musikalische bezogen manches Mal fast schon rätselhaft. „Ich bin wie du / Du bist wie ich / Warum lieben wir uns nicht?“, fragen Millarden etwa voller Emphase in ihrem bereits im vergangenen September vorgereichten Folk-Popper-Hymnus „Himmelblick“, und auch wenn ich in diesem Leben wohl kein wirklicher Seelenverwandter der Jungs werde, so bleibt das Dilemma doch, dass das hier eigentlich verdammte Großstadt-Hipster-Musik sein müsste – zumindest grundlegend. Besagtes Stück klingt inmitten seiner auf Drama gepolten Millenial-Problemblase zwar nicht wirklich kalkuliert (na gut, höchstens ein klein wenig), auch die Instrumentierung ist mehr als passabel, aber der tönende Funke mag das Feuer partout nicht gänzlich entfachen… So weit, so bekannt. Alles also weiterhin „so egal“ – auch in Bezug auf „Schuldig„, dem bereits dritten Album der Berliner Band?

Zunächst einmal gilt: Milliarden fallen auf – und das, trotz durchaus nachvollziehbarem Nerv-Faktor, jedoch keineswegs durchweg negativ (worin sie sich – zumindest meiner bescheidenen Meinung nach – ganz und gar von den oft als Referenz aufgeführten Wienern von Wanda unterscheiden). Sie punkten mit Ben Hartmanns feiner Reibeisen-Stimme. Sie punkten mit zwar kaum komplexem, aber passablem Songwriting, das sich auch auf die Klavier-Ideen von Johannes Aue stützt, Part zwei des 2013 gegründeten Quasi-Duos. Dazu gibt’s immer mal bräsige Punk-meets-Indie-Rock-Gitarren und hin und wieder auch die in der Magengrube sitzende Rock’n’Roll-Faust, damit nur ja keiner mehr an intellektuelle Studenten-Bubis wie AnnenMayKantereit denkt – was freilich nicht immer funktioniert. Vorwürfe jedoch, man sei lediglich eine weitere tendenziell vom drögen Arbeitsalltagsgrau gelangweilte Ton Steine Scherben-Coverband, müssen die Truppe dann doch nicht wirklich jucken. Die Diskussion über musikalische Daseinsberechtigung, bloß weil sich junge Musiker irgendwo etwas abhören, hat ja ohnehin einen Bart, der weitaus länger als der des Scherben-Rocks sein dürfte. „Neues Leben“ oder „Swing“ jedoch, für die Milliarden erneut kopfüber in den Pathos-Teich hüpfen, hätte es andererseits auch nicht wirklich gebraucht.

Dennoch ist „Schuldig“, der Nachfolger zum 2018 erschienenen „Berlin“ und der erste Output auf ihrem neuen DIY-Label Zuckerplatte, das zweifellos bisher stärkste Werk der Hauptstadt-Formation. Vor allem, weil die Texte eindeutig weniger Fremdscham auslösen als noch auf dem fünf Jahre alten Langspiel-Debüt „Betrüger„. Und weil die Platte durchaus das ein oder andere Highlight bietet. Man nehme etwa den Opener und Quasi-Titelsong, der gleich kräftig in den Neunzigern wühlt (Selig! Selig! Selig!) und mit den Gallaghers ein paar süffige Pints hinunterspült. Oder das fröhlich mit frecher Zunge in den Untergang rockende „Die Fälschungen sind echt„. Ebenso der an frühe Herrenmagazin erinnernde Indie-Rocker „Wenn ich an dich denke„, der trotz seines Herzschmerz-Themas genug Punsch im Vorratsschrank hat, damit das Glas in jedem Fall stets halbvoll bleibt.

Selbst wenn harmlos-rührselige Stücke wie „Die Gedanken sind frei“ lyrisch an bekannte „Macht doch sowas nicht!“-Grenzen stoßen, kehrt bei Hartmann, Aue und Co. insgesamt mehr Lockerheit, mehr urban geprägte Weitsicht ein. Auch Sozialkritik steht Milliarden recht gut zu Gesicht: Das punkrockende „Trenn dich“ macht zum Abschluss kurzen Prozess, jedoch eher mit dem selbstverliebten Ich inmitten der Konsum- und Instagram-Gesellschaft. „Wonderland“ packt nochmal das selige Oasis-Feeling aus (nur denken die Gallaghers in diesem Moment eher an die Rolling Stones denn an die Beatles) und verlässt sich anstatt eines Dauer-Refrains auf seine feinen Strophen. Und wenn selbst schmachtende Piano-Balladen zukünftig ähnlich unpeinlich gelingen wie „Ich schieß dir in dein Herz“, wird mit dieser Band eventuell doch noch zu rechnen sein. Und sei es allein aufgrund der Tatsache, dass diese verwegenen Underdog-Typen mit schmierigen Haaren, Reibeisenstimme und speckiger Lederjacke, die ihre Liebste „Baby“ nennen und mit der Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger am Abgrund entlang tänzeln, wohl nie so ganz aus der Mode kommen werden. In den elf Song gewordenen Akten von „Schuldig“ geht es um Aufstand und Exzess, Liebe und Schmerz. Kleine Brötchen? Sind grad aus, Keule. Da wird sich anstelle eines Frühstücks die erste Kippe angesteckt und später der vermaledeite Tod weggefickt. Leben am Limit! Hedonismus in der Hauptstadt! Revolution! Und natürlich ist alles super intensiv und voll authentisch, denn Ben Hartmann reißt sich am Mikro den Arsch auf und das Herz heraus, brüllt, barmt, lallt fast. Das Ergebnis bemüht sich gar nicht erst großartig, so offensichtliche wie unvermeidliche Referenzen von Rio Reiser (Ton Steine Scherben) über Jan Plewka (Selig) oder Marco Fitzthum (Wanda) bis hin zu Henning May (AnnenMayKantereit) von der Hand zu weisen. Druff jeschissen, wa! Wer sich an Klischees und Theatralik nicht stört, bekommt hier gute, kurzweilige Unterhaltung geboten.

(Wer mehr wissen mag, der findet hier und hier aktuelle Interviews mit Milliarden-Frontmann Ben Hartmann…)

Rock and Roll.

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Song des Tages: Lambs And Wolves – „Prove You Wrong“


Foto: via Bandcamp

Uffjepasst, Unterschied! Lambs Become Wolves aus Karlsruhe zimmerten von Ba-Wü aus recht kurzlebig amtlichen Metal zusammen, Wolf + Lamb laborierten im wuseligen New York City an House und so einigen Unterarten vielfältiger elektronischer Tanzmusik – Lambs And Wolves hingegen widmen sich dem gediegenen Indie Folk. Da soll noch eine(r) durchsehen, oder? Wer jedoch die Songs des Freiburger Trios hört, kann ihnen trotzdem – Verwirrungsstiftung ob des Bandnamens hin oder her – kaum böse sein, schließlich tönt hier Vieles eher nach der Flauschigkeit der grasmähenden Paarhufer denn nach carnivorem Blutdurst und gefletschten Zahnreihen…

Verwunderlich übrigens, dass man noch nie von ihnen gehört hat, schließlich erschien das Debütwerk „Frozen In The Lake“ bereits 2011. Eventuell lag’s daran, dass Julian Tröndle (Gesang, Klavier, Tastenintrumente, Mundharmonika), Louis Groß (Akustikgitarre, E-Gitarre, Banjo, Schlagzeug, Percussion) und Stefan Bercher (Akustikgitarre, Hintergrundgesang) zwar in den folgenden vier Jahren noch drei EPs hinterher schoben, dann jedoch ein paar Jahre Sendepause herrschte?

Seitdem scheint das Dreiergespann aus dem Breisgau nichts verlernt zu haben, denn die zehn Songs ihres vor wenigen Tagen erschienenen (Comeback-)Albums „Not A Party At All„, das seinem Titel alle Ehre erweist und sich tatsächlich kaum zur Beschallung einer konventionellen Studentenparty eignet, bieten feinsten Indie-Folk-Pop für alle Leisetreter und Zu-Hause-Bleiber, die noch ein Ohr für feinsinnige, liebevoll austarierte Arrangements übrig haben. Und da Feiern, wie man sie vor der Pandemie kannte, aktuell sowieso nicht möglich sind, kann man sich selbstverständlich zum festlichen Anlass ohne Partygäste durchaus voll und ganz dem unaufgeregten und unaufdringlichen Folk von Lambs And Wolves widmen, für den die Musiker selbst David Berman oder Jason Molina als Einflüsse nennen. Passt? Passt. Und wird zwar keineswegs irgendwelche musikalischen Welten aus den Angeln heben, ist jedoch im Zweifel genau das Richtige für einen ungemütlichen Wintermontag, unter der wohlig-warmen Decke und mit einem dampfenden heißen Kakao. Gevatter Punkrock kommt auch mal ein paar Minuten ohne uns aus…

Rock and Roll.

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