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Song des Tages: Norah Jones – „Black Hole Sun“ (live)


Foto: Promo / Vivian Wang

Norah Jones juckt es derzeit mächtig in den Fingern. Nachdem die US-Musikerin wegen der Corona-Pandemie über ein Jahr lang keine Konzerte vor Live-Publikum geben konnte, brennt auch sie förmlich darauf, endlich wieder auf Tournee gehen zu können. Sie wartet nur noch auf ihre zweite Impfdosis und grünes Licht für die Konzertbranche. “Ganz gleich, ob wir nun Musiker oder Fans sind, wir alle vermissen das gemeinsame Erlebnis von Live-Musik”, sagt die neunfache Grammy-Gewinnerin, die vergangenes Jahr für ein Duett mit Mavis Staples ihre nunmehr 17. Nominierung erhielt. “Ich werde auf meiner Facebook-Seite jede Woche auf ein andere Wohltätigkeitsorganisation hinweisen, um den Leuten Respekt zu zollen, die unermüdlich hinter den Kulissen der Live-Musikindustrie gearbeitet haben und deren Jobs auf Eis gelegt wurden. Ich kann es kaum erwarten, wieder mit ihnen allen zusammen zu sein.” Fans von Live-Musik geht es natürlich kaum anders.

Ein bisschen werden sie sich aber voraussichtlich doch noch gedulden müssen. Da kommt ein exzellent aufgenommenes Live-Album der 42-Jährigen, bei der sich Pop-Gelehrte wie Kritiker – mehr als zwanzig Jahre im Musikgeschäft, so einige Nummer-Eins-Alben, zig Auszeichnungen und etwa 35 Millionen verkaufte Tonträger hin oder her – noch immer streiten, ob das einstige Wunderkind nun Jazz, Pop, Soul oder „Adult-Music“ (was böse Zungen wohl gern mit „Fahrstuhlmusik“ übersetzen würden) macht, gerade recht. Auf „‘Til We Meet Again“ – ganz nebenbei tatsächlich das erste wirkliche Live-Album der vielseitigen Pianistin, Sängerin und Gelegenheitsschauspielerin – gibt es so nicht nur einige ihrer größten Hits zu hören, sondern auch eine ebenso überraschende wie bewegende Coverversion von Soundgardens “Black Hole Sun“ (welche vor einiger Zeit aus gegebenem Anlass bereits Platz auf ANEWFRIEND fand).

Die erzwungene Auszeit im vergangenen Jahr nutzte Norah Jones, die obendrein noch einen recht berühmten Vater hat, um sich durch Mitschnitte ihrer Konzerte der zurückliegenden acht Jahre zu hören. Besonders angetan war sie von einigen Aufnahmen, die im Dezember 2019 – also kurz vor Beginn der Corona-Pandemie – bei Auftritten in Südamerika entstanden waren. “Es war einfach ein tolles Gefühl, vor allem, weil wir keinen Zugang zu Live-Musik hatten und nicht auftreten konnten”, verriet sie „grammy.com“ unlängst in einem Interview. “Deshalb wollte ich die Aufnahmen rausbringen.” Mit den Musikern ihrer Band durchkämmte die New Yorkerin dann ihre Konzertarchive nach Aufnahmen, die sie mit ähnlichen Besetzungen gemacht hatte, um wirklich die besten Versionen der gespielten Songs herauszufiltern. Das Ergebnis präsentiert sie nun auf der Zusammenstellung “‘Til We Meet Again”, die bei einer Laufzeit von fast 76 Minuten vierzehn Songs und einen wunderbaren Querschnitt durch Norah Jones‘ bisherige Karriere enthält, darunter offensichtliche Hits wie “Don’t Know Why”, “Sunrise” oder “Flipside” sowie Titel aus ihrer 2018/19 veröffentlichten Singles-Serie.

Die eine Hälfte der Aufnahmen stammt von besagter Südamerika-Tournee, die Norah Jones, Bassist Jesse Murphy und Schlagzeuger Brian Blade unter anderem nach Rio de Janeiro, São Paulo und Buenos Aires geführt hatte. In Rio präsentierte das Trio als Gäste zwei bestens bekannte brasilianische Musiker – den Perkussionisten Marcelo Costa (Mariza, Maria Bethânia, Michael Bublé) und den Flötisten Jorge Continentino (Bebel Gilberto, Milton Nascimento, Brazilian Girls) – sowie ihren alten Songwriting-Partner und Gitarristen Jesse Harris. Harmonisch kombiniert wurden diese sieben Aufnahmen mit sechs weiteren, die Jones im Jahr zuvor mit dem Hammond-Organisten Pete Remm, Bassist Chris Thomas und wiederum Brian Blade am Schlagzeug in den USA, Frankreich und Italien gemacht hatte.

Den krönenden Abschluss bildet die wahrlich unter die Haut gehende Solodarbietung von Soundgardens “Black Hole Sun”. Norah Jones‘ von Herzen kommende (und genau dahin gehende) Hommage an Chris Cornell wurde am 23. Mai 2017 im Fox Theatre in Detroit aufgenommen – nur fünf Tage nach dem Tod des Soundgarden-Frontmanns, der am 17. Mai 2017 am selben Ort sein letztes Konzert mit der Band gegeben hatte. Vor ihrem Auftritt hatte Norah Jones in ihrer Garderobe den ganzen Tag über an dem Arrangement des Songs herumgefeilt. “Ich war ein bisschen nervös”, gibt sie zu. “Aber ich dachte: ‘Ich werde ihm meinen Respekt erweisen und diesen Song von ihm spielen.’” Das Publikum stand vor lauter Begeisterung kopf, als es die Nummer nach dem Klavier-Intro endlich erkannte. “Es war wahrscheinlich einer der schönsten Live-Momente, die ich je erlebt habe”, erinnert Jones sich. “Ich weiß nicht, ob sein Geist im Raum war oder was auch immer, aber er hat mich auf eine Art durch diesen Song getragen, wie ich es mir nie hätte vorstellen können.” Ergreifend. Gelungen. Soulful.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Dogleg – „Kawasaki Backflip“


Kris-Hermann

Ganz zum Schluss, als alles bedauerlicherweise schon wieder vorbei ist, packen sie die Streicher aus. Dann geht der Closer „Ender“ voll Anmut und Eleganz von der Bühne. Mir nichts, dir nichts. Als ob nix gewesen wäre. Die Bühne nämlich kann als solche kaum mehr bezeichnet werden. Wenn diese außergewöhnlichen 35 Minuten und 40 Sekunden zwischen laut und lauter schlussendlich den letzten Ton ausgespuckt haben, liegt alles erstens kreuz und quer in Trümmern und zweitens man selbst schweißgebadet und für längere Zeit tief beeindruckt irgendwo am Boden (so man denn nicht längst einem Votum der Ärzte – Aus Berlin! Auuuuus Berlin! – zum Opfer gefallen ist). Doch der Reihe nach: Dogleg, das ist ein Quartett aus Detroit, Michigan, dessen Sänger Alex Stoitsiadis wohl sein nicht recht junges Leben dafür geben würde, nochmal mit Fugazi oder Crash Of Rhinos touren zu dürfen, der aber zugleich Bock auf The Strokes, Modest Mouse, At The Drive-In oder Jawbreaker hätte. Eigentlich klar, dass die Band ihr kürzlich erschienenes Langspieler-Debüt „Melee“ irgendwo in diesem nicht eben kleinen Spannungsfeld, zu dem unbedingt und überhaupt und sowieso und gern noch …And You Will Know Us By The Trail Of Dead, Cloud Nothings oder Japandroids gezählt werden sollten, platziert…

Melee_DoglegAllerdings: Allein der großartig garagenrockende Opener „Kawasaki Backflip“ nimmt – bei aller Fülle – lasche Positionsbestimmungen wie eben diese, schleift sie ein paar Mal durch den in Stoitsiadis‘ Haus aufgenommenen und selbstverständlich in weltbester DIY-Manier selbstproduzierten, über alle Genregrenzen erhabenen Punk Rrrrrrrrock – und lächelt jedes Attribut lässig riffend weg. Und man selbst? Hat wieder treffsicher am Ziel vorbei beschrieben und ist dem punktgenau gelandeten Zweieinhalbminüter dabei doch in keinster Weise gerecht geworden. Man kann natürlich lang und breit darüber sinnieren, dass „Melee“, der Nachfolger zur 2016er „Remember Alderaan? EP„, klingt wie ein wild durcheinander stiebendes Pogoknäuel aus The Get Up Kids, Shook Ones, Joyce Manor und Crash Of Rhinos, dass man seit Spanish Love Songs‘ noch immer hervorragendem Zweitling „Schmaltz“ nicht mehr so dermaßen viel Dringlichkeit in einem Album gehört hat, dass man manchmal wartet, ob nicht bald jemand We won’t stand for hazy eyes anymore! über die Songs skandiert und dass man Schwierigkeiten mit der sich aufdrängenden Frage hat, ob man hier denn jetzt Punk, Post Hardcore, (Midwest-)Emo oder doch irgendwie Indie Rock über das Dargebotene kritzeln soll.

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Man kann aber auch die imaginäre Referenzhölle einfach einfrieren. Weil ein Song wie „Prom Hell“ schlicht und ergreifend viel zu gut ist, um überhaupt irgendwelchen Vergleichen standhalten zu müssen – Newcomer-Band hin oder her. Von der ersten Sekunde an ist da so viel an unwiderstehlicher Melodie im Spiel, schiebt da später ein nervöses Schlagzeug den Song nach vorne, baut sich konsequent die Spannung auf, bis das Stück vor Kraft kaum noch laufen kann und sich mit allerlei Glanz, Gloria, Krawall und Remmidemmi ins Ziel eskaliert. Herrschaftszeiten, was für ein wilder Gangshout-Ritt! Den die Band jederzeit zu wiederholen in der Lage ist. Man nehme nur das unmittelbar folgende „Fox„, das sich ein feines Mäntelchen aus Hitpotential umhängt, mitsamt ausladendem „Hey!“-Geschrei die Beine in die Hand nimmt und im Finale einmal mehr der hemmungslos-juvenilen Raserei fröhnt. Auf Hörerseite machen sich da zwar keine Verschleißerscheinungen, jedoch wohl die ersten Konditionsprobleme bemerkbar, während man gleichsam in freudigem Entsetzen feststellt, dass noch nicht einmal die Hälfte von „Melee“ den autonomen Indierockschuppen-Boden mit einem aufgewischt hat.

Tatsächlich sind Alex Stoitsiadis (Gitarre, Gesang), Parker Grissom (Gitarre), Chase Macinski (Bass, Gesang) und Jacob Hanlon (Schlagzeug) so freundlich, mit „Headfirst“ zumindest das Tempo ein kitzekleines Stück weit in moderatere Gefilde zu drosseln. Weniger intensiv wird es jedoch keinesfalls, wenn Stoitsiadis alles andere als optimistisch „Time will let you down“ über das dichte Songgeflecht leidet. Und wenn „Cannonball“, welches tatsächlich zum ersten Mal eine Akustikgitarre klingen lässt, das Feld mit viel Dynamik und tatsächlich noch mehr Dramatik für das große Finale bestellt, kann man schon ganz genau einschätzen, womit man es bei „Melee“ zu tun hat – und ist entsprechend (halbwegs) bereit für diesen Irrwitz von Schlusspunkt, den „Ender“ dann setzt. Von der ersten Sekunde an fliegt da alles wüst durcheinander, wird einigermaßen sortiert, in neue Formen und schließlich sogar für einige Momente zur Ruhe gebracht, nur um Stück für Stück wirklich alles an Emotion, Pathos und Leidenschaft in einen furiosen Parforceritt zu werfen, was unter Aufbringung sämtlicher letzter Reserven verfügbar scheint. Und man hofft, Dogleg, diese noch so junge Band, die optisch auf Milchbubi-Nerds macht und auch schonmal einen Song nach einem Pokémon benennt („Wartortle“), mögen bitte, bitte niemals aufhören. Und dann? Packen sie die Streicher aus. Und das Herz, es schlägt. Für einen wilden, lauten, ungeschliffenen, leidenschaftlichen potentiellen Meilenstein. Gern weitersagen!

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Norah Jones – „Black Hole Sun“


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Eine Woche nach Chris Cornells Tod trat Norah Jones im Fox Theatre in Detroit und damit genau an jenem Ort auf, an dem Cornell mit Soundgarden am 17. Mai, wenige Stunden vor seinem Tod, sein letztes Konzert spielte. Zu dessen Ehren coverte die vielseitige Soul-Jazz-Sängerin mit „Black Hole Sun“ den Hit von Soundgarden, dem sich in den vergangenen Tagen schon viele Künstler vor ihr annahmen – die einen mehr, die anderen weniger gut (unter anderem versuchten sich auch Ryan Adams, Bush, Incubus, Metallica oder Aerosmith am Soundgarden-Klassiker, in Toronto sang gar ein 225-köpfiger Chor „Black Hole Sun“ ein). Jones aber ist viel mehr als „nur“ ein Cover, sondern eine ganz eigene, ergreifend entschleunigte Interpretation gelungen. Soulful.

 

 

 

Rock and Roll.

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High and lonesome sounds – zwei Download-Tipps für Freunde von The Gaslight Anthem und Brian Fallon zur angekündigten Bandpause


Foto: Danny Clinch

Foto: Danny Clinch

„Wir wollten euch mitteilen, dass wir mit The Gaslight Anthem nach unserer Europa-Tour im August eine Pause einlegen werden. Wir werden in der Zwischenzeit andere Projekte verfolgen, auch musikalischer Art, der Band aber eine Pause gönnen, bis wir entschieden haben, was wir als nächstes tun wollen.

Anstatt eine neue Platte aufzuznehmen, nur um eine neue Platte zu haben, wollen wir lieber unsere Batterien aufladen und abwarten, bis wir uns wieder richtig inspiriert fühlen. Wir denken, das ist zum jetzigen Zeitpunkt die beste Entscheidung, die wir treffen können.“

Foto: Joey Maloney

Foto: Joey Maloney

Mal ehrlich: Diese Meldung, die The Gaslight Anthem vor gut zwei Wochen über ihre Facebook-Seite verbreiteten, überraschte wohl die Wenigsten. Immerhin wurden die letzten Alben der Band – angefangen beim dritten Werk „American Slang“ (2010) über  „Handwritten“ (2012) bis hin zum bisher letzten Studiozeugnis „Get Hurt“ (2014) – von Kritikern wie auch Fans immer zwiespältiger aufgenommen. Klar war nicht alles auf diesen Alben schlecht. Klar muss keine Band – auch nicht der Punkrock-Vierer aus New Brunswick, New Jersey – seine Meilensteine (in diesem Falle „Sink Or Swim“ und „The ’59 Sound„, 2007 und ein Jahr darauf erschienen) immer und immer wieder in unterschiedlichsten Variationen wiederholen. Aber wie viel hatten die jüngsten Songs noch mit Gassenhauern für die ewigen Rock-Jagdgründe, die einem noch immer Entenpelle auf die Unterarme zaubern, mit Stücken wie „Great Expectations“, „We Came To Dance“, „Blue Jeans And White T-Shirts“, „1930“ oder „Old White Lincoln“ gemeinsam? Oftmals: zu wenig, um einem Tränen der Begeisterung in die Augen zu zaubern – leider. Trotz all der Liebe, die der Band (auch meinerseits) noch entgegenschlägt, scheint zunächst einmal die Luft raus…

Trotzdem werden die einzelnen Teile von The Gaslight Anthem – Frontmann Brian Fallon, Gitarrist Alex Rosamilia, Bassist Alex Levine und Schlagzeuger Benny Horowitz – kaum stillstehen. Fallon – für mich seit jeher der einzig kredible Anwärter auf den Thron vom „Boss“ Bruce Springsteen – hatte ja auch in den letzten Jahren bereits das ein oder andere Betätigungsfeld abseits seiner Hauptband, etwa The Horrible Crowes, bei dem ihm TGA-Gitarrentechniker Ian Perkins zur Seite stand, oder das bislang vielversprechende Bandprojekt Molly and the Zombies. Es bleibt also trotz allem spannend…

11787320_10207551032240545_252736424_nWer auch in der Bandpause auf unbestimmte Zeit nicht auf The Gaslight Anthem und Brian Fallon verzichten möchte, dem seinen zur Minute zwei Konzertmitschnitte ans Hörerherz gelegt. Ersterer stammt von einer Show von The Gaslight Anthem in der Saint Andrew’s Hall in Detroit, MI, welche die Band am 1. April 2009 spielte (also noch bevor das dritte Werk „American Slang“ erschien und die Punkrocker in größere Venues überwechselten). Hit folgt auf Hit folgt auf Hit folgt auf Hit – 18 Stücke lang. Zweiterer Mitschnitt ist deutlich neuer und präsentiert den TGA-Frontmann a.D., Brian Fallon, (beinahe) solo und akustisch und bestens aufgelegt beim diesjährigen „Newport Folk Festival“ in Newport, Rhode Island im Juli diesen Jahres. Unterstützt von einigen Freunden (etwa Gaslight-Gitarrist Alex Rosamilia und Horrible-Crowes-Kumpan Ian Perkins) gibt Fallon während der 45-minütigen Show insgesamt neun Songs zum Besten, welche vor allem vom 2011 veröffentlichten Horrible-Crowes-Debüt „Elsie“ stammen, mit „Steve McQueen“ und „Smoke“ sind gar zwei neue Stücke dabei. Rein qualitativ handelt es sich bei beiden Bootlegs um Soundboard-Mitschnitte, welche in Bootlegger-Kreisen wohl die Note A- oder B+ bekommen würden (bei der Gaslight-Show sind die Fallon’schen Vocals, welche vor sechs Jahren noch etwas windschief-punkiger ums Eck kamen als etwa heute, wohl etwas zu sehr in den Vordergrund und der Rest der Band zu sehr in den Hintergrund gemischt, bei der von der Festival-eigenen „Newport Folk Festival“-Internetradiostation mitgeschnittenen Solo-Show gibt es die ein oder andere kleine Übertragungsinterferenz). Alles in allem zwei feine geschenkte Gäule, die die Wartezeit fürs Erste überbrücken sollten – Für den Rest gibt es (mindestens) zwei Alben für die Ewigkeit…

 

 

 

Rock and Roll.

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Flimmerstunde – Teil 25


„A Band Called DEATH“ (2012)

A BAND CALLED DEATH (Plakat)Detroit, Anfang der Siebziger. Die US-amerikanische Stadt direkt an der kanadischen Grenze boomt. „Motor City“ sorgt in den Fabriken des als „Big Three“ bekannten US-Autobauerdreigestirns aus General Motors, Ford und Chrysler (noch) für massig Arbeitsplätze (wobei sich der Abstieg alsbald erahnen ließ), und auch der nationale wie internationale Musikmarkt wird durch freshe neue Klänge direkt aus den Hitfabriken von „The D“ aufgemischt: „Motown„, diese zeitlos großen Soulpopwunderwerke von Diana Ross, Marvin Gaye, Stevie Wonder bis hin zu den Jackson 5, und die aufkeimenden, zeitgemäßen Dikokugeltanzflächenschubser sind die Musiktrends der Stunde. Und auch David, Bobby und Dannis Hackney, drei halberwachsene Teenager aus gutgläubigem, einfachem, aber rechtschaffenem Pastorenhause, wollen eine Band gründen. Und nur vom Äußeren her wäre die Sache eigentlich klar: schwarze Hautfarbe, Schlaghosen, amtliche Afros. Was soll’s sein? Soul? Funk? Disco? Tja: eigentlich! Denn die drei Brüder hegen gänzlich andere musikalische Vorlieben, seit sie in den Sechzigern den Auftritt einer weltberühmten Pilzkopf-Kombo in der Ed Sullivan Show sahen. Laut und aufrüttelnd wie Alice Cooper sollte ihr Bandsound sein, melodiös wie der der Beatles, energetisch wie die Bühnenpräsenz von The Who. Und auch die Rollen sind schnell verteilt: David übernimmt die Gitarre und prügelt sich wie ein Berserker in jeder freien Minute Riffs und Techniken von Jimi Hendrix, Queen oder MC5 in die geschundenen Finger, Bobby übernimmt den Bass und Gesang, während sich Dannis hinters Schlagzeug setzt. Zudem haben die Geschwister das Glück, aus einem eh schon musikalisch offenen Elternhaus zu stammen, und von ihren Eltern dazu noch jegliche Unterstützung zu erfahren (die Instrumente bekommen sie etwa von der Musiker „gesponsert“, nachdem diese nach einem Unfall einen verhältnismäßig größeren Geldbetrag von der Versicherung erhielt). Dazu liefert der feingeistige David noch ein Bandkonzept, inklusive Haltung, Design und einem so verqueren wie stigmatisierendem Bandnamen: DEATH (mit Dreieck anstelle des „A’s“!). Also, noch einmal: drei schwarze Afro-Teenager aus Detroit, denen zu Zeiten von „Motown“ der Sinn nach schneller, lauter Gitarrenmusik steht? No way, José… Das denken sich zumindest alle Plattenfirmen, bei denen DEATH mit ihrer ersten, 1975 aufgenommenen Seven Inch-Single „Politicians In My Eyes“ alsbald hausieren gehen. Keiner will sich mit dieser höchst ungewöhnlichen, auch textlich grüblerischen Band die Finger am florierenden Musikmarkt verbrennen. Und als Columbia Records, das wenigstens die Aufnahmesessions zum potentiellen Debütalbum finanziert, dem Trio nahelegt, den Bandnamen in etwas „Positiveres“ zu ändern, schiebt Bandkopf David Hackney dem Ganzen einen Vetoriegel vor. Enttäuscht, und ohne einen Plattenvertrag in der Tasche, werfen DEATH zwei Jahre später das Handtuch. Die Masterbänder des Debüts wandern auf den Dachboden, die drei ziehen nach Burlington, Vermont, gründen Familien, nehmen erst gemeinsam als „The 4th Movement“ zwei Gospelrockalben auf, bevor es David nach Detroit zurück zieht und Bobby und Dannis, die verbliebenen zwei Hackneys, sich mit konventionellen Tagesjobs und als Köpfe der Reggaeband „Lambsbread“ über Wasser halten…

A band called DEATH

Und keiner hätte wohl je von DEATH erfahren, wäre da nicht die einzige, in geringer Stückzahl erschienene Single der Band gewesen. Diese fällt fort einigen Jahren einem findigen, musikbegeisterten Plattensammler in die Hände, der darüber im Internet schreibt und „Politicians In My Eyes“ sowie dessen B-Seite „Keep On Knocking“ als mp3’s bereitstellt. Flux verbreiten sich die Stücke per Foren und Tastatur-zu-Tastatur-Propaganda im weltweiten Netz, mehr und mehr Leute interessieren sich für die Hintergründe und die wenigen Originale der Seven Inch gehen für hohe Summen bei Ebay über den digitalen Ladentisch. 2009 erscheint schließlich das Debütalbum „…For The Whole World To See“ beim US-amerikanischen Indielabel Drag City, während DEATH wenig später auf umjubelte Tournee gehen.

A Band Called DEATH (Documentary)

A Band Called DEATH“ erzählt in 98 äußerst kurzweiligen Minuten die Geschichte einer Band, die von Vornherein erst einmal zu unglaublich klingt, um wahr zu sein. Dabei steht die Dokumentation von Mark Christopher Covino und Jeff Howlett ganz in der Tradition der ähnlich gelagerten musikalischen Zelluloiderzählungen „Anvil – Die Geschichte einer Freundschaft“ oder „Searching For Sugar Man„. Auch die Geschichte der Afroprotopunks von DEATH ist ein Rührstück, das von viel Liebe, Haltung und Hingabe erzählt, und dabei (beinahe) gänzlich ohne Sentimentalitäten auskommt. Und: „A Band Called DEATH“ ist vor allem der Tribut von Bobby und Dannis an David, der 2000 an Lungenkrebs verstarb und so den späten Ruhm seiner Herzensband nie mitbekam. Dabei war er es, der seinen Brüdern noch kurz vor seinem Tod die Masterbänder des Debütalbums in der festen Überzeugung in die Hände drückte, dass „irgendwann“ die Zeit reif sei für diese Art von Musik – wie recht er hatte… DEATH waren Punk, bevor dieser mit Bands wie den Ramones oder Sex Pistols salonfähig wurde. DEATH waren ihrer Zeit weit voraus – leider im absolut brutalsten Wortsinn… Heute zählen die altersweisen Rastafari-Protopunks Größen wie Jack White (The White Stripes), Henry Rollins, Kid Rock, Questlove (The Roots) oder Elijah „Frodo“ Wood zu ihren Bewunderern. Und die standen angesichts der Sounds, die DEATH bereits Mitte der Siebziger aufnahmen, ebenso verständnislos kopfschüttelnd da wie manch anderer. DEATH, die mittlerweile stolz das Zepter an Bobby Hackneys ebenfalls punklastig musizierende Söhne Julian, Urian und Bobby Jr. (aka. Rough Francis) weitergegeben haben, beweisen mit ihrer Geschichte: Alles hat und findet seine Zeit… Keep on knockin‘, keep on knockin‘ on the door.
DEATH (Logo)

 

 

Hier gibt’s den Trailer…

 

…eine kurze Filmvorstellung…

 

…und die beiden ersten, mehr als dreißig (!) Jahre alten Singles der Band, „Keep On Knocking“…

 

und „Politicians In My Eyes“, in Liveversionen:

 

Und jetzt: Kinnlade hoch, anschauen!

 

Rock and Roll.

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