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Song des Tages: Kettcar – „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“


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Ist das jetzt ein Lied? Oder eine Kurzgeschichte? Vielleicht beides? Oder am Ende doch total egal?

Fakt ist: Kettcar melden sich fünf Jahre nach dem letzten Album „Zwischen den Runden“ und drei Jahre nach „Konfetti„, dem Solodebüt ihres Frontmanns Marcus Wiebusch, am 13. Oktober mit ihrem nunmehr fünften, elf Songs starken Studioalbum „Ich vs. Wir„, welches freilich wieder beim hauseigenen Label Grand Hotel Van Cleef erscheinen wird, sowie einer ausgedehnten Tour im kommenden Jahr zurück. Braucht es diese Rückkehr? Aber hallo!

Denn schon der erste Vorab-„Song“ beweist, dass es wohl kaum eine andere deutsche Band derart – und das ist an dieser Stelle auch alles andere als ein Widerspruch – so deutlich wie subtil versteht, in persönliche wie gesellschaftliche Wunden zu stechen (und wer’s nicht glauben mag, der höre sich durch Wiebuschs Diskografie – angefangen bei den Politpunkern von …But Alive über die Kettcar-Alben und bis hin zum noch immer großartigen „Konfetti“).

kettcar-ich-vs-wir-artwork-ghvcIn „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ erzählt Marcus Wiebusch die Geschichte eines jungen Hamburger Studenten mit Dead Kennedys-Shirt, der in seinem blauen Ford Granada von der Hansestadt bis an die österreichisch-ungarische Grenze reist und dort einigen Familien zur Flucht aus der DDR verhilft. Dabei gewinnt der Spoken-Word-Song, bei dem der Kettcar-Fronter lediglich im Refrain singt, vor allem durch Wiebuschs Auge fürs Detail, Textzeilen wie „In Mörbisch am See checkte er in die Pension Peterhof ein, kaufte sich einen Döner und wartete auf die Nacht“ sind nur ein Beispiel unter vielen.

Die Ungewissheit und Dringlichkeit der Aktion unterstreicht das angehobene Tempo, die Band ordnet die Begleitmusik ganz der Story unter. „Gesungene Geschichte, die deutlich macht, dass Fluchthelfer*innen damals wie heute gebraucht werden“, meint Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow, der das Lied bereits gehört hat, und auch Schriftsteller Benedict Wells („Spinner“) konstatiert: „Gut, dass es immer schon Menschen gab, die anderen Menschen einfach halfen – und erst danach darüber diskutierten. Das galt für damals, das gilt für heute und das gilt für diesen schönen Song.“

Denn nach der geglückten Aktion ist der Song nicht vorbei. Zurück in seiner WG kritisieren die Mitbewohner des Protagonisten seine Aktion: „Deutschland dürfe nie wieder ein Machtblock mitten in Europa werden. Und eine solche Hilfe zur Flucht der DDR-Bürger würde nur zur weiteren Destabilisierung der Verhältnisse beitragen. Die Aktion war menschlich verständlich, aber trotzdem falsch.“ Gelebte deutsche Geschichte, mit all ihren Ecken, Enden und Neuanfängen – und das Finale des Songs kann wohl keine(n) kalt lassen…

 

 

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Rock and Roll.

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Song des Tages: Judith Holofernes – „Der Krieg ist vorbei“


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Aber sicher, an Judith Holofernes streiten sich die Geister wie bei kaum einer anderen deutschen Künstlerin!

Und das war schon immer so. Als die heute 40-Jährige gemeinsam mit ihrer seit nunmehr fünf Jahren auf Eis liegenden Band Wir sind Helden anno 2003 mit dem Debüt „Die Reklamation“ und Songs wie „Guten Tag“, „Aurélie“ oder „Denkmal“ die deutsche Poplandschaft durcheinander wirbelte, wurde sie von vielen gefeiert, jedoch von kaum weniger Nörglern als neunmalkluge Nervensäge abgestempelt. Die notorisch kritischen Kritiker hatten bei Holofernes und ihren drei männlichen „Helden“ Jean-Michel Tourette (sic!), Mark Tavassol und Pola Roy (mit dem sie mittlerweile verheiratet ist) auch leichtes Spiel, schließlich boten die vier-Helden-Alben genügend Angriffsfläche um Judith Holofernes wahlweise als hippie’eske Öko-Triene, lyrische Blümchensex-Spießbürgerin oder als verkrampfter weiblich-bundesdeutscher Pendant-Versuch zu Bob Dylan abzustempeln. (Wem mehr Bezeichnungen einfallen – gern her damit!) Fakt ist jedoch auch, dass die mal aufrüttelnden, mal melancholischen Stücke der Helden bis 2012 ein breitgefächertes Publikum zusammen brachte, das auch heute noch seinesgleichen suchen dürfte: Teenager kurz vorm oder kurz nach ihrem Abitur, unbelehrbare Antifa-Altpunks, ewige Studenten (und deren Dozenten!), gestandene Familienväter und -mütter, piefig-spießige Jack-Wolfskin-Jacken-Träger, die das Logo ihrer ach-so-indie-Lieblingsband stets über der Schulter gehaltenen Leinenbeutel in die Welt hinaus schreien, Metal-Kutten-Träger – alle kamen sie, alle sprangen sie, alle lagen sie sich selig schluchzend in den Armen… (Okay, leicht idealisiert vielleicht – aber Bilder wie diese konnte man schon auf Konzerten der Helden beobachten.)

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Dass Judith Holofernes es ab 2014, als ihr Debüt „Ein leichtes Schwert“ erschien, auch solo versuchen würde, war nach dem potentiellen Ende der Helden zwei Jahre zuvor abzusehen.  Die Stücke selbst jedoch enttäuschten, war der Mix aus Pop gewordenem Blues, Weird-Folk und Schlock-Rock, um den Holofernes ihre zu oft zu gewollt auf Wortwitz und Klamauk getrimmte Lyrik sponn, doch vor allem eines: anstrengend. (Und das sage ich als großer Freund der meisten Helden-Songs!) Klar hatte die gebürtige Berliner Göre viel zu verarbeiten: das vorläufige Ende ihrer Band, das erste Kind, der damit verbundene nicht allzu stressfreie Alltag. Nur hatten die bratzig-rotzigen Stücke, die daraus resultierten, zu viel Überhöhung in Verbindung mit der durchaus kieksigen Stimme Holofernes (noch so ein Streitpunkt), ohne dass irgendetwas groß hängen blieb. Gerade im Vergleich mit dem tollen, 2010 veröffentlichten letzten Helden-Album „Bring mich nach Hause“ konnte die passionierte Tiergedichteschreiberin damit fast nur baden gehen… Shit happens.

Umso schöner ist, dass Judith Holofernes‘ im März erschienenes zweites Solo-Werk „Ich bin das Chaos“ eine Rückkehr zu alter (Helden-)Form darstellt und all das, was man schon zu Bandzeiten so toll, so anders, so mitreißend fand, wieder an Bord hat: die nach vorn polternden Poprocksongs, die wehmütig-schlauen Balladen. So ist das Titelstück ein ungezwungener Mitwipper, rennt „Charlotte Atlas“ dem flotten „Aurélie“ hinterher, pochen bei „Das Ende“ die Anfangstage á la „Die Reklamation“ an die WG-Tür, während der Saloon-Pop von „Unverschämtes Glück“ auch auf dem zweiten Helden-Album „Von hier an blind“ gut aufgehoben gewesen wäre.

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Alles nett bis prima, in den Schatten gestellt werden die anderen neuen Stücke, bei deren Entstehung Holofernes Hilfe vom färöischen Singer/Songwriter Teitur Lassen bekam, jedoch von zwei klassischen Balladen, über deren Güteklasse man – mal wieder – nur staunen mag. So ist „Der letzte Optimist“ ein unterschwellig depressives Lied aus einer bemerkenswert desolaten Perspektive: Jemand, der immer an das Gute glaubt, liegt am Boden, die Lage ist dermaßen aussichtslos, dass die Polizei nicht einmal einen Grund zur Verhaftung sieht. Judith Holofernes singt erst so tief wie nie, dann kiekst sie – und es klingt wie das letzte Stückchen Würde, das sich schließlich in genau den Satellitenschrott auflöst, der im Himmel die Idee des Lieben Gottes (oder vonwemauchimmer) verdrängt. Wunderschön traurig? Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt – bei Holofernes‘ lyrischem Gespür oft innerhalb von ein, zwei Minuten möglich.

Und es geht noch besser: „Der Krieg ist vorbei“ taucht ohne Vorwarnung in einer Reihe mit Elvis Costellos „Shipbuilding“ und „Peace In Our Time“ oder Billy Braggs „Rumours Of War“ auf. Songs über den Krieg sind auch im Jahr 2017 schwierig – zu offensichtlich ist der Schrecken, zu feige die Perspektive, wenn man sie aus einem Land heraus schreibt, das zwar weder die Schrecken noch die „Altlasten“ ganz vergessen hat, in dem andererseits aber die letzte Bombe vor 72 Jahren vom Himmel fiel. Judith Holofernes wählt als Ausgangspunkt jedoch den Moment, an dem der Krieg vorbei ist. Aus dem Radio tönt ein „Hallelujah“, der Frieden ist da, aber natürlich hat der Krieg etwas angerichtet: „Vor jedem Mauseloch sitzt ein fetter Kater / In jedem Haus hier wird ein toter Mann Vater / Ein Einkaufszentrum in jedem Krater / Sagt in leuchtenden Neonlettern: ‚Schau, alles blüht!‘ / Auch wenn die Asche noch glüht.“ Am Ende, nachdem sich das Stück vom stillen Mahnmahl, welches auch sinnbildlich für das Ende einer Beziehung stehen könnte, höher und höher in klangliche Sphären geschraubt hat, bleibt Judith Holofernes ein letztes Seufzen: „Der Krieg ist vorbei – zwei, drei, vier, was machst du noch hier?“ Gänsehaut. Weltklasse. Judith Holofernes mag die kritischen Geister zum Streiten bewegen, bleibt jedoch unbestritten eine der besten deutschen Songschreiberinnen.

 

In Ermangelung eines Direkt-Links zur Album-Version des großen „Der Krieg ist vorbei“ gibt es den Song in der reduzierten „mdr KULTUR Studiosession„-Variante (was an diesem Tag mit Holofernes‘ Stimme los gewesen sein mag, weiß die Dame wohl nur selbst)…

 

…sowie als YouTube-Live-Mitschnitt vom diesjährigen Konzert im Kölner Gloria Theater:

 

„Sie setzen Geranien vor vernagelte Scheiben
Das mit den Fenstern wird wohl erstmal so bleiben
Man muss ja nicht seh’n, was die Ander’n so treiben
Ein paar von den Leuten, die hier wohnen seit Jahr’n
Sind nicht so, wie sie mal war’n

Sie trinken Tee aus zerbrochenen Tassen
Man muss manchmal einfach laufen lassen
Und nur wie für die, die an den Wänden verblassen
Sagen sie: ‚Schaut, vor dem Haus wird wieder gefegt!‘
Bevor der Staub sich noch legt

Sie bau’n neue Türen in ihre wandlosen Zimmer
‚Immer nur jammern würde alles verschlimmern‘
Sagt die Frau aus dem Dritten, und sucht in den Trümmern
Nach einem Radio für ihren Balkon
Sie sagt, sie mag diesen Song

Und jedes Radio spielt ein Hallelujah
Der Krieg ist vorbei

Und ich weiß nicht, wie man aufhört
Nur wie man anfängt
Nicht wie man aufhört
Nur wie man anfängt

Jedes Radio sagt ‚Hey, was machst du da?
Der Krieg ist vorbei
Zwei, drei, vier…
Was machst du noch hier?‘

Vor jedem Mauseloch sitzt ein fetter Kater
In jedem Haus hier wird ein toter Mann Vater
Ein Einkaufszentrum in jedem Krater
Sagt in leuchtenden Neonlettern: ‚Schau, alles blüht!‘
Auch wenn die Asche noch glüht

Ein räudiger Bär tanzt in rasselnden Ketten
Er führt die Parade derer, die noch zu retten sind
Sie tragen die ander’n in ihren Betten
Und der mit dem Megafon sagt: Alles muss raus
Und malt ein Kreuz an mein Haus

Und der im Radio sagt ‚Hey, was machst du da?
Der Krieg ist vorbei.‘

Er sagt: ‚Komm, lass die Waffe fallen!
Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen!
Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen!
Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen!
Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen!

Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen!
Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen!
Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen!
Nimm meine Hand, meine Hand
Lass die Waffe fallen!

Nimm meine Hand, meine Hand, meine Hand…‘

Weiß nicht, wie man aufhört
Nur wie man anfängt
Nicht wie man aufhört
Nur wie man anfängt

Und jedes Radio spielt ein Hallelujah
Der Krieg ist vorbei
Zwei, drei, vier…
Was machst du noch hier?“

 

Rock and Roll.

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Opas schauen Musik: KRAFTKLUB


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Insgesamt und in Albumform kann ich eher wenig mit Kraftklub anfangen. Ehrlich, ich hab’s probiert, oft genug. Ist wohl einfach so.

Trotzdem muss man Felix „Brummer“ Kummer, Till „Brummer“ Kummer, Steffen „Israel“ Tidde, Karl Schumann und Max Marschk Einiges zugute halten:

  1. Die Band hat – zumindest auf Bühnenbrettern – ordentliche Entertainerqualitäten. Das haben die fünf nicht zuletzt bei der diesjährigen Ausgabe von „Rock and Ring“ bewiesen, wo sie als „Latenight-Special“ auftraten (ein Videomitschnitt der Show geisterte zwar in den letzten Tagen durchs weltweite Netz, wurde jedoch – bis auf eine Performance des Songs „Fenster“ – leider wieder entfernt…).
  2. Die Band hat Chemnitz (oder, in Hipster-Deutsch: Karl-Marx-Stadt) wieder zurück (?) in die oberen Chartregionen der bundesdeutschen Musikszene gehievt: jedes ihrer bislang drei Album sicherte sich den ersten Platz der Albumcharts. Was wiederum dazu geführt hat, dass ein Kultursender wie arte die Berliner *hust* „Rüpelrapcombo“ K.I.Z. in die beschauliche sächsische 250.000-Einwohner-Stadt einlud, um eine durchaus amüsante Ausgabe von „Durch die Nacht mit“ zu drehen…
  3. Die Band hat bereits 2013 selbst ein ansehnliches Festival aus dem Boden gestampft: das „Kosmonaut Festival“ findet seitdem alljährlich am Stausee Oberrabenstein unweit von der heimischen Fanbase Chemnitz statt, und hatte mit Künstlern wie Frittenbude, Casper, Bosse, AnnenMayKantereit, Fettes Brot, Materia, den Beatsteaks, Thees Uhlmann, den Fantastischen Vier, Haftbefehl, K.I.Z. (was sich wohl auch aus Punkt 2 ergab), Turbostaat, Prinz Pi, Olli Schulz, Boy oder Alligatoah bereits fast das komplette Who-is-Who der bundesdeutschen Musikszene zu Gast.
  4. Die Band mag zwar im Gros auf durchweg tanzbare Indiediskogutelaunestampfer setzen, traut sich jedoch ab und an auch etwas. Etwa auf dem aktuellen, jüngst erschienenen dritten Album „Keine Nacht für Niemand“ (jaja, schon der Albumtitel fängt mit einer nur eben halb witzigen Hommage an Ton Steine Scherben an): so ist der zuerst vorgeschobene Song „Dein Lied“ eine zwar böse, jedoch unterhaltsame Abrechnung mit der Ex, die Frontmann Felix Brummer gleich mal eben – Rap-Cred wollen auch gesammelt sein – als „verdammte Hure“ bezeichnet – unterstützt von einem Piano und einer Armada aus Streichern. Und auch die erste offizielle Singleauskopplung „Fenster“ lässt sich durchaus hören, hat diese doch als bittersüße Abrechnung mit all den verschworbelt-hasserfüllten Paranoiker-Gedankenwelten all der sogenannten „Wutbürger“ und „Verschwörungstheoretiker“ einen recht ernsthaften Hintergrund, welcher zum Nachdenken anregt. Plus: das gut versteckte Bonusfeature vom potentiell besten bundesdeutschen Freizeit-Musikarzt (aus Bärlin! auuuus Bärlin!) gegen Ende des Songs.

 

Komplett ernst nehmen kann ich Kraftklub trotzdem nicht. Liegt es daran, dass ich mich mit Ü30 knapp außerhalb der potentiellen Zielgruppe befinde? Liegt es daran, dass ich einen Teil der Band noch kenne, als diese als schulpflichtige Dreikäsehochs durch den elterlichen Chemnitzer Musikclub „Atomino“ hüpften? (Zur Erklärung: Die Eltern von Felix und Till Kummer, Jan und Ina Kummer, spielten zu DDR-Zeiten in der *hust* „kultigen“ Elektropop-Band AG. Geige. Der Vater, Jan Kummer, ist heute Leiter des „Atominos“, welches gerade in Chemnitz auch 2017 noch einen ausgezeichneten Ruf als schmissige Indie-Disse und Konzertlocation besitzt.) Liegt es daran, dass mich durchgängig auf Tanzbarkeit und Hurra geklöppelte Indiediskostampfer generell schnell kalt lassen? Oder: bin ich auch einfach zu alt?!?

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Und: wenn ich mich schon „zu alt“ für die Musik und das Gehabe von Kraftklub fühle, wie fühlen sich dann erst die grauhaarigen Semester?

Diese Frage beantwortet der YouTube-Kanal „Digster OnFleek“ in der neusten Ausgabe der Reihe „Opas scheuen Musik“, in welcher sie älteren rüstigen Herrschaften, die sich oftmals bereits erfolgreich für die Dritten, für Gehhilfen und Zivildiensthelfer qualifiziert haben, die „Musik der Jugend“ vorsetzen. Und dieses Mal eben Kraftklub. Aber schaut am besten selbst…

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Adam Angst – „Wir werden alle sterben“


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Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht… Welche wollt ihr zuerst?

Nun, die schlechte ist, dass sich auch 2017 – im Vergleich zu zwei Jahren zuvor – herzlich wenig am Zustand der Welt im Großen und der Gesellschaft, die da, allzu oft stupide, in ihr vor sich hin malocht, verändert hat – ganz im Gegenteil, leider. Siehe auch: Donald Trump, AfD, Le Pen, Dortmund, Manchester etc. pp.

Die Gute dürfte in diesem Fall sein, dass das selbstbetitelte, im Februar 2015 erschienene Debütwerk von Adam Angst nichts, aber auch gar nichts von seiner zeitgeistig-zynischen Wirkung und Aussagekraft verloren hat. Die elf Bestandteile, aus denen Frontmann Felix Schönfuss und Co. damals ihr Album zusammensetzten, wirken auch im Juni 2017 noch immer wie ein Zerrspiegel, den die bundesdeutsche Gesellschaft vorgehalten bekommt, und damit nicht selten wie ein – pardon my French – verdient-benötigter Sidekick in Kauleiste und Magengrube.

Dass ich als selbsternannter Adam-Angst-Fanboy (das erste Album landete damals verdient auf dem Spitzenplatz meiner „Alben des Jahres„) natürlich auch jedes neue Stück der Nachfolgeband von Escapado und Frau Potz potentiell abfeiere, dürfte sich von selbst verstehen, oder?

In diesem Fall jedoch, möglich objektiv betrachtet: zu recht.

26789Denn „Wir werden alle sterben“, welches vor wenigen Tagen digital als gemeinsame Split Single mit den befreundeten Donots (deren Stück heißt wiederum, angelehnt an die Jim-Morrison-Biografie gleichen Namens, „Keiner kommt hier lebend raus„) erschien und nun auch als auf 500 Stück limitierte Vinyl-Scheibe vorbestellt werden kann,  ist abermals wirklich gut. Eben weil Felix „Adam Angst“ Schönfuss und seine Jungs ihrem Stil treu bleiben und auch 2017 musikalisch Gift und Galle spucken, während der Text düstere Bilder malt. Klar: Schönwetter-Vibes gehen anders. Aber eine Gesellschaft bekommt am Ende eben immer das, was sie verdient, oder?

Am besten wurde es in einer anderen Review zum Song beschrieben:

„Wir haben nur dieses eine Leben. Wir haben nur diese eine Welt. Lasst uns gemeinsam daran arbeiten, dass wir beides, so lange es geht, in Frieden halten und behalten können. Lasst uns mit dem, was wir am meisten lieben, für die, die wir lieben, zusammenstehen und den Arschlöchern sagen, dass sie Arschlöcher sind. Und dass wir, solange unsere Herzen schlagen und das Blut bis in den Kopf fließt, nicht tatenlos zusehen werden, bis hier alles brennt.“

Adam Angst selbst haben Folgendes zu sagen:

„‚Jetzt erst recht!‘ Nur mit diesem Credo kann, nein, MUSS man Zeiten begegnen, in denen sich mittlerweile nahezu jeden Tag auf diesem Planeten irgendwelche feigen Arschlöcher für geisteskranke Ideologien in die Luft sprengen“, äußern sich beide Bands in einem gemeinsamen Statement zur Entstehung der Split-Single. „‚Jetzt erst recht!‘ will man wiederum trotzig den anderen Arschlöchern ins Gesicht schreien, die unlängst neue, milliardenschwere Waffendeals für weitere Kriege abgeschlossen haben, menschliche ‚Kollateralschäden‘ (sic!) in Kauf nehmen und damit schlussendlich noch mehr Öl ins Terror-Feuer gießen. Und ‚Jetzt erst recht!‘ muss auch die Entschlossenheit signalisieren, mit der man in diesen Tagen jenen populistischen Arschlöchern entgegenzutreten hat, die all das Chaos nutzen wollen, um rechtes Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft wieder salonfähig zu machen und die mit irren Brandreden täglich noch mehr Angst, Hass und Lügen streuen.“

 

 

„‚Nu‘ fahr doch, grüner wird’s nicht!‘
Zum Dank kleb‘ ich am Rücklicht
Und dann werd‘ ich überholen
Schneiden, Finger zeigen, ‚Fick dich!‘
‚Herr Ober, also für diesen Preis
Sollten Sie schon wissen, was al dente heißt‘
‚Ja, furchtbar, das mit Afrika
Doch erklär‘ mir warum ich hier nur Edge-Netz hab‘!‘

Und täglich ziehen Scharen von Arschlöchern ins Land
Suchen sich ’ne Hexe und bewerfen sie mit Schlamm
Die Masse masturbiert und das Opfer sinkt ins Moor
Wär‘ da doch nur öfter diese Stimme im Ohr

Wir werden alle sterben
Wir werden alle sterben
Wir werden alle sterben
Wir werden alle sterben

Holt mal schnell die Gartenstühle rein!
Denn wir werden alle sterben
Nimm dir doch noch ein bisschen Zeit um voller Hass zu sein!
Erst dann kannst du in Frieden sterben

Hol deinen Vorgesetzten auf die Knie, du Hurensohn!
Will mir aus sicherer Entfernung einen runterholen
(Will mir aus sicherer Entfernung einen…)

Holt mal schnell die Gartenstühle rein!
Denn wir werden alle sterben
Nimm dir doch noch ein bisschen Zeit um voller Hass zu sein!
Erst dann kannst du in Frieden sterben

Wir werden alle sterben
Wir werden alle sterben
Wir werden alle sterben
Wir werden alle sterben“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Schreng Schreng & La La – „Ekel & Abscheu“


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Dinge, über die ich mich selbst wundere, Teil 1034: dass ich im vergangenen Jahr nie das noch immer tolle „Ekel & Abscheu“ zum „Song des Tages“ gemacht habe.

54646e09-SSLL_FRONT_PROMOZwar ist das Stück nur eines von vielen richtig guten auf „Echtholzstandby„, dem im April 2016 erschienenen zweiten Album von Schreng Schreng & La La, seines Zeichens wiederum das Nebenprojektbaby von Jörkk Mechenbier, und doch passt „Ekel & Abscheu“ mit seiner expliziten Wortwahl auch 2017 noch zur unterschwellig latent aggressiven Stimmung, welche aktuell sowohl in Deutschland als auch anderswo in der Welt herrscht: „Männer küssen Männer im Bus / Und irgendein Depp meint, dass er was sagen muss / Weil er, weil er – ich weiß es nicht / Vielleicht einfach ein Arschloch ist“, heißt es schon zu Beginn. Auch im Folgenden charakterisiert Mechenbier jene gerade beim „Besorgte Bürger“-Klientel von AfD bis Pegida oft angetroffenen Leute treffend, die „ignorant aus Tradition“ ihren Mitmenschen gegenübertreten: „Mir ist immer alles scheißegal, aber diese Menschen hass‘ ich wohl“, blickt Mechenbier den Homophobikern und Kulturskeptikern am Ende des Refrains in den Kopf.

Im dazugehörigen Musikvideo unterstützen zahlreiche Freunde und Kollegen Schreng Schreng & La La: Diverse Personen halten Zettel mit Anti-Homophobie-Sprüchen in die Kamera, darunter auch Jupiter Jones, Adam-Angst-Vorsteher Felix Schönfuss, Tilman Benning (tigeryouth) und Donots-Frontmann Ingo Knollmann.

Apropos Jörkk Mechenbier: die meist akustisch-reduzierten Töne, die er mit Schreng-Schreng-Kompagnion Lasse Paulus anstimmt, kennt man zwar von seiner Hauptband Love A nicht (die machen ja eher so Punkrock mit ordentlich Wumms in den Saiten und Becken), aber auch da gibt der Mann textlich ordentlich Breitseite, dass es sich gewaschen hat – und das ist gut und wichtig. Nachzuhören etwa auf dem vor wenigen Tagen erschienenen vierten Love A-Album „Nichts ist neu„, dass ich, wie auch schon seine Vorgänger, nur wärmstens empfehlen kann.

 

  

„Frauen küssen Frauen im Fernsehen
Und wenn das Radio dann darüber spricht
Rufen sie an und sagen ihre Meinung
Und ich merk‘, die merk‘ ich mir lieber nicht!

Männer küssen Männer im Bus
Und irgendein Depp meint, dass er was sagen muss
Weil er, weil er – ich weiss es nicht
Vielleicht einfach ein Arschloch ist

Die Leitung lange und die Zündschnur zu kurz
Und ignorant aus Tradition
Mir ist immer alles scheißegal
Aber diese Menschen hasse ich wohl
Immer jede Menge Meinung dabei
Fallen sie gerne mit der Tür ins Haus
Ohne zu wissen, wer eigentlich da wohnt

Freunde sind nur Freunde, wenn sie sich kennen
So wie du und ich
Das Geheimnis ist das Kennenlernen
Aber lernen wollen viele nicht
Fremde bleiben Fremde, wenn für dich
Nur die Angst und der Zweifel spricht
Weil du selbst nicht weißt, was du sagen sollst
Sagst du jetzt besser nichts

Die Leitung lange und die Zündschnur zu kurz
Und ignorant aus Tradition
Mir ist immer alles scheißegal
Aber diese Menschen hasse ich wohl
Immer jede Menge Meinung dabei
Fallen sie gerne mit der Tür ins Haus
Ohne zu wissen, wer eigentlich da wohnt“

  

Rock and Roll.

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Song des Tages: Playfellow – „Stripped“


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Ich glaube, es ist mal wieder Zeit, eine Lanze für meine sächsischen Landleute zu brechen – um musikalischen Sinn. Genauer: für Playfellow.

Klar, mittlerweile habe nicht nur ich die 2003 gegründete Band aus dem beschaulichen Chemnitz auf dem Schirm. Chemnitz? Chemnitz?!? Ja, die 250.000-Einwohner-Stadt – nach Leipzig und Dresden die drittgrößte Sachsens – kann durchaus mehr vorzeigen als Kraftclub, den „Nischel“ und den breitesten sächsischen Dialekt, den man sich nur vorstellen kann – wer’s nicht glaubt, der darf sich gern das ein oder andere Interview mit Playfellow zu Gemüte führen…

unnamedAnyways. Mit ihren 2010 und 2015 veröffentlichten letzten Alben „Carnival Off“ und „Ephraim’s House“ haben die Chemnitzer auch außerhalb ihren provinziellen Heimat längst für aufgestellte Ohren gesorgt. Zu recht? „Ohne anmaßend klingen zu wollen, ist es eine echte Überraschung, dass diese glasklare Rockmusik mit, ja, Post-Rock-Anleihen und mit den lupenreinen englischen Texten nicht etwa aus Chicago oder Montreal, sondern aus Chemnitz kommt.“ schrieb plattentests.de etwa bereits 2010, „Träumerischer Postrock mit Ambient-Momenten plus Bock, Verzweiflung und die Kreativität einer ganzen Dekade.“ intro.de fünf Jahre später zu und über „Ephraim’s House“. Klar, die Mischung aus Indie-Rock-, Folk- und vor allem auch Noise- oder cinematoskopischen Post-Rock-Elementen hat schon etwas ganz Spezielles an sich, das zwar in seiner – bei genauerem Hinhören – strengen Art doch schon irgendwie deutsch klingt, andererseits so auch aus Hamburg, Köln, Weilheim, Münster oder München stammen könnte. Und obwohl mich selbst weder „Carnival Off“ noch „Ephraim’s House“ – aller Verweise auf geliebte Bands von Radiohead über Sigur Rós bis Kashmir zum Trotz – auf Albumlänge gänzlich überzeugen konnten, bleibt die fünfköpfige Band aus Ex-Karl-Marx-Stadt eine, die man durchaus auf dem Schirm haben sollte.

Beweisstück No. 2.546 hierfür: die Coverversion des Depeche-Mode-Evergreens „Stripped“ (jaja, den Song haben sich auch die Ur-Teutonier von Rammstein bereits zur kruppstählernen Brrrrust genommen), welche Playfellow bereits im März 2016 online stellten. Sechseinhalb Minuten internationales musikalisches Niveau – die Chemnitzer Antithese.

 

 

Rock and Roll.

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